Leseprobe Schlagzeilen, Schnüffler und andere Schwierigkeiten | Der gemütliche Cosy Crime über mysteriöse Mordfälle

1

In den Herbstmonaten explodierte das Städtchen Silverwood Hollow in Farben. Das orangefarbene, rote und leuchtend gelbe Laub der Bäume säumte die Hauptstraße und brachte die Touristen dazu, langsamer zu fahren und sie zu bestaunen. Von Oktober bis Dezember verursachte der Verkehr bestenfalls Kopfschmerzen und war schlimmstenfalls ein Albtraum. Ich lenkte meinen alten Toyota Rav 4 auf den Parkplatz direkt vor Tattered Pages, nachdem ich heute dreimal so lange wie sonst im Stau gestanden hatte, und stellte murrend den Motor ab.

Zwar liebte ich diese Jahreszeit, in der uns die Touristen viele Kunden bescherten, aber bis zu meinem geliebten Buchladen brauchte ich nun täglich mindestens doppelt so lange wie sonst. Ich blieb eine Minute lang im Auto sitzen und lauschte dem Ticken des abkühlenden Motors. Meine mürrische langhaarige Perserkatze Poppy hockte im Schaufenster und starrte mich unheilvoll an. Manchmal konnte ich sie mit nach Hause nehmen, aber mitunter weigerte sie sich strikt, in ihre Transportbox zu gehen. Anfangs war ich entsetzt gewesen, als der Vorbesitzer mir gesagt hatte, wenn ich die Buchhandlung kaufen wollte, müsste ich die Katze übernehmen. Noch geschockter war ich gewesen, als er mir eröffnet hatte, dass die Katze den Laden nie verlassen würde. Anfangs fragte ich mich, ob er mir etwa eine Gespensterkatze verkauft hatte, weil ich sie In den ersten Wochen kaum zu Gesicht bekam.

Eine Zeit lang versuchte ich, Poppy dazu zu bringen, mit mir nach Hause zu kommen, nachdem sie endlich so gnädig gewesen war, sich blicken zu lassen. Doch die Katze weigerte sich, in ihre Transportbox zu gehen. Irgendwann wurde mir klar, dass Poppy die Box hasste; daher ließ ich eine kleine Hängematte auf den Rücksitzen anbringen, damit sie hineinspringen und sich auf dem Heimweg entspannen konnte.

Hätten Sie mir vor ein paar Jahren gesagt, dass ich eine Katze versorgen würde, dann hätte ich Ihnen ins Gesicht gelacht. Doch jetzt hat Poppy Spezialfutter, eine Katzenhängematte und kann jederzeit in meinem Buchladen herumstromern. In dem Moment, als sich unsere Blicke trafen, drehte sich die Katze um, sprang mit erhobenem Schwanz herunter und verschwand zwischen den Regalen.

Ich verdrehte die Augen und griff nach dem Kaffee, den ich bei Spilling the Tea, einem neuen Laden in der Nähe meines Hauses, gekauft hatte. Sie boten zwar mehr Tee- als Kaffeesorten an, aber der Kaffee, den sie kochten, war einfach unwiderstehlich.

Ich jonglierte mit den Schlüsseln und meiner Handtasche, während ich die Tür aufschloss und in den Laden ging.

Dann trat ich die Tür hinter mir zu, legte alles auf den Tresen und drehte den Schlüssel um, damit die Kunden nicht zu früh hereinkamen. Meine Assistentin Harper hatte schon seit ein paar Tagen Urlaub, sodass ich noch einige Dinge erledigen musste, bevor ich den Laden öffnen konnte. Zwar hatte ich sie nie als selbstverständlich angesehen, aber nach mehr als einer Woche allein hier war mir klar, dass ich Harper eine Gehaltserhöhung geben musste. Sie nahm mir viel Arbeit ab, und das hatte ich erst so richtig gemerkt, als sie weg war.

Ich rief Poppy, doch sie ignorierte mich. Ich schnaubte. Das war bei dieser Katze normal, aber ich wusste, dass sie angeflitzt kommen würde, sobald ich ihren Napf füllte. Vor mich hin summend, schaltete ich die Lichter im Laden an und lächelte, als sie zum Leben erwachten. Der Verkaufsraum um mich herum hellte sich auf; bei dem vertrauten Geruch und dem Anblick der hohen Bücherregale wurde es mir warm ums Herz.

Noch vor nicht allzu langer Zeit war ich in eine Mordermittlung verwickelt gewesen, nachdem ich die Leiche einer Kundin aufgefunden hatte. Dies hatte mich zutiefst erschüttert, und eine Zeit lang hatte ich mich gefragt, ob Silverwood Hollow der richtige Ort für mich war. Diese Ängste waren verflogen, als ich Tattered Pages nach der Festnahme des Verbrechers zum ersten Mal wieder betreten hatte. Das hier war mein Zuhause. Mein Laden. Und ich hoffte, noch sehr lange hierbleiben zu können.

Die Glocke über der Tür läutete weniger als eine Minute, nachdem ich das Schild „Geöffnet“ nach außen gedreht hatte. Ich kannte die erste Kundin, die eintrat, zwar nicht, doch das war nicht ungewöhnlich, vor allem in dieser Jahreszeit.

„Willkommen im Tattered Pages!“, rief ich.

Die Frau lächelte mich an und schlenderte hinüber in die Liebesromanabteilung. Wir hatten gerade einen neuen, heißen Bestseller hereinbekommen und ich sah, dass ihr Blick dorthin wanderte. Ich lächelte in mich hinein und wandte mich wieder meiner Liste der neuen Bücher zu, die ich ordern musste. Für die Touristen bestellte ich hauptsächlich Titel von den Bestsellerlisten. An meine Stammkunden schickte ich mehrmals im Jahr eine E-Mail-Umfrage, um herauszufinden, was die Leute gerne hätten. Normalerweise war es eine Mischung aus Krimis, Liebesromanen, epischen Fantasygeschichten und Thrillern, doch dieses Jahr interessierten sich auch einige Teenager fürs Lesen, nachdem die Bibliothek einen Jugendbuchclub gegründet hatte. Ich wollte, dass die Leute lesen, egal wie sie an ihre Bücher gekommen waren – auf legale Weise, versteht sich. Aber mir fiel auf, dass immer mehr junge Leute zu Tattered Pages kamen und in unserer Auswahl stöberten.

Ich stellte die Throne-of-Glass-Titel von Sarah J. Maas vorne in die Jugendbuchabteilung, mit Ausnahme ihrer Liebesromanreihe. Die stellte ich in die Belletristikabteilung. Das Letzte, was ich in einer Kleinstadt wie dieser brauchen konnte, waren wütende Eltern, die mir einen Vortrag über den Inhalt des Buches hielten, das ihr Teenager gekauft hatte. Zwar bemühte ich mich, so gut wie jedes Buch zu lesen, das ich verkaufte, aber es war unmöglich, sie alle zu kennen. Nicht, dass ich dies nicht gewollt hätte. Ich hätte im Leben nie genug Zeit, alles zu lesen, was mich interessierte.

Ich ließ die Frau stöbern und widmete mich wieder der Auswahl der Bücher für meine nächste Großbestellung. Es gab ein paar seltene Titel, die ich einkaufen wollte, aber ich musste zuerst die Preise recherchieren, um sicherzustellen, dass ich nicht zu viel für sie bezahlte. Ich hatte eine Eintrittskarte für einen Vortrag über seltene Bücher, der in ein paar Stunden im Nachbarort Candlelight Springs gehalten würde. Dort ging ich gerne hin, aber die Stadt war voller schräger Leute und meistens verschwand ich wieder, sobald ich meine Erledigungen getätigt hatte. In Candlelight Springs passierten merkwürdige Dinge.

Ich zog die Art von Schrulligkeit, die Silverwood Hollow so besonders machte, den möglichen Geistern vor, die nachts in Candlelight herumpolterten.

Die Frau stöberte noch ein paar weitere Minuten und kam dann mit einem Stapel übersinnlicher Liebesromane zur Kasse. Ich lächelte sie an und tippte alles ein.

„Sind Sie zu Besuch hier?“, fragte ich sie.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin neu in der Stadt.“ Sie presste die Lippen zusammen und senkte den Blick. „Meine Scheidung wurde gestern rechtskräftig und da dachte ich, ich könnte einen Neustart wagen.“

Überrascht atmete ich scharf ein. Ich legte die Hand aufs Herz und meine Wangen wurden vor Verlegenheit rot. „Das tut mir sehr leid. Ich wollte Sie nicht ausfragen.“ Die Frau war noch jung; ich schätzte sie auf Mitte zwanzig. Sie hatte ein herzförmiges Gesicht und dunkelgraue, aufgewühlte Augen. Sie trug nur wenig Make-up und ihr hübsches Gesicht war von Traurigkeit gezeichnet. Das rotbraune Haar hatte sie zu einem hohen, lockeren Dutt gebunden, und weiche Lockensträhnen fielen ihr ins Gesicht.

Sie lächelte traurig. „Schon gut. Wirklich. Der gestrige Tag war hart.“ Sie hielt ein Buch von Nalini Singh hoch. „Deswegen bin ich hier. Die Liebesgeschichten in Büchern sind immer besser als die im wahren Leben, stimmt’s?“

Dazu konnte ich nichts sagen. Mein eigenes Liebesleben war mausetot, und das schon seit Jahren. Dating in einer Kleinstadt war nichts für schwache Nerven, und ich war mit viel weniger Männern ausgegangen als die meisten Singles hier. Erstens fand ich Verabredungen unangenehm und künstlich. Man musste sich mehr aufdonnern als man es fünfundneunzig Prozent der Zeit tut. Persönliche Dinge wurden kurz abgehakt, aber trotzdem gab man extrem persönliche Details preis, wie zum Beispiel, wie viele Kinder man gern hätte oder ob man schon mal im Gefängnis gesessen hatte. Man musste entscheiden, wie weit man gehen oder wie vorsichtig man sein musste, ob man ein, zwei oder, Gott bewahre, drei Gläser Wein trinken würde.

Ich fand das Ganze anstrengend. Vor Kurzem hatte ich ein wenig mit einem gut aussehenden Detective geflirtet, aber den hatte ich schon länger nicht mehr gesehen. In einer Kleinstadt wie dieser passierte nicht viel, und daher gab es keinen wirklichen Grund, mit den örtlichen Behörden zu tun zu haben. Auch wenn das vielleicht besser so war, merkte ich, dass ich die Gespräche mit ihm vermisste. Aber nicht genug, um ihn anzurufen. Die Gerüchteküche von Silverwood Hollow war eine ganz reale und beängstigende Sache. Ein Teil von mir – der mit einer mehr als gesunden Portion Paranoia – fragte sich, ob meine Leitung abgehört wurde und ob in der Sekunde, in der ich zum Telefon griff, um ihn anzurufen, die alten Damen in der Stadt anfangen würden, meine Hochzeit zu planen.

Und dann war da noch Cole. Wir hatten zwar einen holprigen Start, doch am Ende war eine wunderbare Freundschaft daraus entstanden. Manchmal kamen mir seine Blicke ein bisschen mehr als nur freundschaftlich vor, aber er war immer der vollkommene Gentleman. Wie auch immer, ich war froh, Freunde in dieser Stadt zu haben. Ich hatte das Dating vor langer Zeit auf Eis gelegt und war zufrieden damit, es dabei zu belassen.

„Ich heiße Dakota“, sagte ich, anstatt ihre Frage zu beantworten. Ich reichte ihr die Hand, und sie schüttelte sie mit einem zaghaften Lächeln.

„Lauren. Ich habe ein Haus in der Eastwood Street gekauft.“

Ich machte große Augen. „Das alte Haus der Chambers?“ Es war das einzige Haus in der Gegend, das zum Verkauf angeboten wurde, aber es war ein Sanierungsalbtraum. Das Dach war auf einer Seite fast eingestürzt und neigte sich leicht nach rechts, was auf ernsthafte Schäden im Fundament hindeutete.

Sie nickte und lachte über meinen Gesichtsausdruck. „Mein Mann“, fing sie an und schrak zusammen. „Mein Ex-Mann hat im Bankwesen gearbeitet. Ich habe ein finanzielles Polster.“

Ich hakte nicht nach. „Na, viel Glück. Das Haus ist mindestens einmal in der Woche Thema der Silverwood Hollow Gazette.“ „Mrs. Randall?“, fragte sie. Unsere Blicke trafen sich und wir lachten.

Die alte Wichtigtuerin war also wieder aktiv. Mrs. Randall war in unserer Stadt so etwas wie eine Legende. Wenn etwas passierte, dann wusste sie es. Und wenn es nicht passierte, wusste sie es wahrscheinlich auch. Das Haus der Chambers versetzte sie in eine irrationale Wut und jede Woche schrieb sie einen Brief an die Lokalzeitung, in dem sie sich über den Zustand des Hauses beschwerte. Ich hatte aufgehört, die Lokalzeitung zu lesen, deshalb wusste ich nicht, dass das Haus verkauft worden war.

„Sie hat einen Zeitplan für die Restaurierung entworfen und darum gebeten, dass die Bauarbeiten erst nach neun Uhr morgens beginnen und um fünf Uhr nachmittags beendet werden.“ Lauren verdrehte die Augen.

Mir entfuhr ein Schnauben. „Ich kann es kaum erwarten, zu sehen, was Sie aus dem Haus machen. Es ist seit Jahren hier in der Gegend ein Schandfleck.“

Das Haus der Chambers hatte eine etwas traurige historische Vorgeschichte, was auch der Grund war, warum es so lange gedauert hatte, bis es verkauft worden war. Historische Häuser durften nicht ohne die Genehmigung der Gemeinde renoviert werden, und die meisten Leute wollten den Aufwand nicht und hatten daher kein Angebot gemacht. Die ganze Stadt ärgerte sich jedoch über den baufälligen Zustand und alle konnten es kaum erwarten, bis das Haus endlich verkauft war und restauriert werden würde.

„Die Renovierungsarbeiten beginnen nächste Woche. Ich habe eine Weile gebraucht, um die Unterlagen zu besorgen und mir genau zu überlegen, was ich daraus machen will. Und dann hat es ewig gedauert, bis ich jemanden gefunden habe, der bereit ist, die gewünschten Arbeiten auszuführen. Ich möchte alles so gut wie möglich erhalten, aber auch ein paar moderne Akzente setzen.“

Ich kassierte die Bücher ab und händigte sie Lauren aus. „Ein paar Häuser weiter gibt es eine super Bäckerei. Wie wär’s, wenn wir in dieser Woche einen Kaffee trinken und einen Muffin essen gehen?“

Ihr Gesicht strahlte. „Das wäre toll.“ Sie griff nach der Tüte. „Vielen Dank für den herzlichen Empfang, Dakota.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Ich freunde mich nur deshalb mit Ihnen an, um über den Umbau informiert zu sein“, scherzte ich und grinste sie dabei an, um zu signalisieren, dass ich nur Spaß machte.

„Wenn das so ist, dann habe ich bald eine ganze Stadt voller Freunde!“ Lauren winkte mir zu und verließ den Laden. Die Glocke über der Tür bimmelte nach ihrem Verschwinden fröhlich.

Für den Großteil des Tages war im Buchladen ziemlich viel los; die meisten Kunden waren Touristen, die bei ihrem Bummel durch die anderen Geschäfte am Marktplatz hereinschauten. Einen von ihnen musste ich davon abhalten, mit einem riesigen Becher Kaffee, der von einem Berg Schlagsahne gekrönt war, einzutreten. Normalerweise störte es mich nicht, wenn jemand seinen Kaffee mitbrachte, doch der hier hatte einen offenen Deckel und sah aus, als würde er jeden Moment explodieren. Vielleicht ein entgangener Verkauf. Vielleicht auch nicht. Immer noch besser, als einige der teuren Bücher im Laden zu beschädigen.

Um vierzehn Uhr drehte ich das Schild auf „Geschlossen“ und packte meine Sachen zusammen. Bei mäßigem Verkehr würde ich in etwa fünfzehn Minuten in Candlelight Springs ankommen. Ich überprüfte Poppys Napf, um sicherzugehen, dass sie ihn leer gefressen hatte, und rief ihr ein Goodbye zu, während ich den Laden abschloss. Die Katze reagierte zwar nicht, aber sie hatte den Napf geleert, daher wusste ich, dass mit ihr alles in Ordnung war.

Auf dem Weg in die andere Stadt geriet ich in leichten Verkehr, doch ich hatte für alle Fälle einen Zeitpuffer eingeplant. Der Vortrag fand bei meiner Konkurrenz statt: der Buchhandlung Binders, die einer Frau namens Harriet Tulle gehörte. Ich hatte sie in einem Restaurant kennengelernt, als ich in dem Mord an einer Frau ermittelte, die ein Buch bei mir gekauft hatte. Seitdem hatten wir keinen Kontakt mehr gehabt, aber ich freute mich darauf, sie wiederzusehen.

Ich bog auf den Parkplatz von Binders ein und war beeindruckt von der Anzahl der Kunden, die sie heute hatte. Der Laden war ein frei stehendes Gebäude mit einer niedlichen, gerüschten Markise, auf der in geschwungenen Lettern der Name des Ladens stand. Als ich näher kam, warf ich einen Blick in die Schaufensterauslage. Eine Welle von Neid kroch mir den Rücken hoch, obwohl ich mein Bestes gab, sie zu unterdrücken. Offensichtlich musste ich an meiner Schaufenstergestaltung arbeiten.

Sie präsentierte den neuesten übersinnlichen Cozy-Krimi eines New Yorker Verlags in einer Auslage, die jeden Bäcker neidisch gemacht hätte. Das Buch handelte von einer Hochzeitsplanerin, die mit Geistern sprach. Harriet Tulle hatte eine, wie ich hoffte, künstliche dreistöckige Hochzeitstorte aufgebaut, und dazu einen Stapel elegant verpackter Hochzeitsgeschenke – alles in geschmackvollen Creme- und Lachstönen. Das Buch thronte auf der Hochzeitstorte, zusammen mit einem Banner, das die Neuerscheinung und eine für die nächsten zwei Wochen geplanten Signaturstunde der Autorin ankündigte.

Sie hatte es geschafft, Jenna Bateman dazu zu bringen, hier eine Autogrammstunde abzuhalten? Ich zog die Mundwinkel herunter, obwohl mir klar war, dass ich an meinem Mangel an Veranstaltungen mit Autoren selber schuld war. Networking war mir schon immer schwergefallen, aber ich wusste, dass mein Laden mit der Zeit gehen musste. Ich riss den Blick von der prächtigen Auslage los und betrat den Laden.

Harriet Tulle stand an der Kasse und bediente eine ganze Schlange von Kunden. Die Buchhandlung war größer als meine und in geschmackvollen Creme- und Salbeigrüntönen dekoriert. Eine auffällige Auslage mit Neuerscheinungen begrüßte die Kunden, sobald sie eintraten, und es gab sogar ein originelles Schild, das ihnen die Abteilungen zeigte, in denen sie suchen mussten. Links davon stand ein weiteres Schild, das mir verriet, dass es geradeaus zum Vortrag über seltene Bücher ging.

Ich winkte Harriet zu, während ich zum Vortragsbereich ging. Sie riss überrascht die Augen auf und schenkte mir ein breites Lächeln. Dann hielt sie den Zeigefinger hoch und bedeutete mir damit, zu warten; also stöberte ich im Bestseller-Bereich, während sie die restlichen Bücher abkassierte. Der Vortrag würde erst in zwanzig Minuten beginnen, daher hatte ich noch etwas Zeit. Da ich aber einen guten Platz wollte, konnte ich nicht allzu lange warten.

Nur wenige Minuten später kam Harriet Tulle zu mir herüber. Sie war kleiner als ich und hatte schulterlanges, dunkles Haar, das ihr freundliches Gesicht in weichen Wellen einrahmte. Die Ränder ihrer braunen Augen legten sich in Fältchen, während sie auf mich zueilte, um mich zu begrüßen.

„Miss Adair! Was für eine Überraschung. Ich nehme an, Sie sind wegen des Vortrags hier?“

Ich nickte. „Ich wollte schon länger noch ein paar seltene Bücher in meine Auswahl aufnehmen und brauche mehr professionelles Feedback. Ich verfolge Lindsay MacIntoshs Werk schon eine ganze Weile mit Interesse.“

Harriet nickte nachdenklich. „Ich beschäftige mich nicht viel mit seltenen Büchern, aber die Leute fragen mich ständig danach. Lindsay MacIntoshs Arbeit tauchte in einer der Fachzeitschriften auf, die ich abonniere, also habe ich Kontakt zu ihr aufgenommen und sie gefragt, ob sie Interesse daran hätte, einen Vortrag zu halten.“

Ich nickte. „Gut gemacht. Ich bin eine miserable Netzwerkerin“, gestand ich. „Ich muss noch besser darin werden, Künstler und Autoren anzusprechen und sie in meinen Laden zu holen.“

Harriet sah mich nachdenklich an. „Das sollten Sie wirklich, Dakota. Ihr Buchladen liegt direkt am Wasser und im Herzen der Stadt. Er ist perfekt geeignet, um Touristen anzulocken. Das ist eine tolle Gelegenheit, mehr Umsatz zu machen, vor allem mit Kunden, die Urlaub machen und nach Freizeitaktivitäten suchen.“

Harriet Tulle hatte zwar recht, doch ihr belehrender Ton regte mich trotzdem auf. „Ich habe es kapiert“, sagte ich und bemühte mich, nicht so kühl zu klingen, wie ich mich fühlte. „Ich arbeite noch daran.“

Harriet klopfte mir auf die Schulter; sie hatte zu viel mitbekommen. „Es ist genug für alle da, meine Liebe. Wir müssen zusammenhalten, wissen Sie. Die Buchhandlungen sterben aus, und wir wissen beide, wie dringend sie gebraucht werden.“

Schuldbewusst nickte ich und schämte mich über den Neid und den Ärger, die ich empfand. „Na ja, ich bin hergekommen, um zu lernen. Das ist der erste Schritt.“

Wir lächelten uns an; die Anspannung war vergessen. Sie führte mich in den hinteren Bereich des Ladens, wo mehrere Stuhlreihen aufgestellt waren. Davor stand ein Tisch mit einer schwarzen Tischdecke und einem farbenfrohen Logo: MacIntosh’s Rare & Vintage Books sowie eine Adresse in Maine, die darunter aufgedruckt war.

Lindsay MacIntosh, die ihr geschmackvoll gestyltes Haar zu einem eleganten Dutt gebunden hatte, stand vorne. Sie trug einen Anzug, der besser in einen Sitzungssaal passen würde als in eine unkonventionelle Buchhandlung, und hohe Absätze, die mit Sicherheit ihre Zehen folterten. Sie lächelte mich an, doch ihr Lächeln erreichte nicht ihre Augen. Sie musterte mich von Kopf bis Fuß, und so, wie sie wegschaute, hatte ich das Gefühl, dass ihr womöglich nicht gefiel, was sie sah.

Ich blickte herab auf meine bequemen gestreiften Leinenschuhe und die Röhrenjeans und zuckte innerlich mit den Schultern. Schließlich war ich nicht hergekommen, um irgendjemanden zu beeindrucken.

Ein paar Gäste hatten bereits fast die ganze erste Reihe besetzt. Ich wählte einen Stuhl am Ende der zweiten Reihe, der als letzter Platz leicht schräg gestellt war, damit kein Kopf die Sicht versperrte. Sobald ich mich hingesetzt hatte, holte ich Notizblock und Stift aus meiner Handtasche und wartete darauf, dass es losging. Harriet Tulle ging hinüber zu Lindsay MacIntosh und fragte sie, ob sie etwas zu trinken bräuchte.

Die Autorin schnaubte und bestellte eine Mimosa. Ich presste die Lippen zusammen, um nicht über Harriet Tulles verblüfften Gesichtsausdruck zu lachen.

„Ich habe Kaffee, Kräutertee und Wasser“, sagte Harriet nach einem Augenblick. „Wir besitzen keine Lizenz, um Alkohol auszuschenken.“

Lindsay MacIntosh atmete hörbar genervt aus. „Dann eine Flasche Perrier.“

Harriet Tulle blieb einen Moment stehen und drehte sich schließlich wortlos um. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie Perrier hatte, war gering. Lindsay MacIntosh würde wohl entweder den Durst aushalten oder sich mit gutem altem Mineralwasser abfinden müssen.

Ein paar Minuten später füllten sich noch mehr Sitzplätze. Es waren noch etwa zehn Minuten bis zum Beginn des Vortrags. Ich ging nicht davon aus, dass sie ein volles Haus haben würde, egal wann der Vortrag begann. Seltene Bücher waren überall ein Nischenprodukt, und eine Kleinstadt in den Bergen von Virginia hatte wahrscheinlich keine große Anziehungskraft.

Ich fand es merkwürdig, dass Lindsay MacIntosh sich bereit erklärt hatte, den ganzen Weg hierher auf sich zu nehmen, um einen Vortrag zu halten, doch es kam mir zugute und so hinterfragte ich es nicht.

Ein paar Minuten später kam Harriet mit einer gewöhnlichen Wasserflasche zurück und reichte sie Lindsay MacIntosh, die die Flasche anstarrte, als wäre sie eine Klapperschlange. Wortlos stellte Harriet sie auf den Tisch und entfernte sich.

Ich unterdrückte ein Lächeln.

Pünktlich um fünfzehn Uhr begann Lindsay MacIntosh mit der Vortrag. Ich wusste zwar nicht, was ich erwarten konnte, jedenfalls keine PowerPoint-Präsentation und Musik. Aus den Lautsprechern dröhnte blecherne Musik eines Actionfilms. Ich warf einen Blick auf Hariett, die an einem der Regale stand; ihr Gesichtsausdruck verriet mir, dass sie dachte, Lindsay MacIntosh hätte den Verstand verloren.

„Guten Tag!“, dröhnte Lindsay MacIntoshs Stimme durch den Laden. Harriet Tulle zuckte bei dem Krach zusammen. Buchhandlungen sind zwar keine Bibliotheken, aber es gibt trotzdem ein ungeschriebenes Gesetz, was den Lärmpegel angeht. Die Autorin trampelte erst über diese Selbstverständlichkeit, das laute Dröhnen wirkte sogar, als wenn sie mit ihren Füßen dagegen trat.

Während sie sprach, machte ich es mir auf meinem Platz bequem; das Notizbuch neben mir hatte ich vergessen. Lindsay MacIntosh erinnerte mich an eine Mitarbeiterin einer dieser Großkonzerne, die so schwergewichtige Wörter wie „strategisch“ und „imminent“ verwendeten, ohne dass sie irgendeine Bedeutung hätten. Nach zwanzig Minuten wurde aus meiner Langeweile Misstrauen.

„Falls Sie Interesse an einer Geschäftspartnerin für die Beschaffung seltener und antiker Bücher haben, kann ich Ihnen jetzt ein Paket zu fünfundzwanzig Prozent Rabatt anbieten.“ Ihre Augen leuchteten vor Geschäftseifer. Ich sah mich unter den Leuten um, die um mich herum saßen und die verschiedensten Gesichtsausdrücke hatten. Manche gähnten hinter vorgehaltener Hand, andere himmelten Lindsay mit so etwas wie Heldenverehrung an, doch die große Mehrheit, darunter auch Harriet Tulle, musterte sie nun misstrauisch.

„Wir bilden eine Partnerschaft. Genau das wird es sein – eine echte Partnerschaft. Sie nennen mir die Bücher, die Sie suchen, und ich beschaffe sie mit einem enormen Rabatt. Diese Ersparnisse gebe ich dann an Sie weiter …“

Ich seufzte und stand auf, um meine Sachen einzusammeln. Gerade als ich den Gang verlassen wollte, erhoben sich noch mehrere andere Leute und packten ebenfalls ihre Sachen zusammen. Mein Blick traf den von Lindsay MacIntosh und die Feindseligkeit in ihren Augen ließ mich wie angewurzelt stehen bleiben. Ich warf einen Blick auf Harriet Tulle, die sich plötzlich aufrichtete und direkt auf Lindsay MacIntosh zuging.

Ich zuckte zusammen und eilte aus dem Laden. Heute hatte ich absolut nichts gelernt und fühlte mich betrogen, weil ich meine Zeit mit einer offensichtlichen Verkaufsmasche verschwendet hatte. Das nächste Mal würde ich gründlicher recherchieren, bevor ich mich zu so etwas anmeldete.

Ich warf einen Blick zurück und sah, wie Harriet in eine Unterhaltung mit Lindsay MacIntosh vertieft war. Beide sahen wütend aus.

Ich war froh, heute nicht in Harriet Tulles Schuhen zu stecken.

2

Ich hatte gerade meine Autotür geöffnet und war dabei, einzusteigen, als ich einen Mann mit einem vertrauten blonden Haarschopf über den Parkplatz schlendern sah. Ich machte die Tür wieder zu und joggte hin, um mit Cole zu plaudern.

Seine grünen Augen leuchteten auf, als er mich erblickte. „Dakota!“

Ich schob meine Handtasche höher auf die Schulter. „Was machst du hier?“ Cole und ich hatten zwar ein gutes Verhältnis, aber wir achteten darauf, die Grenze zwischen seinem Job und meiner Neugier nicht zu überschreiten. Bei unserer ersten Begegnung hatte er mich mit Fragen über meine Beteiligung an Marcys Mordermittlungen gelöchert und ich hatte ihm misstraut. Wir hatten eine ausgesprochene und unausgesprochene Vereinbarung getroffen, unsere Freundschaft niemals mit seiner Arbeit zu vermischen.

Cole senkte den Blick, doch in seinen Augen sah ich eine Emotion, die ich nicht deuten konnte. „Ich berichte nur über den heutigen Vortrag.“ Er hielt die Kamera hoch, die um seinen Hals hing, und lächelte mich verlegen und leicht schuldbewusst an.

Hmm. Cole schwindelte mich über irgendwas an. Ich zog eine Augenbraue hoch. „Da drinnen läuft es nicht so gut; wenn du dich beeilst, kriegst du vielleicht deine Story.“

Er riss die Augen auf und blickte zum Eingang.

Ich schnaubte amüsiert und hob die Hände. „Ich werde dich nicht aufhalten.“

Er zierte sich ein wenig, bevor er meinen Arm drückte. „Danke, Dakota! Das vergesse ich dir nicht!“ Dann rannte Cole los, wobei sein schlanker Körper den Wind durchschnitt, während er drinnen verschwand.

Kopfschüttelnd stieg ich wieder in meinen Rav 4 und fuhr zurück nach Silverwood Hollow.

Im Tattered Pages hatte ich gerade alle Regale abgestaubt, als mein Handy klingelte. Ich war schon seit mehreren Stunden wieder da und hatte beschlossen, den Laden sauberzumachen, da ich den Vortrag früher als erwartet verlassen hatte. Das stand zwar schon ewig auf meiner To-do-Liste, aber ich hatte es ständig aufgeschoben, weil ich immer wieder eine Ausrede gefunden hatte, um es aufzuschieben. Doch heute, da der Laden geschlossen war und ich nichts anderes vorhatte, wurde mir bewusst, dass ich, wenn ich es noch einmal aufschieben würde, womöglich eine Selbstintervention gegen das Prokrastinieren durchführen müsste.

Dankbar für die Pause drückte ich auf den grünen Knopf, ohne nachzusehen, wer dran war. „Dakota“, zwitscherte ich.

Ich kannte die Stimme am Apparat so gut wie meine Hosentasche. „Miss Adair, hier ist Detective Cavanaugh.“

Oh oh. Wir waren vom Vornamen zum Berufstitel zurückgekehrt. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Ich beschloss, ihn ein wenig zu provozieren. „Hallo, Hardy. Lange nichts von Ihnen gehört.“

Er schwieg, als hätten ihn meine Worte überrascht. Dann gluckste er am anderen Ende der Leitung. „Tut mir leid, Dakota. Das hier ist eine offizielle Angelegenheit.“

„Wie kann ich Ihnen helfen?“ Ich legte den Staubwedel weg und lehnte mich an ein Regal, das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt. Seine Stimme glitt wie Seide über meine Haut, tief und dunkel.

Nicht gut, Dakota. Komm von Wolke sieben runter. Ich konnte gar nicht zählen, wie viele der Frauen, die täglich durch Tattered Pages wanderten, über den neuen attraktiven Detective sprachen und sich fragten, ob er wohl verheiratet war. Bis vor Kurzem war Kriminalität in dieser Stadt nie ein Problem gewesen, aber es gab immer noch nicht viel zu erzählen. Entweder hatte es tatsächlich einen Anstieg der Kriminalität gegeben oder aber es waren wilde Gerüchte. Ich vermutete Letzteres.

„Harriet Tulle hat erwähnt, dass Sie heute bei Binders waren.“

Ich richtete mich auf. „Ja, war ich.“

„Haben Sie dort Lindsay MacIntosh gesehen?“

„Ja. Ich hatte mich für ihren Vortrag über seltene Bücher angemeldet.“

Er gab einen verhaltenen Laut von sich. „Und wie lange sind Sie geblieben?“

Ich dachte zurück. Der Vortrag sollte eigentlich zwei Stunden dauern. „Vielleicht eine Stunde?“

„Sie sind früher gegangen?“ Ich konnte das Kratzen seines Stifts auf dem Papier durch die Leitung hören.

„Ja.“

„Aus welchem Grund?“

Ein Seufzer entfuhr mir. „Ist das ein Verhör, Hardy?“

Der Stift stoppte. „Nein, ich stelle nur einen Zeitplan auf.“

„Ist alles in Ordnung?“

Schweigen breitete sich in der Leitung aus. Ich konnte förmlich sehen, wie sich die Rädchen in seinem Gehirn drehten. „Normalerweise würde ich diese Information nicht preisgeben“, sagte er, „aber wir alle wissen, wie schnell sich Gerüchte in Silverwood Hollow ausbreiten.“

Ich konnte nicht anders, ich musste laut lachen. „Besonders, wenn es um Kriminalfälle oder Liebesgeschichten geht.“

Mir kam ein schrecklicher Gedanke. „Cole. Ihm ist doch nichts passiert?“ Mein Herz zappelte wie ein Kaninchen in meiner Brust.

„Cole Gardener war dort?“ In seiner Stimme schwang ein missbilligender Unterton mit. Auch er und Cole hatten nicht den besten Start gehabt, doch sie hatten es nie geschafft, sich wieder zu versöhnen. Ich vermutete, sie würden es nie können. Für einen Ermittler wäre es nicht leicht, eine Freundschaft mit einem Reporter zu pflegen, der ständig auf der Jagd nach einer Story war.

„Ich bin ihm auf dem Parkplatz begegnet.“

„Hat er gesagt, warum er da war?“

Coles seltsames Verhalten fiel mir wieder ein. „Er hat gesagt, dass er über den Vortrag berichten wollte. Und ich hab ihm gesagt, er solle sich beeilen, bevor er noch seine große Story verpasst.“

„Sie haben mir nicht geantwortet, weshalb Sie so früh gegangen sind“, sagte Hardy und lenkte damit das Thema zurück auf Lindsay MacIntosh.

„Letztendlich war es nur ein Geschäftsmodell und keine Gelegenheit, etwas zu lernen.“ Ich war immer noch sauer. Auch wenn ich früher gegangen war und mich nicht auf Lindsay MacIntoshs Firmenangebot eingelassen hatte, nagte die verlorene Zeit an mir. Ich war zwar nicht jemand, der sich stur an einen Zeitplan hielt, aber ich mochte es, meinen Tag durchgetaktet zu haben. Ich war mir sicher gewesen, mit einem guten Plan zu Tattered Pages zurückzukehren. Der Gedanke, den Laden zu erweitern, war mir in letzter Zeit immer häufiger durch den Kopf gegangen, aber das konnte ich nicht tun, ohne mein Geschäft auszuweiten.

„Was für ein Geschäftsmodell?“

Ich erzählte Hardy, woran ich mich noch erinnern konnte, was nicht viel war. Ich war gegangen, bevor sie zum Kern der Sache gekommen war.

„Hmm. Zurück zu Cole. Wirkte er geistesabwesend? Gab es irgendwas Ungewöhnliches?“

Es fühlte sich zwar wie ein Verrat an Hardy an, aber ich hatte nicht vor, ihm zu sagen, dass ich den Eindruck gehabt hatte, Cole würde mich anschwindeln. „Nicht wirklich. Er schien nur auf der Jagd nach einer guten Story zu sein. Cole ist immer etwas geistesabwesend, wenn er eine Story wittert.“

„Gibt es sonst noch etwas, woran Sie sich erinnern?“

Ich berichtete ihm von Harriet Tulles und Lindsay MacIntoshs Gespräch, nachdem ich aufgestanden war, um zu gehen, und von dem kleinen Streit um die Getränke. „Ich glaube zwar nicht, dass es wichtig ist, aber man weiß ja nie, welche Bedeutung es haben könnte.“

Der Stift blieb stehen, und ich hörte, wie er mit einem dumpfen Klacken auf etwas fiel. Hardy seufzte und stieß langsam einen Atemzug auf. „Das ist hilfreich, Dakota. Ich weiß es wirklich zu schätzen.“

„Jederzeit.“ Bevor ich es bereuen konnte, fuhr ich fort. „Werden Sie nicht zum Fremden, Hardy. Ich habe Sie schon ewig nicht mehr gesehen.“

„Ich habe schon lange vor, zu Sprinkle Heaven zu gehen und Trudys neue heiße Gewürzschokolade auszuprobieren, aber ich werde mit Arbeit überhäuft. Für einen Ort mit geringer Kriminalität war hier seit meiner Ankunft ganz schön viel los.“

Ein breites Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. „Merkwürdig“, dachte ich laut nach. „Die testen Sie sicher, um sich zu vergewissern, dass Sie für den Job geeignet sind.“

„Das bezweifle ich“, murmelte er. „Sie werden nicht glauben, wie viele Katzen in den letzten zwei Wochen aus Bäumen geholt werden mussten. Ein paar Wochen davor gab es eine Flut von Beschwerden über Spanner.“

Das Grinsen auf meinem Gesicht wurde noch breiter. „Das klingt anstrengend“, sagte ich mit zuckersüßer Stimme.

„Sie machen sich über mich lustig“, sagte er mit gespielter Empörung.

„Na ja, Sie sind der erste junge männliche Single, den diese Stadt seit Ewigkeiten gesehen hat. Mich wundert der ‚Anstieg‘ der Kriminalität nicht. Und lassen Sie mich raten: Die Leute fordern Sie namentlich an?“

Man hätte in der Leitung eine Stecknadel fallen hören können. Hardy murmelte etwas wenig Schmeichelhaftes. „Ich habe mich schon gefragt, warum ich plötzlich zu solchen lächerlichen Lappalien gerufen werde!“

„Willkommen in Silverwood Hollow, Hardy Cavanaugh. Sie sind der heißeste Fall, seit Mrs. Rafferty den Schuppen ihres Mannes angezündet hat.“

„Auf Wiedersehen, Dakota“, knurrte Hardy.

„Bis bald, begehrtester Junggeselle der Stadt.“

Ich legte auf, bevor er noch etwas anderes sagen konnte, und erst danach fiel mir ein, dass er mir nicht verraten hatte, was los war.

Verdammt. Vielleicht sollte ich mal bei Trudy vorbeischauen, um herauszufinden, ob sie etwas gehört hat.

Und vielleicht würde ich mir auch gleich noch einen Cupcake gönnen.

3

Wenn es einen Himmel auf Erden gab, dann musste er Trudys Sprinkle Heaven sein. Die Besitzerin war eine ältere Dame, in deren rot gefärbtem Haar sich schon die ersten silbernen Sprenkel zeigten. Ich wusste, dass sie diese nicht lange dulden würde. Trudy legte großen Wert darauf, dass ihr scharlachrotes Haar und die extremen falschen Wimpern immer makellos aussahen. Abgesehen davon war sie einer der liebenswertesten Menschen, die ich kannte, und machte die besten Muffins diesseits der Ostküste.

„Hey Dakota!“, begrüßte Trudy mich, die hinter der Vitrine stand. Sie zeigte auf die entzückend dekorierte Schiefertafel. „Schau dir die heutigen Angebote an. Ich glaube, sie werden dir gefallen.“

Ich weiß nicht genau, warum sie das sagte. Trudy wusste, dass mir fast alles schmeckte, was sie zubereitete. Erst kürzlich hatte sie ein himmlisches Kaffeegetränk für das Erntefest kreiert. Seit sie damit den ersten Preis gewonnen hatte, hatte ich kaum mehr davon gehört, aber ich wollte es unbedingt auf der Speisekarte sehen.

Einmal hatte ich sie danach gefragt und sie hatte erklärt, dass es schwierig sei, alle Zutaten zu beschaffen, aber seitdem hatte sie es nicht mehr erwähnt. Ich schaute auf die Tafel und entdeckte die heiße Gewürzschokolade, die sie normalerweise um diese Jahreszeit anbot, doch sie hatte auch Snickerdoodle-Cookies und einen siebenschichtigen Weihnachtsbrownie hinzugefügt. Ich zog die Augenbrauen hoch.

„Sieben Schichten?“, fragte ich. „Sag’s mir.“

Trudy strahlte. „Schokolade, gesalzenes Karamell, eine Käsekuchenfüllung, eine Schicht Dulce de Leche, ein Hauch Zimt-Schokoladensirup, eine Schicht zerbröselte Heath-Riegel und obendrauf hausgemachtes gesalzenes Karamell und weiße Schokochips.“

Ich starrte sie mit offenem Mund an.

„Genau diesen Blick will ich sehen, wenn ich den Leuten verrate, was drin ist“, sagte sie, während sie ihre Zange hochhielt und damit klickte. „Möchtest du einen probieren?“ Ich wollte schon, aber meine Hüften nicht. Ich konnte jedoch kaum etwas in Trudys Laden widerstehen. „Kannst du mir einen durchschneiden? Die andere Hälfte nehme ich dann mit.“

Trudy lächelte mich wissend an und nahm einen Brownie aus dem Glastresen. Sie schnitt ihn gekonnt mit einem gezackten Messer durch und steckte die andere Hälfte in eine Pappschachtel. „Kaffee?“, fragte sie und reichte mir den Teller über den Tresen.

„Immer.“ Ich kramte in meiner Handtasche und holte einen Zehner heraus. Sie rechnete mir den üblichen fünfundzwanzig Prozent Rabatt ab, gegen den ich jedes Mal protestierte, und gab mir mein Wechselgeld zurück.

„Welche Kaffeesorte?“, fragte sie.

„Gibt es heute eine neue?“

„Ich habe die heiße Gewürzschokolade, aber wenn du dich überraschen lassen willst, mache ich dir einen Freestyle.“

Trudys Freestyle-Kaffeekreationen waren fantastisch. „Unbedingt“, sagte ich und steckte das Wechselgeld in mein Portemonnaie. Dann nahm ich meinen Brownie und ging zu einem der Tische hinten in der Ecke. Der Laden selbst war ein süßes kleines Lokal ein paar Häuser von meiner Buchhandlung entfernt. Auch Olive Twist – ein Fachgeschäft für Öle – war ganz in der Nähe. Die Inhaberin Jen war brillant, was ihre verschiedenen Ölmischungen und passenden Brotsorten betraf. Seit ich meinen Laden gekauft hatte, musste ich auf mein Gewicht achten, denn alles, was diese Damen anboten, war köstlich.

Ich wartete, bis Trudy mir den Kaffee brachte. Sie blieb immer mindestens fünf Minuten sitzen und unterhielt sich mit mir, wenn im Laden wenig los war, und ich hatte darauf geachtet, zu einer Zeit zu kommen, in der sie nicht von Kunden überrannt wurde.

Und tatsächlich kam sie mit einer dampfenden Tasse und einem Berg Schlagsahne darauf an meinen Tisch. Als sie sich setzte und mir den Kaffee herschob, stieg mir der Duft von Kardamom und Zimt in die Nase. Die Anspannung des Tages fiel von meinen Schultern ab und ich atmete tief ein.

„Was ist das?“

Sie zuckte mit den Achseln. „Ich lasse mir keine Namen einfallen. Bloß Konzepte. Das ist eine Mischung aus heißer Schokolade und Espresso, kombiniert mit einem Spritzer Dulce-de-Leche-Sirup und einer Prise Kardamom und Zimt.“

Ich nahm einen Schluck und schloss selig die Augen. „Den hier musst du unbedingt beibehalten. Er hat das Beste von Schokolade und dazu alle guten Eigenschaften von Kaffee. Er schmeckt wie ein schokoladiges, würziges Festtagsgetränk.“ Trudy strahlte mich an. „Sobald ich wieder an der Kasse bin, schreibe ich mir das Rezept auf“, sagte sie. „Nun – du kommst nie um diese Uhrzeit her, wenn du nicht über etwas Bestimmtes reden willst. Was beschäftigt dich?“

Erwischt. Trudy war schlauer, als ich es ihr zugetraut hatte. „Hast du schon was durch die Gerüchteküche gehört?“

Sie hob eine rötliche Augenbraue. „Die Silverwood Silverettes?“

Ich schnaubte amüsiert. Das war der inoffizielle Name der Silverwood-Klatsch-Hotline. „Genau die. Detective Cavanaugh hat mich angerufen. Er stellte viele Fragen über eine Dozentin, die bei Binders einen Vortrag gehalten hat.“

Trudy rümpfte die Nase. „Du warst bei Binders? Schleimst du dich jetzt etwa bei der Konkurrenz ein?“

Trudy kannte meine Meinung über Konkurrenzbuchhandlungen, aber als ich mich an Harriet Tulles geduldigen und freundlichen Ton erinnerte, bekam ich ein schlechtes Gewissen. „Na ja, vielleicht habe ich mich in ihrem Laden geirrt“, gestand ich. „Harriet hatte heute eine Dozentin zu Gast, die einen Vortrag über seltene Bücher gehalten hat.“

„Nach deinem Gesichtsausdruck zu urteilen, lief es nicht so toll.“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin vorzeitig gegangen. Harriet wirkte auch nicht erfreut, als die Dozentin uns ihre Dienste verkaufen wollte.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Wie kann man bei so einem Vortrag seine Dienste verkaufen?“

„Sie wollte mit Buchhandlungen in der Gegend zusammenarbeiten. Für eine Art Vermittlungshonorar, nehme ich an.“

Trudy räusperte sich verächtlich. „Klingt wie etwas, das du im Schlaf besser machen könntest“, sagte sie.

Ich widersprach ihr nicht. Ein Großteil meiner Recherchen bestand aus dem Durchforsten von Branchenvorständen, eBay und anderen Webseiten, auf denen Leute ihre Bücher verkaufen. Ein bisschen trugen auch die Händler antiquarischer Bücher bei, obwohl ich mitunter feststellte, dass der Markt nicht immer mit ihrer Meinung übereinstimmte. Manchmal durchsuchte ich Nachlassverkäufe und entdeckte tolle Angebote für Privatsammlungen. Sie waren für mich immer die besten Deals. Mit den Büchern aus Privatsammlungen, die ich ausgegraben hatte, hätte ich meine Hypothek mehrfach abzahlen können. Und ich neigte dazu, mehr von den Büchern zu behalten, die ich auf diese Weise erworben hatte, weil sie günstiger waren, als sie direkt bei einem Händler zu kaufen oder auf einer Online-Auktion zu ersteigern.

„Ich habe nichts dagegen, irgendwann einen Geschäftspartner ins Boot zu holen“, gab ich zu, „aber ich möchte niemanden dafür bezahlen, genau das für mich zu tun. Dafür brauche ich keine Hilfe. Ich brauche eher jemanden für die Öffentlichkeitsarbeit. Ich bin nicht sonderlich gut im Netzwerken oder darin, außerhalb der Stadt Talente für Autorenlesungen zu gewinnen. So was ist mir unangenehm.“

Trudy lächelte mich an. „Ich werde die Silverwoods-Silverette-Hotline durchklingeln und sehen, was dabei herauskommt. Irgendeine Ahnung, was es sein könnte?“, fragte sie, während sie sich erhob.

Ich schüttelte den Kopf. „Wahrscheinlich etwas, das mit Lindsay MacIntosh zu tun hat. Ich weiß zwar nichts Näheres, aber er hat mir viele Fragen über sie gestellt.“

„Ich werde herausfinden, was ich kann, und dir Bescheid sagen, wenn ich etwas höre.“ Sie winkte mir zu und ging zurück hinter die Vitrine.

Ich saß noch eine ganze Weile bei Trudy und genoss den Snack, den sie mir aufgetischt hatte, ohne mir im Geringsten Sorgen zu machen, ob ich dabei war, mein Abendessen zu ruinieren.

Da ich die Einzige war, die kochte, könnte es ein Salatabend werden.

An diesem Abend wollte Poppy mit mir nach Hause kommen und sprang sofort in die Katzenhängematte, sobald ich sie auf dem Beifahrersitz absetzte. Sie maunzte mich an, als sie der Meinung war, dass ich zu lange brauchte, um das Auto zu starten, zumal die Luft eisig war und rasch weiter abkühlte. Für die nächste Woche war Schnee angesagt, und während sich ein Teil von mir nicht auf den Temperaturumschwung freute, frohlockte der andere Teil, weil er bedeutete, dass wir einer weißen Weihnacht einen Schritt näher kamen.

Allerdings war ich mit meinen Weihnachtseinkäufen ganz schrecklich im Rückstand. Auch das war Teil der Aufschieberitis, die ich bemüht war, abzulegen. Es gab nicht viele Menschen, für die ich Geschenke besorgen musste. Nur meine Mutter und ein paar Freunde. Normalerweise schenkte ich Harper einen freien Tag und versuchte, ein neues Buch für sie zu finden, das sie noch nicht gelesen hatte. Das war leichter gesagt als getan. Harper las ungefähr genauso viel wie ich.

Dieses Jahr hatte ich es geschafft, ihr ein seltenes Exemplar von Little Women zu besorgen, als ich zu meinem Erstaunen feststellte, dass sie das Buch noch nie gelesen hatte. Ich hatte es günstig bei eBay von jemandem ersteigert, dem nicht bewusst war, was für einen Schatz er da hatte, und es war erst vor ein paar Tagen angekommen. Ich hatte es in meinem Nachtschränkchen verstaut, um es nicht zu verlegen, doch als ich den fast makellosen Einband betrachtete, hätte ich es am liebsten selber behalten und Harper etwas anderes geschenkt.

Das passierte mir jedes Jahr. Wenn es sich um ein Buch handelte – vor allem um einen Klassiker –, dann begehrte ich es.

Ich öffnete den Kühlschrank aus Gewohnheit, nicht unbedingt hungrig, aber ich wusste, dass ich mitten in der Nacht vor Hunger aufwachen würde, wenn ich nicht wenigstens etwas aß.

Die Reste vom Vortag vegetierten rechts im Kühlschrank vor sich hin – ein Pastarezept von einer fragwürdigen Webseite, das ich nachgekocht und sofort bereut hatte. Von dieser Sorte hatte es in den letzten Monaten mehr als ein paar gegeben. Für eine Person zu kochen, war keine leichte Aufgabe.

Dann gab es noch die Zutaten für Salat, die ich tendenziell übersprang, vor allem, wenn ich ein italienisches Gericht auf den Speiseplan setzen konnte. In der Tiefkühltruhe waren ein paar Fertiggerichte, aber ich versuchte aus Prinzip, die Finger davon zu lassen. Warum, weiß ich nicht genau, wenn man bedenkt, dass ich erst vor etwa einer Stunde die Hälfte eines siebenschichtigen Brownies verputzt hatte.

Ich entschied mich für Hühnerbrust mit Pesto-Sauce, verzichtete diesmal jedoch mit Bedauern auf die Pasta. Ich fügte dem Pesto ein wenig Sahne hinzu, damit es sich leichter verteilen ließ, und röstete ein paar Brokkoliröschen im Ofen. Mein Gemüsekonsum ließ zwar zu wünschen übrig, aber ich war bemüht, auch darin besser zu werden.

Während Hähnchen und Brokkoli garten, scrollte ich durch alle Textnachrichten, die ich heute verpasst hatte.

Vor etwa einer halben Stunde hatte Mom mir eine Nachricht geschickt, in der sie sich über ihren neuen Kühlschrank beschwerte, der kaputtgegangen war, als sie gerade vom Einkaufen zurückkam. Ich schrieb zurück und fragte sie, ob sie schon jemanden gefunden hätte, der ihn reparieren würde.

Moms Antwort kam prompt.

Ja, ein gut aussehender Singlemann in deinem Alter.

Ich verdrehte die Augen.

Super

schrieb ich zurück.

Dann wünsche ich dir alles Gute für deine neue Beziehung.

Dakota!

antwortete Mom.

Du solltest dich was schämen.

Ich bin nicht an ihm interessiert.

Sehr zu meinem Verdruss machte Mom in letzter Zeit häufiger Andeutungen über Enkelkinder als sonst. Babys waren nicht in Sicht und das schon seit Jahren nicht. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, danach zu fragen. Wenn auch nicht direkt. Das war nicht ihr Stil. Eher so: „Ach, Dakota, sieh dir das süße Baby-Outfit an“ im Einkaufszentrum, oder „Dieser Cole. Ist er eigentlich Single? Ich bin sicher, er wäre ein netter Freund für dich.“ Jedes Mal, wenn sie so etwas sagte, verdrehte ich die Augen und versuchte, mich davon nicht verletzen zu lassen.

Mom und Dad hatten keine anderen Kinder, also gab es auch keine Geschwister von mir, die sie nerven konnte. Als wir Dad vor sieben Jahren an Krebs verloren hatten, war Mom vor Trauer fast durchgedreht und es hatte lange gedauert, bis sie darüber hinweggekommen war. Ich wusste, dass sie den möglichen Verlust seiner Blutlinie befürchtete. Ich dachte zwar nicht so, aber ich merkte, dass Mom immer noch jeden Tag um ihn trauerte.

Vor Kurzem hatte sie erwähnt, dass sie wieder anfangen würde, andere Männer kennenzulernen. Das fand ich zwar wunderbar für sie, doch der Gedanke daran tat mir weh. Es gab nur einen Bob. Niemand würde meinen Vater jemals ersetzen können. Aber ich wollte auch nicht, dass Mom einsam war, und deswegen hatte sie meinen ganzen Segen. Wann immer sie wieder bereit war, sich mit einem anderen Mann zu treffen, würde ich sie darin unterstützen.

Keine Babys am Horizont, Mom. Nur ich und meine einsamen Abendessen.

Mom nahm den Köder, den ich ausgeworfen hatte, nicht an.

Ich hab dich lieb, Liebes.

Lass uns bald zusammen zu Abend essen und quatschen

schrieb sie.

Mom wohnte nur ein paar Häuser weiter. Wir brauchten keinen Grund, um uns auszutauschen, aber wir mussten unsere wöchentlichen gemeinsamen Abendessen wieder aufnehmen. Die letzte Zeit war so hektisch gewesen, dass ich keine Gelegenheit gehabt hatte, mich davon loszueisen und etwas für sie zu kochen.

Zwar sahen wir uns noch, aber meist nur flüchtig. Vor Kurzem hatte Mom mit Yoga angefangen, obwohl sie sich über die neue französische Yogalehrerin beschwerte. Auch wenn sie sie nicht mochte, ging sie weiterhin zum Training, was mir den Eindruck vermittelte, dass Mom vielleicht ein bisschen neidisch sein könnte, vor allem, weil die Frau in ihrem Alter war.

Ich hab dich auch lieb

schrieb ich im selben Moment zurück, in dem die Zeituhr des Backofens klingelte.

Poppy kam um die Ecke geschossen, weil sie wusste, dass etwas fertig gekocht war, wenn der Timer losging. Ich streifte mir einen Kochhandschuh über und holte den Brokkoli aus dem Ofen. Als sie ihn roch, miaute sie laut auf. Wenn eine Katze genervt sein konnte, dann zeigte Poppys Gesichtsausdruck dies überdeutlich. Sie konnte zwar nicht die Augen verdrehen, aber ich spürte die Missbilligung, die ihr ganzer Körper ausdrückte, während sie sich umdrehte und weglief.

„Dann geh doch, Katze. Du hast ja keine Ahnung, dass ich ein leckeres Hühnchen auf dem Herd stehen habe.“

Poppy verschwand mit wiegendem Hinterteil und erhobenem Schwanz aus der Küche.

Ich häufte meine Mahlzeit auf einen Teller und ließ mich vor dem Fernseher in den Sessel fallen. Zwar versuchte ich mein Bestes, diese schlechte Angewohnheit abzulegen, aber am Küchentisch zu essen, verstärkte das Gefühl der Einsamkeit in meinem Haus noch mehr, sodass ich jetzt meistens vor dem Fernseher aß und mich dabei gedankenlos durch Netflix zappte.

Kaum hatte ich den letzten Bissen Hühnchen gegessen, als das Telefon klingelte.

„Dakota!“, ertönte Trudys zitternde Stimme in der Leitung. „Ich bin’s. Du wirst nicht glauben, was passiert ist!“

Ich legte die Gabel zur Seite und setzte mich gerade hin. „Bitte sag mir nicht, dass ein Mord geschehen ist“, erwiderte ich im selben Augenblick, in dem Trudy herausplatzte: „Es gab schon wieder einen Mord!“

4

Lindsay MacIntosh war direkt vor Binders tot in ihrem Wagen aufgefunden worden. Die Fahrertür stand offen, und der einzige Grund, weshalb jemand nachgesehen hatte, war das andauernde Pling-Pling des Wagenalarms. Sie wollte gerade den Zündschlüssel ins Schloss stecken, als jemand auf sie zukam und ihr mit einem schweren Gegenstand auf den Kopf schlug.

Zumindest erzählte mir Trudy das atemlos und aufgeregt, während sie den gesamten Klatsch durch die Leitung weitergab.

„Das ist bereits der zweite Mord in kurzer Zeit“, murmelte ich.

„Der hier ist allerdings in Candlelight Springs passiert“, sagte Trudy.

Ein Lachen entfuhr mir. „Das ist keine fünfzehn Minuten entfernt“, erinnerte ich sie. „Über dieser Stadt liegt ein Fluch. Oder so was Ähnliches.“

Trudy seufzte. „Liebes, ungefähr alle fünfzehn Jahre macht unsere Stadt etwas durch. Gewöhnlich ist es kein Mord, aber es gibt hier genug Scheidungen, Eigentumsdelikte, Einbrüche und Vandalismus.“

„Ich weiß.“ Trudy hatte recht. Die Kriminalitätsrate war zwar nicht allzu hoch, doch manchmal passierte eins nach dem anderen. Manche Einwohner schoben es auf den Mond, auch wenn die Straftaten nicht bei Vollmond geschahen. Andere gaben den Jugendlichen und ihren Eltern die Schuld, weil sie sie – in ihren Worten – in der Nachbarschaft herumpöbeln ließen, und wiederum andere deuteten es als ein Zeichen für das nahende Ende. Ich hatte den Eindruck, als würden die Dinge in Schüben passieren. So war es immer gewesen, doch Morde waren extrem selten, und jetzt hatten wir zwei innerhalb kurzer Zeit.

„Das ist wirklich schlimm“, sagte ich mehr zu mir selbst als zu ihr. „Haben sie eine Ahnung, wer der Täter ist?“

„Also das ist äußerst interessant, Dakota“, sagte Trudy, als hätte sie nur darauf gewartet, dass ich ihr genau diese Frage stellen würde. „Es gibt drei Zeugen, die ausgesagt haben, dass sie und Cole Gardener sich kurz vor ihrem Tod gestritten haben!“

Ich atmete hörbar aus. Ich wusste zwar, dass Cole dort gewesen war, aber er war doch kein Mörder. Nach seinem Verhalten zu urteilen, hatte das, was er von ihr gewollt hatte, wahrscheinlich nichts mit dem Vortrag zu tun, aber er hatte keine weiteren Informationen herausgerückt. „Wurde er verhaftet?“

„Um Himmels willen, nein“, antwortete sie. „Laut den Silverettes sieht momentan alles danach aus, dass der Fall auf Indizien beruht.“ Ich musste lachen. Gott segne die alten Damen, die zu viel Law and Order schauten.

„Auf Indizien, was?“, sagte ich nachdenklich. „Vielleicht sollte ich Cole anrufen.“

„Das würde ich nicht tun“, warnte Trudy. „Es heißt, er sei die ganze Woche schlechter Stimmung gewesen.“

Und war das nicht seltsam? Ich nahm mir vor, morgen nach ihm zu sehen. Was auch immer Cole verbarg, würde sich nicht lange verheimlichen lassen, solange es die Silverettes gab. Vielleicht könnte ich zuerst herausfinden, was es war.

Und hoffen, dass es nichts mit dem Mord an Lindsay MacIntosh zu tun hatte.

Cole war zwar kein Mörder, aber das würde Detective Cavanaugh nicht weiter interessieren, wenn er sich auf Cole als Tatverdächtigen konzentrierte. Er kannte ihn nicht so gut wie ich. Cole Gardener war ein lieber, wundervoller Mann, und egal was Lindsay MacIntosh ihm angetan haben mochte, er würde nicht auf eine Weise reagieren, die ihr Schaden zufügte. Sie schien kein besonders guter Mensch gewesen zu sein, aber ich versuchte, sie nicht zu verurteilen. Vielleicht hatte sie nur einen schlechten Tag gehabt. Womöglich lief es in ihrer Karriere nicht so, wie sie es sich gewünscht hatte. Nach dem lächerlichen Geschäftsangebot zu urteilen, traf das vielleicht den Nagel auf den Kopf. Sie schien Geld zu brauchen und verzweifelt nach neuen Geschäftspartnerschaften zu suchen.

Aber die ganze Sache hatte unseriös gewirkt, und ich wollte nichts damit zu tun haben. Deshalb war ich gegangen, nachdem sie von der Dozentin zur Verkäuferin gewechselt war. Aber niemand verdiente es, zu sterben.

Trudy und ich unterhielten uns noch ein wenig. Nachdem wir das Telefonat beendet hatten, scrollte ich mit den Fingern durch meine Kontaktliste, bis ich Cole fand. Ich zögerte, bevor ich auf seinen Namen drückte, da ich nicht sicher war, ob ich Trudys Warnung beachten sollte oder ob er sich über einen Anruf von einer Freundin freuen würde. Stattdessen legte ich mein Handy weg und spülte das Geschirr ab.

Ein paar Minuten später saß ich im Auto und befand mich auf dem Weg zu Coles Haus.

Cole wohnte in einem kleinen Haus im Craftsman-Stil, das etwa zehn Minuten von meinem entfernt war. Die Fenster waren beleuchtet und sein Truck parkte in der Einfahrt. Der Fernseher warf Lichtblitze an die Fensterscheibe, während ich auf der Vorderveranda stand und klopfte.

Cole öffnete die Tür und starrte mich überrascht an.

„Hi.“

Einen Augenblick lang sagten wir nichts. Normalerweise sah Cole gepflegt aus. Heute Abend wirkte er jedoch wie aus dem Wasser gezogen. Bartstoppeln warfen einen Schatten auf sein Kinn. Seine Haare waren ungekämmt und zerzaust, und statt der gut sitzenden Jeans und des Hemdes, die er gewöhnlich trug, hatte Cole eine Jogginghose und ein weites T-Shirt an. Ich schluckte schwer, da ich es nicht gewohnt war, ihn so verletzlich zu erleben. Er sah heute Abend gefährlich attraktiv aus.

„Ich hätte nicht kommen sollen“, sagte ich und wandte mich zum Gehen um.

„Dakota.“

Ich blieb stehen und wartete.

Cole seufzte. „Willst du reinkommen?“

Ich drehte mich wieder um und sah ihn an. „Eigentlich wollte ich dich anrufen.“

Er nickte und hielt mir die Tür auf. Ich folgte ihm hinein.

Cole und ich verbrachten zwar viel Zeit miteinander, aber wir waren noch nie in der Wohnung des anderen gewesen. Das war fast ein ungeschriebenes Gesetz. Ich hielt es für zu intim und mir gefiel die Freundschaft, die wir aufgebaut hatten, auch wenn dieser Umstand etwas Distanz zwischen uns brachte. Allerdings war es für Männer und Frauen nicht immer leicht, nur Freunde zu sein, und dies ließ die Klatschtanten größtenteils schweigen. Zwar hatte ich ein paar Gerüchte über uns gehört, aber die Leute schienen eher verwirrt als sonst was zu sein.

Und dabei wollte ich es auch belassen.

Coles Haus war so ordentlich und sauber wie er selbst. Im Inneren roch es nach Zitrone und Lavendel, ein frischer Duft, der mich nicht überraschte. Im Fernsehen lief der History Channel, in dem gerade eine Reportage über die ägyptischen Pyramiden gesendet wurde. Überall auf seinem Couchtisch lagen Zettel mit Notizen in Coles Handschrift und Papiere, die wie offizielle Dokumente aussahen.

„Möchtest du ein Glas Wein?“ Cole ging in die Küche und goss aus einer bereits geöffneten Flasche Wein in ein Glas.

Ich schüttelte den Kopf. „Ich bin nur vorbeikommen, um zu sehen, wie es dir geht.“

Er ließ die Schultern sinken. „Du hast das mit Lindsay MacIntosh gehört.“

Es war keine Frage. Ich nickte.

„Ich hatte nichts damit zu tun.“

„Ich weiß.“ Ich zog einen der Barhocker heraus und setzte mich. „Willst du mir erzählen, was passiert ist?“

Er zog die Mundwinkel nach unten. Ich konnte das Bedauern in seinen Augen sehen. „Nicht wirklich“, antwortete er.

Ich blinzelte überrascht. „Cole, die Silverettes erzählen, dass gesehen wurde, wie du dich mit ihr gestritten hast, bevor sie starb.“

Cole kniff die Augen zu. Seine Kiefermuskeln spannten sich an und seine Finger umfassten das Weinglas noch fester. „Das bedeutet nicht, dass ich sie ermordet habe.“

„Ich behaupte ja auch nicht, dass du es getan hast. Ich sage das Gegenteil. Detective Cavanaugh hat mich angerufen.“

Coles Blick sprang zu mir. „Wann?“

„Vorhin.“ Ich bedeutete ihm, mir ein Glas einzuschenken. „Nur ein bisschen, bitte.“

Cole schob mir ein Glas hin, und ich nahm einen Schluck, um meine Nerven zu beruhigen.

„Was hat er gewollt?“, fragte er.

„Ach, nichts Besonderes. Harriet Tulle hat ihm gesagt, dass ich da gewesen bin, und er wollte wissen, ob ich irgendwas Ungewöhnliches beobachtet habe.“

Cole verstummte. „Und – hast du?“

Ich kniff die Augen zusammen. „Hab ich was?“

Er stellte sein Glas ab. „Irgendwas Merkwürdiges gesehen?“ Mein Herz schlug schneller. „Ich bin mir nicht sicher.“ Ich nahm noch einen Schluck Wein. „Sag mir, warum du mich vorhin angelogen hast.“

Cole presste die Lippen aufeinander. „Das kann ich nicht“, sagte er nach einem Augenblick des Schweigens. „Es war für eine Story.“

„An der Lindsay MacIntosh beteiligt war?“

Er nickte. „Ja, ich hatte das größte Interesse daran, dass sie am Leben bleibt!“

„Cole, ich –“

In diesem Moment klingelte es an der Tür. Cole erstarrte und schloss die Augen. „Es ist zu spät.“

Ich wurde von Angst ergriffen. „Was ist zu spät?“ Ich griff nach seinem Arm.

„Cole Gardener, machen Sie auf!“

Mir klappte vor Schreck die Kinnlade herunter. „Was will Detective Cavanaugh denn hier?“

Seine grünen Augen wurden trüb. „Mich wegen Mordes verhaften.“