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Montag, 13. Oktober
Paul fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und schmeckte das salzige Wasser der Nordsee. Eisiger Oktoberwind brannte auf seinen Wangen, zerrte an seinen dunkelbraunen Haaren und schlängelte sich durch jede Öffnung seiner Jacke bis auf seine Haut. Ihm folgten einige Regentropfen, erst unregelmäßig, dann prasselten sie mit Nachdruck auf seinen Nasenrücken und die Schultern. Der Himmel über ihm zog sich zu. Er wischte sich mit dem Handballen über das Gesicht und steckte die Hände in die Jackentaschen. Seine Zähne begannen zu klappern, vor Kälte und vor Aufregung. Und weil er schon eine ungefähre Ahnung hatte, was ihn am Ziel seiner Reise erwarten würde.
Er stand an Deck eines kleinen Fischkutters, der mit acht Knoten über eine unruhige See auf die Insel zusteuerte. Vor ihm schälte sich aus dem grauen Dunst der Nordsee ihr dunkler Umriss, der sich in schwachen Silhouetten von Deich und Baumkronen vom allgemeinen Dunkel der Welt abhob. Paul zog sich den Kragen seiner Winterjacke enger um den Hals und hielt ihn mit klammen Fingern fest.
Das Boot zu seinen Füßen schob sich behäbig durch den Wind und die Wellen, schwankte im Takt, den das Wasser ihm vorgab, und er spürte, wie sich in seinem Magen alles zusammenzog. Der wacklige Horizont vor seinen Augen verstärkte seine Übelkeit. Er wandte sich ab.
Vor anderthalb Stunden hatte er Alma Bruhn am Fährhafen im Nordosten von Cuxhaven getroffen, ein paar Worte mit der Fischerin gewechselt und seine Reisetasche an Bord ihres Kutters gebracht. Die letzte Touristenfähre war schon vor einer Woche zum letzten Mal von Neuwerk ans Festland getuckert, und es hatte ihn eine Menge Überzeugungskraft gekostet, seinen Aufenthalt außerhalb der Saison zu begründen: vor der Frau, die ihn auf die Insel bringen sollte, vor der ganzen Welt und am allermeisten vor Romy Brand, der Chefredakteurin, die rund hundert Kilometer entfernt in ihrem Büro im Zeitungshaus auf seinen Anruf wartete. Kaum etwas war so einladend wie die Aussicht auf eine Woche im absoluten Nichts. Instinktiv schob er seine rechte Hand in die Innentasche seiner Jacke, wo er die Kamera verstaut hatte. Nichts war nicht unbedingt das, was er zu finden hoffte. Im Gegenteil. Immerhin hatte er Romy einen Artikel für die Titelseite versprochen.
Der rotgoldene Fischkutter, an dessen Bug er stand, war etwa zehn Meter lang und drei Meter breit. Netze, Kisten und Eisfächer waren sorgsam angeordnet und jederzeit bereit für die tägliche Ausfahrt. Auf dem stählernen Rumpf des Bootes prangte in geschwungenen schwarzen Buchstaben ein Name: Seeschwalbe. Alma hatte sie als das schönste Boot angekündigt, das Paul je in seinem Leben sehen würde, und er musste zugeben, dass man der Fischerin die liebevolle Sorgfalt ansah, mit der sie während der Fahrt jeden Handgriff ausführte, auch noch nach vierzig Jahren auf See. Sie fuhr jeden Tag zum Fischen raus, wie sie noch vor dem Beginn ihrer Reise erzählt hatte, und verkaufte ihre Fänge auf dem Festland, entweder auf dem Markt in Cuxhaven oder direkt an die Gastronomen vor Ort. Nur ein kleiner Teil ging an ihre Abnehmer auf der Insel, und sie rang Paul das müde Versprechen ab, nach seiner Ankunft möglichst bald den Seelachs zu probieren, den sie an die Gaststätte eines Freundes geliefert hatte.
Alma trat hinter ihm aus dem Steuerhaus der Seeschwalbe und schob sich ihre dunkelblaue Strickmütze tiefer auf die Stirn. Sie trug Gummistiefel und eine Regenjacke. Ein Dutt aus weißgrauen Haaren saß fest in ihrem Nacken, und sie blickte an Paul vorbei auf den Horizont.
„Alles in Ordnung?“ Ihre Stimme war so rau wie die See. „Du bist ganz grün im Gesicht.“
Paul dankte ihr für die Anteilnahme und verzog sich in das Häuschen im hinteren Teil des Kutters, in dem es außer dem Steuerrad und den Fahrtinstrumenten nur noch einen winzigen Klapptisch mit einer ungemütlichen Sitzbank gab. Er ließ sich darauf fallen und schloss die Augen. Regentropfen prasselten von außen gegen die Fensterscheiben. Die Seeschwalbe jagte über das graublaue Wasser und schwankte dabei beständig hin und her. Hin und her. Hin und her.
Alma trat wieder ans Steuer und warf ihm einen Blick zu. „Du solltest was trinken.“
Paul widersprach nicht. Er griff blind in den Stauraum unter der Bank, auf der er saß, und seine Finger berührten etwas Weiches: ein Stück weißen Stoffes, mit Rüschen und Spitze, das in einer der Kisten lag. Es schien zu einem Kleidungsstück zu gehören. Seltsam peinlich berührt, stopfte er es zurück, griff nach einer Glasflasche und leerte sie in einem Zug. Das Wasser lief eisig kalt seine Kehle hinab und klärte den nebligen Himmel seiner Gedanken auf. Trotzdem ging er nicht mehr zurück an die Reling.
Zwanzig Minuten später lenkte Alma die Seeschwalbe in den Hafen am südwestlichen Ufer der Insel und schaltete den Motor aus. Sie stopfte sich den Zündschlüssel in die Jackentasche, trat nach vorn an den Bug und breitete stolz die Arme aus. „Willkommen auf Neuwerk.“
Paul schulterte seine Reisetasche und verließ das Boot. Sofort hörte die Welt auf, aus ihrem Rahmen zu schwanken. Erleichterung durchströmte ihn.
Kaum hatte er seine Füße, die in dicken Winterstiefeln steckten, auf den hölzernen Steg gesetzt, spürte er, wie die schwere Inselluft erst um seine Ohren zog, dann um seine Brust und seine Beine. Oder was davon übrig war.
„Danke fürs Mitnehmen“, sagte er.
„Ich hatte da drüben eh noch zu tun“, erwiderte Alma.
„Es ist schön hier.“
„Stimmt.“
Alma band die Seeschwalbe fest und folgte Paul über den kurzen Steg auf einen gepflasterten Parkplatz. Grüne Felder erstreckten sich von hier aus zu allen Seiten. In der Ferne ragte die Spitze eines Leuchtturms in die Höhe. Der Himmel war dunkel und der Wind jagte ihnen dicke Regentropfen in die Gesichter. Paul setzte die Kapuze auf.
„Wollen wir dann?“, fragte Alma und räusperte sich unbehaglich. „Kannst du … laufen?“
Er beschloss, die Frage so stehen zu lassen, und folgte ihr über eine kleine Erhöhung auf den Deich, der sich in einem schützenden Ring um die Gebäude der Insel legte. Ein steinerner Weg lief von hier aus nach links und rechts. Dahinter sah er noch mehr Grün, ein paar Bäume und Häuser und eine große Weide, auf der Pferde standen.
Sie nahmen dem Weg in den Norden der Insel.
„Du bist so ein Schreiberling“, sagte Alma. Sie lief einige Meter vor ihm, riesige Schritte nehmend, die ihre Ungeduld verrieten, und drehte sich beim Reden nicht zu ihm um. „Habe ich zumindest gehört.“
Paul war schon ein bisschen außer Atem. „Ich bin Reporter.“.
„Für die Zeitung?“, hakte sie nach und warf einen skeptischen Blick über ihre Schulter.
Er nickte. „Die Nebelchronik hat ihren Sitz in Hamburg. Ich bin hier, um über die … Ereignisse zu schreiben … über die alle reden. Um herauszufinden, ob was dahintersteckt.“
„Hm“, machte Alma.
„Du musst doch davon gehört haben“, sagte er. „In der Stadt kocht die Gerüchteküche.“
„Die Leute reden viel. Vor allem die von außerhalb.“
„Hast du auch etwas gesehen?“, fragte er und versuchte sich seine Skepsis nicht anmerken zu lassen.
„Nein.“
Sie liefen weiter.
„Morgen triffst du Viktor“, sagte Alma dann. „Er kann es kaum erwarten, dich kennenzulernen. Mich hat er angewiesen, dafür zu sorgen, dass es dir hier gefällt. Aber sieh dich doch mal um. Hier gefiel es jedem.“
Paul dachte daran, was er über die Insel gelesen hatte, nachdem er zum ersten Mal von den unerklärlichen Erscheinungen gehört hatte, für deren Aufklärung er überhaupt hergekommen war: fünfundzwanzig Einwohner, vom Wattenmeer umgeben, pure Einsamkeit auf drei Quadratkilometern, wenn sie nicht gerade von hunderttausend Touristen pro Jahr überrannt wurden.
Er blickte den Weg entlang zu einer Häuserreihe, die sie ansteuerten, dann über die Rasenfläche zurück zum Leuchtturm der Insel. Der Himmel darüber klarte langsam wieder auf, einzelne Sonnenstrahlen zwängten sich durch die dunklen Wolken und ließen erahnen, wie schön es hier sein konnte, wenn man sich darauf verstand, die Welt mit glücklicheren Augen zu sehen. Paul stellte fest, dass er sich wohl fühlte.
Natürlich. Hier gefällt es jedem.
Nach einem zwanzigminütigen Fußmarsch erreichten sie das Hotel am nordwestlichen Rand des Deiches, in dem er ein Zimmer reserviert hatte. Über dem Eingang hing ein wettergegerbtes Schild, auf dem Hotel Küstenwind stand. Darunter prangten zwei goldene Sterne und eine ausführliche Tageskarte des dazugehörigen Restaurants, allerdings mit dem Datum von vor einer Woche. Sobald die Touristen die Insel verlassen hatten, schien hier die Zeit stillzustehen.
Er dankte Alma für die Hilfe und schob sich durch eine weißgestrichene Doppeltür in das hübsche Backsteinhaus. Drinnen sah alles sauber und freundlich aus. Sonnenlicht fiel durch die aufgeschobenen Gardinen vor den Fenstern in das Foyer und den angrenzenden Restaurantbereich. Sein Magen knurrte. An den Wänden hingen farblose Zeichnungen von Dünen und Möwen und nautische Karten aus den letzten fünfhundert Jahren.
Paul teilte der freundlich lächelnden Dame hinter der Empfangstheke seinen Namen mit und erhielt von ihr einen Schlüssel, an dem ein hölzerner Anhänger in Form eines Fischerbootes baumelte, und die Aufforderung, am nächsten Morgen pünktlich zum Frühstück zu erscheinen. Dann wies sie ihn zu einer modernen Steintreppe.
Der Flur im ersten Stock des Hauses war lang. Acht Türen gingen zu beiden Seiten ab. Die sandfarbene Tapete erinnerte ihn an Sonnenbaden und Muschelsammeln im Sommerurlaub mit seinen Eltern, und der Boden war mit einem dunkelblauen Teppich ausgelegt, der seine Schritte schluckte. Auch hier zierten gerahmte Bilder die Wände, weite Landschaften, die sein Fernweh weckten und ihm den Geruch von salzigem Meerwasser in die Nase spülten, der ohnehin in jedem Winkel der Insel zu lungern schien.
Pauls Zimmer war das erste auf der rechten Seite. Er trat ein und warf seine Reisetasche auf das Einzelbett vor einem großen Fenster, das den Blick auf den Deich und die dahinterliegende Nordsee freigab. Am Himmel zog ein Schwarm Möwen vorbei. Es sah aus wie das Bild auf einer Postkarte. Idyllisch und kalt.
Er öffnete das Fenster. Sofort strömte Wind herein und wirbelte das Informationsheft des Hotels auf dem kleinen Holztisch in einer Zimmerecke auf. Er ließ sich neben seiner Tasche auf das Bett fallen, und zog seine Stiefel aus. Dann krempelte er seine Jeans hoch und rollte den Liner ab, einen schwarzen Silikonstrumpf über der Prothese, bevor er sie von seinem rechten Bein löste und zur Seite legte. Seine Finger glitten über den Stumpf an seinem Oberschenkel. Die Haut war gerötet und trocken vom langen Tragen. Seufzend sank er in die weichen Kissen, atmete ein und stieß den letzten Hauch seiner geliebten Hamburger Straßen aus.
Das Zimmer war hell und funktional eingerichtet: weiße Tapete, Strandfotos an den Wänden, der Tisch mit zwei Stühlen in einer Ecke, eine Kommode mit einem Wasserkocher in der anderen, darüber ein Fernseher und darunter ein kleiner Kühlschrank, in den er später ein paar Vorräte räumte. Neben der Zimmertür ging es in ein fensterloses Badezimmer mit einer bodentiefen Dusche. Die Matratze, auf der er lag, war angenehm hart, und ihm fielen die Augen zu, aber er zwang sich, wachzubleiben.
Er hatte viel zu tun.
Außerdem knurrte sein Magen noch immer.
Paul nahm eine ausgiebige Dusche und zog sich um. Bevor er aufbrach, rief er seine Eltern an, um ihnen zu sagen, dass er angekommen war. Sie machten sich Sorgen und fragten, wann er wieder nach Hause kommen würde, noch bevor er ihnen von der guten Luft oder dem großartigen Ausblick aus dem Hotelfenster berichten konnte. Außerdem musste er ihnen versprechen, keine Dummheiten zu machen. Er wusste genau, was sie damit meinten. Eigentlich war er von ihnen nichts anderes gewohnt. Aber er konnte es ihnen nicht verübeln. Trotz ihrer Sorge hatten sie noch nie eine Ausgabe der Nebelchronik verpasst, und das bedeutete ihm viel.
Nach dem Telefonat verließ er sein Zimmer und ging zurück zur Rezeption im Erdgeschoss.
Die Frau, die hinter dem Tresen saß und deren Gesichtsausdruck sich seit seiner Ankunft nicht ein bisschen verändert hatte, nahm seine Frage nach einem leichten Abendessen mit einem bedauernden Lächeln entgegen.
„Das Restaurant öffnet erst morgen früh“, erklärte sie ihm. „Aber am Leuchtturm bekommen Sie sicher noch etwas. Der Wellengang ist fast rund um die Uhr geöffnet.“
„Wellengang?“, hakte er nach.
Sie nickte. „Sagen Sie denen, dass Sie vom Hotel kommen. Das gibt Prozente.“
Paul ließ sich den Weg in den Süden der Insel beschreiben und verließ das Gebäude gegen halb sieben. Die Kamera steckte noch immer in der Innentasche seiner Jacke, direkt neben seinem Diktiergerät.
Wenn er in fünf Jahren bei der Zeitung etwas gelernt hatte, dann, dass es immer überall irgendeine Geschichte gab, die es wert war, erzählt zu werden. Man musste nur die Augen offenhalten.
2
Paul lief zehn Minuten über einen von umzäunten Feldern gesäumten Weg und schoss ein paar Fotos von der untergehenden Sonne hinter dem Leuchtturm, der mit jedem Schritt weiter in die Höhe wuchs. Als er ihn erreicht hatte, war es dunkel geworden, und der menschenleere Platz vor dem kastenförmigen Turm wurde nur von dem wenigen Licht erhellt, das durch die umliegenden Häuser hinausfiel.
Eines davon entpuppte sich als die von der Hotelinhaberin erwähnte Kneipe mit dem klangvollen Namen Wellengang. Vor dem Eingang standen vom Regen durchnässte Bierbänke und Plastikstühle. Von drinnen erklang Musik. Paul nahm sich vor, den Leuchtturm am nächsten Tag genauer zu untersuchen. Für heute hatte er genug gesehen. Außerdem hatte er Hunger.
Er trat ein und das Gefühl, der einzige Mensch in einem Umkreis von Hunderten Kilometern zu sein, verflüchtigte sich abrupt. Einen Moment lang stand er im Türrahmen und nahm alles genau in Augenschein. Er besaß nun mal nicht den Luxus, die Dinge einfach so zu akzeptieren, wie sie ihm begegneten, denn er war nicht nur anwesend, sondern ein Teil der Geschichte. Ein Katalysator. Sein Verstand war darauf programmiert, alles, was er sah, in Einzelteile zu zerlegen und zu deuten. Nicht als bewusste Entscheidung, sondern als unwillkürlicher Reflex. Genau so betrachtete er das, was nun vor ihm lag:
In der Kneipe war es eng und nicht viel wärmer als draußen. Die Wände bestanden aus dunklen Holzlatten, an denen alte Schiffsutensilien und vergilbte Fotos von Fischkuttern hingen. Das schummrige Licht, in das er trat, hatte seinen Ursprung in tiefhängenden Messinglampen mit grünen Schirmen, die ein goldenes Leuchten über die zahlreichen Tische warfen. Alles schien seltsam zufällig zusammengestellt: Die Stühle passten nicht zu den Tischen, die Tische passten nicht zu den Lampen, die Lampen passten nicht zum ganzen Rest. Aber alles hatte seinen Platz, seine Bestimmung, seinen Charme.
Leises Stimmengemurmel mischte sich unter den dumpfen Klang knisternder Musik aus einem alten Radio, das in einem mit Flaschen und Gläsern vollgestellten Regal hinter der Theke stand. Gerade lief Jazz. Das Saxophon kratzte, und Störgeräusche unterbrachen die Musik, dann fing sie sich wieder. Irgendwo schabte Besteck über Geschirr. Gläser stießen aneinander. Ein Stuhl wurde über die Dielen geschoben. Die Geräuschkulisse war laut und durchgehend, aber nicht unangenehm.
Paul hob den Kopf und schnupperte in der Luft. Es roch nach gebratenem Fisch und Fett, nach Bier, warmem Holz und einem Hauch von Meerwasser, den jeder der rund zwanzig Gäste vom eisigen Draußen in das nicht weniger kalte Drinnen getragen hatte. Sie saßen auf alle Tische verteilt, mitten im Raum, in die Ecken der Sitzbänke gedrückt, überall: rotgesichtige Männer und Frauen in tropfenden Regenjacken und dicken Pullovern. Alle vertieft in Gespräche, deren Inhalte er nicht verstand. Ab und zu ein leises, aber herzliches Lachen.
Hier gefällt es jedem, dachte Paul.
Vor ihm huschte etwas über den Boden, schlug einen Satz zur Seite und kam dann keuchend auf ihn zugelaufen. Ein kleiner Hund mit rotem Halsband, dem Aussehen nach ein Terrier-Mix mit weißem Fell, tanzte mit gespitzten Ohren zwischen seinen Beinen umher. Aus seiner Schnauze schaute eine blassrosa Zunge heraus.
Paul bückte sich und der Hund leckte ihm über den Handrücken. Dabei wedelte sein Schwanz wild hin und her. Das brachte Paul zum Lächeln.
„Triton“, rief eine kräftige Stimme aus einer Raumecke, und die Silhouette eines hageren Mannes löste sich aus der Dunkelheit. Er war um die sechzig, blickte grimmig drein, und schien über die Bekanntschaft seines Hundes mit einem Fremden nicht besonders erfreut. Auf seinem Nasenrücken thronten zwei große, runde Brillengläser.
„Komm endlich her“, setzte er nach.
Paul richtete sich auf und der Hund flitzte davon.
Hinter der Theke am anderen Ende des Raumes stand ein Mann mit weißblonden Haaren und einem knochigen Gesicht, der einem alten Western entsprungen schien. Er hatte ein Handtuch in der einen und ein Glas in der anderen Hand. Sein Blick fing den von Paul auf, kaum dass die knarrende Tür in seinem Rücken zugefallen und der Hund zu seinem Herrchen hinübergetapst war. Seine schmalen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, dessen Bedeutung nicht ganz eindeutig war.
„Hallo“, sagte Paul.
„Guten Abend“, sagte der Wirt.
Ihm gegenüber saßen zwei Personen auf den Barhockern an der Theke. Eine von ihnen drehte sich um und machte dabei den Blick auf zwei leere Bierflaschen und eine halbvolle Schüssel Erdnüsse frei.
„Der Schreiberling!“ Alma Bruhn hatte die Regenjacke gegen einen dunkelgrünen Strickpullover getauscht und ihre Haare zu einem niedrigen Zopf geflochten. „Setz dich zu uns.“
„Reporter“, erwiderte Paul und durchquerte den Raum.
Der Mann, der neben ihr saß, war jünger als sie, vielleicht Mitte dreißig, mit dunklen Haaren und einem goldbraunen Teint. Er trug unauffällige Funktionskleidung. Als Paul sich neben Alma niedergelassen hatte, hielt er ihm über die Bierflaschen seine Hand hin.
„Ravi Mandal“, stellte er sich vor. „Ich fahre die Touren mit den Wattwagen.“
Paul schüttelte seine Hand. „Paul Falkner. Bekommt man hier etwas zu essen?“
Der Wirt schob ihm eine Speisekarte über die Theke. Alma platzierte ihre Hand darauf. „Er nimmt den Seelachs“, sagte sie und zwinkerte ihm zu.
Paul lächelte gequält und bestellte ein Glas Wasser. Dann öffnete er den Reißverschluss seiner Jacke. Die neugierige Nervosität in seinem Herzen wärmte ihn.
„Machst du uns noch eine Runde?“, fragte Ravi, der Wattkutscher, den Mann hinter der Theke. „Für drei.“
Paul begann sich ein bisschen bevormundet zu fühlen. Er hatte seit fast zwei Jahren keinen Tropfen Alkohol getrunken und plante nicht, hier und jetzt wieder damit anzufangen.
Der Wirt stellte drei volle Bierflaschen und ein großes Glas Wasser auf die Theke. „Ich bin Martin“, sagte er und reichte Paul eine starke rechte Hand. „Martin Harms.“
„Sind Sie der Besitzer?“, fragte Paul. Nur ein einziges Mal huschte sein Blick über die Bierflasche hinweg, die direkt vor ihm stand. Unauffällig schob er sie mit dem Handrücken zur Seite. Das war nicht der richtige Moment, um wieder rückfällig zu werden.
Martin nickte. „Ist schon eine Weile her, seit ich den Laden übernommen habe. Das war vor dem Tod meiner Frau, also müssten es im Februar … siebzehn Jahre sein. Aber ich habe was aus dem alten Schuppen gemacht. Das habe ich wirklich.“
Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verschwand durch eine Schwingtür in der Küche.
Paul sah sich um. Die anderen Gäste hatten ihn mittlerweile bemerkt. Ab und zu warfen sie Blicke zu ihm herüber, weder unfreundlich noch besonders interessiert, und er bemühte sich, allen mit einem höflichen Lächeln zu begegnen. Schließlich war er kein Tourist. Er war nicht hier, um die Landschaft zu bestaunen oder die gute Luft zu genießen. Das konnte nur Fragen aufwerfen.
Triton, der Hund, spazierte vom einen Tisch zum nächsten, hatte jedes heruntergefallene Stück Essbares im Auge und präsentierte sich jeder streichelnden Hand.
Draußen war die Einsamkeit, stellte Paul fest, auf dem Deich und an der Küste und am Hafen, an dem die Boote der Inselbewohner lagen. Hier drinnen war das Leben.
„Ich hoffe, du hast genug Vorräte eingepackt“, sagte Ravi. „Die Leute vom Festland unterschätzen oft, wie einsam es hier sein kann. Und einen Supermarkt kannst du lange suchen. Geschweige denn ein Kino. Oder ein Theater. Oder einen anständigen Puff.“
„Beschwer dich nicht“, warf Alma ein.
„Ist doch wahr. Wenn das Wetter im Winter verrücktspielt … und das wird es, das tut es immer … dann kann man manchmal wochenlang nicht hier weg. Und die Sturmzeit fängt gerade erst an.“
„Wir sind Selbstversorger“, fuhr die Fischerin ihn an. „Das wusstest du, als du hergekommen bist.“
Paul reckte den Kopf. „Du kommst vom Festland?“
Ravi nickte und zog sich auf seinen Hocker zurück. Sein Fremdsein auf der Insel war offensichtlich ein Thema, mit dem er sich nicht gern auseinandersetzte. Auf einen Schlag war seine Redseligkeit verschwunden.
Paul wechselte das Thema. „Gefällt es euch, hier zu leben?“, fragte er, ohne jemanden direkt anzusprechen.
„Es gibt Schlimmeres“, sagte Alma stumpf. „Aber man muss sich daran gewöhnen, dass das Leben hier draußen … anders ist.“
„Wie anders?“
Sie setzte zu einem Augenrollen an, gab aber auf halbem Weg auf. „Sind die Touristen einmal weg, sind wir keine fünfunddreißig Leute. Das sind fast alle, die du hier siehst. Die Isolation … weißt du … die setzt dem einen oder anderen ziemlich zu.“
Paul nahm einen Schluck von seinem Wasser. Es schmeckte warm und abgestanden. Das Bier hätte ihm sicher besser getan. „Was soll das heißen?“
„Überleg mal“, sagte Alma geheimnisvoll. „Wir haben nicht mal eine Polizeistation.“
„Bräuchtet ihr denn eine?“
Almas Miene verdunkelte sich, doch bevor sie etwas sagen konnte, schwang die Tür zur Küche auf. Martin Harms kam mit einem reichlich gefüllten Teller heraus, den er vor Paul auf die Theke stellte. Darauf lag ein gewaltiges Stück Seelachsfilet, goldbraun gebraten, die Ränder knusprig, das weiße Fleisch darunter glänzte. Daneben war eine Portion Bratkartoffeln aufgetürmt, und über allem zog sich eine dünne Spur Senfsauce. Es roch nach Butter und Meer, und Pauls Magen knurrte wieder.
„Bitte sehr.“ Martin legte das Besteck daneben. „Ist keine Haute Cuisine, aber bis jetzt hat sich noch niemand beschwert.“
Paul spürte drei Augenpaare auf sich ruhen und fragte sich, ob er geradewegs in das Aufnahmeritual einer Inselsekte gestolpert war. Aber es wäre sicher einen Artikel wert, also griff er nach seinem Besteck und stopfte sich eine Bratkartoffel in den Mund. Sie war heiß und weich und schmeckte großartig. Er schluckte demonstrativ und bedankte sich bei Martin. Augenblicklich hörte das Starren auf, und er entspannte sich.
„Kommt Judith heute her?“, fragte Ravi den Wirt.
Martins Blick flackerte von Paul zu Ravi und zurück zu Paul. „Meine Tochter“, erklärte er. „Sie übernimmt die Spätschicht. Ravi, bis dahin solltest du … na, du weißt schon … das Weite gesucht haben.“ Er senkte die Stimme, beugte sich vor und sagte zu Paul: „Die beiden sind nicht mehr gut aufeinander zu sprechen. Sein Glück, dass ich nicht nachtragend bin.“
Ravi stand abrupt auf. Der Hocker, auf dem er gesessen hatte, wackelte gefährlich. „Hast du mir was zu sagen?“
Er schien kein Mann zu sein, dem es leicht fiel, sich zu beherrschen. Jedes Wort konnte ein falsches sein.
Aber Martin war darüber weder besonders überrascht noch besorgt. Er griff nach einem neuen Glas, das im Spülbecken an der Wand hinter ihm lag, und begann es abzutrocknen. Seine Gelassenheit war ansteckend.
„Wenn Judith hier ist, habe ich die Gelegenheit, meine Enkelin zu sehen“, erklärte er, wieder mit einem vielsagenden Blick zu Paul. „Lucy ist eine … aufregende kleine Dame. Im April wird sie sechs. Und die braunen Augen hat sie von mir. Kannst du dir vorstellen, dass sie das einzige Kind auf der ganzen Insel ist? Die mussten ja sogar die Schule dicht machen.“
„Kannst du auch mal über etwas anderes reden?“, fragte Alma stöhnend. „Ein einziges Mal?“
Paul kam nicht um den Gedanken herum, dass sie ziemlich einsam sein musste.
Die Fischerin leerte ihr zweites Bier und bestellte sofort ein neues. Dann blickte sie Paul, Ravi und Martin der Reihe nach an. „Wisst ihr, warum der Schreiberling wirklich hier ist?“
„Reporter“, sagte Paul.
Ravi setzte sich wieder. Seine Wut war verraucht. „Wegen der Rusalken“, sagte er und stützte den Kopf in seine Handfläche, als gäbe es nichts auf der großen weiten Welt, das ihn weniger interessierte.
Paul horchte auf und griff in die Tasche seiner Jacke, in der das Diktiergerät lag, doch er entschied sich dagegen, es herauszuholen. Die Leute waren immer gesprächiger, wenn sie davon ausgingen, dass keines ihrer Worte je gegen sie verwendet werden konnte.
„Die Rusalken?“, wiederholte er.
„Ach, tu nicht so“, erwiderte Alma und blies ihm ihren Atem entgegen, eine Mischung aus Bier und Fisch und etwas Frittiertem, das seinen Magen wieder zum Grummeln brachte, und das nicht auf die gute Art.
Paul wechselte die Taktik. Es gehörte zu seinem Beruf, zu wissen, wann es an der Zeit war, die eigene Tarnung fallen zu lassen. Und wenn er Beweise für das Schauspiel suchte, das er hier vermutete, mussten die Leute anfangen, ihm zu vertrauen.
„Stimmt es, dass sie bisher nur von den Touristen gesehen wurden?“, fragte er.
„Kann gut sein“, sagte Martin. „Von den Einheimischen habe ich jedenfalls noch nichts gehört.“
„Ist ja auch alles Schwachsinn“, warf Alma ein.
„Was genau?“, hakte Paul nach. Wieder durchbohrten ihn ein paar Blicke. Er aß noch eine Bratkartoffel und versuchte es beiläufig klingen zu lassen. „Ich würde gern wissen, was an den Geschichten dran ist. Vielleicht ist es gar nichts.“ Er zwang sich dazu, nicht zu ergänzen: „Ich bin mir ganz sicher, dass es nichts ist.“
Alma seufzte und knibbelte abwesend am Etikett ihrer Bierflasche. „Man erzählt sich, dass die Rusalken vor der Küste der Insel auf ein geeignetes Opfer lauern, um es … mit sich in die Tiefe zu ziehen. Etwas in der Art. Geschichten … wie du siehst … die keinen Sinn ergeben. An so was glaubt eh keiner.“
„Und wie sieht so eine Rusalka aus?“
„Wie der schönste Traum, den ein Mensch haben kann“, erwiderte sie. „Dabei ist sie alles andere als das.“
Paul ließ nicht locker. Wer eine Lüge aufdecken wollte, brauchte Beweise. Jederzeit. Immerzu.
„Aber man hat sie gesehen“, sagte er.
Alma riss ein Stück des Flaschenetiketts ab und ließ es zu Boden rieseln. „Niemand hat irgendwas gesehen. Da spazieren nicht einfach irgendwelche Geister über den Friedhof der Namenlosen, um sich auf den nächstbesten Besucher zu stürzen. Das ist Schwachsinn. Sage ich doch.“
„Der Friedhof der was?“
In diesem Moment endete ein Lied, und in der Kneipe wurde es für einige Sekunden still. Dann begannen die Radionachrichten und eine monotone Männerstimme berichtete von aufziehenden Regenwolken am Nordseehimmel. Martin drückte auf einen Knopf, und auf einem anderen Sender begann ein neues Lied. Ein alter Schlager, den Paul schon einmal bei seinen Eltern gehört hatte.
Es war genau so, wie es sich anfühlte: das Ende einer Situation und der Beginn einer neuen.
Alma schien darüber ganz erleichtert zu sein. „Ich für meinen Teil bin gespannt, was du herausfindest. Für den einen oder anderen von uns ist sicher eine Überraschung dabei.“
„So ist es immer.“ Paul zog seinen Geldbeutel aus der Hosentasche, legte ein paar Scheine vor Martin auf die Theke und klopfte zweimal darauf. Den halben Seelachs und ein unangerührtes Bier ließ er stehen. Er war ein bisschen stolz auf sich und seine Beherrschung.
Dann wünschte er den Anwesenden eine gute Nacht.
Der Rückweg zum Hotel kam ihm länger und dunkler vor als früher am Abend. Er setzte die Kapuze auf, kämpfte sich durch den Regen und den Wind, die über die Felder fegten, und freute sich auf ein trockenes Bett in einem beheizten Zimmer. Die Welt erschien ihm dunkler als jemals zuvor.
Mit der Taschenlampe seines Handys beleuchtete er den Weg und hatte ein paar Mal das Gefühl, dass er sich verlaufen haben musste, doch dann tauchte das Hotel vor ihm auf, ganz plötzlich, als wäre es sich seiner Existenz gerade erst wieder bewusst geworden.
Die Rezeption war nicht mehr besetzt, aber niemand hatte die Eingangstür abgeschlossen, und er schlich in den ersten Stock, ohne zu wissen, ob außer ihm überhaupt noch jemand hier war. Auf seinem Zimmer streifte er die Winterjacke ab und hängte sie zum Trocknen in die Dusche. Dann wusch er sich das Gesicht, lehnte die Prothese neben das Bett und fiel mit geschlossenen Augen hinein.
Es kam ihm vor, als wäre er tagelang wach gewesen. Jetzt überfiel ihn der Schlaf wie eine innige Umarmung. Selbst wenn er gewollt hätte, hätte er ihm nicht entkommen können.
Er träumte von einer weiß gekleideten Gestalt, die in der Ferne vor ihm über den Deich wanderte.
Als sie ihn bemerkte, stürzte sie auf ihn zu. Er drehte sich um, um davonzulaufen, doch etwas hielt ihn an Ort und Stelle. Wie am Boden eines Schwimmbeckens, weit unter der Oberfläche eines Wassers, das ihn nicht gehenlassen wollte, wurden die Bewegungen seiner Arme und Beine träge und der Widerstand größer.
Dann hatte sie ihn erreicht. Eiskalte Hände packten ihn an den Schultern und zwangen ihn, ihr in die gesichtslose Miene zu sehen. Er versuchte, sich aus ihrem Griff zu befreien, doch ihre Finger glitten in seine Haut, als sie sich fest gegen ihn presste.
Der Stoff ihres weißen Kleides löste sich wie Nebel auf, floss an seinem Körper hinab, rann in dünnen Rinnsalen durch seine Kleidung. Er riss den Mund auf, um zu schreien, doch sie drang mühelos in seine Kehle und hinderte ihn daran. Wasser füllte seine Luftröhre, seine Brust, und verdrängte die Luft aus seiner brennenden Lunge.
Dunkelheit kroch von den Rändern seines Blickfeldes heran, und tosende Wellen rauschten in seinen Ohren. Er ruderte mit den Armen, riss den Kopf hoch und schnappte nach Luft.
Dann wurde die Welt um ihn herum schwarz.