Kapitel 1
Ich frage mich, welche Jahreszeit ich am meisten hasse – zumindest dienstlich gesehen. Es scheint Naturgesetz zu sein, dass jede Armee dieses Planeten immer genau in der Jahreszeit-Klima-Kombination Übungen abhält, die das Maximum an Problemen mit sich bringt. Bisher hatte ich stets die Wahl zwischen drohenden Erfrierungen und degenerierenden Schweißausbrüchen. Frostbeulen gegen Moskitostiche. Da scheinen mir Regen und zermatschte Blätter definitiv als die bessere Alternative. Und dennoch ist das, was ich gerade hier mache, mein ganz persönlicher Endgegner in Sachen Eignungsprüfung.
Die dichten, grauen Wolken über mir beschreiben ganz gut die aktuelle Grundstimmung. Tageslicht habe ich seit meiner Ankunft vor einer Woche hier noch nicht gesehen. Das Land der niemals aufgehenden Sonne – klingt passend.
Notiz an mich: Wenn ich es hierher schaffen sollte, unbedingt Vitamin D3 supplementieren!
Den angenehmen, jedoch penetranten Geruch eines nassen Nadelwalds nehme ich kaum noch wahr, während ich die Kaskade aus Beton betrachte, vor der ich stehe. Regenwasser perlt aus der völlig durchnässten Sturmhaube auf meinem Gesicht abwärts. Es brennt in meinen Augen.
So etwas habe ich noch nie gesehen. Wer zur Hölle gießt eine gigantische Betontreppe mitten in ein militärisches Übungsgebiet? Sie erinnert mich an die Pyramiden der Maya in Mexiko, nur ohne den begehbaren Treppenweg in der Mitte. Rechts oder links vorbeigehen? Unmöglich wegen des meterhohen Zaunes plus Stacheldraht on top.
Mein Ziel ist nicht so weit von mir entfernt. Drei Männer, ziemlich sicher die Entscheidungsträger, stehen breitbeinig wie Steinstatuen an der Kante. Ich sehe nicht, ob sie mich beobachten. Die Sonne steht tief hinter ihnen und blendet mich, sobald ich sie länger als eine Sekunde betrachte. Doch die Vermutung liegt nahe. Jedenfalls fühle ich mich so: ganz weit unten und beobachtet. Ich trete zur ersten Hürde und taste den kalten, mit Moos bewachsenen Beton ab. Das Hindernis überragt mich bloß um wenige Zentimeter.
Ein Kamerad überholt mich und läuft wie eine Gazelle auf die erste Kaskade zu. »Na? Tittenbonus schon verspielt?« Er nimmt sein Gepäck vom Rücken und wirft es auf die nächste Ebene. Er ist locker an die 1,90 groß und erklimmt sie mühelos. Arschloch!
Das Ganze wäre ja kein Problem für mich, hätte ich mir nicht vor einer Stunde erst den Oberschenkel an einem spitz abgebrochenen Ast aufgeschlitzt. Die pochende Wunde unter dem nassen, improvisierten Druckverband, den ich um meine Hose geschnürt habe, erinnert mich schmerzlich daran. Ich habe nicht mehr viel Zeit. Vielleicht gar keine mehr. Herumstehen und dabei das unüberwindbar wirkende Hindernis angaffen, ist daher keine gute Idee.
Begleitet von einem Anstrengungsstöhnen schmeiße auch ich mein Gepäck auf die Betonplattform über mir und nehme Anlauf – mit nur einem voll einsatzfähigen Bein. Kurz vor dem Beginn des Bollwerks springe ich ab und strecke meine Arme nach vorn. Und tatsächlich: Ich schaffe es mit dem Oberkörper auf die Kaskade. Nur leider macht mir dieses verfluchte Moos einen Strich durch die Rechnung. Langsam rutsche ich zurück, weshalb ich meine Fingerkuppen in die kleinen Vertiefungen des Betons kralle. Ich spüre zunächst nur ein Spannungsgefühl. Alle Muskeln in meinem Körper sind in Action, während ich versuche, mit dem Profil der Kampfstiefel Halt am Beton zu finden.
Mit einem stechenden Schmerz, der mir bis ins Rückenmark fährt, macht sich meine Verletzung bemerkbar. Ich kann es nicht länger ignorieren!
Schreiend rutsche ich von der Plattform und bin mir sicher, dass meine Wunde noch weiter aufgerissen ist. Ich lande unsanft auf dem harten, von Gras und Moos überwucherten Steinboden und bleibe für einen Moment liegen. Feine Regentropfen sprühen mir in die nicht von schwarzem Baumwollstoff verdeckte Gesichtspartie und gesellen sich zu einer einzelnen Träne, die an meiner Schläfe hinabperlt.
Zeit ist eine Bitch! Schon Albert Einstein hat festgestellt, dass sie in Gegenwart eines netten Mädchens schneller vergeht und mit dem Hintern auf einem heißen Ofen deutlich langsamer. Ich habe keine Ahnung, wie viele Sekunden oder Minuten gerade an mir vorbeiziehen, in denen ich zitternd und mit Schmerzen im Regen liege. Uhren dürfen wir für diesen Teil der Einstellungsprüfung nicht nutzen. Es könnte daher bloß eine subjektive Einschätzung sein, dass ich den Parcours bereits jetzt nicht mehr rechtzeitig schaffen kann. Die Zeit in meinem eigenen Kosmos verstreicht gerade quälend langsam.
Ist das der berühmte Wink mit dem Zaunpfahl, den mir mein Schicksal gibt? Noch nie hat eine Frau die härteste Aufnahmeprüfung der Welt geschafft. Und da soll ausgerechnet ich hier locker-flockig durchlaufen wie Usain Bolt beim Sportfest der örtlichen Primary School? Wie Zombies graben sich meine Selbstzweifel an die Oberfläche und kesseln mich ein, als wäre ich die Protagonistin im Musikvideo von Thriller.
Niemand interessiert sich für dich! Du bist nichts Besonderes! Dich hat noch nie jemand von Herzen geliebt!
Oder?
Meine Hand zittert, als ich vorsichtig an der Silberkette um meinen Hals ziehe. Ich spüre, wie sich der Anhänger, den ich in meinem Sport-BH verstaut habe, zwischen meinen Brüsten nach oben schiebt. Als ich ihn endlich in der Hand halte, gleite ich mit dem Finger über das Relief auf der runden Scheibe von der Größe eines Zwanzig-Cent-Stücks. Sie ist warm, doch meine Gliedmaßen sind so durchgefroren, dass ich kaum etwas davon spüre. Ein Phönix, der aus seiner eigenen Asche emporsteigt – selten hat der wichtigste Gegenstand in meinem Leben so eine starke Bedeutung wie in diesem Moment. Ein Symbol der Wiedergeburt, der Unsterblichkeit, der Erneuerung. Und die Erinnerung daran, dass es für all das hier einen Grund gibt. Dass es mein Schicksal ist, genau jetzt genau hier zu sein.
Früher habe ich mich beim Anblick dieses Motivs vom Universum zutiefst verarscht gefühlt. Doch eigenartigerweise änderte sich das, als ich den Entschluss fasste, in die Arctic Counter Squad aufgenommen zu werden. Und hat es ohnehin nicht etwas von Unsterblichkeit, wenn das eigene Vermächtnis durch die Nachkommen weiterlebt? Wenn fortgeführt wird, was die größte Leidenschaft im Leben war? Jeder Soldat, jede Soldatin der US-Streitkräfte hat nur drei Chancen, die härteste Aufnahmeprüfung der Welt zu absolvieren. Eine habe ich bereits im letzten Jahr spektakulär vermasselt. Die Blicke der Männer danach waren so ziemlich das Maximum an Demütigung, das ich mir vorstellen kann. Dieses Jahr lief es besser, bis zu diesem scheiß Ast in der Robbschneise. Es wäre wohl legitim, hier abzubrechen. Also hinschmeißen und auf Runde Nummer drei warten? Nach all der harten Arbeit in den letzten Monaten? Fuck off, niemals!
»Dad, wenn du mich auf irgendeiner Metaebene wahrnimmst: Ich gebe nicht auf!« Ich murmele diese Worte vor mich hin wie ein Mantra, während ich mich aufrichte und den Anhänger wieder in die Nähe meines Herzens platziere. Mein Rücken fühlt sich an, als hätte mich eine Straßenwalze überrollt.
Es muss möglich sein! Wenn dieser Typ, der gerade oben angekommen ist, es derart mühelos schafft, muss es eine Methode geben, mit der …
»Hey Kameradin. Was ist los?«
Überrascht zucke ich zusammen. Ich habe absolut keine Ahnung, wer vor und wer nach mir gestartet ist. Instinktiv hatte ich damit gerechnet, das Schlusslicht zu sein. Offenbar war ich es nicht. Soeben wurde ich eingeholt. Scheiße!
Die gute Laune des Soldaten verwirrt mich. Seine braunen Augen wirken freundlich aus der Öffnung der Sturmmaske. Der hellbraunen Haut mit dem dezenten Oliv-Unterton nach zu urteilen, dürfte er nicht zu den drei Mitbewerbern gehören, mit denen ich zusammen hergekommen bin.
»Ah, nicht viel«, antworte ich und erschrecke über den heiseren Klang meiner Stimme. »Nur das hier versaut mir echt den Tag!« Gequält lächelnd deute ich auf den schmutzigen, stümperhaften Druckverband um meinen Oberschenkel.
»Du bist verletzt«, benennt er das Offensichtliche, zieht seinen Rucksack aus und stellt ihn vor sich auf den Boden.
»Nur ein kleiner Schnitt.«
»Zeig mal her.« Er geht auf die Knie, legt seine Hände an den grünen, durchnässten Stoffknoten.
Reflexartig packe ich sein Handgelenk und ziehe es weg. »Spinnst du? Das ist ein Druckverband!«
»Das sehe ich«, erwidert er so gelassen, wie nur jemand reden kann, dem das alles hier nicht viel bedeutet. Die Uhr tickt schließlich auch für ihn.
»Ich bin Sani.«
Okay, damit hat er zeittechnisch gesehen wohl eine gewisse Narrenfreiheit. An die Sanis wurden bereits bei den Rangers die niedrigsten Anforderungen gestellt. Hier könnten die Prioritäten ähnlich gelagert sein.
Eine Wahl habe ich ohnehin nicht. Tief in mir drin weiß ich, dass ich es ohne Hilfe nicht schaffen kann. Also schiebe ich mein Bein so vor, dass er an die Verletzung rankommt.
Der anonyme Soldaten-Sani zückt ein Messer aus seinem Beinholster und schneidet zuerst den Druckverband auf. Er kürzt meine Hose, bis die Wunde erstmals frei liegt. Ab jetzt dann also mit einer Seite in Hotpants bei sechs Grad und Dauerregen.
Die Haut an meinem Bein ist rot und eiskalt. Nur der kribbelnde, stechende Schmerz, der von meiner Verletzung ausgeht, erinnert mich konstant daran, dass dieses Körperteil zu mir gehört.
»Moment«, murmelt er und zieht aus seinem Rucksack eine olivgrüne Tasche mit weißem Kreuz drauf.
Mit ein paar Pumphüben sprüht er meine dreckige, blutverschmierte Wunde mit einem Antiseptikum ein. Es fühlt sich an, als hätte er Batteriesäure versprüht. Krampfhaft beiße ich die Zähne zusammen. Matschreste lösen sich aus der klaffenden Wunde und tropfen mit der Flüssigkeit hinab.
»Kein Wunder, dass du das Bein nicht mehr belasten kannst. Das muss dringend genäht werden!«
»Ach nee«, keife ich ihn unfreundlicher als beabsichtigt an. »Und jetzt? Denkst du die drei gottgleichen Statuen da oben interessiert das?«
Erneut kramt er in dem Medi-Kit herum und holt eine verpackte Rolle Verband sowie eine Wundkompresse hervor. Vorsichtig legt er sie auf den Schnitt.
Verdammt, dieses ständige Brennen!
»Ich werde dich jetzt notdürftig versorgen. Dort oben verlangst du sofort nach dem Truppenarzt«, befiehlt er, während er den Verband Runde für Runde in straffen Bahnen um meinen Oberschenkel wickelt.
Ich spüre, wie sich der Druck nun gleichmäßig verteilt. Was eine korrekte Bindetechnik doch alles ausmacht. »Und wie soll ich dort hochkommen?«
»Na, wie wohl. Ich helfe dir.«
»Das ist gegen die Regel«, werfe ich ein. »Wir sollen den Parcours allein absolvieren. Wenn du die Zeit nicht einhältst, bist du raus.«
»Willst du mich verarschen, Kameradin? Ich würde nie jemanden zurücklassen! Und wenn schon … Es ist mein erster Versuch. Hier sieht ohnehin alles aus wie ein Internierungslager in Sibirien aus, wenn du mich fragst.«
Definitiv habe ich keine andere Wahl. Nachdem der fremde Soldat die provisorische Wundversorgung beendet hat, wirft er sein Gepäck auf die Plattform und kauert sich dicht an die Betonwand. »Geht das so?«
Es ist mir zuwider, ihn als Steigbügel zu benutzen. Ich tue es trotzdem und hieve mich nun erfolgreich auf die nächste Ebene, ohne das verletzte Bein zu stark zu belasten. Und ich schaffe es!
Vor Erschöpfung stöhnend richte ich mich auf und beobachte ihn dabei, wie er mit etwas Anlauf und einem sauber ausgeführten Klimmzug die erste Stufe erklimmt.
Die Erste ist geschafft. Es folgen noch sechs.
Immer wieder bin ich es, die zuerst nach oben gelangt und nicht viel mehr tun kann, als nicht im Weg zu stehen und darauf zu warten, dass er mir Starthilfe gibt. Und so schaffe ich es doch noch. Eine Etappe nach der anderen.
Nachdem ich das letzte Hindernis überwunden habe, richte ich mich auf und schaue in die neutral dreinblickenden Gesichter der Entscheidungsträger, die uns die ganze Zeit von hier aus beobachtet haben. Jedenfalls in das, was nicht von Sturmmasken bedeckt ist. Nur Bataillonskommandeur van Kampen trägt keine Sturmmaske, was darauf schließen lässt, dass die beiden anderen Kanten neben ihm Arctic Counter Squad Soldaten sind.
Van Kampen, den ich bereits bei den ersten Eignungsgesprächen kennengelernt habe, mustert mich mit zusammengezogenen Augenbrauen. »Sergeant Walker, wie ist das passiert?«
Ich schlucke hart und blicke an meinem freigelegten Bein hinab. »In der Robbschneise mit den Niedrigseilen war ein Ast, den ich im Schlamm nicht gesehen habe, Major van Kampen.«
Er nickt kurz. Dann zieht er seine Augenbrauen noch weiter zusammen, sodass sich die zwei Falten dazwischen vertiefen. »Wir haben gesehen, was da unten vorgefallen ist. Sie müssen zum Truppenarzt. Halvorsen, Sie geleiten die Kameradin umgehend. Wir sehen uns, sofern Ihre Gesundheit es zulässt, heute um fünf in der Offiziersmesse. Abtreten.«
Mein Blick schweift zu dem Mann, der neben ihm steht. Ein Aufnäher mit der Inschrift Halvorsen prangt auf seiner Brust. Die Schulterklappen verraten, dass es sich um einen Lieutenant handelt.
Viel sehe ich nicht von ihm. Hellblaue Augen, von markanten, blonden Augenbrauen gesäumt, schauen mich unter der Sturmmaske an. Sie wirken klein, was daran liegen könnte, dass der Rest dieses Mannes riesig ist! Ich selbst bin für eine Frau schon recht groß, aber ich muss den Kopf anheben, um ihm in die Augen zu schauen. Das sind mindestens 1,95 Meter, wenn nicht sogar zwei, die in der weißen Tarnfleckuniform der Arctic Counter Squad stecken. In den Taschen seiner schwarzen Weste stecken Stifte, Handschuhe, Taschenlampe und ein Intercom-Kommunikationsgerät, dessen Kabel unter seiner Sturmhaube verschwindet.
»Sergeant Walker?« Seine Stimme ist durchdringend tief und wäre mit Sicherheit sehr beruhigend, wenn da nicht dieser militärisch-aggressive Unterton mitschwingen würde. Er hat bloß meinen Namen genannt – doch mein Instinkt sagt mir, dass es ein Befehl war. Daher straffe ich die Schultern und folge ihm wie ein gut erzogener Diensthund.
Kapitel 2
Während wir uns immer weiter vom Endziel des Parcours entfernen, nehme ich allmählich wieder andere Dinge wahr. Das Rauschen des Regens und der riesigen Tannen um uns herum zum Beispiel. Gelegentlich kreischt ein Vogel, wie ich ihn noch nie zuvor gehört habe. Einzelne schwache Sonnenstrahlen brechen durch die dichte Wolkendecke. Premiere! Meine Stimmung erhellen sie trotzdem nicht. Ich habe alles gegeben – und bin garantiert gescheitert.
»Lieutenant Halvorsen, dürfte ich etwas fragen?«
Als Antwort ernte ich bloß ein Brummen, das ich als Zustimmung interpretiere. »Ist das hier der einzige Stützpunkt der Arctic Counter Squad? Und ist es wirklich wahr, dass bisher noch keine Frau die Aufnahmeprüfung geschafft hat?«
Der Regen lässt allmählich nach. Genauso wie der Schmerz in meinem Bein, jetzt, wo mein Puls sich wieder herunterreguliert hat. Der Schotter unter unseren Füßen knirscht, während wir auf den etwa zehn Gehminuten entfernten Stützpunkt zulaufen.
Halvorsen räuspert sich. »Das wissen nur die Kommandeure. Das ist der Sinn einer geheimen Spezialeinheit. Und zu der anderen Sache: Soweit ich weiß, ja.«
Dann wäre ich tatsächlich die Erste. Es klingt zu schön, um wahr zu sein. Und das ist es auch. Ziemlich sicher werden sie sich keinen Lara-Croft-Verschnitt mit Kindheitstrauma und erheblich kleineren Brüsten ans Bein binden. Dieser Stützpunkt ist ein einziges Testosteroncluster!
Noch viele Fragen schwirren mir im Gehirn herum, die ich in gerne stellen würde … Wann ist er hierhergekommen? Aus welchem Land stammt er? Sein Akzent ist besonders. Kannte er meinen Dad?
Doch käme ich diesem unnahbar wirkenden Riesen jetzt auf die Tour, bräuchte ich nächstes Jahr ziemlich sicher nicht anzureisen.
Unser Weg führt an den Sicherungsposten vorbei, direkt zu einem modernen Gebäude mit Glasfront, das sich in seinem Einheitsgrau perfekt in die triste, verregnete Umgebung einfügt. Es ist fies, ihm die ganze Zeit hinterherzulaufen und seinen Hintern in tendenziell zu enger Tarnfleckhose vor der Nase zu haben. Ich würde zu gerne mal sein Gesicht sehen.
»Hier sind nicht viele Soldaten stationiert, deshalb gibt es keinen Empfang. Arztbesuche erfolgen durch Anmeldung beim Teamführer. Wir kriegen dann einen Zeitslot zugeteilt.« Halvorsen drückt die Eingangstür auf und wir schreiten durch einen leeren Flur mit Treppe. Hinten im Raum erkenne ich einen Marmorblock, der mich an einen Grabstein erinnert. Ich kann die Inschrift von hier aus nicht lesen. Und doch zieht er meine Aufmerksamkeit magisch an.
»Kommen Sie!« Zielgerichtet läuft der Lieutenant durch einen schmalen Gang auf eine Tür zu, die laut Aufschrift zu einem Captain Cem Demir führt. Dreimal klopft er gegen das weiße Holz, ehe von drinnen ein lautes »Herein« ertönt.
»Lieutenant Halvorsen …« Überrascht blickt der etwa Vierzigjährige mit weißem Kittel und Halbglatze uns an. Sein Schreibtisch ist asketisch leer. Bloß ein Telefon, zwei Bildschirme und eine Tastatur. »Da haben Sie aber Glück gehabt, dass Sie mich so unangemeldet antreffen. Und wer sind Sie?«
»Das ist Sergeant Walker«, antwortet Halvorsen für mich und zieht sich die Sturmhaube vom Kopf.
Ich tue es ihm gleich und nehme den leichten Geruch von Desinfektionsmitteln wahr. Leider steht er mit dem Rücken zu mir, sodass ich sein Gesicht nicht erkennen kann. Dabei haben mich seine eisblauen Augen wirklich neugierig gemacht. »Eine Bewerberin. Sie hat sich eben bei der letzten Prüfung auf dem Parcours eine Verletzung zugefügt, die behandelt werden muss.«
Ich würde zu gerne sein Gesicht betrachten, doch das wäre unangebracht, jetzt, wo der Truppenarzt sich mir zuwendet. Außerdem stehe ich immer noch schräg hinter ihm. Halvorsens Nacken ist so breit und sehnig wie mein Oberschenkel. Blonde Haarstoppel ziehen sich in einem fließenden Übergang seinen Hinterkopf hoch und enden mit etwa drei Zentimetern Haarlänge auf dem Kopf.
Captain Demir schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Eine Frau? Hier oben in der Endrunde? Davon wusste ich ja gar nichts!«
»Van Kampen hat es bewusst verschwiegen.« Halvorsen klingt nicht, als wäre ihm das Geschlecht seiner Kameraden egal. Eher wie jemand, der drei Monate Wachdienst aufgebrummt bekommt. Na toll! Es ist ja nicht so, dass ich eine Sonderbehandlung bekommen oder darum gebeten habe. Der körperliche Einstellungstest verlief bei mir exakt gleich wie bei den Männern! Okay, ich habe ihn ziemlich sicher nicht bestanden. Hätte er sich diesen Tonfall nicht verkneifen können?
Demir blickt mich fragend an. »Walker? Sie kommen nicht zufällig von den Green Berets in Fort Liberty?«
»Ja, genau«, antworte ich mit einem Lächeln auf den Lippen und frage mich gerade, ob ich ihm schon einmal begegnet bin. »Ich bin in Team acht.«
»Was für ein Zufall. Ich war dort bis Ende letzten Jahres stationiert«, erwidert er mit dezenter Heiterkeit. »Es gibt so wenig Frauen in Spezialeinheiten, da erinnert man sich an jede, die einem begegnet ist. Insofern ist es nicht verwerflich, dass Sie mich nicht erkennen. Aber gut … Ich vermute mal, es ist das Bein, oder?«
»Ja.« Ich gehe einen Schritt auf ihn zu, während er auf seinem Bürostuhl um den Schreibtisch herum auf mich zurollt. Er öffnet eine Schublade seines Rollcontainers und zieht eine Arztschere aus einem Etui. Sekunden später hat er den Verband abgewickelt und betrachtet mit zusammengekniffenen Augen die tiefe Wunde. »Wie konnte das passieren?«
»Robbschneise«, antworte ich knapp, während er sich Gummihandschuhe anzieht. »Ich habe die Arme vorgeschoben und bin in den Schlamm gerutscht. Und dabei hat mich ein abgebrochener Ast, der sich unter der Suppe irgendwie im Boden verkeilt hat, quasi aufgeschlitzt.«
»Können Sie die Hose bitte mal ausziehen?«
»Natürlich.«
Zunächst öffne ich die Kampfstiefel und ziehe sie mitsamt den Socken aus. Mann, wie unangenehm. Sie sind klitschnass und das liegt nicht nur am Regen. Danach ist die Hose dran. Vorsichtig schiebe ich die abgeschnittene Seite über die Wunde und steige aus ihr heraus.
Captain Demir betrachtet sie kurz und winkt Halvorsen ran. Sein Gesichtsausdruck wechselt schlagartig von freundlich zu dezent wütend, als er dem riesigen Mann ins Gesicht schaut. »Das ist keine Einsatzhose, Lieutenant«, bemerkt er.
»Das stimmt«, brummt der Lieutenant leicht heiser. »Wir hatten keine in ihrer Größe.«
»Was soll das heißen, Halvorsen? Die Kameradin ist geschätzte 1,80 groß! Das hier ist ’ne bessere Leggins! Da ist meine Arzthose ja von robusterer Qualität.« Demir bleibt ruhig, was seinem autoritären Auftreten und der Deutlichkeit seiner Worte jedoch keineswegs schadet. Immerhin ist er der ranghöchste Soldat in diesem Raum.
»Sie hat einen anderen Körperbau, Sir. Unsere Ausrüstung …«
»Halvorsen!«, schneidet er ihm das Wort ab. »Es liegt in Ihrer Verantwortung, die Kandidaten entsprechend auszurüsten! Sie hatten ausreichend Zeit, passende Kleidung zu besorgen.«
»Ich wollte nicht, dass vorab viele von meinem Geschlecht erfahren, Captain Demir. Daher hatten die Kameraden bestimmt nicht genug Zeit, um die Uniform in Frauengrößen zu bestellen.« Es ist die Wahrheit. Nur das Detail, das mir nicht mal eine andere Hose zum Anprobieren gegeben wurde, lasse ich bewusst weg. Vielleicht ist es die vage Hoffnung, Eindruck bei dem hünenhaften Lieutenant zu machen. Ihm zu zeigen, dass ich ein Teamplayer bin. Vielleicht ist es aber auch schlechtweg Angst, hier nicht angenommen zu werden.
Halvorsen hat die Ausrüstung für mich zwar sicherlich nicht zusammengestellt, doch es ist offensichtlich, dass es in seinen Verantwortungsbereich fällt. Jedenfalls scheint es etwas mit ihm zu machen. Er dreht den Kopf zu mir, ich sehe ihn an. Für zwei, vielleicht drei Sekunden starren wir uns an. Eigenartigerweise wirkt er vertraut. Was unmöglich ist. Ich bin ihm ziemlich sicher noch nie begegnet! So einen Mann würde ich nie vergessen.
Seine schmalen Lippen sind ein wenig geöffnet. Ein leichter, dunkelblonder Bartschatten hat sich auf seine kantigen Wangen gelegt. Ansonsten wirkt seine Haut ebenmäßig. Viel zu glatt für einen Mann, der in der vermutlich elitärsten Spezialeinheit der Welt als Teamführer tätig ist. Nur ein paar Fältchen, die sich bei seinem schwer zu entzifferndem Gesichtsausdruck noch vertiefen, verraten, dass er nicht gerade erst aus der Grundausbildung geschlüpft sein kann.
Demir seufzt mit der Genervtheit eines Vorgesetzten, der streng genommen etwas melden müsste, aber überhaupt keine Lust auf den Aufwand hat. »Gut, dann werde ich mich jetzt an die Arbeit machen, ohne das weiter zu thematisieren. So etwas wird nicht noch einmal passieren, Lieutenant. Verstanden?« Eindringlich schaut der Arzt auf Halvorsen.
»Ja, Sir.«
»Gut.« Demir steht auf und zieht die Papierauflage der Behandlungsliege so weit raus, dass sie die gesamte Fläche bedeckt. »Sergeant Walker, bitte ziehen Sie die nasse, dreckige Kleidung komplett aus und werfen Sie sie in den Wäschesack neben der Tür. Halvorsen wird Ihnen einen Jogginganzug besorgen. Größe M sollte passen, oder?«
Ich nicke und Halvorsen verschwindet.
Wenn es etwas gibt, was an diesem Ort nicht existiert, dann ist es Schamgefühl. Duschen, Toiletten, Schlafräume – alles wird von jedem genutzt. Doch das wäre mit Abstand das Letzte, was mich davon abgehalten hätte, hier herzukommen.
Nachdem Halvorsen verschwunden ist, beginne ich mich zu entkleiden. Ausrüstung, Weste, Holster, Jacke, Longsleeve. Ich fühle mich widerlich. Acht Stunden bin ich durch diesen Outdoor-Parcours gelaufen und rieche wie die Dreckwäsche einer Footballmannschaft nach dem Superbowl.
»So, dann legen Sie sich mal hin.« Demir rollt auf seinem Arzthocker an die Liege und zieht den Tisch mit den Utensilien näher ran. Er richtet die Chirurgieleuchte so, dass der Lichtkegel genau auf meinen Oberschenkel fällt. Kälte fährt durch meine Glieder und lässt mich verkrampfen. Auch meine Unterwäsche hat etwas von den Regenfällen mitbekommen. Sie klebt kühl und nass auf meiner Haut.
»Ich werde die Wunde jetzt reinigen, nähen, verbinden und das Ganze dann mit Folie einwickeln, damit Sie duschen gehen können.« Großzügig sprüht er sie mit Antiseptikum ein und setzt mir anschließend die Betäubung. Es ist ein wundervolles Gefühl, wenn der Schmerz so schnell und schlagartig nachlässt. Bloß noch eine ungewohnte Taubheit und ein leichtes Kribbeln, das mein Bein durchfährt.
»Wenn Sie ausgestattet werden, überprüfen Sie bitte, ob die gesamte Ausrüstung passt. Falls nicht, muss Ersatz beschafft oder angepasst werden. Die Mindestgröße, die Sie ja locker einhalten, ist nicht ohne Grund eingeführt worden.« Behutsam spült er meine Wunde mit einer Spritze und tupft sie ab. Es sieht widerlich aus. Was bin ich gerade dankbar für diese Betäubung.
»Ich denke nicht, dass ich noch mal irgendwelche Ausrüstungsbestandteile anprobieren werde.«
Und denken ist da noch untertrieben. Verletzt, zu spät und nicht ohne Hilfe ins Ziel gekommen. Meine Chancen sind überschaubar.
»Sicher?« Er schaut mich mit hochgezogener Augenbraue an.
»Ja, eigentlich schon. Ich habe den Parcours nicht ohne Hilfe geschafft.«
»Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass Elitesoldaten keine Hilfe annehmen dürfen. In dieser Einheit dreht sich das ganze Leben um die Teams.«
»Aber der offizielle Auftrag hieß, dass wir es allein und ohne Hilfe innerhalb der geforderten Zeit …«
»Ihnen kam etwas dazwischen«, antwortet er sachlich, während er auf einem sterilen Tablett seine Utensilien sortiert, die er zum Nähen braucht. »Und das ist das Entscheidende: Konnten Sie sich der neuen Situation anpassen, Ihre Verletzung eingestehen und es mit Hilfe dennoch schaffen?«
Ich nicke nachdenklich. »Ja. Ich denke schon.«
Er greift nach oben, wo die Arztlampe mit Griff montiert ist, und richtet den hellen Lichtstrahl auf meine Verletzung. »Dann gratuliere ich Ihnen schon mal. Sie haben verstanden, wie die Arctic Counter Squad funktioniert.«
Ein dumpfes Klopfen ertönt, ehe sich die Tür öffnet. Es ist Halvorsen, der einen Stapel dunkelblauer Wäsche vor sich herträgt. Sein Blick landet kurz auf mir, ehe er mit zusammengepressten Lippen wegschaut.
»Legen Sie es auf meinen Schreibtisch und warten Sie anschließend draußen!«, ruft der Arzt, ohne ihn anzusehen. Gerade ist er dabei, den Medizinfaden durch die Nadel zu ziehen.
Nachdem die Tür wieder geschlossen wurde, beginnt Demir damit, die Wunde sorgfältig zuzunähen. »Sie müssen vorsichtig sein«, sagt er leise und ruhig. »Zwar hat jeder Soldat hier einen Eid geleistet, der die Kameradschaft über alle sonstigen menschlichen Bedürfnisse stellt, doch nicht jeder wird glücklich über eine Frau in den eigenen Reihen sein. Einige Männer sind genau deswegen in dieser Einheit – da sie keine Kameradinnen haben möchten. Und das sagen sie auch ganz offen. Da kann die Generalität sich noch so oft damit brüsten, dass Geschlecht, sexuelle Orientierung und was weiß ich nicht alles keine Rolle spielen.«
Wie oft habe ich diese Phrasen schon gehört. Die Premiere war direkt, nachdem ich den Entschluss gefasst hatte, Soldatin zu werden. Das letzte Mal vor meiner Abreise meines bisherigen Zugführers. Es überrascht mich nicht mehr, dass die Tatsache, dass ich zwei X-Chromosomen besitze, überall eine dominante Rolle einnimmt. Es nervt mich nur noch hart.
»Ich kann ganz gut auf mich aufpassen.«
»Das meine ich nicht. Unsere Männer sind anständig und gut versorgt. Der Wehrsold ist überdurchschnittlich hoch für alle Einheiten der US-Army und erst recht für die Verhältnisse speziell in Alaska. Die wenigsten Männer haben ein Problem damit, Freundinnen in der Zivilbevölkerung zu finden. Doch hier herrscht ein anderer Spirit als bei den Green Berets. Sie werden mit den Jungs zusammen trainieren. Leben. Tagelang auf Einsatz gehen. Biwak machen. Sie werden Ihre Familie sein. Ihr Augapfel und Ihr Bodyguard. Kameradschaft ist bei uns keine poetische Phrase, sondern überlebenswichtig! Und genau darin könnte das Problem liegen. Sie trauen einer Frau nicht die gleiche körperliche Leistung zu wie ihren männlichen Kameraden. Im Einsatz kann so etwas teuer werden.«
»Über diese Sprüche stehe ich drüber. Abgesehen davon, dass ich nicht mit einer Aufnahme rechne, werden an mich exakt dieselben Anforderungen gestellt wie an jeden anderen Soldaten«, gebe ich zu bedenken. »Die Männer werden mich schnell kennenlernen und sich dann ihr eigenes Urteil bilden können.«
»Das stimmt«, bestätigt er und setzt die letzte Naht straff. »Alles andere hätte hier auch zum Zwergenaufstand geführt.«
Wir beide können uns ein kurzes Lachen nicht verkneifen.
»Welche Spezialisierung haben Sie?«
»Sprengstoffexpertin«, antworte ich leise.
»Sprengstoffexpertin.« Er wiederholt die Worte so lang gezogen betont, wie ich es schon häufiger gehört habe. Es schwingt die Annahme mit, dass er mich eher als Sanitäterin gesehen hätte. Vielleicht noch als Scharfschützin, die von oben sichert, während die Kameraden die Drecksarbeit erledigen.
»Lassen Sie mich raten. Sie dachten, ich wäre Sani?«
»Offen gesagt ja«, gibt er lächelnd zu. »Auch nach Monaten in dieser sehr speziellen Umgebung unterliege ich wohl immer noch dem Schema X. Wie kamen Sie denn dazu?«
»Keine Ahnung«, antworte ich reflexartig und suche schnell nach einer banalen Erklärung. »Irgendwie hat es mich schon immer fasziniert, Dinge gezielt in die Luft zu jagen.«
Der Arzt nickt bestätigend, kommentiert es jedoch nicht. Ob er ahnt, dass es nur die halbe Wahrheit ist? Er sieht nachdenklich aus, während er die letzten Stiche verknotet. Meine wahren Beweggründe für all das hier sind kein Thema, das ich in näherer Zukunft hier offenbaren würde. Abgesehen davon denke ich nicht, dass es dieses Mal reichen wird. Also, warum mache ich mir Gedanken um etwas, das Lichtjahre entfernt liegt?
Kapitel 3
Es war schon ein mieses Gefühl, als die Betäubung komplett nachgelassen hatte. Dieses Pochen wird mich wohl noch einige Tage an den Unfall erinnern. Vorsichtig wende ich die kalte Kompresse und lege sie wieder auf den Baumwollstoff der Hose. Der Geruch von industriellem Waschmittel, der von dem Jogginganzug mit Arctic Counter Squad-Logo ausströmt, ist gewöhnungsbedürftig, aber im Gegensatz zu vorher eine Wohltat. Meine langen, braunen Haare sind nass und fallen in gewellten Strähnen auf den Hoodie.
Die Anordnung der Tische in der Offiziersmesse erinnert mich an ein Tribunal. Den Vorsitz führt heute General van Kampen, der in Tarnmuster samt zahlreichen militärischen Abzeichen in der Mitte sitzt. Links daneben von ihm Lieutenant Halvorsen, dessen kantiges Gesicht meine Aufmerksamkeit erneut fesselt. Die Bezeichnung Wikinger passt vielleicht nicht ganz auf einen Mann mit Uniform und generell wenig Haaren, doch seine Statur und Ausstrahlung lassen sich nur mit den folgenden drei Wörtern beschreiben: sehr, sehr männlich.
Der andere Mann rechts neben van Kampen heißt laut Schulterklappen und Namenszeichen Sergeant Sanchez. Vermutlich eine Vertrauensperson oder so ähnlich. Personalvertretung. Gleichstellungsbeauftragter, ha ha. Ich schätze ihn auf Mitte dreißig.
»So, wir haben Sie alle hier herbestellt, um zu verkünden, wen wir demnächst in unserer Einheit begrüßen dürfen. Wenn Sie nach dem Eindruck, den Sie von uns inzwischen gewonnen haben, überhaupt noch möchten. Ich weiß, dass es in den meisten Einheiten der US-Army üblich ist, dies in Einzelgesprächen zu machen, doch Sie haben sicherlich schon gemerkt, dass hier oben im kalten Norden ein paar Dinge anders laufen. Privatsphäre gibt es hier generell nicht. Vor allem dann, wenn es uns wertvolle Zeit kostet. Es ist Schwachsinn, euch vor anderen nicht ins Gesicht sagen zu dürfen, ob ihr die Tests bestanden habt, wenn ihr euch zwei Wochen später während unserer mehrtägigen Übungen gegenseitig beim Scheißen zuschaut.«
Mein Kopfkino fängt an. Na, vielen Dank! Bisher habe ich es beim Biwak auch geschafft, keine Zuschauer bei solchen Dingen zu haben. Ob er hier gerade maßlos übertreibt? Ich hoffe es. Notfalls lege ich Sprengfallen …
»Walker, was gibt’s da zu grinsen?«
Augenblicklich erstarrt meine Mimik. Das fängt ja gut an mit der Selbstbeherrschung. »Nichts, Major van Kampen!«
»Na, dann hoffe ich, dass Sie Ihre Gesichtskirmes in den Griff bekommen. Wir sind hier nicht beim Bachelor! Rosen gibt es von mir nur dann, wenn Sie in der Holzkiste vom Einsatz zurückkommen. Und dann als Kranz gebunden. Also fangen wir bei Ihnen an, Sergeant Kowalsky.« Van Kampen wendet sich an meinen Sitznachbarn. »Ich denke, da können wir uns lange Reden sparen. Sie haben es nicht rechtzeitig ins Ziel geschafft. Alles andere sah okay aus, aber das verpasste Zeitlimit konnte nicht rausreißen. Arbeiten Sie an Ihrer Kondition und kommen Sie nächstes Jahr wieder, wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen.«
Ich höre nur ein tiefes Ein- und Ausatmen. Und fühle es!
»Sergeant Jones?«
Der Typ, der sich nun angesprochen fühlt und nickt, ist das Arschloch, das den Spruch gedrückt hat, als ich an der Kaskade stand und wegen der Verletzung nicht hochkam. Ich erkenne ihn an seiner Statur. Da bin ich aber mal gespannt!
»Ich versuche, mich kurzzufassen: Sie sind ein verdammt beschissener Sanitäter, wenn Sie eine verletzte Kameradin zurücklassen. Schade. Ihre Ergebnisse waren …«
»Was?«, unterbricht Jones den Major.
Meine Augen werden groß. Dem ranghöchsten Soldaten der Einheit ins Wort fallen? Puh, ein absolutes No-Go, egal in welcher Einheit.
Doch ihm scheint es nicht einmal aufzufallen. »Ich habe nicht gesehen, dass sie verletzt war! Die Aufgabenstellung war eindeutig: Jeder für sich!«
Van Kampens Kopf läuft rot an. Es würde mich nicht wundern, wenn gleich pfeifend Dampf aus seinen Ohren schießt. Ganz offensichtlich hat sich gerade jemand für alle Zeiten disqualifiziert.
»Jeder für sich heißt nicht, Verletzte zurückzulassen.« Van Kampens Stimme hat sich zu einem ziemlich aggressiven Fauchen gewandelt. »Alle unsere Übungen zielen darauf ab, als Team in Gefechtssituationen zu überleben. Wenn Sie dabei an die Titten Ihrer Kameradin denken, dann bleiben Sie in Ihrem Gentlemenclub! Wir nehmen erwachsene Männer an, keine dauergeilen Teenager!«
Nicht nur Jones ist sichtlich überrascht, dass van Kampen es von dort oben gehört hat. Ob unsere Ausrüstung verwanzt wurde? Je länger ich darüber nachdenke, desto wahrscheinlicher erscheint mir diese Option.
»Das war doch bloß …«
Doch Jones wird durch ein gebelltes »Schluss jetzt!« von Lieutenant Halvorsen zum Schweigen gebracht, das mir durch die Knochen fährt und mich zusammenzucken lässt. »Sie haben den Test nicht bestanden, Kamerad. Abtreten!«
Wow!
Es ist nicht das erste Mal, dass mir in meiner Karriere beim Militär autoritäre Persönlichkeiten begegnet sind. Manche Menschen sind dazu geboren, Befehle zu erteilen. Doch Halvorsen, der riesige Mann, der mit wenigen Worten in undefinierbarem Akzent und Blicken wie Handgranaten einen Elitesoldaten verbal ausgeschaltet hat, scheint darin Experte zu sein. Beinahe wäre ich auch aufgestanden und gegangen, einfach aus dem Soldateninstinkt heraus. Zum Glück schaltete sich mein Gehirn dazu und hielt mich davon ab.
Nachdem Jones den Saal verlassen hat, werden zwei Kameraden angenommen und einer nach Hause geschickt.
»Nun kommen wir zu Sergeant Donovan. Sie waren zwei Minuten zu spät im Ziel, doch Sie haben die verletzte Kameradin versorgt und erfolgreich ins Ziel gebracht. Ich denke, weitere Ausführungen erübrigen sich. Willkommen im Team.«
Stumm nickt er. Dann dreht er sich zu mir und lächelt mich mit seinen dunklen Augen und einer strahlend weißen Zahnreihe an. Ganz offensichtlich ein Teamplayer. Genau so habe ich mir den perfekten Arctic Counter Squad-Kämpfer vorgestellt.
Van Kampen räuspert sich, was Walker und mich augenblicklich zu ihm schauen lässt. »Wäre nur noch die Lady in der Runde, deren bloße Anwesenheit hier zu meinem Bedauern die ein oder andere Sicherung hat durchdrehen lassen.«
Ich hebe den Kopf an und straffe meine Schultern. Die Stunde der Wahrheit. Meine Faust ballt sich um den Phönix-Anhänger, den ich bis eben in der Hosentasche verstaut hatte. Normalerweise trage ich ihn permanent um den Hals, doch ich in diesem Moment muss ich ihn spüren. Obwohl ich nicht abergläubisch bin, fühlt es sich so an, als wäre er bei mir und würde seine Hand auf meine Schulter legen. Emotionaler Beistand. Etwas, das mir im Leben nicht vergönnt ist und somit leicht durch das simple Gefühl einer Kette in der Faust ersetzt werden kann. Ich kenne es nicht anders.
»Dass Sie den Parcours nicht in der geforderten Zeit absolviert haben, steht außer Frage. Doch wir können nicht über Ihre Eignung entscheiden, ohne die Verletzung zu berücksichtigen. Mir wurde vorhin zugetragen, dass mangelhafte Kleidung dafür verantwortlich wäre. Für eine Eliteeinheit ersten Ranges ein gewaltiges Armutszeugnis, das muss ich leider zugeben.«
Er mustert mich eindringlich, sodass ich mich wie ein exotischer Fang auf dem Fischmarkt fühle.
»Vor fünfzehn Jahren, als diese Einheit gegründet wurde, war ich relativ entspannt, was unser spezielles Konzept betrifft. Ich war mir absolut sicher, dass eine Lady diesen Test niemals bestehen würde.« Van Kampen hebt die Augenbrauen an und dreht die Handflächen schulterzuckend nach oben. »Nun, was soll ich sagen? Sergeant Laurine Walker, Sie haben es geschafft, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Ihre Fertigkeit beim Sprengen ist außergewöhnlich. Da sind ein paar Minuten Verfehlung beim Parcours unter diesen Umständen verkraftbar. Die Kameraden werden es zu schätzen wissen, Sie im Team zu haben. Und sollten Sie sich in Ihrer Einarbeitung hier noch eine einzige Verletzung zuziehen, die auf unzureichende Ausrüstung zurückzuführen ist, werden bei den Verantwortlichen Köpfe rollen. Das verspreche ich Ihnen. Willkommen bei der Arctic Counter Squad, Sergeant Walker!«
Kein Lächeln, kein Jubel. Bloß ein knappes Nicken. Ich habe das geschafft, was mir so viele Menschen als unmögliche Spinnerei ausreden wollten!
Eigentlich wollte ich diesen Zeitpunkt immer feiern. Vielleicht einen Sekt köpfen oder mit den Kameraden abends in den Pub gehen, falls hier irgendwo einer ist. Doch vermutlich wird das noch etwas warten müssen.
Ich habe mir allerdings nie darüber Gedanken gemacht, wie es sich anfühlen wird, diese Hürde genommen zu haben. Unterbewusst bin ich davon ausgegangen, dass ich vor Stolz platzen werde. Ein bisschen tue ich das auch. Ernährung, Training, Know-how: Ich habe alles jahrelang optimiert, um genau hier zu stehen. Und dennoch fühle ich mich wieder so wie gestern, als ich die erste Kaskade erklommen hatte. Es liegen noch so viele schmerzhafte Etappen vor mir. Das hier ist erst Stufe zwei nach meiner Aufnahme bei den Green Berets.
Was erwartet mich ganz oben?
Wer sind die Figuren im Schatten, die ich bis jetzt nicht identifizieren kann und denen ich um alles in der Welt gegenübertreten will?
Wie werden sie auf mich reagieren?
Und vor allem: Wie finden sie die gerechte Strafe dafür, dass sie mir das Wichtigste im Leben genommen haben?