Kapitel 1
Larissa
»Du hast was getan?«, wollte Lynn mit weit aufgerissenen Augen wissen.
»Ich habe meinen Job bei der Zeitung gekündigt«, wiederholte ich noch einmal die Worte, die ich zuvor ganz nebenbei hatte fallen lassen.
Lynn war meine beste Freundin und bis vor einem Jahr auch meine Mitbewohnerin gewesen. Dann hatte sie den Sommer bei ihrer Großmutter in Fairhope Alabama verbracht und sich dort prompt in den Nachbarn verliebt. Zu meinem anfänglichen Entsetzen war dieser Mann ausgerechnet Elias Campbell, dessen Familie meinen Recherchen zufolge tief in kriminelle Mafiaangelegenheiten verwickelt war. Die Campbells hatten es nur meiner Freundin zu verdanken, dass ich den geplanten Artikel über sie nie veröffentlicht hatte.
»Das hast du hoffentlich nicht meinetwegen gemacht, oder? Ich bin dir wirklich dankbar, dass du dich gegen den Artikel entschieden hast«, versicherte sie mir und nippte dabei vorsichtig an ihrem Kaffee. »Das sollte aber nicht dazu führen, dass du deinen Job hinschmeißt.«
»Keine Sorge, das hatte rein gar nichts damit zu tun. Während der Recherche ist mir klar geworden, in welche Gefahr ich mich gebracht hätte. Das war es einfach nicht wert.«
»Was machst du dann jetzt?«, hakte sie nach und lehnte sich dabei über den Tisch in meine Richtung.
»Du erinnerst dich, dass ich für die Recherche ein einjähriges Praktikum bei der Anwaltskanzlei Moore & Moore gemacht habe?«
Ich hatte herausgefunden, dass diese Kanzlei seit ihrem Bestehen allen Ärger von den Campbells fernhielt. Es war jedoch unmöglich, ihnen etwas nachzuweisen. Dennoch hatte ich das Praktikum durchgezogen, denn es hatte sich herausgestellt, dass ich offenbar eine ziemlich gute Sekretärin war und mir der Job auch noch Spaß machte.
Anfangs hatte ich es einfach nur genossen, feste Arbeitszeiten zu haben. Nach dem ersten Monat hatte ich mich richtig gefreut, zur Arbeit gehen zu dürfen. Ich hatte mich schnell eingearbeitet und genoss jeden Tag. Zu meiner großen Freude hatte Mr Moore mir am Ende des Praktikums eine Stelle als neue Privatsekretärin seines Bruders in Aussicht gestellt. Das Angebot war so gut, dass ich es nicht über mich gebracht hatte, abzulehnen. Ich arbeitete wirklich gern dort und vermisste den Journalismus überhaupt nicht.
»Das Gehalt ist fast dreimal so hoch wie das, das ich vorher bekommen habe. Außerdem bin ich bei ihnen krankenversichert und habe Anspruch auf sechs Wochen Urlaub im Jahr«, erklärte ich.
»Das ist ja der Hammer.« Lynn strahlte mich glücklich an.
»Das kannst du laut sagen. Ich habe mich bei einem Job noch nie so wohlgefühlt wie in dieser Kanzlei.«
»Das freut mich wahnsinnig für dich. Dann muss ich mir also keine Sorgen machen.«
»Süße, ich bin nicht die von uns beiden, die sich auf einen Gangster eingelassen hat«, erinnerte ich sie schmunzelnd.
Lynn rollte mit den Augen und trank einen Schluck. »Elias ist ein wirklich guter Kerl«, versicherte sie mir zum gefühlt tausendsten Mal.
Dennoch fiel es mir schwer, ihr das zu glauben. Nach all dem, was ich über seine Familie in Erfahrung gebracht hatte, war guter Kerl nicht gerade die Bezeichnung, die ich gewählt hätte. Solange sie jedoch glücklich war, konnte ich ihre Sicht zumindest akzeptieren.
Ehe ich etwas erwidern konnte, vibrierte mein Smartphone und zeigte mir eine neue Nachricht von Daddy an. Auf Lynns Gesicht breitete sich ein verschmitztes Grinsen aus, denn da das Telefon neben uns auf dem Tisch lag, hatte sie den Namen natürlich auch gelesen.
»Ihr schreibt also immer noch miteinander?« Ich nickte. »Habt ihr euch inzwischen mal getroffen?«
»Nein.« Das war keine Option, und er wusste das.
»Das mit euch läuft jetzt seit über einem Jahr. Da willst du mir doch hoffentlich nicht weismachen, dass du nicht neugierig bist, wer dieser Mann ist.«
Oh, ich war neugierig, und dennoch würde ich mich nicht mit Daddy treffen. Er war eine Fantasie. Eine verdammt unanständige Fantasie. Dieser Mann kannte mich besser als jeder andere Mensch in meinem Leben. Ich hatte ihm meine tiefsten Sehnsüchte offenbart und vielleicht hielt genau das mich davon ab, weiterzugehen. Ich war mir nicht sicher, ob ich bereit war, diese auch tatsächlich auszuleben.
Es war nicht so, als hätte er nicht versucht, mich zu einem Treffen zu überreden. Ich hatte aber zu viel Angst, dass das unserer Beziehung den besonderen Zauber nehmen würde. Ich hatte noch nie ein Bild von ihm gesehen, und selbst seine Stimme kannte ich nur von Sprachnachrichten. Sie war warm und tief. Unheimlich sexy.
Daddy hatte mir beschrieben, wie er aussah, genau wie ich es für ihn gemacht hatte. Hin und wieder schickte ich ihm sexy Bilder meines Körpers. Dabei achtete ich jedoch penibel darauf, dass man mein Gesicht nicht sah.
Ohne die Nachricht zu lesen, legte ich mein Handy zur Seite. Daddy musste heute ein wenig warten. Lynn und ich hatten uns viel zu lange nicht gesehen. Sie war gerade meine absolute Priorität. Er würde es schon verstehen, wenn ich es ihm erklärte. Außerdem hatte ich noch eine kleine Überraschung für ihn vorbereitet. Das dürfte ausreichen, um ihn zu besänftigen.
Kapitel 2
Gideon
Genervt schaute ich auf mein Smartphone. Schlimm genug, dass ich mein Wochenende in der Kanzlei verbringen musste, jetzt ließ mich auch noch mein Babygirl hängen. Irgendwann würde ich sie finden und das Erste, was ich dann tun würde, war sie übers Knie zu legen.
Inzwischen standen wir seit über einem Jahr in Kontakt und es war vermutlich verrückt das zu sagen, aber die junge Frau verkörperte alles, was ich mir je gewünscht hatte. Unsere Fantasien ergänzten sich perfekt. Sie war wunderschön – zumindest ihr Körper war der Wahnsinn, ihr Gesicht zeigte sie leider nicht – und als Krönung des Ganzen war sie auch noch äußerst intelligent, gebildet und wusste sich auszudrücken. Schon das allein machte sie zu einem seltenen Wesen.
Jede einzelne Nachricht von ihr zauberte ein Lächeln auf meine Lippen. Das Vertrauen, welches sie mir inzwischen entgegenbrachte, war wirklich etwas Besonderes. Das Problem war nur, dass sie nicht bereit war, sich mit mir zu treffen. Selbstverständlich hatte ich sie mehrfach darum gebeten. Leider war bei ihr die Angst, ein Treffen könne all das, was wir uns aufgebaut hatten, zerstören, größer als ihre Neugier auf mich. Etwas, das ich durchaus verstehen konnte.
Auch ich wollte diese einzigartige Beziehung nicht mehr missen. Bei mir überwog inzwischen jedoch eindeutig das Verlangen, sie endlich in die Arme schließen zu können und mit ihr all die Dinge zu tun, über die wir sonst nur schrieben.
Schon der Gedanke an unseren letzten Chat ließ meinen Schwanz hart werden. Meine bezaubernde Kleine fantasierte davon, von mir entführt zu werden. Genau genommen hatte sie mir in schriftlicher Form die Erlaubnis dazu erteilt.
Das war ihr natürlich nicht schwergefallen, denn sie wusste, ich würde sie nicht finden. Leider hatte ich trotz aller Bemühungen bis heute keine Ahnung, wer sie war. Mein Babygirl war einfach zu vorsichtig.
Nur ein einziges Mal war ihr ein Fehler unterlaufen. Damals hatte sie mir geschrieben, dass sie mit ihrer besten Freundin, die früher mal ihre Mitbewohnerin gewesen war, zum Rockefeller Center gehen wollte, um sich den Weihnachtsbaum anzuschauen.
Selbstverständlich hatte ich mich damals sofort auf den Weg gemacht, denn das war nicht allzu weit von meinem Apartment am Central Park entfernt. Leider waren wie üblich derart viele Menschen vor Ort gewesen, dass ich sie nicht gefunden hatte.
»Kommst du voran?« Mein Neffe tauchte im Türrahmen auf und musterte mich.
»Wieso genau fängt meine neue Sekretärin erst am Montag an, wo ich sie heute wirklich dringend gebrauchen könnte?«
Noah konnte nichts für meine schlechte Laune. Leider war ich heute derartig genervt, dass er sie trotzdem abbekam.
»Weil sie heute etwas Wichtiges vorhatte. Elias hat sich extra dafür eingesetzt, dass Larissa frei bekommt. Er und Lynn sind nur dieses Wochenende in der Stadt und die beiden Frauen haben sich ewig nicht gesehen.«
»Wessen bescheuerte Idee war es noch mal, die beste Freundin von Campbells Ehefrau hier einzustellen?«
In meinen Augen war Mrs O´Connor nach wie vor ein Sicherheitsrisiko. Auch wenn ich es nicht wissen sollte, hatte mein Neffe mir verraten, dass die hübsche Larissa das Praktikum in unserer Kanzlei ursprünglich nur angetreten hatte, weil sie einen Enthüllungsartikel über einen unserer wichtigsten Klienten, Nigel Campbell, hatte veröffentlichen wollen.
Die Campbells und unsere Familie waren, seit ich denken konnte, eng miteinander verwoben. Die Tatsache, dass sie einer der gefährlichsten Mafia-Clans der Ostküste waren, spielte da keine große Rolle. Letztendlich brachte dieser Umstand uns viel Geld ein, denn dank ihnen hatten wir immer etwas zu tun.
Wäre meine neue Sekretärin nicht rein zufällig so eng mit Elias` Frau befreundet gewesen, wäre sie jetzt nicht mein Problem. Die Campbells hätten sie einfach verschwinden lassen, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken.
»Larissa ist wirklich herausragend in ihrem Job. Wenn du sie nicht willst, ich tausche jederzeit gegen Meredith.«
Das konnte er vergessen. Meredith Lang arbeitete schon ewig für uns und sie war ein ausgewachsener Drache. Ich war heilfroh, dass mein Bruder Arthur und Noah sich mit ihr rumschlugen. Müsste ich das, hätte ich sie vermutlich längst im Affekt erwürgt.
»Danke für das bezaubernde, selbstlose Angebot, aber ich verzichte. Da nehme ich lieber das Küken.«
»Larissa ist sechsundzwanzig. Sie ist eine erwachsene Frau, die wirklich weiß, was sie tut.«
»Das mag ja sein, dennoch könnte ich mit meinen fünfundvierzig Jahren ihr Vater sein.« Mein Neffe schnaubte und ich entschied, das Thema zu wechseln. »Du bist doch sicher nicht rübergekommen, um über meine neue Sekretärin zu sprechen. Also, was brauchst du?«
»Eine zweite Meinung zum Morelli-Fall. Ich kann einfach nicht sagen, ob der arrogante Wichser ehrlich zu mir ist oder nicht.«
Ich warf einen Blick auf mein Smartphone. In erster Linie um die Uhrzeit abzulesen, aber auch, um zu sehen, ob Babygirl sich gemeldet hatte. Da dem nicht so war, steckte ich das kleine Gerät ein und erhob mich.
»Lass uns was essen gehen. Dabei kannst du mich auf den neuesten Stand in unserem Fall bringen.«