Leseprobe Seine letzte Ehefrau | Ein packender Domestic Thriller

1

LEAH

Mai, London

Alle Beziehungen basieren auf Macht, nicht auf Liebe. Das hat mir meine Mutter gesagt. Mach nicht denselben Fehler, den ich mit deinem Vater gemacht habe. Verliebe dich nicht in Männer. Nutze sie. Nimm, was du von ihnen bekommen kannst. Behaupte dich und beanspruche deine Macht, und wenn du sie einmal hast, gib sie niemals wieder ab.

Ich bin jetzt vierundzwanzig und die Erfahrung hat mir gezeigt, dass sie recht hatte. Deshalb sitze ich an einem Dienstagabend in der Bar des Mandarin Oriental Hotels in Knightsbridge, auf einem Barhocker an dem geschwungenen Tresen, mit einem Wodka Martini vor mir.

Es ist kurz nach 18 Uhr und es ist ein klarer Frühlingsabend. Hier drinnen ist die Beleuchtung sanft und dezent, der dunkle Raum wird vom warmen Schein der goldenen Decke erhellt. Es ist ein luxuriöser und prächtiger Raum, mit dunklem Holz getäfelt und mit niedrigen Stühlen und Ledersofas ausgestattet. Kerzen flackern in der Mitte der Glastische. Es ist ein dekadenter Treffpunkt für die Reichen, aber zu dieser Klientel gehöre ich nicht. Bis zum nächsten Lohn ist es noch über eine Woche und das Geld ist knapp. Das Geld ist immer knapp. Ich habe meinen Martini vor einer Stunde bestellt und genieße ihn langsam. Wenn ich Durst habe, trinke ich stattdessen aus dem Glas Leitungswasser, das daneben steht.

Als ich meine kleine, deprimierende Wohnung in Tooting verließ, saß meine Mitbewohnerin Gemma auf dem Sofa im Wohnzimmer, wo sie mit Damien, ihrem Kifferfreund, eine Flasche billigen Rotwein trank und Pizzareste verdrückte. Gemma musterte mich von oben bis unten und nahm mein schwarzes Max-Mara-Kleid, meine schwarzen Strümpfe und meine schwarzen Louboutin-Stilettos in Augenschein.

Ihre Missbilligung war ihr deutlich anzusehen. Es schmerzte mich, aber ich redete mir ein, dass es mir egal sei. Mein Sozialleben geht sie nichts an. Ich bringe niemals Männer mit nach Hause.

„Kann ich Ihnen noch einen bringen?“ Der Barkeeper, ein kleiner, attraktiver Mann mit Spitzbart, hält mir die ledergebundene Cocktailkarte hin.

Ich werfe einen Blick auf das Namensschild, das an seinem schwarzen Hemd befestigt ist. „Danke, Josh. Ich warte noch auf meine Freundin.“

Zum Glück ist Josh neu im Mandarin Oriental. Ich gehe seit sechs Wochen jeden Dienstag in diese Bar, und Joshs Vorgänger warf mir immer wieder spöttische, vorwurfsvolle Blicke zu.

„Nun“, sagt Josh mit einem schüchternen Lächeln, „wenn sie nicht auftaucht, könnten wir beide vielleicht …“

„Sie werden gerufen.“ Ich zeige auf die andere Seite der Bar, wo ein älterer Mann in einem grauen Blazer mit seiner knorrigen Hand winkt, um bedient zu werden.

Josh und ich rollen gleichzeitig mit den Augen, bevor er zu seinem Gast schlurft. Ich frage mich, was er für ein Typ ist. Vielleicht ein Student, der nebenbei in einer Bar jobbt. Ein angehender Schriftsteller, Schauspieler oder Musiker. Trotz meiner prekären finanziellen Lage werde ich ihm Trinkgeld geben müssen.

Ich habe in vielen Bars und Hotels gearbeitet und weiß, wie anstrengend und undankbar so ein Nebenjob sein kann. Diese Zeiten sind für mich vorbei. Ich habe einen neuen Nebenjob. Einen, bei dem normalerweise jemand anderes für meine überteuerten Getränke aufkommt.

Ich drehe mich auf meinem Barhocker um, um den Raum zu überblicken und meine Optionen abzuwägen, aber stattdessen bemerke ich zwei Frauen, die mich anstarren. Sie sind mittleren Alters und spindeldürr, mit goldenen Armreifen, die schwer genug aussehen, um ihre knochigen Handgelenke zu brechen. Mit Diamanten und Edelsteinen besetzte Goldringe funkeln an ihren Ringfingern. Ehefrauen. Auf ihren verdächtig glatten Gesichtern liegt ein Ausdruck purer Abneigung.

Ich drehe mich wieder auf meinem Barhocker um und betrachte mich im Spiegel hinter den polierten Gläsern. Ich versuche zu sehen, was sie sehen, vergewissere mich, dass ich nicht wie diese Art von Frau aussehe.

Es ist mir wichtig, stets elegant und doch zurückhaltend zu wirken. Mein Kleid ist schlicht und betont meine Kurven. Es ist tief genug ausgeschnitten, um einen kleinen Einblick zu gewähren, aber dennoch dezent genug, um zu zeigen, dass ich Ansprüche habe. Meine sonnengebräunte Haut strahlt noch immer von meinem letzten Urlaub auf Antigua. Mein schwarzes, dichtes und welliges Haar fällt mir offen über den Rücken. Keine ausgefallenen Frisuren. Mein Gesicht ist frei von Botox und Fillern.

Mein Make-up ist dezent. Eine dünne Schicht Foundation, gedeckte Lidschattenfarben, die meine grünen Augen betonen. Meine roten Lippen sind das einzige auffällige Detail.

Nein, ich sehe nicht wie so eine Frau aus. Ich schlafe nicht für Geld mit Männern. Ich bin eine Frau, die ihren eigenen Wert kennt. Eine Frau, die weiß, wie sie Männer dazu bringt, ihr das zu geben, was sie wert ist. Daran kann ich nichts Falsches finden.

Ich behalte die Ehefrauen im Auge. Sobald sie aufstehen, um zu gehen, sehe ich mich in der Bar um, die sich mit Neuankömmlingen füllt. Der Geräuschpegel steigt. Es ist nicht besonders laut, aber an diesem frühen Abend üben die starken, überteuerten Cocktails ihre Wirkung auf die Gäste aus. Die Zungen werden lockerer. Das Gelächter wird lauter.

Ein junger Mann in einem dunkelblauen Anzug sitzt in einem niedrigen Sessel auf der anderen Seite des Raumes. Er ist groß und schlank, mit nah beieinanderliegenden Augen. Neben seinem Glas Rotwein liegt eine Hotel-Schlüsselkarte. Er lächelt in meine Richtung.

Verlockend. Ich habe One-Night-Stands aufgegeben, aber die Zimmer hier müssen fantastisch sein. Er sieht aus wie ein Geschäftsmann, und die verschwinden normalerweise früh am Morgen.

Ich könnte bei der Arbeit anrufen und sagen, dass ich krank bin, und bis zum Check-out im Zimmer bleiben. Mir Frühstück vom Zimmerservice kommen lassen und ein langes, heißes Bad nehmen, für das ich nicht bezahlen muss.

Er hat etwas Kaltes, Arrogantes an sich. Der Sex könnte gut sein, ein bisschen gefährlich. Es könnte auch unangenehm enden, wie es bei One-Night-Stands mit solchen Männern manchmal der Fall ist, wenn Grenzen überschritten werden. Es bleibt das Gefühl, benutzt worden zu sein, oder Schlimmeres.

Ich wende mich von ihm ab. Den Gelegenheitssex habe ich hinter mir gelassen. Jetzt spiele ich ein anderes Spiel. Ich bin auf der Suche nach etwas Dauerhafterem.

Um ihn davon abzuhalten, mich anzusprechen, hole ich mein Handy aus meiner schwarzen Chanel-Handtasche und checke meine Nachrichten. Die Tasche war, wie die meisten meiner Kleidungsstücke, ein Geschenk von einem meiner Männer. Als ich mich zum ersten Mal entschied, das andere Geschlecht für meine eigenen Zwecke zu nutzen, wusste ich nicht, wie ich um das bitten sollte, was ich wollte. Glücklicherweise gibt es auf YouTube und Instagram jede Menge Influencer und Vlogger, die gerne ihre Tipps verraten, wie man Männern ihre Macht entzieht. Wie man zu dem Preis wird, den sie behalten wollen.

Seit ich in der Bar angekommen bin, habe ich zwei neue Nachrichten erhalten.

Ruf mich an. Ich vermisse dich.

 

Ghostest du mich?

Beide stammen von James, dem Mann, der mich nach Antigua eingeladen hat. James ist zweiundvierzig Jahre alt, geschieden und kinderlos. Er ist ein erfolgreicher Hedgefonds-Manager mit einem hohen verfügbaren Einkommen. Ich dachte, er hätte Potenzial. Nach vier Wochen Beziehung bat er mich, mit ihm in den Urlaub zu fahren. Ich dachte, die Einladung wäre ein Zeichen dafür, dass es ernst werden könnte, aber der Urlaubs-James war ganz anders als der London-James. Als unser Flug von Heathrow Verspätung hatte, beschimpfte er die arme Frau am Informationsschalter von British Airways. Hören Sie mal, Sie dumme Kuh. Ich war zutiefst beschämt. Im Hotel in Antigua machte er rassistische Bemerkungen über das Personal. Mein Gott, diese Leute. Sobald wir wieder in Heathrow gelandet waren, habe ich ihn abserviert.

Ich lösche seine Nachrichten und gehe auf Instagram. Mein privater Account hat kaum Follower, und ich nutze ihn eher zum Spionieren als zum Posten. Hauptsächlich, um Freddie, meinen Ex-Freund von der Uni, auszuspionieren. Den süßen, sensiblen, wohlhabenden Freddie. Ich habe ihn geliebt, und er hat mich geliebt. Bis er es nicht mehr tat. Bis er mich am Abend der Abschlussfeier verlassen hat.

Ich spüre das vertraute Stechen in meiner Magengrube, als ich auf sein Profil klicke. Tränen steigen mir in die Augen, als ich einen neuen Beitrag über seine bevorstehende Hochzeit mit seiner Freundin Florence sehe. Freddie und Florence. Erschießt mich doch einfach. Ich starre auf ein Foto von den beiden, das im Garten der Villa seiner Eltern in Berkshire aufgenommen worden war. Nicht mehr lange, bis ich sie heirate! #blessed

Ich hätte mit Freddie auf dem Foto sein sollen. Das wäre das Leben gewesen, das ich eigentlich hätte führen sollen. Stattdessen sitze ich in London fest, schufte in der Personalabteilung von Pillar Assurance. Ein Job, den ich hasse, und zahle eine astronomische Miete für eine Bruchbude. Keine Ersparnisse. Keine Aussicht darauf, mir je eine eigene Wohnung kaufen zu können.

Als ich mich das letzte Mal bei Gemma über mein unerträgliches Leben beklagte, sagte sie, ich solle mich nicht über Probleme der ersten Welt beschweren. Diese Art von Unehrlichkeit macht mich wütend. Ich glaube keine Sekunde lang, dass Gemma, ausgelaugt von ihrem Job als Grundschullehrerin und ausgenutzt von Damien, diesem Versager, mit ihrem Leben zufrieden ist.

Im Gegensatz zu ihr will ich mehr vom Leben und ich schäme mich nicht, das zuzugeben. Ich mag Luxus. Ich mag große, weiche Betten in Fünfsternehotels. Seidenkissenbezüge und Bettwäsche aus ägyptischer Baumwolle. Das Gefühl von teurer Unterwäsche auf meiner Haut. Ich bin für dieses Leben geboren. Hätte mein Vater nicht alles vermasselt und mich nicht nach einer privilegierten Kindheit in den sozialen Abgrund gestoßen, hätte ich jetzt ein Leben in Luxus. Deshalb arbeite ich so hart daran. Deshalb hänge ich in dieser Bar herum, in der Hoffnung, jemandem zu begegnen, der mein Leben verändert. Während ich den letzten warmem Schluck Martini runterkippe, frage ich mich, ob ich meine Zeit verschwende.

„Entschuldigung, ist dieser Platz frei?“

Ich drehe mich um und sehe einen großen Mann mittleren Alters, der auf mich herabblickt. Ist dieser Platz frei? Eine altbekannte Anmache, die ich schon oft gehört habe. Ich schaue mit gesenktem Kopf zu ihm auf „Nur zu.“

Als er sich auf dem Barhocker niederlässt, stelle ich fest, dass es tatsächlich der einzige freie Platz ist.

Vielleicht will er mich doch nicht anbaggern? Ich warte darauf, dass er mich anspricht, aber stattdessen winkt er Josh herbei.

„Könnte ich bitte eine Flasche Dom Perignon haben?“, sagt er. „Den 2013er. Mit zwei Gläsern.“

Ein Mann mit gutem Geschmack, was Champagner angeht. Ein Mann mit guten Manieren, obwohl er bereits davon ausgeht, dass ich mit ihm etwas trinken werde, was man für arrogant halten könnte.

Er zieht sein marineblaues Jackett aus und hängt es an einen der Haken unter dem Tresen. Der weiche Stoff streift mein Bein. Er steckt den Saum seines strahlend weißen Hemdes in seine dunkle Jeans. Ich warte darauf, dass er mit Small Talk beginnt, aber er sagt nichts. Während er in die Ferne starrt, nutze ich die Gelegenheit, ihn zu mustern. Er muss mindestens fünfzig sein. Er hat graues, ordentlich geschnittenes Haar. Volles Haar, wobei es an den Seiten etwas dünner wird. Ziemlich gut aussehend. Nicht ganz auf dem Niveau von George Clooney, aber dennoch attraktiv. Kräftiges Kinn, breite Schultern. Ein leichter Bauch hängt über dem Hosenbund seiner Jeans.

Ein Silberfuchs. Leichte Beute.

Er trägt eine Rolex. An seinem rechten kleinen Finger glänzt ein goldener Siegelring. Alter Geldadel?

Als er seine manikürten Hände auf den Tresen legt, entdecke ich seinen Ehering. Hätte ich mir denken können. Er wartet auf seine Frau und macht sich nicht an mich ran. Ich habe nicht nur One-Night-Stands aufgegeben, sondern auch verheiratete Männer. Ich hatte mehrere Affären mit ihnen, und obwohl sie Spaß machten und die Männer immer großzügig und dankbar waren, endete meine letzte Affäre in einem Chaos. Der Mann, der sich Nick nannte, erklärte plötzlich, er wolle seine Frau für mich verlassen. Verrückt. Wir trafen uns immer nur zum Sex in Hotelzimmern, und er hat mir nie seinen richtigen Namen verraten. Da ich keine Ehe zerstören wollte, beendete ich die Affäre. Er nahm es nicht gut auf. Er rief mich wochenlang jeden Tag an und schrieb mir Nachrichten, bis er schließlich aufgab. Danach beschloss ich, meine Zeit lieber mit verfügbaren Kandidaten zu verbringen.

Josh kommt mit dem Champagner in einem Eiskübel und zwei schmalen Champagnerflöten zwischen den Fingern zurück. „Darf ich Ihnen einschenken, Sir?“

Der Mann nickt. Josh füllt die Gläser mit der bernsteinfarbenen, sprudelnden Flüssigkeit. Mit einem resignierten Blick schiebt er eines der Gläser in meine Richtung. Als ich den Kopf schüttle, zieht er es diskret zurück und schiebt es dem Mann zu. Dann schenkt er mir ein sowohl erleichtertes als auch hoffnungsvolles Lächeln.

„Nur die Rechnung“, sage ich zu ihm.

Zeit, sich zu verabschieden. Zeit, meine Verluste zu begrenzen und zurück in meine traurige kleine Wohnung zu gehen.

Der Mann neben mir senkt den Kopf und gibt ein seltsames ersticktes Geräusch von sich. Weint er?

„Alles in Ordnung?“, frage ich.

„Entschuldigung.“ Er trocknet sich die Augen. „Entschuldigung.“

„Sie müssen sich nicht entschuldigen. Ich wollte nur …“

„Meine Frau hat heute Geburtstag.“

Warum macht ihn das traurig? „Sagen Sie mir nicht, dass Sie vergessen haben, ihr ein Geschenk zu kaufen?“, necke ich ihn.

Er dreht sich zu mir um. Er hat auffällige Augen. Tiefblau mit bernsteinfarbenen Sprenkeln. Gequält schaut er mich an.

„Sie ist tot“, sagt er.

„Oh. Das tut mir leid.“ Ein Witwer. Interessant. „Vor Kurzem?“, frage ich.

„Vor etwas mehr als einem Jahr.“

Ich schüttle den Kopf. „Das ist hart.“

Ein Jahr. Dieser Mann muss noch in Trauer und sehr verletzlich sein. Ist das etwas Gutes?

„Das war ihr Lieblingschampagner.“ Er deutet auf die Gläser, aus denen die Bläschen langsam verschwinden. „Ich dachte, ich würde sie zu einem Geburtstagsdrink einladen.“ Ein kurzes, gequältes Lachen. „Dumme Idee.“

„Das ist eine schöne Idee.“ Seine Trauer ist bewegend. Seine Frau hatte Glück, so geliebt worden zu sein. Wenn ich morgen sterben würde, wer würde um mich trauern?

„Und jetzt habe ich eine Flasche Champagner, die ich alleine nicht austrinken kann“, sagt er. „Zumindest sollte ich das nicht.“ Er starrt mich an, als würde er mich zum ersten Mal sehen. „Helfen Sie mir?“

„Ich möchte mich nicht aufdrängen.“

„Sie würden mir einen Gefallen tun. Oder haben Sie schon etwas vor?“

„Ich wollte mich mit einer Freundin treffen, aber sie hat mich versetzt.“

Er schiebt mir ein Glas Champagner hin.

„Ich habe eine bessere Idee.“ Ich winke Josh zu mir herüber. Als er mit dem Kartenlesegerät in der Hand zu mir kommt, sage ich ihm, dass ich doch bleiben werde, und bitte ihn, mir noch eine Champagnerflöte zu bringen. Er runzelt die Stirn und wendet sich ab. „Wie hieß Ihre Frau?“, frage ich den Mann.

„Riley.“ Sein Gesicht wird weicher. „Sie hieß Riley.“

„Ein ungewöhnlicher Name.“

„Ja. Sie war Amerikanerin.“ Er lächelt. „Als wir uns kennenlernten, erzählte sie mir, dass sie schon immer in Hugh Grant verliebt war. Wir scherzten immer, dass sie sich in meinen Akzent verliebt hatte und nicht in mich.“

„Das glaube ich nicht.“ Er sieht Hugh Grant zwar überhaupt nicht ähnlich, aber er hat etwas von dem zurückhaltenden Charme des Schauspielers.

Das Lächeln verschwindet wieder von seinem Gesicht. Seine Augen nehmen wieder diesen gequälten Ausdruck an.

„Nun“, sage ich. „Ich finde, Riley sollte trotzdem ihren Geburtstagsdrink bekommen.“

„Das ist sehr nett von Ihnen.“ Er seufzt. „Danke.“

„Gern geschehen.“

Sein Blick wandert zu meinem Dekolleté und wieder nach oben. Eine kleine Bewegung, aber eine wichtige. Selbst in seiner Trauer kann er nicht widerstehen, mich zu mustern. Als ich mir die Haare hinter das Ohr streiche, beobachtet er mich dabei. Kleine Gesten wie diese ziehen immer die Aufmerksamkeit eines Mannes auf sich. Ich frage mich, ob er Kinder hat und wenn ja, wie alt sie sind.

Josh bringt mir ein Glas und füllt es. Sein Blick wandert von mir zu meinem Trinkgefährten und wieder zurück. Er wirkt genauso missbilligend wie Gemma, aber noch etwas anderes ist in seinem Blick zu erkennen. Ein Anflug von Abscheu.

Scham steigt in mir auf. Im Spiegel hinter der Bar erkenne ich, dass der Mann und ich ein seltsames Paar sind. Der Altersunterschied ist offensichtlich. Na und? Ich fand ältere Männer schon immer attraktiv. Ein Therapeut würde bei mir sicher einen Vaterkomplex diagnostizieren, aber welches Mädchen hat den nicht?

Ich begegne Joshs urteilendem Blick. Was hat er mir zu bieten? Ein Zimmer in einer chaotischen Wohngemeinschaft und mittelmäßigen Sex? Eine glanzlose Beziehung, in der ich meine ganze Energie darauf verwende, ihm ein gutes Gefühl zu geben und ihm zu helfen, seinen Weg im Leben zu finden. Nein. Ich möchte nicht auf das Potenzial eines Mannes setzen. Ich würde viel lieber von einer sicheren Investition profitieren.

Ich drehe mich demonstrativ von Josh weg und hebe mein Glas. „Ich bin Leah“, sage ich zu dem Mann neben mir.

„Ich bin Miles.“

Wir stoßen an. Ein leises Klirren ertönt.

„Auf abwesende Freunde“, sage ich.

Sein Lächeln kehrt zurück. „Auf neue Bekanntschaften.“

2

DIE TAGESZEITUNG PICARDY

EHEFRAU EINES ORTSANSÄSSIGEN CHÂTEAU-BESITZERS TOT AUFGEFUNDEN

Die Polizei hat bestätigt, dass Riley Sinclair, die Ehefrau von Miles Sinclair, im Château Clairvallon, dem Anwesen der Familie in der Nähe von Montreuilac, tot aufgefunden wurde. Es wurden noch keine offiziellen Details bekannt gegeben, aber es wird angenommen, dass Mrs Sinclair von der Dachterrasse des Châteaus gestürzt ist. Die Polizei hat den Tod als Unfalltod eingestuft.

Mr und Mrs Sinclair verbrachten die Osterferien im Château Clairvallon. Sie hatten gerade am Tag vor ihrem Tod ihren siebten Hochzeitstag gefeiert.

Ihr Ehemann hat folgende Erklärung abgegeben:

Es ist unmöglich, die Trauer in Worte zu fassen, die ich und alle, die Riley nahestanden, in diesem Moment empfinden. Sie so plötzlich zu verlieren, ist ein schrecklicher Schock, und obwohl die Feststellung eines Unfalltods in gewisser Weise eine Erleichterung ist, ist es dennoch unvorstellbar, dass sie uns durch eine Tragödie genommen wurde, die hätte verhindert werden können.

3

LEAH

Sechs Wochen später, Juli

Mein Haar weht mir ums Gesicht, als das silberne Lexus-Cabrio mit offenem Verdeck über schmale Landstraßen saust. Der Himmel über uns ist klar und blau. Es ist fast 18 Uhr, aber die Sonne scheint noch immer warm.

Kaum zu glauben, dass wir hier, tief in der friedlichen Landschaft der Picardie, mit weiten Feldern zu beiden Seiten, nur anderthalb Stunden vom chaotischen Trubel des Pariser Großstadtlebens entfernt sind.

Miles sitzt neben mir auf dem Fahrersitz des Mietwagens, den Blick auf die Straße gerichtet. Er lenkt das Fahrzeug routiniert, als wir in eine enge Kurve fahren.

Wir nehmen sie mit hoher Geschwindigkeit und als das Auto wieder geradeaus fährt, sieht er mich mit einem selbstzufriedenen Lächeln an, als wäre er von seinen eigenen Fähigkeiten beeindruckt.

Ich lächle zurück und lege eine Hand auf seinen Oberschenkel. Ich bin eine gute Fahrerin und würde gerne den Lexus ausprobieren, aber ich bin mehr als glücklich, chauffiert zu werden, und in diesem Spiel lohnt es sich, das männliche Ego die Hauptrolle spielen zu lassen.

Miles wirkt hinter dem Steuer entspannt. Als wir heute Morgen nach unserer Nacht im Ritz Paris verlassen haben, schien er noch nervös zu sein. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, wohin wir fahren und welche Erinnerungen das in ihm wachrufen wird.

Als er vor zehn Tagen zum ersten Mal eine Reise zum Château Clairvallon vorschlug, war ich überrascht. Wir kennen uns erst seit sechs Wochen. Bedeutet diese Reise, dass unsere Beziehung langsam ernst wird? Seit wir uns im Mandarin Oriental kennengelernt haben, habe ich ihn in diese Richtung lenken wollen. Bei unserem ersten Date habe ich ihm gesagt, dass ich eine echte Beziehung suche und keinen Gelegenheitssex. Wir waren über zwei Wochen zusammen, bevor ich mit ihm schlief. Seitdem habe ich die meisten Nächte in seiner Wohnung in South Kensington verbracht, der Junggesellenbude, die er gekauft hat, nachdem er das Stadthaus in Chelsea verkauft hatte, in dem er mit Riley gelebt hatte. Ich habe ihn nicht in meine Wohnung in Tooting mitgenommen, und er hat nie danach gefragt. Ich habe ihn glauben lassen, dass mein Leben und meine Vergangenheit unkompliziert sind, und das scheint ihn beruhigt zu haben. Keine Familie, mit der er sich auseinandersetzen muss. Keine Ex-Ehemänner oder Kinder. Soweit er weiß, bin ich eine Frau ohne Altlasten.

Wir biegen nach rechts in eine schmalere Straße ab. Hohe, ineinander verschlungene Buchen zu beiden Seiten bilden ein kühlendes grünes Dach über der Straße. Ich neige meinen Kopf nach hinten und beobachte, wie das Sonnenlicht durch das Blätterdach glitzert.

Ein paar Minuten später hält Miles an einer Ausweichstelle am Straßenrand an.

„Da.“ Er zeigt durch eine Lücke zwischen zwei dicken, glatten Buchenstämmen. „Kannst du es sehen?“

Ich nehme die übergroße Celine-Sonnenbrille ab, die er mir gestern in Paris gekauft hat, und kneife die Augen zusammen.

„Kannst du es sehen?“ In seiner Stimme schwingt ein Hauch von Ungeduld mit.

Ich kann das Château deutlich sehen, lasse ihn aber noch ein wenig warten. Ich habe gelernt, die Besitztümer oder Errungenschaften wohlhabender Männer nicht zu enthusiastisch zu loben.

Du bist der Preis, Leah. Vergiss das niemals.

Meine Mutter hatte recht. In diesem Spiel muss man glauben, dass man selbst die Trophäe ist, und man muss auch die Männer davon überzeugen.

„Leah?“, sagt Miles.

„Jetzt sehe ich es. Wie schön.“

Selbst aus der Ferne beeindruckt das Château. Es hat zwar keine Türmchen oder Türme wie im Märchen, aber das weiße, zweistöckige Gebäude ist dennoch imposant. Es passt zu dem Bild, das ich mir von Miles gemacht habe, und zu dem, was er zu bieten hat. Solider Reichtum. Ich bin kein dummes Püppchen auf der Suche nach einem Milliardär. Das ist ein ganz anderes Spiel. Miles stammt aus einer alten Geldadel-Familie. Ein Multimillionär und Erbe eines lukrativen, privaten Gewerbeimmobilienunternehmens, das seit drei Generationen besteht. Ein Unternehmen, das er in naher Zukunft mit großem Gewinn an einen Pensionsfonds verkaufen möchte. Ein Leben mit ihm würde finanzielle Sicherheit und genau das richtige Maß an Luxus bedeuten.

Wir sehen gut aus. Miles in seiner marineblauen Leinenhose und seinem weißen Leinenhemd. Ich in meinem geblümten Isabel Marant-Maxikleid mit kurzen gerüschten Ärmeln.

„Der größte Teil des Gebäudes wurde im späten 18. Jahrhundert errichtet, aber erst Anfang des 19. Jahrhunderts fertiggestellt.“ Miles nimmt meine Hand von seinem Oberschenkel und küsst meine Handfläche. „Die ursprünglichen Besitzer, die Dumonts, waren Bauern, die mit Zuckerrüben ein Vermögen gemacht haben.“

„Oh“, sage ich und nicke an den richtigen Stellen, während er sich in eine lange Ausführung darüber stürzt, dass Frankreich während der Napoleonischen Kriege seinen eigenen Zucker produzieren musste, weil es ihn nicht aus der Karibik importieren konnte.

„Entschuldige“, sagt er schließlich, „ich weiß, dass Geschichte nicht wirklich dein Ding ist.“

„Es ist faszinierend“, sage ich.

Geschichte ist ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Ich habe versucht, so viel wie möglich über den Mann herauszufinden, den ich ins Visier genommen habe. Ich habe Online-Artikel über die Familie Sinclair gelesen. Ich habe Bilder von Miles’ inzwischen verstorbenen Eltern, Sir und Lady Sinclair, bei verschiedenen Wohltätigkeitsveranstaltungen gesehen.

Informationen über die jüngere, tragischere Geschichte des Châteaus sind viel schwieriger zu finden. Nur ein kleiner Artikel auf einer lokalen Nachrichtenwebsite namens The Picardy Daily.

Miles legt meine Hand wieder auf seinen Oberschenkel. Er hält sie unter seiner fest. „Danke, dass du mitgekommen bist.“ Seine Augen haben denselben gequälten Ausdruck wie in der ersten Nacht, als wir uns kennengelernt haben. Manchmal überkommt ihn seine Trauer, wenn wir zusammen sind. Ich respektiere das immer, und er weiß, dass ich seinen Schmerz verstehe. Gleichzeitig habe ich nicht die Absicht, mich von einer toten Frau davon abhalten zu lassen, das zu bekommen, was ich will.

An den Ort zurückzukehren, an dem Riley gestorben ist, wird sicherlich seltsam sein, aber ich halte es für ein gutes Zeichen, dass er diesen Teil seines Lebens mit mir teilen möchte. Vielleicht ist er jetzt bereit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen. Unfälle passieren. Menschen sterben unter tragischen Umständen, und die Hinterbliebenen müssen ihr Leben weiterleben. Das hat mir meine Mutter auch beigebracht.

Der Motor des Autos vibriert unter uns. „Alles in Ordnung?“, frage ich.

„Natürlich.“ Der gequälte Blick verschwindet. „Wenn ich mit dir zusammen bin, ist es fast so, als gäbe es die Vergangenheit nicht.“

Wenn ich nur ebenso leicht loslassen könnte. Letzten Monat hat Freddie Florence in einer pompösen Zeremonie in einer Villa in der Toskana geheiratet. Nachdem ich die Bilder auf Instagram gesehen hatte, habe ich mich in den Schlaf geweint und mir wird immer noch übel, wenn ich daran denke.

Miles zieht mich zu sich heran. Sein Kuss ist hart und tief, als würde er etwas für sich beanspruchen. Meine Hand entgleitet seiner und wandert über seinen Oberschenkel. Er stößt ein leises Stöhnen aus.

„Benimm dich.“ Er ergreift erneut meine Hand. „Ich muss halbwegs respektabel aussehen, wenn ich dort ankomme.“

„Bist du nicht der Gutsherr?“

„Sehr witzig.“ Er schaut auf die Rolex, die einst seinem Vater gehörte. „Also komm. Wir sind schon spät dran.“

Bevor wir Paris verließen, hörte ich ihn mit Vivienne, seiner Cousine, telefonieren. Sie wohnt seit dem kürzlichen Tod ihres Mannes im Château und führt dort den Haushalt. Nachdem er ihr gesagt hatte, dass wir nicht wie vereinbart rechtzeitig zum Mittagessen in Clairvallon ankommen würden, versprach Miles, dass wir am frühen Nachmittag eintreffen würden. Ich hoffe, dass „die gute alte Viv“, wie er sie nennt, sich nicht über unsere verspätete Ankunft ärgert.

Als ich die Einladung, eine Woche im Château zu verbringen, annahm, war mir nicht bewusst, dass ich eine trauernde Witwe als Gesellschaft haben würde. Doch Miles’ Freundlichkeit ihr gegenüber sagt viel über ihn aus. Je besser ich ihn kennenlerne, desto mehr schätze ich ihn. Hoffentlich wird dieser Urlaub keine dunklen Seiten an ihm zum Vorschein bringen, wie es bei meiner Reise nach Antigua mit James der Fall war. Rückblickend gab es von Anfang an Warnsignale bei James. Bislang war Miles nichts als höflich, sanft und fürsorglich.

Er drückt das Gaspedal durch und lässt den Lexus losjagen. Seit wir vor zwanzig Minuten das Dorf Sacy-le-Petit verlassen und auf diese Straße abgebogen sind, habe ich kein anderes Fahrzeug gesehen. Wir sind immer noch das einzige Auto auf der Straße, als Miles rechts in die Einfahrt des Châteaus einbiegt.

Vor uns taucht ein zweiflügeliges Metalltor auf. Es sieht neu aus. Nicht wie die alten schmiedeeisernen Tore, die man bei einem Anwesen wie diesem erwarten würde. Miles hält das Auto an, springt heraus und tippt einen Code in das Tastenfeld an der Seite des Tors ein. Als er wieder am Steuer sitzt, haben sich die Tore geöffnet.

Als wir auf halbem Weg durch das Tor sind, bremst Miles.

„Was ist los?“, frage ich.

 

„Entschuldige.“ Wieder dieser gequälte Blick in seinen Augen. „Ich frage mich nur, ob es richtig war, dich mit hierherzunehmen.“

„Ist schon okay“, sage ich. „Ich weiß, dass du ein Leben vor mir hattest.“

„Das ist es nicht.“

Er seufzt. „Vielleicht sollte ich wenden und uns zurück nach Paris fahren? Wir könnten rechtzeitig zum Cocktail im Ritz sein.“

„Also, wenn du das wirklich nicht möchtest …“

„Hör nicht auf mich.“ Er trommelt mit den Fingern auf das Lenkrad. „Jetzt ist es zu spät. Vivienne wird warten.“

Er gibt Gas und wir rasen los.

Das Eisentor fällt hinter uns mit einem lauten Klirren zu.

4

LEAH

Juli

Kies knirscht unter den Rädern, als der Lexus vor dem Château hält, neben einem rot-weißen 2CV-Cabrio, das schon bessere Tage gesehen hat. Hinter uns liegt die gewundene Auffahrt, flankiert von hoch aufragenden Linden. Zu beiden Seiten der Auffahrt erstrecken sich grüne Rasenflächen, gesäumt von bunten Blumenbeeten. Als Miles den Motor abstellt, umgibt mich Vogelgezwitscher. Das hohe Pfeifen und Rufen kleinerer Vögel und darunter das leise Gurren von Ringeltauben. Wenn ich einatme, steigt mir der Duft von frisch gemähtem Gras in die Nase.

Eine Steintreppe führt von der Auffahrt hinauf zu einer langen Terrasse vor dem Château. Die Balustrade, die die Terrasse umgibt, ist mit Moos und Flechten bewachsen. Aus der Nähe betrachtet sieht das Äußere des Gebäudes etwas heruntergekommen aus. Hier und da blitzt sandfarbener Stein durch die abblätternde weiße Farbe. Bei einigen der hellgrünen Fensterläden fehlen Lamellen. Es ist rustikaler, als ich es mir vorgestellt hatte, aber dennoch schön. Zwei verglaste Doppelbogentüren bilden den Eingang zum Château. Über ihnen befindet sich die kunstvolle Schnitzerei eines Löwenkopfes und darüber, in den Stein gemeißelt, die Jahreszahl 1814. Das muss das Jahr sein, in dem das Gebäude fertiggestellt wurde.

Ich blicke hinauf zum grauen Mansardendach mit seinen Schieferziegeln und den darin eingelassenen gewölbten Dachfenstern. Ähnlich wie bei den alten Gebäuden in Paris. Wo ist die Dachterrasse? Ich schaue mich um. Ganz links befindet sich etwas, das wie ein Anbau an das ursprüngliche Gebäude aussieht.

Er ist klein, etwa so groß wie ein Zimmer, erstreckt sich in der Höhe aber über das Erdgeschoss und das erste Stockwerk und hat ein Flachdach, das von einem schmiedeeisernen Geländer umgeben ist. Ist es das? Ist Riley dort heruntergefallen? Ist sie auf den Steinplatten darunter aufgeschlagen? Ihr Körper verdreht und zerbrochen neben den blauen Keramikblumentöpfen?

Ich schaue kurz zu Miles, aber sein starrer Blick bleibt nach vorne gerichtet.

Mein Magen zieht sich zusammen. Nicht nur die Gedanken an Riley beunruhigen mich, sondern auch die bevorstehende Begegnung mit Vivienne. Bis jetzt waren Miles und ich zu sehr miteinander beschäftigt, um unsere Beziehung in irgendeiner Weise offiziell zu machen. Er hat nie den Wunsch geäußert, meine Freunde kennenzulernen, und er hat mir auch keine seiner Freunde vorgestellt. Vivienne ist mit zweiundfünfzig nur etwas mehr als ein Jahr jünger als er und die einzige Verwandte, die er noch hat. Die Tochter der Schwester seines Vaters. Die Einzige, der er nahesteht. Sie kannte Riley auch. Bis jetzt hatte ich noch mit niemandem zu tun, der Miles’ verstorbene Frau kannte.

Plötzlich habe ich das Gefühl, nicht dazuzugehören. Nicht gut genug zu sein.

Ich atme tief durch. Die Ausstrahlung einer Hauptfigur. Das ist es, was ich jetzt brauche. Das ist meine Geschichte. Ich verdiene es, darin die Hauptrolle zu spielen.

„Nun“, sagt Miles, „da sind wir.“ Er öffnet die Fahrertür und versucht, mit einer geschmeidigen Bewegung aus dem Lexus auszusteigen, aber das gelingt ihm nicht. Er greift nach der Tür und zieht sich mit einem leisen Grunzen heraus. Ich schaue auf meinen Schoß, um mein Lächeln zu verbergen. Ich möchte nicht, dass er denkt, ich würde mich über ihn lustig machen.

Ich bleibe sitzen, während Miles um das Auto herumgeht und mir die Beifahrertür öffnet. „Danke.“ Wenn man von Männern erwartet, dass sie einen wie eine Königin behandeln, tun sie das auch.

Als die Keilabsätze meiner Chloe-Sandalen auf den Kies treffen, öffnen sich die Türen des Châteaus und eine Frau tritt auf die Terrasse.

„Hallo, Viv“, sagt Miles.

Cousine Vivienne ist nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Ich hatte mir eine große, kräftige Frau vorgestellt. Breitschultrig und stark. Stattdessen steht vor mir eine kleine, dünne Frau mit gespenstisch blassem Gesicht. Ihr strohblondes Haar ist zu einem unordentlichen Knoten hochgesteckt. Vorne verläuft eine einzelne weiße Strähne durch ihr Haar. Ein schwarzes Hemdkleid umhüllt ihren zierlichen Körper. Ihre Hände sind in den Taschen einer schwarzen Schürze versteckt.

„Miles“, sagt sie. Ist das neue Tor in Ordnung?“

„Ja, funktioniert wunderbar.“ Er zeigt auf den rostigen 2CV. „Ich kann nicht glauben, dass Dolly noch fährt. Sie sieht aus wie eine Todesfalle. Bist du sicher, dass du damit fahren solltest?

„Sie ist völlig in Ordnung. Hör auf, herumzunörgeln.“ Vivienne breitet die Arme aus. „Komm her, du.“

Er läuft die Stufen hinauf und fällt ihr in die Arme. „Schön, dich zu sehen.“

Sie küssen sich auf beide Wangen, wie es in Frankreich üblich ist. Als sie sich trennen, legt Miles einen Arm um ihre Schulter. Sie steht neben ihm, einen Arm um seine Taille gelegt. Sie blicken von der obersten Stufe auf mich herab, als wären sie ein Paar, das mich in ihrem Zuhause willkommen heißt.

„Schön, dich kennenzulernen, Vivienne.“ Ich gehe die Treppe hinauf auf sie zu, meine Hand ausgestreckt. „Miles hat mir viel von dir erzählt.“

An ihrem verblüfften Gesichtsausdruck kann ich erkennen, dass Miles ihr nichts von den dreißig Jahren Altersunterschied zwischen uns erzählt hat. Ich bin vierundzwanzig, er vierundfünfzig. Sie schaut von mir zu ihm und wieder zurück. Eine schnelle Abfolge von Urteilen blitzt in ihrem Gesicht auf. Zu jung. Goldgräberin. Nicht Riley.

Mit Miles zusammen zu sein, ruft zwangsläufig die ersten beiden Kritikpunkte hervor. Und jeder, der Riley kannte, wird mich unweigerlich mit seiner verstorbenen Frau vergleichen. Da kann ich nicht viel dran ändern.

„Hallo, Leah.“ Sie lässt Miles los und nimmt meine Hand. Ihre Handfläche fühlt sich rau und trocken an, im Gegensatz zu meiner glatten, gepflegten Hand. Ihr Handgelenk ist zart wie das einer Puppe. Ich habe Angst, ihre Hand zu fest zu schütteln, da ich befürchte, sie zu zerbrechen. „Willkommen im Château Clairvallon“ sagt sie.

Sie spricht sehr kultiviert.

Ihre Stimme ist fest und klar. Sie hat dieselben tiefblauen Augen wie Miles. Ihre Augenbrauen und Wimpern sind so hell, dass sie fast unsichtbar sind. Um ihre Augenwinkel verlaufen tiefe Falten, und auch auf ihrer Stirn zeichnen sich Runzeln ab. Die einzige Farbe in ihrem blassen Gesicht sind die Sommersprossen.

„Entschuldige, dass wir das Mittagessen verpasst haben“, sagt Miles. „Leah bestand darauf, dass wir die Pariser Geschäfte ausgiebig erkunden, bevor wir hierherfahren.“

Gut gemacht, Miles. Eine klare Bestätigung für Viviennes ersten Eindruck von mir. Es stimmt, dass eine meiner Bedingungen für diese Reise eine Übernachtung in Paris war, damit ich mich mit Sommerkleidung eindecken konnte. Ich wusste, dass Miles mir die Kleidung bezahlen würde, also nutzte ich die Gelegenheit und nahm ihn mit zur Samaritaine, einem neuen Kaufhaus in der Rue de Rivoli. Ein Kaufhaus, das für seine Auswahl an Designermarken bekannt ist.

„Es ist seine Schuld“, sage ich. „Er verwöhnt mich.“

„Miles war schon immer großzügig“, sagt Vivienne. „Das ist sowohl ein Segen als auch ein Fluch.“

Ich hoffe, dass nicht sie unsere Koffer ausladen muss.

Plötzlich kommt mir mein Berg an mit Schleifen verschnürten Einkaufstüten beschämend vor.

Sie holt einen schwarzen Vape-Pen aus ihrer Schürzentasche, steckt ihn zwischen ihre dünnen Lippen und inhaliert.

„Wirklich?“, sagt Miles. „Ich dachte, du hättest aufgehört?“

„Nörgel nicht rum.“ Rauch strömt aus ihren Nasenlöchern. „Wenigstens habe ich die Zigaretten aufgegeben.“

Vivienne scheint im Moment Halt zu brauchen. Nicht dass ich sie dafür verurteilen würde. Sie hat gerade ihren Mann verloren.

„Das Abendessen ist vorbereitet“, sagt sie zu Miles. „Genau wie du es gewünscht hast.“

„Wunderbar.“ Miles schenkt mir ein kurzes Lächeln. „Viv wird für uns kochen, während wir hier sind, aber heute Abend machen wir ein Picknick. Alles aus der Region. Das wird dir gefallen.“

„Klingt toll“, sage ich.

„Hast du irgendwelche Allergien oder Unverträglichkeiten?“, fragt mich Viv.

„Miles sagte, du hättest keine, aber Leute in deinem Alter scheinen immer irgendetwas nicht zu vertragen.

„Nein“, sage ich. „Ich esse alles.“ Ich genieße mein Essen und kann problemlos ein achtgängiges Michelin-Sterne-Degustationsmenü mit passenden Weinen verdrücken. Miles mag das an mir. Er sagt, es sei eine Freude, mit mir essen zu gehen.

„Ich hatte Schwierigkeiten, den Tisch in der Pergola zu verlängern“, sagt Vivienne. „Vielleicht könntest du das übernehmen, Miles, und ich zeige Leah ihr Zimmer.“

Miles zögert. „Bist du dir sicher?“

„Natürlich.“ Sie deutet auf die Türen des Châteaus. „Leah, sollen wir?“

5

LEAH

Juli

Die Eingangshalle des Châteaus ist ein heller, warmer Raum. Die schwarz-weißen Fliesen unter meinen Füßen sind blitzsauber, aber abgenutzt. Über mir hängt ein gläserner Kronleuchter mit Kerzenlampen. Vor mir liegt ein Torbogen, der zu einer Treppe führt. Links vom Torbogen steht eine hohe Standuhr und daneben ein hoher, schmaler Tisch mit einem schwarzen Telefon aus den Siebzigern. Rechts vom Torbogen stehen zwei hölzerne Garderobenständer, von denen einer mit zahlreichen Mänteln und Jacken behängt ist, während den anderen eine große Sammlung von Mützen und Sonnenhüten ziert.

„Wir ziehen hier unsere Straßenschuhe aus.“ Vivienne zeigt auf den Boden zwischen den Garderobenständern, wo Flipflops, Turnschuhe und Gummistiefel wild durcheinanderliegen. „Der Bodenbelag in diesem Château ist sehr alt, deshalb tun wir alles, um ihn zu schonen.“ Sie zeigt auf die klassischen schwarzen Espadrilles an ihren schmalen Füßen. „Die tragen wir hier drinnen.“

Ich ziehe meine Sandalen aus und stelle sie ordentlich neben die anderen Schuhe. Die Fliesen sind kühl unter meinen Füßen. Vivienne wirft einen Blick auf den glänzenden roten Lack meiner pedikürten Zehennägel. Er passt perfekt zu meinen manikürten Fingernägeln.

Ich ignoriere sie und schau mich um. Zu meiner Rechten geht der geflieste Flur in einen glänzenden Parkettkorridor über, der durch mehrere Räume zu führen scheint. Links ist es genauso. „Na?“, sagt Vivienne. „Nicht ganz das Märchenschloss, das du dir vorgestellt hast, oder?“

„Es ist bezaubernd.

„Diese Art von Châteaus sind eher große Herrenhäuser als Schlösser. Die Leute verwechseln das oft.“

„Schuldig“, sage ich und bemerke das Grinsen, das über Viviennes Gesicht huscht. Am besten stelle ich mich dumm und lasse sie glauben, sie hätte die Kontrolle. Sie hat offensichtlich sofort eine Abneigung gegen mich entwickelt, aber ich kann es mir nicht leisten, mich davon aus der Ruhe bringen zu lassen.

Die Standuhr schlägt feierlich zur halben Stunde, als Vivienne mich durch den Torbogen führt. Neben der Treppe bietet mir eine halb geöffnete Tür einen Blick auf etwas, das wie eine Küche aussieht.

Irgendwo über uns schlägt eine andere Uhr die halbe Stunde. Meine nackten Füße treten leise auf die Holztreppe, als ich Vivienne nach oben folge. Ein seltsames Klirren begleitet sie bei jedem Schritt. Ich erhasche einen Blick auf ihre blassen, sommersprossigen Waden.

 

Die Holztreppe ist durch jahrhundertelangen Gebrauch glatt poliert, mit einer Vertiefung in der Mitte jeder Stufe, wo die Füße am häufigsten auftreten. Einmal rutsche ich fast aus und muss mich am Geländer festhalten.

Verschiedene Gegenstände schmücken die Wände. Eine Spielzeugtrommel. Gerahmte Briefe in kunstvoller Handschrift, das sepiafarbene Papier an den Rändern zerfleddert. Drei Paraffinlampen stehen auf einem Regal.

„Meine Tante und mein Onkel wollten das Leben der ursprünglichen Besitzer des Châteaus würdigen“, sagt Vivienne. „Sie waren fasziniert von der Geschichte des Gebäudes und der Gegend.“

„Wow. Wirklich interessant.“

Als wir den Treppenabsatz im ersten Stock erreichen, bleibt Vivienne stehen, sodass ich mir einen kurzen Überblick verschaffen kann.

„Zu den Zimmern im Ostflügel geht es dort lang“, sagt sie und zeigt nach rechts.

„Die Zimmer im Westflügel sind in der entgegengesetzten Richtung.“ Ihre Arme bewegen sich mechanisch, während sie spricht, wie eine Flugbegleiterin, die in einer Notfallübung die Notausgänge ausweist.

„Ich kann es kaum erwarten, sie zu erkunden“, sage ich. „Diese alten Häuser müssen einige wirklich kuriose Ecken haben.“

„Die meisten Zimmer im Ostflügel sind verschlossen.

„Warum?“

„Die Instandhaltung eines solchen alten Gebäudes kostet ein Vermögen. Es ist einfacher, von Zeit zu Zeit bestimmte Bereiche zu schließen.“

„Ich verstehe.“

„Ich wohne allerdings im Ostflügel. Ich habe mein Zimmer schon immer dort gehabt.“ Ich versuche, freundlich zu lächeln. „Sie kennen sich hier sicher gut aus?“

„Ja, ich kenne mich hier sehr gut aus.“

„Ich komme schon seit ich denken kann jeden Sommer hierher.“ Sie lächelt nicht zurück. „Und auch schon in den Sommern davor. Seit ich ein Baby war.“

Ich folge ihr in den Westflügel. Rote sechseckige Fliesen bedecken einen schmalen, aber hellen Korridor. Am anderen Ende steht eine weitere große Standuhr. Die frühe Abendsonne scheint durch hohe Bogenfenster, von denen aus man den Garten und die Auffahrt überblicken kann. Zu unserer Rechten reihen sich mehrere Türen aneinander, alle hellgrün gestrichen.

„Wie viele Zimmer hat das Château?“, frage ich.

„Acht Schlafzimmer, vier Badezimmer, zwei Empfangsräume, ein Arbeitszimmer, die Küche, das Esszimmer und einen Hauswirtschaftsraum.“ Sie bleibt vor einer der grünen Türen stehen. „Hier werdet du und Miles schlafen.“

Sie holt einen großen Schlüsselbund aus ihrer Schürzentasche. Das erklärt das Klirren, das ich auf der Treppe gehört habe. Sie schließt die Tür auf und öffnet sie. Ein heller, geräumiger Raum, durch dessen hohes rechteckiges Fenster goldenes Licht hereinströmt. Das Fenster ist geöffnet, die Fensterläden sind zurückgeklappt. Weiße Musselinvorhänge hängen schlaff von der zinnernen Gardinenstange. Ein großer Orientteppich bedeckt teilweise den lasierten Holzboden. Die Möbel sehen antik aus. Die Gemälde an den Wänden, pastellfarbene Landschaften der französischen Provinz, sind wenig inspirierend.

Ein Himmelbett dominiert den Raum. Pfirsichfarbene Vorhänge hängen vom Mahagonirahmen herab und sind mit goldenen Kordeln zusammengebunden. Eine kitschige Bettdecke mit Blumenmuster bedeckt die breite Matratze, und dazu passende Kissen schmücken das üppige Nest aus Federkissen.

Hat Miles dieses Bett einst mit Riley geteilt? Ich verdränge diesen Gedanken. Es hat keinen Sinn, kindisch und sentimental zu sein.

„Sie haben im Ostflügel geschlafen“, sagt Vivienne, als hätte sie meine Gedanken gelesen. „Ich würde euch niemals ihr gemeinsames Zimmer geben. Das wäre nicht angemessen.“

Obwohl Riley schon seit über einem Jahr tot ist? Trotzdem bin ich erleichtert, mein Bett nicht mit einem Geist teilen zu müssen.

Vivienne räuspert sich. „Das Ehebett ist heilig.“ Na toll. Sie ist offensichtlich eine Traditionalistin. Eine überzeugte Verfechterin der Heiligkeit der Ehe. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns gut verstehen, wird immer kleiner.

„Der Tod ändert daran nichts“, fügt sie hinzu und dreht ihren Ehering am Finger hin und her. Sie denkt bestimmt an Dom, ihren verstorbenen Ehemann. Er ist erst seit fünf Monaten tot. Ich muss ihr etwas Nachsicht entgegenbringen und daran denken, dass sie noch trauert.

„Ich zeige dir das Bad“, sagt sie. Wir gehen ins angrenzende Badezimmer. Die Wände sind in einem sanften Hellblau gehalten. Die Vorhänge sind aus demselben grellen Stoff wie die Tagesdecke. Das ist überhaupt nicht mein Geschmack, aber mir gefallen das breite, altmodische Waschbecken mit den goldenen Wasserhähnen und die frei stehende Badewanne mit den goldenen Klauenfüßen. Ich stelle mir vor, wie ich mich in duftendem Schaum zurücklehne und auf die Kiefern blicke, die vom gegenüberliegenden Fenster eingerahmt werden.

„Die Badewanne ist tabu“, sagt Vivienne. „Wir müssen die Wasserrechnung niedrig halten.“

„Oh, ich verstehe.“ Sie sieht nicht wie eine Frau aus, die sich lange, ausgiebige Bäder gönnt.

„Nebenan gibt es eine Dusche. Die wird Ihnen sicher ausreichen.“

„Okay. Kein Problem.“ Ich wette, ich kann Miles davon überzeugen, ihr Verbot zu überstimmen. Vor allem, wenn ich ihm vorschlage, dass wir gemeinsam baden.

Vivienne zeigt auf die frischen weißen Handtücher, die sie auf den hölzernen Handtuchhalter gehängt hat, und auf die Fragonard-Seife in der muschelförmigen Seifenschale auf dem Waschbecken.

„Danke“, sage ich und denke an meinen Job als Zimmermädchen während meiner Zeit an der Universität von Edinburgh. Lange Schichten im Fünfsternehotel Balmoral. Das Aufsammeln gebrauchter, verschmutzter Handtücher vom Badezimmerboden. Gott sei Dank sind diese Zeiten vorbei. „Es ist sehr nett, dass du dich so kümmerst.“

„Ich möchte mich hier nützlich machen.“

Miles erzählte mir, dass er Vivienne aus Gefälligkeit im Château wohnen lässt. Sie hat ein eigenes Haus, ein großes Cottage in der Nähe von Sevenoaks in Kent, aber seit dem Tod ihres Mannes hält sie es dort nicht mehr aus. Sie hat einen Sohn, Nathan, der jedoch kürzlich nach New York gezogen ist, um dort als Börsenmakler zu arbeiten. Vivienne arbeitet als Englischlehrerin an einer Privatschule in der Nähe von Sevenoaks, aber laut Miles nimmt sie gerade eine Auszeit. Ihr Mann starb bei einem Autounfall. Brutal und plötzlich. Keine Chance, sich zu verabschieden. Miles weiß, wie sich das anfühlt, und ich bin mir sicher, dass ihre ähnlichen Verluste sie noch näher zusammengebracht haben.

Vivienne schnaubt und huscht zum Handtuchhalter hinüber. Sie nimmt die Handtücher herunter und beginnt, sie neu zu ordnen, wobei sie ein Maß an Symmetrie anstrebt, das für mich nicht erkennbar ist.

Ich lasse sie allein und gehe zurück ins Schlafzimmer. Als ich mich auf das Himmelbett setze, quietschen die Matratzenfedern unter mir. Ein gerahmtes Foto auf dem Nachttisch zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Riley blickt mich aus dem Rahmen an, ihr Gesicht von einem strahlenden Lächeln erhellt. Ihr kurzes kastanienbraunes Haar glänzt. Ihre kakifarbenen Shorts und ihr weißes T-Shirt betonen ihren gebräunten, athletischen Körper. Ich würde sie überall wiedererkennen, obwohl ich nur ein einziges Foto von ihr gesehen habe. Das Porträtfoto, das den kurzen und wenig aussagekräftigen Online-Nachruf ergänzte, den ich entdeckt hatte.

Nachdem ich angefangen hatte, mich mit Miles zu treffen, habe ich natürlich das Internet nach Informationen über seine erste Frau durchforstet. Ich habe nichts über Riley Sinclair gefunden, außer dem Nachruf und dem Artikel in der Picardy Daily.

Ich kenne ihren Mädchennamen nicht, daher kann ich mich nicht eingehend mit ihrem Leben vor Miles beschäftigen. Dennoch reichte dieses eine Foto aus, um mir ihr Gesicht einzuprägen. Mit ihren eng beieinanderstehenden grauen Augen und ihrer adlerartigen Nase ist sie nicht konventionell schön, aber zweifellos attraktiv. Selbst auf einem Foto strahlt sie Energie und Charisma aus.

Miles hat nicht viel über sie gesprochen, aber ich weiß, dass sie aus Portland, Oregon, stammte. Sie lernten sich kennen, als Miles mit einigen Freunden eine Fallschirmsprunganlage in der Nähe von Las Vegas besuchte. Riley arbeitete dort als Ausbilderin und nahm Miles zu seinem allerersten Tandemsprung mit. Sie war vierzehn Jahre jünger als er, also ist es nicht so, als hätte er noch nie eine jüngere Frau gehabt. Vielleicht keine, die dreißig Jahre jünger war, aber wie man so schön sagt: Es gibt für alles ein erstes Mal.

„Miles hatte dieses Foto immer in seinem Schlafzimmer.“ Vivienne steht in der Tür des Badezimmers. „Ich dachte, ich sollte es hier aufstellen.“

Sie sieht mich an und wartet auf meine Reaktion. „Wenn dich das Foto stört, kann ich es entfernen“, sagt sie.

„Ist schon gut. Miles muss seine Vergangenheit nicht vor mir verbergen.“ In diesem Spiel muss man akzeptieren, dass ältere Männer eine Vergangenheit haben. Das ist der Preis, den man für ihre Lebenserfahrung, ihr Geld und ihren Schutz zahlt. „Riley sieht aus wie eine Naturgewalt“, sage ich.

Das meine ich auch so. Sie wirkt wie eine beeindruckende Persönlichkeit.

„Sie war einzigartig. Ich habe noch nie jemanden wie sie getroffen.“ Tränen steigen Vivienne in die Augen. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie nicht mehr da ist.“

Ich spüre, wie ich ihr gegenüber milder werde. Miles ist nicht der Einzige, der um Rileys Tod trauert. „Ihr beiden müsst euch sehr nahegestanden haben.“

Vivienne nickt. „Sehr nahe.“

„Nun, ich bin sicher …“

„Er wird nie über sie hinwegkommen.“ Viviennes Gesichtsausdruck verhärtet sich, ihr Gefühlsausbruch ist vorüber. „Du bist zu jung, um das zu verstehen, aber diese Art von Liebe, echte Liebe, kann niemals ersetzt werden.“

6

LEAH

Kurz vor 19:15 Uhr komme ich nach dem Duschen im Nebenzimmer zurück ins Schlafzimmer. Keine Spur von Miles, aber er hat mir eine Nachricht auf dem antiken Mahagoni-Schminktisch hinterlassen.

Wir sehen uns um 20 Uhr unten. Dein Outfit liegt auf dem Bett. Komm nicht zu spät.

Als er zuvor unser Gepäck auf das Zimmer brachte, wirkte er nervös. Als ich ihn fragte, was los sei, sagte er mir, er wolle, dass unsere erste Nacht hier perfekt werde. Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber er wirkte distanziert. Abgelenkt.

Dachte er an Riley?

Vivienne hätte dieses Foto von ihr nicht hier aufstellen sollen.

Sobald Miles es sah, entfernte er es vom Nachttisch. Ohne ein Wort zu sagen, verließ er das Zimmer und kam fünf Minuten später mit leeren Händen zurück. Wir haben nicht darüber gesprochen. Ich bin froh, dass das Foto weg ist. So aufgeschlossen ich auch bin, ich möchte nicht, dass seine verstorbene Frau uns im Bett beobachtet. Ein Dreier mit einem Geist ist nicht mein Ding.

Als ich über den Teppich tappe, ein dickes weißes Handtuch um meine Brust geknotet, atme ich den Duft seines Aftershaves ein. Bleu de Chanel. Ich habe es ihm zu seinem Geburtstag im Juni gekauft. Sein vorheriges Aftershave hat mir nicht gefallen, und ich wollte herausfinden, ob er bereit wäre, sich zu ändern. Ob er sich von mir ändern lassen würde. Seitdem hat er kein anderes Aftershave mehr benutzt.

Vor dem hohen Kleiderschrank aus Walnussholz stapeln sich Einkaufstüten. Die Beute unseres Einkaufsbummels in Paris. Auf dem Bett liegt einer meiner Einkäufe – ein Slipdress von Saint Laurent aus bronzefarbener Seide. Manchmal wählt Miles gerne aus, was ich anziehe. Wenn wir zusammen in der Öffentlichkeit sind, möchte er auch wissen, was ich unter meiner Kleidung trage. Das macht ihn an. Für heute Abend hat er einen schwarzen Netz-BH mit passendem String ausgesucht. Die Auswahl der Schuhe hat er mir überlassen. Unter den vielen Einkaufstüten finde ich die mit den Alize-Pantoletten von Chloe. Ich nehme sie aus der Schachtel und bewundere das weiche cremefarbene Ziegenleder und den Glanz der Messingschnallen an den beiden breiten Riemen. Perfekt.

Ich habe viel mehr gekauft, als ich für eine Woche Urlaub brauche. Dank Miles’ Großzügigkeit habe ich genug neue Kleidung, sodass ich fast den ganzen Sommer über versorgt bin. Ich habe kein schlechtes Gewissen, weil ich so viel von seinem Geld ausgegeben habe. Ich musste eine Woche unbezahlten Urlaub nehmen, um hierherzukommen, und Olivia, meine Vorgesetzte, war nicht begeistert, dass ich so kurzfristig verschwunden bin.

Vivienne würde diese Maßlosigkeit sicherlich missbilligen. Nachdem sie mir zuvor das Zimmer gezeigt hatte, sagte sie, sie hoffe, ich hätte alles, was ich brauche, um meinen Urlaub zu genießen.

Meinen Urlaub? Ja, ich bin hierher in den Urlaub gekommen, aber ich spürte, dass mehr hinter ihrer Bemerkung steckte. Sie deutete an, dass ich nichts weiter als ein Gast sei. Vorübergehend. Eine von vielen Frauen, die Miles im Laufe der Jahre in das Château mitgebracht hat.

Vielleicht hat sie recht. Woher soll ich wissen, ob die Beziehung mit Miles von Dauer sein wird? Ich sollte mich auf die Gegenwart konzentrieren. So viel wie möglich aus dieser Erfahrung herausholen.

Diese Art von Liebe, echte Liebe, kann niemals ersetzt werden.

Meiner Erfahrung nach ist Liebe vollständig ersetzbar. Nachdem er das gesamte Geld meiner Mutter verloren hatte, verließ mein Vater uns und ersetzte uns durch eine andere Familie. Freddie ersetzte mich durch Florence und wird sie eines Tages wahrscheinlich durch jemand anderen ersetzen.

Ich lasse mein Handtuch auf den Boden fallen und stelle mich vor das offene Fenster, um die warme Abendluft über meine nackte Haut streichen zu lassen. Unser Zimmer liegt auf der Rückseite des Châteaus. Grüne Rasenflächen erstrecken sich vom Gebäude weg und in der Ferne glitzert ein kleiner See im Abendlicht. Ich sehe nach rechts, und zwischen den Stämmen von vier hohen Kiefern kann ich den Swimmingpool erkennen. Wie viel Land gehört zu diesem Anwesen? Vielleicht macht Miles vor dem Abendessen eine Führung mit mir.

Wir sind hier von unserer eigenen privaten Welt umgeben. So friedlich und abgeschieden. Der ununterbrochene Gesang der Vögel ist die lauteste Ablenkung. So anders als Londons ohrenbetäubender Mix aus Sirenen und Verkehrslärm.

Ich sollte ein paar Fotos vom Château machen und sie auf Instagram posten. Einige meiner Freundinnen aus der Uni, die mir dort folgen, haben noch Kontakt zu Freddie, deshalb achte ich darauf, nur Bilder zu posten, die mich in Bestform zeigen. Allerdings werde ich nur Bilder von Clairvallon posten, wenn Miles nichts dagegen hat. Als wir anfingen, uns zu treffen, schien er erleichtert zu sein, dass ich nicht jemand war, der jeden Moment seines Privatlebens in den sozialen Medien ausbreitet. Bei diesem Spiel zahlt es sich aus, diskret zu sein. Durch private Social-Media-Konten und sparsame Posts wirke ich reifer als andere Mädchen in meinem Alter.

Eine Schwalbe schießt am Fenster vorbei und landet auf der Terrasse hinter dem Haus. Sie sitzt einen Moment auf dem langen Holztisch in der Mitte der Terrasse und hüpft dann auf die Rückenlehne eines der Stühle, die mit weißem Segeltuch bezogen sind, bevor sie wieder davonfliegt. Auf dieser Seite des Hauses ist die Terrasse weniger gepflegt. Die Steinplatten sind stellenweise mit Flechten bewachsen, und zwischen ihnen sprießen Unkräuter.

Die Fensterbank drückt sich in meinen Bauch, als ich mich hinauslehne. Das Blut rauscht in meinen Ohren. Von hier oben wirkt es viel höher, als wenn man unten vor dem Gebäude steht. Ich schaue nach links. Der Anbau am Ende des Châteaus ist etwas höher als diese Etage, aber zwischen dem Dachgeschoss und der Dachterrasse des Anbaus ist immer noch ein großer Höhenunterschied. Ein Teil des Geländers, das die Terrasse umgibt, fehlt, und einige der Steine, an denen es einst befestigt war, sind zerbröckelt.

Ist Riley dort hinuntergestürzt? Es muss so sein. Als ich zum ersten Mal von ihrem Tod las, fragte ich mich, ob sie vielleicht Selbstmord begangen hatte. Angesichts des bröckelnden Mauerwerks und dem fehlenden Geländer scheint es eher ein Unfall gewesen zu sein.

Ein Bild blitzt in meinem Kopf auf. Rileys kräftiger, muskulöser Körper liegt verdreht auf den kalten Steinplatten. Knochen sind gebrochen. Ihre Augen starren leblos in den Himmel.

Miles hat nie Genaueres zu dem Sturz erzählt, durch den sie ums Leben kam, und da ihn das Thema sichtlich aufwühlt, habe ich ihn nie bedrängt, mir mehr zu erzählen. Wenn ich ihm erzähle, dass ich weiß, dass sie vom Dach gefallen ist, wird er wissen, dass ich im Internet herumgeschnüffelt habe. Das kommt nie gut an.

Ich schaudere und wende mich vom Fenster ab.