Leseprobe Schuld und Sturm

Kapitel 1

„Bringst du mir bitte noch einen Piccolo mit, Schatz?“

Levke zuckte zusammen. Die Frau auf der Sitzbank neben ihr hatte ihrem Mann in einer Lautstärke hinterhergeschrien, die selbst das Dieselmotorengeräusch der Fähre übertönte. Der Angesprochene drehte sich um und hielt gerade noch seinen kleinen Sohn an der Kapuze seines Sweatshirts fest, bevor der die Treppe vom Freideck in den Innenraum hinabsegelte.

„Also: dreimal Wurst mit Ketchup, einen Piccolo, eine Fanta und ein Jever für mich. Sonst noch was?“

Levke kniff vorsichtshalber die Augen zusammen, falls die Frau wieder ihre Stimme erhob. Was im Grunde genommen völlig unsinnig war, da das nichts an der Lautstärke änderte. Sie wollte nur ihr Nervensystem schon einmal vorwarnen.

Doch glücklicherweise hörte sie nichts, vielleicht hatte die Dame nur den Kopf geschüttelt.

„Ohren noch dran?“, fragte Henning neben ihr und schmunzelte.

Levke verzog das Gesicht zu einem schiefen Grinsen. Sie gähnte und hielt sich gerade noch die Hand vor den Mund. Musste ihr schließlich niemand in den Rachen starren. Ihr war um diese Uhrzeit nicht nach Reden zumute. Vor zehn Uhr morgens brauchte sie niemand anzusprechen. Leider ließ sich das kaum mit ihrem Job vereinbaren. Das Verbrechen hielt sich selten an feste Zeiten, sondern verfolgte seinen eigenen Plan.

Heute früh, kurz nach sechs Uhr, hatte das Telefon geklingelt: Am östlichen Strand von Wangerooge war ein Mann tot aufgefunden worden. Eine Spaziergängerin hatte ihn entdeckt, und die dortige Polizeibeamtin Silke Wiemer hatte es kurz darauf bestätigt: Der Mann war erschossen worden. Vermutlich vor noch nicht allzu langer Zeit.

Damit war ein Badeunfall mit nahezu hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen. Levke und Henning hatten in aller Eile ein paar Sachen zusammengepackt und waren nach Harlesiel gefahren, um die erste Fähre nach Wangerooge zu nehmen. Dank der günstigen Tidenverhältnisse legte sie schon um halb acht ab. Es blieb gerade noch Zeit, zu duschen, Zähne zu putzen und sich anzuziehen. Nicht zu vergessen das unvermeidbare Gespräch mit Papa, das sie lieber vermieden hätte.

„Wie, jetzt? Du fährst nach Wangerooge?“, hatte ihr Vater sie gefragt, als sie die Wohnung verlassen wollte. Sie war wohl doch nicht leise genug gewesen, oder aber er hatte das Klingeln des Telefons gehört, das anscheinend nicht nur sie geweckt hatte. Noch im Schlafanzug und mit verquollenen Augen parkte er mit seinem Rollstuhl im Flur.

„Wir haben dort einen Fall, Papa.“

„Einen Fall. Klar. Hat jemand einen Eislöffel mitgehen lassen, oder was?“ Er lachte heiser auf.

Gut, er hatte in dem Sinne recht, dass auf der friesischen Insel normalerweise selten etwas wirklich Weltbewegendes geschah – kriminaltechnisch gesehen. Immerhin war Wangerooge autofrei, was das Risiko von Autounfällen minimierte. Stattdessen fuhren Elektrokarren, die die Post, den Müll, das Gepäck und einiges andere transportierten. Nicht zu vergessen die Fahrzeuge der Feuerwehr und des Rettungsdienstes. Und natürlich Fahrräder.

Aber Gewaltdelikte wie Mord oder Totschlag? Eher selten. Bis gar nicht. Selbst entwendete Fahrräder tauchten schnell wieder auf. Wo sollten die Diebe damit auch hin? Die eine oder andere Schlägerei, ein Diebstahl oder eine nächtliche Ruhestörung: Das machte den Großteil der Delikte aus. Und natürlich Verstöße gegen die Verkehrsregeln beim Fahrradfahren. Inklusive der unter Umständen fraglichen Fahrtüchtigkeit der fahrbaren Untersätze.

„Nein, Papa, dieses Mal ist es etwas anderes. Ein Toter am Strand.“ Morgen würde es sowieso in jeder Zeitung stehen, online wahrscheinlich schon heute Nachmittag.

Ihr Vater hob die Augenbrauen. „Auf Wangerooge? Lass mich raten: Herzinfarkt? Oder doch eher Schlaganfall? Seit wann kommt da die Kripo?“

Levke griff nach ihrem Schlüssel und der Reisetasche. Besser, sie ging gar nicht darauf ein. Die Diskussion würde ewig dauern. Und sie würde sie verlieren. „Ich muss, Henning holt mich gleich ab.“

Sein Blick fiel auf die Tasche. „Wann hast du denn vor, zurückzukommen? Du kannst mich hier doch nicht allein lassen. Der Kühlschrank ist leer, es gibt nicht mal Bier, und heute Abend läuft ein DFB-Spiel!“

„Du sitzt zwar im Rollstuhl, Papa, aber du weißt, wo dein Geldbeutel liegt. Der Supermarkt ist keine zehn Minuten zu Fuß entfernt. Mit deinem Rollstuhl brauchst du bestimmt nicht länger als ich auf zwei Beinen. Und – o Wunder – der Fahrstuhl funktioniert auch. Ich denke, du wirst überleben.“

Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete sie die Tür. Hörte noch ein lautes „Hey!“ hinter sich, aber da war sie schon auf der Treppe. Jetzt bloß nicht vor dem Fahrstuhl stehen bleiben und warten, sonst würde ihr Vater sie einholen und sie mit Vorwürfen überhäufen. Dafür hatte sie im Moment wirklich keinen Nerv. Geschweige denn Zeit.

Levke sprintete die Treppen vom sechsten Stock ins Erdgeschoss hinunter. Gut, sie musste im dritten Stock kurz anhalten und verschnaufen, aber danach zog sie die letzten drei Stockwerke auch noch durch. Und klopfte sich innerlich auf die Schulter.

Vor wenigen Monaten wäre das ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, da wäre sie nicht einmal auf den Gedanken gekommen, auch nur freiwillig eine einzige Stufe zu nehmen. Da hatte sie aber noch gut zwanzig Kilo mehr auf den Rippen gehabt. Mittlerweile schaffte sie täglich ihre sechstausend Schritte, am Wochenende schon einmal zehntausend. Sie klopfte sich gleich noch einmal auf die Schulter – doppelt hielt besser.

Unten angekommen, wischte sie sich mit dem Handrücken über die Stirn und stieg auf den Beifahrersitz neben Henning ins Auto, der sofort losbrauste Richtung Carolinensiel und Harlesiel. Von dort legte die Fähre nach Wangerooge ab.

Und jetzt saßen sie hier auf dem Außendeck. Es roch nach Schiffsdiesel, das Meer wellte sich hinter der Fähre, und in einiger Entfernung paddelten ein paar Kajakfahrer parallel zu den Inseln Spiekeroog und Wangerooge vorbei. Die Sonne blitzte durch die Wolken, die Nordsee kräuselte ihre Oberfläche. Es wirkte wie ein Strickmuster, die Bögen der linken Maschen. Kein Luftzug, nicht einmal ein Hauch. Das konnte sich an der Küste aber jederzeit ändern.

Möwen zogen mit lautem Geschrei über sie hinweg. Eine hatte etwas im Maul, was die anderen ihr wohl gern abluchsen wollten. Und es war wie so oft: Wo zwei sich stritten, freute sich ein Dritter. Was auch immer es war, die Möwe ließ es ins Wasser fallen, wo schon ein Kormoran darauf wartete. Ein Happs – und es war verschwunden. Pech gehabt.

Dafür, dass sie die früheste Fähre genommen hatten, war diese schon ordentlich voll. Die Überfahrt würde knapp eine Stunde dauern, danach folgte die Fahrt mit der Inselbahn bis zum Dorf. Summa summarum eineinhalb Stunden, nur um überhaupt bis zum Bahnhof im Ort zu gelangen. Da hatten sie sich noch nicht einmal bis zur Polizeidienststelle vorgearbeitet, geschweige denn bis zu dem Strandabschnitt, an dem sich die Leiche befand. Aber die Polizeiinspektion in Wilhelmshaven hatte sich geweigert, den fünfminütigen Flug ab Harlesiel zu zahlen. Die Leiche habe es nicht eilig, die sei schon tot, hatte ihr Chef gewitzelt.

Levke seufzte. Ihr Blick fiel auf das Wasser. War das da hinten ein Seehund? Es sah aus wie ein grau gefleckter Kopf, der aus den Wellen ragte. Vielleicht. Oder doch nur eine Boje? Aber die waren doch eher orange.

„Soll ich uns beiden Hübschen mal einen Kaffee vom Kiosk holen? Wenn wir schon so früh unterwegs sind und jetzt sowieso nur die Zeit absitzen, können wir das doch auch genießen, was meinst du?“

Sie lächelte ihn an. „Da sagst du was. Gute Idee. Für mich bitte …“

„Ich weiß schon, mit Milch und einmal Zucker.“ Er erhob sich und klopfte ihr auf die Schulter. „Halt mir den Platz frei.“

 

Als sie im Dorf am rot geklinkerten Bahnhof ankamen, wurden sie schon erwartet. Ein Polizist in Uniform, ein älterer Herr mit grauen Haaren, hielt am Bahnsteig ein Schild hoch, auf dem ihre Namen standen. Als ob sie ihn nicht auch so erkannt hätten. Trotzdem hatte es etwas Rührendes.

Levke wollte ihn gerade begrüßen, da drängte sich ein Gepäckfahrer zwischen sie.

„Moin, Norbert. Sach mal, ich hab da was läuten hören, dass da ’ne Leiche im Osten liegt? Ist das wahr?“

Der Inselpolizist zuckte zurück. „Hör mal, Franz, könntest du mal ein bisschen leiser reden? Das muss ja nicht gleich jeder mitbekommen. Und woher weißt du das eigentlich schon wieder?“

Besagter Franz kratzte sich am Hinterkopf. „Du weißt doch, der Inselfunk ist immer schneller, als die Polizei erlaubt. Ich wollte ja auch nur wissen, ob wir jetzt aufpassen müssen.“

Ein Lächeln huschte über das Gesicht des Polizisten. „Aufpassen ist doch dein zweiter Vorname, Franz. Aber Spaß beiseite: Es besteht momentan keine Gefahr für dich oder andere. Und das darfst du auch so im Inselfunk verbreiten. Wir kümmern uns.“

Franz nickte, tippte sich mit zwei Fingern zum Abschied an die Stirn und schlurfte Richtung Gepäckwagen. Das war dann wohl das Zeichen, dass Levke und Henning sich vorstellen konnten.

„Moin, Herr Freese! Vielen Dank für den freundlichen Empfang. Ich bin Kriminaloberkommissarin Levke Tönnens, und das hier ist mein Kollege Henning Martens.“ Sie deutete neben sich, wo Henning gerade ihre beiden Reisetaschen übereinanderstapelte.

„Können Sie uns noch kurz sagen, wo wir unser Gepäck abstellen können, bevor wir uns zum Tatort aufmachen? Und hätten Sie eine Idee, wo wir übernachten können, falls es doch länger dauert?“

„Immer mit der Ruhe. Erst einmal Moin und herzlich willkommen auf unserer eigentlich ruhigen Insel. Hier werden normalerweise Ruhe und Erholung großgeschrieben, aber doch nicht Mord und Totschlag. Das bringt uns schon ordentlich aus dem Takt. So was ist wirklich noch nie passiert, zumindest nicht, solange ich hier stationiert bin. Und ich bin jetzt tatsächlich seit zwanzig Jahren auf Wangerooge.“ Er schmunzelte und winkte ihnen, ihm zu folgen. „Stellen Sie Ihre Taschen mal hier in den Fahrradhänger, dann müssen Sie die nicht tragen. Es ist doch ein kleines Stück bis zur Dienststelle. Und ich bin übrigens der Norbert.“ Er reichte ihnen die Hand, die andere schon am Lenker seines Dienstrades, auf dem mit weißen Lettern Polizei stand. „Wir duzen uns hier alle.“

„Ich bin Levke.“

„Und ich der Henning.“

„Meine Kollegin, die Silke Wiemer, ist schon am Strand und erwartet uns. Sie hat noch um einen Kaffee gebeten, den sollen wir ihr mitbringen. Aber den hat meine Frau, die Bettina, schon gekocht und in die Dienststelle gestellt.“

Sie gingen die Zedeliusstraße entlang, gemeinsam mit vielen anderen Touristen. Die einen zogen ihre Koffer hinter sich her, die anderen Bollerwagen, in denen, angefangen beim Nachwuchs, alles Mögliche gestapelt war. Kinder lachten, Eltern riefen nach ihnen, manche orientierten sich noch, suchten auf ihrem Handy die passende Straße, andere wussten schon genau, wo sie hinwollten. Vermutlich Wiederholungstäter. Oder Einheimische. Konnte man nie wissen. Wahrscheinlich waren auch Tagestouristen mit an Bord gewesen. Die Fährzeiten lagen günstig, die letzte Fähre zurück ans Festland ging heute Abend um kurz vor sechs. Da blieb genug Zeit, die Insel zu erforschen. Nur dass Henning und sie nicht zum Spaß da waren.

Einige Geschäfte säumten ihren Weg, unter anderem auch ein alter Leuchtturm, rot und weiß gestreift. Ohne darüber nachzudenken, lächelte Levke. Der Anblick verkörperte für sie das typische Postkartenidyll der Nordsee, abgesehen davon, dass dieser Leuchtturm schon längst nicht mehr aktiv war und auch nicht an der Küste stand. Das war lange vorbei. Sie hatte noch irgendetwas im Gedächtnis, dass das Dorf Wangerooge mehrfach umziehen musste und die Insel irgendwann sogar einmal aus drei Teilen bestanden haben sollte. Aber diese Infos kamen aus einer Zeit, als sie selbst als Kind hier im Schullandheim gewesen war. Und das lag jetzt bereits gut dreißig Jahre zurück. Wer wusste schon, ob sie das alles richtig behalten hatte. Zumindest war ihr klar, dass hier im Turm ein Museum untergebracht war, das Inselmuseum.

„Was meinst du?“, raunte Henning ihr zu. „Wäre das nicht ein sensationeller Ort zum Heiraten?“

„Du willst hier heiraten? Ist denn hier das Standesamt?“

Henning nickte. „Halbes Jahr Vorlaufzeit für das kleine Trauzimmer oben im Turm. Wäre auch eine gute Methode, um die Hochzeit klein zu halten. Da passen nämlich nur zehn Leute rein.“ Er grinste.

„Echt jetzt? Wann … Wann ist es denn so weit?“ Sie schluckte. Sie hatte mit vielem gerechnet, aber doch nicht mit so etwas. Nicht dass sie es Henning nicht gegönnt hätte. Wie viele Jahre war er jetzt mit seiner Freundin zusammen? Bestimmt schon über fünf.

Er lachte. „Ich muss sie erst noch fragen. Aber ich habe noch keine zündende Idee, wie ich das anstellen soll.“

„Wie wäre es mit einem schönen Essen in einem Restaurant?“

Henning schaute sie an, als hätte sie Shampoo in die Nordsee gekippt. „Das ist doch wohl voll einfallslos. So kann das doch jeder. Ich will was Besonderes, etwas, was sie nie wieder vergisst und sogar noch ihren Enkeln erzählt.“

„Wo ihr ja schon so viele Kinder habt.“

„Echt, Levke, du kannst es einem auch schwer machen.“

Levke wusste selbst nicht, was mit ihr los war. Warum fiel es ihr so schwer, sich für Henning zu freuen? Er wirkte zufrieden, ja geradezu glücklich. Als hätte er genau das gefunden, was er gesucht hatte. Und dann auch noch bekommen.

War sie neidisch? Sie wünschte, sie könnte es verneinen. Doch etwas nagte in ihr. Als sie vor vielen Jahren in Hamburg ihre Ausbildung gemacht hatte, hatte sie auch davon geträumt zu heiraten. Ihren langjährigen Freund Klaus, mit dem sie zusammengewohnt hatte. Doch das war einmal. Nach dem Autounfall ihres Vaters, bei dem ihre Mutter ums Leben gekommen war, war sie für einige Tage nach Horumersiel gefahren, hatte alles rund um die Beerdigung geklärt, einen Rollstuhl für ihren Vater besorgt und sich mit Behörden herumgeschlagen.

Danach kehrte sie zurück in die gemeinsame Wohnung. Sie hatte Klaus erzählen wollen, wie es in ihr aussah, ihn umarmen, endlich weinen und sich dabei an ihm festhalten. Stattdessen hatte sie im Flur gestanden, den Koffer noch in der Hand. Er hatte nur kurz aufgeschaut, von seinem Platz vor dem Fernseher.

„Du bist schon da?“ Mehr hatte er nicht gesagt.

Und sie hatte nur genickt, wohl wissend, dass er das gar nicht mehr mitbekommen hatte, weil sein Blick schon wieder auf dem Bildschirm ruhte. Daraufhin war sie ins Schlafzimmer geflüchtet, hatte den Koffer in die Ecke gestellt und sich aufs Bett geworfen. Weinte in das Kissen, so leise, dass er sie nicht hörte. Irgendwann war sie eingeschlafen, und als sie wieder aufwachte, schnarchte Klaus neben ihr.

Wenige Wochen später zog er aus, drückte ihr noch einen letzten Kuss auf die Stirn und wünschte ihr ein schönes Leben. Und sie blieb zurück, gefangen in ihren Gedanken und Ängsten, wie es jetzt wohl weitergehen würde. Hatte nicht einmal nachgefragt, warum er sie verlassen hatte. Warum auch? Sie hatten sich in unterschiedliche Richtungen entwickelt – falls sie denn jemals wirklich einen gemeinsamen Weg gegangen waren.

Als sie ihm vor einiger Zeit zufällig in Horumersiel begegnet war, hatte er ihr seine neue Freundin vorgestellt, die er heiraten wollte. Und ausgerechnet in Horumersiel hatten sie vor, ein Ferienhaus zu kaufen, weil dort die Eltern der Braut wohnten. Levke erinnerte sich nicht mehr an ihren Namen, aber sie wusste noch, dass sie irgendwie wie Barbie ausgesehen hatte. Kurvig. Schlank. All das, was sie zu der Zeit nicht bieten konnte. Sie hatte sich neben ihr gefühlt wie eine Restmülltonne. Vollgestopft mit allem, was überflüssig war.

Sie schüttelte sich. Wie war sie jetzt bloß wieder auf Klaus gekommen? Sie war hier auf Wangerooge, und das auch noch beruflich. Da war Privates fehl am Platz.

Trotzdem: Die gepflasterten Straßen, die Cafés und vor allem der fehlende Verkehr ließen in Levke sofort Urlaubsgefühle aufkommen. Am liebsten hätte sie sich jetzt, wie das kleine Mädchen dort vor ihr, auch mit einem Eis auf eine Bank in der Sonne gesetzt und den Leuten beim Flanieren zugesehen.

„Junger Mann!“, rief Norbert und winkte einen Mittzwanziger im T-Shirt und mit Käppi zu sich, der gerade mit seinem Fahrrad in den Rosengarten fahren wollte. „Hier dürfen Sie nicht radeln, nur schieben.“

 

Kurz darauf bogen sie links ab und erreichten die Dienststelle, ein ebenfalls rot geklinkertes Haus mit einem Fahrrad als Dekoelement im Vorgarten. Selbst das Polizeivogelhäuschen fehlte nicht.

„Kommt rein, ihr könnt unten in den Diensträumen eure Sachen abstellen. Falls ihr übernachten müsst, nehmen wir sie später mit zu mir. Bettina und ich haben ein Haus in der Rösingstraße. Seit unsere Kinder ausgezogen sind, vermietet Bettina dort das Obergeschoss als Ferienwohnung, sogar mit getrennten Schlafzimmern.“ Norbert grinste.

Ohne Taschen machten sie sich auf den Weg zum Strand. „Wir müssen bis hinter zu den alten Bunkerresten“, sagte Norbert. „Ich weiß nicht, inwieweit ihr euch auf der Insel auskennt.“

Henning nickte. „Ich war vor drei Jahren mit meiner Freundin hier im Urlaub, aber nur eine Woche. Ich hab von den Bunkerresten gehört, aber wir haben es nicht geschafft, sie uns anzuschauen. Nur den Lazarettbunker haben wir gesehen, sogar mit Führung.“

Levke schüttelte den Kopf. „Ich muss passen. Das letzte Mal, dass ich auf Wangerooge war, war ich zehn Jahre alt. Da hat es den Bunker bestimmt auch schon gegeben, aber ob wir dahingewandert sind oder nicht – keine Ahnung.“

„Wir brauchen ungefähr eine halbe Stunde zu Fuß dorthin. Von dort führt ein Übergang zum Strand, und dort liegt unser Toter. Ich schiebe mein Fahrrad mal mit hin, vielleicht muss ich ja schnell zurück, falls ihr dort länger zu tun habt als ich.“ Norbert packte die Thermoskanne Kaffee zusammen mit vier Bechern in die Satteltasche. „Toiletten hätten wir hier, falls nötig. Dort gibt es keine.“

Unterwegs kauften sie im Frischemarkt Wangerooge noch Getränke und Proviant ein. So wie es aussah, würden sie wohl längere Zeit nicht wieder zurück in die Zivilisation kommen. Wobei hier nichts wirklich weit entfernt von dem Dorf lag. Doch Levke hatte nicht einmal gefrühstückt. Ihr Magen hing allmählich in den Kniekehlen. Kein gutes Zeichen, um gleich einer Leiche zu begegnen. Wobei … Je nachdem, wie der Tote zugerichtet war, war es vielleicht nicht verkehrt, mit einem eher leeren Magen dort aufzukreuzen. Nein, entschied sie, es war deutlich sinnvoller, den Kreislauf zu stabilisieren. Mit Kohlenhydraten. Was dazu führte, dass sie nicht an den Backwaren vorbeigehen konnte, ohne sich ein Franzbrötchen mit einzupacken.

„Hast du schon gehört, bei den alten Bunkerresten haben sie eine Leiche gefunden.“ Die Frau beugte sich zu dem Mann an der Kasse und gab sich gar nicht erst Mühe, die Stimme zu senken.

Das konnte ja heiter werden. Levke hasste den Inselfunk jetzt schon.

Nach einigen Minuten verließen sie die belebte Einkaufsstraße und schlugen einen Weg ein, der von Büschen und Bäumen gesäumt war. Nur wenige Menschen kamen ihnen entgegen, manche auf dem Fahrrad. Ein Elektrokarren fuhr von hinten heran und hupte kurz. Norbert wollte schon etwas sagen, aber da erkannte Levke, dass auf dem Wagen das Team der Spurensicherung saß – zusammen mit ihrem Leiter, Jörn Thiessen.

„Moin, Jörn, ihr seid ja auch schon da! Schleicht euch hier einfach so an.“ Der Elektrokarren war wirklich nahezu lautlos unterwegs. Dafür aber auch nur minimal schneller als sie. Vermutlich sogar langsamer als ein Fahrrad, wenn die Person trainiert war. An Land ein Ding der Unmöglichkeit. Dort zählte jede Sekunde. Hier schienen sie sich wie Gummibänder in die Länge zu ziehen.

„Moin, Levke, moin, Henning. Ich würde euch ja gern einladen, mit uns zu fahren, aber wir platzen so schon aus allen Nähten mit unserem ganzen Kram. Ein paar Kollegen von der Streife leihen sich gerade noch Räder aus und fahren hinterher. Wieso habt ihr das eigentlich nicht gemacht?“

Genau. Wieso hatten sie das eigentlich nicht gemacht? Levke schaute zu Henning und Norbert. Henning zuckte mit den Schultern, Norbert grinste. „Dann hättet ihr doch das Schönste verpasst. Wangerooge erlebt man am besten zu Fuß. Entschleunigung heißt das Zauberwort.“

„Schön und gut, aber wir sind hier nicht im Urlaub, sondern im Dienst. Ich fände es schon ganz gut, wenn wir entweder mit einem Fahrrad unterwegs sind oder mit einem Elektrokarren.“

Norbert kratzte sich am Schädel, an einer Stelle, an der die grauen Haare schon ziemlich dünn geworden waren. „Dann ist das Fahrrad das Mittel der Wahl. Damit kommt ihr überall leichter hin. Elektro oder normal? Ich kümmere mich darum.“

Levke kniff die Lippen zusammen. Am liebsten hätte sie „Elektro“ herausposaunt, auch wenn ihr innerer Schweinehund was von „Täte dir schon gut, wenn du dich wenigstens etwas anstrengst und selbst in die Pedale trittst“ murmelte. Tat sie doch beim E-Bike auch. Nur eben leichter. Mit weniger Widerstand. Selbst bei Gegenwind.

„Zweimal Elektro, bitte“, sagte Henning und knuffte Levke in die Seite. Auf ihn konnte sie sich doch immer verlassen.

„Wir sehen uns dann gleich!“, rief Thiessen ihnen zu und gab dem Fahrer das Zeichen, weiterzufahren.

Mittlerweile war die Sonne ein ganzes Stück den Horizont hinaufgeklettert. Kein Wunder, es war auch schon fast elf Uhr. Levke packte ihr Franzbrötchen aus und biss herzhaft hinein.

Keine Ahnung, ob sie das später bereuen würde, wenn sie die Leiche begutachten musste, aber ohne etwas im Magen hielt sie das ganz bestimmt nicht durch. Weiter vorn erblickten sie wieder den Elektrokarren, der verwaist neben den Bunkerresten parkte. Viel war wirklich nicht davon übrig geblieben, das meiste hatte der Sand längst verschüttet und die Reste waren inzwischen fast vollständig eingewachsen. Ein Schild wies noch auf die Anlage hin. Aber sie hatte keine Zeit, es zu lesen.

Von hier aus hatte man einen traumhaften Blick in die Dünen bis hin zum alten Leuchtturm. Sanfte, cremefarbene Hügel, dazwischen Schattierungen von Grün und Braun, unter einem Blau wie das Meer an einem sonnigen Tag. Etwas in ihrem Inneren löste sich, wurde leichter, schien fast zu schweben. Wann hatte sie sich das letzte Mal so gefühlt? Was war das? Etwa Freiheit?

Schnell schluckte sie den letzten Bissen hinunter, kippte etwas Wasser aus ihrer Flasche hinterher und steckte sie wieder in ihren Rucksack. Dann wandte sie sich dem Durchgang zum Strand zu. Als sie den hellen Sand sah, hätte sie am liebsten sofort Schuhe und Socken ausgezogen und wäre laut johlend, mit den Armen in der Luft zum Meer gelaufen. Egal wie die Leute geschaut hätten oder was auch immer sie sich dabei gedacht hätten.

Aber sie war im Dienst. Weiter hinten am Strand rollten die Wellen heran, weiße Schaumkronen tanzten darauf, und die Sonnenstrahlen brachen sich wie Tausende Diamanten in den Wogen. Ein Traum! Von hier aus gesehen schien die Welt noch in Ordnung. Nichts wies darauf hin, dass da unten ein erschossener Mann auf sie wartete. Wobei warten übertrieben war. Sein Warten war endgültig vorbei, er war angekommen. Wo auch immer das war.

„Sorg bitte dafür, dass auch dieser Bereich hier oben am Bunker weitläufig abgesperrt wird“, sagte sie zu Norbert und zwei weiteren Polizeibeamten, die mit ihren Fahrrädern mittlerweile an den Bunkerresten angekommen waren. Nicht dass ein paar Touristen über diesen Zugang direkt auf sie stießen und die Leiche sahen. Oder noch schlimmer: sie bei ihrer Arbeit störten. Das wollte sie gern vermeiden.

Norbert zog Absperrband aus seiner Satteltasche und machte sich ans Werk. Levke nickte Henning zu, und gemeinsam stapften sie im Sand zwischen dem Dünengras hindurch hinunter zum Strand.