Kapitel 1
Grapevine Werbeagentur, Bothwell Street, Glasgow
Tonys Stimme schallte durch den ganzen Raum, als sie durch die Tür kam. Alle Köpfe drehten sich in Julias Richtung, ganz genau so, wie er es geplant hatte.
„In meinem Namen und dem deiner dankbaren Kollegen, lass mich dir sagen, wie sehr wir es zu schätzen wissen, dass du, trotz deines vollen Terminkalenders, hier bist! Ich freue mich, dass du es einrichten konntest, Julia!“
„Sorry, Tony. Der Verkehr …“
Tony Connors, Gründer und Geschäftsführer von Grapevine, einer von Schottlands führenden, aber kleinen Werbeagenturen, trug zu einer Jeans und einem weißen T-Shirt ein beiges Leinenjackett, das eher zu einem Augusttag in Nizza oder Portofino als zu einem schwülen Morgen in Glasgow gepasst hätte. Die Kombination ließ ihn jünger aussehen als fünfzig Jahre. Normalerweise führte Tony sein Team auf eine lockere, manchmal auch freche Art, denn ihm war bewusst, dass kreative Leute eine besondere Sorte Menschen sind, die zu einem Rhythmus tanzen, den nur sie selbst fühlen können. Doch wenn er versuchte, seinen Standpunkt zu verdeutlichen, wurde sein Sarkasmus zu einem schonungslosen Instrument, das nur selten sein Ziel verfehlte. Julia setzte sich auf einen freien Platz im hinteren Teil des Raums. Sie war viel zu aufgewühlt, um den Mann neben sich zu bemerken. Tony rang sich ein schmales Lächeln ab, bevor er den Faden wieder aufnahm.
„Wenn ihr wissen wollt, woher Ellis seine Bräune hat, kann ich euch das verraten. Er hat die letzten zehn Jahre in Südafrika verbracht. Kapstadts Verlust ist unser Gewinn. Er bringt die besten Referenzen mit und seine Erfolgsbilanz haut einen aus den Socken. Er hätte auch nach London gehen können. Ogilvy, Sum und jeder andere Werberiese hätten ihn weggeschnappt. Stattdessen, und fragt mich nicht warum, hat er sich dazu entschieden, in sein Heimatland zurückzukehren.“
„Enttäusch uns nicht!“, rief jemand und alle lachten.
Julia konnte Ellis’ Gesicht nicht sehen, bis er den Kopf hob und ihr mit so starrem Blick in die Augen sah, dass sie sich unwohl fühlte.
Tony ließ das Gelächter abflachen, bevor er fortfuhr. „Okay, okay. Das war vielleicht ein bisschen übertrieben.“ Er deutete mit seinem Daumen in Ellis’ Richtung. „Aber ich meine es ernst, wenn ich sage, dass sich Grapevine glücklich schätzen kann, diesen Kerl an Land gezogen zu haben. Ich werde ihm eine kurze Tour geben, dann habt ihr die Chance, euch einen ersten Eindruck zu verschaffen.“ Tony machte eine kurze Pause und sah sich in der Runde um. „Er ist gerade erst wieder nach Schottland zurückgekommen. Gönnt dem armen Kerl also eine Pause und hebt euch die Geschichten aus der Salzmine für später auf, okay? Die würde er euch sowieso nicht glauben. Ich habe ihm schon gesagt, dass ihr der bestbezahlte Haufen der ganzen Stadt seid.“ Er klatschte in die Hände. „Okay, Leute, fangen wir an. Es ist Montag, alles ist möglich.“
***
Auf Julias Schreibtisch lag noch die Kampagne für eine der größten Banken Schottlands, die sie am Freitag zuvor nur ungern unvollendet hatte liegen lassen. Es ging um die Aufnahme verschiedener Darlehen und Hypotheken in das Angebot der Bank. Die Kampagne war bereits abgesegnet und vorbereitet, abgesehen von ein paar Details, auf die sie sich noch einigen mussten. Am Samstagmorgen hatte sie überlegt, ins Büro zu fahren, um die Kampagne zu finalisieren. Doch dieses Vorhaben hätte einen weiteren Streit mit ihrem Mann ausgelöst und das gesamte Wochenende ruiniert. Ihre Jobs raubten ihnen schon genug Lebenszeit, da musste man nicht freiwillig noch mehr davon opfern.
Rob war ihr auf einer Party vorgestellt worden. Als sie seine blauen Augen gesehen hatte, wusste sie, dass er derjenige war, auf den sie gewartet hatte. Mittlerweile waren sie verheiratet und erst kürzlich in ihr erstes richtiges Zuhause gezogen, nachdem sie zuvor in einem überteuerten Schuhkarton gewohnt hatten. Rob arbeitete bei den Architekten Galloway, Bartholomew und Figgs am Park Circus. Das Baugewerbe florierte wieder und er steckte bis zum Hals in Kundenmeetings, Baustellenmeetings und Meetings über Meetings. Sie schienen kein Ende zu nehmen und Julia fragte sich, wie er mit dem Druck klarkam.
Julia war Senior Account Managerin bei Grapevine, ein Job, der ihr viel Spaß machte, aber mehr Stress mit sich brachte, als ihr lieb war. Jeden Montag kam ihr Team zusammen, um den Ablaufplan für die kommende Woche und offene Punkte zu besprechen. Ihre zwei Mitarbeiter ein Team zu nennen, war vielleicht etwas übertrieben. Ravi und Olivia waren eine Verkörperung der Talente, die Tony typischerweise einstellte – jung, klug, voller Ideen und Enthusiasmus. Ihnen machte es nichts aus, kurzfristig einzuspringen und zu später Stunde noch zu arbeiten, um Deadlines einzuhalten, für die Ausbeuterbetriebe wie Werbeagenturen bekannt waren. Ravi Malik war ein schlaksiger, über einen Meter achtzig großer Zweiundzwanzigjähriger, der selbstironische Witze über seine Größe machte, bevor es jemand anderes tun konnte. Sein Spezialgebiet war Grafikdesign. Bis jetzt hatte Julia nur mit wenigen gearbeitet, die besser waren. Er war frech, fußballverrückt und man kam gut mit ihm aus. Sie mochte ihn und lachte über seine bescheuerten Witze. Olivia Hassel war im gleichen Alter, allerdings sein kompletter Gegensatz. Eine kleine, leise sprechende Strathclyde-University-Business-School-Absolventin mit schnellem Denkvermögen und in der Lage, das Alleinstellungsmerkmal eines Produktes in wenige prägnante Zeilen zusammenzufassen.
An diesem Morgen hatten beide gute Laune und quatschten über das vergangene Wochenende. „Na, hast du irgendwo auf den Tischen getanzt? Bitte sag mir nicht, dass die Polizei kommen musste. Dafür brauche ich mehr Kaffee“, plapperte Ravi drauflos.
„Nein und nein, Ravi. Wenn es dir nichts ausmacht, lassen wir die Witze bitte sein und gehen an die Arbeit?“
Sie fuhr ihn wie eine humorlose Spießerin an und wünschte sich, es zurücknehmen zu können. Normalerweise stieg sie mit ein. Doch aus unerklärlichem Grund war sie von dem Geplapper genervt. Ravi und Olivia waren beide dazu aufgelegt, es lag also an ihr.
Gerade als sie anfangen wollten, schneite Tony mit seinem Star-Neuling im Schlepptau herein und Julia konnte einen ersten richtigen Blick auf Ellis Kirkbride werfen. Er trug einen sorgfältig gepflegten Stoppelbart, kinnlanges Haar und hatte dunkelgrau melierte Stellen an den Schläfen. Von Nahem sah er besser aus, als es von Weitem den Anschein gemacht hatte. Seine sonnengebräunte Haut half dabei. Eine Mulberry-Ledertasche und eine Kamera hingen ihm lässig über der Schulter. Beides verstärkte nur ihre Einschätzung, dass er ein Poser war. Als er sie sah, strich er sich über den Kiefer und Julia fühlte sich erneut etwas unwohl.
„Entschuldigung, dass wir unangekündigt hereinplatzen“, sagte Tony. „Wir stören hoffentlich nicht bei etwas Wichtigem?“
Tony Connors war ein viel beschäftigter Mann. Für ihn war es ungewöhnlich, persönliches Interesse an einem Mitarbeiter zu zeigen. Dafür musste es einen Grund geben. „Julia, auf ein Wort“, sagte er und schenkte Ravi und Olivia ein gekünsteltes Lächeln. „Gönnt euch eine kurze Pause von dieser Sklaventreiberin.“
Er grinste, als hätte er einen Witz gemacht. Doch mit seinem typischen Mangel an Feingefühl erinnerte er die beiden nur daran, wie unwichtig sie waren. Es machte auf unangenehme Weise deutlich, dass sie die Unterhaltung nichts anging. Julia machte keinen Hehl aus ihrer Verärgerung. „War das wirklich nötig, Tony?“
Er täuschte Überraschung vor. „War was wirklich nötig, Julia?“
„Die beiden so auszuschließen?“
„Habe ich das getan? Dann entschuldige dich bitte in meinem Namen bei den beiden. Du kannst ihnen versichern, es war nicht meine Absicht, sie niederzumachen. Sie sind hochgeschätzte und wertvolle Mitarbeiter von Grapevine, deren Beitrag … bla, bla, bla … Du weißt schon, das übliche Gesülze. Und die Antwort auf deine Frage ist: Ja, das war leider nötig. Ich mache gerade die Runde und stelle Ellis jedem vor. Absolute Zeitverschwendung, da er mit keinem von ihnen arbeiten wird. Denn er wird mit dir, in deinem Team arbeiten, und zwar ab sofort. Er kann Sylvias altes Büro benutzen, bis wir eine andere Lösung haben.“ Er hob die Hand, um mögliche Einwände abzuwehren. „Und ja, bevor du es sagst, du hast recht, ich hätte das vorher mit dir besprechen sollen. Keine Frage.“ Er zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Der Boss hat eine Entscheidung getroffen, was soll ich sagen?“
Julia schluckte ihren Zorn herunter. Es war nicht das erste Mal, dass der Geschäftsführer sie übergangen hatte. Tonys sprunghafte Art war berühmt-berüchtigt. Jeder, dem das nicht passte, konnte seinen Hut nehmen und verschwinden. Sie presste die Lippen aufeinander und die schmale Linie ihres Mundes zeigte deutlich ihren Unmut. „Du meinst, du hast eine Entscheidung getroffen.“
Tony bemerkte es nicht und wenn doch, war es ihm egal. „Korrekt. Ich meine: Ich habe eine Entscheidung getroffen.“ Er trat einen Schritt zurück und musterte sie. „Willst du sagen, dass es für dich nicht in Ordnung ist, wenn Ellis sich euch anschließt? Jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um es mich wissen zu lassen.“
„Würde das etwas ändern?“
Er machte sein Du-weißt-es-besser-Gesicht und spitzte die Lippen. „Wie lange arbeitest du schon bei Grapevine, Julia?“
„Zu lange.“
„Wir beide. Daher bin ich überrascht, dass du das fragst.“ Der Geschäftsführer lehnte sich über den Schreibtisch, um seinen Punkt zu verdeutlichen. In seinen Augen brannte ein Feuer. „Es würde verdammt noch mal gar nichts ändern. Du kannst dir allerdings selbst einreden, dass du dem großen, bösen Boss die Stirn geboten hast, wenn es dir hilft. Wenn sich das herumspricht, wird dein Ansehen in der Branche durch die Decke gehen, und ich werde nichts verraten, wenn du es auch nicht tust. Die Sache ist die: Wir sollen uns um eines der größten innerstädtischen Bauprojekte bewerben.“
„Das Waterfront?“
Tony schüttelte den Kopf. „Nein, damit wollte ich meine Zeit nicht verschwenden.“
„Wieso nicht?“
Anstatt zu antworten, blickte er an ihr vorbei in die Ferne. Als er sie wieder ansah, sah er verärgert aus, und seine Stimme war kälter. „Weil ich nicht bereit war, Geld für eine Alibiveranstaltung von Glasgows Stadtverwaltung auszugeben. Sagen wir einfach, dass Leute beteiligt waren, die großen Einfluss auf Personen in den richtigen Positionen hatten, und belassen es dabei.“ Er hielt inne. „Wenn es stimmt, und es gibt keinen Grund, von etwas anderem auszugehen, dann wird das hier anders werden.“
„Und wieso wird es anders werden?“
„Weil sie uns einladen werden. Das wird ein lukratives Geschäft, aber es wird nicht einfach. Um den Auftrag zu bekommen, müssen wir uns richtig reinhängen. Wir werden uns garantiert gegen die großen Agenturen aus Edinburgh, London und sonst wo behaupten müssen. Um uns durchsetzen zu können, müssen unsere Ideen besser, stärker und kreativer sein als alles, was die sich einfallen lassen. Schaffen wir das?“ Er nickte langsam und beantwortete seine eigene Frage. „Ich denke ja. Ich bin sogar überzeugt davon.“
Tony meinte es ernst und Julia begriff langsam, worauf er hinauswollte. Als er neben seinem neuen Boss stand, zeigte der Gesichtsausdruck von Ellis Kirkbride, dass er das Ganze nicht zum ersten Mal hörte. Er war bereits eingeweiht worden. Natürlich hatte Tony, der alte Chauvinist, einen Typen, den er gerade mal fünf Minuten kannte, vor ihr informiert. Julia biss sich vor Wut auf die Lippe und versuchte, es nicht persönlich zu nehmen. Sich zu beschweren, würde nichts bringen. Dann würde man sie nur als zickige Nörglerin darstellen, die eine Sonderbehandlung erwartet, weil sie eine Frau ist, und meckert, wenn sie nicht bekommt, was sie will. Außerdem war Tony schroff gegenüber jedem, der es wagte, ihn anzuzweifeln. In seinen eigenen Worten war es ihm scheißegal, wem er auf den Schlips trat. Heute war es Julias.
„Also werde ich alle Hebel in Bewegung setzen. Und mit alle meine ich euch beide. Die Klügsten und Besten, die Grapevine zu bieten hat. Unser eigenes Dreamteam. Ellis hätte zu keinem besseren Zeitpunkt zu uns stoßen können. Ich habe mir angesehen, was er bisher gemacht hat und wozu er fähig ist, und er ist einfach herausragend. Sein Input und seine Erfahrung werden von großem Wert für uns sein. Euch zusammenzustecken ist nur logisch. Ich bin begeistert, und das konnte ich in letzter Zeit nicht oft behaupten. Vertraut mir, das wird der Wahnsinn.“
***
Julia fuhr mit dem Mazda, den Rob ihr zu Weihnachten gekauft hatte, von ihrem Büro in der Bothwell Street durch den frühabendlichen Verkehr zu ihrer Wohnung im Hamilton Drive. Der ganze Tag war stressig und mental fordernd gewesen.
Als sie zu Hause ankam, zog sie sich zügig um. Sie warf sich eine graue Trainingsjacke über, zog dunkelblaue Leggings und Sportschuhe an und streifte sich ein Schweißband über. Sie hatte mit dem Joggen angefangen, um sich fit zu halten. Als Ausgleich für die langen Tage im Büro. Ihre Lieblingsroute verlief entlang des Flusses Kelvin, über die Brücke der Belmont Street nahe der Glasgow Academy, die dreiundfünfzig Stufen – sie hatte sie tatsächlich gezählt – auf der anderen Seite hinunter, vorbei an den Backsteinruinen der North Woodside Flint Mill, die bereits vor ihrer Geburt abgerissen worden war. Nach einem wie immer anstrengenden Tag bei Grapevine gab ihr dieser ruhige Ort im Herzen der Stadt wieder Kraft. Bei frühmorgendlichen Runden hatte sie schon Rehe am Ufer grasen sehen, mehr Eichhörnchen, als sie zählen konnte, und sogar einen Fuchs, der von seiner nächtlichen Jagd zurückkehrte.
Ihr Handy klingelte, sie zog es aus der Tasche und sah eine Nachricht von Rob. Ihr Ehemann war ein entspannter und angenehmer Kerl, doch seine schriftliche Kommunikation ließ zu wünschen übrig.
Habe einen Klienten aus der Hölle. Muss weiterarbeiten. Warte nicht auf mich.
Julia war nicht überrascht. Sie beide waren Workaholics und Absagen waren Teil ihres Alltags. Sie hatte aufgehört zu zählen, wie viele Konzerttickets ungenutzt geblieben, wie viele Mahlzeiten im Mülleimer gelandet und wie viele Restaurantreservierungen in letzter Minute abgesagt worden waren, weil einer von ihnen verhindert war. Einmal kam sie sogar an ihrem Hochzeitstag zu spät, weil bei Grapevine kurzfristig etwas dazwischengekommen war. Obwohl Rob kein Recht hatte, sich zu beschweren, war er sauer gewesen. Sie hatten sich gestritten und in getrennten Betten geschlafen. Julia war nicht zur Ruhe gekommen, weil sie eine Nacht, die wundervoll hätte werden sollen, ruiniert hatte. Rob war es nicht besser ergangen, und als die Morgendämmerung über Glasgow hereinbrach, war er zu ihr unter die Decke gekrochen. Julia hatte versucht, eine Entschuldigung zu flüstern, doch er hatte sie mit einem Finger an ihren Lippen verstummen lassen. Er fuhr mit seinen Lippen ihren Nacken entlang und sie war näher an ihn herangerückt. Als sie danach Arm in Arm dagelegen hatten, hatten sie sich versprochen, ihre Prioritäten neu zu ordnen.
Obwohl dieser Vorsatz ernst gemeint gewesen war, kam es nie dazu und würde auch nie dazu kommen. Beide waren dafür einfach zu beschäftigt.
Diese WhatsApp-Nachricht ließ Julia zum abermillionsten Mal daran zweifeln, wie die beiden ihr Leben lebten. Am Anfang ihrer Beziehung, als sie in ihrer Verliebtheit noch unbekümmert und optimistisch gewesen waren, drehte sich jedes zweite Gespräch um sie und ihre Zukunft. Appartements im West End oder die Karriereleiter zu erklimmen, waren unwichtig gewesen, über Familienplanung sprachen sie nur selten. Die Zeit für all das würde noch kommen. Sie wollten reisen, bis sie die ganze Welt gesehen hatten, und in den abgelegensten Winkeln der Erde die Wärme der Sonne auf ihren Gesichtern spüren. Scheiß auf die Zukunft, die Zukunft würde sich um sich selbst kümmern. Alles, was zählte, war das Hier und Jetzt und die Träume von dem, was noch kommen würde. Nacht für Nacht hatten die beiden bis in die frühen Morgenstunden wach gelegen und aufgeregt darüber gesprochen, ein Strandhotel in Kerala zu eröffnen und in Hängematten zwischen indischen Feigenbäumen zu schlafen. Endlose, milde Abende mit Meersalz auf der Haut und Riesengarnelen aus dem Indischen Ozean in duftendem Kokoscurry.
Doch am wichtigsten war ihnen immer gewesen, dass sie zusammen waren.
Was war nur aus diesem Traum geworden?
Julia setzte sich auf die Wiese und fühlte sich einsam und allein. Während sie hier saß, umgeben von Ruhe und Schönheit, saß Rob in einem stickigen Büro mit Leuten fest, die er nicht mal leiden konnte, und wusste nicht, wann er nach Hause kommen würde. Das war nicht fair. Es war nicht richtig. Und es war Zeit, dass sie etwas dagegen unternahmen.
Sie antwortete auf seine Nachricht mit einem traurigen Smiley und drei Küssen. Plötzlich war Julia nicht mehr nach Joggen zumute und sie spazierte zu ihrer leeren Wohnung zurück.
***
Sie saßen sich gegenüber, zusammen und doch allein. Die Frau hielt die kleine Espressotasse vorsichtig zwischen ihren Fingern. Sie beobachtete ihren in dem Ledersessel hockenden Begleiter, der auf sein Handy starrte, als wäre es für all das verantwortlich. Michelle Davidson, ein dreißigjähriger Rotschopf, der sich entschieden hatte, Single zu bleiben. Eine Entscheidung, mit der sie absolut zufrieden war. Die Meinung anderer kümmerte sie nicht. Sie trug ein schwarzes Karen-Millen-Etuikleid und High Heels, die ihre umwerfenden Beine noch besser zur Geltung brachten. Dezente Perlenohrringe rundeten das Outfit ab, das wirkte, als wäre es intuitiv kombiniert worden. Von dem Moment an, als Rob Sutherland ihr die Hand gegeben und sich ihr in seinem Büro in Park Circus vorgestellt hatte, bestand eine gegenseitige Anziehungskraft. Jetzt, da sie auf dem Weg in ein Zimmer waren, das er noch am selben Nachmittag gebucht hatte, schien er sich weniger sicher zu sein: Er hatte seiner Frau geschrieben und sein Gewissen plagte ihn. Das war nicht ungewöhnlich. Doch er sollte sich besser zusammenreißen und seinen Mann stehen. Untreue brachte immer Schuldgefühle mit sich. Ihrer Erfahrung nach traten sie aber erst nach dem Sex und nicht schon davor auf.
„Mir gefällt nicht, was ich sehe. Ich werde versuchen, es nicht persönlich zu nehmen.“ Michelle hörte Verbitterung in ihrer Stimme und hasste sich dafür.
Rob setzte sich auf, als würde er in eine Unterhaltung einsteigen, die bereits begonnen hatte. „Ich habe keine Ahnung, wovon du redest.“
„Tust du nicht? Als Erstes: dein Gesicht.“
„Was stimmt nicht mit meinem Gesicht?“
„Du siehst aus, als müsstest du gleich weinen.“
„Mach dich nicht lächerlich. Das hat nichts mit dir zu tun.“
„Soll ich mich damit besser fühlen? Würde es dich schockieren zu erfahren, dass es das nicht tut? Mann, du weißt echt, wie man einer Frau Komplimente macht.“
„Entschuldige, Michelle, das war ungeschickt.“
„Dann sind wir uns zumindest in einer Sache einig. Wenn das schon so losgeht, bin ich mir nicht sicher, ob das eine gute Basis für eine Beziehung ist, wenn auch nur für eine kurze. Vielleicht sollten wir unseren Kaffee austrinken und gehen.“
Der Vorschlag überraschte ihn. „Gehen? Wieso sollten wir das tun?“
Sie seufzte. „Weil das hier Spaß machen soll. Wieso sollten wir es sonst tun?“
„Das tut es. Das wird es. Julia und ich sagen uns immer die Wahrheit. Ich muss mich erst ans Lügen gewöhnen, das ist alles.“
Doch das war nicht alles. Die Stimmung war am Kippen, und Michelle hatte nicht die Kraft, sie zu retten. „Pass auf. Wir waren zu voreilig, haben es überstürzt und einen Fehler gemacht. Das ist nicht das erste Mal und wird auch nicht das letzte Mal sein. Abgesehen von einem angeschlagenen Ego ist nichts passiert. Wir sollten es sein lassen.“ Sie sah zu einem Kellner, der gerade vorbeilief, dann wieder zu ihm. „Ich hatte angenommen, du hättest das schon mal gemacht. Ich dachte, du kämest damit klar.“
Er machte sein Handy aus, ließ es in seine Tasche gleiten und antwortete mit einem überraschend ehrlichen Geständnis. „Ich habe das noch nie gemacht, Michelle. Deswegen tue ich mich schwer damit und stelle mich so an. Ich habe den Großteil des Tages an dich gedacht. An uns. Jetzt, da …“
„… wir tatsächlich hier sind … hast du Zweifel?“
„Nein, keine Zweifel, es ist nur …“
Sie lehnte sich vor. „Du tust dich schwer damit, sie zu betrügen. Ich verstehe das und bin froh, dass du es mir erzählst. Die meisten Kerle sind zu unsicher, um darüber zu sprechen. Sie tun so, als würden sie ständig fremdgehen, bis ihre Leistung eine andere Geschichte erzählt. Das sagt viel über dich aus.“
Das Kompliment wurde nicht wertgeschätzt. Nun war Rob beleidigt. „Tut es das? Tut es das wirklich? Was sagt es denn aus?“
„Dass du ehrlich bist.“
Rob lachte. „Ehrlich? Du machst Witze, oder? Wenn ich ehrlich wäre, dann wäre ich jetzt zu Hause, anstatt drauf und dran zu sein, mit einer Frau ins Bett zu gehen, die ich kaum kenne.“
Michelle versuchte, sich davon nicht verletzen zu lassen, er war nur verunsichert. „Du willst deine Frau nicht verletzen. Das gefällt mir. Das gibt mir das Vertrauen in diese beschissene Gesellschaft zurück, in der wir leben. Wir haben beide unsere Gründe dafür, hier zu sein. Menschen haben verschiedene Bedürfnisse in Beziehungen. Deswegen gibt es offene Ehen.“
„Das trifft nicht auf uns zu.“
Michelle hätte ihn darauf hinweisen können, dass er mit ihr hier war. „Du hast eine Partnerin und ich bin nicht auf der Suche nach einem. Julia wird es nicht herausfinden. Solange wir vorsichtig sind, gibt es nichts, um das wir uns Sorgen machen müssen. Was hast du ihr erzählt, wo du bist?“
„Ich sagte, ich müsste länger arbeiten.“
„Okay. Nicht unbedingt originell, aber okay. Wird sie das glauben? Hast du nicht gesagt, dass sie clever ist?“
„Das wird sie, und das ist sie. Die klügste Frau, die ich je getroffen habe. Nichts für ungut.“
Ihr Lächeln fror auf ihren Lippen ein. „Schon in Ordnung. Doch wenn Julia so großartig ist, stellt sich mir die Frage, wieso du mit mir hier bist?“
„Weil ich nicht großartig bin. Ich bin auch nicht clever. Mein verdammtes Büro ist hier einmal um die Ecke, verdammt noch mal! Jetzt müsste uns nur noch jemand von der Arbeit zusammen sehen.“
„Also passiert zwischen uns nichts?“
„Es wird etwas passieren. Allerdings nicht hier.“
Kapitel 2
Er küsste Michelle ein letztes Mal auf dem Parkplatz, bevor er hinter ihrem Wagen in die Stadt zurückfuhr. Als sie ihm die Arme um den Hals gelegt hatte, hatte er überlegt, mit ihr ins Zimmer zurückzugehen.
„Okay, Zeit, ehrlich zu sein. Soll ich dich anrufen, oder du mich?“, sagte sie.
„Ich rufe dich an.“
„Du wirst mich anrufen? Mit anderen Worten …“
„Vorsichtig, man kann deine Unsicherheit sehen.“
„Du vergisst, dass ich das schon mal gemacht habe. Ich rufe dich an kann in Männersprache genauso gut Das war’s bedeuten. Wieso hat Gott die Männer so berechenbar gemacht?“ Rob erinnerte sich an den Zynismus in ihrer Stimme bei ihrer Unterhaltung im Hilton.
„Und deshalb bin ich nicht verheiratet“, fügte sie hinzu. „Um ehrlich zu sein, wäre mir das zu langweilig. Und Langeweile ertrage ich nicht.“
„Du hast dir die falschen Männer ausgesucht.“
„Wirklich?“
„Ja, wirklich. Wenn ich zu jemandem sage ‚Ich rufe an‘ – Frau, Mann, irgendwer –, dann meine ich, dass ich anrufe. Das ist nicht kompliziert.“
Michelle machte einen Schritt zurück, um ihn genauer zu betrachten. „Ist das ein Versprechen?“
„Das ist ein Versprechen.“
„Gott, hilf mir, ich glaube dir das fast.“
Diese Frau hatte alles: gutes Aussehen, Intelligenz, Sinnlichkeit, sogar eine abgebrühte Art, die Dinge zu sehen, die er attraktiv fand. Kurz gesagt, sie war liebenswert und verletzlicher, als sie am Anfang des Abends auf ihn gewirkt hatte, als sie das Heft in der Hand gehalten hatte und er beinahe einen Rückzieher gemacht hätte. Doch sie lag nicht falsch: Trotz ihrer offensichtlichen Attribute würde er sie nicht anrufen. Der Sex war gut gewesen. Besser als gut, der Sex war großartig gewesen, doch nicht großartig genug, um seine Ehe zu riskieren. Ob gut, großartig oder irgendwo dazwischen, es würde sich nicht wiederholen, seine Nerven würden das nicht aushalten. Zu Beginn ihrer Unterhaltung hatte sie etwas gesagt, das bei ihm hängen geblieben war.
„Ich hatte angenommen, du hättest das schon mal gemacht. Ich dachte, du kämest damit klar.“
Ein missmutiges Lächeln zeigte sich auf Robs Gesicht. Er kam nicht damit klar, und es hatte auch keinen Sinn, so zu tun, als würde er es. Bei dieser Aufregung würde er einen Herzinfarkt erleiden und wäre tot, bevor er dreißig wäre.
Auf dem Weg nach Hause war er noch mal durchgegangen, was er Julia erzählen würde, wenn sie auf ihn wartete. Er spielte seine Verärgerung über seine imaginäre Arbeitslast, seinen Chef und die endlosen Anforderungen der Planungsabteilung durch. Als er in einem menschenleeren Hamilton Drive ankam, glaubte er es fast selbst.
***
Rob machte die Zündung aus und lauschte dem Motor, wie er in der Nachtluft abkühlte. Er wusste, dass er selbst für das mulmige Gefühl in seinem Magen und seinen hämmernden Herzschlag verantwortlich war. Der Glaube an die Geschichte, die er sich zurechtgelegt hatte, um zu vertuschen, wo er gewesen war und was er wirklich getan hatte, war nur von kurzer Dauer gewesen. Jetzt erschien es ihm wie eine Geschichte, die sich ein Kind ausgedacht hatte. Für eine Weile war er nicht sicher, ob er den Mut hatte, aus dem Auto auszusteigen. Der Verzweiflung nahe legte er seine Stirn auf das Lenkrad. Er hätte es verhindern können. Doch anstatt zu erkennen, dass Michelle eine Dummheit war, war er der Versuchung erlegen. Das hatte er jetzt davon.
Trotz ihres unbestreitbaren Charmes liebte er sie nicht und würde es auch nie. Jung, frei und Single, sie konnte tun, was sie wollte und mit wem sie wollte: Für sie gab es kein Risiko. Über ihn konnte man das nicht sagen. Im Leben gab es Regeln, und jede Handlung oder Unterlassung zog Konsequenzen nach sich. Er hatte es nicht verdient, mit dem, was er getan hatte, davonzukommen. Wenn doch, könnte er sich glücklich schätzen.
Rob schüttelte sein Selbstmitleid ab. Es führte zu nichts und es änderte nichts. Schuldgefühle zu haben wegen dem, was er getan hatte, oder weil Julia es herausfinden und ihn verlassen könnte, waren keine echte Reue. Er sollte eigentlich ein liebender Ehemann sein, doch sobald er auf die Probe gestellt worden war, hatte er versagt. Er hatte die Gelegenheit gehabt, sein Treuegelübde zu erfüllen, das sie sich gegenseitig gegeben hatten, doch er hatte es wissentlich und willentlich für Michelle gebrochen. Mea culpa war eine klägliche und faule Entschuldigung, und vorzuschieben, dass er und Julia es in letzter Zeit schwer hatten, war erbärmlich. Es war besser zuzugeben, was er getan hatte, zumindest sich selbst gegenüber: Eine Frau, nein, eine verführerische Lady, die sich ihrer Macht bewusst war, hatte ihn umgarnt. Erbärmlich und schwach hatte er seine animalischen Instinkte die Entscheidung treffen lassen.
Er stieg aus dem Auto aus und überquerte die Straße, erleichtert, dass in ihrer Wohnung kein Licht brannte – natürlich bedeutete das nicht, dass Julia schon schlief. Wenn sie auf ihn wartete, waren die Chancen sehr gering, dass sie sein Märchen glauben würde. Seine Frau kannte ihn besser als jeder andere Mensch auf dieser Welt. Sie würde merken, dass etwas nicht stimmte, und er würde auffliegen. Der Gedanke daran, ertappt zu werden, ließ ihn schauern. Was für ein verdammter Idiot er doch war! Michelle war eine wunderschöne Frau und eine großartige Liebhaberin. So sollte verbotener Sex sein: berauschend, befriedigend, gefährlich. Das war in Ordnung, solange es nicht zum klassischen Beispiel wurde, wie man sein Leben versaut.
Wenn seine Frau wach wäre, was könnte er anderes tun, als zu lügen? Die Wahrheit zu sagen, würde sie zerstören, würde sie beide zerstören. Doch zu erwarten, dass sie einfach akzeptierte, dass er länger gearbeitet hatte, verschlimmerte nur eine Verletzung, von der sie nie etwas erfahren durfte.
Julia war das Zentrum von Robs Universum, sein Ein und Alles. Sie zu betrügen, war das Letzte, woran er gedacht hatte, als er den Goldring mit dem Saphir aus der kleinen Schachtel genommen und ihr in den sonnendurchfluteten Gärten des Taj Mahals an den Finger gesteckt hatte. Er konnte noch immer das Strahlen auf ihrem Gesicht sehen. Eine besondere Erinnerung, die nun getrübt war. Bei dem Gedanken daran überkam ihn erneut die Scham.
So viel zu extravaganten romantischen Gesten.
***
Rob schloss die Eingangstür leise hinter sich, zog sich die Schuhe aus und hoffte inständig, dass seine Frau die alten Holzdielen unter seinen Füßen nicht knarzen hörte. Er ließ sich an der Spüle ein Glas Wasser ein und trank es in zwei großen Zügen, während die Stille um ihn herum ohrenbetäubend wurde. Morgen – oder besser gesagt heute – hatte er um neun Uhr eine Besprechung auf einer Baustelle in Ayrshire und eine weitere nachmittags in South Lanarkshire. Irgendwann dazwischen würde er sich wieder an den Bericht setzen, den er am Ende der Woche den leitenden Partnern präsentieren sollte. Plötzlich erschien ihm sein alltägliches Leben, wie er es vor der heutigen Nacht erlebt hatte, wie ein kostbarer Schatz. Er verfluchte sich selbst dafür, dass er so ein verdammter Idiot gewesen war, der alles mit seinem One-Night-Stand aufs Spiel gesetzt hatte.
Er zog sich auf dem Treppenabsatz aus und öffnete leise die Schlafzimmertür. Ein kleiner Teil in ihm erwartete, Julia lesend im Bett sitzen zu sehen. Trotz des Wassers, das er getrunken hatte, war sein Mund trocken, doch seine Handflächen und sein Nacken waren feucht vom Schweiß. Bevor er sich von Michelle getrennt hatte, hatte Rob geduscht, um jede Spur von ihr abzuwaschen. Als er aus der Dusche kam, hatte er sich über ihren sarkastischen Ton geärgert. „Du hast gesagt, dass du das noch nie gemacht hast.“
„Habe ich auch nicht.“
„Woher kennst du dann die Regel?“
„Welche Regeln?“
„Regel, Einzahl. Es gibt eigentlich nur eine.“
„Welche wäre das?“
„Lass dich nicht erwischen. Wenn du diese Regel einhältst, brauchst du keine weiteren.“
Die Lampe auf seiner Seite des Bettes war eingeschaltet, das Buch, das sie gelesen hatte, war ihr aus den Händen und auf die Bettdecke geglitten, als ihr Versuch, wach zu bleiben, gescheitert war. Seine Frau sah aus wie ein Engel, unschuldig, arglos. Rob versuchte, sich vorzustellen, sie hätte getan, was er getan hatte, und konnte es nicht.
Er stieg ins Bett und machte das Licht aus. An Schlaf war nicht zu denken. Er lag mit den Händen hinter dem Kopf da und überlegte, was er für seine Frau tun könnte. Etwas, das sie glücklich machen und sein gequältes Gewissen beruhigen würde. Die Wärme von Julias Körper unter der Bettdecke fühlte sich an wie ein Sommertag. Rob wollte ihr nahe sein, doch die anhaltende Reue zwang ihn, Abstand zu halten.
Kapitel 3
Julia tastete auf der anderen Seite des Bettes nach ihrem Ehemann, doch sie griff ins Leere. Sie öffnete langsam die Augen und sah, dass er nicht da war. Wenn er nicht heimgekommen war, stimmte etwas nicht. Julia warf einen besorgten Blick auf die Uhr auf dem Nachttisch und entspannte sich, als sie sah, dass es 7:10 Uhr war. Rob hatte ein Baustellenmeeting in Ayrshire erwähnt. „Dunkelstes Ayrshire“ hatte er es genannt. Der kurze Schrecken ebbte ab. Ihr hart arbeitender Ehemann, der liebenswerte Kerl, der er war, war gegangen, ohne sie zu wecken. Julia war froh, dass alles in Ordnung war, aber auch etwas enttäuscht. In ihrem hektischen Leben war der Morgen zu ihrer gemeinsamen Zeit geworden, in der sie sich unterhielten, ihren geliebten jamaikanischen Blue-Mountain-Kaffee im Bett tranken und miteinander schliefen, bevor sie getrennte Wege in die Arbeit gingen. Es wäre schön, wenn er mit zwei großen Americanos und Mandelcroissants durch die Tür kommen würde und wieder zu ihr ins Bett käme. Es schien ewig her zu sein, seit sie zusammen gewesen waren und an nichts anderes gedacht hatten als aneinander.
Sie hatte den gefalteten Zettel auf dem Kissen zuerst gar nicht bemerkt. Rob hinterließ ihr immer kleine Nachrichten irgendwo im Haus. Er dachte vermutlich, sie würden früher oder später im Müll landen. Er wusste nicht, dass seine Frau alle in einer verbeulten Teedose aufbewahrte, die einmal ihrer Großmutter gehört hatte. Diese Nachricht würde ein Teil dieser Sammlung werden. In vielen Jahren, wenn sie alt und grau wäre, würde sie die Liebesbriefe aus der Vergangenheit lesen und ihre Liebe wieder aufleben lassen.
Die Notiz war kurz, aber sehr, sehr süß.
Ich liebe dich wie verrückt.
R xxx
Da Rob schon gegangen war, gab es für Julia keinen Grund, länger im Appartement rumzuhängen. Fünfundzwanzig Minuten später war sie geduscht, angezogen und stieg in ihr Auto. In der Bothwell Street schnappte sie sich bei Pret A Manger einen Cappuccino und nahm die Treppen zu ihrem Büro.
Ellis Kirkbride stand mitten im Raum und betrachtete das Werbematerial für die Kampagne, an der ihr Team gearbeitet hatte. Es war an die Korkwand gepinnt und nahm den Großteil der Wand ein. Er trug ein schwarzes T-Shirt, eine schwarze Kordhose, eine orangefarbene Weste und dazu weiße Nike Air Max 90 Sneaker mit dem unverwechselbaren Swoosh auf der Seite. Seine Arme waren vor der Brust verschränkt, und während sie ihn beobachtete, streckte er die Hand aus, um ein Merkblatt zu glätten, neigte den Kopf zur Seite, um sein Werk zu begutachten, und murmelte etwas, das sie nicht verstehen konnte. Eine Kritik? Julia konnte es nicht sagen, doch diesem Kerl mangelte es nicht an Selbstbewusstsein. Das war ihr Zimmer, er hatte hier nichts verloren, es sei denn, sie würde ihn rufen.
Julia räusperte sich gekünstelt, um die Aufmerksamkeit des ungebetenen Besuchers auf sich zu lenken.
Ellis drehte sich um und lächelte, ohne sich im Geringsten daran zu stören, entdeckt worden zu sein. „Du bist es. Ich habe dich gar nicht bemerkt.“
Ihre Antwort war bissig. „Hast du nicht? Das ist mein Büro, zumindest war es das gestern noch.“
Er ignorierte die Zurechtweisung und zeigte zur Wand. „Ich sehe, du warst fleißig. Hat es der Kunde abgesegnet?“
Julia war nicht in der Stimmung zu diskutieren. „Noch nicht.“
Die Antwort ließ ihn in Erinnerungen schwelgen und hätte wohl als mitfühlend rüberkommen sollen. „Immer, wenn ich so einen Auftrag auf dem Tisch hatte, hat es mir die Nackenhaare aufgestellt“, sagte er. „Banken und Bausparkassen sind die schlimmsten Unternehmen als Kunden. Sie erwarten, dass wir ihren langweiligen Produkten Sexappeal verleihen. Das ist unmöglich. Du hast den altbewährten ‚Wir sind hier, um zu helfen‘-Weg eingeschlagen. Sehr weise, wenn ich das sagen darf. Ich hätte das Gleiche getan. Natürlich stimmt es nicht. Diese Leute sind nicht im Geschäft, um irgendjemandem zu helfen, außer sich selbst. Auf der anderen Seite ist es Marketing. Das hat mit Wahrheit nicht viel zu tun, oder?“
Julia musste widerwillig zugeben, dass er recht hatte. Sie hatten Wochen damit verbracht, ein Konzept zu erstellen und sich etwas einfallen zu lassen, irgendetwas, das nicht schon tausendmal da gewesen war. Als die Deadline näher rückte, hatten sie sich darauf geeinigt, die Kreativität hintanzustellen, eine aufpolierte Version des üblichen, alten Konzepts zu verwenden und darauf zu vertrauen, dass ein moderner Twist bei den Grafiken den Rest aufwerten würde. Es war nicht ihre beste Arbeit, und sie wünschte sich, Ellis Kirkbride hätte sie nicht gesehen.
Ellis warf einen letzten Blick auf die Wand und drehte sich zu ihr. „Tony hat mir nur Gutes von dir erzählt. Ich freue mich auf unsere Zusammenarbeit.“
„Hoffen wir, dass es klappt.“
Die Negativität überraschte ihn. „Natürlich klappt das. Wieso auch nicht? Was meinst du?“
„Ich meine, dass Tony offensichtlich viel von dir hält, und das ist okay. Aber ich bin ein Teamplayer, du auch?“
„Ob ich ein …? Sicher. Absolut. Wir müssen fähig sein, entschuldige das Klischee, über den Tellerrand zu schauen. Niemand, besonders ich nicht, hat ein Monopol auf Ideen. Jedes Marketingprojekt ist ein Problem, das eine Lösung sucht. Der Pförtner kann sich den Slogan einfallen lassen, solange er funktioniert.“ Seine Augen ruhten auf ihr. „Wieso in aller Welt denkst du, dass ich kein Teamplayer bin?“
Er hörte sich aufrichtig an und Julia entspannte sich. „Ganz deiner Meinung. Und was die Wand angeht, hast du recht. Die Kampagne war von Anfang an Mist und wird es bleiben, auch wenn sie fertig und abgesegnet ist. Ein Nullachtfünfzehn-Job. Aber es ist das Geld des Kunden. Wenn er glücklich ist, reicht uns das.“
Ellis nickte. „Mach einen Haken dran und weiter geht’s. Um ehrlich zu sein, gefällt mir, was du gemacht hast. Es ist … solide.“
„Solide oder stumpfsinnig?“
Er lachte. „Ein bisschen von beidem. Hör zu, ich kann mir nur vorstellen, was dir durch den Kopf gegangen ist, als Tony seine große Ansprache gehalten und mich dann bei dir abgeladen hat. Wenn es andersherum gewesen wäre, Chef hin oder her, hätte ich einiges dazu zu sagen gehabt.“
„Das hatte ich auch, du hast es ja gesehen. Es ist ihm egal, wem er auf die Füße tritt. Grapevine ist sein eigenes, kleines Königreich, das er wie ein gütiger Despot regiert.“
„Ein verräterisches Wort und du bist runter von der Gehaltsliste.“
Sie lachte. „So ungefähr. Wenn Seine Majestät eine Entscheidung getroffen hat, dann war es das. Offensichtlich hat er seine Entscheidung getroffen, was dich angeht. Seine Vorstellungsrunde …“
Ellis fuhr über seine Kinnstoppeln und verzog das Gesicht. „Ja, die war unangenehm. Ich wollte schreien Verdammt, Tony, ich muss mit diesen Leuten auskommen. Sie werden mich hassen, bevor ich überhaupt angefangen habe. Mach mal halblang!“
Julia beruhigte ihn. „Niemand wird dich hassen. Aber ich bin neugierig: Südafrika ist auf der anderen Seite des Planeten. Was hat dich dorthin verschlagen?“
„Das ist eine lange Geschichte.“
„Gib mir die Kurzversion.“
„Ich weiß nicht, ob es die gibt.“ Er zeigte scherzhaft mit dem Finger auf sie. „Du bist sehr direkt.“
Die Zurechtweisung war sanft, aber unverkennbar. „Entschuldige, das geht mich nichts an. Vergiss, dass ich gefragt habe.“
Ellis’ Lächeln erreichte seine Augen nicht. Julia wollte gerade etwas sagen, als ihr Telefon auf dem Schreibtisch klingelte. Tony Connors konnte sehr kurz angebunden sein. „Julia? Mein Büro. Jetzt. Ist Ellis bei dir?“
„Ja.“
„Bring ihn mit.“
***
Es war ein typischer Morgen an Schottlands Westküste – Sonnenschein und blauer Himmel, ruiniert durch einen kalten Wind aus Richtung des Firth-of-Clyde-Meeresarms. Der Wind zerzauste die Haare und rötete die Wangen der ernst dreinblickenden Männer neben Rob. Über ihm unterbrach das leise Dröhnen einer Ryanair-Maschine im Landeanflug auf den Flughafen Prestwick seine Gedanken, während er vorgab, dem Vertragsmanager zuzuhören, der erklärte, wie die ökologischen Herausforderungen des Geländes bewältigt wurden, um aus einem eintönigen Stück Land eine Enklave mit teuren Immobilien zu machen, die einen herrlichen Blick über das Wasser auf die Insel Arran boten. Rob war in einem Haufen Meetings, genau wie diesem, gewesen und kannte die Stichpunkte, an denen sich der Bauleiter orientierte, auswendig. Er nickte hin und wieder, um den Anschein von Interesse zu wahren.
Eigentlich war es ihm völlig egal.
Den Großteil der Nacht hatte er wach gelegen und, geplagt von Schuld, an die Decke gestarrt, bis das erste Licht des Morgens über die Stadt kroch. Jetzt, wo er in einem struppigen Feld stand, erinnerte er sich an die Unsicherheit in Michelles Stimme: Soll ich dich anrufen, oder du mich? und die Lüge, die ihm so leicht über die Lippen gekommen war. Er hatte gelogen, um diese beschämende Episode des Verrats und der monumentalen Dummheit zu beenden und sie so sanft wie möglich loszuwerden. Was auch immer er gesagt hatte, welche Versprechungen er auch gemacht hatte, sie würden sich nicht wiedersehen, zumindest nicht auf diese Weise.
Vor zwei Stunden, als er die Notiz geschrieben und sie auf das Kissen neben Julia gelegt hatte, hatte er das wirklich geglaubt.
Rob fühlte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg, und wusste, dass es nichts mit der Seeluft zu tun hatte. Denn Fehltritt oder nicht, und obwohl es gegen jede Vernunft war, wollte er es wieder tun. Wieder und wieder und wieder.
***
Angesichts seiner Position in der Firma wäre die Erwartung, dass Tony Connors ein Büro mit Ausblick auf den Fluss hätte, verständlich gewesen. Doch es gab keinen Ausblick, und selbst wenn, wäre der Geschäftsführer viel zu beschäftigt gewesen, ihn zu genießen. Heute trug er einen schwarzen, zweireihigen Nadelstreifenanzug mit einem weißen Hemd mit offenem Kragen. Er hätte genauso gut ein erfolgreicher Hippie sein können, der Frieden und Liebe gegen Aktien und Anteile getauscht hat. Er trug keine Krawatte. Julia vermutete, dass er sich mit einer seiner Freundinnen zum Brunch getroffen hatte, und hoffte, das Mädchen hatte den überteuerten Sekt genossen, den Tony bestellt hatte.
Er wartete, bis Julia und Ellis sich gesetzt hatten, stützte seine Ellenbogen auf den Schreibtisch und faltete seine Hände, bevor er anfing. „Ich nehme an, ihr wisst, wieso ihr hier seid.“
„Das Bauprojekt, von dem du gesprochen hattest?“, fragte Julia.
Er nickte. „Der Buschfunk lag richtig. Es ist offiziell. Wir wurden gebeten, ein Angebot abzugeben.“ Er warf einen Ordner auf den Tisch. „Ich werde das hier kopieren und euch in der nächsten Stunde bringen lassen. Wenn ihr es gelesen habt, will ich, dass ihr direkt anfangt. Ich habe für euch Verhandlungsraum 1 buchen lassen. Lasst die Jalousien unten und die Tür geschlossen. Erst mal werdet nur ihr beide daran arbeiten. Sobald ihr euch auf eine Schiene geeinigt habt, könnt ihr einweihen, wen ihr für nötig haltet.“
Tony sah die Skepsis in ihren Augen. „Und bevor ihr jetzt denkt, ich mache einen auf James Bond, seid euch einer Sache bewusst: Das ist ein Riesenauftrag. Grapevine ist klein, nur dreiundzwanzig Angestellte, ohne die Reinigungskräfte. Was ihr hervorbringt, ist intellektuelles Eigentum, oder in anderen Worten: Gold. Das zu schützen, ist unsere Verantwortung. Schlussendlich geht es um Ideen in diesem Business. Geben wir niemandem einen Vorteil, okay?“
Er war noch nicht ganz fertig. „Noch zwei Punkte: Besprecht das mit niemandem sonst, und lasst nichts herumliegen.“
Er sah Julia an, bevor sie etwas sagen konnte. „Und ja, das gilt auch für den Rest deines Teams. Ich habe zur Kenntnis genommen, dass es dir nicht gefällt, aber so werden wir es handhaben. Bevor du mir hundert gute Gründe gibst, wieso ich das nicht tun kann: Ich bleibe dabei. Bereitet euch vor!“
„Worum geht es in dem Auftrag?“, fragte Ellis.
Tony lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Worum es immer geht: Identität.“ Er griff nach dem Ordner und nahm ein glänzendes A4-Blatt heraus, auf dem eine künstlerische Darstellung eines schlanken Gebäudes zu sehen war, das in einen wolkenlosen Himmel ragte, und reichte es ihnen über den Tisch. „Stellt euch diese Schönheit aus schimmerndem Glas und Stahl vor. High-End-Einzelhandel und Restaurants in den unteren Etagen, Luxusappartements von dort bis hoch zu den Penthouse-Appartements.“
Julia bemerkte die Begeisterung in Tonys Stimme. „Schick.“
Ihre Reaktion blieb weit hinter seinen Erwartungen zurück, und er machte seinem Unmut Luft. „Schick? Ist das alles? Herrgott noch mal. Solltest du nicht Vision haben? Nutze sie! Stell dir das im Stadtzentrum vor, und du siehst die Zukunft Glasgows vor dir.“
„Wow! Das ist nicht das Glasgow, das ich kenne.“
„Genau, Ellis. Das ist nicht das Glasgow, das wir kennen. Noch nicht, doch das wird es sein.“ Er tippte auf das Bild. „Zwei weitere sind bereits geplant. Sie sind abgesegnet, und der Bau beginnt bald. Und das ist nur der Anfang.“
„Das Konzept ist nicht neu, ganz im Gegenteil, doch das Projekt ist ein öffentlich-privates Gemeinschaftsprojekt. In diesem Fall vom Stadtrat und der Campbell Coleridge Ltd. Also von einem Haufen Stadträte, die keine Ahnung von Garnichts haben, und einem preisgekrönten Bauträger mit einer hundertjährigen Erfolgsgeschichte, der jedoch aus Marketingsicht noch nichts Derartiges gemacht hat. Es wird das Stadtbild verändern und für großes Ansehen sorgen. Scheitern ist keine Option, es muss ein Erfolg werden.“
Sie saßen schweigend da und ließen auf sich wirken, was Tony gesagt hatte.
„Was genau ist der Auftrag?“, fragte Ellis schließlich.
„Ganz einfach. Glasgow bekommt ein neues Wahrzeichen – genau genommen, drei neue Wahrzeichen. Bis jetzt hat das Projekt noch keine Identität. Unsere Aufgabe wird sein, eine Identität zu kreieren, die den Namen stadtbekannt macht. Die Leute sollen so begeistert davon sein, dass sie verdammte Lottoscheine kaufen, in der Hoffnung, genug zu gewinnen, um sich auch nur ein Appartement in einem der unteren Stockwerke leisten zu können. Anspruchsvolles Wohnen ist der Name des Spiels. Also gebt mir ein Konzept, das den anderen Agenturen meilenweit voraus ist. Ihr habt drei Wochen.“
„Kein Druck, also?“
Julia hätte gelacht, doch es war kein Witz.
Kapitel 4
Als sie wieder in ihrem Büro war, schloss sie die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Tony Connors war ein anspruchsvoller Chef, der von allen, auch von sich selbst, nicht weniger als einhundert Prozent erwartete. Er winkte Probleme mit einer Handbewegung ab, gefolgt von seinem Mantra: „Nur eine weitere Herausforderung, die wir meistern werden.“
Doch das hier war etwas anderes, und er hatte deutlich gemacht, wie wichtig es ihm war. Sein Ego hatte das Ergebnis des Pitchs, den die beiden vorbereiten sollten, bereits vorweggenommen: Erfolg war die einzige Option. Grapevine war nichts für Zartbesaitete, und Tony hatte daran nie Zweifel gelassen. Er stand im Zentrum und brachte die Firma voran – in manchen Dingen ein Vorreiter, in anderen ein Dinosaurier. Nachdem er auf einer Weihnachtsfeier einen über den Durst getrunken hatte, bezeichnete er sich selbst scherzhaft als Don Quijote auf LSD. Und damit lag er nicht ganz falsch. Trotz seines rüpelhaften Auftretens und seiner unverhohlenen Frauenfeindlichkeit, was in dieser Branche nicht ungewöhnlich war, arbeitete Julia gerne für ihn. Das heutige Meeting hatte sie sprachlos gemacht: Ein so wichtiges Projekt anvertraut zu bekommen, war ein Kompliment. Dennoch ging es ihr gegen den Strich, den Rest ihres Teams auszuschließen. Wie immer war ihr erster Instinkt, Rob anzurufen, das Zentrum ihres Universums: Ehemann, Liebhaber, Partner und vor allem ihr Freund. Er war die Person, auf die sie sich verließ, wenn das Leben sie überwältigte. Von dem Moment an, als sie sich zum ersten Mal getroffen hatten, war ihr Zusammensein magisch gewesen. Ihren Namen zu Mrs Sutherland zu ändern, war die leichteste Entscheidung aller Zeiten gewesen. Drei Jahre später bereute sie nichts, außer die Zeit, die sie nicht zusammen verbracht hatten.
Julia versuchte erneut, ihn anzurufen, wieder erfolglos. Sie fluchte leise vor sich hin und ging zum Fenster. Draußen in der Bothwell Street eilten die Menschen umher, während die vielen Autos auf beiden Fahrspuren auf die Grünphase warteten. Das bekannte Bild beruhigte sie, und Julia setzte sich, um den Ordner durchzugehen. Die Übersicht auf der ersten Seite machte deutlich, wieso Tony so enthusiastisch war. Er hatte nicht übertrieben: Das Projekt war eine große Sache. Einige der abscheulichen Gebäude aus den 1960ern und 1970ern, in denen „billig“ als „modern“ verkauft worden war, standen noch dort, wie Betonklötze in der Landschaft. Im Nachhinein hätte man sie nie erlauben dürfen. Die Bilder, die sie vor sich sah, waren sehr unterschiedlich und doch auf ihre eigene Weise kontrovers. Ein scharfkantiger und futuristischer Stilmix, bei dem sie auf den ersten Blick nicht sicher war, ob er ihr gefiel. Julia konnte nicht sagen, ob das Gebäude ein Fortschritt war, doch es würde definitiv den Charakter der Innenstadt verändern und keinen Mangel an Kritikern haben. Sie und Ellis waren dabei, eine Marketingstrategie für den ersten Schritt dieses riesigen Modernisierungsprogramms zu erarbeiten. Sehr viel mehr als nur Tonys Ego und Grapevines Ansehen in der Branche hing davon ab, alles richtig zu machen – ein Gedanke, mit dem sie sich lieber nicht beschäftigen wollte.
Das Telefon auf ihrem Tisch klingelte. Rob. „Entschuldige, ich hatte noch ein Meeting.“ Er klang gereizt und abgelenkt. „Ganz ehrlich, jedes davon ist genau gleich. Keine Ahnung, wann wir noch was arbeiten sollen. Die meisten sind eine absolute Zeitverschwendung, in der ich tatsächlich etwas Nützliches machen könnte.“ Er erwischte sich selbst beim Jammern und stoppte. „Okay, Hasstirade vorbei. Was ist in deiner Welt los?“
Ihr Ehemann war normalerweise unerschütterlich und nahm alles gelassen. Wenn Dinge nicht nach Plan liefen, war es Julia, die laut wurde und Ausdrücke benutzte, von denen ihre Mutter nicht einmal wusste, dass sie zu ihrem Wortschatz gehörten. Rob ließ die Dinge nicht an sich heran, er reagierte darauf, indem er Witze darüber machte. Sich zu beschweren war untypisch für ihn, und Julia runzelte am anderen Ende der Leitung die Stirn.
„Rob. Ist alles in Ordnung? Du hörst dich …“
„Was?“
„Ich weiß nicht … gestresst an?“
„Mir geht’s gut. Manche Tage sind schwerer als andere.“
„Erzähl mir was Neues. Nur falls du es vergessen hast: Ich arbeite für Tony Connors.“
„Er kann sich glücklich schätzen, dich zu haben.“
„Ich weiß nicht, ob er dem zustimmen würde.“
„Sag ihm, wenn er dich nicht wertschätzt, bleibst du zu Hause.“
Julia lachte. Das war der Rob, den sie kannte, und ihre Bedenken lösten sich auf.
„Wie war Ayrshire?“
„Kalt. Erinnere mich daran, niemals ein Haus in der Nähe des Meeres zu kaufen.“
Julia lachte. „Darüber würde ich mir nicht zu viele Sorgen machen. Wo wir wohnen, geht es uns ausgezeichnet. Wenn wir nur öfter zusammen dort sein könnten, um es zu genießen.“ Ihre Stimme wurde zu einem Flüstern. „Ich habe dich heute Morgen vermisst.“
„Freut mich, das zu hören.“
„Nein, Rob, ich meine es ernst. Du kannst dir nicht vorstellen, wie enttäuscht ich war, als ich feststellte, dass du nicht mehr bei mir im Bett warst.“
„Glaub mir, Julia, sich um diese grässliche Uhrzeit aus dem Bett zu quälen, ist nicht meine Vorstellung eines guten Lebens. Ich mach es wieder gut, wenn wir zu Hause sind.“
Julia biss sich auf die Lippe, plötzlich daran erinnert, weswegen sie ihn anrief. „Merk dir das. Darauf komme ich noch zurück.“
„Was ist los?“
„Ich muss länger arbeiten.“
„Wie lange?“
„Länger. Ich weiß noch nicht, wie lange. Grapevine wurde gebeten, für ein prestigeträchtiges Projekt ein Angebot abzugeben. Tony ist versessen darauf, den Auftrag zu bekommen. Ich werde mich wohl die nächsten Wochen darauf konzentrieren müssen. Tut mir leid, Schatz.“
„Wer ist jetzt enttäuscht?“
Julia bemerkte eine Spur von Verärgerung, doch als Rob weitersprach, war davon nichts mehr zu hören. „Man muss es dem alten Tony lassen, er erkennt definitiv Talent. Für wen auch immer das Angebot ist, sie könnten niemand Besseren bekommen als dich.“
„Dann kannst du mir verzeihen?“
„Wie könnte ich auch anders? Heute früh habe ich den Spaß verdorben. Heute Abend bist du dran. Ich werde es überleben … irgendwie. Kannst du mir noch mal erklären, wie die Mikrowelle funktioniert?“
„Du weißt genau, wie sie funktioniert.“
Er hielt den Witz am Laufen. „Hmm. Vielleicht ja, vielleicht auch nicht. Das werden wir herausfinden, richtig? Wird Tony auch mal was arbeiten, oder überlässt er das allen anderen?“
„Es sind nur ich und Ellis, Ellis Kirkbride.“
„Den Namen kenne ich noch nicht.“
„Er ist neu.“
„Und Connors steckt euch beide für ein Wahrzeichen zusammen? Was ist sein Hintergrund?“
„Ich weiß nicht viel über ihn, aber anscheinend hat er im Ausland gelebt und in der Vergangenheit Großartiges geleistet. Tony ist begeistert von ihm.“
„Hört sich ganz danach an. Wie ist er so?“
Julia zögerte, doch sie wusste nicht, wieso. „Ellis? Er ist okay, denke ich. Ein bisschen eingebildet, aber wenn man ihn etwas besser kennenlernt, ist er ganz okay.“
„Sieht er gut aus?“
„Ist mir nicht wirklich aufgefallen.“
„Das glaube ich dir nicht.“
„Sagen wir einfach, er ist in Ordnung, und belassen es dabei.“
„Das interpretiere ich als Ja.“
„Rob Sutherland! Ist das etwa Eifersucht, die ich da heraushöre?“ Julia kicherte und stellte sich vor, wie er am anderen Ende grinste.
Er spielte mit. „Eifersucht. Nein. Ich nenne es besitzergreifendes Eigeninteresse.“
„In anderen Worten: Eifersucht.“
Rob widersprach nicht. „Ich kümmere mich um das, was mir gehört. So wie jeder Ehemann.“
Julia sah eine Chance auf ein gutes Argument. „Wenn ich mich richtig erinnere, dann hast du dich heute Morgen nicht so sehr gekümmert. Um genau zu sein, wenn Ellis zur Hand gewesen wäre …“
„Wenn Ellis zur Hand gewesen wäre, hätte ich sein hässliches Gesicht zu Brei geschlagen.“
„Er hat kein hässliches Gesicht.“
„Noch nicht. Wird er aber haben, wenn ich mit ihm fertig bin.“
Sie lachten, und für einen Moment waren sie sich wieder so nah, wie sie es immer gewesen waren. Julia fand es schrecklich, auflegen zu müssen. „Du musst dir keine Sorgen um ihn oder irgendjemanden sonst machen. Ich werde heute Abend nur lauwarmen Kaffee trinken und mir Ideen einfallen lassen, die hoffentlich nicht total daneben sind.“
„Wann wirst du zu Hause sein?“
„So früh wie ich kann. Versprochen. Wir haben doch darüber geredet, unsere Prioritäten neu zu ordnen. Du und ich sollten auf der Liste des anderen nie an letzter Stelle stehen. Das tun wir viel zu oft, so wie jetzt, und das ist nicht richtig. Ich denke, deswegen haben wir uns in letzter Zeit so häufig gestritten. Vermutlich ist es an der Zeit, etwas dagegen zu unternehmen, bevor wir uns aus den Augen verlieren.“
„Das ist keine Absicht, es schleicht sich ein, wenn wir es am wenigsten erwarten. Um die Doobie Brothers zu zitieren: ‚Was einst Laster waren, sind heute Gewohnheiten.‘ Ich stimme dir zu. Wir müssen mehr tun, als nur darüber zu reden.“
„Danke, Rob. Ich hatte gehofft, du würdest das sagen, aber die Doobie Brothers? Wo kamen die auf einmal her?“
„Eine Rockband, die mein Vater gerne hörte.“
„Lass mich dir einen kleinen Tipp geben: Wenn du möchtest, dass die Leute verstehen, was du sagst, solltest du deine musikalischen Referenzen auf dieses Jahrhundert beschränken.“
„Nachricht ist angekommen. Ich werde es mir merken.“
„Ich liebe dich.“
„Und ich liebe dich, Julia. Leg auf, oder wir brauchen den ganzen Tag.“
Eines seiner Talente war es, sie zum Lachen zu bringen. Früher hatten sie sich am Ende eines Abends verhalten wie Teenager, die ein Spiel spielten, bei dem es darum ging, wer zuerst auflegte. Und jetzt war es wieder genauso. Sie legte auf, doch konnte sie seine Worte immer noch hören: Tony Connors hatte Geld, einen unvergleichlichen Ruf in der Branche und einen Haufen langbeiniger Freundinnen, die fünfundzwanzig Jahre jünger waren als er selbst. Nichts davon kam jedoch an das heran, was Julia in diesem Moment hatte.
***
Rob starrte das Handy auf seinem Tisch an. Das Telefon, über das er vor weniger als einer Stunde mit Julia gesprochen hatte. Er hatte sich seine Lügen zurechtgelegt, für den Fall, dass sie fragen würde, wo er bis ein Uhr morgens gewesen war. Doch er hatte sie nicht einsetzen müssen.
Er hatte zu Julia „Ich liebe dich“ gesagt, und obwohl sie sich gegenseitig auf die Nerven gehen konnten, stimmte es. Die lähmende Angst davor, aufzufliegen, gemischt mit Selbsthass, war noch präsent. Wäre die Gelegenheit nicht vom Himmel gefallen, wären Michelle und das Hotelzimmer ein einmaliges Erlebnis geblieben, das nicht wiederholt werden würde. Ein Teil von ihm verachtete sich für seine Gedanken, doch ein anderer drängte ihn, den Anruf zu tätigen, trotz des Wissens, wie es enden würde.
Die Stimme in seinem Kopf war durchtrieben und überzeugend, doch sie hakte nicht nach, was er zu verlieren hätte: Rob kannte die Antwort. Alles. Er war einmal damit davongekommen. Wieso dachte er darüber nach, noch mal alles zu riskieren? Bevor er Michelle kennengelernt hatte, war es ihm nie in den Sinn gekommen, seine Frau zu betrügen. Julia hätte jeden haben können, doch zu seinem Glück hatte sie ihn gewählt. Nur ein Idiot würde es riskieren, sie zu verlieren.
Er schluckte schwer, sein Hals war trocken, sein Herz hämmerte, und ihm wurde klar, dass er ein solcher Idiot war. Er wählte ihre Nummer. „Michelle, ich bin’s.“
Ihre Antwort kam mit der Genugtuung einer Frau, die Männer besser verstand, als die Männer sie je verstehen würden. „Hi Rob. Warum hat das so lange gedauert?“
Kapitel 5
Die mit Sojasauce verschmierten Essensverpackungen waren noch makellos gewesen, als Ellis mit ihnen in einer braunen Tüte des Shanghai Teahouse zurückkam. Julia mochte indisches Essen lieber als chinesisches und hätte Samosas und Curry bevorzugt. Sie hatte dennoch zugestimmt, als er Chinesisch vorschlug. Hunger half dem kreativen Prozess kein bisschen, und sie waren über das süß-saure Schweinefleisch, den gedämpften Seebarsch mit Chili-Marmelade und die geröstete Ente in Pflaumensoße hergefallen. Nun lagen die Verpackungen und kalten Reiskörner über den Tisch im Meetingraum 1 verstreut.
Ellis hatte die Füße auf den Tisch gelegt und hielt eine Dose Cola light in der Hand. Er studierte ihre Sammlung an Notizen auf dem Whiteboard in der Ecke, doch ihm gefiel nicht, was er sah. Es war zwanzig nach acht, und sie saßen bereits seit Stunden daran, ohne etwas vorweisen zu können. Zu Beginn, als sie noch hochmotiviert gewesen waren, glaubten sie, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sie auf Gold stoßen würden. Doch mittlerweile, nachdem sie jede Idee gedreht, gewendet und als langweilig und uninspiriert abgelehnt hatten, war die Stimmung hinüber. Aus Erfahrung wussten sie, dass die erste Sitzung meistens die „große“ Idee hervorbrachte. Danach musste sie nur noch auf den Auftrag zugeschnitten werden. Ohne eine Idee hatten sie gar nichts.
Er schüttelte den Kopf und deutete mit einem Essstäbchen auf das Whiteboard. „Wir denken zu viel nach. Ich meine, worum geht es denn überhaupt? Nur um einen Marketingplan für ein weiteres innerstädtisches Bauprojekt. Es unterscheidet sich nicht von denen, die wir bisher als Auftrag hatten. Das kann doch nicht so schwer sein.“
Julia lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, ihre Arme träge herunterhängend. Sie fühlte sich aufgebläht und bereute es, das letzte Stück Ente gegessen zu haben. „Gott weiß, wieso Tony so heiß darauf ist. Nach Jahrzehnten im Geschäft. Ich verstehe es nicht. Vielleicht um eine alte Rechnung zu begleichen.“
„Professionell oder persönlich?“
„Woher soll ich das wissen?“
Ellis nahm die Füße vom Tisch. „Oder vielleicht liegt die Wahrheit direkt vor uns, und wir sehen sie nur nicht.“
„Was meinst du?“
Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht macht unser Boss gerade eine Midlife-Crisis durch. Entweder er fixiert sich manisch auf das hier, oder er kauft sich eine Harley-Davidson mit passender schwarzer Lederkombi.“
Julia kicherte. „Und lässt sich einen Pferdeschwanz wachsen?“
Ellis gab ein würgendes Geräusch von sich. „Gott, ich wünschte, du hättest mir dieses Bild nicht in den Kopf gesetzt. Daran werde ich jetzt immer denken müssen, wenn ich ihn sehe. Seine Motivationsrede ging daneben. Tonys ‚Alles ist möglich‘ hat unterbewusst all unsere Energie gestohlen. Mir würde nicht mal eine gute Idee einfallen, wenn mein Leben davon abhinge.“
„Mir geht es genauso. Pass auf, wir haben das Produkt vor uns. Gehen wir zurück zum Anfang und fangen mit der Zielgruppe an. Wer ist das?“
„Das haben wir schon durch, Julia.“
„Dann machen wir es noch mal. Beschreib den Zielmarkt in wenigen Worten.“
Er seufzte lustlos, das Gleiche noch mal durchzukauen. „Leute mit Geld.“
„Und was machen sie mit ihrem Geld?“
„Teure Sachen kaufen.“
„Warum?“
„Warum? Weil sie es können.“
„Mehr.“
„Sie kaufen teure Sachen …“ Ellis arbeitete den Gedanken im Kopf aus. „um ihre Freunde zu beeindrucken.“
„Genau!“ Julia sprang auf, schlagartig munter. Sie hob die Hand und zählte die Verkaufsargumente an ihren Fingern ab. „Das Bauprojekt ist teuer, stylisch und liegt mitten im Stadtzentrum. Luxuriöse Wohnungen, die ein Statement darstellen, wer du bist und was du hast. Ein stählernes Äquivalent dazu, jedem, der dir nichts zugetraut hat, den Mittelfinger zu zeigen und zu rufen: ‚Fick dich!‘“
„Du hast recht.“
„Für manche Leute ist das wichtig.“
„Das ist es!“, rief Ellis. „Verdammt noch mal, das ist es!“
„Das ist was?“
„Unser Werbeslogan, wir haben ihn.“
Er eilte quer durch den Raum, nahm einen blauen Marker und schrieb in Großbuchstaben auf das Whiteboard „WENN DIE ADRESSE VON BEDEUTUNG IST“ und machte einen Schritt zurück, damit sie es sehen konnte. „Wenn die Adresse von Bedeutung ist. Alle Gründe zu kaufen, reduziert auf ein paar Worte, die in jeder Werbung, auf jeder Plakatwand, jedem Schild und in jeder Broschüre zu sehen sein werden. Julia, du hast es geschafft, du bist ein verdammtes Genie.“
Ellis stellte sich neben sie und hielt sein Handy vor den beiden hoch. Sie bemerkte, was er vorhatte, und versuchte, ihn davon abzuhalten. „Nein, ich möchte kein Bild machen, ich sehe furchtbar aus.“
Er schlang seinen Arm um ihre Taille und zog sie näher zu sich heran. „Tust du absolut nicht, du siehst großartig aus. Und jetzt: Cheese!“
***
Im Pub war mehr los, als Julia es an einem Dienstagabend erwartet hätte. Doch woher sollte sie das schon wissen? Sie konnte sich kaum an das letzte Mal erinnern, als sie in einem Pub war, geschweige denn an einem Dienstag. Wenn sie mit Rob ausging, gingen sie üblicherweise in ein Restaurant oder zu einem Konzert. Beides war in letzter Zeit nicht passiert. Einen Monat, nachdem sie sich kennengelernt hatten, nahm er sie mit in seine Stammkneipe, um sie seinen Freunden vorzustellen. Er freute sich, als sie ihm zugezwinkert hatten, um zu zeigen, dass sie seine neue Freundin mochten. Sie hatte das Gleiche mit ihren Freunden gemacht, bevor die beiden festgestellt hatten, dass sie überhaupt keine Gesellschaft brauchten und sogar lieber nur zu zweit waren. Mit der Zeit, doch ohne es zu merken, hatten sie sich in ihren Gewohnheiten festgefahren und sahen das, was sie hatten, als selbstverständlich an.
Ellis war in ein Gespräch mit dem Barkeeper vertieft, beide lächelten. Julia musste zugeben, dass sie bei Ellis Kirkbride falsch gelegen hatte. Sie war bereit gewesen, ihn abzulehnen, bevor er überhaupt den Mund aufgemacht hatte. Das ging auf Tony Connors Kappe. Tony konnte charmant sein, wenn es ihm von Nutzen war, doch seine Führungsqualitäten ließen zu wünschen übrig. Das hatte ihre Meinung mehr beeinflusst als alles, was Ellis je getan hatte.
Ellis kam mit zwei Gläsern alkoholfreiem Rotwein und einer Tüte Chips zurück. „Leider nur geräucherter Speck. Entweder das oder Haggis mit schwarzem Pfeffer.“
„Gute Wahl.“
Er stellte alles auf den Tisch und setzte sich.
„Musst du dich erst an die alkoholfreien Pubs gewöhnen, nachdem du in Südafrika warst?“, fragte Julia.
„Nein, dort ist es kaum anders. Ich bin kein großer Trinker, war ich noch nie, also macht es mir nichts aus. Aber was du über chinesisches Essen gesagt hast, stimmt. Eine Stunde später ist man direkt wieder hungrig. Ich bin es zumindest. Was ist mit dir?“
„Nicht wirklich. Ich bin viel zu aufgeregt. Für eine Weile dachte ich, wir schaffen es nicht, und ich war nicht scharf darauf, es Tony beichten zu müssen. Jetzt können wir nur hoffen, dass er das Konzept genauso gut findet wie wir.“
Ellis stopfte sich eine Handvoll Chips in den Mund und antwortete erst, nachdem er sie runtergeschluckt hatte. „Das wird er.“
„Ich wünschte, ich hätte deine Zuversicht.“
„Zuversicht hat nichts damit zu tun. Es ist brillant.“
„Also zeigen wir es ihm morgen. Mal sehen, was er dazu meint.“
„Ich würde abwarten. Es braucht noch Arbeit. Wir machen eine große Enthüllung, nachdem wir die Idee noch etwas ausgearbeitet haben.“
„Nein, wir geben ihm das Konzept, weil er schon danach gefragt hat“, widersprach Julia. „Spielen wir ihm den Ball zu und sehen, wie er reagiert.“
„Oh, das ist mutig.“
„Oder dämlich. Wenn es ihm nicht gefällt, sind wir wieder am Anfang.“
„Ich verspreche, dann nicht zu sagen: Ich hab’s doch gewusst.“ Ellis erhob sein Glas. „Tony sagte, ich würde mit den Besten arbeiten. Ich bin froh, sagen zu können, dass er recht hatte. Gut gemacht, Julia. Cheers!“
Ellis lehnte sich in seinem Stuhl nach vorne und wechselte das Thema. „Okay, du hast mir Julia den Profi gezeigt und ich bin beeindruckt. Was macht die andere Julia, wenn sie nicht hinter ihrem Schreibtisch sitzt?“
Julia strich sich eine eigensinnige Strähne aus dem Gesicht. „Diese Frage stelle ich mir selbst immer wieder.“
„Und die Antwort?“
„Lautet: Leider nicht besonders viel.“
Ellis nippte an seinem Wein und stellte das Glas ab. „Das ist schwer vorstellbar. Du und dein Ehemann – Rob, richtig? – habt bestimmt Interessen außerhalb eurer Arbeit.“
„Wir haben, oder besser gesagt, hatten welche. Bevor wir geheiratet haben, war Reisen unser Ding. Es gibt so viele Orte, an denen wir noch nicht waren, und ich nahm an, wir würden mehr davon sehen.“
„Ich verstehe. Wieso macht ihr es nicht?“
Julia spielte mit ihrem Ehering und warf ihm ein trauriges Lächeln zu. „Jetzt, wo wir es uns tatsächlich leisten könnten, haben wir die Zeit nicht mehr dazu.“
„Und wessen Schuld ist das?“
Sie wollte sagen „Robs“, doch das wäre gelogen. Die Arbeit nahm beide voll ein. „Robs Job ist anspruchsvoll und du weißt, wie Tony Connors ist. Das ist nicht gesund, und es macht mir nichts aus, das zuzugeben.“
„Was ist dann dein Ausgleich dafür? Was machst du?“
„Ich jogge.“
„Ausgezeichnet! Wo?“
„Überall, eigentlich. Im Moment jeden Abend am Ufer des Kelvins in der Nähe unserer Wohnung. Es ist ruhig, wunderschön und nach einem anstrengenden Tag bei Grapevine hilft es beim Entspannen.“
„Joggt Rob auch?“
Julia lachte. „Würdest du ihn kennen, wüsstest du, wieso das so lustig ist. Mein Mann ist zu beschäftigt mit seinen technischen Zeichnungen, er joggt nicht.“
Sie nippten beide an ihren Getränken. „Du warst offen zu mir, jetzt ist es nur fair, dass ich offen zu dir bin. Du hast mich nach Südafrika gefragt“, sagte Ellis.
„Ich wollte wirklich nicht neugierig sein.“
„Nein, kein Problem. Ich erzähle es dir. Eine Frau, was sonst? Wir haben uns getroffen, als sie hier im Urlaub war, und haben uns verliebt. Oder besser gesagt, ich habe mich verliebt. Drei Tage nachdem sie wieder abgereist war, saß ich in einem Flugzeug in Richtung Western Cape.“
„Und?“
Er zuckte mit den Schultern. Julia nahm an, dass die Geschichte an der Stelle zu Ende wäre oder der Rest sie nichts anging. Stattdessen strich er abwesend über die Tischplatte und sah auf seine Schuhe. Als er sprach, redete er so leise, dass Julia sich anstrengen musste, ihn zu verstehen. „Wie sich herausstellte, hatte sie schon einen Freund. Besser gesagt, nicht nur einen Freund, die beiden waren verlobt. Dass ich aufgetaucht bin, war, milde gesagt, nicht Teil des Plans.“
„Wie furchtbar für dich.“
„Das war es.“
„Hört sich an, als hättest du noch mal Glück gehabt.“
Ellis schnitt eine Grimasse. „So kann man es auch sehen, denke ich.“
***
Fünfzehn Monate zuvor
Nettleton Road, Clifton, Südafrika
Ellis Kirkbride beobachtete, wie eine orangefarbene Sonne den Horizont feuerrot färbte, als sie im Ozean versank. Die Abenddämmerung kam hier schnell; die Dunkelheit war nicht weit entfernt. Unter ihm, in dem Garten, eingesäumt von sich sanft wiegenden Palmen, sprangen Paare in ihrer Kleidung, high von Alkohol, Kokain oder beidem, in den Salzwasserpool und quietschten dabei wie die Idioten, die sie waren. So lebte die andere Hälfte. Die Glücklichen, die mit mehr Geld gesegnet waren, als sie in zwanzig Leben ausgeben konnten. Ellis blendete sie aus und zwang seine Aufmerksamkeit zurück zu seinem Ausblick; von der weiß gestrichenen Veranda aus erstreckte sich der Atlantik bis zum Horizont und darüber hinaus. Viertausend Kilometer bis zur gefrorenen Küste der Antarktis.
Er lehnte sich gegen die bodentiefen Fenster und starrte zu Sasha und ihrem neuen Spielgefährten. Sie flirtete mit dem blonden Australier, ihr Gesicht von Gelächter und Wein gerötet. Es schien, als hätte sie vergessen, dass Ellis da war, und sie bemerkte auch nicht, dass er die beiden fotografierte. Ein übergewichtiger Politiker, den er im Fernsehen gesehen hatte, kam herüber und bot ihm seine pummelige Hand an. Pieter Dekker hatte sich vermutlich im Spiegel betrachtet, bevor er Constantia oder irgendeinen anderen noblen Vorort, in dem er lebte, verlassen hatte, und festgestellt, dass er gut aussah. Mehrere große Brandys später war das nicht mehr der Fall: Der Mann schwitzte und war betrunken. Sein Akzent, der jahrelang von teuren Bildungseinrichtungen feingeschliffen worden war, war unverständlich. Unter seinem schwarzen Jackett lockerte er die Leopard-Creek-Krawatte. Sie ließ jeden wissen, dass er Mitglied in einem der exklusivsten Golfclubs der Welt war.
Mit dem Nachdruck eines völlig Besoffenen kam er direkt auf den Punkt. „Weißt du, ich komme seit Jahren zu diesen ausgelassenen Partys. Normalerweise kenne ich jedes Gesicht hier, aber dich habe ich noch nie gesehen. Ich habe deinen Namen nicht mitbekommen.“
„Ich habe ihn nicht gesagt.“
Ellis schaute an ihm vorbei zu Sasha, die mit dem Australier zu einem kitschigen Chris-de-Burgh-Song tanzte. Ihre Arme lagen um seinen Hals, ihre Bewegungen waren eins. Die gleiche Wut, die ihn von Schottland nach Südafrika gebracht hatte, machte sich in seiner Magengrube breit.
Erst gestern hatte Ellis mit einer Flasche Castle-Bier in der Hand in einer spärlich belichteten Hafenbar in der Nähe seiner Wohnung gesessen und den Sportteil der Cape Times gelesen. Als ihm die Frau auffiel, die ihn beobachtete, entschied er sich, so zu tun, als wäre er schwer rumzukriegen.
Das war zumindest der Plan, bis er ihr in die Augen blickte und seine Zukunft sah.
Der Sex war intensiver als alles, was er bisher erlebt hatte. Sie konnte nicht genug von ihm bekommen, und er musste sich anstrengen, mithalten zu können. In den frühen Morgenstunden ließen sie endlich voneinander ab und schliefen ineinander verschlungen ein. Er war sich sicher, dass seine Suche endlich vorüber war. Sie weigerte sich, irgendetwas anderes als ihren Namen, Sasha, von sich preiszugeben, was ihrer enormen Anziehungskraft noch dazu etwas Geheimnisvolles verlieh. Ellis war verliebt.
Heute Morgen hatte sie ihn zur Party eingeladen und war am Rande eines Wutanfalls, als er ihr sagte, dass er den Abend lieber mit ihr allein verbringen würde. Um sie glücklich zu machen, stimmte er zu. Und so dankte sie es ihm. Auf der anderen Seite des Raumes küsste der andere Mann Sasha, und Ellis knirschte mit den Zähnen.
Mit dem Geschwafel des Betrunkenen wehten schlechter Atem und der Geruch von Brandy in seine Richtung. Er zeigte auf die Kamera, die um Ellis’ Hals hing. „Ich vermute, du arbeitest entweder für ein Hochglanzmagazin, das kein Mensch liest, oder bist ein Mitarbeiter von Lance, habe ich recht?“
Ellis hatte keine Ahnung, wovon er redete. „Wer ist Lance?“
„Lance Ackerman, unser Gastgeber. Das ist sein Haus. Wie gefällt es dir? Ziemlich schick, oder?“ Dekker lehnte sich vor und verschüttete Brandy auf dem importierten italienischen Marmorboden. „Natürlich ist es nicht wirklich seins. Es ist auf eine seiner Firmen registriert. Das Gleiche gilt für seine Immobilien in London und New York.“
Ellis war nicht am Klatsch dieses Clowns interessiert. Er kochte innerlich wegen Sashas Treulosigkeit. Pieter Dekker bemerkte es nicht und redete weiter. „Oder liege ich falsch?“
„Falsch bei was?“
„Dass du für Lance arbeitest. Lance hat so viele Projekte am Laufen, da ist es schwer mitzuhalten.“
Mit einem Blick über seine Schulter versuchte Ellis, Sasha und ihren neuen Freund in der Menge zu finden. Sie waren verschwunden, und er verzog seinen Mund. Er strich über den Stiel der Champagnerflöte und ließ seine Frustration an dem armen Dekker aus. „Hier ist ein Vorschlag. Wieso verpisst du dich nicht einfach?“
Ob nüchtern oder betrunken, der Politiker war es gewohnt, verehrt zu werden. Er hob die Hände und machte einen Schritt zurück. „Wow! Langsam. Kein Grund, unfreundlich zu werden. Wenn du willst, dass ich gehe, dann gehe ich.“
„Mach das. Und nimm deinen Mundgeruch mit.“
Die Menschenmenge um den Pool draußen hatte sich gelichtet; doch die Übriggebliebenen machten eine Menge Lärm. Manche der Frauen waren mittlerweile nackt und ihre nassen Körper glänzten im Licht der Villa. Ellis umfasste die steinerne Balustrade mit den Händen, bis ihn der Schmerz in seinen Fingerspitzen zwang loszulassen und er die Augen schloss. Als er sie wieder öffnete, stand ein gelber Mond am Himmel und unter ihm war die Frau, die sich gestern noch unter ihm gewunden hatte, Arm in Arm mit dem Australier auf dem Weg zum Strand.
Sie kannten sich erst einen Tag, doch mit Sasha war er sich sicher. Er war sich sicherer als jemals zuvor, dass er die Eine gefunden hatte. Doch genau wie die anderen hatte sie ihn getäuscht. Jeder Betrug hatte Konsequenzen, das würde sie noch lernen.
Er ballte die Fäuste, kämpfte mit den Tränen und verfluchte sich selbst, dass er wieder den gleichen Fehler gemacht und einer Frau vertraut hatte. Seine Seelenverwandte war noch irgendwo da draußen und wartete auf ihn. An diesem Glauben musste er festhalten, sonst gäbe es keinen Grund weiterzumachen.
***
Der Weg führte über eine Reihe ausgetretener Steinstufen steil den grasbewachsenen Abhang hinunter. Das Mondlicht tauchte den weißen Rumpf und die schlanken Linien eines am Steg vertäuten Hochseekreuzers in sanftes Licht. Ellis zog seine Schuhe aus, lief leise über den hölzernen Steg und lauschte nach Anzeichen dafür, dass die beiden an Bord waren. Er hörte nur das leise Plätschern des Ozeans und grinste humorlos in sich hinein. Wenn er die beiden so früh überraschte, wäre der Spaß viel zu schnell vorbei. Das wäre eine Schande.
Die Silhouette des Lion’s-Head-Berges, karg und gewaltig, dominierte die Nachtlandschaft, während Ellis den Strand absuchte. Weiter in der Ferne klammerten sich zwei Gestalten am Rand des Wassers aneinander. Der Wind trug ihr betrunkenes Gelächter durch die warme Luft.
Vierzig Meter von ihnen entfernt hob er ein knorriges Stück Treibholz auf und wog es in seiner Hand. Der Australier würde nie erfahren, was ihn getroffen hatte. Sasha lag in seinen Armen und sah die Gefahr nicht kommen, bis ihr Lover zusammenbrach.
Sie sah Ellis, fiel auf die Knie und heulte wie ein Kind. Er warf das Treibholz ins Meer. „Du hast mir gesagt, dass du mich liebst.“
„Ich liebe dich, das tue ich! Er … hat mich gezwungen.“
Ellis schüttelte traurig den Kopf. „Sasha, Sasha. Das hat er nicht. Ich habe euch gesehen.“
Er legte seine Hände um ihren wunderschönen Hals und drückte zu, bis der Glanz in den Augen erloschen war, in denen er seine Zukunft hatte sehen können. Ihr Möchtegern-Lover lag bewusstlos neben ihr mit dem Gesicht im Sand. Wenn er zu sich kam, würde er erklären müssen, wie ein Strandspaziergang in einer solchen Tragödie hatte enden können: Ellis wünschte ihm dabei viel Glück.
Die Flut plätscherte gegen seine Schuhe, als er sich fotografierend um die Körper bewegte, um sie einzeln und zusammen aus verschiedenen Winkeln einzufangen.
Er kniete sich in den Sand und machte eine Nahaufnahme von Sashas Gesicht, während eine Träne über seine Wange rollte.
Klick!
Zu Lebzeiten war das Mädchen, das er gekannt hatte, eine lebensfrohe, aufregende Frau gewesen.
Im Tod hätten sie manche wohl großzügigerweise als friedlich beschrieben – Ellis sah nur Mittelmäßigkeit.
Er machte sich auf den Weg ins acht Kilometer entfernte Kapstadt und wog seine nächsten Schritte ab. Über dem offenen Meer teilte ein gezackter Blitz den Himmel. Ein Sturm zog auf. Er würde nicht bleiben, um ihn zu erleben. In fünf Stunden würde er im Flugzeug sitzen. Und in weiteren zwölf wäre er in Kuala Lumpur oder Hongkong.
***
„Um ehrlich zu sein, habe ich mir das seitdem selbst immer wieder gesagt, obwohl ich es damals nicht so gesehen habe“, fuhr Ellis fort. „Ich war so am Boden zerstört, dass ich meine Sachen packen und gehen wollte, doch mir gefiel, was ich bis dahin vom Land gesehen hatte. Also bin ich geblieben, entschlossen, das Beste daraus zu machen. Zuletzt habe ich von ihr gehört, dass sie sich von ihrem Verlobten getrennt hat, irgendeinen Reiseunternehmer geheiratet hat und sie mit ihren zwei Kindern an der Küste bei Plettenberg Bay leben. Ich hoffe, dass sie glücklich ist. Hört sich an, als wäre sie es.“
„Was für eine Geschichte. Bereust du irgendwas davon?“
„Na ja, ich hätte es vorgezogen, mich nicht so zum Affen zu machen. Abgesehen davon, nein, nicht in Bezug auf Südafrika. Ich habe es geliebt, tue es noch.“
„Wieso bist du dann zurückgekommen?“
Er schob seine Hand in seine Westentasche und dachte über seine Antwort nach. „Es lief gut für mich, wenn man bedenkt, wie es für mich angefangen hatte. Ich hatte einen guten Job, eine schöne Wohnung in Observatory am Hang des Tafelbergs. Und ich hatte genug Geld. Es schien mir einfach das Richtige zu sein.“
„Sowie dem Mädchen hinterherzulaufen?“
„Ja, genau so.“
„Warum?“
„Ich weiß nicht genau, es war einfach so. Südafrika war gut zu mir, es hat sich aber nie wirklich nach einem Zuhause angefühlt. Bei Gott, Schottland ist auch nicht perfekt. Aber ich verstehe es – ergibt das Sinn?“
„Absolut.“