Leseprobe Stunden des Umbruchs | Die historische Familiensaga im 20. Jahrhundert

Kapitel 1

London, Heiligabend 1944

Isolde zog den Schal enger und rückte ihren Mantel zurecht. Der kühle Nieselregen sickerte in jede Falte ihres Gewandes. Selbst wenn die aufgrund der Verdunklung ausgeschalteten Straßenlaternen gebrannt hätten, wäre ihr schwacher Schein kaum durch das dichte Gemisch aus Rauch, Nebel und feinen Tröpfchen gedrungen. Sie seufzte. Ob sie sich jemals daran gewöhnen würde, dass in London um die Weihnachtszeit kein Schnee lag? Sie hoffte, dass sich der Kriegsverlauf für die Alliierten weiterhin so positiv entwickeln, dass der Spuk endlich vorbei und dass Hitler bald besiegt sein würde. Vielleicht würde sie den nächsten Heiligabend schon wieder in München feiern. Der Gedanke löste widerstreitende Gefühle in ihr aus. Vorfreude, Sehnsucht, aber auch Sorge um Elsa und die Daheimgebliebenen. Sie waren dem Kriegsgeschehen unmittelbar ausgesetzt und ihr Leben in Gefahr.

Sie gelangte zu dem kleinen Reihenhaus, in dem sie seit nunmehr vier Jahren mit Lotte wohnte. Sie schloss die Tür auf und stieg die steile Treppe in den ersten Stock empor. Als sie die Wohnung betrat, drang ihr der unverwechselbare Geruch eines kokelnden Kohlenfeuers in die Nase. Sie hängte ihren Mantel an den Haken und ging ins Wohnzimmer.

Neben dem kleinen Bollerofen, der eine angenehme Wärme abstrahlte, saß Lotte in einem abgewetzten Ohrensessel. Ihre grauen Haare waren zu einem strengen Zopf zurückgebunden, das Gesicht war von tiefen Furchen durchzogen. Auch ihre Stirn lag in Falten, während sie mit kritischem Blick das Bäumchen beäugte, das sie in Isoldes Abwesenheit geschmückt hatte. Ein halbes Dutzend rote Kugeln hingen an den kraftlosen Zweigen, um die eine aus alten Zeitungen gebastelte Papierkette geschlungen war. Auf Kerzen hatten sie verzichtet, da die Brandgefahr zu hoch war. Isolde trat zu ihrer Lebensgefährtin und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann legte sie das ebenfalls mit altem Zeitungspapier umwickelte Päckchen, das sie unter dem Mantel getragen hatte, neben den Baum.

„Du sollst mir doch nichts schenken“, sagte Lotte. Ihre Stimme klang ein wenig rau, wahrscheinlich hatte sie den ganzen Tag über nicht gesprochen, während Isolde in ihrer Praxis gewesen war.

„Das ist für uns beide“, sagte Isolde. „Ein wenig Weihnachten wollen wir schon feiern, oder?“

„Mir ist nicht nach Feiern zumute. Schon seit Jahren nicht mehr, das weißt du. Solange dieser Krieg noch andauert, fällt es mir schwer, mich daran zu gewöhnen, dass Menschen fröhlich und unbeschwert sind.“

„Ich bin zuversichtlich, dass der Krieg bald vorbei ist. Die Nachrichten aus Deutschland sind ermutigend“, sagte Isolde.

„Nun ja, dann hoffen wir mal, dass alle unsere Lieben drüben in der Heimat das Kriegsende erleben werden. So wie ich Hitler und seine Schergen kennengelernt habe, werden sie versuchen, ihre heilige Volksgemeinschaft mit in den Abgrund zu reißen.“

Isolde ließ sich auf dem Stuhl zur Linken des Christbaums nieder. Sie blickte sich in ihrem Wohnzimmer um. Auf ihrer Flucht hatten sie keine persönlichen Erinnerungsstücke mitnehmen können. All die Mitbringsel von ihren vielen Reisen hatte sie in Elsas Obhut zurückgelassen. Sie hatte nicht einmal ein Foto ihrer Familie, das sie auf den Kaminsims hätte stellen können. Isolde schloss die Augen und stellte sich vor, wie ihre Lieben wohl mittlerweile aussehen könnten. Elsa, ihre Schwester, Hermann und Hilde, ihr Neffe und ihre Nichte, Hildes Tochter Greta, Erika, die diesen furchtbaren SS-Offizier geheiratet hatte, und Paul. Paul, der wahrscheinlich an der Front kämpfte, wenn er denn überhaupt noch lebte.

„Hast du mal wieder etwas von Gabriel gehört?“, fragte Lotte.

Isolde schüttelte den Kopf. „Zum letzten Mal im Sommer, da ist ein Brief durchgekommen. Ich vermute, dass es zurzeit schwierig ist, Nachrichten aus der Schweiz zu schleusen. In den angrenzenden Ländern toben noch die Kämpfe. Immerhin ist Zürich ein sicherer Hafen und ich bin froh, dass Gabriel dort untergekommen ist und sogar eine Stelle an der Universität bekommen hat. Und Anna scheint es in ihrem Sanatorium auch gut zu gehen. Aber seit Gabriels letztem Brief habe ich auch keine Neuigkeiten mehr über unsere Münchener bekommen.“

„Dann wollen wir einmal hoffen, dass keine Nachrichten in dem Fall gute Nachrichten sind.“

Isolde schaltete das Radio ein. Ein Chor sang ein vielstimmiges Weihnachtslied.

„Ich werde mich nie daran gewöhnen, dass die Engländer Heiligabend nicht feiern“, sagte Isolde.

„Nun, aber das Geschenk können wir schon heute Abend auspacken. Oder soll ich meine Socken an den Bollerofen hängen und hoffen, dass Father Christmas gnädig zu mir sein wird?“, fragte Lotte und zwinkerte Isolde dabei zu.

Diese grinste. „Ja, ein paar Bräuche aus der Heimat können wir uns schon erhalten. Sollen wir …“

In diesem Augenblick erklang eine Sirene, zunächst noch als ein fernes Geräusch. Der Ton war unverkennbar, ein Heulen, das an- und abschwoll. Dann gesellten sich weitere Alarmsignale dazu. Isolde und Lotte wechselten einen Blick.

„Ein Luftalarm?“, fragte Lotte. „Und ich hatte gehofft, dass die deutschen Wunderwaffen endlich außer Reichweite wären.“

Isolde erhob sich. „Schnell, zieh dich an, wir müssen in den Luftschutzraum. Es werden keine Flugzeuge sein, wahrscheinlich nur diese unbemannten Bomben. Die U-Bahn-Station sollte ausreichen, um uns Schutz zu gewähren.“

Sie streckte Lotte eine Hand hin. Diese wollte danach greifen. Im selben Augenblick sah Isolde einen gleißend hellen Lichtblitz vor ihrem Fenster. Eine gewaltige Druckwelle ließ die Scheiben zerbersten, die Erde bebte und zitterte. Ein ohrenbetäubender Knall ertönte, gleich danach noch einer. Isolde wurde durch den Raum geschleudert. Das Letzte, was sie wahrnahm, ehe sie das Bewusstsein verlor, war, wie der Kohleofen zur Seite kippte und den Christbaum entzündete.

Kapitel 2

Schlesien und München, März 1945

Die Stille war am bedrückendsten. Paul hielt inne und lauschte, aber es war kein Laut zu vernehmen. Der Morgen war frisch, auf den Wiesen lag eine Decke von Raureif und seine Finger und Zehen waren klamm. Er rappelte sich auf und schüttelte seine Gliedmaßen, um die Durchblutung anzuregen. Dann machte er sich auf den Rückweg zum Lager. Sie hatten am Rande eines Wäldchens campiert. Als er sich der Lichtung näherte, hörte er das leise Klappern des Blechgeschirrs und ein gelegentliches Husten. Die Kameraden waren dabei, sich für den Marsch vorzubereiten.

„Kompanie antreten“, rief der Kompanieführer, Oberleutnant Hase.

Paul eilte an seinen Platz in der sich rasch formierenden Kolonne direkt hinter dem Kommandeur, der ihm als Hauptfeldwebel zustand. Wie stark sie zusammengeschmolzen waren! Von den einst 100 Männern, die die 2. Schützenkompanie ihres Bataillons gebildet hatten, waren es jetzt nur noch 37. Und mindestens fünf davon waren in einem erbärmlichen Zustand. Hans, der sonst immer fröhlich und zu Scherzen aufgelegt war, sodass sie ihn den Hanswurst der Kompanie genannt hatten, hatte am Vortag eine Kugel in die Schulter abbekommen. Werner, der vor dem Krieg zwei Semester Medizin studiert hatte, ehe er eingezogen worden war, hatte ihm das Geschoss an Ort und Stelle entfernt und die Wunde notdürftig mit Alkohol desinfiziert. Sie hatte zu bluten aufgehört, aber man sah Hans an, dass er starke Schmerzen litt. Er wankte hin und her und Paul fragte sich, wie er den Marsch überstehen, geschweige denn, wie er der Kompanie bei dem nun bald anstehenden Gefecht von Nutzen sein wollte. Natürlich brauchten sie jeden Mann, aber die Soldaten mussten auch fähig sein, auf sich selbst achtzugeben und ein Gewehr zu bedienen. Und dazu war Hans eindeutig nicht mehr in der Lage. Aber ihn seinem Schicksal überlassen konnten sie auch nicht. Paul wusste, dass das in vielen Kompanien inzwischen üblich war. Auf dem langen Rückzug aus der Ukraine hatte er die sterblichen Überreste Hunderter gefallener Kameraden gesehen, die nicht infolge der Kampfhandlungen zu Tode gekommen waren, sondern am Wegesrand elendiglich krepiert waren. Verwundet, entkräftet, teilweise auch verhungert. Was war nur aus der so stolzen Armee geworden, die vor beinahe vier Jahren nach Osten gezogen war? Paul schüttelte den Gedanken ab. Er war ihm unangenehm.

„Kompanie, Marsch!“, rief der Oberleutnant.

Sie setzten sich in Bewegung. Paul ließ die Soldaten vorbeiziehen und reihte sich ganz am Ende des Zuges ein. Es tat gut zu marschieren, so wurde es ihm wenigstens ein bisschen warm. Sie hatten nachts kein Feuer entzünden können, da sie den Feind nicht auf ihre Position aufmerksam machen wollten. Die Russen waren überall, hatten Späher in den Wäldern und ihre Überraschungsangriffe auf unvorsichtige Einheiten waren berüchtigt.

„Na, glaubst du, dass es heute zum Gefecht kommt?“, fragte Herbert. Sie hatten zusammen in Frankreich gekämpft. Das waren andere Zeiten gewesen. Ein schneller Feldzug, der so rasch vorüber gewesen war, dass sie selbst es kaum hatten glauben können. Welch ein Unterschied zu dem Chaos, das sie in den letzten Jahren hatten erleben müssen.

„Ja, ich glaube, dass es heute wieder ins Gefecht gehen wird. Die Russen sind überall. Ich hoffe, wir können sie aufhalten. Und ich hoffe, dass die versprochenen Verstärkungen endlich eintreffen.“

Herbert warf ihm einen Seitenblick zu.

„Was ist?“, fragte Paul.

„Dein Glaube ist echt unerschütterlich, oder?“, fragte Herbert.

Paul spürte, wie ihm eine leichte Röte das Gesicht wärmte. „Der Kompanieführer hat es selbst gesagt. Eine ganze Division steht an der Neiße bereit, um uns zu unterstützen. Das wird alles verändern“, sagte er.

„Wie oft ist uns das schon versprochen worden? Frische Truppen, die alles verändern sollen. Und was ist geschehen? Wir ziehen uns immer weiter zurück. Die ausgeruhten Soldaten, die strömen vielmehr aus dem Osten nach. In Russland scheint es so viele Männer zu geben, dass sie problemlos jeden Gefallenen durch drei neue ersetzen können. Und bei uns rekrutieren sie Tattergreise und die kleinen Jungen.“

„Ich glaube, du solltest ein wenig leiser sein“, sagte Paul. Es war ihm unwohl, dieses Gespräch zu führen, auch wenn er sich eingestehen musste, dass Herbert nicht unrecht hatte.

„Warum? Weil ich sonst wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt werde? Es ist doch gleichgültig, durch wen ich zu Tode komme. Ob durch die eigenen Männer oder durch die Russen. Sterben muss ich ohnehin.“

Paul spürte, wie sein Gesicht noch röter wurde. „Ich will nicht der sein, der dich anzeigen muss“, sagte er.

Zu seinem Erstaunen bemerkte er, dass auf den Lippen seines Kameraden ein Grinsen erschien. „Nun, dafür ist es doch schon zu spät, oder? Ich habe bereits genug gesagt, weswegen du mich anzeigen könntest. Das ist ja nicht das erste Mal. Aber bislang hast du es noch nie getan. Und du wirst auch weiterhin darauf verzichten.“

Paul sah ihn direkt an. „Ja, ich werde es nicht tun, weil wir jeden Mann brauchen. Aber ich bitte dich, hör auf, solches Zeug zu reden. Das ist schädlich. Das untergräbt die Moral der Truppe. Wenn Hase davon Wind bekommt, ist das dein Todesurteil.“

Er erkannte, dass Herbert etwas erwidern wollte, in diesem Moment hörten sie ein hochfrequentes Pfeifen. Der Laut durchschnitt die Stille der klaren, kalten Luft.

Paul lief ein Schauer über den Rücken.

„Eine Stalinorgel“, rief er.

„In Deckung“, schrie der Oberleutnant. Die Soldaten ließen es sich nicht zweimal sagen. Paul hechtete in einen Graben neben dem Weg, Herbert kam an seiner Seite zum Liegen. Innerhalb weniger Sekunden hatte sich die gesamte Kompanie in Deckung begeben. Nur Hans stand noch auf der Straße.

„Komm aus dem Weg!“, rief Paul.

Hans sah ihn an. Seine Augen waren glasig. Ob er Fieber hatte? Die Wunde musste sich entzündet haben.

„Komm jetzt, die Raketen müssen jeden Moment einschlagen“, schrie Paul und winkte dem Kameraden zu.

Hans starrte ihn mit großen Augen an. Paul fluchte leise vor sich hin. Er wollte aufstehen und den Verwundeten in Deckung zerren, doch dann spürte er Herberts Hand an seinem Unterarm. Im selben Moment brach die Hölle los. Die Erde bebte, als die Raketen auf dem Weg einschlugen. Staub spritzte auf, nahm Paul die Sicht, drang in seine Nase, seine Ohren und seinen Mund. Er hustete, schnappte panisch nach Atem, hörte Schreie, weitere Explosionen und dann war alles dunkel.

***

Erika nahm das Blatt aus der Schreibmaschine. Sie schaute zum Fenster hinaus. Leichter Schneefall hatte eingesetzt. Es begann bereits zu dämmern. Das war ihrem Vorhaben zuträglich. Sie legte das Dokument, das sie getippt hatte, in die Ablage und erhob sich. Ihr Blick fiel auf den zweiten Schreibtisch. Sie schluckte. Dort hatte bis vor zwei Wochen noch Corinna gesessen, ebenso wie Erika, die Ehefrau eines Gestapobeamten, der an der Front kämpfte. Eine Fliegerbombe hatte ihr Haus getroffen. Corinna hatte sich zunächst auf die Straße retten können, hatte dann aber festgestellt, dass ihr jüngster Sohn noch in der Wohnung war. Sie war wieder zurück in das Gebäude gerannt, das Sekunde später über ihr und ihrem Kind zusammengestürzt war. Erika musste an die Geschichte denken, die ihre Großmutter ihr erzählt hatte: Ihr Mann war auf eine ganz ähnliche Art und Weise ums Leben gekommen, als er in einer Scheune in Ostafrika versucht hatte, die Ernte zu retten. Sie schüttelte den Gedanken beiseite, ging zur Tür, öffnete sie und spähte in den Flur hinaus. Von nebenan hörte sie leises Tippen. Die Tür gegenüber stand offen und sie sah, dass sich niemand in dem Büro befand. Ihr Herz schlug eine Spur schneller. Sie blickte sich nach links und nach rechts um und eilte auf Zehenspitzen hinüber. Die Schreibmaschine war ordentlich abgedeckt, im Ablagestapel befanden sich jedoch einige Dokumente. Ohne zu zögern, griff sie hinein und holte die untersten beiden Papiere heraus, die sie rasch im Ausschnitt ihres Kleides verschwinden ließ. Dann eilte sie aus dem Zimmer. Sie zog ihren Mantel an, ging die Treppe hinab und gelangt in die Eingangshalle. Auch die Pforte war mit einer weiblichen Kraft besetzt. Wahrscheinlich war der Pförtner, der gleichzeitig auch der Hausmeister des Gebäudes war, bereits für die Luftabwehr oder den Volkssturm eingezogen worden. Es war schon seltsam. Die Gestapo wurde inzwischen größtenteils von den Ehefrauen der Beamten am Leben erhalten, die an die Front versetzt worden waren.

Erika grüßte die Pförtnerin und trat hinaus auf die Dietlindenstraße. Sie wandte sich um und sah an dem dreistöckigen Bau empor, der nach der weitgehenden Zerstörung des Luitpoldpalais bei einem Bombenangriff im vergangenen Jahr die neue Unterkunft der Gestapo geworden war. Vor dem Krieg hatten in den sogenannten Hansaheimen Lehrlinge und Handelsschüler gelebt. Auch diese waren nun an der Front.

Erika zog sich den Schal etwas enger um den Hals. Ein leichter Raureif hatte sich über die Stadt gelegt. Doch diese Decke konnte die Kriegsschäden nicht verbergen. Auf ihrem Weg kam sie an Ruinen von zerstörten Häusern vorbei, deren Reste in die Höhe ragten wie Gerippe urzeitlicher Wesen. Auf den Straßen türmten sich Berge von Schutt, immer wieder musste sie Ziegelbrocken ausweichen, die heruntergekullert waren und nun mitten im Weg lagen. Ausgebombte Familien kampierten neben den Resten ihrer Wohnungen in stockfleckigen Zelten aus den Beständen des Heeres. Eine Gulaschkanone stieß Rauchwolken aus. Davor standen ein halbes Dutzend Menschen, um sich zu wärmen. Ein Mann beäugte Erika aufmerksam. Sein Gesicht war eingefallen, die Augen leuchteten in dunklen, tiefen Höhlen. Seine Haut spannte sich über die ausgemergelten Muskeln und Wangenknochen. Es machte Erika nervös, dass er seinen Blick nicht von ihr ließ. Unwillkürlich griff sie in die Innentasche ihrer Jacke. Sie spürte den Griff der Waffe. Zuerst hatte sie abgelehnt, als ihr Mann ihr die Pistole gegeben hatte. Doch er hatte sie dazu gezwungen, sie stets bei sich zu tragen.

„Du wirst sie wahrscheinlich nicht benutzen. Du wüsstest ja auch nicht, wie. Schießen bringe ich dir nicht bei, sonst kommst du noch auf die Idee, sie gegen mich zu wenden. Aber in den meisten Fällen wird es reichen, jemandem, der dich überfällt, die Waffe unter die Nase zu halten. Das wird dir zumindest so viel Zeit verschaffen, dass du um Hilfe schreien kannst“, hatte Lutze gesagt.

Tatsächlich hatte sie die Pistole bereits mehrfach einsetzen müssen, nicht, um zu schießen, sondern um zu zeigen, dass sie sich wehren konnte. So hatte sie mehrere kritische Situationen abwenden können, auch wenn es bisweilen kurz davor gewesen war, dass sie doch den Abzug hätte drücken müssen. Sie hoffte, dass es heute nicht dazu kommen würde. Rasch setzte sie ihren Weg fort. Sie spürte bis zur Straßenecke den Blick des Mannes auf sich, doch als sie um diese gebogen war und sich umdrehte, registrierte sie zu ihrer Erleichterung, dass er ihr nicht folgte.

Sie erreichte die Maxvorstadt und blickte sich nach allen Seiten um. Niemand war ihr gefolgt. Zwar war die Personalstärke der Gestapo in München sehr ausgedünnt, aber sie konnte trotzdem nicht sicher sein, dass einer der wenigen verbliebenen Spione ihr folgte, wenn sie bei den entsprechenden Stellen Verdacht erregt haben sollte. Doch da war niemand. Die Menschen hatten sich in ihre Häuser oder dem, was davon übrig geblieben war, zurückgezogen. Und sie musste auch schnell an ihr Ziel gelangen, damit sie keinen Verdacht erregte. Sie erreichte den herrschaftlichen Bau, in dem die Eigentumswohnung von Johann von Linden lag. Diese war unzerstört geblieben, eines der wenigen Gebäude in diesem Viertel, das keine Bombenschäden erlitten hatte. Sie betrat das Treppenhaus, stieg in das erste Obergeschoss hinauf und klingelte an der Tür. Johann öffnete selbst, sein Butler und sein Chauffeur waren zur Armee eingezogen worden. Er ging leicht gebeugt und stützte sich auf einen Stock. Im Vergleich zu den letzten Jahren hatte er deutlich abgenommen. Der Mangel, aber auch die ständige Gefahr, der er sich aussetzte, hatten ihre Spuren hinterlassen.

„Erika, welche Freude dich zu sehen“, sagte er.

Sie umarmten sich und Erika trat in den Flur. Er führte sie vorbei an den Schätzen, die er auf seinen Weltreisen angesammelt hatte. Der Flur glich dem Museum eines Völkerkundlers. Sie nahmen im Wohnzimmer Platz. Erika holte die beiden Listen aus ihrem Ausschnitt, die sie dort vorhin verstaut hatte, und reichte sie Johann. Dieser ließ einen Blick darüber schweifen.

„Das sind Standorte von Bataillonen der Wehrmacht in Bayern und Österreich. Wie alt sind die?“, fragte er.

„Die sind heute hereingekommen. Das dürfte den aktuellen Stand widerspiegeln.“

Johann nickte. „Ich werde dafür sorgen, dass die Information rasch an die Amerikaner weitergegeben wird. Was würden wir nur ohne dich machen?“

Hilde zuckte mit den Schultern. „Dann würde euch jemand anderer mit Informationen aus dem Gestapo-Hauptquartier versorgen. Es ist inzwischen nicht mehr so schwer, eine meiner Kolleginnen dazu zu bewegen. Die meisten würden den Nazistaat für ein paar Essensmarken verraten.“

„Ja, und genau das ist das Problem. Wenn die SS dann ein paar Essensmarken mehr bietet, fällt der Verdacht recht rasch wieder auf mich zurück. Nein, es ist wichtig, jemanden im Widerstand zu haben, der von unserer Aufgabe überzeugt ist. Du hast über die Jahre wertvolle Informationen geliefert. Und vielleicht hast du auch deinen Teil dazu beigetragen, dass dieser Krieg nun langsam dem Ende zugeht.“

Erika seufzte. „Das hoffe ich. Und vor allem hoffe ich, dass wir dieses Ende noch erleben werden. Hast du etwas von Tante Isolde gehört?“

Johann schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe schon seit einem dreiviertel Jahr keine Nachrichten aus der Schweiz bekommen. Es ist zu gefährlich. Ich kann meine Kuriere nicht mit privaten Nachrichten belasten. Wir müssen versuchen, alle unsere Ressourcen darauf auszurichten, dass die Amerikaner Informationen erhalten.“

„Hoffentlich geht es ihr und Lotte gut. Es wäre schön, wenn wir uns irgendwann einmal wiedersehen könnten, wenn das alles vorbei ist. Und jetzt muss ich los, ich sollte noch vor Einbruch der Nacht in meiner Wohnung sein.“

Johann brachte sie zur Tür. Zum Abschied sahen sie sich kurz an. „Pass auf dich auf“, sagte Johann.

Sie lächelte. „Ich passe auf mich auf. Und ich hoffe, dass du das auch tust. Bis bald, Johann.“

Kapitel 3

Schlesien und München, März 1945

„Das ist gerade noch einmal gut gegangen“, sagte Herbert.

„Gut gegangen? Das würde Hans wahrscheinlich nicht unterschreiben“, erwiderte er und deutete auf den frischen Grabhügel am Rand des Wäldchens.

„Du weißt, wie ich das meine. Und einmal ganz abgesehen von dem Raketenangriff, hätte Hans seine Verletzung wahrscheinlich ohnehin nicht überlebt. Hast du die Schulterwunde gesehen? Ich glaube nicht, dass ein Medizinstudent so etwas versorgen sollte.“

„Wer soll es sonst tun?“, fragte Paul. „Ich habe keine Ahnung, wo sich das nächste Lazarett befindet. Wahrscheinlich in Breslau. Aber das ist noch zwei Tagesmärsche entfernt.“

„Nun, wenn die Russen weiterhin so vorrücken, sind sie in weniger als zwei Tagen dort“, sagte Herbert.

„Darf ich dich wieder bitten, etwas leiser zu sprechen“, sagte Paul und blickte sich nervös um.

„Warum? Ich habe doch nichts Ehrenrühriges über unseren Führer, die Partei oder unsere Armee gesagt“, sagte Herbert und sah seinen Kameraden herausfordernd an.

Paul seufzte. „Du weißt doch, wie das läuft. Es reicht schon, am Sieg zu zweifeln, um wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt zu werden.“

„Nun, dann hätte ich schon oft angeklagt werden sollen. An unserem Sieg zweifle ich schon länger. Du etwa nicht?“

Paul sog seine Unterlippe ein. Was sollte er erwidern? „Ich glaube nicht, dass es hilfreich ist, wenn wir schlechte Stimmung verbreiten. Ja, wir sind in einer schwierigen militärischen Lage. Die Russen sind uns von der Mannstärke her überlegen. Aber wir sind immer noch die Wehrmacht. Einer von uns zählt für zehn Russen.“

Irrte er sich oder war das ein spöttisches Lächeln auf den Lippen seines Kameraden?

„Ich glaube nicht, dass Hans zuletzt in der Lage war, es mit zehn Russen aufzunehmen. Na ja, was ihm letztendlich den Garaus gemacht hat, waren zehn russische Raketen. Diese Stalinorgeln sind schon verflixte Höllenmaschinen. Am schlimmsten ist dieses Geräusch, dieses Heulen und Jaulen. So müssen sich die Polen und die Franzosen gefühlt haben, wenn unsere Stukas sie ins Visier genommen haben. Tja, man erntet wohl, was man sät.“

Paul spürte, wie ihm heiß und kalt wurde. „Kannst du jetzt bitte ein wenig leiser reden!“

Herbert hob eine Hand. „Ja, ist ja schon gut.“

Sie spähten in die Nacht hinaus. Gegen zwei Uhr waren sie geweckt worden, um die zweite Hälfte der Wache zu übernehmen. Um sie herum war alles dunkel, sie hörten das leise Schnarchen ihrer Kameraden. Das Wetter war heute etwas milder, wenigstens gab es keinen Frost. Das lag wohl daran, dass der Himmel bewölkt war. Hoffentlich regnete es nicht. Kälte konnte Paul ertragen, aber Feuchtigkeit stieg ihm in die Knochen. Er hatte im vergangenen Jahr beinahe drei Monate im Lazarett verbracht, nachdem er sich eine Lungenentzündung eingefangen hatte. Als er zu seiner Truppe zurückgekehrt war, hatte Herbert ihn ungläubig angestarrt.

„Was machst du denn hier? Ich hätte gedacht, dass wir dich nie wieder sehen werden“, hatte er gesagt.

Es hatte für Paul vollkommen außer Frage gestanden, dass er nach seiner Rekonvaleszenz an die Front zurückkehrte. Er war Soldat. Er musste kämpfen, musste sein Land verteidigen. Aber schon damals hatte ihn die Reaktion seines Freundes irritiert. Als sie gemeinsam in Frankreich gewesen waren, war Herbert ein ebenso strammer Nationalsozialist gewesen wie Paul. Doch irgendwann musste er vom Glauben abgekommen sein. Paul vermutete, dass das mit dem wechselnden Kriegsglück zu tun gehabt hatte. Ihre Kompanie war nicht in Stalingrad eingesetzt gewesen. Glücklicherweise hatte ihre Armeegruppe weiter nördlich operiert. Sie hatten noch eine letzte Offensive mitgemacht, und dann hatte der große Rückzug begonnen. Es waren furchtbare Zeiten gewesen. Er hatte viele Menschen sterben sehen. Und einige hatte er mit seinen eigenen Händen getötet. Aber so war es nun einmal im Krieg.

„Hast du etwas von deiner Familie gehört?“, fragte Herbert.

Paul zuckte zusammen. Seine Hand fuhr zu dem Brief, den er in seiner Uniform bei sich trug.

„Meine Mutter hat mir geschrieben. Aber schon vor zwei Monaten. Es ist wohl alles in Ordnung. Sie sind ausgebombt worden, kommen aber bei meiner Großmutter unter. Die wohnt in Bogenhausen, das ist ein Vorort von München, der wahrscheinlich nicht bombardiert werden wird, weil es dort keine Industrie gibt.“

Herbert stieß ein heiseres Lachen aus. „Ich glaube nicht, dass die Briten und die Amis da noch einen Unterschied machen. Die legen alles in Schutt und Asche, was noch intakt ist. Ich hoffe, dass deine Familie in Sicherheit ist.“

„Wie geht es deinen Lieben?“, fragte Paul. „Hast du mal wieder etwas gehört?“

Herbert schüttelte den Kopf. „Ich hoffe, dass ich, wenn der ganze Wahnsinn hier vorbei ist, auf den Bauernhof meines Vaters in der Oberpfalz zurückkehre und feststelle, dass meine Frau und mein kleiner Sohn gesund und munter sind. Dann räumen wir den Schutt beiseite und beginnen ein neues Leben.“

Paul schluckte. Wenn der ganze Wahnsinn hier vorbei ist. Wie lange das wohl noch dauern würde?

„Glaubst du, wir überleben den Krieg?“, fragte er.

Herbert zog eine Augenbraue nach oben. „Da wird doch jemand nicht ins Zweifeln gekommen sein? Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte er.

„Ja“, sagte Paul. Er rang mit sich, dann fügte er im Flüsterton hinzu: „Du hast schon recht. Ich frage mich auch, ob und wie lange wir den Russen noch standhalten können. Wenn die Front zusammenbricht, wird es eine wilde Flucht geben. Und dann werde ich mich wohl nach München durchschlagen.“

„Du hast also schon Pläne gemacht? Dachte ich es mir doch, dass dein Optimismus nur vorgetäuscht war. Willkommen in der Realität, mein Freund“, erwiderte Herbert und klopfte Paul auf die Schulter.

Dieser blieb ihm eine Antwort schuldig. Stattdessen starrte er wieder die Dunkelheit.

***

Erika trat durch das, was von dem schmiedeeisernen Tor noch übrig war. Das Schild, auf dem die Worte Hartmann‘sche Lederwarenfabrik gestanden hatte, lag zerbeult neben dem Schutthaufen, der einst den Bogen des Tores gebildet hatte. Auch die fensterlose Portierstube war verwaist. Die Fabrikhalle zu ihrer Rechten hatte kein Dach mehr. In den Ruinen waren grau gekleidete Gestalten damit beschäftigt, Schutt und Schrott beiseitezuräumen. Das mussten die französischen Kriegsgefangenen sein, die ihr Vater angefordert hatte.

Aus der Halle, die vor ihr lag, hörte sie den vertrauten Lärm der Maschinen. Es wurde weiter produziert. Sie ging durch die Maschinenhalle und stieg die Treppe hinauf. Sie klopfte und betrat das Büro ihres Vaters. Er saß hinter seinem Schreibtisch. Grau war er geworden. Auf seinen Wangen waren Stoppeln, er hatte sich nicht rasiert. Das war ungewöhnlich.

„Erika, grüß dich“, sagte er.

Er trat auf sie zu, drückte sie an sich und umarmte sie.

„Geht es dir gut?“, fragte sie.

Er fasste sich unwillkürlich an die Wange und strich über die Bartstoppeln. „Du meinst, weil ich aussehe wie ein Clochard unter einer Seinebrücke?“ Er lachte. „Nein, keine Sorge, ich habe nicht wieder mit dem Trinken angefangen. Uns sind nur die Rasierklingen ausgegangen und Karl hat es nicht geschafft, neue aufzutreiben. Wer hätte gedacht, dass es einmal daran mangeln könnte. Nun, dann lass ich mir eben einen Vollbart wachsen. Eine Schere haben wir noch, dann kann Karl mir die Haare stutzen.“

Sie setzten sich. „Wie geht es dir denn?“, fragte ihr Vater.

„Nun, ich würde sagen, den Umständen entsprechend gut. Unsere Wohnung ist nach wie vor nicht ausgebombt worden und als Angehörige eines hochrangigen SS-Offiziers habe ich meistens genügend zu essen. Ich muss es mir allerdings inzwischen selbst vom Markt holen, das Hausmädchen ist vor zwei Wochen verschwunden.“

Hermann zog eine Augenbraue nach oben. „Verschwunden?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Sie kommt vom Land, aus der Gegend von Plattling. Ich vermute, dass sie zu ihrer Familie nach Hause wollte. Und ich kann es ihr nicht verdenken. Wenn hier alles zusammenbricht, sollten wir doch von den Menschen umgeben sein, die wir lieben.“

Er legte den Kopf schief. „Wie lange glaubst du, dauert es noch?“

„Ein oder zwei Monate. Als mein Mann letztes Mal zu Hause war, hat er angedeutet, dass die Russen bereits an der Reichsgrenze stehen könnten. Die Amerikaner sind schon in Württemberg. Lange kann es nicht mehr dauern, bald werden sie in München einmarschieren. Und dann ist der Spuk hoffentlich vorbei.“

„Ich glaube nicht, dass es so einfach gehen wird“, sagte Hermann. „Es gibt genügend fanatische Nazis, die bis zum Letzten kämpfen wollen. Es würde mich nicht wundern, wenn sie München zu einer Festung erklären und darauf hoffen, dass die Amerikaner sie dem Erdboden gleich machen. Dann können sie endlich den Heldentod sterben und mit ihrem Vaterland untergehen.“

„Du hörst dich an wie mein furchtbarer Mann“, sagte Erika. „Glücklicherweise habe ich die letzten Jahre recht wenig von ihm gehabt. Er war die meiste Zeit hinter der Front unterwegs. Wie stolz er mir erzählt hat, dass sie Juden gejagt haben. Es ist widerlich. Aber in seiner Treue zum Nazistaat ist er unerschütterlich. Er will sich opfern für das Vaterland. Von mir aus kann er das lieber heute als morgen tun.“

Hermann seufzte. „Du hättest ihn nicht heiraten sollen. Das müssen schlimme Jahre gewesen sein“, sagte er.

Sie winkte ab. „Lassen wir dieses Thema. Du weißt, warum ich ihn geheiratet habe. Und ich bereue es nicht. Du lebst, du hast die Firma weiterführen können. Und wir haben einiges an Gutem getan, wovon mein Mann nichts zu wissen braucht.“

Hermann lächelte. „Ja, trotzdem war es eine schlimme Zeit. Ich hoffe, dass es nicht noch zu weiteren Luftangriffen kommt. Ein Teil der Firma ist zerstört, wir können nur noch mit einer Halle produzieren. Aber wir arbeiten, im Gegensatz zu vielen anderen Betrieben, die völlig ausgebombt sind.“

„Was stellt ihr denn noch her?“, fragte Erika.

„Zurzeit vor allem Stiefel. Aber ich weiß nicht, ob die Soldaten im Feld noch ihre Lieferung bekommen. Wenn die Front zusammenbricht, wird es auch keine Nachschublieferungen mehr geben. Aber es ist gleichgültig. Hauptsache, wir produzieren. Wenn der Krieg vorbei ist, können wir die Stiefel auch an Arbeiter verkaufen.“

„Ich habe die Kriegsgefangenen in der zerstörten Halle gesehen. Du hattest dich doch immer dagegen gesträubt, Zwangsarbeiter zu beschäftigen. Woher kam der Sinneswandel?“

Ihr Vater zwinkerte ihr zu. „Das war Johanns Idee. Er hat mir davon berichtet, dass viele Kriegsgefangene in schrecklichen Verhältnissen leben und arbeiten müssen. Und da habe ich beschlossen, wenigstens ein paar von ihnen anständig zu behandeln. Sie werden für ihre Arbeit bezahlt, bekommen keine Schläge, dafür aber jeden Tag etwas zu essen.“

Erika seufzte. „Typisch Johann. Ich hoffe, dass er das Kriegsende noch erlebt. Bisher ist alles gut gegangen, sie haben ihn nicht erwischt. Aber ich befürchte, dass er zu sorglos werden könnte. Er organisiert den Widerstand. Dabei ist er voll in seinem Element. Es kommt ihm zugute, dass er so gut vernetzt ist. Er kennt jeden in München und weiß, auf wen er zählen kann. Es ist uns gelungen, einige Widerstandskämpfer aus der Stadt zu schleusen. Andere haben wir dabei unterstützt, Sabotageakte auszuführen. Aber wir müssen extrem vorsichtig sein. Die SS ist gnadenlos. Aber wem sage ich das, du warst selbst eine Nacht in einem ihrer Folterkeller. Ich hoffe, dass Johann das Kriegsende erlebt. Und ich hoffe, dass ihm dann endlich die Anerkennung zuteilwird, die er verdient. Er hat sich stets gegen dieses Regime gestellt und alles riskiert.“

„Jetzt stell einmal dein Licht nicht unter den Scheffel. Du riskierst auch jeden Tag dein Leben. Ich habe nur eine Fingerkuppe eingebüßt. Das fällt im Alltag kaum mehr auf“, sagte Hermann.

In der Ferne schwoll ein Sirenenton an und wieder ab. Gleich darauf setzte ein zweites Signal ein.

Erika sah, dass ihr Vater bleich wurde. Ihr Herz schlug schneller, eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem Rücken aus. Das Geräusch war ihr leider nur zu vertraut, sie hatte es in den letzten Monaten beinahe täglich gehört. „Fliegeralarm! Wo ist der nächste Luftschutzkeller?“, fragte sie.

„Wir haben selbst einen unter dem Lager. Komm, schnell.“

In der Halle herrschte schon eine rege Betriebsamkeit. Die Männer und Frauen strömten in Richtung einer Treppe.

„Ich hoffe, das ist ein Fehlalarm“, sagte Hermann und schob seine Tochter vor sich her.