Kapitel 1
Angel
Oktober
Dieser Tag war so vollkommen anders verlaufen, als ich es mir erhofft hatte. Anstatt mich im Spa verwöhnen zu lassen, hatte ich mehr als sechs Stunden mit Noah Moore und Benedikt Morelli im Auto verbracht, um meine verschwunden geglaubte Freundin zu finden.
Um ehrlich zu sein, hatte ich mit dem Schlimmsten gerechnet. Glücklicherweise war meine Sorge unbegründet gewesen. Ihr Boss hatte sie zwar entführt, wie sich jedoch herausstellte, führten die beiden schon seit über einem Jahr eine Onlinebeziehung miteinander. Er war ihr Daddy, sie sein Babygirl. Und während Larissa sich mit dieser Art der Beziehung zufriedengegeben hatte, hatte er mehr gewollt und sie ausfindig gemacht. Die Tatsache, dass meine Freundin für ihn arbeitete, war dabei reiner Zufall gewesen und hatte ihm in die Karten gespielt.
Leider hatte ich all das erst erfahren, als ich an die Tür seines Ferienhauses geklopft hatte. In meiner Panik war ich sogar bereit gewesen, Benedikts Hilfe anzunehmen. Etwas, das ich inzwischen bitter bereute, denn er gehörte wirklich zu den letzten Menschen, die ich um mich haben wollte.
Zum Glück waren wir endlich zurück in der Stadt und unser Ausflug neigte sich dem Ende zu. Ich konnte es kaum erwarten, so viel Raum wie möglich zwischen Ben und mich zu bekommen. Immerhin war sein Vater Schuld daran, dass ich mit vierzehn Jahren zur Vollwaise geworden war.
Gut, da waren meine Tante und mein kleiner Neffe, die mich nach dem schrecklichen Massaker in Little Italy bei sich aufgenommen hatten, aber das war nicht dasselbe, wie die eigenen Eltern an seiner Seite zu haben.
Zum wiederholten Mal an diesem Tag musste ich mich zwingen, die Erinnerungen an damals zurückzudrängen. Das hier war weder der richtige Ort noch Zeitpunkt, einen Streit anzufangen.
Benedikt würde seine gerechte Strafe bekommen, so wie der Rest seiner verräterischen Familie auch. Während ich seinen Serienkiller-Bruder erst gestern für den Rest seines Lebens hinter Gitter gebracht hatte, liefen bereits die Vorbereitungen zwei seiner Cousins sowie seinen Vater dorthin folgen zu lassen.
Der Wagen stoppte vor einem Apartmentkomplex am Central Park, wo Noah ausstieg, der uns bis hierher begleitet hatte.
»Gute Nacht«, sagte der junge Mann noch, ehe er die Beifahrertür hinter sich ins Schloss warf.
Schnell griff ich nach dem Türgriff, um ebenfalls auszusteigen, nur leider ließ die Tür sich nicht öffnen. Der Mistkerl hatte offensichtlich ohne mein Wissen die Kindersicherung aktiviert.
»Würdest du mich bitte aussteigen lassen?«, wandte ich mich an Benedikt.
Dieser schüttelte einfach nur den Kopf, setzte den Blinker und fädelte sich wieder in den Verkehr ein. »Du glaubst doch hoffentlich nicht, dass ich dich mitten in der Nacht durch die halbe Stadt irren lasse. Selbstverständlich bringe ich dich nach Hause. Natürlich nur sofern du mir deine Adresse verrätst.«
»Träum weiter. Halt einfach bei der nächsten U-Bahn-Station an und lass mich raus.«
»An deinem Sturkopf hat sich offensichtlich nichts geändert. Damit hast du uns als Kindern schon das Leben schwergemacht, Engelchen.«
Der Mistkerl wusste leider ganz genau, wie er mich zur Weißglut bringen konnte.
Trotz all der Anstrengungen, die ich unternommen hatte, um meine Identität zu verschleiern, hatte Benedikt mich im Gegensatz zu seinem Bruder direkt erkannt.
»Nenn mich nicht so.« Früher hatte ich es geliebt, wenn er diesen Kosenamen für mich benutzt hatte. Es hatte die Schmetterlinge in meinem Bauch zum Flattern gebracht. Heute wollte ich nur noch weg von ihm.
»Ganz, wie du willst. Dennoch bleibe ich dabei, dass wir beide miteinander reden müssen.«
Darum hatte er mich bereits gestern im Gerichtssaal gebeten.
»Eher friert die Hölle ein, als dass ich mich mit dir zusammensetze, um zu reden.«
»Liebes, mein Vater ist kein Idiot, über kurz oder lang wird er herausfinden, dass die hübsche junge Staatsanwältin, die ihm Ärger macht, die Tochter seines ehemals besten Freundes ist.«
Seine Worte verwirrten mich, denn ich war mir sicher gewesen, dass er den Rest der Familie längst darüber informiert hatte, wer ich war. Außerdem fand ich die Erinnerung daran, dass unsere Väter einst beste Freunde gewesen waren, ziemlich unpassend, wenn man bedachte, was geschehen war.
»Warum hast du es ihm nicht längst gesagt?«, hakte ich daher nach.
»Weil ich dich schützen will. Und wenn du mir jetzt nicht bald deine Adresse verrätst, werde ich dich mit zu mir nehmen.«
Da ich ihm das durchaus zutraute, nannte ich ihm die Adresse des kleinen thailändischen Restaurants, in dem ich mir abends regelmäßig mein Essen besorgte. Von dort war es nur ein Katzensprung bis zu meinem Apartment.
Nachdem das erledigt war, und er den richtigen Weg eingeschlagen hatte, kam ich wieder zum Kern dieser verrückten Unterhaltung zurück. »Warum solltest du mich schützen wollen?«
Benedikt seufzte hörbar und warf mir einen Blick über den Rückspiegel zu, der alles und nichts bedeuten konnte.
»Auch wenn du es möglicherweise vergessen hast, immerhin warst du damals gerade erst vierzehn Jahre alt, so sind wir zwei verlobt. Das Dokument, das dies besiegelt, liegt nach wie vor sicher in meinem Safe.«
Ein Klumpen reinsten Eises bildete sich in meinem Magen und die Kälte, die von ihm ausging, erfasste binnen Sekunden meinen ganzen Körper. Selbstverständlich hatte ich diese Vereinbarung, die unsere Väter vor dreizehn Jahren getroffen hatten, um unsere Familien für immer aneinander zu binden, nicht vergessen.
Wie hätte ich das je gekonnt, wo genau diese Verbindung mich damals zum glücklichsten Mädchen der ganzen Welt gemacht hatte. Dumme Kleinmädchen-Fantasien von der perfekten Traumhochzeit mit dem Jungen, den ich schon seit Kindheitstagen liebte.
Keine sechs Monate später war all das in Rauch, Trümmern und Blut untergegangen. Ab diesem Tag hatte ich mir jedes noch so kleine Gefühl, das von Hass abwich, verboten.
Während ich kaum fassen konnte, was er da gerade gesagt hatte, hielt Benedikt vor dem Restaurant an, stieg aus und kam um den Wagen herum, um mir die Tür zu öffnen.
»Dieser Vertrag ist in keinster Weise bindend, und das weißt du auch«, stellte ich klar, während ich ausstieg. »Ich sterbe eher, als dass ich dich heirate.«
Der Angriff kam aus dem Nichts. Der Mistkerl bewegte sich derartig schnell, dass ich erst begriff, was er da gerade getan hatte, als ich schon zwischen ihm und dem Auto eingeklemmt war. Seine Hand lag drohend an meiner Kehle, während er mich einfach nur anlächelte.
»Wir werden sehen.« Mit diesen Worten beugte er sich zu mir herunter und hauchte einen sanften Kuss auf meine Lippen. Anschließend ließ er mich los und ging zurück zur Fahrerseite. »Bis bald, Engelchen.«
Wie vom Donner gerührt stand ich einfach nur da, und beobachtete, wie er davon fuhr. Erst als er außer Sichtweite war, legte ich meine Finger ungläubig an die Lippen. Das hatte er gerade nicht wirklich getan, oder? Wie zur Hölle konnte er es wagen? Nach allem, was seine Familie der meinen angetan hatte.
Schlimmer als das war die Tatsache, dass ich mir für den Bruchteil einer Sekunde gewünscht hatte, er würde den Kuss vertiefen. Ich musste eindeutig den Verstand verloren haben. Es war an der Zeit, den Kerl hinter Gitter zu bringen. Genau wie den Rest seiner verfluchten Familie.
Kapitel 2
Benedikt
Vierzehnter Dezember
»Ich kann die Organisation nun mal nicht vom Gefängnis aus leiten. Das bedeutet, es ist deine verdammte Pflicht, endlich deinen Platz in unseren Reihen einzunehmen«, brauste mein Vater auf.
»Allein jetzt sind zwei Personen mit uns in diesem Raum, die die Führung weit besser übernehmen könnten als ich«, führte ich das einzig mir noch verbliebene Argument an.
Seit mein älterer Bruder vor zwei Monaten zu lebenslanger Haft verdonnert worden war, suchte ich einen Weg, meinem Erbe zu entkommen. Mit der anstehenden Verhandlung wegen Steuerbetrugs in Millionenhöhe würde mein Vater ihm für lange Zeit Gesellschaft leisten. Und genau deswegen waren wir nun hier.
Die Geschäfte mussten weiterlaufen. Unzählige Menschen waren darauf angewiesen. Dabei ging es nicht nur um die illegalen Bereiche. Viel wichtiger als der Drogenhandel und die Falschgeldproduktion waren die Betriebe, die zur Geldwäsche und natürlich zur Herstellung dienten. Dazu gehörten neben mehreren Chemiefabriken, Immobilien sowie diverse Start-ups ein gut laufendes Pharmaunternehmen.
All diese Firmen hatten ihre eigenen CEOs. Die Fäden liefen aber durchweg bei meinem Vater zusammen.
In den vergangenen Jahren hatte Dad meinem Bruder mehr und mehr Verantwortung übertragen. Unterdessen hatte ich mir eine eigene Firma aufgebaut, die das genaue Gegenteil von dem war, was der Rest meiner Familie so trieb.
Während es mein Ziel war, Menschen zu schützen, lag ihnen nur ihr eigenes Wohlergehen am Herzen, und dabei gingen sie schon seit Generationen über Leichen.
»Es tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber ich werde mich unter gar keinen Umständen von dir in diese illegalen Machenschaften reinziehen lassen. Du siehst doch, was ihr davon habt«, machte ich meinen Standpunkt endgültig klar.
Neben dem Verfahren wegen Steuerhinterziehung, das gegen ihn und drei der Geschäftsführer lief, waren in der vergangenen Woche auch noch zwei meiner Cousins verhaftet worden. Beide wegen Diebstahl, Erpressung und Menschenhandel.
»Daran ist nur diese neue Staatsanwältin schuld«, stellte mein verbliebener Cousin klar.
»Das ist mir auch bewusst«, murrte mein Vater. »Was das angeht, habe ich bereits alles in die Wege geleitet. Noch vor Neujahr wird das Miststück von der Bildfläche verschwunden sein.«
»Was heißt das?«, hakte ich nach, obwohl ich mir gut vorstellen konnte, was er vorhatte.
»Ich habe einen der besten Killer der Familia auf Mrs Nolan angesetzt. Sie wird einfach verschwinden.«
Fuck! Genau so was hatte ich befürchtet.
»Dad, verdammt, das kannst du doch nicht machen.« Blankes Entsetzen schwang in meiner Stimme mit. »Wenn die Staatsanwältin verschwindet, die gerade offensichtlich eine Vendetta gegen uns führt, dann fällt das sofort auf uns zurück.«
»Das ist mir völlig egal.« Er benahm sich wie ein trotziges Kind. Es fehlte nur noch, dass er mit dem Fuß aufstampfte.
»Fein! Noch ein Grund mehr, mich so weit wie möglich von diesem Chaos fernzuhalten.« Ich stand auf, zog mein Smartphone aus der Tasche, um zu sehen wie spät es war, und warf einen kurzen Blick in die Runde. »Wenn ihr bereit seid, die Strukturen des Unternehmens zu verändern und neue Wege zu beschreiten, bei denen niemand mehr zu Schaden kommt, stehe ich euch jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. Bis dahin wünsche ich euch viel Glück vor Gericht.«
»Ich wusste schon immer, dass du nutzlos bist. Ich hätte niemals zulassen dürfen, dass deine Mutter dich derart verhätschelt. Sie hat dir diese Flausen in den Kopf gesetzt. Du bist einfach nur schwach.«
»Wenn du so über mich denkst, habe ich ja die richtige Entscheidung getroffen.«
Ohne mir auch nur ein weiteres Wort seiner Beschimpfungen anzuhören verließ ich den Meetingraum und machte mich auf den Weg zum Auto. Es gab dringlichere Probleme als meinen Vater.
Wie er so schön gesagt hatte, dürfte es ihm äußerst schwerfallen, die Geschäfte vom Gefängnis aus zu leiten. Und da ich abgelehnt hatte, dies für ihn zu übernehmen, blieben nur noch mein Onkel oder meine Tante. Zumindest Gloria teilte ähnliche Ansichten wie ich, was der Organisation nur guttun konnte.
Leider würde keiner von ihnen zügig genug das Zepter in die Hand nehmen können, um den Killer, den Dad auf Angel angesetzt hatte, zurückpfeifen zu können. Ich musste also handeln, und zwar schnell, wenn ich ihr Leben retten wollte.