Leseprobe Sturm der Entscheidung | Die historische Familiensaga im 20. Jahrhundert

Kapitel 1

München, Sonntag, 6. November 1932

Hermann zog den Mantel enger. Seit ein paar Tagen war es ungemütlich kalt geworden. Sie hatten einen herrlichen Oktober hinter sich. Die Bäume im Englischen Garten hatten in allen Farben im prächtigen Licht einer erstaunlich warmen Sonne gestrahlt. Doch als ob das Wetter sich auf die Gewichtigkeit der politischen Ereignisse einstellen wollte, war es in den Tagen vor der Wahl gekippt. Zuerst hatte es nur genieselt, aber dann waren Herbststürme durchs Land gezogen, die die letzten Blätter von den Bäumen gerissen hatten. Es regnete. Und es war frisch.

Hermann hielt sich den Schirm über den Kopf. Von den Seiten tropfte das Wasser herab und er musste achtgeben, dass es nicht die Leute bespritzte, die vor und hinter ihm in der Schlange warteten. War es ein gutes Zeichen, dass so viele gekommen waren? Das konnte man sehen, wie man wollte. Je nachdem, wo diese Leute ihr Kreuz machen würden.

„Hermann, grüß dich“, hörte er eine ihm wohlbekannte Stimme sagen. Er lehnte den Schirm etwas zurück, was dazu führte, dass ein kleiner Wasserschwall zu Boden schwappte. Hinter sich hörte er einen Fluch. Hermann murmelte eine Entschuldigung, dann wandte er seine Aufmerksamkeit dem Neuankömmling zu, der ihn gegrüßt hatte. Johann von Linden war ein wenig fülliger geworden in den letzten Jahren. Seine Stirn war von tiefen Furchen durchzogen, sein Gesicht bleich. Hermann konnte es ihm nicht verdenken. Auch er lag nachts oft wach. Deutschland hatte ihn um den Schlaf gebracht.

„Grüß dich, Johann, kommst du deiner Bürgerpflicht nach?“

Johann seufzte. „Ich habe es immer als ein Privileg gesehen, auf das ich stolz sein kann. Aber die letzten Male war es eher eine Quälerei. Und mir graut vor dem Ausgang der heutigen Wahl.“

„Mir geht es ebenso. Ich hoffe, dass die Nationalsozialisten nicht weiter wachsen. Das Wahlergebnis im Sommer war ein Schock.“

„Das kann man so sagen. Ich mag von Papen nicht, aber man kann ihm immerhin anrechnen, dass er nicht eingeknickt ist. Er hat Hitler nicht in die Regierung aufgenommen. Hoffentlich bleibt es dabei.“

„Nun ja“, entgegnete Hermann, „aber Hitler hat es ihm mit Blut vergolten. Die Gewalt nimmt immer mehr zu. Ich hoffe, dass die Nazis keinen Bürgerkrieg provozieren.“

„Und genau wegen diesem defätistischen Geschwätz ist es wichtig, dass Herr Hitler die Wahl gewinnt“, sagte eine Stimme in Hermanns Rücken.

Er wandte sich um und erwartete, sich einem Braunhemd gegenüber zu sehen. Aber der Mann trug keine SA-Uniform, sondern einen dunklen Anzug. Er war ordentlich gekämmt und rasiert und wäre am Schalter der von Lampeck’schen Privatbank keineswegs deplatziert gewesen.

„Das möge Gott verhüten“, sagte Johann.

Auf dem Gesicht des Mannes erschien ein Grinsen. „Gott hat Herrn Hitler gesandt. Das ist doch offensichtlich. Den Altparteien ist es nicht gelungen, Ordnung herzustellen und nach dem schmachvollen Frieden, den uns unsere Feinde aufgezwungen haben, den vielen Entbehrungen der letzten Jahre und dann noch diesem Wirtschaftskrieg, mit dem uns die Amerikaner überziehen, ist es irgendwann einmal genug. Die Kommunisten marschieren frech über die Straßen. Keiner gebietet ihnen Einhalt. Auch von Papen ist überfordert. Es braucht jemanden, der mit harter Hand durchgreift. Jemanden, der eine Vision von Deutschland hat, jemanden, dem unser Vaterland heilig ist.“

„Und diese Erlöserfigur soll ein Mann sein, der seine SA-Grobiane durch die Straßen schickt, um unbescholtene Bürger einzuschüchtern?“, fragte Hermann.

Wieder war da dieses überlegene Lächeln auf dem Gesicht des Mannes. „Die SA nimmt sich der Juden, der Sozialisten und der Kommunisten an. Das sind keine unbescholtenen Bürger, sondern Verbrecher. Denen gehört es nicht anders.“

„Nun, Sie wissen schon, dass auf politische Gewalttaten inzwischen die Todesstrafe steht?“, fragte Hermann.

Der Mann winkte ab. „Man hat in Schlesien gesehen, wie ernst das gehandhabt wird. Nein, das ist schon recht so. Ich hoffe, dass die SA mit eisernem Besen aufräumt, wenn Herr Hitler erst an der Macht ist. Meine Stimme hat er sicher.“

Hermann wollte etwas erwidern, da spürte er Johanns Hand auf seinem Unterarm. Er wandte sich seinem Freund zu und dieser schüttelte unmerklich den Kopf. Hermann seufzte. Johann hatte ja recht. Es war sinnlos, weiter zu diskutieren. Der Mann würde seinen Standpunkt nicht ändern. Das hatte er in den letzten Wochen und Monaten nur allzu oft erlebt. Wann immer er eine politische Diskussion geführt hatte, waren er und sein Gegenüber an einen Punkt gekommen, an dem die Fakten keine allzu große Rolle mehr spielten. Und diese waren zugegebenermaßen schlimm genug. Die Weltwirtschaftskrise hatte die Arbeitslosenquote in unvorstellbare Höhen geschraubt. Armut war eines der drängendsten Themen. Die Reichsregierung war überfordert, versuchte einen eisernen Sparkurs durchzusetzen, der Hermanns Meinung nach alles nur weiter verschlimmert hatte. Da keine Partei und keine Koalition mehr über die Mehrheit verfügten, war der Reichskanzler Brüning unterstützt von Reichspräsident von Hindenburg dazu übergegangen, mittels Präsidialerlassen zu regieren. Das Parlament war entmachtet worden. Und die Parteien an den Rändern, die Nationalsozialisten und die Kommunisten wetzten die Messer. Die politische Gewalt war explodiert. Hunderte von Menschen waren ums Leben gekommen, und die militärischen Organisationen, die die Parteien aufgebaut hatten, lieferten sich regelrechte Kleinkriege mit Schießereien und Messerstechereien. Die Gefahr, dass dies alles in einem Bürgerkrieg enden würde, war real. Und ein Wahlsieg von Hitler würde die Situation zuspitzen. Aber die meisten Leute, mit denen Hermann sich darüber unterhielt, sahen das ganz anders. Für sie war Hitler eine Art Gesandter Gottes. Ein untadeliger, selbstloser Mensch, der auserwählt war, das deutsche Volk zu retten. Sie ließen nichts über diesen Mann kommen. Und sie unterstellten ihm hehre Motive.

„Wir wären nicht an diesem Punkt, wenn die bayerische Justiz 1924 ihre Arbeit gemacht und Hitler nach seinem missglückten Putsch für Jahrzehnte weggesperrt hätte“, knurrte Hermann.

„Oder wenn dieser Hitler wie einer von Millionen anderer junger Männern in den Schützengräben geblieben wäre“, ergänzte Johann. „Es ist fruchtlos, dieses Was-wäre-wenn-Spiel. Wir können nur hoffen, dass er nicht als Sieger aus dieser Wahl hervorgehen wird. Denn ich befürchte, dass wir dann harten Zeiten entgegentreiben.“

„Die Nazis wetzen schon die Messer, um alle zu bestrafen, die sich ihnen jemals entgegengestellt haben. Ob es uns auch treffen wird? Schließlich haben wir Hitler damals den Kredit verweigert, mit dem er seinen Putsch finanzieren wollte.“

Johann legte Hermann die Hand auf die Schulter. „Das war eine gute Entscheidung. Ich weiß nicht, ob es dazu beigetragen hat, dass wir wenigstens ein paar Jahre Ruhe vor diesen Menschen gehabt haben, aber es war wichtig und es war richtig. Ich würde wieder so handeln.“

Sie betraten das Gebäude. Ein Wahlhelfer hakte Hermanns Namen auf einer List ab und händigte ihm einen Wahlschein aus.

„Nun, dann mach mal dein Kreuz an der richtigen Stelle“, sagte Johann, ehe sie in Richtung der Kabinen gingen.

***

„Puh, ist das kalt“, sagte Elsa und rieb sich die Hände.

„Bei der letzten Wahl war es warm. Das hat auch nicht dazu geführt, dass das Ergebnis besser ausgefallen wäre“, sagte Hilde.

„Diese vermaledeiten Nazis“, knurrte ihre Mutter.

Hilde sah sich verstohlen um. Ein Mann in der Reihe hinter ihnen schien Elsas Verwünschung gehört zu haben. Er runzelte die Stirn. Doch er sagte nichts und dafür war sie ihm dankbar. Sie hatte keine Lust auf politische Diskussionen. Davon hatte sie schon zu Hause genug.

„Ja, Schwesterherz, schön dich zu sehen“, rief Elsa.

Hilde wandte sich um und sah zwei Frauen auf sich zukommen. Als sie die ernsten Mienen ihrer Tante Isolde und deren Lebensgefährtin Lotte sah, verschwand das anfängliche Lächeln von ihrem Gesicht. Die Frage: ‚Was ist?‘, lag auf ihren Lippen, obwohl sie wusste, was los war.

„Guten Morgen, Elsa, guten Morgen, Hilde“, sagte Isolde. Sie umarmten sich kurz. Lotte war bleich. Sie nickte ihnen knapp zu.

„Dann wollen wir einmal hoffen, dass die Wahl gut ausgeht“, sagte Hilde.

Lotte schnaubte. „Gut ausgehen? Ich weiß nicht, welche Resultate ich mir wünschen sollte. Wir können nur mehr vom selben erwarten. Die Nazis werden vielleicht sogar Stimmen dazu gewinnen. Und das wird Hitlers Anspruch auf die Reichskanzlerschaft weiter untermauern. Ich befürchte das Schlimmste.“

Hilde sah Isolde an. Deren Augen glänzten. Es tat ihr in der Seele weh, ihre Tante in diesem Zustand zu sehen. Wahrscheinlich machte sie sich unentwegt Sorgen um Lotte, eine stadtbekannte Sozialistin, die erst vor wenigen Monaten wieder nach München zurückgezogen war, nachdem eine SA-Schlägertruppe ihren Berliner Teeladen so gründlich dem Erdboden gleich gemacht hatte, dass an einen Wiederaufbau nicht zu denken gewesen war.

„Ich weiß nicht, wie es werden soll“, sagte Isolde knapp. „Ich hätte nie gedacht, dass sich Deutschland so verändern könnte.“

„Das ist der unselige Einfluss des amerikanischen Kapitals“, sagte Lotte. Hilde sah sich wieder um. Der Mann hinter ihnen in der Reihe runzelte erneut die Stirn. Er legte die Arme vor der Brust ineinander und sah so aus, als ob er darauf brannte, sich in ihr Gespräch einzuschalten.

Isolde legte ihrer Lebensgefährtin die Hand auf den Unterarm. „Du solltest achtgeben, was du wo sagst“, sagte sie.

Lotte schnaubte. „So weit ist es also schon gekommen? Ich muss achtgeben, was ich sage? Wir waren einmal ein freies Land. Ich erinnere mich gut an die ersten Monate 1918 und 1919, ehe es bergab ging, ehe die Freikorps unsere Revolution zusammengeschossen haben. Das waren Zeiten. Seitdem wurde es nicht besser. Ein Jammer, dass wir Linken so zerstritten sind. Wir hätten wirklich eine Chance gehabt, etwas aus diesem Land zu machen. Stattdessen haben wir durch unsere ewigen Streitereien die Rechten nur stärker gemacht. Und nun haben wir den Salat. Hitler wird nach der Macht greifen.“

„Und das ist auch gut so“, sagte der Mann hinter ihnen, aus dem es herausbrach wie aus einem Damm, der einen vollgelaufenen See nicht mehr halten kann.

Hilde sah erschrocken zu Lotte hin. Diese kniff die Augen zusammen. Ihre Unterlippe zitterte. Isolde legte ihr eine Hand auf den Unterarm und schüttelte leise den Kopf.

„Wir sollten uns hinten in der Schlange anstellen“, sagte sie, nickte Elsa und Hilde zu und führte ihre Lebensgefährtin langsam von dem Mann weg, der ihnen einen bösen Blick zuwarf.

„Sie werden Ihr Kreuz bei den Nationalsozialisten machen?“, sagte Elsa zu dem Mann und Hilde spürte, wie ihr der Atem stockte. Wollte ihre Mutter jetzt da anknüpfen, wo Lotte aufgehört hatte?

„Ja, natürlich. Wir brauchen einen starken Mann. Die Situation in unserem schönen Vaterland ist unerträglich.“

„Was erhoffen Sie sich von Herrn Hitler?“

„Dass er mit den Kommunisten aufräumt. Und den Juden. Und dann kann Deutschland wieder gedeihen. Er wird die Bauern stärken, jeder, der arbeiten will, wird Arbeit bekommen.“

Elsa legte den Kopf schief. „Ich bin Unternehmerin. Ich habe mir das Wahlprogramm der Nationalsozialisten durchgelesen. Und, seien Sie versichert, ich habe nichts darin gefunden, was mich als wirtschaftlich denkenden Mensch in irgendeiner Form begeistert hätte. Mal ganz abgesehen davon, dass viele der besten Köpfe in Wirtschaft und Wissenschaft jüdischer Herkunft sind.“

Der Mann verzog das Gesicht. „Wenn Hitler an die Macht kommt, werden Frauen keine Wirtschaftsbetriebe mehr führen.“

Hilde hielt den Atem an. Was für eine Frechheit. Doch ihre Mutter schmunzelte.

„Das werden wir ja sehen“, sagte sie und wandte sich um.

Sie betraten das Gebäude und erhielten ihre Wahlzettel ausgehändigt. „Mach dein Kreuz an der richtigen Stelle“, raunte ihre Mutter ihr zu.

Kapitel 2

München, Montag, 7. November 1932

Hilde war vollkommen durchgefroren. Sie hatte mit ihrer Mutter einen Spaziergang in die Stadt unternommen. Es hatte gut getan, den düsteren Gedanken zu entfliehen und frische Luft zu atmen. Aber die Kälte war ihr bis in die Knochen gekrochen.

„Ich sage den Mädchen, dass sie uns einen Kaffee aufbrühen sollen. Und vielleicht noch eine Kanne Tee“, sagte Elsa und ging in Richtung Küche davon. Hilde zog ihren Mantel und ihre Handschuhe aus und übergab sie dem Butler, der sie in die Garderobe hängte. Dann betrat sie den Salon und zu ihrer Überraschung saß ihr Sohn am Tisch. Paul war inzwischen beinahe so groß wie sie. Schlank, aber kräftig. Er kam so sehr nach seinem Vater, sowohl vom Aussehen als auch vom Charakter her, dass es Hilde manchmal schmerzte, in anzusehen. Und doch war dieser Schmerz nur noch von kurzer Dauer und nicht mehr so intensiv wie früher. Die letzten Jahre hatte sich einiges verändert.

„Was machst du hier?“, fragte sie ihren Sohn. Jetzt erst sah sie, dass er sich zurechtgemacht hatte. Er trug eine Hose und ein Hemd, darüber eine Weste.

„Bernhard und Theodor holen mich gleich ab“, sagte Paul.

Hilde runzelte die Stirn „Bernhard und Theodor? Was habt ihr vor? Das Wetter ist grausig.“

Paul zuckte mit den Achseln. „Das ist mir gleichgültig. Wir werden uns nicht draußen aufhalten.“

Er sah sie herausfordernd an. Seine braunen Augen blitzten. Wo waren nur die letzten Jahre hin? Vierzehn war er nun. Schon bald würde er erwachsen sein. Und dann?

„Wo geht ihr denn hin?“, hakte Hilde nach.

„Im Paulanerkeller ist eine Veranstaltung der NSDAP. Gregor Strasser wird dort sprechen.“

Hilde spürte, wie sich eine eiskalte Faust um ihre Kehle legte.

„Du bist viel zu jung für eine politische Veranstaltung. Und dann noch bei den Nazis? Nein, du bleibst zu Hause. Das kann ich nicht zulassen“, rief sie.

Sie sah, dass eine feine Röte das Gesicht ihres Sohnes überzog. Sie kannte das. Es war der Vorbote für einen seiner Wutanfälle. Sie wusste nicht, ob diese Reizbarkeit Teil seiner Persönlichkeit war oder ob sie der Tatsache geschuldet war, dass er in die Pubertät kam. Die Gewitter, die aufzogen, wenn etwas gegen Pauls Willen ging, waren heftig. Und sie konnten erstaunlich lange anhalten. Wie bei einem Wetterwechsel gab es auch hier Frühwarnzeichen. Anstelle eines fernen Donnergrollens war es die Röte ins Pauls Gesicht, gefolgt von den Lippen, die er so fest aufeinander kniff, dass sie weiß wurden.

„Oh, doch, ich werde dort hingehen. Das verbietest du mir nicht.“

Hilde verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich bin immer noch deine Mutter. Und ich habe das Sagen, bis du volljährig bist. Das wird ja glücklicherweise noch einige Jahre dauern.“

Paul schlug so hart mit der flachen Hand auf den Tisch, dass die Vase aus Muranoglas in der Mitte klirrte. „Ich weiß, was ich tue. Ich weiß, was ich will. Und ich weiß, was gut für mich ist. Und ich lasse mir nicht verbieten, zu dieser Veranstaltung zu gehen.“

„Was sagen die Eltern von Bernhard und Theodor dazu, dass ihre Söhne zu einer Veranstaltung der Braunhemden gehen?“

„Es heißt Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Die Braunhemden sind die Mitglieder der SA“, herrschte ihr Sohn sie an.

Hilde zuckte mit den Achseln. „Das ist mir einerlei. Aber du hast meine Frage nicht beantwortet. Was sagen denn die Eltern von Bernhard und Theodor dazu, dass ihre Söhne an einer Veranstaltung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei teilnehmen wollen?“

„Im Gegensatz zu dir freut Theodors Vater sich darüber, dass sein Sohn sich für Politik interessiert. Er begleitet uns sogar zu dem Vortrag, du brauchst dir also keine Sorgen machen. Wir sind in Begleitung eines Erwachsenen.“

„Und wie sieht es bei Bernhard aus?“

Paul kniff erneut die Lippen aufeinander. „Sein Vater ist Sozialist. Er wollte es ihm verbieten, uns zu begleiten. Aber Bernhard lässt sich nichts mehr von ihm sagen. Und da hat er recht.“

Hilde wollte etwas erwidern, doch in diesem Augenblick öffnete sich die Tür. Sie erwartete, dass ihre Mutter eintreten würde, aber stattdessen war es Leonhard. Er lächelte, trat auf sie zu und küsste sie auf die Stirn. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass ihr Sohn die Augen verdrehte.

„Grüß dich, Paul“, sagte Leonhard.

Paul grummelte etwas Unverständliches. Leonhard warf Hilde einen fragenden Blick zu. Sie schüttelte nur den Kopf und wandte sich ihrem Sohn zu. „Du gehst jetzt auf dein Zimmer. Und wehe, du versuchst, dich heimlich aus dem Haus zu schleichen. Dann bekommst du Stubenarrest. Und zwar einen ganzen Monat lang.“

Paul erhob sich, warf seiner Mutter einen vernichtenden und Leonhard einen hasserfüllten Blick zu, dann ging er aus dem Salon und schlug die Türe so kräftig hinter sich zu, dass die Gläser im Spiegelschrank vibrierten.

„Was ist denn los?“, fragte Leonhard.

Hilde seufzte. „Er wollte zu einer Veranstaltung der Braunhemden.“

„Nun, wenn Hitler tatsächlich Reichskanzler wird, kann es nicht schaden, sich gut mit denen zu stellen.“

Hilde zog eine Augenbraue nach oben. „Das ist hoffentlich nicht dein Ernst, oder?“

Er zuckte mit den Achseln. „Doch. Aber ich hoffe, dass es nie soweit kommen wird.“

***

Hermann klappte seinen Schirm zu. Es hatte zu regnen aufgehört. Er schüttelte das Gewebe einmal kräftig, dann schloss er ihn und nutzte ihn als Gehstock. Das Leder des Griffs fühlte sich geschmeidig an. Da hatte Hilde ganze Arbeit geleistet. Nachdem sie vor ein paar Jahren mitten in der größten Wirtschaftskrise, die die Welt je gesehen hatte, die Leitung der Firma übernommen hatten, hatten sich ihnen neue Märkte erschlossen. Hilde hatte eine lange Liste von Alltagsgegenständen erstellt, mit denen sie ihre Produktpalette erweitern konnten, nachdem klassische Lederwaren im Zuge der Weltwirtschaftskrise deutlich weniger gefragt waren als zuvor. Und so hatten sie begonnen, neben Schirmen auch Regenmäntel, Schuhe und Schürzen herzustellen. Trotz der Krise hatten diese Produkte dazu beigetragen, die Finanzlage der Firma einigermaßen stabil zu halten. Der betriebswirtschaftliche Teil lag in Hermanns Verantwortung, die Gestaltung dagegen dagegen in den Händen seiner Schwester. Sie hatte viel Zeit und Mühe auf das Design des Schirmes verwendet. Er war günstig, aber hochwertig verarbeitet, in der Bedienung durchdacht und erstaunlich leicht. Sie hatten …

Über diesen Gedanken wäre er beinahe am Eingang der Schule vorbeigegangen. Er hielt inne und schüttelte den Kopf. In letzter Zeit war ihm das schon öfter passiert. Wahrscheinlich lag es daran, dass es so vieles gab, worüber er sich Sorgen machen konnte. Die Welt war ein Irrenhaus. Und Hermann hatte das Gefühl, einer der Insassen zu sein.

Er hörte das gedämpfte Schlagen der Schulglocke. Gleich würde seine Tochter heraus stürmen. Vor ein paar Jahren wäre sie direkt auf ihn zugerannt, er hätte die Arme ausgebreitet, sie hätte sich hineingeworfen und er hätte sie herumgewirbelt. Aber auch Erika war älter geworden. Er freute sich, dass sie es nach wie vor nicht nur zuließ, sondern aktiv einforderte, dass er sie umarmte und an sich drückte. Aber herumgewirbelt wollte sie nicht mehr werden.

Das Tor der Schule öffnete sich. An Erikas Stelle trat eine schwarz gekleidete Person heraus. War das nicht eine der Lehrerinnen? Wie hieß sie gleich? Verdammt, warum hatte er nur so ein schlechtes Namensgedächtnis?

„Guten Tag, Herr von Lampeck. Haben Sie kurz Zeit?“

„Was gibt es denn?“, fragte er.

„Vielleicht können wir das drinnen im Schulgebäude besprechen?“, sagte die Frau. Meyer. Oder Müller? Herrje. Er folgte ihr und sie führte ihn in den ersten Stock des Gebäudes in einen leeren Klassenraum.

„Wo ist Erika?“, fragte er.

„Dazu kommen wir gleich“, sagte die Lehrerin. Hermann spürte, wie sein Herz schneller schlug. Was war hier los?

„Es ist gut, dass Sie persönlich vorbeigekommen sind, um Ihre Tochter abzuholen. Sonst hätte ich nach Ihnen geschickt. Es hat sich heute ein Vorfall ereignet, der auf mich und auch auf viele Schülerinnen sehr verstörend gewirkt hat. Aufgrund dieses Vorfalls hat Ihre Tochter eine Strafe bekommen. Sie muss nacharbeiten.“

Hermann lehnte sich zurück und atmete tief durch. Was sollte das denn bedeuten? Seine Tochter war niemand, der zu Streichen oder Scherzen aufgelegt war. Sie wollte keinem etwas Böses. Sicher hatte sie sich nicht in eine Prügelei hineinziehen lassen. Gab es das überhaupt an einer Mädchenschule?

„Was ist geschehen? Was werfen Sie Erika vor?“

Die Lehrerin nestelte an einer Kette um ihren Hals herum. Ein kleines Kruzifix hing daran. Ihre Knöchel waren weiß und Hermann befürchtete kurz, dass sie zu fest zudrücken und die Christusfigur vom Kreuz reißen würde. Doch das Material hielt stand.

„Ihre Tochter hat eine Mitschülerin zu einer politischen Diskussion verleitet.“

Hermann zog eine Augenbraue nach oben. „Ist das verboten?“

„Nun, sagen wir es einmal so: Grundsätzlich stellt sich natürlich die Frage, ob sich vierzehnjährige Mädchen mit dieser Thematik beschäftigen sollten oder gar können. In diesem Alter sollten sie sich anderen Beschäftigungen widmen. Handarbeit zum Beispiel.“

Hermann unterdrückte ein Grinsen. Er stellte sich vor, wie seine Tochter an einer Stickerei verzweifelte. Sie hatte nichts von der künstlerischen Ader ihrer Tante oder ihrer Großmutter geerbt. Das war nicht schlimm, sie war dafür sehr musikalisch, spielte exzellent Oboe und hatte eine ausgezeichnete Singstimme.

„Nun, was ist denn schlimm daran, wenn junge Menschen sich für Politik interessieren? Sie sind schließlich unsere Zukunft. Da sollten sie frühzeitig lernen, wie unsere Gesellschaft funktioniert, meinen Sie nicht?“

Die Lehrerin schürzte die Lippen. „Wir lehren junge Mädchen, wie unsere Gesellschaft funktioniert, darauf können Sie sich verlassen. Und aus diesem Grund ist es nicht zu unterstützen, wenn diese jungen Dinger denken, sie könnten daherreden wie alte Männer. Vor allem, wenn sie von Politik offenbar wenig verstehen.“

„Ich führe oft politische Diskussionen mit meiner Tochter. Und ich bin tatsächlich erstaunt, wie gut sie die politischen Zusammenhänge durchschaut. Sie liest jeden Morgen die Zeitung, wussten Sie das?“

Die Lehrerin nickte. „Nun, das erklärt einiges.“

„Wollen Sie mir nicht endlich einmal verraten, was meiner Tochter vorgeworfen wird? Sie hat eine politische Diskussion vom Zaun gebrochen. Ich finde nicht, dass man dafür eine Strafarbeit aufgebrummt bekommen sollte.“

„Die Strafarbeit hat sie bekommen, weil sie die Eltern mehrerer Mitschülerinnen beleidigt hat.“

„Wie hat sie das denn angestellt?“

„Sie hat gesagt, ich zitiere wörtlich: ‚Wenn eure Väter die Nazis wählen, dann sind sie dumm.‘“

Hermann lehnte sich zurück. Er runzelte die Stirn. „Nun, das ist eine sehr klare Aussage. Aber ich finde es nicht beleidigend, sondern treffend. Leute, die die Nazis wählen, sind meines Erachtens nicht besonders hell.“

Er sah sofort, dass er einen Fehler begangen hatte, denn das Gesicht der Lehrerin lief knallrot an. Hatte sie Hitler etwa auch ihre Stimme gegeben?

„Das mögen Sie so sehen“, erwiderte sie schnippisch. „Trotzdem ist es eine Beleidigung. Und deshalb wird Ihre Tochter bestraft. Reden Sie mit ihr, das darf nicht mehr vorkommen.“

„Ich werde mit ihr reden. Und ich werde sie ausdrücklich dafür loben, dass sie ihre Meinung vertritt. Wir leben in einer Demokratie und hier herrscht Redefreiheit. Von diesem Recht soll meine Tochter reichlich Gebrauch machen. Ich werde sie jetzt mitnehmen.“

„Sie ist noch nicht fertig mit ihrer Strafarbeit“, erwiderte die Lehrerin.

Hermann erhob sich. „Das ist mir gleichgültig. Ich nehme sie mit. Und Sie werden in Zukunft darauf verzichten, ihr aus derart abstrusen Gründen Strafarbeiten aufzuerlegen. Sonst werden wir uns eine andere Schule suchen.“

Er sah die Lehrerin herausfordernd an. Zuerst befürchtete er, dass sie ihm widersprechen würde, aber dann erhob sie sich und ging voran zu einem Klassenraum. Erika saß an einem Tisch und schrieb etwas in ein Heft. Als sie ihren Vater kommen sah, weiteten sich ihre Augen.

„Du bist hier fertig“, sagte er.

Sie legte den Stift beiseite, packte ihr Federmäppchen ein und steckte es in ihren Schulranzen. Ihr Vater nahm ihn, er nickte der Lehrerin zu, die die Lippen aufeinanderpresste, dann gingen sie hinaus.

„Es tut mir leid, Papa“, sagte Erika, als sie das Schulgelände hinter sich gelassen hatten.

„Dir braucht gar nichts leidzutun, mein Schatz“, erwiderte Hermann.

Kapitel 3

München, Dienstag, 8. November 1932

Hilde faltete die Zeitung zusammen und legte sie auf den Tisch. Sie wusste nicht, wie sie aus den Ergebnissen der Reichstagswahl schlau werden sollte. Die Nationalsozialisten hatten Stimmenanteile verloren. Das war schon einmal gut, die Partei hatte ihren Triumphzug vom Sommer nicht fortsetzen können. Trotzdem hatte sich an der politischen Situation nichts Grundsätzliches geändert. Nach wie vor hatten die Nazis 33 Prozent der Stimmen erhalten. Die Kommunisten hatten dazugewonnen und kamen nun auf knapp 17 Prozent. Zwischen diesen beiden Blöcken wurden die Parteien in der Mitte eingequetscht.

Wahrscheinlich würde sich die Reihe präsidialer Kabinette fortsetzen und von Papen würde Reichskanzler bleiben. Hauptsache, Hitler kam nicht an die Macht. Hilde sah auf die Uhr. Es war halb zwölf. Sie trat hinaus in den Flur, wo bereits der Butler auf sie wartete, der ihren Mantel hielt. Sie schlüpfte hinein, er reichte ihr die Handschuhe und sie zog sie an. Es klingelt an der Tür. Der Butler öffnete und Leonhard trat ein. Der Anwalt ihres Bruders, mit dem sie seit nunmehr drei Jahren eine Liebesbeziehung verband, hielt einen Blumenstrauß in der Hand. Wo er den wohl aufgetrieben hatte um diese Jahreszeit?

„Du siehst bezaubernd aus“, sagte er.

„Dankeschön, das höre ich immer gern. Aber wenn du mich ins Vier Jahreszeiten ausführst, sollte ich mich wohl auch ein wenig schick machen.“

Er lächelte und Hilde spürte, wie ihr das Herz leicht wurde. Bei all dem Schlimmen, was in der Welt geschah, war dieses Lächeln ihre einsame Insel, die fernab von allen Wirren und politischen Katastrophen lag.

Er reichte ihr den Arm und sie gingen gemeinsam hinaus zu seinem Auto. Sie fuhren durch München.

„Was sagst du zum Wahlergebnis?“, fragte sie ihn.

„Die Zahlen haben sich im Vergleich zum Sommer nicht wesentlich verändert, oder? Es wird so weitergehen wie bisher.“

Hilde runzelte die Stirn. „Das scheint dich seltsam wenig zu berühren“, sagte sie.

„Natürlich berührt es mich, dass Deutschland gerade durch eine sehr instabile Phase geht. Die Weltwirtschaftskrise hat unser Land in den Grundfesten erschüttert. Aber es scheint wieder aufwärtszugehen. Es gibt Licht am Horizont. Die wirtschaftliche Lage verbessert sich, und bald werden wir auch weniger Arbeitslose haben. Und ich denke, dass spätestens dann Hitlers Stern aufhören wird, zu leuchten. Wenn die Leute Arbeit haben und genügend verdienen, um nicht mehr um ihr tägliches Brot betteln zu müssen, war es das mit der Erfolgssträhne der Nationalsozialisten.“

„Deinen Optimismus möchte ich haben“, sagte Hilde.

„Und vielleicht wäre ich ganz gut beraten, wenn ich ab und zu etwas von deinem Sinn für Realität besäße. Aber als Anwalt ist eine optimistische Grundeinstellung von Vorteil, manchmal sind die Fälle schon ganz schön vertrackt.“

„Wie läuft es denn in der Kanzlei?“

„Ich bin froh, dass ich mich auf Wirtschaftskriminalität spezialisiert habe. Deinem Bruder verdanke ich viel, er empfiehlt mich weiter und ich habe seriöse und zahlungskräftige Klienten. Viele Kollegen vertreten hauptsächlich Schläger aus den Reihen der Nazis oder der Kommunisten. Auch das ist Arbeitsbeschaffung für Anwälte. Aber ich bin froh, dass ich mich darum nicht kümmern muss.“

Und schon waren sie wieder beim Thema. Gut, sie hatte es selbst aufgeworfen, aber ihr Versuch, davon abzulenken, hatte sie erneut zurückgeführt. Die politische Situation war allgegenwärtig. Sie war bedrückend. Und sie wusste nicht, ob es einen Ausweg daraus gab.

„Wie geht es Paul?“, fragte Leonhard.

Hilde rollte mit den Augen. „Er spricht nicht mehr mit mir. Aber das wird auch wieder vergehen.“

„Weil du ihm verboten hast, zu dieser Veranstaltung der Nationalsozialisten zu gehen?“

„Ich weiß nicht, warum er einen Narren an diesem Herrn Hitler gefressen hat und ich hoffe, dass du recht behältst, dass der wirtschaftliche Aufschwung dazu führt, dass ihm die Wähler weglaufen. Vielleicht wird auch Paul ihm dann die Gefolgschaft kündigen.“

„Ich kann mir vorstellen, dass die Braunhemden für einen jungen Mann attraktiv sein können.In der Hitlerjugend machen sie viele Ausflüge, es gibt Zeltlager, und regelmäßig packen sie die Gulaschkanone aus.“

„Und sie tragen ihre Uniformen und singen das Loblied auf Hitler. Das ist Menschenfischerei“, sagte Hilde.

„Natürlich ist es das. Aber es funktioniert. Da könnten sich die anderen Parteien einmal eine Scheibe abschneiden.“

„Die Kommunisten machen es genauso.“

„Aber es muss ja einen Grund geben, warum dein Sohn zu den Nazis will und nicht zu den Kommunisten.“

Hilde kniff die Lippen aufeinander. Es war eine Frage, die sie sich schon oft gestellt hatte. Ihr Sohn kam so sehr nach seinem Vater, auch wenn Paul Ludwig ein eingefleischter Kommunist gewesen war. Er hatte für die Gleichheit aller Menschen gekämpft, war für eine klassenlose Gesellschaft eingetreten. Und er hatte seine Ideale mit dem Leben bezahlt. Dass sein Sohn sich nun für eine Partei begeisterte, die am entgegengesetzten Ende des politischen Spektrums lokalisiert war, war eine äußerst bittere Pille, von der sie nicht wusste, wie sie sie schlucken sollte.

Das Auto hielt vor dem Hotel Vier Jahreszeiten. Leonhard ließ den Motor laufen, stieg aus und reichte Hilde seinen Arm. Der bereitstehende Portier fuhr den Wagen auf den Parkplatz.

„Ich habe immer ein wenig Angst, dass einer der Hotelangestellten irgendwann einmal mit meinem Horch durchbrennt“, sagte Leonhard. Hilde musste grinsen. Er schaffte es immer wieder, sie von ihren grauen Gedanken abzulenken. Sie gab ihren Mantel an der Garderobe ab und gemeinsam betraten sie den Gastraum. Kurz darauf saßen sie an einem festlich gedeckten Tisch und Hilde studierte die Karte. Sie entschied sich für den Sauerbraten, Leonhard nahm die Forelle.

„Und jetzt verrate es mir“, sagte sie. „Aus welchem Grund führst du mich heute aus? Hast du ein großes Mandat bekommen?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, es hat einen ganz anderen Grund.“

Er sah sie an und Hilde spürte, wie ihr Herz schneller zu schlagen begann. Sie ahnte, was nun folgen würde, aber sie war trotzdem nicht auf diesen Moment vorbereitet.

„Ich wollte dich fragen, ob du dir vorstellen könntest, meine Frau zu werden.“

***

Hermann saß im Salon des Palais und war gerade dabei, seine Klarinette gründlich zu putzen. Das Instrument hatte nun auch schon vierzehn Jahre auf dem Buckel, aber er liebte es nach wie vor, darauf zu spielen. Es war in letzter Zeit immer schwieriger geworden, eine Jazzband aufzutreiben, die seinen Ansprüchen genügte, aber vor einigen Monaten hatte er ein paar Mitstreiter gefunden. Sie trafen sich einmal in der Woche im Fegefeuer und spielten einfache Jazzstandards. Ab und zu legte Hermann ein Solo hin und die anderen bekamen große Augen, aber da ihm der virtuose Gegenpart fehlte, waren das nur seltene Momente der musikalischen Glückseligkeit. Er musste an Gordon denken. Sein Freund schrieb ihm regelmäßig aus Chicago. Auch ihn hatte die Wirtschaftskrise schwer getroffen. Hermann hatte mehrfach Geld geschickt, das Gordon zwar zunächst abgelehnt, dann aber doch angenommen hatte. Er brauchte es. Trotz der Geldnot schien er glücklich zu sein. Er schickte Hermann sogar regelmäßig Schallplatten. So war dieser über die neuesten Trends informiert. Er überlegte, ob er nach dem Reinigen seine Klarinette eine der Platten auflegen sollte. Es klingelte. Karl, der Kammerdiener öffnete und kurz darauf steckte er den Kopf herein.

„Herr von Linden wünscht Sie zu sprechen“, sagte er.

„Führen Sie ihn bitte gleich zu mir“, bat er ihn.

Johann von Linden erschien im Türrahmen. Schweiß stand auf seiner Stirn und er atmete schwer.

„Schön, dich zu sehen“, sagte Hermann und trat auf ihn zu. Sie schüttelten sich die Hände. Dann nahmen sie vor dem Kamin Platz.

„Darf ich dir etwas zu trinken anbieten?“, fragte Hermann.

„Ein Wasser vielleicht? Oder wenn du Tee hast …“

Hermann lächelte. Er war Johann dankbar, dass dieser nicht auf alkoholischen Getränken bestand. Sein Freund wusste, wie schwer es Hermann fiel, dem Cognac zu widerstehen. Er hatte zwar seit nunmehr drei Jahren keinen Schluck Alkohol mehr getrunken, aber er schwebte nach wie vor in der Gefahr, rückfällig zu werden. Und deshalb hatte er auch keine Spirituosen im Haus.

Hermann rief nach Karl und trug diesem auf, eine Kanne mit Schwarztee zu bringen.

„Was führt dich zu mir?“, fragte er.

Johann holte ein Taschentuch hervor und wischte sich damit die Schweißperlen von der Stirn. „Ich bin gekommen, um mit dir über die politische Situation zu sprechen.“

Hermann lehnte sich zurück und seufzte. „Nun, das Wahlergebnis ist ein Graus. Aber es hätte weitaus schlimmer kommen können. Wenigstens haben die Nazis keine Stimmenzuwächse errungen.“

Johann von Linden kniff kurz die Lippen aufeinander. „Ja, es ist schlimm. Und ich fürchte, die Nazis werden keinen Stimmenzuwachs brauchen, um die Macht an sich zu reißen.“

Hermann riss die Augen weit auf. „Was? Wie meinst du das? Plant Hitler etwa einen weiteren Putsch?“

Er erinnerte sich nur zu gut an die aufregenden Tage im Herbst vor nunmehr neun Jahren, als Johann ihm von den Plänen erzählt hatte, die Hitler und seine Verbündeten hegten. Sie hatten vor, die Reichsregierung in Berlin zu stürzen und selbst die Macht zu übernehmen. Das Vorhaben war schließlich im Kugelhagel der Münchener Polizei gescheitert. Hermann wusste nicht, wie viel er dazu beigetragen hatte, als er die Bank verkauft und die Nationalsozialisten damit von einer wichtigen Einnahmequelle abgeschnitten hatte. Es war auch gleichgültig. Er hatte getan, was getan werden musste.

Von Linden schüttelte den Kopf. „Einen Putsch wird es nicht geben. Hitler betont immer wieder, dass er nur die Macht übernehmen wird, wenn er dies auf legalem Wege erreichen kann. Das schmeckt seinen Männern nicht, die SA paradiert weiterhin durch die Straßen, aber von einem Putsch sind wir trotzdem weit entfernt.“

Hermann zuckte die Achseln. „Von einer rechtmäßigen Machtübernahme Hitlers sind wir aber auch weit entfernt. Niemand will mit ihm koalieren. Die Linken verabscheuen ihn. Die Parteien der Mitte werden sich hüten und so, wie ich von Papen kenne, fasst der Hitler nicht einmal mit Samthandschuhen an.“

Johann lehnte sich zurück und wischte sich über die Stirn. „Der Druck steigt. Die Situation ist unbefriedigend. Seit nunmehr zwei Jahren regieren die Reichskanzler ohne Mehrheit im Parlament. Zuerst Brüning, dann von Schleicher, jetzt von Papen. So kann das nicht weitergehen. Insbesondere die Wirtschaftsführer drängen von Papen, eine Entscheidung zu treffen. Hitler in sein Kabinett aufzunehmen, könnte bedeuten, dass eine parlamentarische Mehrheit wieder in greifbarer Nähe sein könnte. Wenn das Zentrum mitspielt.“

„Das Zentrum wird nie mit den Nazis koalieren.“

„Da wäre ich mir nicht mehr so sicher“, erwiderte Johann. „Überhaupt ist nichts mehr gewiss. Politiker mögen beim Leben ihrer Mütter schwören, dass sie ganz bestimmt nicht mit bestimmten Parteien zusammenarbeiten werden. Wenn sich jedoch eine günstige Gelegenheit bietet, das eigene politische Fortkommen zu befördern, haben solche Aussagen nur eine sehr geringe Gültigkeitsdauer.“

Hermann atmete tief durch. „Du meinst, dass von Papen irgendwann dem Druck nicht mehr standhalten könnte? Dass er Hitler in sein Kabinett berufen wird?“

Johann schüttelte den Kopf. „Mit einem einfachen Posten im Kabinett wird sich Hitler nicht zufriedengeben. Er will Reichskanzler werden. Das hat er klar gesagt. Er will von Papen ablösen. Im Hintergrund laufen Verhandlungen. Auch der Reichspräsident ist mit einbezogen.“

Hermann verzog das Gesicht. „Hindenburg? Ist der überhaupt noch zurechnungsfähig?“

„Er ist von Menschen umgeben, denen ich nicht vertrauen würde. Selbst mit seinem Sohn würde ich ungern Geschäfte machen. Wenn Hindenburgs Kreis sich von Hitler einwickeln lässt, ist alles verloren.“

Karl brachte den Tee und schenkte ihnen ein. Hermann nippte daran, die Flüssigkeit war viel zu heiß, um getrunken zu werden. Er stellte die Tasse wieder hin. „Du bist aber sicher nicht nur gekommen, um dich über die politische Situation auszuweinen?“

„Ich wollte dich bitten, aktiv zu werden. Es gibt zu viele Unternehmer, die sich für Hitler einsetzen. Die Mehrheit der Menschen in diesem Land jedoch würde eine Machtübernahme durch die Nationalsozialisten nicht gutheißen, da bin ich mir sicher. Aber es fehlen die Stimmen, die sich offen gegen Hitler stellen. Und deshalb komme ich zu dir.“

Hermann runzelte die Stirn. „Du willst, dass ich mich öffentlich gegen Hitler stelle?“

„Das wäre sicher hilfreich. Vor allem, wenn du deinen Einfluss in Wirtschaftskreisen geltend machen könntest. Mach deinen Unternehmerkollegen klar, dass sie sich selbst und Deutschland schaden, wenn sie die Nationalsozialisten unterstützen!“

„Ich befürchte, du überschätzt meinen Einfluss. Ich bin Unternehmer, kein Politiker. Was soll ich denn schon bewirken? Ich kann nur meinen Teil dazu beitragen, dass die Wirtschaft wieder anzieht. Wir sehen schon erste Anzeichen für einen Aufschwung. Und wenn die Arbeitslosenzahlen wieder sinken und der Wohlstand zurückkehrt, wird Hitler wieder in dem Rattenloch verschwinden, aus dem er gekommen ist.“

Johann seufzte. „Nun, dann hoffe ich, dass deine Hoffnung nicht nur Schall und Rauch ist.“