Leseprobe Seine zweite Frau | Der schockierende Psychothriller über eine tödliche Obsession

Kapitel 1

Lydia

Es war noch dunkel, als ich die Augen öffnete, daher wusste ich nicht, wie lange ich bewusstlos gewesen war. Meine Wange war in den dicken Teppich gepresst, und mein Kopf fühlte sich an, als wäre er gespalten worden. Ich versuchte, mich aufzusetzen, aber die Schmerzen waren unerträglich, sodass ich unwillkürlich aufschrie und den Versuch aufgab. Ohne mich zu bewegen, konnte ich Rich sehen, der ein Stück entfernt ebenfalls auf dem Boden lag. Er schaute in meine Richtung und hatte den Arm nach mir ausgestreckt. Seine Hand war in Reichweite, also ergriff ich seine Finger und drückte sie sanft.

„Rich? Geht es dir gut?“

Er antwortete nicht. Seine Finger erwiderten auch nicht meinen Druck. Und das Schlimmste war – weshalb mir die Tränen in die Augen traten und sich ein Kloß im Hals bildete, sodass ich krampfhaft schlucken musste –, dass er nicht blinzelte.

Ich war ein Fan von Krimis. Egal ob Fernsehen oder Bücher, ich verschlang sie alle. Besonders True-Crime-Dokus hatten es mir angetan, mit ihren detailreichen Darstellungen der Taten und der Jagd nach dem Täter. Dabei hatte ich wie ein Schwamm alles dazugehörige Wissen aufgesaugt. Deshalb war mir selbst in meinem Schockzustand, während ich noch immer mit dem Gesicht auf dem Boden lag und meine Sicht wegen der pochenden Schmerzen in meinem Hinterkopf verschwommen war, klar, warum er nicht blinzelte. Ich wusste, was der übelkeitserregende Gestank, der mir in die Nase stieg, bedeutete.

Rich war tot.

Da war auch noch etwas anderes. Es schwamm irgendwo in meinem Unterbewusstsein herum, etwas Wichtiges, das ich tun sollte … irgendetwas … Aber was auch immer es war, ich bekam es nicht ganz zu fassen.

Also biss ich die Zähne zusammen und hob den Kopf so weit, dass ich mich in dem geräumigen Hotelzimmer umsehen konnte. Stundenlang hatte ich auf der Website die verschiedenen Optionen durchgesehen, bevor ich mich dafür entschieden hatte. Nun war es zu spät, um mir zu wünschen, ich hätte ein anderes, kleineres Zimmer gewählt, aus dem ein Schrei im Nachbarzimmer oder auf dem Gang zu hören wäre. In dem mich das Telefon nicht von der Konsole am anderen Ende des Zimmers aus verspottete.

Ein zaghafter Versuch, aufzustehen oder mich zumindest aufzusetzen, schlug fehl. Der Schmerz ließ die Welt um mich herumwirbeln und meine Sicht noch mehr verschwimmen. Ich griff mir an den Kopf und spürte etwas Warmes, Feuchtes in meinen wirren Haaren. Das erklärte den Schmerz, die Verwirrung und warum ich mich nicht mehr daran erinnern konnte, was ich eigentlich tun sollte, denn plötzlich war ich mir ganz sicher, dass da etwas gewesen war … Aber was auch immer es gewesen war, war hinter meinen Verletzungen verschwunden.

Ich war verletzt, aber ich war am Leben. Eine grimmige Entschlossenheit, dafür zu sorgen, dass das auch so blieb, trieb mich an, Stück für Stück auf das Telefon zuzukriechen.

Bei jeder Bewegung schwirrte mir der Kopf. Ich schob Richs Arm beiseite und schleppte mich ein paar Zentimeter vorwärts. Auf seiner Höhe hielt ich inne, unterdrückte den Schmerz und richtete mich auf meine Unterarme auf, damit ich ihm ins Gesicht schauen konnte. Vielleicht irrte ich mich. Vielleicht war sein Körper nur wegen der Klimaanlage steif und kalt. „Rich?“ Ich legte eine Hand an seine Wange. „Rich?“ Ich gab ihm einen Klaps, zuerst sanft, dann fester. Das Geräusch von Fleisch auf Fleisch hallte laut in der Stille wider. Tränen verschleierten meine Sicht noch mehr.

Auf seiner Schulter brach ich zusammen und drückte mein Gesicht in die Wölbung seines Halses. Es wäre schön gewesen, an glücklichere Zeiten zurückzudenken, in denen ich das genauso gemacht hatte, als wir nach einem Picknick am Strand oder auf einer Wiese zusammengelegen hatten, doch ich hatte noch nie eine sonderlich gute Fantasie gehabt. Ich war immer eher der nüchterne Typ gewesen, die Macherin und Organisatorin, die Realistin, keine Träumerin.

Rich war tot. Ich war verletzt – wie schwer, wusste ich nicht genau. Vielleicht konnte ich einfach hier auf ihm liegen bleiben, bis die Raumpflege irgendwann am Vormittag kam, um das Zimmer zu reinigen. Dann würde man mir schon helfen. Mir fielen die Augen zu, und ich begann wegzudriften. Kopfverletzungen konnten tödlich sein. Ich brauchte keine lebhafte Fantasie, um mir vorzustellen, wie das Raumpflegepersonal die Tür öffnen und unsere Leichen finden würde. Doch ich hatte zu viel durchgemacht, um jetzt aufzugeben. Hatte viel zu hart gearbeitet, um jetzt alles zu verlieren. Dieser Gedanke gab mir Kraft.

Der schnellste Weg zum Telefon war durch Rich versperrt. Im Tod wie im Leben war er ein großer Mann. Ein knapp ein Meter neunzig großes Muskelpaket, unmöglich zu bewegen. Ich richtete mich wieder auf die Ellbogen auf, ignorierte den sofortigen stechenden Schmerz und blickte in sein Gesicht hinab. Ein markantes Gesicht. Attraktiv auf eine kantige, maskuline Art. Seine Augen hatten immer gefunkelt, als würde er alle anderen insgeheim auslachen. Das hatte ich unglaublich attraktiv gefunden. Bis dieses Funkeln irgendwann in den letzten Jahren – ich weiß nicht, wann genau – erloschen war. Stattdessen hatte etwas anderes in seinen Augen gelegen, wenn er mich angesehen hatte, eine gewisse Härte, fast schon Resignation über seine Situation: Er hatte mich für immer am Hals. Und irgendwann im Laufe dieser Jahre hatte ich anscheinend aufgegeben und war zu genau der Frau geworden, die ich nie hatte sein wollen: erbärmlich, eintönig und langweilig.

Es war nicht nur der falsche Augenblick für Bedauern, sondern auch viel zu spät dafür, doch ich konnte nichts dagegen tun. Wenn wir uns doch nur hingesetzt und miteinander geredet hätten, als wir anfingen, uns auseinanderzuleben, vielleicht wäre es dann nicht so weit gekommen. Ich legte meine Hand an Richs Wange. Wenn er mir gleich zu Beginn alles erzählt hätte, wäre es vielleicht anders gekommen. Aber das hatte er nicht, also waren wir jetzt hier. Er war tot; ich lag vielleicht im Sterben.

Das Telefon war so quälend nah und doch so fern. Hätte ich aufstehen können, wäre ich einfach über Richs Leiche hinweggestiegen, aber selbst das Stützen auf die Ellbogen forderte seinen Tribut. Als schwarze Punkte vor meinen Augen zu flimmern begannen, wusste ich, dass ich ohnmächtig werden würde. Ich ließ mich auf den Teppich sinken, doch auch so dauerte es mehrere Sekunden, bis das Gefühl nachließ. Aufzustehen und über meinen toten Mann zu steigen, war unmöglich, und selbst wenn mir sein Körper nicht wie ein unüberwindbarer Berg vorgekommen wäre, hätte ich mich nicht dazu bringen können, über ihn zu kriechen.

Stattdessen begann ich, mich um ihn herum zu bewegen. Zentimeter für qualvollen Zentimeter. Der Teppich war mir dabei ein Hindernis; sein dicker Flor verlangsamte mein Vorankommen, während ich mich mit vor Schmerz zusammengepressten Augen auf meinen Unterarmen vorwärts zog. Aus meiner Kopfwunde sickerte Blut durch meine Haare und über meine Stirn herab. Ich wischte es mir aus den Augen, leckte es von meinen Lippen und versuchte, mich nicht allzu sehr davon beunruhigen zu lassen, dass es immer weiter floss.

Sie würden den Teppich austauschen müssen. Dieser beiläufige Gedanke brachte mich zum Stillstand. Ich ließ mich wieder zu Boden sacken, und meine Stirn versank in den weichen Fasern. Was sagte es über mich aus, dass ich mit einer potenziell tödlichen Verletzung nur wenige Zentimeter von meinem toten Mann entfernt lag und mein erster Gedanke dem Zustand des Teppichs galt?

Wie furchtbar banal ich doch war.

Meine Augenlider waren schwer. All den Krimiserien und -dokus zufolge, die ich gesehen hatte, war es ein schlechtes Zeichen, wenn jemand nach einer Kopfverletzung schläfrig wurde. Ein sehr schlechtes Zeichen … aber ich konnte nichts dagegen tun … Vielleicht war es letztendlich doch besser so … Vielleicht war das ein besseres Ende als das, was ich geplant hatte … Vielleicht …

Als der nächste Schlag kam, war es fast eine Erleichterung.

Kapitel 2

Acht Wochen zuvor

„Ich schwöre, ich wusste nichts davon …“

„Tja, jetzt weißt du es. Jedes Detail von dem, was ich wegen dir durchgemacht habe. Also weißt du auch, wie viel du mir schuldig bist, oder?“

„Ich …“

„Nicht!“ Das Wort vibrierte förmlich vor Wut. „Wag es ja nicht, mich durch irgendwelche Ausreden zu beleidigen. Das ist das Einzige, was ich jemals von dir verlangen werde. Tu es, dann wirst du nie wieder von mir hören.“

„Also gut.“ Ein lautes Seufzen folgte. „Das wird nicht einfach …“

„Nein, aber du wirst es tun, oder?“

„Ja, ich werde es tun.“ Noch ein Seufzen, länger, voller Schuldgefühle und Reue. „Das schulde ich dir.“

Kapitel 3

Fiona

Fiona Carlton schwenkte ihren Gin Tonic, sodass die Eiswürfel klirrten und die Zitronenscheibe sich kaum über Wasser halten konnte. „Ich wollte nie diese Art von Frau sein“, sagte sie, während sie in ihr Glas starrte.

„Klingt wie eine Zeile aus einem Song“, meinte ihre Freundin Jocelyn.

„Ist es auch. Na ja, genauer gesagt ein Songtitel: Never Wanted to Be That Girl. Von Carly Pearce. Könnte auch über mich geschrieben worden sein.“ Es traf sogar so sehr auf ihre Situation zu, dass Fiona das Lied in Dauerschleife gehört hatte, als sie herausgefunden hatte, dass der Mann, mit dem sie ausging – ein Mann, für den sie bereits ernsthafte Gefühle entwickelt hatte –, verheiratet war. Es spielte keine Rolle, dass sie das von Anfang an gewusst hatte. Vielleicht nicht seit ihrer allerersten Begegnung, aber definitiv seit diesem ersten Abend.

Ich wollte nie diese Art von Frau sein.

Die „andere“ Frau. Sie hatte sich für so schlau gehalten, dass sie die verheirateten Männer, die nur auf ein bisschen Spaß aus waren, immer erkennen konnte. Manchmal war es so was von offensichtlich: der Abdruck am Ringfinger, wo normalerweise ein Ehering saß, eine gewisse Verschlossenheit bezüglich Details, Geheimnistuerei hinsichtlich ihres Wohnorts. So viele verräterische Anzeichen.

Vielleicht, wenn sie Rich auf die übliche Weise kennengelernt hätte. In einer der Weinbars, die sie häufig besuchte, oder durch eine der unzähligen Dating-Apps, die sie auf das Drängen ihrer Freunde hin ausprobiert hatte, weil sie nun mal im einundzwanzigsten Jahrhundert lebten. Sie hatten darauf bestanden, dass dies der einzige Weg sei, der moderne Weg, und völlig akzeptabel. Aber so hatte sie ihn nicht kennengelernt. Sie hatte ihn durch Zufall getroffen. Sie war spät dran gewesen für ein Meeting mit einem Klienten und hatte verzweifelt versucht, ihre Notizen zu entziffern, während sie die Straße entlanggeeilt war.

Mit gesenktem Kopf war sie um eine Ecke gebogen – und frontal mit einem Mann zusammengestoßen, der aus der entgegengesetzten Richtung kam. Ihre sorgfältig zusammengetragenen Notizen flogen in die eine Richtung und sie mit einem Schreckensschrei in die andere. Nur eine Mauer in Greifweite bewahrte sie vor einem Sturz. Mit einem Ächzen stieß sie dagegen und bückte sich dann sofort, um die Zettel auf dem Boden einzufangen, die sich voneinander gelöst hatten und weggeweht zu werden drohten. Leider bückte sich der Mann, mit dem sie zusammengestoßen war, genau zur selben Zeit, und ihre Köpfe prallten aufeinander.

„Aua, verdammt.“ Sie griff sich an die Stirn und richtete sich auf.

„Entschuldigen Sie bitte“, sagte er, bückte sich erneut, um ihre Unterlagen aufzuheben, und reichte sie ihr. „Das war schon fast wie eine Szene von Dick und Doof, oder?“

Sie hätte eher Fawlty Towers gesagt, aber vielleicht lag das am Altersunterschied. Sie nahm ihre Mappe entgegen, steckte die Zettel hastig wieder hinein und hoffte, dass sie vor ihrem Termin noch Zeit haben würde, sie wieder zu ordnen.

„Ich glaube, das sind alle“, sagte er und zog damit ihren Blick auf sich.

Sie war gut darin, Menschen schnell einzuschätzen. Eleganter Mantel über einem schicken Anzug, steif gebügeltes weißes Hemd, stilvolle Krawatte – vermutlich aus Seide –, dunkles Haar, an den Schläfen schon etwas ergraut. Vornehm, würde sie sagen, wenn sie ihn beschreiben müsste. Oder auch attraktiv. Und als sie das Funkeln in den grauen Augen bemerkte, fügte sie sexy hinzu.

„Ja“, erwiderte sie.

Da schenkte er ihr ein Lächeln. Nicht nur ein höfliches Hochziehen der Mundwinkel. Sondern ein breites, strahlendes Lächeln, das sein ganzes Gesicht aufleuchten ließ. „Ja, Sie gehen mit mir etwas trinken?“

Hitze stieg ihr in die Wangen. Sie hielt sich für immun gegen alle Anmachsprüche, die sie je gehört hatte – und das waren viele –, aber dieser Mann hatte etwas an sich. Sie glaubte nicht an Liebe auf den ersten Blick, aber Lust war ein ganz anderes Thema, und sie war alt und weise genug, um genau zu erkennen, was zwischen ihnen aufgeflammt war. Pure Lust.

„Das geht nicht …“

Ohne dass sein Lächeln nachließ, neigte er leicht den Kopf. „Weil Sie nicht können, oder weil Sie nicht wollen?“

Weil Sie viel zu selbstsicher sind. Weil auf Ihre Stirn genauso gut „gefährlich“ tätowiert sein könnte. Weil ich alt genug bin, um es besser zu wissen.

„Ich habe einen Termin.“ Sie warf einen Blick auf die goldene Uhr, die ihr Handgelenk zierte. „In genau fünf Minuten.“

„Und danach?“

Er war hartnäckig. Dabei verblasste sein Lächeln kein bisschen, ebenso wenig wie das ausgeprägte Funkeln in seinen Augen. Sie warf einen Blick auf seine linke Hand. Er trug Handschuhe, sodass sie nicht sehen konnte, ob er einen Ring hatte.

„Auf einen Kaffee oder ein Glas Wein? Die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen.“ Während er auf ihre Antwort wartete, schwand sein Lächeln und das Funkeln nun doch ein wenig. „Als Entschuldigung dafür, dass ich Sie beinahe umgehauen habe.“

Beinahe umgehauen. Ihre Abwehr geschwächt. Sie dazu gebracht, „Ja, okay, ein Glas Wein wäre schön“ zu sagen, obwohl sie eigentlich wirklich hätte lachen, den Kopf schütteln und weitergehen sollen.

Sein Lächeln kehrte zurück. In voller Stärke. Er zeigte die Straße hinunter. „Kennen Sie Dexters?“

Diese Weinbar kannte sie nur zu gut. Viel poliertes Holz, kleine, gemütliche Sitznischen, schmeichelhaftes Licht. Ein perfekter Ort für Rendezvous, und sie änderte schlagartig ihre Meinung.

„Vielleicht ist das doch keine so gute Idee.“ Nicht nur vielleicht. Es war eine sehr schlechte Idee. Diese Art von Mann – so selbstbewusst, so verdammt sexy, vor Charisma strotzend – war genau die Art, um die sie einen weiten Bogen machen sollte. Sie war definitiv alt genug, um es besser zu wissen, aber dummerweise auch alt genug, um zu glauben, sie könnte damit umgehen. Später fragte sie sich, ob das ihr erster Fehler gewesen war.

Er streckte die Hand aus und berührte sanft ihren Arm. „Es ist doch nur ein Glas Wein. Verkomplizieren Sie es nicht.“

Er hatte recht. Natürlich hatte er recht. Es war nur ein Glas Wein. Ein willkommener Drink, um einen dieser Tage ausklingen zu lassen, an denen alles, was schiefgehen konnte, auch schiefgegangen war. Dennoch unternahm sie einen letzten Versuch, ihn abzuwimmeln, einen weiteren Versuch, sich selbst zu retten. „Das Meeting dauert mindestens eine Stunde.“

„Eine Stunde?“ Er schlug die Manschette seines Hemdes zurück und warf stirnrunzelnd einen Blick auf seine Armbanduhr. „Eigentlich passt das perfekt.“ Das Lächeln kehrte zurück. „In einer Stunde bei Dexters. Ich werde auf Sie warten.“

Und bevor Fiona es sich anders überlegen konnte, war er verschwunden. Dabei wollte sie das gerade machen. Sie schüttelte den Kopf, warf einen schnellen Blick auf den Inhalt der Mappe, die sie fallen gelassen hatte, sortierte die Seiten neu und setzte dann ihren Weg fort. Sie würde dieses Meeting hinter sich bringen und dann ein Taxi nach Hause nehmen. Ein Bad nehmen, es sich gemütlich machen, ein Glas Wein trinken und etwas Seichtes im Fernsehen anschauen.

Genau das würde sie tun.

Genau das hätte sie tun sollen.

Stattdessen war sie zu Dexters gegangen. Als sie eintrat, war er wie angekündigt dort und wartete auf sie. Er saß auf einem Hocker an der Bar, den Blick fest auf die Tür gerichtet, und bei ihrem Anblick breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. Sofort stand er auf, kam auf sie zu und küsste sie so selbstverständlich auf beide Wangen, als würden sie sich schon ewig kennen. Sein Duft stieg ihr in die Nase – frisch, erdig, männlich –, und ein plötzliches Verlangen durchzuckte sie. Sie besaß genug Selbsterkenntnis, um das Gefühl als solches zu erkennen. Daran war nichts Verwerfliches. Sie war achtunddreißig und in der Blüte ihres Lebens. Verlangen war eine vollkommen natürliche Reaktion auf einen gut aussehenden, sexy Mann.

Es kam nur darauf an, was man mit diesem Gefühl anstellte.

Und sie hatte nicht vorgehabt, irgendetwas anzustellen.

***

Während sie an dieses erste Treffen zurückdachte und weiter ihre Eiswürfel im Glas herumschwenkte, spürte sie Jocelyns Blick auf sich. Darin lag zweifellos Mitgefühl. Vielleicht sogar Mitleid. Sie waren schon lange befreundet und hatten gemeinsam viele Tränen über gescheiterte Beziehungen vergossen: über Männer, die Fionas Herz gebrochen hatten,

über Frauen, die Jocelyns gebrochen hatten.

Fiona hörte auf, mit ihrem Drink zu spielen, und trank mit einem Schluck die Hälfte leer. „Es sollte nur ein einziges Glas Wein sein. Seine Entschuldigung dafür, dass er mich fast umgerannt hätte.“

***

Ein Drink hatte zum nächsten geführt und zum nächsten. Er hatte scherzhaft gesagt, dass sie gleich die ganze Flasche hätten nehmen sollen, während sie sich gefragt hatte, wo nur ihre Willenskraft geblieben war. Dexters hatte auch etwas zu essen, aber nichts, worauf sie Lust hatten, also schlug er vor, in ein Restaurant zu gehen, von dem er wusste, dass es gut war. „Es ist nicht weit von hier. Wir könnten zu Fuß hingehen“, sagte er.

„Es ist Freitagabend; da bekommen wir keinen Tisch.“

„Natürlich bekommen wir einen“, erwiderte er mit voller Überzeugung, was – wie sie bald lernte – seine Art war, an alles heranzugehen. Als würde die Welt es nicht wagen, ihn zu enttäuschen.

Ein Teil von ihr wünschte sich, dass sie dies sehr wohl tun würde, dass sie abgewiesen würden, als sie ein sehr gehobenes Restaurant betraten. Aber sie bekamen nicht nur sofort einen Tisch, sondern der Oberkellner begrüßte ihn sogar mit Namen und mit einer Ehrerbietung, die nur von Bekanntheit herrühren konnte – und von Geld.

Mehr Wein, ausgezeichnetes Essen, anregende Gespräche. Zu dem Zeitpunkt, als er mit ernster Miene in sein Weinglas starrte und sagte: „Ich muss dir etwas sagen“, war es bereits zu spät. Niemand ist so blind wie diejenigen, die nicht sehen wollen – und sie hatte es nicht gewollt. Die sofortige Anziehungskraft, die sie verspürt hatte, als sie buchstäblich aufeinandergestoßen waren, das plötzliche Verlangen, das sie beim Betreten von Dexters überkommen hatte, waren nichts im Vergleich zu dem, was sie jetzt empfand. Keine Liebe – so naiv war sie nicht –, aber eine mächtige Anziehungskraft, die sie gepackt und die Vernunft aus ihr herausgeschüttelt hatte.

Einfach den Moment genießen, sagte sie sich, als sie eine Hand hob, um sein Geständnis zu verhindern. Er brauchte nichts zu sagen. Bei Dexters hatte er keine Handschuhe mehr getragen; sie hatte die Wahrheit bereits gesehen. „Warum halten wir es nicht ganz einfach? Nur heute Abend. Ein schöner Abend. Keine Verpflichtungen. Keine Versprechungen.“ Sie hatte es ernst gemeint. Sie wollte keine Komplikationen, und von der ersten Begegnung an, seit er sie mit solch einem intensiven Blick angesehen hatte, als würde er direkt in ihre Seele blicken, hatte sie gewusst, dass dieser Mann jede Menge mit sich bringen würde.

***

„Er hätte dir sagen müssen, dass er verheiratet ist, bevor mehr daraus wurde“, meinte Jocelyn.

„Er hat es versucht. An diesem ersten Abend hat er gesagt, dass er mir etwas sagen müsse, aber ich habe ihn unterbrochen, also kannst du ihm keinen Vorwurf machen. Es spielt sowieso keine Rolle, an diesem Punkt hatte ich seinen Ehering schon längst gesehen. Ich wusste, dass er verheiratet war.“

Jocelyn rümpfte die Nase. „Er kam mir nicht gerade wie ein Mann vor, den man von irgendwas abhalten kann, was er sich in den Kopf gesetzt hat.“

„Du hast ihn nur einmal getroffen.“ Bei einer Ausstellung in der Kunstgalerie von Jocelyns Frau. Das war das dritte Date von Rich und Fiona gewesen. Damals hatten sie noch nicht miteinander geschlafen gehabt, aber an diesem Abend würde es so weit sein. Das war ihnen beiden klar gewesen, und wahrscheinlich war es recht offensichtlich gewesen durch ihren ständigen Körperkontakt, das wissende Lächeln und die sexuelle Spannung zwischen ihnen, die die gesamte überwältigende Beleuchtung hätte antreiben können, auf die der Künstler für seine Ausstellung bestanden hatte. Sie waren von einem riesigen Gemälde zum nächsten geschlendert, von den überbeleuchteten Bereichen zu den dunkleren Ecken, wo sie sich geküsst und seine Hände über ihr hautenges Kleid gestrichen hatten. Die Hitze seiner Berührung hatte ihre Haut versengt, sodass sie sich selbst vergessen hatte, vergessen hatte, wo sie waren.

Sie erinnerte sich, dass Jocelyn alles andere als begeistert gewesen war und ihnen ständig strenge Blicke zugeworfen hatte, woraufhin Fiona lediglich gekichert und Rich kurz mit den Schultern gezuckt hatte, bevor er sie wieder in seine Arme geschlossen hatte.

„Einmal war genug“, sagte Jocelyn. „Ganz ehrlich, ihr habt euch unmöglich verhalten, als wären alle Filter für normales Verhalten ausgeschaltet worden. Ich glaube immer noch, dass ihr beide high wart.“ Sie hob schnell die Hand. „Und sag jetzt bloß nicht, dass ihr voneinander high wart, sonst muss ich kotzen!“

„Das wollte ich gar nicht.“ Peinlicherweise hatte sie doch genau das sagen wollen, denn genau so hatte sie sich damals gefühlt. Nach jenem ersten Abendessen waren sie Hand in Hand an der Themse entlangspaziert, vollkommen vertieft in ihr Gespräch, vollkommen blind und taub für die Welt um sie herum. Am Ende, noch bevor er sich vor der Tür ihres Wohnblocks von ihr verabschiedet hatte, waren ihr drei Dinge klar:

Er war verheiratet.

Es war ihr egal.

Und zum ersten Mal dachte sie, dass sie vielleicht … nur vielleicht … alles haben könnte.

Kapitel 4

Fiona

Fiona hatte ihre Freundin nicht angelogen. Und auch nicht sich selbst. Sie hatte nie diese Art von Frau sein wollen. Und sie hasste sich dafür, dass sie sich nun in einer Situation befand, die sie sich immer zu vermeiden geschworen hatte. Das Problem war, dass ihre Liebe für Rich größer war.

Jocelyn hob die Hand, um die Aufmerksamkeit des Barkeepers zu erregen. Als er hersah, schwenkte sie ihr Glas und hielt zwei Finger hoch. „Und, was wirst du jetzt tun?“, fragte sie und wandte sich wieder Fiona zu.

„Tun?“ Als wäre das so einfach. Als könnte sie irgendetwas tun, um alles in Ordnung zu bringen. Einen Zauber aussprechen. Mit einem Zauberstab rumfuchteln. Die Uhr zu dem Tag zurückdrehen, an dem sie Rich kennengelernt hatte, und einen anderen Weg zu diesem Meeting wählen, das Büro eine Minute früher oder eine Minute später verlassen, diese Fügung des Schicksals vermeiden, durch die sie mit ihm zusammengestoßen war. „Ich weiß nicht.“

Zwei frische Drinks erschienen vor ihnen auf der Bar. Jocelyn leerte den Rest ihres vorherigen mit dem neuen zusammen. Dann hob sie das randvolle Glas vorsichtig hoch und nahm einen Schluck. „Immerhin sind es erst zwei Monate“, sagte sie und stellte das Glas ab.

Fiona unterdrückte den Drang, den ewigen Ausruf der Missverstandenen zu benutzen, das kindische „Du verstehst das nicht“. Sie war eine erwachsene, intelligente, erfolgreiche Frau mit Uniabschluss. Und Jocelyn hatte recht. Es waren tatsächlich erst zwei Monate. Aber zugleich lag sie völlig falsch. In Jocelyns Welt gab es keine Grautöne; sie sah die Dinge in ganz unkompliziertem Schwarz und Weiß. Vielleicht, weil es auf ihr Leben immer zugetroffen hatte – nach ihrem Kunststudium an der Uni hatte sie in der Galerie zu arbeiten begonnen. Zehn Jahre später hatten sie und die Galeriebesitzerin an einem Strand in Mexiko geheiratet. Fiona war sich nicht sicher, ob für Jocelyn alles so gut lief, weil sie alles in Schwarz-Weiß sah, oder ob sie alles in Schwarz-Weiß sah, weil für sie alles so gut lief. Das alte Henne-Ei-Problem.

Jedenfalls lag sie falsch damit, dass zwei Monate zu kurz seien, um das Leben eines Menschen in vollkommen neue Bahnen zu lenken. Wie konnte eine Frau, die die erste Person geheiratet hatte, in die sie sich Hals über Kopf verliebt hatte und mit der sie nach all den Jahren immer noch glücklich verheiratet war, Fionas Situation verstehen? Zumal sie nicht wusste, ob sie sie selbst überhaupt ganz verstand.

Seit jenem ersten Abend war kein Tag vergangen, an dem sie nicht mit Rich gesprochen hatte. Nicht nur per SMS. Sondern bei richtigen, altmodischen Telefonaten in den kurzen Pausen zwischen ihren Meetings, während sie mit ans Ohr gepresstem Handy durch die Straßen eilte. Sie telefonierte leise mit ihm, während sie auf der Toilette saß, und kicherte wie ein Schulmädchen, wenn sie ihm erzählte, wo sie gerade war. Sie sprachen miteinander, während sie in der U-Bahn oder in einem Taxi saß. In jeder freien Minute. Überall. Bald war es zu einer Sucht geworden. Zu einer Besessenheit. Sie konnte einfach nicht genug von ihm kriegen.

Normalerweise war sie vorsichtig, voll auf ihre Karriere konzentriert, umsichtig im Umgang mit Männern und ihren Spielchen. Nun hatte sie manchmal das Gefühl, er hätte sie verzaubert. Sie in seinen Bann gezogen.

Da sie Jocelyns Blick auf sich spürte, stieß sie ein belustigtes Schnauben aus und nahm ihren Drink.

„Im Ernst“, sagte Jocelyn leise. „Ich finde, du solltest diesen Typen vergessen.“

Schon wieder so ein dummer Ratschlag. Als wäre alles so verdammt einfach. Für sie war alles so verdammt einfach. Sie hatte alles: ein erfolgreiches Unternehmen, eine Frau, die sie liebte. War es falsch, dass Fiona ein kleines bisschen neidisch auf das war, was ihre Freundin hatte, und es auch für sich selbst wollte? Vielleicht hatte Rich sie wirklich verzaubert, denn obwohl er verheiratet war, erschien er ihr einfach perfekt.

„Ich kann ihn nicht vergessen. Ich kann meine Gefühle nicht einfach so abstellen!“

Jetzt war Jocelyn diejenige, die ein belustigtes Schnauben ausstieß, und zwar ein sehr lautes, während sie den Kopf schüttelte, als wäre das das Lustigste, was sie je gehört hatte. „Komm schon, Fiona, du bist keine mit Hormonen und Unsicherheit vollgepumpte Achtzehnjährige. Du bist eine angeblich weltgewandte und erfahrene Achtunddreißigjährige. Eine knallharte Geschäftsfrau, die mehr Eier hat als die meisten Männer, die ich kenne, also natürlich kannst du das. Du brauchst einfach mehr Selbstreflexion. Sokrates sagt …“

Fiona brachte sie mit einer abrupten Geste zum Schweigen. Jocelyns Gesichtsausdruck wechselte augenblicklich von solidarisch zu gekränkt. Das zwang Fiona direkt wieder in die Defensive und stellte sie wieder mal als die Schuldige dar. „Tut mir leid“, sagte sie. Und das tat es ihr wirklich. Sie wollte ihre Freundin nicht beleidigen, aber bei Gott, jedes verdammte Mal, wenn sie ein Problem hatte, kam Jocelyn mit demselben Zitat daher: Das unerforschte Leben ist nicht lebenswert. Fiona wusste nicht, ob es einfach immer zu ihrer jeweiligen Situation passte oder ob Jocelyn kein anderes Zitat kannte. Glaubte sie, dass sie durch das Zitieren von Sokrates tiefgründig wirkte? Dabei würde es deutlich mehr erfordern als das, damit diese oberflächliche Frau auch nur eine annähernde Art von Tiefgründigkeit erreichte.

Fiona seufzte bei diesem boshaften Gedanken. Ihre Freundin hatte das nicht verdient. „Es tut mir ehrlich leid, und du hast recht. Ich muss Rich aus meinem Kopf und meinem Leben verbannen.“

Glücklicherweise war Jocelyn nicht nur leicht beleidigt, sondern auch leicht zu besänftigen, und durch Fionas Entschuldigung entspannte sich die Situation gleich wieder. Bevor noch mehr unerwünschte Ratschläge kamen, die sie ohnehin nicht befolgen würde, wechselte Fiona hastig das Thema. „Genug von meinem Liebesleben – erzähl mir von der Ausstellung, die du als Nächstes organisierst.“

Das war die perfekte Ablenkung; Jocelyn liebte es, wenn sich das Gespräch ihrer geliebten Galerie zuwandte. Ihre Begeisterung war sowohl unterhaltsam als auch ansteckend, und normalerweise hörte Fiona, die sich ehrlich für den Betrieb der Galerie interessierte, liebend gern zu. Und das tat sie auch – zumindest für ein paar Minuten, bis ihre Gedanken wieder zu Rich zurückkehrten und wann sie ihn wiedersehen würde.

„… am Fünfzehnten. Glaubst du, du hast Zeit, zu kommen?“

Fiona lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück auf Jocelyn. Sie nahm an, dass sie immer noch über die bevorstehende Ausstellung sprach, und nickte nachdrücklich. „Das würde ich mir um keinen Preis entgehen lassen.“

„Klasse. Ich war mir nicht sicher, ob es wirklich dein Ding ist, aber schließlich ist es für einen guten Zweck, nicht?“

Für einen guten Zweck? Vielleicht hatte sie doch nicht von der Ausstellung gesprochen. Mist. Wozu hatte Fiona gerade zugestimmt?

„Ja, ja, es ist für einen sehr guten Zweck.“

„Kostüme sind natürlich optional, aber ich denke, die meisten Leute werden doch mitmachen so kurz vor Weihnachten.“

Kurz vor Weihnachten? Also am fünfzehnten Dezember, nicht November. Doppelter Mist! Eine blöde Kostümparty. Sie würde Jocelyn gestehen müssen, dass sie nicht zugehört hatte. Und wenn sie schon dabei war, sollte sie vielleicht auch gestehen, dass sie keinerlei Absicht hatte, Rich aus ihrem Kopf oder ihrem Leben zu verbannen. Dass sie vollkommen eingenommen war von ihm. Jocelyn würde die Augenbrauen hochziehen, den Kopf schütteln und vielleicht sogar wieder Sokrates zitieren.

Nein, vielleicht war es doch keine so gute Idee, zu gestehen. Lieber sollte sie ihr weitere Informationen entlocken, ohne zuzugeben, dass sie ihr nicht zugehört hatte. „Als was wollt ihr euch verkleiden, du und Kate?“

Jocelyn lachte teuflisch. „Kate wollte, dass wir als Mrs und Mrs Claus gehen, aber das habe ich ihr gleich wieder ausgeredet. Viel zu kitschig. Also gehen wir als der kleine Trommler. Ich habe eine ziemlich knappe, sexy Militäruniform, und Kate geht …“

„Als Trommel verkleidet?“ Fiona konnte sich das Lachen nicht verkneifen. „Ich weiß nicht, wie sie es mit dir aushält. Du wirst also umwerfend aussehen, während sie sich in einem riesigen Trommelkostüm zu Tode schwitzt?“

„Ich habe gesagt, dass ich das Trommelkostüm anziehe, aber sie hat darauf bestanden, also was soll ich da machen?“

Sie waren seit zehn Jahren verheiratet, und Kate war noch immer total verliebt. Auch wenn Fiona manchmal den Kopf schüttelte über ihre Turtelei und die offensichtlichen Herzchenaugen, mit denen Kate Jocelyn ansah, und manchmal über die Exklusivität ihrer Liebesbeziehung spottete, beneidete sie die beiden doch meistens darum.

Nun, da sie Rich hatte, musste sie das nicht mehr. Er sah sie genauso an, wie Kate Jocelyn ansah. Und da war er schon wieder, hatte sich schon wieder in ihre Gedanken geschlichen. Sie blendete ihn aus und konzentrierte sich auf das Gespräch. „Ihr könntet als zwei Weihnachtsfeen gehen, dann würdet ihr beide toll aussehen.“

„Viel zu klischeehaft“, erwiderte Jocelyn lächelnd. „Du könntest damit durchkommen. Ich würde dich gern als Fee sehen.“

„Überhaupt nicht mein Ding. Aber ich lass mir was einfallen.“

„Tja, darum solltest du dich möglichst bald kümmern. Der fünfzehnte Dezember wird schneller hier sein, als du meinst, und das ist eine geschäftige Zeit für Kostümverleiher. Außerdem solltest du, wenn du dort übernachten willst, so bald wie möglich ein Zimmer buchen, wenn das Hotel nicht schon ausgebucht ist.“

Übernachten? Dreifacher Mist. Warum hatte sie Rich nicht für ein paar Minuten aus ihrem Kopf fernhalten und Jocelyn zuhören können? Wie lange war sie in Gedanken versunken gewesen, dass sich das Gespräch von einer Ausstellung dem hier zugewandt hatte – was zum Teufel das auch immer war? „Vielleicht sollte ich am besten gleich anrufen und fragen. Hast du zufällig die Nummer zur Hand?“

Jocelyn griff nach ihrer Handtasche und kramte darin herum. Als sie ihr Handy gefunden hatte, tippte sie kurz darauf herum und reichte es ihr dann. „Hier bitte.“

Fiona nahm es und überflog den Text auf dem Bildschirm.

Cranford Castle ist stolz darauf, Gastgeber des diesjährigen Wohltätigkeits-Weihnachtsballs von Art United zu sein.

Weiter las sie nicht. Art United. Die Wörter blinkten neonfarben vor ihren Augen, sodass sie blinzeln musste und sich mit Daumen und Zeigefinger die Augenwinkel massierte, wobei sie darauf achtete, ihr Make-up nicht zu verschmieren, um nicht wie ein trauriger Panda zu enden.

„Alles in Ordnung?“, fragte Jocelyn voller spontanem Mitgefühl.

Fiona nahm die Finger weg und blinzelte mehrfach. „Neue Mascara. Anscheinend reizt sie meine Augen ein bisschen.“

Das war die perfekte Ausrede für die make-up-besessene Jocelyn, die sich direkt in einen ausführlichen Monolog über die dubiosen Inhaltsstoffe stürzte, die manche Unternehmen ihren Produkten beimischten.

Wieder einmal hörte Fiona ihr nicht zu. Die Art-United-Stiftung. Rich hatte sie erwähnt; wahrscheinlich war er ein Förderer. Also würde er ganz sicher auf dem Ball sein.

Mit seiner Frau.

Falls er dann noch eine hatte.

Es waren noch sechs Wochen bis zum fünfzehnten Dezember.

Bis dahin konnte noch viel passieren.

Fiona stellte sich vor, wie sie an Richs Seite den Wohltätigkeitsball betrat. Sie würden als sie selbst gehen. Ein dynamisches Duo. Alle würden sich nach ihnen umdrehen und flüstern, dass sie offensichtlich schwer verliebt seien.

Sie hatte sechs Wochen. Das war reichlich Zeit, in der Geheimnisse gelüftet werden, Unfälle passieren und Leben auf den Kopf gestellt werden könnten.

Fiona wusste nicht, was genau sie tun konnte, aber das hatte sie noch nie aufgehalten …

Kapitel 5

Fiona

Fiona bevorzugte die Bezeichnung zielstrebig anstelle von besessen – Letzteres hatte zu viele negative Konnotationen. Jocelyn würde sagen, dass sie sich bloß etwas vormachte. Vielleicht tat sie das auch. Wahrscheinlich gab es unzählige Artikel darüber, wo die Grenze zwischen Zielstrebigkeit und Besessenheit lag, aber sie würde sie nicht würdigen, indem sie sie nachschlug.

Eigentlich war entschlossen wahrscheinlich das bessere Wort. Sie glaubte gern, dass dies sie durch und durch beschrieb. Wenn sie etwas sah, das sie wollte, dann holte sie es sich. Ihre Stelle als Anlageberaterin bei einem der größten Londoner Unternehmen hatte sie sich hart erkämpft, indem sie lächerlich viel Arbeitszeit investierte, um sich zu beweisen, da sie wusste, dass eine Frau selbst im einundzwanzigsten Jahrhundert doppelt, wenn nicht sogar dreimal so gut sein musste wie ein Mann, um auch nur irgendeine Chance auf Erfolg zu haben.

In all den Jahren hatte die Arbeit für sie immer an erster Stelle gestanden, Liebe war reine Nebensache. Lust war leicht zu befriedigen. Wenn sie einen Mann sah, den sie wollte, dann holte sie sich ihn – wie alles andere auch. Befriedigender Sex, keine Verpflichtungen, keine Ablenkung.

Und dann war Rich gekommen, hatte eine Schwachstelle in ihrer Rüstung gefunden und sich hindurchgeschlängelt. Sie hätte ihn natürlich wieder vertreiben können. Und vielleicht hätte sie das auch getan, wenn er nicht so schnell und unerwartet Teil von ihr geworden wäre. Nun stand sie vor einer Entscheidung: Rich aufgeben oder ihn ganz für sich beanspruchen.

Sie hatte ein Hotelzimmer für die Wohltätigkeitsveranstaltung gebucht. Rich würde dort sein, ob mit oder ohne Ehefrau an seiner Seite. Fiona hatte sechs Wochen Zeit, um dafür zu sorgen, dass sie nicht an seiner Seite sein würde.

Das Zimmer zu buchen, war der einfachste Schritt gewesen. Wie die weiteren Schritte bis zu ihrem Ziel aussahen, wusste sie noch nicht. Wenn sie ganz ehrlich war, wusste sie nicht einmal hundertprozentig, was dieses Ziel überhaupt war. Heiraten? Wollte sie das wirklich? So sicher war sie sich da nicht, aber was sie ganz sicher wusste, war, dass sie Rich mit niemand anderem verheiratet sehen wollte.

Ohne eine klare Vorstellung davon, was sie tun sollte, beschloss sie, dass ein guter erster Schritt wäre, sich mit Wissen zu waffnen. So viel wie möglich über diese Frau in Erfahrung zu bringen, die sie loswerden wollte.

Der Großteil ihrer Arbeit fand außerhalb des Büros statt, sei es aufgrund von Terminen bei Kunden zu Hause oder in deren Unternehmen oder aufgrund von Homeoffice-Tagen; jedenfalls hatte sie dadurch genug Zeit, Nachforschungen anzustellen. Sie verweigerte die Bezeichnung stalken, auch wenn sie ihr durchaus in den Sinn kam. Anders als ihre Freundin glaubte, erforschte Fiona sehr wohl ihr Leben und ihre Gedanken. Sie erforschte sie und ignorierte dann alles, was ihr daran nicht gefiel.

Rich und seine Ehefrau – Fiona kannte ihren Namen, weigerte sich aber, ihn zu verwenden, als würde sie dadurch realer, menschlicher werden. Diesen Zwang erkannte sie als das, was er war: Schuldgefühle. Denn sie hatte nie die Art von Frau sein wollen, die kein Problem damit hatte, einer anderen Frau den Mann zu stehlen. Wie naiv sie doch gewesen war. Sie hatte das keineswegs bewusst gemacht; es war sie bei ihrem ersten Treffen mit Rich gegen ihren Willen überkommen. Es hatte sie gefangen genommen. Sie zu völlig uncharakteristischem Verhalten verleitet.

Deshalb saß sie nun hier, in ihrem Auto, das am Straßenrand gegenüber dem Haus von Rich und seiner Frau geparkt war.

Sie hatte keine Ahnung, wie der Tagesablauf der Ehefrau aussah. Ob sie jeden Morgen das Haus verließ, um zur Arbeit zu fahren, ins Fitnessstudio zu gehen oder sich mit Freunden auf einen Kaffee zu treffen. Nach solchen Dingen konnte sie Rich wohl kaum fragen. Nach seinem ursprünglichen Versuch, Fiona von seiner Frau zu erzählen, hatte er nie wieder auch nur eine Anspielung auf sie gemacht oder ihren Namen erwähnt.

Er hatte ihr auch nie verraten, wo sie wohnten, aber das war nicht schwer herauszufinden. Wie Fiona arbeitete er im Finanzwesen, und es gab immer jemanden, der jemanden kannte, der die Antworten hatte, die sie brauchte. Sie blickte durch das Autofenster und bewunderte widerwillig das große, frei stehende Haus. Ein Immobilienmakler würde das als „charmantes Familienanwesen“ bezeichnen. Sie wusste, dass Rich zwei Kinder hatte, die zum Glück bereits erwachsen und ausgezogen waren. Wenn es sie interessiert hätte, hätte sie problemlos in Erfahrung bringen können, wo sie nun lebten, aber das Wissen, dass sie nicht zu Hause wohnten, reichte ihr völlig.

Es gab keine Kinder, die Rich an eine Frau banden, die er nicht mehr liebte, die ihn in einer Ehe festhielten, der er entwachsen war. Natürlich hatte er weder das eine noch das andere so gesagt, doch Fiona sah, wie seine Augen aufleuchteten, wann immer er sie sah, wie sich seine Schultern entspannten und die Anspannung aus seinem Gesicht wich. Mit ihr war er glücklich; er wollte mit ihr zusammen sein.

Von ihrem Auto aus konnte Fiona durch das breite Tor und die kurze Auffahrt entlang bis zur Haustür sehen. Sie hatte nach Fotos der Ehefrau gesucht, aber die scheute offenbar öffentliche Aufmerksamkeit – trotz der vielen Veranstaltungen, auf denen Rich sich zeigen musste, und der unzähligen Fotos, die es von ihm gab, gab es keine von ihr.

Überraschenderweise war sie auch in den sozialen Medien kaum präsent – oder sie hatte extrem strenge Privatsphäreeinstellungen. Fiona, die mindestens einmal täglich etwas auf Social Media postete, wunderte sich, dass im einundzwanzigsten Jahrhundert überhaupt noch jemand derart unsichtbar bleiben konnte.

Ihr Drang, endlich ihre Konkurrenz zu sehen, erreichte fast schon verzweifelte Ausmaße. Fast kam sie in Versuchung, die Straße zu überqueren und mit irgendeiner erfundenen Ausrede an der Tür zu klingeln. Das hätte sie auch getan, wenn nicht die Möglichkeit bestanden hätte, dass die Ehefrau von der Affäre ihres Mannes wusste. Da Fiona in den sozialen Medien sehr präsent war, würde die Ehefrau sie sofort erkennen, wenn sie auch nur ein bisschen neugierig auf sie war. Fiona malte sich die Szene aus und schauderte bei der Vorstellung der Ohrfeigen und Beschimpfungen.

Glücklicherweise konnte sie im Auto arbeiten, sodass es nicht völlig verlorene Zeit war. Sie öffnete ihren Laptop und beantwortete einige E-Mails. Am Ende jedes Satzes blickte sie auf und starrte zur Tür, bevor sie sich wieder dem Bildschirm zuwandte.

Erst um kurz vor elf Uhr, zwei Stunden nach ihrer Ankunft, öffnete sich endlich die Haustür und eine Frau trat heraus. Schnell warf Fiona den Laptop auf den Beifahrersitz und schnappte sich ihr Handy. Die Götter waren ihr wohlgesinnt, denn anstatt in den schicken BMW zu steigen, der in der Einfahrt stand, verließ die Ehefrau das Haus zu Fuß. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ging sie an Fiona vorbei und schlenderte völlig unbeschwert davon.

Fiona hielt alles auf Video fest.

Als die Ehefrau außer Sichtweite war, spielte sie das Video langsam ab, wobei sie es immer wieder pausierte, um sie sich näher anzuschauen. Ihre Haare waren blond gefärbt – nichts zu kritisieren, denn Fionas waren das auch. Aber im Gegensatz zu Fiona sah man der Ehefrau ihr Alter an durch schlaffe Wangen und dünner werdendes Haar. Die unvorteilhafte, weite Jacke hatte sie wahrscheinlich gewählt, um ihre Kurven zu verbergen, die viel zu üppig geworden waren. Eine schlechte Wahl, denn dadurch wurde ihre Breite nur noch mehr betont. Und die Farbe – Fiona fragte sich kichernd, ob die Ehefrau vielleicht farbenblind war.

Vergleiche mit jemand anderem waren immer unfair, und normalerweise ließ sich Fiona nicht dazu hinreißen. Es würde immer jemanden geben, der erfolgreicher, schöner, schlanker, reicher war. Andererseits war sie auch nur ein Mensch, und wenn man sie und Richs Ehefrau verglich, hatte Fiona eindeutig nicht nur die Nase, sondern den ganzen Kopf vorne.

Dadurch müsste sie sich eigentlich besser fühlen. Tat sie aber nicht. Denn das war die Frau, für die Rich sich entschied. Die Frau, zu der er nach Hause ging, nachdem er Stunden mit Fiona verbracht hatte. Stunden, in denen sie zu Abend gegessen, etwas getrunken, händchenhaltend zurück zu ihrer Wohnung gegangen und wilden, unglaublich befriedigenden Sex gehabt hatten.

Wieder und wieder sah sie sich das Video an. Mit jedem Mal ärgerte es sie mehr. Diese übergewichtige Frau, die sich immer mehr gehen ließ, hielt an dem Mann fest, den Fiona wollte.

Sie war nicht zu einer erfolgreichen Geschäftsfrau geworden, indem sie rumgesessen und darauf gewartet hatte, dass ihr etwas zufiel. Sie hatte auf die harte Tour gelernt, dass man, wenn man etwas wollte – wenn man es wirklich wollte –, dafür kämpfen und es sich holen musste.

Und nichts und niemand kam ihr dabei in die Quere.

Kapitel 6

Lydia

Ich wusste nicht genau, wann sich die Dinge zu ändern begonnen hatten.

„Das nennt man das Empty-Nest-Syndrom, sobald alle Kinder aus dem Haus sind“, meinte meine Freundin Alice und nickte, als kenne sie die Antworten auf alle Probleme der Welt. Oder vielleicht hatte ihr dritter (oder war es ihr vierter?) Drink sie ihr eingeflüstert.

Jedenfalls lag sie falsch. Die Zwillinge waren schon vor Jahren ausgezogen, als sie sich dazu entschieden hatten, in Edinburgh statt in London zu studieren. Sie waren immer wieder in den Ferien oder für ein paar Monate, wenn sie nach einem neuen Job suchten, nach Hause gekommen, aber mir war klar, dass sie nie wieder bei uns wohnen würden. Das stimmte mich nicht traurig. Ich hatte die beiden dazu erzogen, selbstbewusst die familiären Bindungen zu lockern und ihren eigenen Weg in der Welt zu gehen. Zugegeben, ich hatte nicht erwartet, dass sie ganz so weit fortziehen würden, doch als Missy vor drei Jahren für die Arbeit nach Sydney ging, wusste ich, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ihr Bruder ihr folgen würde.

Als es so weit war, flogen Rich und ich sie besuchen und verliebten uns ebenso wie die Zwillinge in Sydney. Für einen Moment hatten wir sogar überlegt, ebenfalls dorthin zu ziehen, aber aus welchen Gründen auch immer war nichts aus dieser Idee geworden. Gewissermaßen beneidete ich meine Kinder vielleicht um ihr überragendes Selbstbewusstsein, ihren Glauben, dass ihnen die gesamte Welt offenstand. Manchmal vermisste ich sie vielleicht sogar, aber es war nicht ihre Abwesenheit, die mein Leben kaum merklich aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Nicht genug, sodass ich völlig unglücklich war, aber genug, dass die Last jedes Tages ein wenig schwerer auf mir lastete.

„Vielleicht hast du recht“, sagte ich zu Alice, weil ich es plötzlich bereute, dass ich das Thema überhaupt angesprochen hatte. Die zwei Drinks hatten mich untypisch mitteilsam gemacht, sodass ich meine Freundin gefragt hatte, ob sie jemals das Gefühl hatte, ihr Leben habe irgendwann eine falsche Wendung genommen. Wären wir enger befreundet, hätte ich ihr vielleicht die Wahrheit anvertraut. Dass es meine Beziehung zu Rich war, die sich verändert zu haben schien. Damals an der Universität hatte ich Freunde gehabt, denen ich mein Herz ausgeschüttet hätte, Freunde, denen ich absolut alles erzählt hätte. Im Laufe der Jahre hatten wir den Kontakt zueinander verloren, und anscheinend hatte ich die Fähigkeit verloren, neue Freunde zu finden, denen ich ebenso nahestand.

Nein, das stimmte nicht ganz. Ich hatte keine neuen Freunde gefunden, weil ich keine gebraucht hatte. Ich hatte Rich; unsere Beziehung war so gut, so eng, dass ich ihm alles, wirklich alles, erzählen konnte.

Ich bin mir nicht sicher, wann das aufgehört hatte. Wann ich bemerkt hatte, dass seine Augen glasig wurden, während ich sprach, seine ausweichenden Antworten, den Mangel an echtem – oder überhaupt irgendeinem – Interesse an dem, was ich sagte.

Wann hatte er angefangen, mich mehr erbärmlich als unterhaltsam zu finden? Mir waren die zusätzlichen Falten nicht entgangen, die quasi über Nacht in meinem Gesicht aufgetaucht waren, und die erschlaffte Haut unter dem Kiefer. Und meine Taille, die immer dicker wurde, egal welche verflixte Diät ich auch ausprobierte, egal wie oft ich diese verfluchte Abnehmübung machte, die gerade modern war und als die einzig wahre Übung angepriesen wurde, die etwas bewirken würde.

Was war die einfache, traurige Antwort? Dass ich alt wurde und er mich nicht mehr attraktiv, unterhaltsam fand – nicht begehrenswert?

O Gott, waren wir wirklich zu diesem schrecklichen Klischee verkommen? Hatte er jemand anderen gefunden – jemand Jüngeren, Aufregenderen?

Oder hatte er nach vierzig Jahren endlich beschlossen, dass er sehen wollte, was es sonst noch da draußen gab? Wir – oder vielleicht war es auch nur ich – waren immer stolz darauf gewesen, dass ich in meinem Leben nur mit einem einzigen Mann geschlafen hatte. Früher konnte Rich sagen, dass er nur mit mir geschlafen hatte, doch würde das jetzt immer noch zutreffen?

Oder konnte er das schon lange nicht mehr sagen? Vielleicht machte ich mir nur etwas vor – sah das Leben so, wie ich es mir wünschte, nicht, wie es wirklich war. Das Leben, wie es war – wann war es so eintönig geworden? War das der Grund? Hatte Rich nach etwas Aufregung gesucht und sie bei einer anderen Frau gefunden? In meinem Kopf sah ich ihn vor mir mit seinen schicken Anzügen, den gestärkten weißen Hemden, die ich für ihn bügelte, den Seidenkrawatten, die ich für ihn aussuchte, den grauen Haaren an den Schläfen, die sein gutes Aussehen nur noch unterstrichen. Ein Silberfuchs – würden sie ihn so nennen? Bei diesen schrecklichen Veranstaltungen, die wir früher besucht hatten, hatte ich genug Frauen gesehen, die ihn von oben bis unten musterten. Glamouröse, attraktive, charmante, aufregende Frauen.

Aufregende Frauen mit einem abwechslungsreichen Leben und einem anspruchsvollen Job. Ich hatte darüber nachgedacht, wieder arbeiten zu gehen, sobald die Kinder alt genug waren, aber irgendwie hatte es immer einen familiären Notfall gegeben, der mich davon abgehalten hatte. Als sie schließlich zur Uni gegangen waren und ich ernsthaft in Erwägung gezogen hatte, wieder ins Berufsleben einzusteigen, hatten mich meine fehlenden Computerkenntnisse von allem ausgeschlossen, was ich machen wollte. Stattdessen hatte ich für zwei Nachmittage in der Woche ein Ehrenamt im Secondhandladen eines Hilfswerks angenommen. Ich hatte gedacht, das würde mir etwas Gesprächsstoff liefern, aber ich konnte mich nicht erinnern, wann Rich und ich das letzte Mal ein richtiges Gespräch geführt hatten.

Wenn er auf der Suche nach Aufregung war, wenn er eine Affäre hatte …

„… daher dachte ich, wir könnten als Tweedledee und Tweedledum gehen, was hältst du davon?“

Da ich mir in diesem Moment Rich bei einem Stelldichein mit einer schlanken, wunderschönen Frau vorstellte, kam die Erwähnung der dicklichen Zwillinge ziemlich überraschend und ich brauchte ein paar Sekunden, um den Anschluss an unser Gespräch wiederzufinden. Das war jedoch nicht schwer. Seit wir uns im Monat zuvor dazu entschlossen hatten, den Wohltätigkeits-Kostümball von Art United zu besuchen, hatte Alice ihn bei jedem unserer Treffen erwähnt. Bis dorthin waren es noch sechs Wochen, also sollte ich mich wohl besser daran gewöhnen, dass er ein Dauerthema bleiben würde.

Was hielt ich also davon? Ich hatte Alice’ Mann Trevor im Laufe der Jahre mehrmals getroffen. Wie sie war er recht kleingewachsen, doch im Gegensatz zu ihr, die es geschafft hatte, einigermaßen schlank zu bleiben, war er fast so breit wie groß. Außerdem hatte er unglaublich dünne Beine. Wenn sie schon als nicht weihnachtliche Figuren gehen wollten, wäre Humpty Dumpty vielleicht die bessere Wahl, aber das zu sagen, wäre grausam gewesen. Ich mochte zwar traurig und erbärmlich sein, und mein Mann hatte mich vielleicht gegen ein jüngeres Modell ausgetauscht, aber ich weigerte mich, grausam zu sein. Ich begnügte mich damit, meine Verwirrung zum Ausdruck zu bringen. „Das ist aber nicht gerade weihnachtlich, oder?“, sagte ich, weil es das tatsächlich nicht war, außer ich hatte etwas übersehen. Wie einen neuen Film, vielleicht Tweedledum und Tweedledee feiern Weihnachten.

Alice lachte, als hätte ich etwas unglaublich Lustiges gesagt. „Du bist so was von nicht auf dem neuesten Stand“, meinte sie mit einem abweisenden Kopfschütteln. „Engel, Feen und Elfen sind passé. Heutzutage sind Fantasiefiguren in. Lewis Carrolls Alice im Wunderland ist aktuell besonders beliebt.“

Ich war versucht, eine Diskussion über die Bedeutung von Traditionen zu starten, den Weihnachtsmann und seine Elfen zu preisen, rein als Ablenkungsmanöver, um mein Gehirn zu zwingen, an etwas anderes zu denken als an das Bild, das sich mir immer wieder aufdrängte. Denn nun, da ich mir selbst eingeredet hatte, dass Rich eine Affäre haben musste, konnte meine Fantasie nichts anderes tun, als mir farbenfrohe Bilder seiner Geliebten vor Augen zu führen. Sie war groß, gebräunt, schlank – natürlich – und rekelte sich auf cremefarbenen Satinlaken. Nicht nackt. Das wäre geschmacklos. Nein, sie trug hauchdünne, mit Spitze verzierte Seidenunterwäsche, die kaum ihre Brustwarzen bedeckte und offenbarte, dass sie ihren Intimbereich vollständig enthaarte.

Sie war keine Frau, die ihre BHs aus Bequemlichkeit im Hypermarkt kaufte. Normalerweise im Dreierpack. Immer in Beige. Und ich traute mich zu wetten, dass ihre Unterhose immer zu ihrem BH passte. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich mir das letzte Mal diese Mühe gemacht hatte. Hatte ich das jemals getan? Oder war ich schon immer die Art von Frau gewesen, die sich einfach den erstbesten BH und die erstbeste Unterhose schnappte?

Auf mein Seufzen hin zog Alice eine Augenbraue hoch und brach ab, was auch immer sie gerade gesagt hatte. Ich bezweifelte, dass es etwas Interessantes war, denn das war es selten. Ich sah sie an und sah ein Spiegelbild meiner selbst. Zwei langweilige, uninteressante Frauen, die zu nichts viel beitragen konnten.

Selbst nicht zu diesem Weihnachtsball. Ich wusste nicht einmal, was die Wohltätigkeitsorganisation überhaupt tat, außer einer vagen Vorstellung davon, dass sie aufstrebende Kunstschaffende finanziell unterstützte. Oder so etwas in der Art jedenfalls. Wenn ich Alice fragen würde, würde sie ziemlich sicher eine ähnlich vage Antwort geben. Unsere Ehemänner waren diejenigen, die sich dafür engagierten; sowohl Trevor als auch Rich waren Förderer dieser und mehrerer anderer Stiftungen.

Alice wartete immer noch auf eine Erklärung meines Seufzers, also sagte ich das Erste, was mir einfiel. „Ich frage mich, ob ich mir mit unseren Kostümen mehr Mühe hätte geben sollen.“

Ihre Augenbraue blieb ein paar weitere Sekunden hochgezogen, als wollte sie deutlich machen, dass sie nicht glaubte, dass die Frage nach einem Kostüm einen derart tiefen Seufzer rechtfertigte, aber dann zuckte sie wenig überraschend mit den Schultern. Alice hielt alles gern unbeschwert, oberflächlich und unkompliziert. Gott bewahre, dass sie nachdenken, eine Entscheidung treffen oder einen Rat geben musste. Sie senkte ihre Augenbraue auf die gleiche Höhe wie deren Zwilling und ging auf meine Bemerkung ein. „Welche Kostüme hast du denn geplant?“

Ich hatte noch gar nichts geplant – der fünfzehnte war noch Wochen entfernt –, aber da ich in die Enge getrieben war, ließ ich mir schnell etwas Passendes einfallen. „Wir gehen als Mr und Mrs Claus.“

Ihre Reaktion war ein verständnisloser Blick.

„Du weißt schon, als Weihnachtsmann und seine Frau.“

„Na ja, es passt zur Weihnachtszeit“, antwortete sie schließlich, als hätte sie den Kommentar im Kopf zensiert und beschlossen, das „auch wenn es nicht sehr einfallsreich ist“ zu streichen, das ursprünglich Teil davon gewesen war.

„Irgendjemand muss ja den langweiligen, traditionellen Teil übernehmen“, sagte ich. Sie konnte sich ja zurücklehnen und die Dinge so akzeptieren, wie sie sich entwickelten, wo Eintönigkeit und Banalität die Norm waren, wo das Aufregendste war, als verdammter Tweedledum und beschissener Tweedledee zum Ball zu gehen, und wo eine Affäre mit irgendeinem Flittchen völlig akzeptabel war. Aber irgendjemand musste sich für den Status quo einsetzen. Dafür, wie die Dinge sein sollten. Für den Weihnachtsmann und die Treue.

Bei dem Gedanken an meinen Mann mit einer anderen Frau ballte ich die Hände unter dem Tisch zu Fäusten. Wenn er eine Affäre hätte, wäre das doch nur eine kurze Angelegenheit, oder?

Es wäre nichts Ernstes.

Er würde nicht vorhaben, mich zu verlassen.

Denn wenn er dachte, das könnte er, dass er mich nach vierzig Jahren einfach so gegen ein neueres, jüngeres, glanzvolleres Modell eintauschen könnte, dann kannte er mich aber schlecht.