Leseprobe Sieben Tage Inselglück | Ein romantischer Nordsee Liebesroman über Neuanfänge

Prolog

Fenja

Es gibt Momente, in denen das Leben einen feinen Riss bekommt. Einen kaum sichtbaren Spalt, durch den all das hindurchdringt, was man über Jahre sorgfältig verschlossen gehalten hat, bis man selbst aufgehört hat, nach dem Schlüssel zu suchen.

Meiner beginnt mit einem Formular.

Ich sitze an meinem Schreibtisch im zwölften Stock, hoch über Hamburg. Vor mir liegt der Stapel Unterlagen, den mir Büroleiter Henrik heute Morgen hingelegt hat. Er sieht vollkommen harmlos aus.

»Nur eine Formalität«, hat Henrik gesagt, beiläufig, wie jemand, der mir eine Einkaufsliste reicht.

Mit diesen Unterlagen sollte das Projekt beginnen, auf das ich seit Jahren hingearbeitet habe. Er konnte nicht wissen, was dieser Stapel in mir auslösen würde.

Einkommensnachweise, Steuerunterlagen, Ausweiskopie. Alles ordentlich sortiert, alles sauber vorbereitet, darin bin ich gut. Weil sich Struktur für mich wie Kontrolle anfühlt und Kontrolle wie Sicherheit. Ich habe Dinge lieber im Griff, bevor sie schiefgehen können. Aber jetzt bleibt mein Blick an einem kleinen Kästchen hängen.

Familienstand.

Ein einfaches Wort, das doch mehr in mir auslöst, als ich dachte. Ich halte den Stift in der Hand, ohne ein Häkchen zu setzen. Weil die Antwort seit sieben Jahren dieselbe wäre. Ich bin dieselbe Frau mit derselben Wohnung, derselben Arbeit und denselben Routinen, die mich morgens auf die Beine bringen, bevor ich überhaupt entschieden habe, dass ich aufstehen will.

Ich stehe auf, gehe zum Fenster und lehne die Stirn gegen das kühle Glas. Draußen hastet Hamburg durch den Oktobertag, hochgezogene Schultern, Schirme und Ziele. Lange habe ich geglaubt, genauso zu sein.

Dann ist da sofort dieser Geruch.

Er ist nicht wirklich da, das weiß ich. Im Büro riecht es nach Kaffee, Papier und Saskias Parfüm, das sich hartnäckig in der Luft hält. Aber für einen einzigen Moment liegt etwas anderes in mir, etwas Salziges und Kaltes. Etwas Ehrliches.

Spiekeroog.

Ich schließe die Augen und sehe feuchten Sand vor mir. Höre den Wind, der über die Dünen zieht, und spüre dieses Gefühl, das einen gleichzeitig klein und lebendig macht. Hinter dem Horizont wartet etwas, das größer wirkt als alles, was man sich in seinem ordentlichen, funktionierenden Leben aufgebaut hat.

Als ich die Augen öffne, steht da immer noch ledig vor meinem inneren Auge. Ich setze mich zurück an den Schreibtisch und ziehe die Unterlagen näher zu mir. Die drei Möglichkeiten stehen nebeneinander wie eine Entscheidung, der ich sieben Jahre aus dem Weg gegangen bin.

Ledig. Verheiratet. Geschieden.

Mein Blick bleibt bei einem einzigen Wort hängen: Verheiratet.

Es war eine Sommernacht gewesen, warm, unvorsichtig und mit zu viel Rotwein. Und dann war da Joris, dessen Blick mir das Gefühl gegeben hatte, genau dort zu sein, wo ich hingehörte. Ich lege den Stift auf den Tisch und starre für einen Moment einfach auf das Formular.

Joris. Seit Minuten denke ich an einen Mann, den ich seit sieben Jahren nicht gesehen habe. Offenbar reicht ein einziges Wort auf einem Formular.

Mist.

Das hier ist wichtig. Dieses Projekt, drei Jahre Arbeit stecken darin. Endlose Nächte, Wochenenden zwischen Entwürfen und Präsentationen, während andere ihr Leben genossen haben. Meine Mutter fragte manchmal, ob ich außer der Arbeit noch etwas anderes habe. Ich antwortete dann automatisch: Natürlich.

Meine Mutter sagte nie etwas dazu. Sie hat mich nur einen Moment länger angesehen.

Ich schiebe das Formular beiseite und öffne den Laptop. Drei Klicks später weiß ich alles, was ich wissen muss. Die Fähre von Neuharlingersiel nach Spiekeroog fährt zwei bis dreimal täglich, die Überfahrt dauert um die fünfzig Minuten und, wenn man die richtigen Menschen kennt, dann findet man auch immer eine passende Unterkunft.

Ich rede mir ein, dass es nur eine Unterkunft ist, zwei Tage, höchstens drei. Ich fahre hin, hole die Unterschrift und komme zurück. So schwer sollte das ja nicht sein und je länger ich darüber nachdenke, desto vernünftiger klingt das in meinem Kopf.

Während die Bestätigungsmail lädt, greife ich noch einmal nach dem Formular und diesmal kreuze ich, ohne zu zögern, Verheiratet an und füge nebendran hinzu: noch.

Das wird schon gehen, rede ich mir ein, während ich die Unterlagen zusammenpacke und ein letztes Mal hinaus auf Hamburg schaue.

Diese Stadt habe ich mir Projekt für Projekt erarbeitet.

Irgendwo da draußen liegt eine kleine Insel im Nordseegrau. Dort lebt ein Mann, dessen Hände ich nie wirklich vergessen konnte, egal wie oft ich es versucht habe. Henrik hat mir das Projekt übertragen und die Unterlagen auf meinem Schreibtisch sind der Beweis, dass ich diesmal nicht ausweichen kann.

Kapitel 1

Fenja

Während die Fähre langsam am Anleger von Spiekeroog anlegt, stehe ich an Deck und halte das kalte Metall der Reling fester, als ich es müsste. Die Luft ist kühl und feucht. Innerhalb weniger Augenblicke fühlt sich alles vertraut an, obwohl ich mir jahrelang eingeredet habe, nichts davon zu vermissen.

Jetzt weiß ich, dass ich es mir nur eingeredet habe.

Ich erkenne jeden verwitterten Pfahl des Stegs, jeden Geruch, der über dem Hafen liegt, Diesel, nasses Holz, Salz und dieses andere darunter, das schwer zu greifen ist und sich sofort in meiner Brust festsetzt. Als hätte die Insel die ganze Zeit gewusst, dass ich zurückkomme, und darauf gewartet.

In Hamburg habe ich gelernt, wie man Räume betritt, ohne Unsicherheit zu zeigen. Wie man Projekte präsentiert und Menschen überzeugt, selbst wenn man innerlich schon längst nicht mehr so sicher ist, wie man nach außen klingt. Diese Fähigkeit habe ich geübt wie ein Instrument und sie hat mich weit gebracht.

Spiekeroog beeindruckt das nicht.

Diese Insel kennt mich in einer Version, die ich selbst fast vergessen hatte.

Barfuß im Sand. Salz auf der Haut. Zu jung, um zu ahnen, wie viel man verlieren kann.

Ich nehme meine Tasche und reihe mich ein. Der erste Schritt auf den Holzsteg fühlt sich schwerer an, als es das nasse Holz erklären könnte.

Manche Dinge haben sich nicht verändert, Stürme nicht, Erinnerungen auch nicht und das Merkwürdige daran ist, dass das der einzige Trost ist, den die Insel einem anbietet, wenn man nach sieben Jahren wiederkommt.

Der Weg ins Dorf liegt klar in mir, als wäre ich ihn gestern erst gegangen. Die kleine Bäckerei an der Ecke. Das Knirschen des Sandes. Dieses besondere Oktoberlicht, das nie entscheiden will, ob es melancholisch oder friedlich sein möchte. Meine Eltern sind vor Jahren nach Süddeutschland gezogen, in ein kleines Haus am Rand von irgendwo, weit weg von jedem Gezeitenwechsel, und mit ihnen ist auch ein Stück meiner eigenen Kindheit von dieser Insel verschwunden, ohne dass ich je wirklich Abschied genommen hätte. Wir telefonieren noch, sonntags meistens, kurze Gespräche über das Wetter und die Nachbarn, und trotzdem war ich seit Jahren nicht mehr bei ihnen, so wie ich seit Jahren nicht mehr hier war. Vielleicht ist genau das der Grund, warum nur Rieke und Joris für mich zählen, wenn ich an Spiekeroog denke. Die Einzigen, die geblieben sind, während sich alles andere leise davongestohlen hat.

Ich bleibe stehen und atme tief durch.

Ich bin nur wegen einer Unterschrift hier, sage ich mir. Die Papiere, seine Unterschrift und dann nichts wie zurück nach Hamburg. Diesen Satz habe ich seit Tagen geübt und er klingt mit jeder Wiederholung überzeugender.

Glaubwürdiger vielleicht, wahrer nicht. Dann höre ich Riekes Stimme und alles andere tritt zurück.

»Fenja?«

Die Stimme kommt von links, warm und vertraut genug, dass sich sofort etwas in mir zusammenzieht, noch bevor ich mich umgedreht habe. Rieke steht zwischen den wenigen Menschen am Hafen, die Hände tief in den Taschen ihrer Strickjacke, das blonde Haar zu einem losen Dutt gebunden, aus dem der Wind bereits Strähnen gelöst hat.

»Hey«, sage ich und klinge im ersten Moment unsicher, doch das überspiele ich mit einem Lächeln.

Rieke macht ein paar Schritte auf mich zu und zieht mich dann in eine herzliche Umarmung. Sie riecht nach Lavendel, kalter Luft und etwas, das mein Herz kurz aus dem Takt bringt. Heimweh.

Für einen Moment hält sie mich länger fest, als ich erwartet habe.

Als sie mich wieder loslässt, sieht sie mich einen Augenblick an, als müsste sie sich vergewissern, dass ich wirklich vor ihr stehe.

Dann lächelt sie.

»Du bist wirklich hier«, murmelt sie. »Ich hatte schon Angst, dass du gar nicht vom Schiff kommst.«

Ich lache leise, auch wenn meine Anspannung davon kein bisschen kleiner wird. »Ewig hätte ich mich da oben wohl schlecht verstecken können.«

Sie schüttelt den Kopf und nimmt mir die Tasche aus der Hand, noch bevor ich protestieren kann. »Ich habe Suppe gemacht und hoffe, du hast ordentlich Hunger mitgebracht.«

»Rieke, es ist elf Uhr morgens.«

»Auf der Insel isst man, wann man Hunger hat, und Suppe kann man unabhängig von der Uhrzeit essen.« Sie sagt das so selbstverständlich, dass ich sofort wieder zwanzig bin und nachts um zwei mit ihr in der Küche sitze, weil wir nach einer Feier unbedingt Nudeln kochen mussten.

Wir laufen nebeneinander durch das Dorf und ich lasse den Blick über die weißen Fassaden gleiten, die schmalen Wege und die Fensterläden, die leise im Wind klappern. Alles wirkt kleiner und ruhiger als in meiner Erinnerung. Die Insel scheint nach dem Sommer wieder zu sich selbst zurückgefunden zu haben und wartet geduldig darauf, dass auch ich das tue.

Rieke redet, irgendwas über den Oktober und den Sturm, der nächste Woche kommen soll. Ich höre ihr zu, halb jedenfalls, während der andere Teil meiner Gedanken längst bei einem Namen ist, der seit meiner Ankunft ständig in mir auftaucht.

Joris.

Natürlich weiß auch er, dass ich bereits hier bin. Auf einer Insel wie Spiekeroog verschwindet niemand lange unbemerkt und schon gar keine Frau, die sieben Jahre weg war und jetzt mit einer Reisetasche am Hafen steht.

Riekes Haus liegt am Rand des Dorfes, das alte Kapitänshaus mit dem windschiefen Gartenzaun und der Veranda, auf der wir früher ganze Sommerabende verbracht haben. Überzeugt davon, dass das Leben später leicht bleiben würde.

Als wir hineingehen, trifft mich der Geruch sofort. Holz, alter Stein und diese Wärme, die nur Häuser entwickeln, in denen seit Jahrzehnten echtes Leben stattfindet. Ich folge Rieke in die Küche und setze mich an denselben Tisch wie früher. Draußen drückt der Wind gegen die alten Fenster, als würde das Haus selbst leise atmen.

Wir sprechen zunächst kaum. Immerhin liegen zwischen uns viele Jahre. Zu viele, um so zu tun, als wäre nichts geschehen. Ich bin vor sieben Jahren einfach gegangen.

Rieke stellt ihre Tasse ab und fährt mit dem Finger über dessen Rand. »Joris weiß, dass du hier bist«, sagt sie dann, ohne aufzusehen.

»Wie hat er reagiert?«, frage ich und versuche, es beiläufig klingen zu lassen, was mir nicht besonders gut gelingt.

»Er hat nichts gesagt.«

»Das ist keine Antwort.«

Jetzt schaut sie mich an. »Bei meinem Bruder war Schweigen meistens die deutlichste Antwort, das solltest du ja noch am besten wissen.«

Ich nicke nur, weil sie recht hat. Joris war schon immer jemand, dessen Stille mehr erzählt hat als die meisten Gespräche anderer Menschen.

Rieke sieht mich eine Weile an, bevor sie sagt: »Ich glaube, dass die nächsten Tage nicht einfach werden, weder für dich, noch für Joris. Aber ich bin froh, dass du da bist, mir ist wichtig, dass du das weißt.«

»Danke, das bedeutet mir mehr, als du denkst.« Meine Stimme ist ungewohnt leise. Ich halte die Tasse mit beiden Händen und sehe durch das Küchenfenster in den Abend. Der Wind streicht durch das Dünengras hinter dem Haus, irgendwo bellt ein Hund, und während ich hinaussehe, wird mir bewusst, wie klein die Insel eigentlich ist.

Kapitel 2

Fenja

Ich liege im Himmelszimmer wach und starre an die schräge Decke, während draußen der Wind um das Haus streicht und das alte Holz auf seine eigene Weise antwortet. Leises Knarzen, dieses tiefe Atmen alter Häuser, die jede Jahreszeit schon unzählige Male erlebt haben und trotzdem niemals vollkommen still werden.

Durch das kleine Dachfenster sehe ich nichts als dunkles Grau. Schwere Wolken, die tief über der Insel hängen und jeden Stern verschlucken. Irgendwo dahinter rauscht das Meer, weit genug entfernt, um unsichtbar zu bleiben, aber nah genug, um in jeder Bewegung des Hauses präsent zu sein.

Ich hatte vergessen, wie laut die Stille hier ist.

In Hamburg existiert keine echte Ruhe, selbst mitten in der Nacht nicht, weil die Stadt immer irgendwo summt; Autos auf nassen Straßen, entfernte Sirenen, Stimmen vor Bars oder das dumpfe Grollen der U-Bahn unter der Erde. Irgendwann gewöhnt man sich so sehr daran, dass dieses permanente Hintergrundrauschen fast beruhigend wirkt, weil es keinen Platz lässt für Gedanken, die man lieber nicht zu Ende denkt.

Hier funktioniert das nicht.

Hier bleibt einem nichts anderes übrig, als sich selbst zuzuhören.

Ich drehe mich auf die Seite und ziehe die Decke höher. Das Kissen riecht nach Lavendel, nach demselben Waschmittel, das Rieke schon benutzt hat, als wir sechzehn waren und in Sommernächten stundenlang wachgelegen haben, weil wir überzeugt gewesen waren, dass das Leben erst irgendwo weit draußen beginnen würde.

Damals hatte ich die Insel immer als Zwischenstation gesehen, als einen Ort, den man liebt, bevor man ihn verlässt. Rieke hatte nie verstanden, warum ich überhaupt wegwollte.

Jetzt liege ich hier und frage mich zum ersten Mal ernsthaft, ob sie vielleicht klüger gewesen ist als ich. Der Gedanke gefällt mir nicht besonders.

Kurz vor vier Uhr morgens gebe ich auf. Seit ich beschlossen habe, nach Spiekeroog zurückzukehren, liegt Schlaf irgendwo außerhalb meiner Reichweite. Also stehe ich leise auf, ziehe mich an und schleiche die Treppe hinunter, vorbei an Riekes geschlossener Schlafzimmertür und hinaus in die kalte Dunkelheit des frühen Morgens. Die Luft trifft mich sofort mit dieser klaren, schneidenden Kälte, die nur Inseln zustande bringen. Am Horizont hellt sich der Himmel bereits auf, ein schmaler Streifen helles Grau zwischen Meer und Wolken.

Die Straßen liegen noch verlassen da, nur vereinzelt brennt Licht hinter Gardinen, Menschen, die früh aufstehen oder genauso wenig schlafen konnten wie ich, und meine Füße tragen mich fast automatisch durch das Dorf, als hätten sie sich die Wege all die Jahre gemerkt.

Vorbei an der kleinen Schule, an der Kirche und dem alten Brunnen auf dem Platz, dessen leises Plätschern gerade jetzt hörbar ist.

Der Sand knirscht unter meinen Schuhen, vertraut und weich zugleich, und je weiter ich laufe, desto deutlicher wird mir, dass dieser Weg längst ein Ziel hat. Eines, das ich seit meiner Ankunft gleichzeitig vermeiden und suchen wollte.

Der Wind kommt direkt vom Meer herüber und trägt diesen unverwechselbaren Geruch mit sich, nach Salz und kalter Luft, nach Nordsee. Auf eine Weise, die ich in Hamburg manchmal vermisse, weil dort alles glatter geworden ist, kontrollierter und sauberer, während hier draußen alles einfach ist, wie es ist.

Das Gebäude liegt still im frühen Morgenlicht, weiß gestrichen mit dunklen Fensterläden, über denen der Wind hinwegzieht. Noch ist niemand zu sehen. Trotzdem wirkt der Ort, als würde er jeden Moment zum Leben erwachen.

Am Steg liegen die kleinen Segelboote ordentlich vertäut nebeneinander. Die Segel sind festgezurrt gegen den Wind. Für einen Moment versuche ich mir vorzustellen, wie Joris diesen Ort Schritt für Schritt aufgebaut hat. Jahr für Jahr. Während ich irgendwo zwischen Hamburger Besprechungsräumen und Hotellobbys ein Leben führte, das möglichst wenig Raum für Erinnerungen ließ.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort stehe und auf die Boote sehe, als ich Schritte höre. Ruhig und gleichmäßig nähern sie sich über den gepflasterten Weg zwischen dem Bootshaus und dem Steg. Noch bevor ich mich umdrehe, weiß ich bereits, wer kommen wird.

Natürlich weiß ich es.

Joris war schon immer früh wach gewesen, als würde ihm die erste Stunde des Tages allein gehören.

Als er vor mir stehen bleibt, vergesse ich für einen kurzen Moment, wie Atmen funktioniert.

Sieben Jahre sind vergangen und trotzdem erkenne ich ihn sofort.

Manche Menschen verändern sich nicht wirklich. Die Zeit macht ihre Konturen nur schärfer.

Er wirkt größer als früher, breiter in den Schultern, kantiger im Gesicht und dort, wo früher noch etwas Jungenhaftes gewesen war, ist inzwischen die Ruhe eines Mannes getreten, der gelernt hat, mit sich selbst auszukommen.

Der Wind fährt ihm durch das Haar, wie früher, und seine Augen treffen meine mit derselben stillen Direktheit, die mich damals schon nervös gemacht hat, weil man bei Joris immer das Gefühl hatte, er würde mehr sehen, als man zeigen wollte.

In seinem Blick liegt keine Überraschung und das macht es noch unangenehmer, dieses Gefühl, bereits erwartet zu werden, bevor man bereit ist, da zu sein.

»Fenja«, sagt er und allein mein Name in seiner Stimme reicht aus, damit sich all die sorgfältig sortierten Gedanken in meinem Kopf viel weniger geordnet anfühlen als noch vor wenigen Minuten.

Ich zwinge mich dazu, seinen Blick zu halten, obwohl ein Teil von mir am liebsten sofort wieder verschwinden würde.

»Ich war nur spazieren. Bin zufällig hier vorbeigekommen.« Noch während ich es sage, höre ich selbst, wie schlecht die Ausrede klingt.

Joris sieht mich einen Moment schweigend an. »Hier führt kein Spazierweg entlang.« Seine ruhige Sachlichkeit macht es unmöglich, weiter so zu tun, obwohl wir beide längst wissen, dass nichts an dieser Begegnung zufällig ist.

»Ich wollte sehen, wie die Segelschule geworden ist«, sage ich stattdessen.

Er antwortet zunächst nicht und, während der Wind über den Steg zieht, wird mir bewusst, wie sehr ich früher darauf vertraut habe, zu verstehen, was hinter seinem Schweigen liegt.

Als er dicht an mir vorbeigeht, nehme ich den Geruch seiner Jacke wahr, nach Salz, Wind und Maschinenöl. Sofort meldet sich eine Erinnerung zurück. Ich verdränge sie, bevor sie Gestalt annehmen kann.

Ich drehe mich zu ihm. »Joris.«

Er bleibt stehen, dreht sich aber nicht ganz zu mir um.

» Wir müssen reden.« Zwischen uns zieht der Wind über den Steg und lässt die vertäuten Boote leise gegen das Holz schlagen.

»Ich habe heute Unterricht. Den ganzen Tag.« Er geht weiter, ehe ich etwas erwidern kann.

Ich bleibe zurück und sehe ihm nach. Am Steg kniet er sich hin und prüft die Leinen. Mehr Antwort werde ich heute nicht bekommen.

Der Rückweg durch das Dorf fühlt sich länger an.

Langsam erwacht die Insel um mich herum, irgendwo öffnet sich ein Fenster, ein Hund bellt in der Ferne und aus der kleinen Bäckerei an der Ecke dringt warmer Lichtschein auf die Straße, begleitet vom Geruch frischer Brötchen, der mich dazu bringt, hineinzugehen.

Die Frau hinter dem Tresen kenne ich nicht. Sie muss irgendwann nach meiner Zeit auf die Insel gekommen sein. Als sie mich freundlich fragt, ob ich Urlaub mache, antworte ich automatisch mit Ja, weil diese Version der Wahrheit deutlich einfacher ist als jede andere.

Mit einem Kaffee in der Hand laufe ich anschließend weiter durch den kühlen Morgen und versuche vergeblich, das Bild aus meinem Kopf zu bekommen, das sich dort festgesetzt hat: Joris am Steg, die Hände an den Leinen, diese ruhigen Bewegungen und die Art, wie er mich angesehen hat, ohne mir wirklich entgegenzukommen.

Er macht das mit Absicht. Joris war nie jemand, der zufällig auf Distanz ging. Die Ruhe ist seine Art, Kontrolle zu behalten, und das Bittere daran ist, dass sie funktioniert, weil er tatsächlich derjenige ist, der entscheidet, wann gesprochen wird und wann nicht.

***

Als ich zurück zu Riekes Haus komme, brennt bereits Licht in der Küche. Kaum öffne ich die Tür, bleibt Riekes Blick an meinem Gesicht hängen. Offenbar braucht sie keine Frage mehr zu stellen.

»Du warst bei der Segelschule«, sagt sie ruhig.

Ich ziehe die Jacke aus. »Ich bin spazieren gegangen.«

Sie hebt leicht die Augenbrauen. »Und? Wie war es?«

Ich stelle die Tasse auf den Tisch. »Er hat vielleicht zwanzig Worte mit mir gesprochen. Eher weniger.«

»Er ist verletzt, Fenja.«

Ich sage nichts.

»Joris war nie laut. Er zieht sich zurück.«

Draußen hat der Wind weiter zugenommen und drückt jetzt spürbar gegen die alten Fensterscheiben, während die Rahmen leise knarzen. Die Mappe mit den Unterlagen liegt noch immer auf dem Tisch.

Ich sehe stattdessen hinaus in den grauen Morgen und denke an einen Mann, der heute kaum ein Wort mit mir gesprochen hat.