Leseprobe Ruined by the Villain | Eine spicy Age Gap Dark Romance

KAPTEL EINS

WINSTON

Blitz. Blitz. Blitz.

Ich posiere wie ein verdammtes Versace-Model, nur um es meiner unausstehlichen Mutter recht zu machen, während ich viel lieber dreckige Spielchen mit ihr treiben würde.

Meiner Assistentin.

Meiner wertlosen Haushaltshilfe.

Meinem gehorsamen, schmutzigen Mädchen, das auf denselben verdorbenen Mist steht wie ich.

Bald.

Ich muss nur erst diesen Bullshit hier überstehen.

Kippen Sie den Kopf ein bisschen nach rechts. Nein, eher etwas weiter nach links. Jetzt leicht nach unten. Blicken Sie direkt in die Kamera. Und jetzt wieder dieser ernste Blick. Und jetzt wechseln – ein kleines Grinsen bitte.

Das ist eher Perrys Welt. Herumstolzieren wie ein Gockel, damit ihn alle bewundern. Für mich ist es Zeitverschwendung, mich vor einer Kamera zu brüsten, wenn ich in der Zeit etwas Produktiveres tun könnte. Ein flüchtiger Blick in den Innenhof verrät mir, dass er entweder zu spät ist oder sich vor dem Scheiß hier drückt. Ich werde ihm später den Arsch aufreißen, weil er mich sitzen lässt.

Lächeln Sie, Mr Constantine. Ich sagte lächeln, nicht die Zähne fletschen. Fühlen Sie sich unwohl, Sir?

Das zieht sich eine halbe Ewigkeit. Mutter genießt mein Missfallen, das verrät das hinterhältige Grinsen auf ihren Lippen.

In Momenten wie diesen, obwohl ich längst ein erwachsener Mann bin, wünsche ich mir, mein Vater wäre hier, um einzugreifen. Er war immer der Warmherzigere von beiden Eltern und schien einer der wenigen zu sein, der sie auftauen konnte. Nach einer halben Stunde Fotografiererei hätte er mich beiseitegenommen, wegen Geschäften. Wir hätten uns versteckt, bis die Party beginnt, eine 65.000-Dollar-Flasche Louis XIII Black Pearl Cognac geöffnet und ein paar Minuten stille Glückseligkeit geteilt.

Die Bitterkeit über den Verlust meines Vaters zeigt wieder ihr hässliches Gesicht. Meine Wirbelsäule spannt sich an, mein Blick wird noch finsterer.

Das ist es. Das ist der Blick. Volltreffer, Sir. Vielleicht die Augen etwas verengen. Zeigen Sie ihnen, dass Sie es ernst meinen.

Mein Handy vibriert in der Tasche. Ich will es sofort rausholen und den Anruf annehmen. Die Bilder, die Ash mir geschickt hat, wie sie aufgebrezelt in dem Kleid aussieht – atemberaubend. Sie wecken in mir das Verlangen, Ash schmutzig zu machen – sie zu zerstören. Ich war gerade dabei, es ihr zu schreiben, als ich zurück zu diesem Fotoshooting gezerrt wurde, bei dem ich seitdem miserable Laune habe. Zu wissen, dass mein verwöhntes Mädchen „endloses Lob“ erwartet und ich ihr noch kein einziges Wort oder Geld für die Fotos geschickt habe, liegt mir schwer im Magen wie ein Bleiballon. Wenn ich nicht den perfekten Auftritt für die Öffentlichkeit hinlegen müsste, hätte ich diesen Zirkus längst beendet. Nach dem Tod meines Vaters habe ich sein Unternehmen nicht in ungeahnte Höhen geführt, indem ich stur oder schwer von Begriff war. Nein, ich habe es geschafft, weil ich die notwendigen Spiele kenne, die gespielt werden müssen. Einem Magazin-Shooting zuzustimmen, das die Macht des Constantine-Namens mit meinem lächelnden Gesicht und einem teuren Anzug auf dem Cover inszeniert – das ist so ein Zug, den man machen muss, um ganz oben zu bleiben.

Manchmal brauchen die Leute unter mir eine kleine Erinnerung an die Kraft hinter dem dominierenden Namen.

Als der Fotograf innehält, um die Einstellungen seiner Kamera zu prüfen, ziehe ich mein Handy aus der Tasche. Ich habe eine verpasste Nachricht von ihr – und eine von Perry.

Ash: Winston, es tut mir leid, Liebster, aber ich werde es nicht zur Party schaffen. Auch wenn es schön war, dich für dein Geld auszunutzen, werde ich es nicht mehr brauchen. Meine Brüder werden jetzt auf mich aufpassen.

Ich lese die Nachricht noch drei weitere Male.

Das ist nicht sie. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass sie es nicht ist.

Und obwohl ich sie noch nicht so belohnt habe, wie sie es sich wünscht, würde sie nicht so hart antworten.

Das Mädchen ist praktisch verliebt. Ich habe ihr endlich den Fick gegeben, nach dem sie gebettelt hat, und die Nacht mit ihr verbracht.

Das bedeutet, einer dieser kleinen verdammten Drillinge fand es lustig, sich als sie auszugeben. Gereiztheit breitet sich wie Fieber in mir aus, brennend und schwindelerregend. Wenn ich nicht den gesamten Mannford-Klan zum Geburtstagsball eingeladen hätte, wäre ich ein wenig beunruhigt, dass sie mit ihnen zusammen ist. Aber da Dr. Mannford bei gesellschaftlichen Anlässen fast so zuverlässig ist wie meine Mutter, lege ich meine Sorge fürs Erste beiseite, weil ohnehin bald alle hier sein werden. Ich werde ihr nicht zurückschreiben, für den Fall, dass einer dieser Vollidioten ihr Handy genommen hat. Als Nächstes lese ich Perrys Nachricht.

Perry: Es ist was dazwischengekommen. Ich musste kurz weg, bin aber bald zurück. Ich halte dir immer den Rücken frei, Winny.

Seine Worte kommen mir seltsam vor, aber ich empfinde auch eine gewisse Erleichterung.

„Sir, könnten Sie bitte Ihr Telefon weglegen? Wir haben noch ein paar Aufnahmen zu machen“, ruft der Fotograf in verärgertem Ton und lenkt mich von Perry ab.

„Entschuldigung“, brumme ich und durchbohre den Mann mit hartem Blick. „Für einen Moment dachte ich, ich wäre Winston Constantine, dem diese verdammte Stadt gehört.“

Er weicht vor meinen scharfen Worten zurück. „Ich wollte nur …“

„Das reicht, Liebling“, schnurrt Mutter, während sie zu uns herüberschreitet und den Fotografen mit einer genervten Bewegung ihres mit funkelnden Juwelen beladenen Handgelenks abblitzen lässt. „Sie haben genug Fotos gemacht.“

Der Fotograf nickt und beginnt dann mit gesenktem Kopf zusammenzupacken. Mutter hakt sich bei mir ein und deutet auf einen Weg, der mit einem kunstvollen Teppich bedeckt ist, damit man während der Party darauf laufen kann, ohne den Rasen zu ruinieren. Sobald wir sicher auf dem Teppich sind, schlendern wir gemächlich in Richtung Anwesen. Die Gäste werden jeden Moment eintreffen, aber sie werden zuerst draußen fotografiert und dann in das Klavierzimmer geleitet, wo sie Musik von einem jungen, frisch graduierten Konzertpianisten der Juilliard School, Hors­d’œu­v­res und Champagner genießen werden, bevor das Dinner beginnt. Wir haben also noch etwas Zeit.

„Du bist heute Nachmittag furchtbar mürrisch“, sagt Mutter beiläufig, obwohl mir der vorwurfsvolle Ton nicht entgeht. „Etwas auf dem Herzen?“

Jemanden.

Aber davon werde ich ihr ganz sicher nicht erzählen.

„Die Arbeit hält mich auf Trab“, grunze ich stattdessen.

Sie stößt einen tiefen Seufzer aus. „Deine Arbeitseinstellung ist wie die deines Vaters, schon fast obsessiv. Gönnst du dir nie eine Pause, um die Früchte deiner Arbeit zu genießen, Liebling?“

Die verbotene Frucht.

Aber ja doch, Mutter.

„Hin und wieder.“ Ich grinse sie an. „Ich bin fast vierzig, nicht vierzehn. Warum die plötzliche Sorge?“

„Darf sich eine Mutter etwa nicht um ihren kleinen Jungen sorgen?“

Der Sarkasmus in ihrer Stimme bringt meine Lippen zum Zucken. „Nicht die Mutter, mit der ich aufgewachsen bin. Was bedrückt dich wirklich?“

„Es geht um Perry.“

Wir bleiben stehen, und ich hebe eine Braue. Ihr Gesicht ist heute wunderschön geschminkt, sie wirkt so jung wie eine meiner Schwestern. Es ist schade, dass sie nie wieder die Liebe finden wird. Trotz ihrer eisigen Fassade bricht es ihr immer noch das Herz, dass Dad vor fünf Jahren gestorben ist. Eine Art von Schmerz, von dem man sich nie ganz erholt.

Das ist eines der Dinge, die ich an diesem Ort hasse.

Die Erinnerungen. Die Gefühle. Den Schmerz.

Auch wenn das Constantine-Anwesen kein typisches Zuhause ist, war es meines. Ich bin geliebt und vergöttert von meinen Eltern aufgewachsen, besonders von meinem Vater. Als dann weitere Kinder dazukamen und ich einfach der Älteste in der Rangordnung wurde, habe ich gelernt, mich gegen bestimmte Gefühle abzuhärten. Perry muss in dieser Hinsicht noch viel lernen, denn er ist der Constantine, der seine Emotionen wie ein großes, blinkendes Neonzeichen für alle sichtbar mit sich herumträgt. Selbst Keaton, das Baby unserer Familie, hat sich ein Beispiel an Mutter genommen und seinen Scheiß unter Kontrolle bekommen.

„Er macht sich eigentlich richtig gut“, gebe ich zu. „Sag ihm bloß nicht, dass ich das gesagt habe.“

Sie lacht, warm, herzlich und echt. „Oh, mein Sohn, ich meinte nicht die Arbeit. Unglaublich, das ist alles, woran du denkst.“

Auch wenn sie sich gern ahnungslos gibt, ist Mutter doch zufrieden, dass ich nach Dads Tod reibungslos die Zügel übernommen habe. Ich bin der Einzige, der in der Lage ist, das lebendige, fauchende Ungeheuer zu bändigen, das unser nahezu grenzenloses Vermögen verkörpert.

„Dieses Imperium am Laufen zu halten, ist ein Vollzeitjob.“ Ich werfe ihr einen Seitenblick zu und übersehe dabei nicht das kurze Aufflackern von Schmerz in ihrem Gesicht. Wir wissen beide, warum ich dieses Imperium leite. Weil er es nicht kann. Und auch wenn Mutter gerne die Unschuldige spielt, wissen wir alle, wer die wahre Strippenzieherin hinter unserem Familiennamen ist. Sie zieht es nur vor, Menschen im Stillen zu ruinieren, während ich es zur Schau stelle wie einen neuen, maßgeschneiderten Anzug.

„Es geht um sein Auto.“ Sie stößt einen frustrierten Seufzer aus. „Er ist so naiv, dass er nicht einmal merkt, was er da tut.“

„Was denn?“

„Meine Geduld strapazieren.“

Ich verkneife mir ein Grinsen. Perry ist nicht immer das Goldkind. „Erzähl, Mutter. Du weißt, wie sehr ich es liebe, wenn er dich enttäuscht.“

Ihre Augen blitzen vor Belustigung. „Du bist manchmal wirklich furchtbar. Ganz wie dein Vater.“

Mein Vater war ein harter Mann, wenn es sein musste. Und als Constantine war das oft der Fall. Aber er konnte auch witzig sein. Er liebte seine Kinder, ohne Zweifel. Mit ihm verglichen zu werden, stört mich kein bisschen.

„Entschuldige“, sage ich mit einem Grinsen, das das Gegenteil ausdrückt. „Erzähl weiter. Was hat das widerspenstige Kleinkind schon wieder angestellt und wie kann ich es richten?“

Ihre strengen Gesichtszüge werden weicher, und sie zupft ein nicht existentes Haar von meinem Revers. Eine simple Geste, die meinen Geschwistern nie auffällt. Mutter ist an den meisten Tagen kühl und kaum zärtlich, aber sie hat ihre eigenen Wege. Schlichte Gesten. Sicher, sie überhäuft uns mit übertriebenen Geschenken und Lob – auch wenn sie manche von uns anderen vorzieht –, aber manchmal sind es die kleinen Dinge. Seit ich denken kann, hat sie uns die Haare glatt gestrichen oder Fusseln von der Kleidung gezupft oder uns auf die Nase getippt, wenn wir lächeln sollten. Auch wenn sie heute nicht mehr unsere Haare richtet oder Nasen antippt, tut sie das andere immer noch. Es ist eine Erinnerung daran, warum mein Vater sie geliebt hat.

Irgendwo tief in ihr ist sie weich, wenn es um ihre Familie geht.

„Kannst du mit ihm über sein Fahrzeug sprechen?“

Ich runzele die Stirn. „Er hat ein neues Auto?“

„Halcyon bezahlt es“, entgegnet sie, und ihre Lippe kräuselt sich angewidert. „Auch wenn ich es schätze, dass du ihm einen Wagenzuschuss gewährt hast, wünschte ich, du wärst dabei gewesen, als er sich eins ausgesucht hat.“

Es amüsiert mich, dass sie sich über ein Auto aufregt. Man kann sich kaum vorstellen, was für eine Monstrosität mein Bruder diesmal gewählt hat. Wenn man von seinem letzten Wagen ausgeht – ein restauriertes Muscle Car, sehr zu Mutters Entsetzen –, dann muss es diesmal noch schlimmer sein. Ich würde es ihr nie sagen, aber ich genieße es jedes Mal, wenn die Ader an ihrer Stirn zu pochen beginnt, sobald sein Ford Mustang Shelby GT350 in die Einfahrt brüllt, der laute V8 so kraftvoll, dass die Fenster klirren.

„Sein Mustang ist eines der besten Sportautos unter hunderttausend Dollar“, stichele ich und wiederhole die Worte meines Bruders, „von null auf hundert in vier Komma zwei Sekunden.“

„Erinnere mich nicht daran“, grummelt sie. „Selbst das konnte ich noch ertragen, weil er wenigstens nicht hässlich war. Sein neues Auto ist scheußlich. Bitte bring ihn dazu, den Kauf zu überdenken. Wenn es von mir kommt, klinge ich nur wie eine nervige Mutter, die ihm reinreden will.“

Mutter will das Lieblingskind niemals enttäuschen. Sie kann hart, schroff, sogar grausam sein, aber wenn sie jemanden bevorzugt, dann lässt sie nichts unversucht.

„Ich sehe, was ich tun kann“, lüge ich. Werde ich nicht. Er ist ein Constantine. Die Constantine-Männer in dieser Familie meinen es ernst mit ihren Autos. Selbst Dad hatte ganz bestimmte Vorstellungen, wenn es um seine Fahrzeuge ging – was gut passt, da er in seinem Lieblingsauto gestorben ist. Ich kann Perry für so ziemlich alles aufziehen, von seiner Frisur über seine Kleidung bis hin zu seinem mangelnden Geschäftssinn. Aber was ich niemals tun werde, ist, sein Auto zu beleidigen oder ihm zu sagen, dass seine Mami es nicht mag.

Keaton tritt nach draußen, und ich nehme das als Zeichen, mich von Mutter zu lösen. Mein kleiner Bruder, der unserer Mutter verblüffend ähnlich sieht, aber gebaut ist wie ein verdammter Panzer, schenkt mir sein wölfisches Grinsen. Ich neige den Kopf in seine Richtung und rufe: „Hast du eine Minute für ein bisschen Business, kleiner Bruder?“

Keatons Augen wandern zu Mutter, bevor er nickt. „Für dich immer eine Minute.“

„Ehrlich, Winston“, beschwert sich Mutter, wobei ein Hauch von Humor in ihrer Stimme mitschwingt. „Es ist dein Geburtstag. Mach mal Pause.“

Wir wissen beide, dass sie sich wünscht, ich würde Keaton davon überzeugen, in meine Fußstapfen zu treten, statt irgendwelchen großspurigen Ideen nachzujagen, professioneller Rugbyspieler zu werden. Ein Hauch von Mitleid regt sich in mir, als ich mich erinnere, wie ich in seinem Alter war – auf dem Weg ins letzte Jahr der Privatschule – und mir mehr vom Leben gewünscht hatte als das, was mir vorherbestimmt war. Aber mit dem Alter lernt man, dass Familie alles ist und dass es nur darauf ankommt, wie man das Erbe weiterführt.

„Keine Ruhe den Sündern. Ich komme später nach“, sage ich, nehme Mutters zierliche Hand und küsse den Handrücken. „Entschuldige mich.“

„Genieß deinen Geburtstag, Liebling“, ruft Mutter mir hinterher. „Heb mir einen Tanz auf.“

Ich grinse, während ich auf Keaton zugehe. Schade, dass er nicht älter ist. Ich sitze mit Perry im Büro fest, aber Keaton ist der mit dem Hirn. Er hat zwar diesen Arschloch-Sportler-Vibe am Laufen – leider wie diese verdammten Drillingsspacken –, aber im Gegensatz zu denen ist Keaton klug und berechnend. Ich zweifele keine Sekunde daran, dass er in seinem Abschlussjahr an der Pembroke die Auszeichnung als Jahrgangsbester einheimsen wird.

„Durstig?“ Ich hebe fragend eine Braue.

„Kommt drauf an. Was trinken wir?“

Ich packe seine Schulter und drücke zu. „Dads Vorrat.“

Die Selbstgefälligkeit, die von ihm ausgeht, schmilzt dahin, als Verletzlichkeit in seinem Blick aufblitzt. Wie den Rest der Constantines hat ihn der Verlust unseres Vaters schwer getroffen – wahrscheinlich am meisten von uns allen. Während Perry ein emotionales Wrack war, verwandelte sich Keaton von einem verspielten, fröhlichen Vorpubertierenden in jemanden aus Stein. Undurchdringlich und hart. Das kann ich nachvollziehen.

Wir betreten das Gebäude, schlüpfen an geschäftigen Kellnern vorbei, die in hektischer Eile herumlaufen, um die Party zum Erfolg zu machen. Ich ignoriere die Klänge des Klaviers in der Nähe und schreite durch eine Reihe von Fluren bis zu Dads Arbeitszimmer. Es ist wegen der Gäste verschlossen, aber ich öffne es schnell mit meinem Schlüssel und gewähre uns Zutritt. Keaton schließt die Tür hinter sich, während ich schnurstracks auf Dads Schnapsschrank zusteuere, der dank Mutter noch immer genauso ist wie früher. Jedes ihrer Kinder hat ihn schon geplündert, um sich unserem Vater näher zu fühlen, und jedes Mal füllt sie den geleerten Alkohol wieder auf, als wäre er nie angerührt worden.

Keaton lässt sich in einem der übergroßen Ledersessel nieder, während ich den Mahagoni-Schrank öffne. Meine Augen weiten sich bei der neuen Errungenschaft. Eine mit 24-karätigem Gold und Platin überzogene Flasche Henri IV Dudognon Heritage Cognac Grande Champagne, besetzt mit winzigen Kristallen und einem marineblauen Band um den Flaschenhals.

Mutter.

Die meisten Mütter kaufen ihrem Sohn eine Krawatte zum sechsunddreißigsten Geburtstag.

Meine überrascht mich mit einer Cognacflasche im Wert von zwei Millionen Dollar.

„Sieht ganz danach aus, als würden wir auf eine Art feiern, die Dad gefallen hätte“, sage ich zu Keaton und halte die Flasche hoch.

Er grinst und gibt mir ein überhebliches Nicken. „Wenn sie dir das zum Geburtstag schenkt, obwohl sie dich kaum mag, stell dir vor, was ich kriege.“

Ich zeige ihm den Mittelfinger und schenke uns beiden ein Glas ein. Während ich zu ihm hinübergehe, betrachte ich meinen Bruder. Er hat diese coole, distanzierte Art, die zu einem Constantine passt, aber ich weiß, dass es in ihm lodert. Seine Augen verraten es, blitzen oft vor Emotionen, die er sonst gut versteckt.

„Ich vermisse das“, gebe ich zu, während ich ihm sein Glas reiche und mich ihm gegenüber niederlasse.

„Mit dem bestaussehenden Constantine abzuhängen?“

„Nein, den sehe ich jeden Tag im Spiegel. Wird ehrlich gesagt ziemlich langweilig.“ Ich grinse ihn an. „Ich rede von Dad. Das war unser Ding.“

Der Muskel in seinem Kiefer zuckt, und er versteckt es, indem er das Glas an die Lippen führt, das Aroma einatmet und dann einen Schluck nimmt.

„Hmph.“

Ich muss beinahe laut loslachen bei seiner kindischen Reaktion. Manchmal muss ich mich daran erinnern, dass er immer noch ein Kind ist. Im Herbst geht es für ihn zurück nach Vermont, um seine Zeit an der Pembroke Preparatory School zu beenden. Dann wird er ein richtiger Mann, in die Fußstapfen aller männlichen Constantines vor ihm treten – Perry mit seiner Faulheit ausgenommen –, und sich einen mächtigen Namen machen. Rugby wird dann wahrscheinlich ein ferner Traum sein, so wie es bei mir war.

„Er hat immer zu Mutter gesagt, wir hätten wichtige Männerangelegenheiten zu besprechen“, sage ich, und meine Lippen zucken bei der liebevollen Erinnerung. „Und dann haben wir uns mit seinem Vorrat fast unter den Tisch gesoffen. Später drohte uns Mutter, sie würde uns umbringen, falls wir sie in Verlegenheit brachten.“

Fünf Jahre.

Fünf lange Jahre sind vergangen, seit ich diese Momente mit meinem Vater hatte, die ich so egoistisch für selbstverständlich hielt.

„Wollen wir irgendwann mal über den Elefanten im Raum reden?“, fragt er in einem mürrischen Ton, der eher zu Perry passt.

Ich sehe ihn fragend an. „Dass deine Freundin nicht bei dir ist?“

„Sie kommt später.“ Sein Blick weicht dem meinen aus, wie früher, wenn er als Kind etwas verheimlicht hat. „Ich meine das, was dich auffrisst. Du bist total aufgewühlt. Ich bin dein Bruder, Win, also raus damit.“

Ich mustere ihn einen Moment lang, beeindruckt von seiner Fähigkeit, meine Schwäche zu wittern – was den meisten Männern schwerfällt, von einem Teenager ganz zu schweigen. „Wie gut kennst du die Mannford-Drillinge?“

Nach etwas Recherche hatte ich herausgefunden, dass Dr. Mannford sie im zweiten Halbjahr ihres Juniorjahres nach Pembroke gebracht hatte.

„Die Neuen?“ Keaton nimmt noch einen Schluck und zuckt mit den Schultern. „Die bleiben in ihrem Revier, und ich in meinem. Die legen sich nicht mit mir an.“

„Du bist kein Gangster, Keat. Erklär das wie ein zivilisierter Erwachsener.“

Er verdreht die Augen – eine Erinnerung daran, wie jung er ist. „Ich meine, ich rede nicht mit ihnen, wenn es nicht sein muss. In Pembroke geht’s weniger um sozialen Status, sondern um Kreise. Mein Kreis ist Rugby, ihrer ist Lacrosse. Die überschneiden sich nicht oft. Und im Hellfire Club sind sie nicht willkommen.“

Ich muss mir fast ein Schnauben verkneifen. Schon die bloße Erwähnung des Pembroke-Clubs, der alle anderen dominierte, ruft Erinnerungen an Auseinandersetzungen in der Privatschule wach. Aber ich muss mich auf das Jetzt konzentrieren. „Eure Kreise überschneiden sich nicht oft, aber manchmal doch?“

„Es ist so. Wir sind Löwen. Sie sind die Hyänen, die sich von unseren Resten ernähren. Es gibt keine Partnerschaft, aber man behält sich im Blick.“ Er beugt sich vor und stellt sein Glas auf dem Tisch zwischen uns ab. „Warum das plötzliche Interesse an den Mannfords?“

„Sie sind …“ Ich verstumme und kratze mir nachdenklich am Kiefer, während ich überlege, wie ich es formulieren kann, ohne dass es bei Mutter landet. „Sie dringen in meinen Kreis ein. Sie sind in meinem Revier. Ich will wissen, wie es dich betrifft, wenn ich sie aus dem Spiel nehme.“

Seine blauen Augen blitzen interessiert auf. „Es würde mich großartig unterhalten.“

„Da sind wir uns einig.“ Ich nehme einen Schluck von meinem Drink, meine Aufmerksamkeit ganz auf meinen kleinen Bruder gerichtet. „Kannst du mir einen Gefallen tun?“

„Gefallen kosten was.“

Ich lache laut, weil ich diesen Jungen liebe. Ein verdammter Constantine durch und durch.

„Natürlich“, brumme ich. „Nenn deinen Preis.“

Unsere Verhandlung lässt meine Gedanken zu Ash und ihrer mysteriösen Nachricht zurückwandern. Etwas, dem ich bald auf den Grund gehen werde.

„Kommt ganz auf den Gefallen an.“ Er zuckt mit den Schultern, aber seine Augen sind scharfsinnig, deutlich interessiert an unserem Handel. „Lass hören.“

„Im Moment will ich nur Informationen. Nicht den Mist, den Ulrich liefern kann. Das ist Allgemeinwissen.“

Ulrich, der vertrauenswürdigste Privatdetektiv unserer Familie, war derjenige, der Mutter geholfen hat, das über meine Ex Meredith herauszufinden – und auch Informationen über Dads „Unfall“, wegen dem jeder verdammte Constantine seinen Tod infrage stellt.

„Was dann?“, hakt Keaton nach. „Sowas wie, mit wem sie vögeln?“

„Schon wieder Allgemeinwissen. Vermutlich alles, was einen Rock trägt.“ Ich lasse den Cognac im Glas kreisen, genieße seinen schweren Duft. „Ich will wissen, was sie antreibt. Ich muss wissen, wie man sie mit einem Knopfdruck in die Luft jagt.“

Seine Braue hebt sich, Belustigung verzerrt seine sonst so markanten Züge. „Du bist manchmal so ein Arsch.“

Wir lachen beide, weil er genauso einer ist.

„Na gut“, sagt er schließlich. „Ich besorg dir deine Infos.“

„Und was bekommst du, kleiner Keat?“

Er steht auf, geht zum Schnapsschrank und nimmt die Flasche, aus der wir getrunken haben. „Die hier. Dein Geburtstagsgeschenk.“

„Kleiner Scheißer“, grummele ich über meine Schulter. „Na schön. Abgemacht.“

Ich sage ihm nicht, dass mein eigentliches Geburtstagsgeschenk geliefert wird, wenn Cinderelliott auf die Knie geht und an meinem Schwanz würgt. Denn wenn er das wüsste, würde er das stattdessen wollen – besonders, wenn ihm klar wird, dass Ash in seinem Alter ist. Zwar konnte er Mutter davon überzeugen, dass er in das zickige kleine Rich-Girl verliebt ist, mit dem er zusammen ist, aber ich weiß es besser. Sie ist nichts weiter als ein Werkzeug für seine Zwecke, was auch immer das sein mag. Noch ein Grund mehr, warum meine Familie nichts von diesem Mädchen erfahren darf.

Jeder Einzelne von ihnen würde versuchen, sie mir auf irgendeine Weise wegzunehmen.

Außer Perry.

Zum ersten Mal seit … immer … ist das Goldkind auch mein Favorit.

KAPITEL ZWEI

ASH

Ich krieg das hin.

Ich bin keine 08/15-Jungfer in Nöten.

Frauen, die es mit einem Constantine aufnehmen und standhalten können, kippen nicht gleich beim ersten Anzeichen von Gefahr um. Und auch wenn ich zittere wie Espenlaub und mir ununterbrochen Tränen über die Wangen laufen, lasse ich mich von diesem Angriff nicht aufhalten.

Ich werde es zu diesem Geburtstagsball schaffen, meinen dunklen Prinzen finden und diesen verdrehten Drillingen zeigen, dass sie sich mit dem falschen Mädchen angelegt haben. Zwar jagen sie mir höllische Angst ein, aber mein inneres Feuer schreit danach, endlich entfesselt zu werden – damit ich zusehen kann, wie sie brennen.

Meine Gedanken rasen. Die meisten sind erfüllt von Rache. Einige sind ängstlich und eingeschüchtert, besonders wenn ich an Leo und den Rest der Morellis denke. Aber die Gedanken, die mich weitermachen lassen, drehen sich um ihn.

Winston Constantine.

Mein abgefuckter Märchenprinz.

Die Spiele, die wir spielen, gehören nur uns, und ich werde nicht zulassen, dass meine Psycho-Stiefbrüder oder Leo Morelli mich deswegen beschämt fühlen lassen. Win versteht mich, wie kein anderer es tut. Und auch wenn ich mich nicht für das schäme, was zwischen uns passiert – und er tut es ganz sicher auch nicht –, darf ich die Tatsache nicht ausblenden, dass es Folgen haben könnte, die uns am Ende schaden würden. Deshalb kann ich nicht einfach sorglos davon ausgehen, dass er mich aus dieser Situation retten wird.

Nein, ich muss denken wie Winston.

Es gibt einen Weg, wie ich es den Drillingen heimzahlen kann. Ich bin mir sicher, dass ich ihn finden werde. Sie sehen in mir nur das schwache Mädchen, mit dem sie spielen und das sie kontrollieren können. Sie spielen mit dem Feuer, auch wenn sie es noch nicht merken.

Und was Morelli betrifft …

Das wird etwas mehr Überlegung brauchen.

Winston kann mir mit Scout und seinen unheimlichen Schatten helfen, aber Leo hat seine Drohungen ziemlich deutlich gemacht. Ich werde mir etwas einfallen lassen. Sobald ich mich ausgeruht habe und klarer denken kann.

Jetzt muss ich mich erst mal für die Party fertig machen.

Es klingelt an der Tür, und ich schrecke zusammen. Ich wische mir den Rest des verschmierten Make-ups aus dem Gesicht und werfe den Waschlappen ins Waschbecken. Es klingelt wieder. Als ich die Tür erreiche, bin ich außer Atem. Auf der anderen Seite steht Perry Constantine, umwerfend in einem Smoking.

Sein besorgter Gesichtsausdruck verwandelt sich in Wut. Alle Pläne, mutig und rachsüchtig zu sein, fliegen in diesem Moment aus dem Fenster. Ich breche in Tränen aus, dankbar, nach all dem Mist, den ich gerade durchgemacht habe, jemanden auf meiner Seite zu haben.

„Fuck, Ash“, knurrt Perry und zieht mich in eine feste Umarmung. „Was zum Teufel ist mit dir passiert?“

Er drückt mich fest an sich, hält all die zerbrochenen Teile von mir zusammen. Ich lasse ein paar schluchzende Atemzüge zu, bevor ich mich wieder fange. Ich schniefe, schlucke die Emotionen herunter. Jetzt ist keine Zeit dafür. Ich löse mich aus seiner Umarmung und wische mir mit den Handflächen über die Augen.

„Lange Geschichte“, krächze ich. „Ich brauche jetzt deine Hilfe.“

Ich drehe mich auf dem Absatz um und haste die Treppe hinauf, um meine Tasche zu holen.

Seine schweren Schritte hinter mir wirken beruhigend. Kaum betreten wir mein Zimmer, stößt er eine Reihe von Flüchen aus.

„Was zum Teufel ist passiert?“, fragt er wütend und deutet auf mein ruiniertes Kleid auf dem Boden. „Komm mir nicht mit dem Lange-Geschichte-Bullshit. Haben deine Brüder dir das angetan?“

„Stiefbrüder“, zische ich, während ich die Sachen, die sie zuvor aus meinem Rucksack gezerrt haben, wieder hineinwerfe und den Reißverschluss schließe. „Sie sind Arschlöcher.“

Perry schüttelt den Kopf, seine blauen Augen blitzen vor Zorn. „Das geht über Arschlochverhalten hinaus. Das ist Wahnsinn. Das ist Körperverletzung.“Sein Gesicht wird blass. „Warte … Haben sie …“

„Nein“, rufe ich schnell und wische mir eine weitere Träne weg. „Sie haben nur mein Kleid zerschnitten und alles darangesetzt, mich fertigzumachen.“

Er verzieht das Gesicht und hebt den Daumen an meine Lippe, fährt sanft über die Platzwunde, die mir Scout beim Küssen zugefügt hat. „Sie haben dir wehgetan.“

„Das war Scout, aber mach dir keine Sorgen, das ist das Schlimmste.“

Sein Blick durchdringt mich, als wollte er unter die Oberfläche sehen. Natürlich steckt mehr dahinter. Er mag der nette Constantine sein, aber er ist immer noch ein Constantine – er riecht Bullshit meilenweit gegen den Wind. Aber anders als Winston verlangt er keine Antworten oder tut alles, um sie aus mir herauszupressen. Es ist besser, dass Perry mich gerettet hat und nicht Winston. Man kann sich nicht ausmalen, was Winston tun würde, wenn er mich in diesem Zustand sähe, ohne selbst etwas damit zu tun zu haben.

Warum?

Weil er sich sorgt.

Oder?

Mein Selbstzweifel kämpft gegen die Logik.

Sosehr er es leugnen möchte – tief in mir weiß ich, dass er es tut. Wir wären gar nicht erst in diesem Schlamassel, wenn nicht. Aber ich frage mich oft, ob das reicht.

Könnte jemand wie Winston Constantine – intensiv, attraktiv, unglaublich erfolgreich – sich an eine Frau binden, die nicht nur aus einer ganz anderen Klasse stammt, sondern auch bloß halb so alt ist wie er? Ich würde gern glauben, dass wir mehr gemeinsam haben, als man auf den ersten Blick sieht. Nur die Zeit wird es zeigen, denke ich. Zeit. Wie viel haben wir? Ich schiebe die nagende Erinnerung an seine Worte beiseite, daran, dass ich für ihn nur die Unterhaltung dieses Jahres bin – und nächstes Jahr wird es eine Yacht oder ein Auto sein.

„Du kannst nicht so zur Party gehen“, sagt Perry, die Frustration in seiner Stimme deutlich. „Das weißt du, oder?“ Er seufzt und zückt sein Handy, was eine Welle von Unruhe in mir auslöst. „Warte. Ich weiß, was zu tun ist.“

„Wen rufst du an?“

„Verstärkung.“

Er beginnt zu telefonieren, bellt Befehle in einer Art, die mich an seinen älteren Bruder erinnert. Ich folge ihm aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Draußen hebe ich überrascht die Augenbrauen bei seinem Auto. Er beendet das Gespräch, steckt das Telefon ein und grinst.

„Geile Karre, oder?“

Ich bemühe mich, nicht das Gesicht zu verziehen. „Es ist so … orange.“

„Ein 1969er Chevy Chevelle. Sonderlackierung innen und außen. Siebzehn-Zoll-Räder. Ein 454-Big-Block-Motor.“ Er zeigt mir ein jungenhaftes Grinsen. „Absoluter Frauenmagnet.“

Dieses Grinsen ist der Frauenmagnet – nicht das quietschorangene Biest von einem Auto.

„Sieht aus wie ein Kürbis“, platze ich lachend heraus. „Ein Kürbis mit verdammt coolen weißen Rennstreifen und weißem Lederinterieur.“

Er zeigt mir den Stinkefinger, während er die Beifahrertür öffnet. „Deine Kutsche zum Ball, Prinzessin. Steig ein oder geh zu Fuß. Deine Entscheidung.“

Ich tue so, als würde ich sein Ultimatum abwägen, tippe nachdenklich mit dem Finger auf mein Kinn. „Nur Spaß.“

Schnell umarme ich ihn noch einmal. „Danke.“

„Du bist das Mädchen meines Bruders. Hierfür musst du dich nicht bedanken.“

Das Mädchen seines Bruders.

Man darf ja wohl noch träumen.

***

Ich bin sprachlos vor Staunen, als wir die Auffahrt hinauffahren zu dem, was Perry das „Constantine-Anwesen“ nennt.

Es ist größer als jede Villa, die ich je gesehen habe. Vielleicht ein paar Villen zusammengeschoben. Überall laufen Leute herum, in schicken Kleidern und Smokings, und erinnern mich daran, dass ich mich beeilen muss.

„Ich parke in der Garage. Wir schleichen uns so rein“, versichert Perry mir und schenkt mir ein beruhigendes Lächeln.

Ich wische meine schwitzigen Handflächen an meiner Jeans ab. Ich bin dankbar für Perry. Ich könnte das unmöglich ohne seine Hilfe durchziehen. Wenn ich Cinderelliott bin, dann ist Perry ganz eindeutig meine gute Fee, was bedeutet, dass diese Geschichte komplett und unwiderruflich abgefuckt ist.

Perry fährt in eine Garagenbucht, der laute Motor hallt von den Wänden wider und lässt meine Knochen vibrieren. Nachdem er den Motor abgestellt hat, steigen wir aus und eilen in das stattliche Haus. Anstatt in Richtung der Klaviermusik und Stimmen zu gehen, führt Perry mich durch eine Reihe von Fluren. Ich muss praktisch rennen, um mit ihm Schritt zu halten.

„Hier entlang ist Tinsleys Zimmer“, sagt er und packt mein Handgelenk.

„Tinsley?“

„Kleine Schwester.“ Er wirft mir über die Schulter ein Grinsen zu. „Verstärkung.“

Mein Herz macht einen kleinen Satz bei dem Gedanken, dass Winstons Geschwister mir helfen. Ich habe mich so allein gefühlt, seit Dad angefangen hat, mit Manda auszugehen, und noch mehr, seit sie geheiratet haben. Ich war völlig naiv, mich anfangs über drei Stiefbrüder zu freuen. Als Einzelkind habe ich mir immer Geschwister gewünscht. Zu sehen, wie die Constantines zusammenhalten, erwärmt mir das Herz – besonders jetzt, wo ich das Gefühl habe, dazuzugehören.

„Hier rein“, sagt er und öffnet eine Tür zu einem Schlafzimmer, das größer ist als das gesamte Erdgeschoss unseres Brownstones. „Ash, das ist Tinsley. Tins, das ist Winstons …“

„Assistentin“, ergänze ich schnell. „Ich bin seine persönliche Assistentin. Ash Elliott.“

Tinsley, gekleidet in weiße Jeansshorts und ein blassgelbes Neckholder-Top, dreht sich zu mir um. Ihre leuchtend blauen Augen sind neugierig, wenn auch etwas zurückhaltend. Alle Constantine-Kinder sehen sich ähnlich. Perfekte, goldhaarige, schöne Menschen, die mühelos als Models oder Promis durchgehen könnten. Tinsley, obwohl sie jünger zu sein scheint als Perry und ich, ist genauso umwerfend wie der Rest von ihnen.

„Persönliche Assistentin?“ Tinsleys Lippen verziehen sich zu einem amüsierten Grinsen. „So nennt Winny sie also?“

Perry lacht. „Im Moment. Hast du etwas, das sie anziehen könnte?“

„Sollten wir nicht erst etwas mit ihrem Gesicht und ihren Haaren machen?“, fragt Tinsley stirnrunzelnd. „Mom dreht durch, wenn Winstons persönliche Assistentin auftaucht und nicht perfekt aussieht.“

„Jac und Gus sind bald hier. Ich habe Keaton schon geschrieben, er soll sie holen und hierherbringen“, sagt Perry und deutet auf seine kleine Schwester. „Warum bist du eigentlich noch nicht umgezogen?“

Sie zuckt mit den Schultern, ihre Unterlippe schiebt sich leicht vor. „Ich hab keine Lust.“

„Mutter duldet kein Nichterscheinen, Tins“, sagt Perry mit fester Stimme. „Du musst dich umziehen.“

Sie wird vor weiterem großen Bruder-Gehabe gerettet, als sich die Schlafzimmertür öffnet und unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ein weiterer Constantine, deutlich jünger als Winston, aber trotzdem ein heißes Ebenbild von ihm, tritt ein, mit einer Arroganz, die förmlich aus ihm herausstrahlt. Sein Smoking sitzt perfekt und betont seinen muskulösen, athletischen Körper.

Während Tinsley und Perry eine gewisse Wärme ausstrahlen, wirkt der Neuankömmling deutlich kälter.

„Keaton“, begrüßt Perry ihn. „Wo sind Jac und Gus?“

„Sie laden ihr Auto aus.“ Keatons Blick fällt auf mich, und er verengt die Augen. „Du musst der Wohltätigkeitsfall sein.“

Tinsley murmelt etwas unter ihrem Atem darüber, dass er unhöflich sei, und Perry presst die Kiefer zusammen. Ich jedoch bin nicht verunsichert. Wenn überhaupt, erinnert er mich am meisten an Winston. Und in seiner Kälte liegt eine Vertrautheit, die mir sofort gefällt.

„Leibhaftig“, sage ich mit einem Achselzucken. „Winston will mich auf seiner Party haben. Jemand dachte, ich sollte nicht gehen, und hat versucht, mich aufzuhalten. Aber wir wissen ja alle, Winston bekommt immer, was er will, koste es, was es wolle.“

Keaton grinst, und Perry verdreht die Augen, während Tinsley sich ein Lächeln verkneift.

„Wir sind da!“, singt eine hohe Stimme. „Miss Tinsley, Sie sehen umwerfend aus. Geben Sie uns fünfzehn Minuten, und Sie sind bereit für den – oh heiliger Strohsack, sagen Sie mir nicht, das ist das, woran wir unsere Magie anwenden sollen!“

Ein kleiner, untersetzter Mann mit pinken Haaren und Lippenpiercing starrt mich an, als wäre ich eine Krankheit, die er sich einfangen könnte. Direkt hinter ihm grunzt ein kräftigerer Typ, schwer beladen mit Taschen, während er mich abschätzend mustert. Anders als sein tuntiger Partner trägt er T-Shirt und Jeans, das pechschwarze Haar chaotisch gestylt.

„Gustavo“, jammert der Kleine und fuchtelt mit einer wilden Hand in meine Richtung. „Sieh dir diese Ungeheuerlichkeit an! Das ist unmöglich. Ich meine, schau dir nur all die Flecken in ihrem Gesicht an! Fangen wir gar nicht erst mit dem Albtraum an, der sich ihr Haar nennt!“

Keaton lacht und klopft Perry auf den Rücken. „Vielleicht solltest du ihnen das Doppelte zahlen. Er hat recht. Sie ist echt ein Wrack, Mann.“

Perry richtet sich auf und geht energisch zu mir. „Verlang, was du willst, Jac, aber es muss funktionieren. Sie soll nicht nur partyfertig sein, sie soll das Highlight des Abends werden. Sie muss herausstechen.“

Jac schnaubt. „Beleidige mich nicht. Du weißt, mein Bruder und ich sind die Besten.“ Dann wendet er sich mit verengten Augen mir zu und deutet auf meinen unordentlichen, feuchten Dutt. „Die Haare werden das Schwierigste. Du hast eine Menge davon, und sie sind noch nass. Zum Glück habe ich die Notfallhaare mitgebracht.“

„Was zum Teufel sind Notfallhaare?“, fragt Keaton, dessen Gesicht jetzt, in seinem entsetzten Ausdruck, fast jungenhaft wirkt.

„Perücken, Dummkopf“, sagt Perry und schüttelt den Kopf. „Komm, Keat, wir unterhalten uns, während sie sich um die Mädels kümmern.“

„Ich gehe nicht“, sagt Tinsley und richtet sich auf, ihre Stimme leise, aber unbeirrbar. „Bitte zwing mich nicht.“

Die drei Geschwister scheinen wortlos zu kommunizieren, mustern einander, als könnten sie in den Kopf des anderen blicken.

„Sie kann mein Kleid tragen, nicht nur eines ausleihen.“ Tinsleys blaue Augen leuchten auf, als hätte sie sich selbst von der Idee überzeugt und müsse jetzt nur noch ihre Brüder ins Boot holen. „Jac hat Notfallhaare mitgebracht, weil er dachte, er würde mich zurechtmachen – das heißt, Ash kann als Blondine durchgehen.“

Keaton verzieht das Gesicht, und Perry schüttelt den Kopf.

„Doch“, sagt Tinsley, ihre Stimme etwas fester. „Es wird niemandem auffallen. Ash kann Mutter aus dem Weg gehen, und sie wird denken, ich war da – solange Ash Abstand hält.“

„Kommt nicht in Frage“, grummelt Perry. „Mom hat schon geschrieben, dass wir um Mitternacht Toasts ausbringen sollen. Du musst da sein.“

Tinsley sackt in sich zusammen, ihre Unterlippe schiebt sich auf eine süße Art nach vorne.

„Oh.“

„Vielleicht geht’s ja doch“, meint Keaton und tritt näher zu ihr, seine Überfürsorglichkeit strahlt in Wellen aus, als er einen muskulösen Arm über die zarten Schultern seiner Schwester legt. „Ash könnte zur Party gehen, Mutter meiden, und kurz vor Mitternacht könntet ihr das Kleid tauschen – gerade rechtzeitig für die Toasts.“

Ein hoffnungsvolles Lächeln huscht über Tinsleys Lippen.

„Das könnte klappen“, biete ich an, weil ich diesem armen Society-Girl gerne einen freien Abend gönnen würde, der ihr offenbar schwer auf der Seele liegt. „Viertel vor könnte ich dich hier wieder treffen.“

Perrys Stirn legt sich in Falten, während er unseren Plan überdenkt. „Das bringt doch nur Gerede. Ihr seht euch überhaupt nicht ähnlich.“

„Die Einzige, die wir überzeugen müssen, ist Mutter“, entgegnet Keaton. „Wen interessiert der Rest? Die reden sowieso. Verdammt, das ist alles, was sie tun. Lass sie reden und gib Tins eine Pause.“

Perrys Blick gleitet über seine kleine Schwester, bevor er einen schweren Seufzer ausstößt. „Na gut, aber wenn ihr das vermasselt, wird Mutter ausflippen.“

Ich zucke innerlich zusammen bei dem Gedanken, ihre Mutter zu enttäuschen.

„Wir werden’s nicht vermasseln“, versichere ich Perry. „Versprochen.“

„Jac, Gus“, bellt Perry. „Wirkt euer Wunder und hoffen wir, dass es klappt, denn wenn nicht, stecken wir alle tief in der Scheiße.“