Leseprobe Salzige Küsse auf Juist | Ein Nordsee Liebesroman

Kapitel 1

Bengt

Links und rechts fliegen die Bäume an mir vorbei. Meine Schritte federn auf dem Waldboden und ich zwinkere den Schweiß aus den Augen. Schneller. Ich sollte schneller laufen.

Früher hat es immer geholfen, wenn ich mich voll ausgepowert habe. Wenn ich die Zehn-Kilometer-Runde in neuer Rekordzeit gelaufen bin, anschließend geduscht und mich mit ein paar Stückchen Schokolade und einer Tasse Tee zurück an mein Manuskript begeben habe. Doch heute bin ich weder flott, noch habe ich eine Idee, wie ich mein neues Buch beginnen soll. Zudem kann ich mich nicht erinnern, wann ich jemals so lange vor einer weißen Seite gesessen habe.

»Ich glaube, mir reicht es für heute.« Kai bedeutet mir, an der nächsten Kreuzung rechts abzubiegen. Auch wenn wir im Vergleich zu anderen Joggenden schnell unterwegs sind, ist unser Tempo für unsere Verhältnisse so gemäßigt, dass wir uns unterhalten können. Was gut ist, denn daher hatte ich gar nicht zu viel Zeit, mich in meinen destruktiven Gedanken zu wälzen.

»Schon?«, frage ich verwundert und wische mir mit dem Schweißband über die Augen. Wir sind erst sieben Kilometer gejoggt. Nichts im Vergleich zu den Runden, die wir damals für unser Training beim Halbmarathon gelaufen sind.

»Ja, Nadine möchte gemütlich mit mir Tee trinken, bevor sie nachher für ein paar Tage auf Geschäftsreise fährt.« Die Frau meines besten Kumpels ist in der Weiterbildungsbranche tätig und dadurch öfter mehrere Tage bei Kunden für Inhouse-Schulungen vor Ort. Vielleicht ist das etwas, das ich als Aufhänger für meine Geschichten nehmen könnte? Verliebt auf Geschäftsreise. Assistentin muss sich das Bett mit ihrem Chef … oder Kunden …

Ich verscheuche den Gedanken direkt. Die Idee existiert bereits zu oft. Wobei es eigentlich alles gibt und ich das Rad nicht neu erfinden kann. Außerdem hatte ich dem Verlag die grobe Idee längst vorgestellt. Nur erscheint die mir inzwischen zu profan.

»Wo muss sie denn diesmal hin?«, frage ich stattdessen, um wenigstens etwas Interesse zu zeigen, werde langsamer und schwenke nach rechts in Richtung zu Hause.

»Irgendwo bei München, mitten aufs Land. Da, wo sich Katz und Maus gute Nacht sagen.« Er grinst schräg und lässt seine Schritte austrudeln, bevor er ganz stehen bleibt.

»Coacht sie jetzt schon Bauern?«, frage ich zweifelnd mit einem Grinsen auf den Lippen und bleibe ebenfalls stehen.

Kai lacht auf. »Nein, das nicht. Offensichtlich gibt es da eine Schule. Manchmal frage ich lieber nicht so genau nach. Sie kommt Mittwochabend wieder zurück.«

Ich fasse das rechte Fußgelenk, ziehe die Hacke an mein Gesäß und schiebe das Becken vor, bis ich die Dehnung im Oberschenkel spüre. »Und du machst in der Zwischenzeit was?«

»Arbeiten. Kennst du doch.« Er zuckt mit den Schultern. In seinem Job als Chef einer Personalabteilung hat er zwar geregelte Büro-Arbeitszeiten, aber besonders wenn Nadine unterwegs ist, türmen sich bei ihm regelmäßig die Überstunden. Warum auch immer ich gehofft habe, dass er diesmal von sich aus auf die Idee kommen würde …

»Wollen wir uns Dienstag auf ein Feierabendbier treffen?«, frage ich daher, obwohl die Bezeichnung Feierabendbier nicht wirklich zutrifft, wenn ich den ganzen Tag auf ein leeres Blatt starre und kein einziges Wort schreibe. Es ist eher der verzweifelte Versuch, mir nach der Trennung von Clara eine gewisse Normalität zu schaffen. Früher haben wir uns viel häufiger getroffen. Nicht nur zum Laufen. Ja, teilweise sogar drei Mal pro Woche.

»Sorry, ich kann nicht.« Kai dehnt seinen Arm, indem er ihn in die Luft streckt, den Ellenbogen beugt und diesen mit der anderen Hand hinter den Kopf zieht. »Hab noch ein Meeting reinbekommen, das sich nicht verschieben lässt. Danach bin ich mit meinem Bruder verabredet. Unseren Eltern geht es zunehmend schlechter und wir müssen uns dringend überlegen, wie es weitergeht. Vermutlich läuft alles auf einen Platz im Pflegeheim hinaus.« Er seufzt.

Ich nicke langsam. Glücklicherweise hat er noch Kontakt zu seinen Eltern. Ich hingegen habe mich so lange nicht mehr in Rostock gemeldet, dass ich kaum weiß, wie sich die Stimme meiner Mutter anhört. Trotzdem bin ich froh, dass sie da sind. Nicht wie bei Kai, dessen Eltern ihn als Nachzügler so spät bekommen haben, dass er sich nun schon um deren Pflegeplatz kümmern muss. Sein Bruder ist rund fünfzehn Jahre älter als er. Oder waren es zwanzig?

»Na gut. Dann ein anderes Mal. Nächste Woche dieselbe Runde?«, frage ich daher, bemüht, mir die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

»Gern. Also, bis dahin!«

Ich hebe die Hand zum Gruß und gehe zu meinem Häuschen, das mir seit Claras Auszug zu groß vorkommt. Was soll ich mit fünf Zimmern auf zwei Etagen? Mit gewohntem Griff hole ich den Schlüssel unter der Blume auf dem Fenstersims hervor, schließe die Haustür auf und entledige mich im Flur meiner dreckverschmierten Laufschuhe. Im Wald war es zwar matschig, aber glücklicherweise nicht zu rutschig. Um einen gründlichen Schuhputz werde ich dennoch nicht herumkommen.

Auf Socken gehe ich in die Küche und greife ein alkoholfreies Weizen aus dem Kühlschrank. Das zischende Geräusch beim Öffnen des Verschlusses lässt mich lächeln. Ein isotonisches Getränk gehört nach einer Laufeinheit dazu. Es löscht nicht nur den Durst, es schmeckt selten besser.

Ich will gerade weiter in Richtung Badezimmer gehen, da klingelt mein Handy.

»Bengt Jansen?«, frage ich in das Gerät hinein, als wäre ich mir plötzlich selbst nicht mehr so sicher, wie ich heiße. Was für ein Blödsinn.

»Bengt, hier ist Corinne. Störe ich gerade? Ich müsste etwas Wichtiges mit dir besprechen.«

Ich schließe die Augen, als mir die leicht bedrückt wirkende Stimme meiner Lektorin entgegenschallt. Der Lektorin von dem Verlag, den ich bereits zweimal vertröstet habe, was die Abgabe meines neuen Manuskripts angeht. Wollen die mich nun endgültig loswerden?

»Du störst nie.« Ich lüge. Mal wieder. Denn ich habe weder Lust, mit ihr zu telefonieren, noch möchte ich weiter in den verschwitzten Klamotten herumstehen. Aber würde sie die Wahrheit hören wollen? Schiebe ich damit nicht nur das Unvermeidliche vor mir her? »Außerdem muss es ja verdammt wichtig sein, wenn du extra an einem Sonntag anrufst. Hast du nicht frei?«

Corinne seufzt. »Ich bin nicht im Büro und wenn ich ehrlich bin, rufe ich auch nicht offiziell an. Aber …« Sie stockt. »Bengt, wir kennen uns jetzt ja schon etwas länger und deine ersten drei Bücher waren der Hammer. Das wissen wir beide.«

Ich nicke, ohne etwas zu erwidern. Klar waren die Bücher granatenstark. Die Verkaufszahlen, die x-te Auflage und der Spiegel-Bestseller-Sticker auf jedem einzelnen von ihnen sprechen eine eindeutige Sprache.

»Letztendlich will ich dich auch gar nicht bedrängen. Wir haben die neue Frist ja abgesprochen. Aber ich hatte heute so ein ungutes Gefühl. Nenn es weibliche Intuition …« Sie lacht auf, als schämte sie sich dafür. »Daher wollte ich nachhorchen, ob du vorankommst oder ob es nach wie vor hakt. Es bleibt auch unter uns zwei Klosterschwestern.«

Ich schlucke. In meinem Gehirn rattert es. Soll ich ihr die Wahrheit sagen? Dass es absolut nicht läuft und von der Geschichte bisher kein einziges Wort geschrieben ist? Obwohl die Abgabe in rund sechs Wochen ist.

Fuck. Sind es wirklich nur noch sechs Wochen? Sechs verfluchte Wochen für ein ganzes Buch von dreihundert bis dreihundertfünfzig Seiten, damit die externe Lektorin das Werk schleifen kann? Ich bin am Arsch. Denn selbst wenn ich jeden Tag Wörter produziere, wird das ein wahrer Höllenritt. Doch dafür müsste ich schreiben und nicht permanent vor einem leeren Blatt sitzen.

»Ich komme voran. Irgendwie. Nur nicht so gut, wie ich möchte.« Ich lüge schon wieder. Wobei das zumindest halbwegs der Wahrheit entspricht. Ja, ich komme nicht so gut voran, wie ich möchte. Ach fuck! Ich komme einen Scheiß vorwärts. Doch wenn ich Corinne das erzähle, kündigt der Verlag mir den Vertrag wirklich sofort. Dann ist es egal, ob ich Bestsellerautor bin oder nicht.

»Okay. Das heißt, dass ich zum Stichtag auf das Manuskript warte. Es ist okay, wenn noch etwas zu tun ist. Aber ich brauche Material. Der Chef …« Sie zögert erneut und ich sehe sie quasi vor mir, wie sie mit sich ringt.

Verflucht! Warum ist dieses Gespräch so zäh?

»Versprochen. Du bekommst das neue Skript rechtzeitig.« Denn das ist zumindest meine Wunschvorstellung. Ich weiß, dass die Fans von Lucinda Waterbridge auf Lesestoff warten. Natürlich warten sie. Immerhin ist mein letztes Buch vor gut einem Jahr erschienen und der Verlag hat bereits angekündigt, dass es dieses Jahr zur Leipziger Buchmesse kein Buch von Lucinda – also von mir – geben wird. Denn eigentlich hätte mein Manuskript seit Herbst abgegeben sein müssen. Hätte. Inzwischen ist es Anfang März. März. Der Monat der Buchmesse, auf der ich so gern gewesen wäre. Doch ohne neues Buch ergibt das selbst inkognito keinen Sinn.

»Dann bin ich beruhigt. Und Bengt …« Ihr Atem kratzt unheilverkündend in der Leitung. »Sollte irgendetwas sein oder du Unterstützung benötigen … Ich bin erreichbar, ja? Mir ist es wichtig, dass wir Lucinda wieder auf Kurs bekommen.«

Immerhin sagt sie damit nur indirekt, dass sie mich wieder auf Kurs bekommen will. Denn ich bin Lucinda, auch wenn sie zeitweise für mich nicht greifbar ist. Oder genauer gesagt seit der Trennung von Clara. Das hat alles verändert. Nie hätte ich gedacht, dass mir unser Beziehungsaus so nahe gehen würde. Aber verdammt. Ich wollte mehr. Nicht nur zusammenwohnen.

»Mir auch. Ich melde mich …« Mehr Worte braucht es nicht.

Als ich aufgelegt habe, atme ich tief durch. Habe ich gerade zugesagt, dass mein Skript pünktlich fertig wird? In verflucht kurzen sechs Wochen?

Ich sinke auf den Küchenstuhl. Sechs Wochen. Nicht einmal anderthalb Monate. Gut vierzig Tage. Für viele meiner Kolleginnen und Kollegen wäre das kein Problem. Aber für mich? Ich schreibe langsam. Gemütlich. Dafür strukturiert und mit Bedacht. Für alle meine bisherigen Bücher habe ich drei bis vier Monate für die erste Fassung gebraucht. Und dann reden wir noch nicht von einem Skript, das ich einem Lektorat anvertrauen möchte.

Nachdem ich den letzten Schluck aus der Bierflasche geleert habe, zücke ich erneut das Handy. Soll ich Corinne direkt zurückrufen? Ihr sagen, dass ich mich verzettelt habe? Aber dann kann ich meine nächsten Veröffentlichungen in dem Verlag vergessen. Sie werden mir keinen weiteren Aufschub gewähren.

Ich fahre mir durch die schweißnassen Haare, die sich inzwischen kräuseln. Auch die Gänsehaut, die meinen Unterarm überzieht, zeigt mir mehr als deutlich, dass ich dringend duschen sollte.

Fuck.

Träge stehe ich auf, ziehe mich aus und gehe ins Badezimmer. Lasse das Wasser warm über meine Haut perlen, wasche mir den Schweiß vom Körper. Doch wenn ich daran denke, dass ich mich gleich an den Schreibtisch setzen und Wörter produzieren muss, wird mir schwummrig. Wie soll das gehen? Ich habe keinen blassen Schimmer, wie die erste Szene aussieht.

Trotzdem sitze ich zehn Minuten später vor dem Laptop. Sogar das Dokument ist geöffnet. Fett prangt der Arbeitstitel auf der ersten Seite. Auf der zweiten Seite steht entsprechend Kapitel eins. Also exakt das, was dort vor zwei Wochen stand. Genauso viel wie vor zwei Monaten. Fakt ist, ich habe keine Ahnung, wie der erste Satz lauten soll.

»Na gut. Dann starten wir mit der Recherche. Wir suchen ein Hotel an der deutschen Nordseeküste. Ja. Das klingt gut.« Ich habe weder eine Ahnung, warum ich von mir in der Mehrzahl spreche, noch warum ich Selbstgespräche führe. Bin ich so tief gesunken? Wahrscheinlich kann ich froh sein, dass Kai sich wenigstens zu unseren regelmäßigen Lauftreffen breitschlagen lässt.

Auf dem Monitor ploppen unterschiedlichste Hotels an der Nordseeküste auf. Doch je weiter ich suche, desto weniger gefallen mir die Namen. Hatte ich gedacht, hier Inspiration zu finden, so ist meine Laune längst wieder auf dem Boden der Tatsachen aufgeschlagen. Dann vielleicht die Hintergrundgeschichten der Protagonisten ausarbeiten?

Immerhin schreibe ich dadurch ein paar Wörter. Charaktereigenschaften, Infos über die Eltern und Beziehungen zu Freunden und Verwandten. Wenigstens etwas. Darauf lässt sich aufbauen. Zum Glück existiert eine grundsätzliche Idee für das Buch. Die habe ich mit dem Verlag abgesprochen, und ohne die hätte ich den Vertrag nicht bekommen. Bestsellerautor hin oder her, der Verlag kauft nicht die Katze im Sack. Allerdings ist die Idee sehr vage formuliert. So vage, dass ich den roten Faden nicht wiederfinde. Je öfter ich auf die Wörter Kapitel eins blicke, desto weniger weiß ich, wohin die Reise der Geschichte gehen soll.

Ich wechsle zum Browser zurück. Vielleicht ist ein Video über die Nordseeküste hilfreich? Gerade als ich via Google ein YouTube-Video finde, ploppt die Anzeige eines Hotels auf Juist auf. Nein, kein Hotel, sondern eine Pension. Das Werbefoto leuchtet in prächtigen Farben, die es im regnerischen März sicher nicht gibt. Trotzdem kann ich meinen Blick nicht davon abwenden. Die Blumen auf den Fensterbänken leuchten, ein Pferd grast friedlich auf der Wiese nebenan. Im Hintergrund das Meer. Die Anzeige schreit mich förmlich an, dass ich auf sie klicken muss.

Kurz darauf befinde ich mich mitten in einem Buchungsprozess. Denn wenn ich hier zu Hause kein Wort geschrieben bekomme, könnte ein Tapetenwechsel das vielleicht verändern. Die günstigen Preise des Töwerland-Huus – der Name der Pension – tun ihr Übriges. Mit einem weiteren Klick ist besiegelt, dass ich morgen den Rand des Ruhrgebiets verlasse und nach Juist reisen werde.

Erleichtert lehne ich mich zurück. Entweder begehe ich den größten Fehler meines Lebens oder ich finde nach der Trennung von Clara endlich zu mir zurück. Es wird sich etwas ändern – ändern müssen. Denn so wie bisher kann es nicht weitergehen.

Kapitel 2

Hannah

Mit einem mulmigen Gefühl gehe ich zum Briefkasten. Der kalte Wind zerrt an meinen Haaren und weht sie mir immer wieder vor das Gesicht. Die salzige Meeresluft riecht erneut nach Regen. Tatsächlich regnet es in letzter Zeit oft. Ein Wunder, dass überhaupt Gäste auf der Insel sind. Gerade die Spanne zwischen Karneval und Ostern zieht sich momentan wie Kaugummi. Ab den Ferien sollten sich die Belegungszahlen jedoch bessern. Vor allem, wenn die Renovierung endlich durch ist.

Hätte mir vor zwei Jahren irgendwer gesagt, dass ich jemals dauerhaft auf Juist lebe, hätte ich diesem Jemand einen Vogel gezeigt. Trotzdem bin ich jetzt hier, auf der Insel, auf der ich einst im Wellnesshotel einen schönen Sommer als Physiotherapeutin gearbeitet habe. Tagsüber Gäste massieren, abends am Strand liegen. Purer Luxus, auch wenn die Tage manchmal anstrengend waren. Immerhin hatte ich nach dem Physiotherapie-Examen meine ersten paar Wochen Berufserfahrung sicher und konnte Tante Ellie besuchen. So wie in vielen Ferien meiner Kindheit.

Ich öffne gedankenverloren den kleinen Kasten am Eingang des Grundstücks, wobei der Schlüssel im ersten Moment etwas klemmt.

»Moin, Hannah! Alles im Lot?« Klaus winkt mir vom Nachbargrundstück entgegen.

Ich hebe ebenfalls die Hand zum Gruß. »Sicher! Ich muss mich ranhalten. Heute kommt spontan ein neuer Gast und Milla ist krank.«

»Gode Besserung an de Lütte!«

»Werde ich ihr ausrichten!« Ich nehme die drei Briefe aus dem Postkasten heraus und nicke Klaus zu, der sich jedoch bereits wieder abgewandt hat. Wahrscheinlich hat er auf seinem Hof genug zu tun. So wie immer.

Warum muss Milla ausgerechnet jetzt krank sein? Denn obwohl mir die kurzfristige Buchung des Herrn aus dem Ruhrpott finanziell gerade sehr gelegen kommt, renne ich mir eh schon die Hacken wund.

Rasch schaue ich auf die Absender und weiß, ohne die Briefe zu öffnen, dass sie ausnahmslos Rechnungen enthalten. Zum Glück keine Mahnungen. Seufzend gehe ich zurück in das Töwerland-Huus, pfeffere die Anschreiben auf den Stapel mit den anderen ungeöffneten Rechnungen und begebe mich in das Obergeschoss, um die Suite vorzubereiten. Wobei Suite vor allem mein persönlicher Spitzname für unser größtes Zimmer ist, das momentan ausnahmsweise nicht belegt ist. So wie mehr als die Hälfte meiner zehn Zimmer, die ich zur Vermietung habe.

Falsch. Die ich haben könnte, wenn der Wasserschaden an der Westfront beseitigt und die längst überfälligen Renovierungsarbeiten durchgeführt wären. Das hatte Tante Ellie vor ihrem Tod nicht mehr erledigen können. Zum Glück ist die Suite brauchbar, ohne dass ich weiteres Geld reinstecke.

Unsicher schaue ich mich im Raum um. Milla hat das Bett frisch bezogen, nachdem der letzte Gast ausgezogen ist. Daher entferne ich die Tagesdecke und schüttle die Kissen neu auf, bevor ich den Staub von den Möbeln wische. Die Gardinen hängen sorgsam an den Seiten drapiert neben dem großen Fenster mit der Schiebetür, die zu einem schnuckeligen Balkon mit der Aussicht auf das Meer zwischen Juist und dem Festland führt. Ich trete hinaus und atme tief durch. Trotz des tristen Wetters erkenne ich das Land in der Ferne. Vielleicht auch ein bisschen das rettende Ufer. Erneut seufze ich, als ich im Augenwinkel die Fähre entdecke, die auf den Hafen zusteuert. Ich muss mich beeilen. Die Ankunft des Gastes dauert nicht mehr lange. Also schließe ich die Tür, streiche mir durch die vom Nieselregen feuchten Haare und mustere die Fingerpatschen auf dem Fenster. Mist. Hat Milla die übersehen? Und das, wo Fensterputzen sicher nicht ganz oben auf meiner Favoritenliste steht. Trotzdem muss ich das beheben. Ein bisschen Anspruch habe ich, auch wenn ich nie ein Hotel oder eine Pension besitzen wollte. Doch das Töwerland-Huus ist mein Safe Space. Mein Rückzugsort und der Platz, den ich für immer mit wundervollen Erlebnissen verbinde. Dass hier nie alles Gold war, was glänzt, habe ich erst später erfahren. Aber ich habe mir geschworen, die positiven Dinge in meinen Gedanken zu behalten.

Ich gehe über den Flur zum Putzraum, schnappe mir den Wischer mit der Gummilippe dran, mit dem Milla die Fenster spielend leicht reinigt, fülle den Eimer mit Wasser sowie Reinigungsmittel und begebe mich zurück in die Suite.

Mit ungelenken Bewegungen schäume ich die Scheibe ein und ziehe das Gemisch wieder ab. Nur noch unten am Rahmen abwischen und das Fenster sieht nicht mehr so schlimm aus – vermutlich ändert sich das jedoch, wenn die Sonne hinter den Wolken hervorkriecht. Aber es hilft nichts. Das ist das Beste, was ich bieten kann.

Anschließend werfe ich einen Blick ins Bad. Wenigstens hier scheint alles in Ordnung zu sein. Rasch hole ich einen kleinen Willkommensgruß, lege ihn auf das Kopfkissen und verlasse zufrieden den Raum. Vielleicht bin ich als Hausdame doch brauchbar?

Ich schmunzle, stelle den Putzeimer weg und gehe zurück ins Erdgeschoss. Aus der Küche erklingt leises Klappern. Ein vertrautes Geräusch, denn das bedeutet, dass Leben im Töwerland-Huus herrscht. Dass Gäste hier sind, die verköstigt werden wollen.

»Moin, Jesper.«

Der Koch hat schon für meine Tante Ellie tagtäglich die Gäste verzaubert. Damals mit Frühstück und Abendessen. Doch momentan müssen wir etwas auf Sparflamme fahren, da ich mir die Personalkosten für abends nicht leisten kann. Aber er kennt das Töwerland-Huus und etliche Stammgäste freuen sich, weiterhin von ihm bekocht zu werden, obwohl er selbst erst Anfang dreißig ist.

»Moin, Hannah, ich bin gleich fertig. Für morgen früh ist so weit alles vorbereitet. Ist doch richtig, dass es vier Gäste sind, oder?« Er schaut mich an, während er eine Pfanne abtrocknet.

»Korrekt. Frau und Herr Thürnagel, Frau Klauber und neu dazu kommt Herr Jansen.«

»Gut. Dann bin ich morgen wie immer da.«

Ich nicke ihm dankbar zu. »Muss noch etwas …?«

»Hallo?«, ruft in diesem Moment jemand aus dem Eingangsbereich.

Ich gebe Jesper ein entschuldigendes Zeichen und eile zurück. »Moin! Willkommen im Töwerland-Huus!« Mit dem freundlichsten Lächeln gehe ich auf den Neuankömmling zu, denn ich bin mir sicher, dass der hochgewachsene Herr mit dem Dreitagebart, der Brille und dem Koffer in der Hand Bengt Jansen sein muss. Ein attraktiver Mann. Was will er für mehrere Wochen allein auf der Insel – noch dazu zu dieser Jahreszeit, in der die meisten Urlauber entweder in wärmere Gefilde fliegen oder die letzten Möglichkeiten in den Skigebieten nutzen? »Ich bin Hannah Meyer, Ihre Gastgeberin. Schön, dass Sie da sind. Hatten Sie eine angenehme Anreise?«

»Danke. Ich bin Bengt Jansen. Ich habe ein Zimmer reserviert.«

Ich nicke und bedeute ihm, mir an den Empfangstresen zu folgen. Geflissentlich ruckle ich an der Maus. Der etwas in die Jahre gekommene PC nimmt seinen Dienst auf. »Unsere Suite ist bereits fertig. Einen Moment.« Damit wende ich mich kurz ab, nehme den Zimmerschlüssel und das Formular.

»Bitte füllen Sie Ihre persönlichen Daten aus und unterschreiben Sie hier.« Ich deute auf eine Linie. »Den Gästebeitrag entrichten Sie bitte direkt bei der Kurverwaltung. Dort erhalten Sie alle Informationen dazu. Und nehmen Sie unbedingt Ihr Rückreiseticket mit. Sonst ist es nicht möglich, den Beitrag zu bezahlen.«

Endlich öffnet der PC mein Verwaltungsprogramm. Für die zehn Zimmer eigentlich überdimensioniert, doch erleichtert es die Buchhaltung kolossal. Während ich im System eingebe, dass der Gast eingecheckt hat, schaue ich immer wieder auf. Mustere ihn, wie er akribisch das Formular ausfüllt. Ein Muskel an seiner Wange zuckt. Angewohnheit? Oder ist er nervös?

»Bitte schön«, sagt er und dreht das Formular zu mir herum.

Als sich unsere Blicke treffen, verharre ich. Vielleicht schnappe ich unbewusst nach Luft, doch sein Blick ist intensiv. Erwartungsvoll und durchdringend. Seine kastanienbraunen Augen dagegen wirken wach und müde zugleich. Ein Widerspruch in sich. So, als würde er dringend eine Auszeit brauchen. Die soll er hier bekommen. Gleichzeitig vibriert etwas in mir. Ein ungewohntes Gefühl, und doch unterdrücke ich es.

»Ähm … danke«, sage ich flink und unterbreche den Blickkontakt, bevor er meine erhitzten Wangen bemerkt, die vermutlich rötlich gefärbt sind. Himmel. Er ist nur ein Gast wie alle anderen auch. Einer, der ein bisschen länger bleibt.

Trotzdem steht die Frage im Raum, was er hier will. Aber das wird Milla sicher in kürzester Zeit herausfinden. Immerhin ist sie selten um ein Wort verlegen. Gerade bei diesem bildhübschen Mann ohne einen Ring am Finger wird sie sich nicht lumpen lassen. Soll sie. Solange sie die Gäste nicht vergrault, ist es mir recht. Bisher waren alle eher froh, eine aufmerksame Hotelfachfrau vorzufinden.

»Also folgen Sie mir bitte. Ihr Zimmer ist im Obergeschoss. Hier unten finden Sie den Frühstücksraum. Frühstück gibt es von 7:30 bis 10:00 Uhr. Lassen Sie uns gern am Vorabend wissen, falls Sie besondere Wünsche haben. Dann versuchen wir, das zu berücksichtigen.« Ich lächle ihn kurz an, gehe jedoch rasch in Richtung Treppe.

Bengt Jansen macht mich nervös. Dabei hört er bloß aufmerksam zu. Allerdings hat er inzwischen seinen Wintermantel geöffnet und offenbart darunter einen harmonischen Kleidungsstil. Zeitlose Jeans und einen Rollkragenpullover. Außerdem verströmt er einen Herrenduft, den ich so noch nie gerochen habe. Extravagant und herb.

Ich ignoriere das Kribbeln in meinem Bauch und haste ins Obergeschoss. Er folgt mir mühelos, als wäre er es gewohnt, Treppen zu steigen.

»Dies ist Ihr Zimmer. Die Inhalte der Minibar sind nicht inkludiert und müssten extra bezahlt werden. Sollten Sie etwas benötigen, sagen Sie mir gern Bescheid.« Ich schließe die Tür auf und lasse meinen neuen Gast eintreten.

»Danke schön. Darauf komme ich bestimmt zurück. Vermutlich werden Sie mich aber kaum bemerken.« Er lächelt mich an und mir fällt ein Stein vom Herzen. Offenbar entspricht das Zimmer seinen Erwartungen. Zumindest interpretiere ich das aus seinem Lächeln und hoffe, dass er nicht in ein paar Minuten mit einer Liste an Beschwerden vor mir steht. Glücklicherweise hat er einen Anreisetag erwischt, der nicht von stetem Baulärm untermalt ist.

Ich hebe die Hand zum Gruß und wende mich ab. Denn das habe ich direkt zu Beginn gemerkt: Die Gäste wollen ihre Ruhe. Da ist es unangebracht, sie zu lange mit Details zu belästigen. Außerdem habe ich genug zu tun. Und aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund bringt seine Anwesenheit irgendetwas in mir zum Schwingen.

Kapitel 3

Bengt

Desillusioniert plumpse ich in den einzigen Sessel im Raum. Das ist also das größte und luxuriöseste Zimmer. Zumindest nehme ich das an, wenn Frau Meyer es als Suite bezeichnet. Mein Blick streift umher, doch egal, wohin ich sehe, ich entdecke Renovierungspotenzial. Bereits als ich die richtige Adresse gefunden hatte, wäre ich am liebsten wieder umgedreht. Der äußere Anschein des in die Jahre gekommenen Gebäudes versprach höchstens altbackenen Charme. Das hier übersteigt allerdings meine schlimmsten Befürchtungen und erinnert nicht im Entferntesten an die schönen Bilder von der Buchungsseite.

Oben in der einen Ecke über der Terrassentür ist die Tapete eine Nuance verfärbt. Der Teppich vor dem Balkon hat zu viele Flecken und scheint mehrfach durchnässt gewesen zu sein. Die Armlehnen des Sessels sind abgewetzt, der Schreibtisch mit dem unbequem aussehenden Stuhl hat etliche Kratzer und die Einrichtung aus rustikalem Vollholz ist in die Jahre gekommen. Darüber täuscht auch das moderne Design der Blumenvase nicht hinweg. Immerhin scheint ausreichend geputzt worden zu sein.

Ich seufze. Eine Nacht werde ich es hier aushalten müssen, denn leider fährt heute keine Fähre mehr aufs Festland zurück. Was auch immer ich mir von dem Aufenthalt versprochen habe, vielleicht wäre ich besser zu Hause geblieben. Wie soll in dieser ranzigen Umgebung meine Kreativität sprudeln?

Müde reibe ich mir über die Augen und atme tief durch. Es hilft nichts. Am besten mache ich einen Spaziergang an der frischen Luft. Das sollte den Kopf freipusten. Zumindest sagt man das.

Also stehe ich wieder auf, gehe am Koffer vorbei und verlasse das Zimmer, das so gern eine Suite werden möchte, bevor mir die Decke auf den Kopf fällt. Himmel. Hier könnte ich einen Mystery-Thriller oder einen Grusel-Schocker schreiben. Aber nicht den sinnlichen Liebesroman mit charmant-rauem Nordseeflair, auf den meine Fans warten.

Geistesgegenwärtig greife ich nach der Mütze, die ich mir für den Hinweg mitgenommen hatte, und schließe die Zimmertür endgültig hinter mir. Auf dem Gang riecht es nach – Lavendel? Auch hier blättert an der ein oder anderen Stelle die Farbe von den Wänden. Vermutlich fällt es vielen Gästen nicht auf. Doch ich sehe so was sofort. Berufskrankheit. Aber es ist definitiv kein Vergleich zu den erstklassigen Hotels auf meiner letzten Reise, die etliche Monate her ist. Damals war ich ganz oben auf der Erfolgswelle. Etwas, von dem ich heute nur noch träumen kann. Ob meine Fans mir die lange Wartezeit verzeihen werden? Dafür müsste ich jedoch zunächst das Buch schreiben und veröffentlichen, bevor sie mich vergessen haben.

Ich schlendere den Gang entlang bis zur Treppe. Mir gegenüber führt der Flur zu weiteren Zimmern im anderen Flügel des Hauses. Allerdings klebt an der Tür ein Zettel, den ich zuvor nicht registriert habe.

 

Achtung, Baustelle! Nicht betreten!

 

Na klasse. Das bestätigt meine Befürchtungen. Hier liegt mehr im Argen als gedacht. Auch erklärt das die günstigen Zimmerpreise. Missmutig steige ich die Stufen hinab.

»Ähm, Entschuldigung?«, rufe ich kurz entschlossen, als ich niemanden am Empfangstresen sehe. Überhaupt habe ich noch keine Menschenseele außer der jungen Frau vorhin entdeckt. Gibt es weitere Gäste? Oder bin ich der Einzige?

»Moment! Ich komme!« Die Stimme schallt aus der Richtung, wo sich der Frühstücksraum befinden soll.

Langsam gehe ich zu dem kleinen Ständer, der allerhand Prospekte beinhaltet. Ein Meerwasser-Erlebnisbad. Ich nehme den Flyer heraus, nur um ihn direkt wieder wegzustellen. Aktuell geschlossen.

Auch das Kino hat geschlossen. Hat denn überhaupt etwas vor den Osterferien auf? Wobei ich froh sein sollte. Immerhin will ich schreiben und mich nicht ablenken lassen.

»Ja? Ach, Herr Jansen. Was kann ich für Sie tun?« Die sympathische Frau, die mich bei meiner Ankunft begrüßt hat, kommt mir lächelnd entgegen, während sie sich die Hände an einem Handtuch, das über ihrer Schulter hängt, abtrocknet.

Die blonden, kinnlangen Locken umschmeicheln ihr symmetrisches Gesicht mit den dezenten Sommersprossen. Nur die Falten auf ihrer Stirn wollen nicht in das Bild passen. Dennoch wirkt sie wach und zugewandt. Ja, bemüht. Das ist das, was ich erwarte.

»Ich …« Mein Mundwinkel zuckt, als ich zögere. »Ich befürchte, meine Frage hat sich bei der Durchsicht der Flyer erübrigt. Vermutlich bin ich zur falschen Jahreszeit hier, um mehr als lange Strandspaziergänge und Wellness zu erleben.«

Ihr Lächeln verrutscht für keine Sekunde und ich bleibe an ihren leuchtend grünen Augen hängen. Nicht giftgrün, nein. Sie sind eher von einem waldigen, tiefgründigen Grün. Augen, in denen man den Kummer nur sieht, wenn man achtsam hinschaut. Doch solche Beobachtungen sind die Grundlage meiner Bücher. Vielleicht beschreiben die Lesenden diese deshalb immer als so realitätsnah und erlebensecht?

»Ich befürchte, da haben Sie recht. Momentan ist hier auf der Insel nahezu tote Hose. Über Weihnachten und Karneval war punktuell Betrieb. Jetzt ist es quasi die Ruhe vor dem Sturm. Ab Ostern steppt hier der Bär. Empfehlen kann ich Ihnen dennoch, sich für ein paar Wellnessanwendungen anzumelden. Das ist bei diesem nassen Wetter eine reine Wohltat. Außerdem sind Sie ja etwas länger hier. Da werden sich genug Unternehmungen finden.«

»Verstehe. Dann werde ich mich entsprechend umsehen.« Ich will mich bereits abwenden, zögere jedoch. Für einen Moment mustere ich die Frau, deren Wangen errötet sind. Ihre ganze Körperhaltung ist aufrecht, zugleich habe ich das Gefühl, dass sie etwas bedrückt. So richtig kann ich es nicht einschätzen. Ob sie die Inhaberin ist? Dann könnte ich ihre Sorgen verstehen.

»Haben Sie sonst noch eine Frage?« Ihr ist mein Zögern nicht entgangen.

»Ich … Also …« Verflucht! Warum bringe ich in ihrer Gegenwart kaum einen geraden Satz heraus? Auch meine Gedanken sind durcheinandergewirbelt. Ich räuspere mich. »Mir ist das Baustellenschild oben aufgefallen«, sage ich zögernd und mustere sie weiterhin.

»Ja, leider müssen aktuell ein paar Zimmer renoviert werden. Eigentlich sollte das längst fertig sein. Dazu wollten wir die Zeit nutzen, in der ein bisschen weniger auf der Insel los ist. Aber Sie wissen sicher, wie das ist. Oft verzögern sich solche Maßnahmen ungeplant. Die Arbeiten finden nur tagsüber statt, sodass Sie abends und nachts eine ruhige Zeit bei uns verbringen können.« Sie schaut mich entschuldigend lächelnd an, während sie sich gefühlt um Kopf und Kragen redet. »Sollten Unannehmlichkeiten entstehen, stehe ich gern für Sie zur Verfügung.«

Unannehmlichkeiten. Pah! Ich presse die Lippen aufeinander. Das kann nicht ihr Ernst sein. Dennoch nicke ich langsam. In fast jedem Hotel wird ab und an renoviert. Niemand kann es sich leisten, monatelang auf Einnahmen zu verzichten. Das wird einer Pensionsinhaberin nicht anders gehen. »Okay«, sage ich daher und mustere sie einen kurzen Moment. Sie ist wachsam. Aufmerksam. Und in mir vibriert etwas. Rasch wende ich den Blick ab und schlucke. »Dann werde ich jetzt mal ein wenig die Insel erkunden.« Doch meine Stimme klingt kratzig.

»Machen Sie das. Und bezüglich des Abendessens empfiehlt es sich, vorab einen Tisch zu reservieren. Da es momentan auf der Insel recht leer ist, sind einige Restaurants geschlossen.«

Ich drehe mich erneut zu ihr um, nur um für eine Sekunde zu lange in ihren Augen zu versinken. »Danke für den Hinweis.« Ich nicke ihr zu und wende mich ein zweites Mal ab.

Mit ihrem Blick im Rücken verlasse ich das Töwerland-Huus und schiebe den Kragen meiner Jacke ein Stück höher, als der Wind frisch um die Ecke pfeift. Auch die Mütze ziehe ich über den Kopf. Ich bin nicht hier, um krank zu werden.

Eilig gehe ich den Weg entlang, denn Straße kann man die gepflasterten Pfade nicht nennen, ohne mich nochmals umzusehen. Warum habe ich plötzlich das dringende Bedürfnis, den Horizont zu sehen und die Wellen rauschen zu hören?

Hinter mir klappern die Hufe von Pferden. Ein Bild, an das ich mich erst gewöhnen muss. Kutschen scheinen hier neben dem Fahrrad das Fortbewegungsmittel der Wahl zu sein. Eigentlich idyllisch, wäre es nicht so kalt. Zu frisch für Anfang März, oder?

Der Wind tost umso mehr, als ich kurz darauf durch die Dünen an den Strand gelange. Tatsächlich hat es so sehr aufgefrischt, dass ich die Kapuze meines Mantels zusätzlich über die Mütze ziehe, um die Wangen vor den peitschenden Sandkörnern zu schützen, die gefühlt in meine Haut schneiden.

Die Wellen schäumen, der Wind zerrt an meiner Hose. So extrem habe ich es mir nicht vorgestellt. Trotzdem stehe ich am Strand von Juist und atme. Ein und aus. Die salzige Luft kribbelt im Rachen, doch ich atme einfach weiter. Mit jedem Atemzug fühle ich mich ein Stückchen freier. Als würde mir Stück für Stück eine Last von den Schultern fallen, von der ich zwar wusste, dass sie da ist, die ich jedoch nicht wahrhaben wollte.

Ich schließe die Augen, höre dem Rauschen der Wellen und dem Pfeifen des Windes zu. Ignoriere, dass die Böen mich wegzudrängen versuchen, während ich fest mit beiden Füßen im Sand stehe. Die Kraft der Elemente ist an diesem Ort deutlich spürbar. Obwohl ich noch nie auf Juist war, weiß ich, dass ich genau richtig bin. Jetzt in diesem Moment ist es perfekt, an dieser Stelle zu verweilen. Innezuhalten und loszulassen.

Ja, ich muss loslassen. Der ganze Scheiß der vergangenen Monate lastet zu schwer auf mir. Clara. Sie wäre vermutlich gern hier, denn sie liebt das Meer. Mir zuliebe hat sie Urlaub in den Bergen gemacht. Oder auf einer Insel im Mittelmeer. Das war der Kompromiss. Doch nun ist sie fort. Ob sie unserer Beziehung ebenfalls hinterhertrauert?

Hätte ich geahnt, dass die raue Natur der Nordsee so erfrischend und reinigend ist, wäre ich vielleicht eher hergekommen. Zumindest ist es im Moment hilfreich, um mich wieder zu spüren.

Clara. Ein Stich geht durch meinen Brustkorb. Zu gern würde ich ihre Hand greifen, mit ihr am Strand entlangspazieren. Wir würden uns über das austauschen, was wir sehen, oder würden schweigen und nebeneinanderher bummeln. Was auch immer wir tun würden, wir wären zusammen. Doch Clara hat sich anders entschieden. Ihr war der Mann mit dem Erbe in Millionenhöhe und einer gut laufenden Unternehmensberatung wichtiger als ich. Der Bestsellerautor, den niemand kennt. Wenigstens weiß keiner meinen richtigen Namen. Das hat Vorteile. So bin ich zum Glück ein Unbekannter, der nirgends entdeckt wird. Aber ich war ihr wohl dennoch nicht gut genug. Dabei hatten wir Pläne. Zumindest ich. Immerhin wollte ich sie heiraten. Ein für immer eingehen.

Und nun? Nun stehe ich allein am Strand von Juist und weiß nicht, was ich mir von diesem Urlaub erhoffe. Einen Tapetenwechsel. Ja. Dass ich den im wahrsten Sinne des Wortes bekomme, hätte ich jedoch nicht gedacht.

Eine neue Böe ergreift mich und drückt mich so sehr zur Seite, dass ich ihr nachgebe, um nicht umzufallen. Vielleicht ist es ratsam, ein wenig weiterzugehen. So wende ich mich nach Osten, von wo mir der Wind umso stärker entgegenschlägt. Dort hinten ist der Ortskern. Ich muss am Wasser entlang zum Strandhotel. Doch ich komme nur langsam voran. Der Wind peitscht mir in die Augen, drückt Tränen über meine Wangen und schneidet mir die Luft ab.

Kurz entschlossen wende ich mich wieder den Dünen zu und gehe einen schmalen Weg entlang, der mich zwischen den Häusern zurück in die Inselmitte bringt. Sofort wird es ruhiger, doch der Sturm fegt dennoch gnadenlos um jede Ecke.

Reflexartig fange ich einen Hut auf, der mir vor die Füße weht, und sehe mich um. Ein Mann in meinem Alter kommt auf mich zu. Eilig und gleichzeitig nicht zu forsch, als wäre es okay, sollte er den Hut nicht mehr einholen.

»Danke schön!« Er lächelt mich an, als ich ihm sein Eigentum zurückgebe. Warum auch immer er den Hut bei diesem Wetter trägt. Eine Mütze ist definitiv die bessere Wahl. Allerdings war es vor ein paar Stunden noch nicht so windig.

»Gern. Halten Sie ihn gut fest, die nächste Böe kommt bestimmt.« Ich lächle.

»Ja, steife Brisen kommen hier gelegentlich vor.« Trotz meiner Warnung setzt er den Hut wieder auf, als würde er dem Wetter dadurch trotzen können.

»Sind Sie öfter auf Juist?«, frage ich neugierig.

Der Mann winkt ab. »Ich wohne hier.«

Das erklärt seine Art. »Oh, das ist interessant. Dann haben Sie vielleicht einen Tipp, wo ich heute Abend gut essen gehen kann?«

»Das kommt drauf an, was Sie gern mögen. In welchem Ferienhaus wohnen Sie?« Er runzelt die Stirn und zieht dabei die Augenbrauen zusammen. »Oh, nicht, dass Sie denken, dass ich neugierig wäre, aber man kennt sich hier.« Er lächelt etwas unbeholfen.

»Kein Problem. Ich bin im Töwerland-Huus.«

»Ah, dann sind Sie der neue Gast, der heute angereist ist. Ich bin Jesper. Also eigentlich Paul Jesper, doch alle nennen mich Jesper.« Er streckt mir die Hand hin, die ich zögerlich ergreife. Noch werde ich nicht schlau aus ihm.

»Bengt Jansen. Sie kennen das Töwerland-Huus?« Warum frage ich das? Er wohnt hier.

»Sicher. Ich arbeite dort. Morgen früh bekommen Sie das Frühstück von mir serviert.« Er grinst und lässt meine Hand endlich wieder los. »Da sind Sie gut aufgehoben. Zum Essen heute Abend empfehle ich Ihnen das Strandhotel. Da helfe ich manchmal zusätzlich aus. Aber das Restaurant im Achterdiek ist ebenfalls gut. Sie können sich ja durchprobieren. Also, wir sehen uns morgen früh.« Damit wendet er sich ab und geht durch ein Gartentörchen zu dem Haus, das direkt vor mir liegt.

Ich schmunzle und gehe weiter. Jesper scheint ein munterer Geselle zu sein. Wenn er fürs Frühstück als Koch zur Verfügung steht, sagt das hoffentlich etwas über die Qualität des Töwerland-Huus aus. Warum auch immer ich von dieser Begegnung darauf schließe.

Dennoch ziehe ich die Mütze tiefer ins Gesicht und setze meinen Weg zum Strandhotel fort. Wenn er sagt, dass es dort gutes Essen gibt, werde ich seinen Rat befolgen. Wahrscheinlich habe ich wenig andere Optionen. Vielleicht komme ich mit vollem Bauch zur Ruhe und kann über den neuen Roman sinnieren.