Leseprobe Spuren des Glücks | Die historische Familiensaga im 20. Jahrhundert

Kapitel 1

Neuanfang, Frühjahr 1949

Der März war noch kalt und windig, aber in Vronis Herz regte sich leise etwas wie Frühling. Als sie mit Karl und den Kindern die letzten Stufen zum vierten Stock hinaufstieg, keuchte sie, hielt Anton fester im Arm und spürte, wie sich die Müdigkeit der letzten Jahre in ihren Knochen festgesetzt hatte. Doch oben, ganz oben, wartete ein neues Leben auf sie.

Die großzügige Wohnung in der Adolf-Schmetzer-Straße in Regensburg, direkt neben dem Gebäude des Bayerischen Lloyd, war hell, freundlich und – vor allem – trocken. Drei Zimmer, Küche, Bad und ein richtiges WC. Kein stinkender Abort wie vormals in Wiesent, sondern eine saubere Porzellanschüssel mit einem emaillierten Spülkasten unter der Decke. Vroni betrachtete den weißen Keramikklöppel an der Schnur ehrfürchtig wie ein Kunstwerk.

„Das ist ja fast wie in einem Hotel“, flüsterte Lydia voll Bewunderung.

„Ein richtiges Schloss“, ergänzte Johanna mit großen Augen. Heidi schlich sich vorsichtig hinein, als wollte sie das neue Klo erst einmal beschnuppern.

Der lange dunkle Gang, der sich durch die Wohnung zog, war das Herzstück. Am Ende das WC, seitlich die Zimmer. Das Elternschlafzimmer mit schräger Wand, das Kinderzimmer mit drei schmalen Betten unter dem Dachfenster, und das Wohnzimmer, das zugleich Esszimmer, Spielzimmer und Rückzugsort werden sollte.

Vom Dachfenster aus konnte man die gesamte Straße überblicken. Das vom Krieg unversehrt gebliebene Ostentor ganz in der Nähe, ragte wie ein steinernes Vermächtnis aus der Vergangenheit in die neue Zeit. Gegenüber lag ein kleines Kino, das vermutlich immer dieselben Filme zeigte.

„Ladenhüter“, wie Karl sie nannte. Aber die Kinder liebten das flackernde Licht der Reklamebeleuchtung, das abends durch die Fensterscheiben fiel.

Am Ende der Straße stand eine alt ansässige Brauerei, deren Symbol, ein riesiger Bär mit einer langen Eisenkette um den Hals, auf die Hausfassade gemalt war. Heidi hatte sich beim ersten Anblick ängstlich hinter Vronis Rock versteckt. „Frisst der mich?“, hatte sie schaudernd geflüstert.

„Aber er ist doch nur gemalt, mein Schatz“, hatte Vroni ihr daraufhin geantwortet.

„Aber er hat so große Zähne …“, entgegnete Heidi nicht ganz überzeugt.

Die Möbel waren ein Sammelsurium aus alten Zeiten und neuen Tauschgeschäften. Das Ehebett stammte aus Karls Elternhaus, die Kommode hatte Vroni auf dem Schwarzmarkt gegen ein Glas eingemachte Zwetschgen eingetauscht. Der Küchentisch war das Geschenk einer Hausbewohnerin, die ihn vom Speicher des Hauses geholt hatte.

„Der hat schon bei unserer Großmutter gestanden“, hatte sie stolz behauptet.

„Dann wird er bei uns einen Ehrenplatz erhalten“, erwiderte Vroni entgegenkommend.

Die Nachbarn waren freundlich, wenn auch vorsichtig und sichtlich zurückhaltend. Im unteren Stockwerk wohnte Frau Gerlach, eine Witwe mit zwei Kindern, die meist barfuß liefen. Vroni begegnete ihr das erste Mal im Gemeinschaftsgarten, als sie ihre Wäsche aufhängte.

„Sind Sie neu hier?“, fragte Frau Gerlach neugierig.

„Ja. Wir haben die ersten Jahre nach dem Krieg in Wiesent bei der Familie meines Mannes verbracht. Zuvor haben wir in Kolberg an der Ostsee gewohnt, leider aber mussten wir im Frühjahr 1945 von dort fliehen.“

„Dann haben Sie sicher viel erlebt“, meinte die Dame und hob die Augenbrauen.

„Zu viel …“, antwortete Vroni und seufzte tief.

Sie lächelten sich an. Es sollte der Anfang einer tiefen Freundschaft sein. Eine Freundschaft, die genau hier, zwischen flatternden Wäschestücken im Gemeinschaftsgarten ihres Hauses, ihren ersten leisen Schritt machte.

Karl hatte kurz nach dem Einzug in die neue Wohnung seine Stelle als Regierungsbaumeister bei der Regierung von Niederbayern und der Oberpfalz angetreten. Er war ab sofort zuständig für die Brückeninstandsetzung, und wenn er abends heimkam, roch er nach Papier und Staub.

„Heute habe ich die Pläne für den Wiederaufbau der Nibelungenbrücke angesehen“, verriet er eines Abends.

„Und?“, fragte Vroni gespannt nach.

„Die schöne alte Nibelungenbrücke. Ein Jammer, wie sie heute aussieht. Aber wir bauen sie wieder auf. Stein für Stein.“ Er klang froh und optimistisch.

***

Karl trug fast immer Hosenträger. Sie waren sehr praktisch, da Gürtel in diesen Tagen Mangelware waren. Seine Hemden waren sauber, aber oft zu eng an den Schultern. Also nähte Vroni ihm aus alten Bettlaken neue. Ihre eigene Kleidung war ebenso schlicht: Ein Rock aus Wollstoff, eine Bluse mit gesticktem Kragen, feste Schuhe vom Flüchtlingsamt. Die Mädchen trugen die Kleidung von der jeweils älteren Schwester auf, was besonders bei Heidi, der jüngsten, zu lautstarkem Protest führte.

Karl fuhr jeden Morgen mit dem Fahrrad ins Büro, das er gegen eine Kiste Nägel und ein paar Ziegelsteine eingetauscht hatte. „Es quietscht fürchterlich“, stellte Johanna eines Tages fest. „Aber es fährt, und ich brauche nicht zu Fuß gehen“, erwiderte Karl. „Und es bringt mich dahin, wo ich gebraucht werde.“ Er zwinkerte und strich seiner ältesten Tochter übers Haar.

Die Tage begannen sich zu ordnen. Morgens stand Karl früh auf, zog seine Hosenträger straff über das frisch gestärkte Hemd, das Vroni am Vorabend gebügelt hatte und stieg in die dunkle Hose, deren abgewetzte Knie vom Radfahren schon glänzten. Das Fahrrad stand unten im Hof, angelehnt an die Mauern des Bayerischen Lloyd.

„Hoffentlich kommst du mit dem rostigen Ding auch wieder gut nach Hause.“ Vroni blickte Karl zweifelnd an.

„Wenn ich nicht von einem Lastwagen überrollt werde“, meinte Karl daraufhin trocken.

„Du solltest einen Helm tragen.“

„Einen Helm?“

„Ja, den Helm aus Pappmaché, den Anton gebastelt hat.“

Beide lachten. Es war ein befreites Lachen, das sich zwischen die vielen Sorgen wie Sonnenlicht durch Wolken schob. Doch die Zeit des Hungerns und Bettelns hatte ein Ende gefunden. Die schlimmsten Jahre waren vorbei.

***

An seinem Arbeitsplatz in der Abteilung für Straßen- und Brückenbau prüfte Karl Pläne und bewertete Straßenschäden. Ab und zu war er auch mit einem Chauffeur im Dienstwagen unterwegs, der laut ratternd über die Straße rollte.

Abends brachte er Stöße von Unterlagen und Akten mit nach Hause, setzte sich an den Küchentisch und arbeitete noch stundenlang weiter.

„Vati, spielst du mit uns?“, fragte Johanna ungeduldig.

„Ich muss noch die Brückenprüfung fertig machen, mein Schatz.“

„Aber die Brücke steht doch gar nicht mehr.“

„Eben, genau deshalb“, erklärte Karl.

Vroni, die es mit angehört hatte, sah Karl vorwurfsvoll an.

„Du bist mehr im Büro als bei uns.“

„Ich baue die Zukunft - und ich halte sie zusammen“, verkündete er stolz.

Die Kinder gewöhnten sich trotz kleiner Anfangsschwierigkeiten schnell an die neue Umgebung. Johanna und Lydia teilten sich ihren Schlafplatz unter der Schräge, Heidi schlief quer in ihrem Bett, weil sie meinte, so käme das Sandmännchen lieber zu ihr, und Anton war im elterlichen Schlafzimmer untergebracht.

Eines Abends, als die Dunkelheit durch den langen Gang kroch, musste Heidi auf die Toilette. Als sie in ihrem Nachthemd barfuß und verschlafen in den Flur trat, kam ihr plötzlich vom anderen Ende her ein schwarzer Mann im Bastrock entgegen. Über seinem Kopf schwang er, wild gestikulierend, einen blitzenden Säbel. Seine Augen rollten wie Murmeln nach allen Seiten.

Panik erfasste Heidi, und sie schrie wie am Spieß. Erschrocken stürzte Vroni aus dem Wohnzimmer und nahm ihre Tochter in die Arme. „Was ist denn los?“

„Der Mohr! Der Mohr aus dem Struwwelpeter!“, kreischte Heidi in Tränen aufgelöst.

„Aber da ist niemand, mein Schatz.“

„Doch, ich habe ihn gesehen!“, flüsterte Heidi mit tränenüberströmtem Gesicht.

Vroni trug sie auf dem Arm zurück ins Bett, deckte sie liebevoll zu und strich ihr sanft übers Haar. „Manchmal spielt uns die Dunkelheit einen Streich.“

„Ich will trotzdem kein Klo mehr. Ich will einen Nachttopf.“ Heidi blickte Vroni aus ihren großen dunklen Augen verängstigt an.

„Na gut, du bekommst einen Nachttopf. Aus Emaille und mit bunten Blumen darauf. Versprochen.“ Vroni gab ihrer Jüngsten einen Kuss auf die Stirn. Dann stand sie auf und verließ das Zimmer.

***

Am nächsten Morgen schrieb Vroni einen Brief an Trude und Emil in Aschaffenburg, von denen sie schon lange nichts mehr gehört hatte. Ihre Gedanken kreisten in der letzten Zeit vermehrt um ihre Schwester und ihren Bruder, und es ließ ihr keine Ruhe mehr.

Liebe Trude, lieber Emil!

Nun sind wir also wohlbehalten in Regensburg angekommen. Die Wohnung ist hell und sauber, und die Kinder lachen wieder. Karl hat eine gute Anstellung gefunden, und ich glaube fest daran, dass wir hier Wurzeln schlagen können. Das Klosett ist ein Wunderwerk, und Heidi hat damit schon ihren ersten Schrecken hinter sich … Aber wie geht es euch? - Trude, arbeitest du noch bei Frau Huber in der Schneiderei? Und du, Emil, was macht der Hof? Ich vermisse euch sehr. Es wäre schön, wenn ihr uns bald einmal in unserem neuen Domizil besuchen würdet.

In Liebe, Eure Vroni

Eine Woche später kam die Antwort von Trude.

Liebe Vroni!

Schön, von dir zu hören! Ja, ich arbeite noch bei Frau Huber. Sie zahlt wenig, aber ich lerne viel. Emil hilft beim Bauhof, er fährt Schutt und Steine. Es ist nicht leicht, aber wir kommen durch. Eure Wohnung klingt wunderbar. Vielleicht können wir euch ja im Sommer besuchen?

Herzlich, Deine Trude

Vroni las den Brief zweimal. Dann faltete sie ihn sorgfältig und legte ihn in die Kommode zwischen alte Fotos und Stoffreste.

Manchmal ging Karl mit den Mädchen an die Donau und zum Rand der durch den Krieg völlig zerstörten Nibelungenbrücke. Die Trümmer ragten wie gebrochene Finger aus dem Wasser. „So sieht Krieg aus“, meinte er bitter.

„Warum haben sie die Brücke denn kaputtgemacht?“, fragte Lydia mit kindlicher Neugier.

„Weil sie dachten, sie müssten alles zerstören, um zu gewinnen.“

„Haben sie denn gewonnen?“

„Nein, Liebes. Niemand gewinnt im Krieg.“ Karl seufzte und presste die Lippen aufeinander. Lydia blickte ihn eine Weile zweifelnd an.

***

Karl verfolgte den Wiederaufbau mit stillem Eifer. Er sprach mit Kollegen, zeichnete Skizzen, und manchmal erklärte er den Kindern, wie man eine Brücke baut.

„Man braucht Pfeiler, Träger und Vertrauen.“

„Was bedeutet das?“, fragte Johanna.

„Dass der andere nicht loslässt, wenn du darüber gehst.“

An den Abenden spielten sie Mensch ärgere dich nicht oder Halma.

„Ich bin die rote Figur“, rief Heidi als erste.

„Aber du bist immer rot“, ärgerte sich Lydia und zog eine Schnute.

„Weil ich eben am schnellsten bin“, entgegnete Heidi lachend.

***

Die Tage wurden länger, aber die Nächte blieben weiterhin kalt. Vroni legte daher am Abend heiße Ziegelsteine in die Betten der Kinder, eingewickelt in alte Handtücher, damit die Mädchen nicht frieren mussten. Anton schlief bei ihr, und sein Atmen hörte sich für Vroni oft an wie das Schnurren eines kleinen Kätzchens.

Im Gemeinschaftsgarten hingen die Wäscheleinen schief, aber sie hielten. Vroni begegnete dort Frau Gerlach, einer Witwe aus dem zweiten Stock, die einen kleinen Sohn hatte. Ihr Gesicht glich einem zerknitterten Taschentuch, aber ihre Augen waren wachsam und lachten.

„Ihre Kinder sind sehr lebendig“, meinte sie mit einem Zwinkern.

„Da haben Sie recht, und manchmal sind sie sogar ein bisschen zu lebendig.“

„Das ist gut so“, antwortete die Nachbarin. „Nur die Toten sind still.“

Die beiden tranken gemeinsam eine Tasse Malzkaffee, saßen auf umgedrehten Zinkwannen und erzählten sich Geschichten aus ihrem Leben. Frau Gerlach hatte ihren Mann 1944 in Russland verloren. „Aber er war kein Held. Nur ein Maurer.“

Vroni sah sie verständnisvoll an. „Mein Karl war auch kein Held. Nur ein Mensch.“

Sie verstanden sich. Nicht laut, nicht überschwänglich – aber mit jener stillen Verbundenheit, die Frauen teilen, wenn sie zu viel Schlimmes gesehen hatten.

Karl kam abends müde und erschöpft heim, das Fahrrad quietschte immer noch, und seine ausgeleierten Hosenträger hingen schief.

„Heute haben wir die Pläne für die Brücke besprochen“, erzählte er stolz.

„Und?“, fragte Vroni weiter.

„Nun, sie wollen sparen. Ausgerechnet an den Pfeilern.“

„Kann man an Pfeilern sparen?“

„Nicht, wenn man will, dass die Brücke hält.“ Karl gähnte und setzte sich an den Küchentisch, breitete Papiere aus und schob die Suppenschüssel zur Seite.

„Vati, spielst du ein bisschen mit uns?“, fragte Johanna, den Blick hoffnungsvoll auf ihn gerichtet.

„Ich muss noch arbeiten, meine Große.“

„Aber du hast doch den ganzen Tag gearbeitet, Vati. Und morgen auch …“

Vroni zog die Augenbrauen hoch. „Du bist mehr bei deinen Brücken als bei uns“, warf sie ihm vorwurfsvoll vor.

„Die Brücken brauchen mich.“

„Und wir?“

„Ihr habt mich doch am Wochenende“, entgegnete Karl leicht beleidigt.

An einem der Abende saß er am Tisch, stumm, die Stirn in Falten und dachte an seine Brüder. „Sie haben alles behalten“, erklärte er bitter. „Das Haus, das Land, die Möbel. Und wir, wir mussten fliehen, haben alles verloren und müssen schauen, dass wir uns wieder etwas aufbauen und irgendwie vorankommen. Der Kontakt zu ihnen ist auch seit dem großen Streit abgebrochen. Aber weißt du was, Vroni? – Wir brauchen diese Erbschleicher nicht, wir schaffen das allein.“

Vroni legte ihm die Hand auf die Schulter. „Wir haben ein Zuhause und vier Kinder, die gesund sind.“

„Aber kein Erbe“, warf er mürrisch ein.

„Dafür haben wir eine Zukunft.“

Karl schwieg. Dann stand er auf, ging zum Fenster und starrte hinunter auf die Straße. „Manchmal frage ich mich, ob sie uns überhaupt noch als Familie sehen.“

Vroni legte ihre Hand in seine. „Wir sind eine Familie, Karl. Auch ohne ihr Geld.“

Doch es fand sich eine weitere Möglichkeit, etwas hinzuzuverdienen. Die Kinder sammelten alte Zeitungen, schnürten sie zu Paketen und brachten sie zur Sammelstelle. „Zwanzig Pfennig pro Kilo bekommt man dort“, erklärte Lydia stolz.

„Ich habe drei Kilo zusammengebracht“, entgegnete Johanna.

„Und ich habe ein halbes“, fügte Heidi hinzu.

„Ich habe gar nichts“, weinte Anton, der noch nicht den tieferen Sinn des Ganzen begriff.

„Du bist noch zu klein. Du brauchst noch nicht sammeln“, erklärte Vroni mit ruhiger Stimme.

„Ich bin nicht klein, ich bin Anton“, jauchzte der Bub und ergriff Vronis Hand.

Den Erlös durften die Kinder behalten. Sie kauften sich davon Bonbons, Bleistifte und ein kleines Bilderbuch. Vroni freute sich über jedes Lächeln ihrer Kinder. Es gab ihr immer wieder die Kraft zum Weitermachen.

Abends, wenn das Radio eingeschaltet war, saßen alle gebannt um den Küchentisch.

„Konrad Adenauer spricht!“, mahnte Karl mit erhobenem Zeigefinger, und alle mussten still sein.

„Er wird vielleicht unser neuer Bundeskanzler“, flüsterte Vroni.

„Ganz richtig. Ein Mann mit festen Vorstellungen.“

„Was hat er denn für Vorstellungen?“, fragte Johanna.

„Ordnung. Wiederaufbau. Westanbindung.“

„Und er trägt sicher auch Hosenträger, so wie du“, vermutete Heidi.

„Das tut er bestimmt.“ Karl lachte und kniff ihr sanft in die Wange.

Sie spielten noch ein paar Runden Heidis Lieblingsspiel, und sie schnappte sich wieder die roten Figuren. „Weil ich die Schnellste bin“, rief sie.

„Nein, weil du am lautesten schreist“, brummte Lydia.

Gleich hinter dem kleinen Platz, direkt gegenüber der Wohnung, lag das alte Kino. Es war ein gedrungener Altbau mit abblätternder rostroter Fassade, und die Plakate in den Schaukästen waren vergilbt und hingen schief. Meist liefen dort Filme, die schon vor dem Krieg Ladenhüter gewesen waren.

„Heute kommt schon wieder der Film mit dem mutigen Cowboy“, murmelte Lydia und rollte die Augen.

„Der Film mit dem Cowboy und dem Pferd“, ergänzte Heidi. Lydia nickte gelangweilt.

Abends flackerte dann das Licht der Projektion über die Straße, und wenn es ganz still war, konnte man die Stimmen der Schauspieler hören – dumpf, wie aus einem anderen Leben. Vroni mochte es. Es war, als würde die Welt draußen weitergehen, auch wenn ihre eigene gerade stillstand.

Neben dem Wohnhaus lag das Gebäude des Bayerischen Lloyd – ein grauer Klotz mit hohen Fenstern und einem Schild, das in goldenen Lettern glänzte. Karl hatte erklärt, dass dort Speditionsgeschäfte abgewickelt würden. „Die bringen Dinge von A nach B“, meinte er.

„Und wir bringen die Kinder von der Küche ins Bett“, entgegnete Vroni schlagfertig. „Das ist auch Logistik.“

Tagsüber spielten die Kinder im Hof zwischen Wäscheleinen und alten Zinkwannen. Johanna baute aus Holzresten eine kleine Hütte, Lydia sammelte Schnecken und Heidi sprach mit einem Stein, den sie „Herr Professor“ nannte. Anton saß daneben und kaute auf einem Löffel.

„Anton, du bist doch kein Hund“, schimpfte Vroni, als sie die Szene beobachtete.

„Doch“, widersprach der Kleine und begann lauthals zu bellen.

Frau Gerlach kam vorbei und brachte ein Stück Kuchen und ein paar Äpfel mit. „Die sind vom Markt. Nicht schön, aber sie schmecken herrlich.“ Vroni bedankte sich überschwänglich, sie war dankbar für alles, was sie bekommen konnte. Zu sehr wirkten die vergangenen entbehrungsreichen Jahre nach. Auch wenn sie es versuchte, sie konnte die schrecklichen Kriegserinnerungen nicht ganz aus ihren Gedanken löschen, und in ihren Träumen erlebte sie die furchtbare Zeit der Bomben und des Hungers immer wieder.

Wenn sie aber mit Frau Gerlach zusammensaß, nähten, flickten oder tauschten die beiden Kochrezepte, und ihre Gedanken an die Vergangenheit rückten in weite Ferne.

„Haben Sie schon mal Grießklößchen mit Zwiebeln gemacht?“, fragte die Nachbarin.

„Nein, aber ich habe schon mal Zwiebel mit nichts gemacht.“ Vroni lachte süßsauer.

Ihre Freundschaft wuchs langsam, doch stetig, wie ein Pflänzchen im Schatten.

Karl arbeitete viel. Zu viel, dachte Vroni, die sich Sorgen um ihn machte. Als sie Karl eines Abends darauf ansprach, meinte er nur: „Ich muss die Zustände der Straßen prüfen.“

„Und wer prüft deinen Zustand?“, entgegnete Vroni.

„Ich bin belastbar“, wehrte er gereizt ab.

„Aber du bist müde.“

Wieder einmal brachte Karl Pläne mit nach Hause und setzte sich an den Tisch.

„Vati, was ist das?“, fragte Johanna und kam heran.

„Eine Brücke.“

„Das sieht aber aus wie ein Elefant.“

„Dann ist es eine gute Brücke.“ Karl zog sie an sich und strich ihr über ihre langen Haare. Die dichte, dunkle Haarpracht hatte sie eindeutig von ihrer Mutter.

Vroni erinnerte sich in den ersten Wochen nach dem Umzug noch oft an die Tage der Flucht, die schwärzesten Tage ihres bisherigen Lebens. An die eiskalten Nächte im Zug, an das Zittern, an die furchtbare, allgegenwärtige Angst. „Und doch sind wir unbeschadet alle durchgekommen“, sagte sie sich immer wieder tröstend. „Auch wenn wir alles verloren haben.“

Manchmal dachte sie auch etwas wehmütig an ihre Bekanntschaft mit dem Münchener Musiker Fritz Becker. Auch ihn hatte sie verloren. Den Mann mit den traurigen Augen, den sie in den Fluten der Ostsee untergegangen glaubte. Manchmal hörte sie im Radio eine Melodie, die sie an ihn erinnerte. Du bist hier, dachte sie. Irgendwo … Der Gedanke schmerzte. Denn Fritz war nicht irgendein Mann gewesen. In der Zeit ihres kleinen Münchner Lebensmittelgeschäftes war er derjenige gewesen, der ihre Musik verstand und der ihr das Gefühl gab, mehr zu sein, als sie selbst in sich sah. Zwischen ihnen hatte es eine Nähe gegeben, die nie ausgesprochen worden war – eine Wärme, die sie durch all die vergangenen schweren Jahre getragen hatte.

Die Kinder jedoch fragten zum Glück nie nach der Vergangenheit. Sie lebten im Hier und Jetzt, so wie es Kinder einfach tun.

„Wann gibt es endlich wieder Pfannkuchen, Mutti?“, fragte Heidi eines Abends mit weinerlichem Gesicht.

„Sobald wir wieder Mehl haben, mein Schatz.“

„Und wann haben wir wieder Mehl?“

„Dann, wenn der Himmel es uns schickt.“

An diesem Abend stand Vroni noch eine Weile nachdenklich am Dachfenster, die Stirn gegen das kühle Glas gelehnt. Unten auf der Straße war es still geworden. Nur das Kino gegenüber warf sein flackerndes Licht auf das Pflaster, als wollte es die Schatten der Vergangenheit vertreiben. Ihr Blick fiel auf das Ostentor, das wie ein steinerner Torwächter in die Nacht ragte. Dahinter lag die Stadt, die Zukunft, das Ungewisse. Aber möglicherweise auch das Glück.

In der Wohnung war inzwischen Ruhe eingekehrt. Johanna schnarchte leise, Lydia hatte sich die Decke über den Kopf gezogen und Heidi brabbelte im Schlaf. Anton lag bei Vroni im Bett, die Faust fest um sein kleines Holzauto geschlossen. Karl saß müde am Tisch und hatte den Oberkörper über die neuen Brückenpläne gebeugt.

Vroni seufzte und dachte erneut an früher. An Wiesent und an Kolberg und die Ostsee. Dann wieder an die Flucht und wiederum an Fritz. Ihre Gedanken kreisten wie in einer Endlosschleife. Tagsüber, in stillen Momenten, aber besonders nachts, wenn die Dunkelheit wie ein Dämon hereinbrach und sich als schwarzer Schleier um ihre Gedanken legte. Doch sie riss sich zusammen, so, wie sie es immer tat und immer tun würde. Und so, wie man es von ihr erwartete. Man musste einfach sehen, dass man durchkam. Gefühle aussprechen konnte Vroni nur bei Frau Gerlach, die ihr Innerstes verstand. Sie dachte an ihre Geschwister Trude und Emil in Aschaffenburg. An ihr Elternhaus, das der Krieg verschont hatte. Sie dachte an die Briefe, die kamen und an die Briefe, die nicht kamen. Dann schwenkten ihre Gedanken zu Karl: Karl und seine Korrektheit, seine Müdigkeit, seine stille Wut über die Ungerechtigkeit in Bezug auf sein Erbteil und seine hieraus resultierende schlechte Laune. Sie dachte an seine Hände, die Brücken bauten, aber manchmal nicht wussten, wie man eine Umarmung begann.

Sie dachte an ihre Kinder. An die in sich gekehrte Johanna, die immer alles wissen wollte. An die brave Lydia und an die aufgeweckte, temperamentvolle Heidi, die alles sah, auch Dinge, die es überhaupt nicht gab. Und an Anton, der einfach den Moment lebte und er selbst war.

Dann dachte Vroni an sich selbst. An die gereifte Frau, die sie geworden war. Und an die Frau, die sie noch werden wollte.

„Es ist ein Anfang“, flüsterte sie zu sich. „Ein Neuanfang.“

Als draußen das Kino verstummte und Karl die Papiere ordnete, schloss Vroni das Fenster und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Sie trat einen Schritt zurück, das Licht im Kino war erloschen. Die Straße lag still und dunkel da, nur der Wind strich geräuschvoll durch die Dachrinne wie eine vergessene Melodie.

Plötzlich war Fritz wieder in ihrem Kopf. Ein Gedanke, ein Bild, ein Ton. Der Musiker mit den feingliedrigen Fingern, der ihr einst ein Lied schenkte, das sie nie vergessen konnte. Aber sie hatte ihn verloren. Nicht in einem Streit, nicht in der Zeit – sondern in den Fluten der Ostsee. Beim Untergang der Wilhelm Gustloff. Ein Name, der wie ein Grabstein klang. Sie hatte nie völlige Gewissheit bekommen. Es gab für die Angehörigen nur Vermutungen, Berichte, Listen. Aber Vroni fühlte es. Fritz war nicht mehr.

Und doch … Wenn im Radio eine bestimmte Tonfolge erklang oder wenn Anton im Schlaf murmelte – dann war er da. „Du warst meine Musik“, flüsterte sie tonlos. „Und ich war das Lied, das du nicht zu Ende spielen konntest.“

Sie schloss die Augen und ließ ihn innerlich gehen.

Kapitel 2

Der Morgen war grau, aber nicht feindlich. Ein feiner Nieselregen perlte auf die Dachfenster, und irgendwo im Hof klapperte eine vergessene Wäscheleine im Wind. Vroni stand in der Küche, die Teetasse in der Hand, und lauschte dem leisen Summen des Radios, das Karl jeden Tag zur vollen Stunde einschaltete.

Die Kinder schliefen noch. Johanna hatte sich die Decke über den Kopf gezogen und Heidi murmelte im Schlaf etwas von einem roten Pferd.

Karl saß bereits am Frühstückstisch und hatte seine Augen in die Tageszeitung vertieft.

Vroni spürte die Müdigkeit in den Schultern, aber da war noch etwas anderes – eine Art inneres Ziehen, das sie nicht benennen konnte. Vielleicht war es nur ein leiser Funke von Lebensfreude, der wieder in ihr aufglimmte. Sie setzte sich zu Karl, den Blick auf die dampfende Teetasse gerichtet. Es war nie das grelle Glück, das sie begleitete. Es war dieses tastende Weitergehen nach dem Sturm. Eine Mischung aus Erschöpfung und Hoffnung, aus Wehmut und dem zarten Wunsch, dass alles doch wieder gut werden könnte. Irgendwann. Irgendwie. Sie steckte in einem Mantel der Vergangenheit, der nicht ganz passte, aus dem sie aber auch nicht herausschlüpfen konnte. Zu schwer an manchen Tagen, zu leer an anderen. Manchmal schnürte er ihr die Luft ab, manchmal wärmte er sie. Sie war nicht verbittert – das hätte nicht zu ihr gepasst. Aber sie fühlte sich hohl, sah die Risse. In Karl, in den Kindern und in sich selbst.

Und trotzdem … trotzdem zupfte sie jeden Tag die Bettdecke zurecht, kochte Grießklößchen mit Zwiebel, schrieb Briefe an ihre Geschwister und flickte Hemden, deren Stoff schon müde war, während die Kinder in der Schule waren, weil das Leben weiterging. Auch wenn es nicht laut lachte.

***

Später trug Vroni den Eimer mit Kartoffelschalen hinaus in den Garten, wo Frau Gerlach bereits auf einem umgedrehten Zinkkübel saß und Möhren putzte. Die Luft war feucht und der junge April noch unentschlossen zwischen Regen und Sonne.

„Sie sind früh dran heute“, begrüßte Traudl Gerlach Vroni, ohne aufzusehen.

„Die Gedanken lassen mich nicht schlafen“, antwortete Vroni, stellte ihren Eimer ab und setzte sich neben sie. Ihre Hände fanden wie von selbst eine Möhre und ein kleines Küchenmesser.

„Gedanken sind manchmal wie Unkraut“, erwiderte Frau Gerlach. „Man kann sie nicht ausrotten, aber man kann sie klein schneiden.“

Vroni lächelte. „Und manchmal kocht man Suppe daraus.“

Beide Frauen saßen eine Zeit lang schweigend nebeneinander, das rhythmische Schaben der Messer war das einzige Geräusch.

„Wie geht es Ihrem Mann? Ich sehe ihn immer mit dem Fahrrad vorbeifahren, als wäre es sein Dienstwagen.“

„Er tut, was er kann, und die Bewegung tut ihm gut. Er kümmert sich um die zerstörten Brücken, die Straßen, zeichnet Pläne. Und abends bringt er sie mit nach Hause und arbeitet oft noch weiter.“

„Und Sie?“

„Ich halte die Familie zusammen.“

„Das ist auch eine Art Brückenbau.“

Vroni nickte. Sie mochte die Frau. Sie war nicht laut, nicht neugierig – aber mit einem Blick, der sah, was andere übersahen.

„Falls Sie mal Hilfe brauchen – ich habe noch alte Stoffreste. Für die Hemden.“

„Und ich besitze noch ein paar Gläser eingemachte Zwetschgen. Für den Magen.“

Beide lachten leise. Es war ein Lachen, das nicht laut sein musste, um zu wirken.

Die Sonne war endlich durchgebrochen, und ihre Strahlen fielen sanft durch das Dachfenster ins Kinderzimmer. Johanna hatte aus Zeitungspapier eine Krone gebastelt und saß auf dem Bett wie eine Königin. Lydia wollte die Krone ebenfalls – und Heidi hatte sie heimlich zerrissen.

„Du bist gemein!“, schrie Lydia wütend.

„Ich wollte nur spielen!“, rief Heidi beleidigt.

„Du bist zu klein für eine Königin!“, ereiferte sich Johanna nun zornig.

„Ich bin nicht klein!“, japste Heidi, stampfte mit dem Fuß auf den Boden und warf ein Kissen nach ihrer älteren Schwester.

Vroni kam ins Zimmer, die Schürze voll Mehl. „Was ist denn hier los?“

„Heidi hat die Krone kaputtgemacht!“, weinte Lydia.

„Ich wollte auch mal Königin sein!“, plärrte Heidi dazwischen.

„Aber ich bin die älteste!“, dementierte Johanna entschieden, „und ich habe die Krone gebastelt.“

Vroni hob drohend die Hände. „Stopp. Jetzt hört ihr mir zu. Es gibt Platz für drei Königinnen. Und wenn Anton mitspielen will, auch für einen König.“

„Ich will aber ein Pferd sein“, brabbelte Anton, der plötzlich neugierig in der Tür stand.

Vroni lachte. „Dann bist du das königliche Pferd. Aber nur, wenn du nicht bockst.“

Sie setzte sich zu ihnen, nahm die Zeitung, faltete eine neue Krone und setzte sie Heidi auf den Kopf. „Jetzt bist du die Königin der Versöhnung.“

Heidi strahlte wieder. Lydia schmollte noch eine Weile, aber Johanna rückte zur Seite und machte Platz für das königliche Pferd.

***

Die Kinder lagen längst in ihren Betten, das Radio spielte leise Tanzmusik, und Karl saß am Küchentisch, die Tageszeitung vor sich ausgebreitet. Vroni trocknete die letzten Tassen ab und setzte sich ihm gegenüber.

„Was schreibt er heute, der Herr Adenauer?“, fragte sie und deutete auf die Zeitung.

Karl schob ihr das Blatt hin. „Er spricht viel. Über Ordnung, über Wiederaufbau, über ein neues Deutschland. Die Leute hören ihm gerne zu.“

„Meinst du, er wird Kanzler?“, fragte Vroni zweifelnd.

Karl zuckte die Schultern. „Die Wahlen sind erst im Herbst. Aber wenn du mich fragst – er tut schon so, als wäre er es bereits. Und das Land braucht genau das: einen, der weiß, wo’s langgeht.“

Vroni betrachtete das Foto. Ein ernster Blick, ein schmaler Mund, ein Mann, der nicht lächelte, aber auch nicht wich.

„Und was heißt das für uns?“, wollte sie wissen.

„Für mich heißt das: Brücken, die halten. Straßen, die nicht brechen. Und ein Büro, das nicht jeden Tag neue Vorschriften ausspuckt.“

„Und für mich heißt es: Kinder, die nicht mehr frieren müssen. Ein Klo, das spült. Und ein Mann, der nicht jeden Abend mit hängenden Schultern nach Hause kommt.“

Karl blickte sie stirnrunzelnd an. „Ich weiß, dass ich oft zu viel mit meiner Arbeit beschäftigt bin. Aber Arbeit bedeutet Geld.“

„Du trägst viel, ich weiß. Aber manchmal … manchmal wär es schön, wenn du auch mich ansiehst. Nicht nur die Pläne.“

Karl streckte seine Hand über den Tisch, legte sie auf ihre. „Ich sehe dich. Jeden Tag. Auch wenn ich manchmal zu müde bin, dir das zu sagen.“

Vroni drückte seufzend seine Hand. „Dann sag es mir morgen, wenn du heimkommst.“ Karl nahm sie daraufhin zärtlich in den Arm, und Vroni war beruhigt.

***

Am nächsten Morgen saß Vroni müde am Küchentisch, die Hände im Schoß, den Blick auf die dampfende Teetasse gerichtet. Das Radiogerät auf dem Regal knisterte kurz, dann sprach der Nachrichtensprecher von der Ost-Zone, von Grenzübertritten und von einem Schutzmann, der angeblich zu viel wusste. Vroni hörte nicht genau hin. Die Welt draußen war laut genug – sie wollte lieber ihre innere Stille sortieren.

Karl war bereits unterwegs zu seiner Arbeitsstätte und hatte wie immer seine Aktentasche unter den Gepäckträger geklemmt. Zuvor hatte er wieder von Adenauer gesprochen, von den Wahlen im Herbst und von einem Möbelgeschäft in der Stadt, das angeblich neuartige sogenannte Nieren-Tische aus Köln verkaufte. Dies hatte ihm ein Kollege erzählt. Vroni war daraufhin neugierig geworden und begann, über ihre eigene Möbelfrage nachzudenken.

Die hässliche Kommode im Schlafzimmer war ihr schon lange ein Dorn im Auge. Dunkles Holz, klobige Griffe, ein Bein wackelte. Sie hatte sie von Frau Gerlach geschenkt bekommen, aber jetzt wollte sie das gute Stück doch wieder loswerden. In der Auslage eines Kaufhauses in der Innenstadt hatte sie eine wunderschöne Kommode gesehen – helles Holz, geschwungene Beine, zwei kleine Schubladen mit Messingknöpfen. Sie hatte mit Karl darüber gesprochen. Doch er hatte Vroni auf später vertröstet, sie würden schließlich zunächst eine gewisse Summe Geld auf die hohe Kante legen müssen. Vronis Enttäuschung darüber war jedoch groß, denn sie hatte sich schon längst verliebt in dieses hübsche Möbelstück.

Sie trank einen Schluck aus der Tasse und blickte gedankenverloren an sich hinunter. Zuhause trug sie meist eine Schürze über ihrem Tageskleid. Das war praktisch, denn so blieb die Kleidung sauber. Die Brille, die sie neuerdings für die Ferne brauchte, schmeichelte mit ihrer schwarzen, strengen und eckigen Fassung ihrem hübschen Gesicht nicht gerade, aber wenigstens saß sie fest auf der Nase. Sie besaß das gute Stück seit dem vergangenen Jahr. Manchmal kam ihr die Brille wie ein Schutzschild vor. Gegen die Welt. Gegen die Erinnerungen.

Vroni lauschte nach nebenan und ging ins Kinderzimmer. Die Mädchen waren schon wach. Johanna las eifrig in einem Schulbuch, während Lydia mit flinken Fingern aus einer Zeitung Bilder ausschnitt. Heidi dagegen versuchte, ein Lied, das sie im Kino gehört hatte, nachzusingen, und Anton spielte begeistert mit seinem kleinen VW-Käfer aus Blech, den Karl vom Flohmarkt mitgebracht hatte. Die bunten Steppdecken auf den Betten lagen zerknüllt am Boden. Vroni trieb die Kinder zur Eile an, denn in einer guten Stunde begann die Schule.

Am Nachmittag marschierten sie Hand in Hand in die Innenstadt. Taillierte vornehme Blusen, schwingende Faltenröcke und elegante Hüte mit Schleifen zierten die neu dekorierten Auslagen der Modegeschäfte. Lydia blieb stehen und seufzte sehnsüchtig. „Wenn ich groß bin, will ich Schneiderin werden.“ Vroni lächelte und nickte. „Dann nähst du mir eine neue Schürze. Und ein schönes Kleid, das zu unserer künftigen Kommode passt.“

Sie steuerten eine große, alteingesessene Metzgerei an und setzten sich in den bewirtschafteten Garten. Vroni bestellte sich eine Tasse Bohnenkaffee mit viel Milch und Zucker, die Kinder bekamen Limonade.

Nach Dienstschluss stieß Karl zu ihnen, wie sie es am Morgen verabredet hatten. Er roch nach kaltem Zigarettenrauch und Papierstaub und setzte sich neben Vroni. Nachdem die Bedienung ihm sein Bier gebracht hatte, nahm er einen kräftigen Schluck aus dem steinernen Maßkrug. „Ich habe heute mit meinem Vorgesetzten gesprochen. Die Brücke über die Donau wird genehmigt. Vielleicht wirds doch noch was mit dem neuen Deutschland …“

Vroni sah ihn vorwurfsvoll an. „Und was wird mit unserer neuen Kommode?“

Karl lachte. „Die kommt nach der Brücke.“

Vroni blickte enttäuscht auf die Straße hinaus, wo ein weiß gekleideter Schutzmann an der Kreuzung den Verkehr regelte. Sie seufzte. Irgendwann wird die Brücke schon wieder aufgebaut sein, dachte sie voller Ungeduld.

***

Es war einer jener Tage, an denen der April sich von seiner freundlichen Seite zeigte. Die Sonne blinzelte durch die Wolken, und Vroni hatte beschlossen, sich etwas Gutes zu tun. Sie zog ihr blaues, elegantes Tageskleid an und setzte ihre schwarz gerahmte Brille auf. Dann nahm sie Anton an die Hand und machte sich auf den Weg zu dem großen, nach dem Krieg wieder aufgebauten und nun endlich neu eröffneten Kaufhaus am Neupfarrplatz.

Die wenigen Möbelstücke in den Schaufenstern jedoch waren ein Versprechen an die neue Zeit: Helle Hölzer, weiche Linien, ein Wohnzimmertisch mit glänzender Oberfläche, daneben eine Kommode mit Messingknöpfen, die schon seit Wochen Vronis unerfüllter Traum war.

„Die ist schön“, gluckste Anton und drückte seine Nase gegen die Scheibe.

„Sie ist mehr als schön“, flüsterte Vroni und drückte Antons Händchen fest.

Im Möbelhaus roch es nach Holzpolitur und Linoleum. Ein Verkäufer in zu kurzem Sakko und mit schmaler Brille auf der Nase kam auf sie zu. „Kann ich Ihnen helfen, gnädige Frau?“

„Ich suche eine Kommode. Nicht irgendeine. Eine, die nicht so altmodisch ist und trotzdem zeitlos.“

Der Mann lächelte freundlich. „Dann sind Sie bei uns goldrichtig. Die dunklen Klötze aus der Vorkriegszeit haben wir aussortiert. Jetzt ist alles leichter, moderner.“

„Ich will aber keine moderne. Ich will etwas, das atmen kann. Verstehen Sie?“

Der Verkäufer, dessen blank geputzten Schuhe ebenso glänzten wie seine Stirn, nickte gewinnend. Er führte sie zu einem Modell aus hellem Birkenholz mit zwei Schubladen und geschwungenen Beinen. Vroni strich begeistert mit der Hand über die Oberfläche. Kein Vergleich zu dem Ungetüm, das bei ihr im Schlafzimmer stand – mit den klobigen Griffen und dem wackeligen Fuß.

„Die ist wunderschön“, schwärmte sie.

„Und bezahlbar“, ergänzte der Verkäufer. „Wenn Sie bar zahlen. Oder mit Bezugsschein.“

„Ich habe beides nicht“, entgegnete Vroni schulterzuckend. „Aber ich habe Geduld.“

„Geduld mussten wir wohl alle in der Vergangenheit lernen, nicht wahr?“, ereiferte sich der Verkäufer, dessen Wangen sich soeben rötlich färbten.

Vroni verließ das Geschäft mit einem Prospekt in der Tasche und einem kleinen Hoffnungsschimmer im Herzen. Draußen fuhr ein VW-Käfer klappernd vorbei, ein Schutzmann stand an der Ecke und zog gierig an einer Zigarette. Die Straße war laut, aber Vroni fühlte sich für einen Moment entrückt von dieser Stadt.

„Die Kommode kommt“, erklärte sie Anton begeistert. „Nicht heute. Nicht morgen. Aber bald.“

„Wenn sie da ist, stellen wir eine Vase mit Löwenzahn darauf“, jubelte der Kleine.

„Und ich habe einen Platz für meine Briefe“, fügte Vroni hinzu. „Für all die Briefe, die ich noch schreiben und erhalten werde.“

Die Sonne stand schräg über dem Ostentor und warf lange Schatten ins Schlafzimmer. Vroni hatte sich entschlossen, die alte, ungeliebte Kommode endlich auszuräumen. Das wackelnde Bein hatte sie mit einem dünnen Buch unterlegt, aber es half nichts gegen die Schwere, die das Möbelstück ausstrahlte. Dunkles Holz, gedrungene Griffe und der Geruch nach Mottenkugeln und Vergangenheit.

Sie wechselte ihr stadtfeines Kleid wieder gegen eines ihrer Alltagskleider und band ihre bunte Schürze darüber. Die Kinder spielten draußen, Karl war noch im Büro. Es war still im Zimmer. Nur die Stimmen aus dem Radiogerät in der Küche murmelten etwas von neuen Regelungen, von Grenzverkehr und anderen Dingen, die sie nicht so recht verstand.

Vroni öffnete die oberste Schublade. Alte Stofftaschentücher, ein zerknitterter Einkaufszettel und ein paar vergilbte Zeitschriften kamen zum Vorschein. Sie hielt kurz inne. Dann griff sie nach einem Stapel Briefe, sortierte sie und wollte sie gerade in den Papierkorb werfen, als Johanna das Zimmer betrat.

„Ein Päckchen für dich, Mutti. Vom Postboten.“

Vroni nahm es in Empfang. Die Schrift darauf war ihr vertraut. Es war von ihrer Schwester Trude aus Aschaffenburg.

Sie setzte sich aufs Bett, und die bunte Tagesdecke knisterte dabei unter ihrem Gewicht. Dann öffnete sie mit einem Messer behutsam den Deckel des aufwendig verpackten Kartons. Darin lag ein Brief.

Liebe Vroni!

Ich schreibe dir heute, weil ich gestern im Radio gehört habe, dass in vielen Städten – auch hier bei uns in Aschaffenburg – dringend Helferinnen gesucht werden. Für die Betreuung von Flüchtlingsfamilien, für die Verteilung von Lebensmittelkarten und die Organisation von Wohnraum. Es hieß, das Flüchtlingsamt sei völlig überlastet, und man brauche Frauen, die mit Herz und Verstand anpacken können. Ich musste sofort an dich denken.

Sicherlich ist auch bei euch in Regensburg Bedarf. Ihr habt doch so viele Vertriebenenunterkünfte, und die Wohnungsnot ist überall spürbar. Emil sagt, dass sie oft nicht mehr wissen, wohin mit den Leuten. Und du – du hast ein Händchen für Menschen. Du kannst zuhören, trösten, ordnen. Und du kennst das Leben von innen.

Ich weiß, du hast genug zu tun mit deinen Kindern, mit Karl und dem ganzen Haushalt. Aber es wäre eine Möglichkeit, ein bisschen Geld zu verdienen – oder einfach wieder unter Menschen zu kommen, außerhalb der eigenen vier Wände. Ich weiß, dass das nicht leicht ist, gerade jetzt, wo Karl wieder verdient und vielleicht nicht will, dass du arbeitest. Aber denk einfach mal darüber nach. Manchmal braucht es nur einen kleinen Schritt, damit etwas Großes entsteht.

Anbei liegen auch ein paar Stoffreste, die noch von Mutti stammen und die ich auf dem Dachboden gefunden habe – vielleicht für eine neue Schürze oder etwas Schönes für die Kinder. Und ein Foto von Emil und mir im Garten. Unser Nachbar hat es gemacht, als wir heuer zum ersten Mal wieder draußen bei einer Tasse Kaffee sitzen konnten.

In tiefer Verbundenheit,

Trude.

Vroni las den Brief zweimal. Dann legte sie ihn auf die Kommode. Ihre Hände ruhten still in ihrem Schoß.

„Eine Arbeitsstelle …“, murmelte sie leise, und ihr Herz klopfte aufgeregt.

Vroni warf einen Blick zur Kommode. Es war noch nicht die richtige Zeit, sie ganz loszulassen. Sie musste erst Platz machen – nicht nur im Zimmer, sondern in sich selbst.

Der Brief ihrer Schwester lag noch auf der Kommode, ordentlich gefaltet, aber nicht vergessen, und Trudes Worte klangen in ihr noch eine Zeit lang nach: Du hast ein Händchen für Menschen. Du kannst zuhören, trösten, ordnen.

Am Abend, als die Kinder schliefen und Karl wie immer am Küchentisch saß, einmal mehr die Brückenpläne vor sich ausgebreitet, sprach sie es an.

„Karl, ich möchte mit dir reden. Trude hat mir geschrieben. Es gibt möglicherweise eine Stelle für mich.“

Karl hob den Blick. „Was denn für eine Stelle?“

„Es werden derzeit Leute gesucht für die Betreuung von Flüchtlingsfamilien. Organisieren, helfen, zuhören. Ich könnte das.“

Karl schwieg einen Moment. „Aber du hast doch genug zu tun. Mit den Kindern. Mit dem Haushalt.“

„Ich weiß. Aber ich könnte ja trotzdem …“

„Vroni, ich verdiene jetzt wieder, und es reicht uns. Und ehrlich gesagt – ich will nicht, dass du arbeitest.“

Sie sah ihn an. „Du willst es nicht?“

„Nein. Es bringt Unruhe. Und was sollen die Leute denken? Eine Frau, die arbeitet, obwohl der Mann genug verdient …“

„Aber … es könnte doch sein, dass sie denken: Da ist eine Frau, die etwas kann?“

„Das Gesetz ist klar. Ich muss zustimmen. Und ich tue es nicht.“

Vroni presste die Lippen aufeinander und schwieg. Ihre Hände lagen still auf dem Tisch, die Schürze war verschoben und ihre Brille ein wenig verrutscht. Sie schob sie zurecht.

„Ich habe ja nicht gesagt, dass ich’s mache. Ich habe nur gesagt, dass ich es könnte.“

Karl seufzte. „Du bist eine gute Mutter. Eine gute Frau. Bleib das.“

„Und wenn ich mehr sein will?“

Er sah überrascht auf und blickte sie ratlos an. „Dann weiß ich nicht, wohin das führt.“

Vroni stand auf, nahm die beiden Tassen und spülte sie ab. Das Radiogerät spielte Tanzmusik. Draußen bellte ein Hund. Sie dachte nicht mehr an die Stelle. Aber sie dachte an das, was sie hätte sein können …