Leseprobe Schneeküsse auf Schwedisch

Kapitel 1

Airin

„Willst du wirklich nicht mitkommen? Es würde mir viel bedeuten, dir Tante Elin und Onkel Ragnar vorzustellen.“

„Schatz, du weißt, wie viel gegen Jahresende in der Steuerkanzlei los ist. Ich verstehe, dass du deinen Verwandten aushelfen möchtest, aber du wirst alleine nach Lappland fahren müssen.“

„Jämtland!“ Airin legte die Stirn in Falten, wie immer, wenn sie ungehalten war. „Ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass sie südlich des Polarkreises wohnen.“

Ilian lachte und prostete ihr mit seiner gut gefüllten Kaffeetasse zu. „Es kann höchstens einen Katzensprung weit entfernt sein. Schließlich hat dein Onkel eine Rentierfarm.“

Gerade als Airin in lautstarken Protest ausbrechen wollte, bemerkte sie das spöttische Funkeln in seinen Augen und entgegnete deshalb lediglich: „Nur die Volksgruppe der Samen darf Rentiere halten. Onkel Ragnar hat bloß ausreichend Platz und ein großes Herz, so dass er verletzte Wildtiere und Vögel aufpäppelt und durch den Winter bringt.“

„Richtig! Wer kennt sie nicht: Die Leute, die mit Bären und Wölfen um den Weihnachtsbaum tanzen.“

„Bären halten Winterschlaf, du Stadtmensch. Außerdem versorgt Onkel Ragnar keine Raubtiere, sondern eher verletzte Rehe, Falken oder Eulen!“

Halb belustigt, halb entrüstet boxte sie gegen seinen Oberarm.

„Pass doch auf! Jetzt ist Kaffee auf die Weihnachtsdecke getropft.“

„Entschuldige.“

Kopfschüttelnd stand Ilian auf. „Du kannst wirklich nicht leugnen, dass du von den Wikingern abstammst. Ich gehe jetzt zur Arbeit, um mich von deinem ungezügelten Temperament zu erholen.“

„Tu das. Ich werde heute Nachmittag im Krankenhaus meine Patienten an Astrid übergeben und danach packen. Bringst du mich gegen Viertel nach zehn zum Bahnhof? Mit dem Nachtzug komme ich morgen früh um halb sieben in Östersund an. Onkel Ragnar wird mich dort abholen.“

„Na, klar!“ Ilian räumte Tassen und Teller in die Spülmaschine und beugte sich anschließend über Airin, um sie zu küssen. Er schmeckte nach Kaffee und der gesalzenen Butter, die er jeden Morgen auf sein Knäckebrot strich. Ein Hauch seines süßlichen Rasierwassers umwehte sie, als er sich abwandte, um ins Bad zu gehen.

Fünf Minuten später fiel die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss und Airin löffelte die restliche Sauermilch, die sie mit Marmelade und Weizenkleie gemischt hatte, aus ihrer Schale. Dabei sah sie verträumt durch die großen Glasscheiben der Stockholmer Wohnung, die ihrem Verlobten gehörte, und in die sie vor wenigen Monaten eingezogen war.

Vor ihrem inneren Auge verschwammen die hell erleuchteten Fenster der umliegenden mehrgeschossigen Häuser, deren Fassaden in der Dunkelheit des schwedischen Dezembermorgens nur schemenhaft zu erkennen waren und ein Bild der winterlichen Weite Jämtlands schob sich an ihre Stelle. Trotzdem sie seit Jahren nicht bei Tante Elin und Onkel Ragnar gewesen war, hatte Airin ein klares Bild vor Augen: Im für die ländlichen Gegenden typischen Rotton Faluröd gestrichene Holzhäuser mit weißen Fensterrahmen und Giebeln, deren Dächer ebenso schneebedeckt waren wie die Bäume und Sträucher. Weiße hügelige Ebenen und vereinzelte Ausblicke auf die majestätischen Gipfel des Fjällen, des Grenzgebirges zu Norwegen. Und in ihren Tagträumen konnte sie beinahe die Kufen ihrer Schlittschuhe über das Eis des zugefrorenen Sees kratzen hören. Wie hatte sie es als Kind geliebt, in den Weihnachtsferien gemeinsam mit ihrer Schwester Pernilla über die glitzernde Fläche eines der zahllosen Gewässer zu gleiten und Kunststücke auszuprobieren. Und wie hatten die zwei Jahre ältere Nilla und Bengt sie ausgelacht, wenn sie sich dabei auf den Hosenboden setzte, während Lasse gewöhnlich eine elegante Kurve gedreht, direkt vor ihr gestoppt und ihr aufgeholfen hatte. Wie lange war das her? Beinahe zwanzig Jahre?

Airin seufzte. Wo waren die wundervollen Tage ihrer Kindheit geblieben, in denen sie alle Ferien in Jämtland verbracht hatte? Teils war sie gemeinsam mit ihren Eltern dort gewesen, aber, wenn diese arbeiten mussten, oft auch allein mit Nilla. Tante Elin, die Schwester ihrer Mutter, hatte sich über ihre wochenlangen Besuche gefreut, da Onkel Ragnar und ihr eigene Kinder verwehrt geblieben waren.

Eine Welle von Unbehagen überkam Airin, als ihr bewusst wurde, wie lange sie ihre Zieheltern nicht besucht hatte. Etwa sieben Jahre musste der letzte Besuch her sein, wie sie vermutete. Zwar hatten sie sich jedes Jahr zu Weihnachten in Gävle bei ihren Eltern getroffen, aber Airins lange Abwesenheit in Jämtland war trotzdem unverzeihlich.

Sie schluckte. Allein deshalb war es selbstverständlich, dass sie bei Onkel Ragnars Bitte um Hilfe sofort zugesagt hatte. Genau wusste Airin nicht, weshalb ihre Verwandten dringend für einige Tage vereisen mussten, aber sie war gerne bereit, sich in dieser Zeit um das Haus und die Tiere zu kümmern. Und insgeheim freute sie sich, zu dieser Jahreszeit aus der hektischen Hauptstadt herauszukommen. Die Stille und Weite des Nordens würden ihr guttun, dessen war sie sich sicher.

Kapitel 2

Airin

Trotz der frühen Stunde ihrer Ankunft war Onkel Ragnar pünktlich am Bahnhof von Östersund gewesen und hatte Airin fest in seine Arme geschlossen. Bei der herzlichen Begrüßung fragte sie sich erneut, was sie veranlasst hatte, Jämtland so lange fernzubleiben und wie am Tag zuvor kroch ein Gefühl der Reue in ihr hoch.

Onkel Ragnars üppiger Vollbart war ebenso wie sein Haupthaar in den letzten Jahren vollständig ergraut und in Kombination mit seiner gemütlichen Statur und der dicken Winterkleidung sah er aus wie der Weihnachtsmann persönlich. Deshalb war Airin beinahe enttäuscht, als er sie zu seinem Auto führte und nicht zu einem Rentierschlitten.

Während sie hinter ihm her stapfte, musste sie über sich selbst lachen, denn sie wusste genau, wie weit der Weg zu Tante Elins und seinem Haus war.

„Ich freue mich so, endlich wieder bei euch zu sein.“ Strahlend reichte sie ihm ihre Tasche und den Rucksack an, damit er sie neben dem Koffer verstauen konnte.

„Es ist großartig, dass du hier bist. Ich bin dir sehr dankbar“, erwiderte Onkel Ragnar.

„Ach, Unsinn. Ich hätte viel früher kommen sollen. Um ehrlich zu sein, habe ich ein furchtbar schlechtes Gewissen.“

„Das musst du nicht. Wir wissen ja, wie es ist, jung zu sein und sich eine Karriere aufzubauen. Außerdem ist es in der Stadt viel umtriebiger als bei uns. Da muss man aufpassen, dass einem das Leben nicht durch die Finger rinnt.“

Nachdenklich betrachtete Airin ihren Onkel, dessen Worte viel Wahres enthielten. Sie hatte tatsächlich in den letzten Monaten oft den Eindruck gehabt, die Zeit rausche nur so an ihr vorbei. Manchmal hatte sie Mühe, mit ihrem eigenen Leben Schritt zu halten.

„Aber jetzt bist du ja hier.“ Lächelnd schloss Onkel Ragnar den Kofferraum und öffnete galant die Beifahrertür, um sie einsteigen zu lassen.

Bevor sie sich setzte, sog Airin ganz bewusst die kalte, klare Winterluft ein, die viel reiner roch und schmeckte als in der Großstadt. Die wenigen Atemzüge genügten, um in ihrem Kopf ein Feuerwerk an Erinnerungen aufzuwirbeln, die allesamt mit längst vergangenen Wintertagen in Jämtland zusammenhingen.

Onkel Ragnar nahm hinter dem Lenkrad Platz und prüfte mit einem Seitenblick, ob sich Airin angeschnallt hatte.

Anschließend kutschierte er sie sicher aus der Stadt heraus und durch die winterliche Landschaft der langen Polarnacht hindurch.

Erst in etwa zwei Stunden würde in Jämtland die Sonne aufgehen, das wusste Airin, doch dieser Umstand gehörte ebenso zur Adventszeit wie Pfefferkuchen und Zuckerstangen. Sobald ihr Onkel Östersund verlassen hatte, kuschelte sie sich genüsslich in das Polster. Der bloße Anblick der frühmorgendlichen Dunkelheit entschleunigte ihren Puls und erdete sie. Stockholm, mit allen seinen Lichtern, schien bereits unendlich weit weg zu sein.

Onkel Ragnar warf ihr einen kurzen Blick zu. „Hast du vergessen, wie ruhig und friedlich es bei uns ist?“

„Nein!“ Airin schüttelte energisch den Kopf. „Natürlich nicht. Ich habe es aber wohl verdrängt …“ Ihre Stimme war leise geworden.

„Das ist der Preis für das Leben in einer Metropole“, konstatierte Onkel Ragnar weise. „Wenn man nicht aufpasst, verliert man in all der Hektik der heutigen Zeit, zwischen den vielen Menschen und angesichts der technischen Errungenschaften das Wesentliche aus den Augen. Ich glaube, es wird dir guttun, eine Auszeit einzulegen.“

Airin nickte und schaute verträumt auf die Umrisse der vereinzelten Häuser entlang der nordwestlich führenden Europastraße E14, deren schneebedeckte Dächer das Licht der Sterne reflektierten. Wie die ein- bis zweigeschossigen Holzgebäude so dastanden, inmitten großer Grundstücke, ließen sie trotz der Dunkelheit die Weite erahnen, die diese Region ausmachte. Airin wusste, dass westlich von ihnen der Storsjön lag, einer der größten Seen Schwedens. Unmittelbar nach der Ausfahrt der Kleinstadt Krokom überquerten sie einen nördlichen Ausläufer des weit verzweigten Gewässers. Danach folgten sie der Straße weiter Richtung Westen. Schließlich bog Onkel Ragnar nach Norden ab und näherte sich dem Tausend-Seelen-Ort Nälden.

Den größten Teil der Fahrzeit verbrachten sie schweigend. Doch es war eine gute Stille, in der sich Onkel Ragnar auf die winterliche Straße konzentrierte und Airin die Dunkelheit der Polarnacht genoss.

In einer Großstadt wie Stockholm war diese besonders im Advent voller Lichter. An schlecht beleuchteten Plätzen hingegen wirkte sie mitunter eher unheimlich.

In Jämtland wiederum ging von der friedlichen Finsternis der Winternächte etwas gänzlich Beruhigendes aus.

Die Wärme der Sitzheizung und das gleichmäßige Geräusch des Motors taten ihr Übriges. Sie lullten Airin regelrecht ein und so fühlte sie sich fast wie in Trance, als Onkel Ragnar schließlich langsam auf die Auffahrt seines Grundstücks zurollte und per Fernbedienung die Garage öffnete. Airin blinzelte in das aufflackernde Licht und schälte sich mit einem Gähnen aus ihrem Sitz.

Onkel Ragnar schien es eiliger zu haben als sie, ins Haus zu kommen, doch sobald die Eingangstür aufschwang und Airin die Umrisse einer Person erkannte, sprintete sie an ihm vorbei, dass der Schnee unter ihren Stiefeln nur so spritzte, und warf sich in Tante Elins Arme.