Leseprobe Stürmische Hoffnung | Die bewegende Familiensaga an der Ostseeküste

Kapitel 1

Hamburg, Anfang November 1902

Anna stand am Fenster des Arbeitszimmers, in dem es passiert war.

Sie schob die durchscheinenden, weißen Stores ein Stück zur Seite, sodass sie freien Blick auf den Mittelweg hatte. Geschlossene Kutschen ratterten über das Kopfsteinpflaster, die langen Peitschenschnüre tanzten wild umher, ohne dass die Fahrer sie benutzten.

In Gedanken versunken und mit immer noch aufgestellten Nackenhärchen – eine Reaktion, die sie unweigerlich heimsuchte, wann immer sie dieses Zimmer betrat – beobachtete Anna die Leute, die hin und her eilten. Mit dicken Mänteln und Hüten ausgestattet, lehnten sie sich gegen den Wind, schirmten ihre Gesichter vor dem Regen ab und hielten Taschen oder Körbe fest in ihren Händen. Hin und wieder warfen sie besorgte Blicke in die noch nicht ganz kahlen Kronen der Linden, die den Mittelweg zu beiden Seiten säumten. Mit jeder heftigen Böe wirbelten gelbe Blätter herab und bogen sich die Äste tief.

Der Oktober war mild verlaufen, Nachtfröste hatte es keine gegeben, aber pünktlich zum 1. November war das Wetter umgeschlagen.

Anna lehnte sich an das kalte Fensterglas und schloss für ein paar Sekunden ihre Augen, bevor sie zurücktrat und sich über die Oberarme rieb, weil ein weiterer Schauer sie erfasst hatte. Stirnrunzelnd drehte sie sich zum Kachelofen, in dem sie das Knistern der Kohle zwar vernahm, das Ausstrahlen der Hitze jedoch vermisste. Lediglich die gusseiserne Klappe hatte sich immerhin so weit erwärmt, dass Anna ihre Hände nah daran halten konnte, und ein wohliges Seufzen entwich über ihre Lippen.

Seit Carl-Hermanns Tod vor etwas mehr als vier Monaten verwaiste sein Büro zunehmend. Anna betrat es vor allem dann, wenn sie von dem ihr so bekannten Drang heimgesucht wurde, die Papiere ihres Gatten zu sichten oder zu sortieren. Doch Carl-Hermann war nicht nur ein Mann gewesen, der es geschätzt hatte, die Struktur und Ordnung in seinen geschäftlichen Unterlagen beizubehalten. Auch hatte er Anna auf ihr Bitten hin stets Einsicht gewährt. Weshalb es eigentlich nicht vonnöten war, dass sie die Dokumente wieder und wieder durchsah, Unterschriften kontrollierte und Daten abglich, die längst nicht mehr von Relevanz waren. Dennoch beruhigte es sie. Abgesehen davon fühlte sie sich Carl-Hermann in diesem Raum immer noch nah. Und das, obwohl – aber vielleicht auch weil – sie ihn genau hier verloren hatte. Für immer.

Anna schüttelte sich. Sie nahm sich vor, ihrem Dienstmädchen Clara den Auftrag zu erteilen, den Ofen im Arbeitszimmer bereits am Vormittag zu befeuern. Es war ihr wichtig, Carl-Hermanns Büro in Ehren zu halten. Dazu gehörte ihrer Meinung nach nicht nur, dass täglich die Ablagen und Böden gewischt und einmal wöchentlich die Teppiche ausgeklopft wurden. Auch eine angenehme Zimmertemperatur oder das Vorhandensein von Blumenarrangements waren für sie von Bedeutung. Es war schließlich nichts Verwerfliches daran, gewisse Abläufe beizubehalten.

Ihr Blick wanderte über den Schreibtisch, auf dem neben der schweren Schreibunterlage aus dunkelgrünem Leder Carl-Hermanns Feder exakt parallel zum geschlossenen Tintenfass lag, als wartete sie nur darauf, von ihm berührt zu werden. Seine goldene Taschenuhr ruhte in einer Messingschale, die das Ticken akustisch zu verstärken schien, und nur die gerahmte Fotografie, welche Anna und Carl-Hermann am Tage ihrer Hochzeit vor nunmehr dreizehn Jahren zeigte, zeugte von einer gewissen Wärme inmitten der kühlen Ordnung.

Anna schluckte gegen die aufkommende Melancholie an. Dass ihre Bekanntschaft und die daraus resultierende Ehe mit Carl-Hermann eher aus einem glücklichen Zufall und keiner Verbindung aus Liebe erwachsen war, hatte keinerlei Einfluss darauf gehabt, wie gut sie sich miteinander verstanden. Romantische Gefühle hatten sich zwar nie entwickelt. Stattdessen aber eine tiefe Freundschaft, eine Beziehung, die auf gegenseitigem Respekt und dem zwischenmenschlichen Umgang auf Augenhöhe beruhte. Sehr zum Missfallen von Carl-Hermanns Familie, die die Verbindung nie gutgeheißen hatten. Doch nie hatte er sich um die Einwände seiner beiden Brüder oder seiner Eltern geschert. Er war zwar Teil des Familienunternehmens gewesen, welches sehr erfolgreich mit maritimen Luxusgütern handelte, aber imstande gewesen, Geschäft und Privatleben strikt voneinander zu trennen.

Anna warf einen Blick auf die Taschenuhr. Es wurde Zeit, sich für den Termin in der Villa der Hansens vorzubereiten. Endlich würde es zur Testamentsverlesung kommen, und obwohl sich Anna sicher war, dass Carl-Hermanns Vermögen dem Familienunternehmen zufließen würde, empfand sie es als einen schwachen Trost, etwas vorgetragen zu bekommen, das ihr Gatte zu Lebzeiten verfasst hatte. Selbst wenn es sich dabei nur um ein förmliches Dokument handelte, das keine persönlichen Randnotizen und erst recht keine Nachricht an sie enthielt.

Sie stieg die Treppe in den zweiten Stock empor, zog sich ins Schlafgemach zurück und betrat von dort aus ihr Ankleidezimmer. Vor dem Spiegel stehend, prüfte sie ihr Erscheinungsbild.

Der dunkelgraue, bodenlange Rock kombiniert mit der hochgeschlossenen Bluse mit dezentem Spitzenkragen und den schwarzen Schnürstiefeln repräsentierten genau das richtige Maß an Stärke, das vonnöten war, um ihrer Schwiegerfamilie entgegenzutreten. Ihre Kleidung saß tadellos, nur ihre Haut wirkte leicht fahl, doch darüber ließ sich hinwegsehen. Ihre Augen, grün mit einem Hauch Braun darin, schauten wachsam, wenn auch traurig in die Welt. Sie richtete den Hut, der auf ihrem braunen, gewellten Schopf saß, steckte ihn mit ein paar Haarklammern fest und zog den kurzen Witwenschleier in die Stirn. Sie befasste sich gerade damit, passende Handschuhe ausfindig zu machen, als sie ein Klopfen an der Schlafzimmertür vernahm.

„Ja, bitte?“, rief sie, während sie ihren Ankleideraum verließ und neben dem Ehebett stehenblieb, das viel zu groß und erschreckend leer wirkte, seit sie allein darin schlief.

Das Räuspern ihres Hausdieners Wilhelm ertönte aus dem Flur; natürlich betrat er den Raum nicht unaufgefordert. „Gnädige Frau, die Kutsche der Hansens wartet. Was darf ich ausrichten?“

Anna starrte für einen Moment auf die Holzmaserung der Tür und schüttelte dann vehement ihren Kopf. Dass Carl-Hermanns Bruder Friedrich hinter dieser auf den ersten Blick freundlichen Geste steckte, stand außer Frage. Es ging selbstverständlich nicht darum, ihr, Anna, einen Gefallen zu erweisen oder gut gemeinte innerfamiliäre Fürsorge zu zeigen. Vielmehr war es die Demonstration von hierarchischen Strukturen, die dahintersteckte.

Anna spürte ihren Pulsschlag im ganzen Körper und ballte ihre Hände zu Fäusten, bemühte sich jedoch um einen verträglichen, wenn nicht gar gleichgültigen Tonfall. „Danke, Wilhelm. Richten Sie dem Fahrer doch bitte aus, dass ich mich für die Zuvorkommenheit bedanke, aber mit Stefan und unserer eigenen Kutsche zu fahren gedenke.“

„Sehr gern“, kam die prompte Antwort des Hausdieners, bei der Anna meinte, ein Schmunzeln im Tonfall zu vernehmen. Ihrer kleinen Dienerschaft war hinlänglich bekannt, dass sie einen Sturkopf besaß und sich des Öfteren über die Konventionen oder Ansichten der gehobenen Gesellschaft hinwegsetzte.

Nachdem sie einen weiteren Blick in den Spiegel geworfen und sich ihre Hand um den Henkel der schwarzen Ledertasche geschlossen hatte, in der sie ein Taschentuch, ihre Geldbörse und ein Notizbuch aufbewahrte, ging sie zurück ins Erdgeschoss. In der Empfangshalle, gleich neben der Garderobe, wartete Wilhelm bereits mit ihrem Mantel.

„Eine angenehme Fahrt und einen guten Tag, gnädige Frau“, wünschte er ihr, half ihr in das Kleidungsstück und nickte.

„Ich habe nicht vor, länger als unbedingt nötig außer Haus zu bleiben. Erwarten Sie meine Rückkehr am frühen Nachmittag.“

Tief durchatmend und sich innerlich für die kommenden Stunden wappnend, trat sie auf die Freitreppe, die vom Haus auf den Gehweg führte, und nahm anschließend Platz in der bereitstehenden Kutsche.

Rumpelnd setzte sich das Gefährt in Bewegung, vorbei an all den repräsentativen Stadthäusern mit ihren hohen Fassaden, mit Schnitzereien verzierten Türen und glänzend schmiedeeisernen Geländern. Dazwischen, in regelmäßigen Abständen, erhaschte Anna einen kurzen Blick auf das Westufer der Außenalster. Der aufgestaute See, auf dem sich bei gutem Wetter Ruder- und Segelboote tummelten, zeigte sich heute fast schwarz und von harten Wellen zerrissen. Die Rufe der Silber- und Lachmöwen, die über dem Gewässer gegen die Böen ankämpften, klangen schrill und waren selbst über das Tosen des Sturms hinweg hörbar.

Anna wandte sich ab von dem unruhigen Bild, das sich ihr bot, versuchte der aufkommenden Nervosität Einhalt zu gebieten. Natürlich hatte sie in mehr als einem Jahrzehnt unter den Argusaugen der Hansens gelernt, nicht jedes ihrer tadelnden Worte auf die Goldwaage zu legen – nicht zuletzt durch Carl-Hermanns Beistand und seine fortwährende Unterstützung. Und im Grunde war Anna von Hause aus schon immer eine Frau gewesen, die sich nicht kleinreden ließ. Die für sich einstand, eloquent, mit einem kühlen Sinn für Gerechtigkeit und dem feinen Gespür für Authentizität.

Dennoch war ihr in diesem Moment bewusst, da sie ihren Kopf gegen das Lederpolster der Kutsche lehnte und auf der Unterlippe kaute, bis sie Blut schmeckte, dass die folgenden Stunden womöglich über den Rest ihres Lebens entscheiden würden. Da waren ein wenig Herzklopfen und ein flaues Gefühl in der Magengrube das Geringste, mit dem sie sich anzufreunden hatte.

Sie legte die Hände in den Schoß, betrachtete ihre Knie, die sich unter ihrem Rock abzeichneten, und klaubte ein paar aufgeraute Wollflusen ab. Ihr Blick verharrte, bohrte sich regelrecht in das dunkle Grau ihrer Kleidung. Die Witwe Hansen, wurde sie nun oft genannt, meist hinter vorgehaltener Hand, aber scharf genug, dass sie es hörte. Als wäre sie lediglich das Nachwort ihres Ehemannes, nur noch der Schatten eines Namens, den er getragen hatte. Dabei bemühte sie sich nach besten Kräften, weiterzugehen, sich keine Schwäche einzuräumen, denn wer stillstand, hatte längst verloren. Dass sie sich einsam und verlassen fühlte seit jenem Tag im vergangenen Sommer, entsprach jedoch einer Tatsache, und niemals würde sie jenen Moment vergessen, der ihr den Boden unter den Füßen weggerissen hatte.

Carl-Hermann war einem Herzinfarkt erlegen. Es war aus heiterem Himmel geschehen, während er ein Telefonat mit einem Kunden geführt hatte. Anna hatte sein Büro in derselben Sekunde betreten, da er sich zu ihr umdrehte, sein Gesicht aschfahl, Schweiß auf seiner Oberlippe perlend.

Ihr war sogleich klar gewesen, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Der Ausdruck in seinen Augen hatte von einer Panik erzählt, die sie bei ihm noch nie erlebt hatte. Die Knöchelchen seiner Finger, die die Knopfleiste seines Oberhemdes umkrallt hatten, waren weiß und spitz hervorgetreten, und sofort nachdem er sich vornüber gekrümmt hatte, war er, ohne sich aufzustützen oder abzufangen, auf den Boden gestürzt.

Anna entsann sich der weit aufgerissenen Augen. Jeder Funke Leben war innerhalb weniger Sekunden aus Carl-Hermann gewichen. Der Tod hatte nichts zurückgelassen als ein blindes Fenster zu seiner Seele, die sich längst aufgemacht hatte zu neuen Gefilden. Nichts, aber auch gar nichts hatte sie tun können, obwohl sie alles darum gegeben hätte. Er war fort, und sie hatte hinnehmen müssen – wieder einmal –, dass nichts, das man nicht mit beiden Händen festzuhalten vermochte, Bestand genoss.

Hatte Carl-Hermann hin und wieder über ein beklemmendes Gefühl in der Brust geklagt? War er kurzatmig gewesen? Schnell überlastet und müde? Diese und viele weitere Fragen hatte man Anna gestellt, um herauszufinden, warum ein scheinbar kerngesunder Mann von Anfang vierzig so plötzlich aus dem Leben gerissen worden war. Doch es hatte keine nachvollziehbaren Gründe gegeben, niemand war imstande gewesen, Erklärungen abzuliefern, die das Unglück plausibler erscheinen ließen. Carl-Hermann war einfach gestorben.

Anna versuchte, die dunklen Gedanken abzustreifen, damit sie sich auf die bevorstehende Zusammenkunft mit ihrer Schwiegermutter und ihren Schwagern konzentrieren konnte. Es war mittlerweile zwei Wochen her, dass Therese, die Angetraute von Friedrich, Carl-Hermanns ältestem Bruder und seit dem Tod des Vaters unangefochtenes Oberhaupt der Familie Hansen, ihr einen Besuch abgestattet hatte.

„Nimm dir für den 3. November besser nichts vor“, hatte Therese ihr in ihrem gewohnt abfälligen Ton mehr befohlen als geraten. „Das Testament unseres lieben Carl-Hermann wird endlich verlesen.“ Anschließend hatte sie sich bemüht, Tränen in ihre Augenwinkel zu pressen, zweifelsohne damit Anna glaubte, der Tod ihres Schwagers ginge ihr nah. Immerhin war es nicht einfach, wenn erneut in der Wunde gestochert wurde, die auch nach Wochen und Monaten noch nicht zugeheilt war. Annas Schmerz jedoch mit Thereses zu vergleichen, stand in keinerlei Relation.

Dass nun ausgerechnet ihre Schwägerin, die zusammen mit Friedrich am meisten gegen Carl-Hermann und seinen ungewöhnlichen Umgang mit Anna gewettert hatte, sich in dieser Situation plötzlich das Kostüm der Tieftrauernden überstreifen wollte, war beinahe lächerlich gewesen. In ihrem Inneren hatte Anna gekocht. Doch weil Carl-Hermann sich zeit seines Lebens gewünscht hatte, sie möge auf die ein oder andere Weise mit seiner Familie zurechtkommen, hatte sie Therese nur milde zugelächelt, ihr ein Taschentuch gereicht, damit sie die falschen Tränen trocknen konnte, und die Einladung in die Villa der Hansens angenommen.

Die Kutsche fuhr am Dammtor-Bahnhof vorbei in Richtung Innenstadt. Anna sah aus dem Fenster, gab einen Seufzer ob der unüberhörbaren Geräuschkulisse von sich und ließ ihren Blick schweifen. Zeitungsjungen, die die Schlagzeilen des Tages ausriefen, Studenten mit ledernen Aktenmappen unter dem Arm, ein Straßenmusikant, der unter dem Vordach einer Gastwirtschaft die Drehorgel spielte, und eilig vorbeilaufende Menschen unter aufgespannten Schirmen waren auf den Bürgersteigen unterwegs.

Sich nach Ruhe sehnend, zog Anna die Gardinen vor die beiden Fenster der Kutsche, was ihr nicht viel Erleichterung bescherte, aber wenigstens den Blick in das stetige Gewusel auf den Straßen ersparte. Sie wusste, dass das Stimmengewirr hinter der Lombardsbrücke und weiter Richtung Jungfernstieg und Rathausmarkt noch stärker anschwellen würde. Und ihre Nerven waren jetzt schon gespannt wie Drahtseile.

Sie empfand keine Angst beim Gedanken daran, mit Carl-Hermanns Familie zusammen an einem Tisch zu sitzen. Dennoch verbrachte sie nicht gerne Zeit mit oder bei ihnen, erst recht nicht, wenn es, wie jetzt, um etwas Privates wie die Erinnerung an ihren lieben Ehemann und dessen Nachlass ging. Die Vorstellung, dass alles, was er geleistet hatte, jedes bisschen, das seinem Erfolg zuzuschreiben war, einfach in den Besitz seiner Brüder übergehen würde, gefiel Anna ganz und gar nicht. Natürlich war am Ende alles eins, und jeder der Hansens profitierte vom Geschäft, aber Carl-Hermanns Methoden, Gewinn zu maximieren sowie sein Umgang mit Kunden unterschieden sich stark von dem, was der Rest der Familie, allen voran Friedrich, für erstrebenswert erachtete.

Endlich, nach mehr als einer halben Stunde Fahrt, lenkte Stefan die Pferde auf den Valentinskamp, wo die Häuser nicht mehr so dicht beieinanderstanden und eine eher kühle, gediegene Atmosphäre herrschte. Die Vereinigung von alteingesessenem Reichtum und Traditionsbewusstsein war hier so deutlich spürbar, dass Anna sich gegen das wachsende Unwohlsein kaum noch wehren konnte. Dies war einfach nicht ihre Welt, war es nie gewesen, selbst nicht in ihrer Kindheit und Jugend. Und doch schaffte sie es, dank ihrer Selbstbeherrschung darin zu leben, so gut es eben ging.

Vor einem der imposantesten Gebäude hielt die Kutsche schließlich. Nur wenige Momente danach öffnete Stefan die Tür, klappte das Trittbrett aus und hielt Anna seine behandschuhte Hand hin, damit sie auf den Bürgersteig treten konnte. Bereits aus dem Augenwinkel bemerkte sie eine Bewegung an der Tür der Hansen-Villa: Der Hausdiener machte sich bereit, sie zu empfangen und ins Haus zu geleiten.

Anna nickte Stefan zu. „Warten Sie hier“, beauftragte sie ihn. „Es wird nicht allzu lang dauern.“

Ihre Schultern bis an die Ohren hochgezogen, um sich gegen die eisigen Böen zu schützen, stieg sie die Stufen empor und folgte dem Angestellten durch das Portal ins Haus.

„Die Herrschaften erwarten Sie bereits“, gab der Hausdiener steif von sich, während er ihr den Mantel abnahm. Anna wusste, sie war nicht willkommen, sondern lediglich geduldet. Ebenso war ganz eindeutig zu spüren, dass die Tatsache, dass sie nicht mit der Kutsche der Hansens vorgefahren war, sie in der Gunst der Familie weiter hatte sinken lassen.

Ihre Schritte hallten auf dem polierten Marmor der Empfangshalle, die mühelos als Ballsaal hätte dienlich sein können. Nicht eine einzige Blume zierte den Raum, nur die steinerne Büste des verstorbenen Friedrich Hansen senior thronte in der Mitte gleich unter dem Kronleuchter, der kaltes Licht auf die Wände streute. Ein weiterer Vorfahre der Hansens schien Anna im Vorgehen aus seinem dunklen Ahnenporträt zu beobachten, Übelwollen lauerte in seinem Blick. Jedenfalls fühlte es sich für Anna so an.

„Bitte“, wies der Diener sie an und zeigte auf die mit dunklem Holz vertäfelte Tür zum Herrenzimmer. „Ich glaube, die Kutsche des Notars ist soeben vorgefahren. Sie finden ja den Weg.“ Weder ihre Reaktion abwartend, noch sie in den angrenzenden Raum begleitend, entfernte sich der Angestellte und eilte zum Hauseingang zurück, um einen viel bedeutsameren Gast, als sie es war, zu begrüßen.

Anna schaute ihm kurz hinterher und schürzte die Lippen. Egal, wie wenig Sympathien man ihr persönlich entgegenbringen mochte, dass der Hausdiener sie einfach stehenließ, konnte sie nicht gutheißen. Seufzend trat sie auf das Herrenzimmer zu, wollte nach der Klinke greifen und bemerkte im letzten Moment, dass die Tür nur angelehnt war.

Kapitel 2

Annas Hand verharrte in der fließenden Bewegung. Einen Blick über ihre Schulter werfend vergewisserte sie sich, dass der Hausdiener noch draußen beschäftigt war, und lauschte den Stimmen, die aus dem Herrenzimmer an ihr Ohr drangen.

„Ungeheuerlich, dass sie noch nicht hier ist“, hörte sie Therese murmeln.

Ein Stuhl ruckte über den Fußboden, jemand war aufgestanden, näherte sich aber glücklicherweise nicht der Tür. „Ich denke, ich spreche für uns alle, wenn ich behaupte, dass bei Anna mit keinem anderen Verhalten zu rechnen war. Man möchte kaum glauben, dass sie aus einem gehobenen Hause abstammt. Ihr loses Mundwerk und das Entbehren jeglicher Manieren wird uns irgendwann zum Verhängnis werden, wenn wir es nicht schaffen, sie eines Besseren zu belehren.“ Eindeutig Friedrich.

„Vielleicht wird sie sich, jetzt, wo Carl-Hermann – Gott habe ihn selig – nicht mehr unter uns weilt, besser lenken lassen“, warf Therese ein. Anna schüttelte sich, denn nie und nimmer wollte sie solch eine, zumindest nach außen hin, angepasste Gemahlin sein, die nur zum Wohle ihrer Familie existierte und dabei sich und ihre eigenen Belange begrub. Diese Rolle stand ihr nicht. Sie trat sie liebend gerne an Therese und all jene Frauen ab, die ihre Seele willig der patriarchalischen Ordnung dieser Welt überließen.

„Womöglich benimmt sie sich irgendwann nicht mehr so schrecklich selbstgefällig“, meldete sich Mutter Hansen zu Wort, wie immer eher im Hintergrund agierend, aber deshalb nicht weniger Gift versprühend. „Carl-Hermann stand ja regelrecht unter ihrem Bann, möchte man sagen. Der Ärmste.“

Anna biss sich auf die Lippen. Sie hegte keine ernstzunehmenden Sympathien für ihre Schwiegerfamilie, hatte stets nur ihrem Ehemann zuliebe gewahrt, was seiner Meinung nach zu wahren einer familiären Pflicht gleichkam. Doch, wenn auch mit anderen Worten, aber trotzdem unmissverständlich, als eine Art Hexe bezeichnet zu werden, die Carl-Hermann bezirzt hatte, traf sie ins Herz wie ein Dolchstoß.

„Er war wirklich nur zu bemitleiden“, pflichtete Friedrich ihr bei. „Hoffen wir, dass Anna doch noch ein wenig Anstand zeigt und bald eintrifft.“

„Aber selbst Herr Grunewald ist noch nicht zugegen“, meldete sich der Jüngste der Brüder, Johann, zu Wort, sein Einwand leise und vorsichtig ausgesprochen. „Außerdem ist es gerade erst -“

„Das ist Unfug, und das sollte dir bewusst sein!“, fuhr Friedrich ihm über den Mund.

Anna legte den Kopf schief und sah zu Boden. Johann balancierte stets zwischen Entscheidungen, die seine Loyalität zur Familie unterstrichen, und Emotionen, die deutlich machten, dass er nicht mit allem einverstanden war, was deren Handlungen oder Aussagen betraf. Leider war er jedoch mit einer eher nachgiebigen Befindlichkeit ausgestattet, sodass er sich meist dem Willen der Familie fügte, um echten Konfrontationen aus dem Wege zu gehen.

„Mutter hat recht“, bekräftigte Friedrich. „Dass Anna die Einladung, mit unserer Kutsche zu diesem wichtigen Termin anzureisen, ausgeschlagen hat, zeigt nur, wie wenig Schicklichkeit sie besitzt. Hätte sie nicht darauf bestanden, mit dem eigenen Wagen zu kommen, wäre sie sicher längst hier.“ Erneut wurde ein Stuhl bewegt, Friedrich setzte sich offenbar wieder an den Tisch.

Anna hatte genug gehört. Am liebsten wäre sie umgekehrt, war sich jedoch bewusst, dass Flucht keine Option war. Außerdem war davon auszugehen, dass Herr Grunewald, der Familiennotar, jeden Moment eintreffen würde, und Anna wollte sich keinesfalls die Blöße geben, den Gesprächen der Hansens heimlich gelauscht zu haben. Also legte sie die Hand auf die Klinke, drückte sie geräuschvoll herunter und trat ein.

Ein zurückhaltendes Lächeln von Johann, ein durchdringender Blick ihrer Schwiegermutter und die strafende Nichtbeachtung Friedrichs galten ihr als Begrüßung, lediglich Therese ließ sich dazu herab, das Wort an sie zu richten.

„Schwägerin“, sie spitzte ihre Lippen und nickte ihr zu. „Wie schön, dass du es einrichten konntest. Wir waren schon in Sorge, dir könnte etwas zugestoßen sein.“

Anna verzichtete auf eine Antwort. Stattdessen umrundete sie den edlen Tisch aus rötlich schimmerndem Mahagoni und passierte die Vitrine, in dem die originalgetreue Miniaturnachbildung einer Fregatte zur Schau gestellt war. Anschließend wandte sie sich dem Tisch zu, an dem die Beteiligten der Szenerie genauso saßen, wie Anna es sich ausgemalt hatte: Friedrich am Kopf, vor sich liegend einige aufgeschlagene Dokumente, zu seiner Rechten Therese, zur Linken seine Mutter und Johann. Nur Alexander, der halbwüchsige Sohn Friedrichs und Thereses fehlte. Anna hatte soeben neben ihrem jüngsten Schwager Platz genommen, da klopfte es an der Tür und der Hausdiener eilte an Friedrichs Seite, sein Gesichtsausdruck zerknirscht, ein Hauch von Röte auf seinen Wangen.

„Herr Hansen“, flüsterte er und beugte sich leicht herab, „der Notar ist soeben eingetroffen, doch es tut mir sehr leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihrem Sekretär bei der Terminvereinbarung anscheinend ein Fauxpas unterlaufen ist.“

Anna seufzte leise auf. War sie etwa völlig umsonst hergekommen? Würde sie nun heimgeschickt werden und sich mit den Strapazen einer erneuten Zusammenkunft konfrontiert sehen? Ihre Finger fanden den Schnappverschluss ihrer Handtasche, bereit, ihn zu öffnen. Das kleine Notizbuch könnte sie im Nu hervorholen, sollte es nötig werden, sich über ein neues Treffen einig zu werden.

Friedrich taxierte seinen Hausdiener, der Ausdruck von Wut glühte in seinen Augen. Er schätzte es nicht, wenn Fehler passierten. Missgeschicke und Unzulänglichkeiten hatten im Alltag Friedrich Hansens keine Daseinsberechtigung.

„Wie darf ich das verstehen?“ Seine Stimme erinnerte Anna an das Geifern eines Raubtieres, bevor es über seine Beute herfiel, um es genüsslich in Stücke zu reißen.

„Nun“, druckste der Angestellte herum, „ihm ist entgangen, dass es sich bei dem Herrn, der den Termin für die Testamentsverlesung telefonisch vereinbarte, nicht um Herrn Grunewald handelte.“

Therese, Johannes und seine Mutter horchten auf, ihre Münder leicht geöffnet, die Empörung ins Gesicht geschrieben.

„Würden Sie jetzt bitte zum Punkt kommen?“, herrschte Therese den Diener an, nicht ohne einen strafenden Blick Friedrichs zu ernten. Dass seine Frau, oder Frauen generell, im Beisein anderer das Wort ergriffen, ohne vorab gefragt worden zu sein, ohne dass es um Belange ging, die dem weiblichen Geschöpf zustanden, empfand Friedrich als Ungehorsam. Doch schien er davon abzusehen, Therese zu tadeln. Für den Moment jedenfalls.

„Wer um Himmels willen könnte denn sonst mit der Niederschrift und Aufbewahrung von Carl-Hermanns Letztem Willen beauftragt worden sein? In dieser Familie ist es seit Jahr und Gedenken der Fall, dass Herr Grunewald sich dieser Dinge annimmt.“ In Friedrichs Augen loderten Ungeduld und Zorn.

Der Angestellte schluckte und schien darauf zu warten, dass der Hausherr ihm die Erlaubnis erteilte, das Missgeschick näher ausführen zu dürfen. Anna verdrehte die Augen, und es scherte sie nicht im Geringsten, dass Therese Zeuge ihres Unmutes wurde.

Friedrich schob seinen Stuhl so energisch nach hinten, dass er beinahe umfiel, und baute sich wie ein Sklaventreiber vor seinem Diener auf.

„Wer, bitteschön, steht vor dieser Tür, Daniel, wenn es nicht Grunewald ist?“

„Er heißt Viktor Bertrams, Herr Hansen“, antwortete der Angestellte prompt.

Friedrich legte die Stirn in tiefe Falten. „Nie habe ich von ihm gehört! Und er will im Besitz von Carl-Hermanns Testament sein? Das kann ich mir kaum vorstellen.“ Ungläubig schüttelte er seinen Kopf.

Daniel jedoch nickte verhalten. „Jedenfalls behauptet er dies. Möchten Sie ihn nun empfangen?“

Friedrich strich über das antiquarische Messing-Sextant, welches in einem offenen Etui auf einer Anrichte thronte, gleich unterhalb eines Ölgemäldes, das den Hamburger Hafen bei stürmischer Wetterlage zeigte.

Eine schwere Stille machte sich im Raum breit, die nur vom vor Aufregung hastigen Atem Mutter Hansens durchdrungen wurde.

Annas Gedanken wirbelten durcheinander. Viktor Bertrams. Auch sie konnte sich nicht erinnern, jemals diesen Namen vernommen oder in den Unterlagen ihres Mannes entdeckt zu haben. Eine beunruhigende Feststellung.

Und so ungern sie es zugab: Therese hatte recht mit ihrer Aussage, dass es von jeher in den Aufgabenbereich des Herrn Grunewalds fiel, Beurkundungen und Verträge aufzustellen sowie die Geschäfte der Hansens zu verwalten. Darüber hinaus fungierte er als einer der engsten Vertrauten der Familie, wurde in sämtlichen juristischen Fragen zu Rate gezogen. Wieso sollte Carl-Hermann mit diesem Vorgehen, das an Tradition grenzte, gebrochen haben?

Friedrich setzte sich wieder an den Tisch, stützte die Ellbogen auf und legte die Finger wie zum Gebet aneinander. „Nun gut. Lassen Sie ihn eintreten! Ich bin zu gespannt auf die Ausführungen dieses Mannes, als dass ich ihn ungehört des Hauses verweisen will.“ Seine linke Hand fand die Rechte seiner Mutter. „Beruhige dich, Mutter, ich bin sicher, dass hier ein Missverständnis vorliegt.“

Der Bedienstete eilte zur Tür und öffnete. Herein trat ein leicht untersetzter Mann, Anna schätzte, in den Fünfzigern, mit schütterem Haar und aufmerksamen Augen. Er verbeugte sich, sofort nach einem geeigneten Platz Ausschau haltend, um abzuwickeln, weshalb er gekommen war. Er schien bedacht darauf, seine Arbeit umgehend zu erledigen.

Friedrich deutete ein kurzes Aufstehen an und reichte dem Fremden seine Hand. „Herr Bertrams“, begann er, dem Notar einen Stuhl an der rechten Seite des Tisches zuweisend. „Wir sind überrascht, Sie anstelle unseres Stammnotars, Ihres werten Kollegen Herrn Grunewald, in unserem Hause begrüßen zu dürfen.“ Er lächelte schmallippig. „Sicher werden Sie uns aufklären können, was es damit auf sich hat.“

Herr Bertrams öffnete seine Ledertasche und legte einen versiegelten Umschlag auf der Tischoberfläche ab. Anna stockte der Atem, als sie die Prägung des Siegels erkannte, die zweifelsfrei mit Carl-Hermanns Petschaft in das rote Wachs gedrückt worden war. Dieses Zeichen, die ineinander verschlungenen Buchstaben C.H.H., ließen Anna erschauern. Fast verlor sie sich in der Illusion, ihr verstorbener Ehemann hätte soeben den Raum betreten, um sich an ihre Seite zu begeben, wie er es immer getan hatte. Eine wundervolle Vorstellung – aus der sie jäh herausgerissen wurde.

„Selbstverständlich kann ich Sie aufklären“, ging Herr Bertrams auf die provokant gestellte Frage Friedrichs ein, völlig unbeeindruckt von der Skepsis, die ihm entgegenschlug, und setzte sich in aller Seelenruhe.

Anna spürte ein Kribbeln in ihrem Bauch aufsteigen, fast so, als habe sie ein Glas Champagner getrunken, das nun seine aufputschende Wirkung entfaltete.

„Wir sind ganz Ohr und können es kaum erwarten, dass Sie Licht ins Dunkel bringen.“ Friedrichs Ungeduld und seine wachsende Anspannung vereinten sich zu einer explosiven Atmosphäre, die den gesamten Raum erfüllte.

„Herr Carl-Hermann Hansen verfügte zu seinen Lebzeiten, sein Testament in meine amtliche Verwahrung zu geben“, erklärte der Notar. „Die Frage, warum er dies so entschied und nicht anders, stellt sich nicht. Daher erachte ich es als meine Pflicht, seinen Letzten Willen heute und hier zu verlesen.“

Er sah kurz auf, nahm die Verblüffung der Hansens zur Kenntnis, bevor er den geschlossenen Umschlag zur Hand nahm. Das Papier raschelte, als er es festhielt, um das Siegel zu brechen.

Das Geräusch ließ Therese zusammenzucken. In ihren Augen lag Besorgnis, als sie den Blick Friedrichs suchte. Die gespannte Stille im Herrenzimmer war beinahe greifbar.

Herr Bertrams räusperte sich, rückte seine Brille zurecht und fuhr in seinem neutralen Tonfall fort. „Meine Damen und Herren, ich eröffne hiermit das eigenhändig verfasste Testament des verstorbenen Herrn Carl-Hermann Hansen, Kaufmann zu Hamburg, geboren am 02. Mai 1860, verstorben am 10. Juli 1902. Das vorliegende Schriftstück befand sich in meiner amtlichen Verwahrung und trägt das Siegel sowie die Unterschrift des Erblassers. Es wurde von ihm niedergelegt zu Hamburg am 31. August 1898.“

Anna meinte, ein Zwinkern in Herrn Bertrams Augen zu sehen, als er für ein paar Sekunden innehielt, einen Blick in die Runde warf und den ihren länger festhielt.

„Werden wir nun erfahren, was mein werter Herr Bruder verfasst hat oder wollen Sie uns weiter auf die Folter spannen?“ Friedrichs Gesichtsfarbe hatte sich ins Rötliche verfärbt, Sarkasmus und Verdruss trieften aus jedem seiner Worte.

Herr Bertrams blieb davon ungerührt. „Ich verlese nunmehr den Inhalt wörtlich, wie er vom Erblasser verfügt wurde:

Ich, Carl-Hermann Hansen, bei voller Gesundheit und im Besitz meiner geistigen Kräfte, bestimme hiermit für den Fall meines Todes meinen Letzten Willen.

Zu meiner alleinigen Erbin setze ich meine Ehegattin, Frau Anna Hansen, geborene Drexler, ein. Dazu zählen sämtliches bewegliches und unbewegliches Vermögen, insbesondere mein Stadthaus zu Hamburg, mein Segelboot sowie meine Handelslager mit den darin befindlichen Hölzern. Ebenso umfasst diese Erbeinsetzung sämtliche Geldbestände, Guthaben und Forderungen, wo und in welcher Form sie auch bestehen mögen. Darüber hinaus soll die Liegenschaft samt dem Grand Hotel „Meereskrone“ in Seeglingen in das Eigentum meiner Ehefrau übergehen. Meine Mutter, Brüder, Anverwandte oder sonstige Dritte erhebe ich ausdrücklich nicht zu meinen Erben und schließe sie hiermit von der Erbfolge aus.“

Annas Herz stolperte, sodass sie sich an die Brust fasste, um es in seinen normalen Rhythmus zurückzuzwingen. Doch ungeachtet ihrer Bemühungen raste es weiter. Eine unsagbare Hitze kletterte ihr Dekolleté hinauf, kroch in ihre Wangen und brachte ihre Kopfhaut zum Prickeln.

Was, in Herrgotts Namen, hatte Carl-Hermann sich nur dabei gedacht? Natürlich war klar gewesen, und diesbezüglich hatte er ihr gegenüber auch nie ein Blatt vor den Mund genommen, dass er nicht alles, was im Familienunternehmen besprochen, geplant und getan wurde, billigte. Genau aus diesem Grund hatte er so manch eine Entscheidung im Stillen getroffen, oft völlig entgegen der Ergebnisse, die im Familienrat festgehalten worden waren. Er war eigensinnig gewesen, offen für neue Entwicklungen, wo Friedrich stets dafür kämpfte, die streng konservative Geschäftspolitik des Vaters fortzuführen. Aber dass Carl-Hermann nun sie als alleinige Erbin einsetzte, wunderte sie. Für ihren Mann war die Familie stets ein Anker gewesen, er hatte sie um ihrer selbst willen geliebt, war ihnen verbunden gewesen trotz aller Differenzen.

Herr Bertrams las weiter vor:

„Ich ordne an, dass Frau Anna Hansen frei und ohne Einschränkung über den Nachlass verfügen möge, nach ihrem Willen und zu ihrem Besten.

So geschehen zu Hamburg, am 31.08.1898.

Unterzeichnet: Carl-Hermann Hansen.“

„Das ist ja ungeheuerlich!“, rief Friedrich aus, stand auf und stützte sich keuchend mit beiden Händen auf der Tischplatte ab, Herrn Bertrams fest im Visier. „Lassen Sie mich sofort prüfen, ob das Dokument echt ist! Am Ende fallen wir noch einem abgekarteten Spiel zum Opfer.“

Anna las in jedem der Gesichter von demselben Entsetzen, konnte die Gefühlsregungen in vollem Maß nachvollziehen. Sie mussten es als Affront empfinden, dass Carl-Hermann sich so überraschend gegen sie wandte; eine Ernüchterung dieser Tragweite musste sie schier um den Verstand bringen. Nur Johann hielt seinen Blick gesenkt. Wie so oft war ihm nicht anzumerken, mit welchen Gedankengängen er beschäftigt war, welche Gefühle ihn bewegten und wem er sich verpflichtet fühlte.

„Herr Hansen, ich wäre Ihnen dankbar, wenn ich die Testamentsverlesung den Vorschriften gemäß zu Ende bringen könnte.“ Der Notar zog die Augenbrauen ein Stück in die Höhe und sah Friedrich so tadelnd an, als hätte er einen ungehorsamen Schuljungen vor sich.

„Meine Damen und Herren“, fuhr Herr Bertrams fort, nachdem Friedrich ihm widerwillig, aber dennoch das Wort überlassen hatte, „damit ist der Letzte Wille des Erblassers eröffnet und zur Kenntnis aller Anwesenden gebracht. Ich weise darauf hin, dass dieses Testament in seiner hier vorliegenden Form bindend ist.“

Kaum hatte er den letzten Satz beendet, waren Friedrich, seine Mutter und Therese schon an der Seite des Notars und verlangten Einsicht in das Dokument. Wieder erhob Friedrich Zweifel an der Echtheit des Papiers, hielt es sogar gegen das Licht und drehte es mehrfach, zweifelsohne hoffend, einen Fehler zu entdecken. Etwas, das seinen windigen Vorwurf untermauern würde. Doch er fand nichts.

„So etwas hätte unser lieber Carl-Hermann uns doch nie angetan“, beschwerte sich nun auch seine Mutter mit einem Schluchzen, das Anna Mitleid empfinden ließ – bis ihre Schwiegermutter sich ihr zuwandte, das Gesicht verzogen zu einer hässlichen Fratze, in der Missgunst und Hass offen miteinander konkurrierten. „Und niemals hätte er sie allein mit allem bedacht, das ihm gehörte.“

Anna zog die Stirn kraus. Ihr Mitgefühl war gänzlich verpufft. „Ich fürchte, du irrst dich, liebe Mutter“, blaffte sie. „Vielleicht hatte Carl-Hermann tatsächlich gute Gründe. Vielleicht war er mir einfach mehr verbunden als -“

„Wage es nicht!“ Friedrich war um den Tisch herum gestürmt und baute sich gebieterisch vor Anna auf. „Wage es nicht, diese Lüge auszusprechen! Es geht hier um die Ehre der Familie und um meinen Bruder!“

„Der mein Ehemann war!“, zischte Anna, ohne einen Zentimeter zurückzuweichen. Sie krallte die Zehen in die Sohle ihrer Stiefel, spannte ihren gesamten Körper an. Wäre Carl-Hermann in diesem Moment zugegen, er hätte ihren Arm umfasst und sie um Contenance gebeten, obwohl er ihre Wut verstanden hätte.

„Dürfte ich um ihre Zurückhaltung bitten? Wir sind gleich fertig“, mischte sich Herr Bertrams ein, bevor auch Therese in das Wortgefecht einfallen würde; denn tief Luft geholt hatte sie bereits. „Sollten Sie Zweifel an der Echtheit des Dokuments haben, so steht es Ihnen frei, diese gerichtlich prüfen zu lassen.“ Er ging dazu über, das Testament wieder in den Umschlag zu stecken.

„Sie nehmen es mit?“ Johann war aufgestanden und näherte sich mit Vorsicht, ganz so, als erwartete er, von seinem Bruder gelyncht zu werden, sollte er etwas in den Raum werfen, das Friedrich als deplatziert erachten könnte. Anna glaubte sogar, Tränen in seinen Augen schimmern zu sehen.

„Ganz recht“, antwortete der Notar gelassen, das Kuvert in seine Tasche steckend. „Beglaubigte Abschriften gehen Ihnen allen innerhalb der nächsten Woche durch mein Büro zu. Und nun guten Tag allerseits.“ Er sah davon ab, weitere Reaktionen oder Einwände abzuwarten, drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Raum, fast wie eine Erscheinung, bei der man nicht sicher sein konnte, ob man ihr Glauben schenken durfte.

Als Anna mit den Hansens zurückblieb, war ihr, als ginge nicht nur ein Beben durch sie, sondern auch durch das Herrenzimmer. Alle begannen wild durcheinanderzureden; die Empörung darüber, dass Carl-Hermann sich nicht nur einem fremden Notar anvertraut hatte, sondern sein gesamtes Vermögen ihr, seiner Ehefrau, vermachte, sorgte für anhaltenden Tumult. Während Friedrich, seine Mutter und Therese das kolossale Unrecht beklagten, welches ihnen als Familie widerfahren war, verstummte Johann wieder, und Anna versuchte zu begreifen, was ihr Ehemann ihr mit seinem Letzten Willen zu Füßen gelegt hatte.

Es ging nicht nur um die Besitztümer, die er ihr soeben zugesprochen hatte. Nicht um all das Materielle, das ihr einen verlässlichen Lebensstandard zusichern und das sie ab sofort ihr Eigen würde nennen können.

Über all dies hinaus hatte Carl-Hermann ihr etwas geschenkt, das von viel größerer Bedeutung war. Etwas, das ihr Herz in freundschaftlicher Zuneigung anschwellen ließ und ihr heiße Tränen in die Augen trieb. Etwas, das bewies, dass ihr Mann stets an sie und ihre Kraft – ihren Löwenmut, wie er ihn nannte – geglaubt hatte.

Eine Aufgabe.

Kapitel 3

Anna war ganz in ihren Gedanken versunken, als sie aufstand, den Stuhl ordentlich an den Tisch rückte und sich zur Tür bewegte, um das Herrenzimmer zu verlassen.

Was die anderen besprachen, in welch wilden Spekulationen sie sich verloren, bekam sie lediglich am Rande mit. Sie wollte nur eines: So schnell wie möglich zurück ins Stadthaus, eine Tasse Tee genießen, vielleicht ein Vollbad, und alles, was gerade auf sie eingewirkt hatte, in Ruhe verarbeiten. Sie würde sich ein paar Notizen machen, damit sie nicht vergaß, was zu tun war: die Korrespondenz mit dem Notar, die Überprüfung der Konten, die Rücksprache mit dem Verwalter der Holzlager.

Wenn sie die Dinge im Außen sortierte, sortierten sich auch ihre Gedanken.

„Anna“, durchschnitt Friedrichs laute Stimme das Gezeter seiner Mutter und seiner Ehefrau. „Du willst uns schon verlassen?“

Anna blieb ruckartig stehen, drehte sich um und sah ihrem Schwager fest in die Augen.

„Ich war davon ausgegangen, dass es für den Moment nichts mehr zu diskutieren gibt. Immerhin war das, was Herr Bertrams vortrug, unmissverständlich.“ Das war Friedrich und dem Rest der Hansens sicher schmerzlichst bewusst, doch es schadete nicht, es nochmals in aller Deutlichkeit zu erwähnen.

Friedrich wiegte seinen Kopf hin und her. „Nun, es würde mich doch sehr interessieren, ob du an diesem“, er suchte nach den richtigen Worten für etwas, von dem Anna wusste, dass es sie verletzen sollte, „Trugschluss so unschuldig bist, wie du vorgibst zu sein.“

Sie seufzte auf. Hörbar.

„Es ist mir ein Rätsel, Friedrich, wie du darauf kommst, dass an dem, was dein eigener Bruder verfügt hat, Zweifel bestehen. Er ist einen Weg gegangen, der vollkommen rechtsgültig ist.“ Sie ging ein paar Schritte auf ihn zu und kniff die Augen zu Schlitzen zusammen, was er mit einem Stirnrunzeln quittierte. Selbstverständlich hielt er es für ungehörig, dass sie widersprach; seiner Auffassung nach gebührte ihr Schweigen, Zurückhaltung und Demut.

„Aber du musst doch zugeben, dass es höchst ungewöhnlich ist, dass Carl-Hermann uns, seine Familie, von seinem Erbe enthoben hat. Dir sollte klar sein, dass dies keine Entscheidung gewesen sein kann, die er aus einer Laune heraus traf. Dass sogar die Möglichkeit besteht, dass er niemals so entschieden hätte, wenn nicht ein … Zwang dahintersteckte.“ Friedrichs Worte glichen einer Beschwörungsformel. Er versuchte, Anna zu manipulieren, ihr einzureden, dass Carl-Hermanns letzter Wille eine Fehlinterpretation war und es bei der Aufsetzung unmöglich mit rechten Dingen zugegangen sein konnte.

„Und außerdem“, setzte Friedrich erneut an, „dieses Hotel, von dem Bertrams sprach -“

Sie schnitt ihm das Wort ab, um jede weitere böswillige Mutmaßung zu unterbinden. „Die Meereskrone war in den letzten Monaten, bevor Carl-Hermann starb, immer wieder Inhalt unserer Gespräche.“ Das stimmte so nicht, doch hörte sie eine leise Stimme in sich flüstern, dass sie das Hotel verteidigen sollte.

Ihr Schwager trat näher an sie heran, zweifelsohne in einem weiteren Versuch, sie einzuschüchtern. Doch Anna blieb standhaft, wenigstens nach außen hin. Innerlich versuchte sie fieberhaft, sich an die wenigen Unterhaltungen zu erinnern, in denen es um das besagte Haus an der Ostsee gegangen war. So konnte sie sich vage entsinnen, dass der Eigentümer des Hotels vor geraumer Zeit in eine finanzielle Schieflage geraten war und die Meereskrone deshalb hatte veräußern müssen. Carl-Hermann hatte die Chance ergriffen, davon gesprochen, aus dem Hotel ein Repräsentationsobjekt machen zu wollen. Kunden aus Übersee, etwa britische oder amerikanische Reeder, Händler und Holzimporteure sollten in Seeglingen gebührend empfangen und zu ein paar Tagen Erholung in der Meereskrone eingeladen werden. Aber das Kerngeschäft, das Familienunternehmen der Hansens, hatte immer Priorität genossen. Und so hatte Carl-Hermann das Hotel weder in Schuss bringen lassen können, noch war es ihm gelungen, je auch nur einen Gast persönlich dort willkommen zu heißen.

„Es war Inhalt eurer Gespräche?“ Friedrich schaute auf Anna herab. „Dann lass uns doch an dem, was Carl-Hermann mit dir erörtert hat, teilhaben, damit auch wir im Bilde sind.“

Anna ging nicht davon aus, dass sie sämtliche Vorurteile und Gehässigkeiten der Hansens in dem Augenblick würde aus dem Weg räumen und zunichtemachen können, da sie zugab, dass sie nicht viel über dieses Hotel wusste. Und keinesfalls wollte sie Friedrich die Zügel in die Hand legen; alles in ihr sträubte sich dagegen. Also war Diplomatie gefragt.

„Das Hotel war ein Vorhaben, das uns beiden sehr am Herzen lag“, gab sie beherrscht zurück, die offene Neugier im Blick ihres ältesten Schwagers ignorierend.

Friedrich schnalzte mit der Zunge. „Interessant, interessant. Hatte Carl-Hermann doch nicht die zeitlichen Freiräume, und ich denke, auch keinerlei ernstzunehmende Ambitionen, ins Hotelgewerbe einzusteigen“, gab er zurück. „Ich könnte mir viel eher vorstellen, dass mein Bruder in der Meereskrone etwas gesehen hat, von dem er sich Prestige versprach. Wir Hansens haben schließlich ein Auge für erfolgversprechende Geschäfte.“ Er lächelte selbstverliebt. „Gehe ich recht in der Annahme, dass es sich bei dem Hotel um ein gutgehendes Haus handelt, das Gewinn abwirft?“

Dass Friedrich keine Möglichkeit auslassen würde, sich selbst zu bereichern, auch an dem, was vor dem Gesetz nicht sein Eigen war, war Anna bewusst. Ihr Schwager war noch nie jemand gewesen, dessen persönliche Sicht auf die Welt oder berufliche Vorgehensweisen sie respektierte. Einfältig hingegen war er nicht.

Anna hob ihr Kinn. „Soweit ich informiert bin, gibt es dort jede Menge zu renovieren und modernisieren, bevor an Gewinn zu denken ist.“

Thereses schrilles Lachen hallte durchs Herrenzimmer. „Und Carl-Hermann wollte diese Verantwortung in deine Hände legen?“ Sie tat, als bemühte sie sich um Haltung, indem sie den Moment ihres Amüsements zu ersticken versuchte. Doch hinter vorgehaltener Hand kicherte sie weiter, nicht ohne ihrem Ehemann einen entschuldigenden Blick zuzuwerfen.

Anna spürte Wut in sich aufsteigen, obwohl sie wie immer dagegen ankämpfte. Dennoch ließ sie Friedrich stehen und kehrte an den Tisch zurück. „Was daran amüsiert dich dermaßen?“, wandte sie sich lautstark an Therese. „Oder euch beide?“, ergänzte sie, weil ihre Schwiegermutter in das Lachen einstimmte.

„Das fragst du noch?“ Ihr Schwager war mit zwei Schritten an ihrer Seite und schüttelte, ebenfalls belustigt, seinen Kopf. Allem Anschein nach hatte zwischen ihm, seiner Gattin und seiner Mutter ein stiller Austausch stattgefunden, dank dem sie sich – wie üblich – in einer Position sahen, aus der sie Anna nur im Staub kriechend wahrnahmen.

„Wollen wir mit dem Offensichtlichen beginnen?“ Friedrich legte seinem jüngeren Bruder, der sich stiekum hielt, beide Hände auf die Schulter. Dass er in jeglicher Hinsicht Druck ausübte, war unschwer zu erkennen; er wartete nur darauf, dass auch Johann einen abfälligen Kommentar äußerte. Doch damit schien dieser sich schwerzutun, sehr zur Erleichterung Annas, die auf weitere Ruchlosigkeiten gern verzichten wollte.

Friedrich aber dachte nicht daran, von seinem Feldzug abzurücken. „Liebster Bruder“, forderte er Johann nun tatsächlich auf, sich am Streitgespräch zu beteiligen. „Sag, hast du eine Idee, aus welchem Grunde es völlig abwegig ist, dass Carl-Hermann die Führung eines Grand Hotels in die Verantwortung seiner Ehefrau gibt?“

„Keiner hat behauptet, dass ich die Direktion übernehmen will oder werde, Friedrich“, warf Anna ein, ohrfeigte sich im nächsten Augenblick aber innerlich. Sie wäre besser bedient, würde sie sich zurückhalten. Nicht, um klein beizugeben, sondern um zu vermeiden, am Ende ohne den Rückhalt der Hansens dazustehen, wenn er vonnöten sein sollte.

Johann räusperte sich und sah auf. Immer noch wirkte sein Blick getrübt. „Weil Anna eine Frau ist?“

„Exakt!“, gab Friedrich zurück und drehte sich zu seiner Schwägerin. „Doch darüber hinaus kann ich das Problem gern weiter ausführen, damit du verstehst, was ich meine.“ Aus seinen Augen sprühten Funken. Es lag auf der Hand, dass er sich daran ergötzte, Anna mit seinen Standesvorstellungen zu konfrontieren und sie zu behandeln, als sei sie eine dumme Gans. „Nennen wir die Dinge beim Namen, liebste Schwägerin: Du hast keinerlei Ahnung von Zahlen, von Verträgen und der Führung von Bediensteten. Die Leitung eines Hotels erfordert kaufmännisches Geschick und Erfahrung, und verzeih mir, wenn ich es so deutlich formuliere: Dir fehlt es an beidem. Carl-Hermann kann unmöglich bei klarem Verstand gewesen sein, als er meinte, du könntest das stemmen. Wärest du klug, würdest du die Meereskrone mir überlassen. Sofort.“

Daher wehte also der Wind. Nicht genug damit, dass Anna den Verlauf des Gesprächs schon geahnt hatte, ihr Schwager gab sogar offen zu, dass er das Hotel an sich reißen wollte.

Sie biss sich fest auf die Zahnreihen und hielt einen Moment inne, um sich eine Strategie zu überlegen und ihre nächsten Worte weise zu wählen. Es war von elementarer Bedeutung, sich einen Vorteil zu verschaffen, durch den sie ihre weitere Vorgehensweise in Ruhe würde überdenken können. Keinesfalls durfte sie Friedrich das Zepter überlassen. Immerhin gab es keinen Zweifel daran, dass Carl-Hermann das Hotel zu seinen Lebzeiten wichtig genug gewesen war, um es nicht abzustoßen. Darüber hinaus hatte er es ihr, seiner Ehefrau, zugetraut, damit zu tun, was immer sie für richtig hielt. Womöglich hatte er sogar gehofft, sie würde seine Idee verfolgen. Etwas Eigenes erschaffen, zu dem er aufgrund seiner Verpflichtungen im Familienunternehmen nie gekommen war.

Für einen Wimpernschlag sah Anna sich auf einer Veranda stehen und über das Meer schauen, im Rücken ein imposantes Gebäude mit herrlichen Balkonen, auf denen unzählige Gäste die Sommerfrische genossen. Sie kannte das Hotel zwar nicht, hatte nicht mal einen Blick darauf werfen können, doch ihre Vision ließ ihr Herz zaghaft flattern.

„Vielleicht hast du recht“, murmelte sie trotzdem und schenkte Friedrich endlich den unterwürfigen Blick, nach dem er so gierte.

„Ich hörte dich nicht recht, Schwägerin. Wärest du so freundlich, deine Aussage zu wiederholen, damit wir alle sie vernehmen?“

Anna kämpfte gegen heftige Übelkeit an und nickte, bevor sie sich ihrer Schwiegermutter, Johann und Therese zuwandte. „Ich sehe ein, dass das Ansehen der ganzen Familie auf dem Spiel steht, mischte ich mich unüberlegt in diese Geschäfte ein. Daher werde ich in mich gehen und gründlich darüber nachdenken, bevor ich eine endgültige Entscheidung treffe.“ Sie erntete kollektive, wenn auch verwunderte Zustimmung.

„Ich hätte nicht damit gerechnet, Anna, aber ich freue mich, dass du zur Vernunft kommst“, lobte ihre Schwiegermutter sie, während auch Thereses Gesichtsausdruck sanftere Züge annahm.

„Wie schön, dass du einsiehst, dass es sich bei all dem nur um ein Missverständnis handeln kann. Wir Frauen sollten uns doch mit solchen Dingen wirklich nicht auseinandersetzen.“ Sie erhob sich, kam auf Anna zu und legte den Arm um ihre Schulter. „Unsere Stärken liegen darin, unseren Männern gute Ehefrauen zu sein, sie zu unterstützen und dafür zu sorgen, dass die Linie fortgeführt wird.“

Anna zuckte zusammen. In ihren Fingerspitzen kribbelte es, ihr Brustkorb hob und senkte sich in verräterischer Geschwindigkeit. Sie hasste diese Anspielungen! Wann immer es in den Kontext passte, suhlten sich die Hansens darin, dass Anna Carl-Hermann in den dreizehn Jahren ihrer Ehe kein Kind geboren hatte.

„Oh, entschuldige, ich hätte besser auf meine Wortwahl achten sollen“, beschwichtigte Therese sogleich, doch die Falschheit blitzte in ihren Augen. „Es ist ja schließlich nicht in Stein gemeißelt, dass allein du für diese Misere -“

„Ich denke, an dieser Stelle ist alles gesagt“, unterbrach Friedrich seine Frau, ein tiefes Grollen in seiner Stimme, auf das sie sofort reagierte, wie er es erwartete. Er war nicht daran interessiert, seinem Geschlecht den Schwarzen Peter für eine kinderlose Ehe zuzuschieben. Für ihn war es undenkbar, dass ein Mann seiner gottgegebenen Zeugungsfähigkeit beraubt sein könnte.

Anna schluckte jedweden Zorn herunter, der sich in ihrer Magengrube zu einem Feuerball formte, bereit, ihr ganzes Sein zu erfassen. Sie zwang sich, dem stets schwelenden Gefühl von Trauer ob ihres Unvermögens, ihres vermeintlichen Unvermögens, Mutter zu sein, Einhalt zu gebieten. Stattdessen streifte sie die Maske der Dankbarkeit über, um der Familie ihres Mannes vorzugaukeln, dass sie sich geschlagen gab. Ein Schachzug, der ihr Zeit verschaffen würde.

„Danke für deinen Versuch, mir seelisch beizustehen, Therese. Aber ich weiß sehr wohl, dass die Gründe für unsere Kinderlosigkeit“, sie kämpfte gegen ihre innersten Überzeugungen an, „wohl oder übel bei mir zu suchen sind.“

„Wunderbar“, tönte Mutter Hansen und nickte zufrieden, „dann wären sich ja alle Anwesenden wieder ihrer Stellung bewusst.“

Anna atmete tief durch. „Ihr entschuldigt mich nun? Ich fühle mich etwas ermattet und würde gern die Heimreise antreten.“

„Aber sicher.“ Friedrich hob den Zeigefinger. „Und apropos Heimreise: Wir sollten in Kürze auch über die Zukunft des Stadthauses beratschlagen. Wie du weißt, würde es nicht nur Mutter begrüßen, kehrtest du in den geschützten Kreis der Familie zurück. Die Räume, in denen Carl-Hermann und du vor eurem Umzug gelebt habt, wären im Handumdrehen wieder für dich hergerichtet.“

Anna spürte seine Hand auf ihrem Rücken. Langsam strichen seine Finger über ihre Wirbelsäule, eine Geste, die ihre Übelkeit auf die Spitze trieb, sodass sie sich nach wenigen Sekunden zum Gehen bereitmachte. Es war an der Zeit, das Weite zu suchen, anderenfalls liefe sie Gefahr, sich auf das teure Schiffsparkett des Herrenzimmers zu übergeben.

***

In den nächsten Tagen verkroch Anna sich. Sie tat, was getan werden musste, kam ihren Verpflichtungen nach, aber sie empfing keinerlei Besuch, sah davon ab, Teerunden oder Wohltätigkeitsveranstaltungen beizuwohnen, und verbrachte ihre Zeit damit, dem Echo der Testamentsverlesung nachzuspüren. Auf langen Spaziergängen entlang der Alster ließ sie sich die frische Brise um die Nase wehen, rief sich jedes Wort, das Herr Bertrams vorgetragen hatte, wieder und wieder ins Gedächtnis, um zu verstehen, was passiert war.

Ihre anfängliche Überzeugung, ihr Ehemann habe ihr sein gesamtes Vermögen samt der Meereskrone vermacht, weil er davon ausgegangen war, dass sie damit umzugehen wusste, wich einer schleichenden Unsicherheit. Einem Unwohlsein, das ihr schlaflose Nächte und aufgewühlte Tage bescherte.

Natürlich hatte Carl-Hermann ihr selbstbewusstes Auftreten, ihre Weitsicht, ihre Fähigkeit, vom Denken ins Handeln zu kommen immer gelobt. Er hatte ihr sogar kurz nach ihrer Verlobung verraten, dass genau diese Eigenschaften ihn dazu veranlasst hatten, sie um ihre Hand zu bitten, trotz der vehement ausgesprochenen Zweifel seiner Eltern und seines älteren Bruders.

Doch hätte er ihr so viel Eigenständigkeit wirklich zugetraut, wie nun vonnöten war, damit sie der Verantwortung gewachsen war und nicht auf ihr persönliches Unglück zusteuerte?

Dass sie selbst ihn nicht – wie auch immer – überredet, geschweige denn gezwungen hatte, seine Familie zu enterben, stand außer Frage, auch wenn Friedrich an dieser völlig abwegigen Idee sicherlich noch festhielt. Allerdings bedeutete dies nicht, dass Carl-Hermann bei klarem Verstand gewesen war, als er sein Testament aufsetzte. Womöglich hatte er sich gesundheitlich nicht auf der Höhe befunden oder war übernächtigt gewesen ob der vielen Arbeit im Familienunternehmen.

Um sich eine etwaige Vorstellung von dem Hotel an der Ostsee zu machen, ging Anna auf die Suche nach etwas, das Aufschluss versprach. Etwas, das ihre Ungewissheit lenken würde. Vielleicht hatte sich Carl-Hermann Notizen zur Meereskrone gemacht, festgehalten, in welchem Zustand sich das Gebäude befand, eine Aufstellung der Einnahmen ausgearbeitet, die der Betrieb abwarf.

So hätte sie es gehandhabt.

Anna durchforstete jeden Quadratzentimeter seines Arbeitszimmers, wühlte in sämtlichen Schubfächern, las akribisch jedes Papier. Aber nichts trat zutage, das ihr ein genaueres Bild lieferte, es fand sich keine einzige Erwähnung der Meereskrone, auch keine Listen über nötige Reparaturen, Modernisierungen oder einer Gegenüberstellung von Ausgaben und Gewinn. Anna musste sich eingestehen, dass alles, was sie derzeit über das Hotel wusste, den eher seltenen Gesprächen zugrunde lag, die Carl-Hermann diesbezüglich mit ihr geführt hatte.

Ein Anflug von Kopfschmerzen ließ sie aufstöhnen. Seufzend massierte Anna die klopfenden Stellen, griff sich in die Hochsteckfrisur und entfernte die Nadeln, die ihr Haar gebändigt hatten. In sanften Wellen ergoss es sich über ihre Schultern, fiel ihr ins Gesicht, kitzelte an Kinn und Hals. Energisch blies sie die Strähnen fort und sah durch die offene Tür des Arbeitszimmers in die Diele. Es musste doch irgendetwas geben, an dem sie sich orientieren konnte.

Ein Ruck ging durch sie hindurch, als ihr Blick auf das Vertiko fiel. Hinter den Türen des schmalen Schränkchens bewahrte sie Tischdecken und Servietten auf, in den Schubladen hatte Carl-Hermann gern Alltägliches und Halbvergessenes wie Ansichtskarten, Einladungen zu längst stattgefundenen Festivitäten und Eintrittsbilletts zu Theaterstücken verschwinden lassen.

Es war nur eine vage Vermutung, ein unerklärlicher Drang, der Anna herantreten und die Schubladen öffnen ließ. Hatte sie lediglich am falschen Ort gesucht? War es möglich, dass ihr Mann eine Fotografie oder ein Schriftstück über die Meereskrone achtlos hineingelegt hatte? Aus den Augen, aus dem Sinn, weil es ihm an Zeit gefehlt hatte, sich mit dem Hotel zu beschäftigen?

Annas Herz pochte wild, als sie nach nur wenigen Minuten ein Prospekt in der Hand hielt, auf dessen glänzendem Deckblatt die Lithographie eines wunderschönen Hauses mit vielen Balkonen abgebildet war. Grand Hotel Meereskrone, stand in elegant geschwungener Zierschrift darüber, in herrlichster Lage über der pommerschen Bucht.

Lächelnd entsandte Anna ein Dankesgebet in den Himmel, bevor sie die Innenseiten des Prospekts in Augenschein nahm und sich die Beschreibungen durchlas, die ihre Fantasie sogleich auf eine Reise schickten.

Das Grand Hotel Meereskrone, das vornehmste Haus an der pommerschen Küste, erhebt sich weithin sichtbar wie ein Diadem über den Wellen. Großzügige Terrassen laden zu Muße und geselligem Beisammensein, während der Blick über Strand und Meer schweift. Unsere eleganten Säle, mit erlesenem Geschmack ausgestattet, bieten den geeigneten Rahmen für musikalische Soireen, Tanzveranstaltungen und die gepflegte Konversation der besten Gesellschaft. Die Küche unseres Hauses, unter Leitung eines erfahrenen Chefkochs, verwöhnt den Gast mit feinsten Delikatessen. Kutschen- und Dampferverbindungen ermöglichen eine bequeme Anreise, und die geschmackvollen Zimmer mit Balkon zum Meer garantieren Behaglichkeit von höchstem Rang. Hier vereinen sich Ruhe und Glanz, Natur und Kultur – ein Ort, geschaffen für jene, die das Besondere suchen.

Anna fuhr mit den Fingerspitzen über die bunt kolorierten Figuren, Damen mit Sonnenschirmen auf der Veranda, Herren in gestärkten Kragen. Sie wusste, dass es nur ein Bild war, eine Inszenierung, die den Betrachter locken und seine Sehnsucht wecken sollte. Im Grunde war es nichts weiter als eine verklärte Darstellung, die mit der Wahrheit nicht viel gemein haben musste – zumal Anna Carl-Hermanns Aussage nicht vergessen hatte, es gäbe viel zu tun, um dem Hotel zu seinem alten Glanz zu verhelfen.

Und doch verschaffte sich etwas Raum in ihr, begehrte eine Stimme auf, die davon erzählte, dass nichts grundlos geschah. Dass ihr Ehemann keinem Irrtum erlegen war, als er verfügte, dass sie genau die Richtige, die Einzige war, der er dieses Goldstück anvertrauen durfte.

Zitternd kam Anna ihr Atem über die Lippen.

Sie musste sich das Hotel wenigstens ansehen. Sie war es Carl-Hermann schuldig.