Kapitel 1
München, Donnerstag, 29. September 1938
Der junge Mann im Spiegel blickte ernst drein. Er war glatt rasiert, die blonden Haare klebten glänzend durch Pomade fixiert an seinem Kopf. Braune Augen musterten das Gesicht. Verdammt, da war ein kleiner Blutfleck. Dunkelrot, beinahe ein wenig rostbraun war er eingetrocknet. Das musste beim Rasieren geschehen sein. Vorsichtig strich Paul mit dem Nagel des Zeigefingers darüber. Die Kruste löste sich, aber zu seinem Schrecken sprießte ein hellroter Blutstropfen hervor. Hektisch griff er nach dem neben dem Waschbecken liegenden Handtuch und tupfte sich das Blut ab, dann nahm er den Alaunstift und presste ihn darauf. Er musste makellos aussehen. Während er den Stift auf die Wunde drückte, sah er, dass der Krawattenknoten nicht symmetrisch gebunden war. Nicht das auch noch. Er legte das Alaun beiseite und widmete sich dem Knoten. Nachdem er ihn hin und her geschoben hatte, saß er schiefer als zuvor. Paul schlug mit der Faust auf den Tisch und der Blutstillstift fiel auf den Boden. Hoffentlich brauchte er den nicht noch einmal. Wenn er staubig war, würde er nichts nützen. Er sah wieder in den Spiegel. Vorsichtig tupfte er sich die weißroten Schlieren ab, die der Stift hinterlassen hatte. Er hielt den Atem an. Kein frisches Blut war mehr zu erkennen. Dann widmete er sich wieder der schwarzen Krawatte und dem braunen Uniformhemd. Der Wecker klingelte. Es war so weit.
Paul stieg die Treppe hinab und ging zu Tür. Das Frühstück würde er heute auslassen. Dafür war er zu aufgeregt. Er wollte lieber nichts im Magen haben, nicht, dass ihm noch übel wurde. Es würde ein langer Tag werden und irgendwann würden sie sicher verköstigt werden.
Die anderen warteten bereits in dem kleinen Bus an der Straßenecke. Auf Pauls Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, als er seine Kameraden sah. Zwölf Braunhemden, alle geschniegelt und herausgeputzt wie er. Dazu der Wirth, der Scharführer, in seiner besten Uniform. Es war ein strahlender Septembermorgen in München.
„Heil dem Führer!“, rief er und hob den Arm. Derselbe Gruß schallte aus dreizehn Kehlen zurück. Welch ein erhabener Anblick, welch ein erhabener Ton.
„Steigen Sie ein, Müller, wir sind schon etwas spät dran“, sagte der Scharführer.
Paul nahm auf der hintersten Bank Platz.
„Haben wir uns beim Rasieren geschnitten?“, hörte er eine Stimme neben sich. Es war Frank. Sein Freund grinste ihn an. „Sieht man es noch?“, fragte Paul und griff unwillkürlich nach der Stelle.
„Nur wenn man genau hinschaut. Aber lass deine Finger weg, sonst reißt du es wieder auf.“
Paul nahm die Hand weg und legte sie in den Schoß.
„Und, ist man aufgeregt?“
Paul schüttelte den Kopf, eine Geste, die ihm schwerfiel, weil er innerlich zitterte. Natürlich war er nervös, aber vor den Kameraden würde er das nie zugeben. „Wegen dem britischen Premierminister? Pah, letztes Jahr, beim Parteitag hat die ganze Nation auf uns geschaut. Nun sind es nur die Engländer.“
„Und die Franzosen, die solltest du nicht vergessen. Natürlich auch Mussolini. Aber seine Schwarzhemden stecken wir locker in die Tasche“, sagte Frank.
Sie hatten inzwischen die Innenstadt erreicht. Alles wirkte wie immer, die Menschen gingen ihren Geschäften nach, die Sonne schien von einem blauen Himmel. Aber es lag eine seltsame Stimmung über der Stadt.
„Glaubst du, dass es Krieg geben wird?“, fragte Paul.
Frank schüttelte den Kopf. „Nein, das glaube ich nicht. Die Engländer und die Franzosen müssen erkennen, dass wir uns nehmen, was uns zusteht. Und sie sind nicht stark genug für einen Krieg. Sie fürchten uns. Wir sind endlich wieder eine Macht in der Welt. Das hat lange genug gedauert, nachdem uns die Alliierten in diesem vermaledeiten Versailler Vertrag alles genommen haben.“
„Da hast du wohl recht“, sagte Paul. „Der Führer hat seine Versprechen gehalten. Zuerst haben wir uns Österreich wieder geholt. Nun geht es um das Sudetenland. Und das ist nicht das letzte Gebiet, das uns noch zusteht. Das Memelland, Teile Oberschlesiens und natürlich der Danziger Korridor. Das muss als wieder ins Reich.“
„Vergiss nicht, dass wir dann nur das wiederhergestellt haben, was wir vor dem Krieg hatten. Danach geht es erst richtig los“, sagte Frank.
„Ja, der Lebensraum im Osten. Es ist alles genau beschrieben in ‚Mein Kampf‘. Ich vertraue unserem Führer. Er weiß, was er tut“, sagte Paul.
„Ja, das weiß er“, stimmte Paul ihm zu.
Der Wagen stoppte. Die Schar stieg aus. Der Scharführer leitete sie zu ihrem Platz. Sie würden ganz vorne am Straßenrand stehen. Soweit das Auge reichte, sah Paul SA-Männer in Reih und Glied. Braun war die alles beherrschende Farbe. Er spürte, wie die Aufregung sich in ein anderes Gefühl verwandelte. Stolz auf diese unglaubliche Bewegung. Und den Drang, den Engländern und den Franzosen zu zeigen, wozu das deutsche Volk fähig war.
Pauls Schar nahm Aufstellung und nun rächte sich, dass er auf das Frühstück verzichtet hatte. Ihm war ein wenig flau im Magen. Doch dann hörte er Wirth rufen: „Stillgestanden!“
Er nahm Haltung an.
„Augen links!“
Paul und seine Kameraden wandten ihren Kopf nach links. Nun sah er den schwarzen Wagen am Ende der Straße und die Gestalt in dem dunklen Anzug auf der Rückbank. Es erstaunte Paul immer wieder, wie klein der Führer war. Und gleichzeitig faszinierte es ihn, wie viel Energie in diesem Mann steckte. Neben Hitler saß eine deutlich weniger beeindruckende Figur, in der man den englischen Gentleman sofort erkannte. Sie trug einen gestreiften, dunklen Anzug und einen Zylinder. Das Gesicht war ebenfalls ein wenig grau, wahrscheinlich hatte der Führer ihn zuvor schon in die Schranken gewiesen. Es war Neville Chamberlain, Premierminister der Briten. Er war gekommen, um über den Anschluss des Sudetenlandes zu verhandeln. Als das Auto des Führers vorbeifuhr, hoben Paul und seine Kameraden die Arme und ein tausendstimmiges ‚Heil dem Führer‘ hallte über den Platz. Der Führer grüßte ebenfalls und einen Augenblick meinte Paul, dass er ihn angesehen hatte. Er spürte, wie eine heilige Ehrfurcht von ihm Besitz ergriff, ihn durchströmte, ihm Kraft gab. Dann war der Führer vorbei und bog um eine Ecke und der Scharführer gab den Befehl abzutreten.
Paul atmete tief durch. „Er hat mich angesehen“, murmelte er.
Er spürte, wie ihm jemand gegen den Oberarm boxte. „Davon träumst du wohl“, sagte Frank. „Mich hat er angesehen, nicht dich. Und jetzt lass uns zur Verpflegungsstation gehen. Ich habe einen Bärenhunger.“
Der Trupp formierte sich und ihr Anführer lotste sie in eine Seitenstraße, wo eine Gulaschkanone und eine mobile Kaffeeküche aufgestellt worden waren. Paul nahm sich eine Tasse und spürte, wie das heiße Getränk ihm Kraft gab. Und, da mochte Frank noch so sehr feixen, er war sich sicher, dass Hitler ihn angesehen hatte.
***
Erika verdrehte die Augen. Das konnte doch nicht wahr sein. Seit Beginn der Vorlesung waren noch keine fünf Minuten vergangen, aber der Dozent, immerhin Professor für Archäologie, war bereits zu dem Schluss gekommen, dass die Funde in einer Höhle in der Nähe des minoischen Palastes von Knossos Hinweise darauf gaben, dass arische Hochkulturen nach Kreta eingewandert waren. Dort habe die Inspiration dieser fremden Lichtbringer dazu geführt, dass die Minoer vor etwa fünftausend Jahren ihr Imperium aufbauen konnten. Danach seien die selbstlosen arischen Halbgötter nach Griechenland weitergezogen, um die Barbaren vom Kelch der Erkenntnis kosten zu lassen.
Im Grunde genommen war es Zeitverschwendung, diese Vorlesungen zu besuchen. Jede Schlussfolgerung des Professors lief darauf hinaus, dass die Arier der treibende Motor für die Entwicklung aller europäischen Hochkulturen gewesen waren, die mythische Vorzeitrasse, von der die deutschen und die nordischen Völker abstammten. Oder abstammen sollten, denn für Erika, die in den letzten Jahren die verfügbaren Quellen sehr genau studiert hatte, war es nicht ausgemacht, dass die Arier als Volksverbund oder gar als Rasse überhaupt existiert hatten. Aber das würde sie niemals laut anmerken, geschweige denn in einer Seminararbeit darlegen. Stattdessen malte sie den Rand ihres Heftes voll, das sie mit Aufzeichnungen über die Vorlesung hätte füllen sollen.
„Frauen“, hörte sie ein Tuscheln neben sich. Sie wandte den Kopf. Dort saßen Huber und Weimer, zwei ihrer Kommilitonen, denen sie meistens aus dem Weg ging. Beide waren hohe Tiere im nationalsozialistischen Studentenbund und offenbar war sie ihnen ein Dorn im Auge.
„Die Ausführungen des Professors sind dir wohl zu hoch?“, zischte Weimer ihr zu.
„Geh doch besser zu deiner Tante. Die kann dir das Töpfern beibringen. Das ist für eine deutsche Frau angemessener als die Wissenschaft“, fügte Huber hinzu.
Erika versuchte, die beiden zu ignorieren. Aber sie hörte auch auf, ihre Notizen zu verzieren. Wenn der Professor mitbekam, dass sie nicht mitschrieb, würde er sie der Vorlesung verweisen. Und vielleicht wurde sie sogar von der Universität ausgeschlossen. Die Nazis warteten nur auf Gelegenheiten dafür, die weiblichen Studenten loszuwerden. Die nationalsozialistischen Ideologen propagierten, dass studierende Frauen dem Volkskörper Schaden zufügten. Von Erika wurde erwartet, dass sie früh Mutter wurde, dass sie möglichst vielen kleinen Ariern das Leben schenkte, sie im Geiste des Führers zu treuen Parteisoldaten, Arbeitern und Bauern erzog, die die schwarzen Schollen im Osten bestellen konnten, im Land, wo Milch und Honig fließen sollten, wenn man es denn irgendwann einmal den Russen abgetrotzt hatte. Sie ertrug diese Lügen nicht mehr. Nichts von alledem würde geschehen. Es würde Krieg geben. Männer, Frauen und Kinder würden sterben. Und dann?
Erst das Geräusch des Stühlerückens ließ sie aufschrecken. Die Vorlesung war beendet. Der Professor packte seine Notizen in eine Tasche, klemmte sie sich unter dem Arm und verließ den Saal. Erika blieb noch eine Weile sitzen und wartete, bis die beiden Kommilitonen verschwunden waren, die ihr im Hinausgehen wütende Blicke zuwarfen. Als sie sich einigermaßen sicher sein konnte, dass die beiden weg wahren, packte sie ihre Sachen ein und trat hinaus auf den Flur. Auf dem langen Gang wuselten Hunderte Studenten hin und her. Es waren fast nur Männer. In dem Gewühl konnte Erika lediglich einen Zopf erkennen, doch der ging rasch wieder in der Menge unter. Das Gefühl, allein zu sein, dem Ganzen hier ausgeliefert zu sein, griff ihr an den Hals und sie schluckte. Na super. Das konnte sie gar nicht brauchen. Es war Mittag und sie beschloss, etwas essen zu gehen. Zwar gab es hier die Mensa, aber die mied sie. Sie ging lieber ins Café Tambosi, weil sie sich einigermaßen sicher sein konnte, ihre Kommilitonen dort nicht anzutreffen, da diese es sich nicht leisten konnten, dort zu speisen. Dass diese wiederum hinter ihrem Rücken lästerten und sie verachteten, weil sie aus einer reichen Familie stammte und über die Mittel verfügte, jeden Mittag in das Café zu gehen, um dort etwas zu essen, nahm sie in Kauf.
Erika verließ die Universität und trat hinaus auf die Ludwigstraße. Sie schlug den Weg nach Süden in Richtung Odeonsplatz ein, als sich ihr plötzlich zwei Gestalten in den Weg stellten. Es waren Huber und Weimer.
„So, sind wir auf dem Weg ins Tambosi? Genießen wir wieder den Luxus?“, sagte Huber in einem scharfen Ton.
„Schmarotzer wie du schaden der Volksgemeinschaft“, fügte Weimer hinzu. „Dein Vater lebt von der Arbeit seiner Männer. Er presst aus seinen Arbeitern das Geld heraus, von dem du dein Mittagessen bezahlst.“
Leider hatte sie sich nicht wirklich gut im Griff, denn sie konnte nicht anders und lachte laut. Die Anschuldigungen waren zu bizarr. Sie sah sofort, dass dies ein Fehler gewesen war, den Hubers Gesicht wurde knallrot.
„Lachst du mich etwa aus?“, rief er.
Erika schluckte. „Nein, ich lache, weil ich so ein fröhlicher Mensch bin. Und nicht, weil deine Vorwürfe absurd sind. Die Fabrik meines Vaters stellt Güter für die Wehrmacht her. Ich kann mir kaum eine wichtigere Aufgabe für einen Industriebetrieb vorstellen, meint ihr etwa nicht?“
Sie sah, dass die beiden um eine Antwort verlegen waren, und zuckte mit den Achseln. Sie wollte weitergehen, doch Huber stellte sich ihr in den Weg.
„Aber du stellst keine Güter für die Wehrmacht her. Du kommst der heiligen Aufgabe nicht nach, die dir bestimmt ist.“
„Weil ich zwanzig Jahre alt und noch unverheiratet bin?“, fragte sie. „Weil ich noch nicht drei blonde Jungen geboren habe?“
„Weil du dich in einen Ort hineingedrängt hast, an den du nicht gehörst“, sagte Huber.
„Was ist hier los?“, hörte sie eine Stimme. Sie wandte sich um und zuckte zusammen. Ein auf den ersten Blick eher unscheinbarer Mann mit schütterem, blonden Haar, einem mageren Schnurrbärtchen und wässrig-blauen Augen hinter runden Brillengläsern stand dort. Und doch nahmen die jungen Männer sofort Haltung an, denn er trug die schwarze Uniform der SS. Auf dem rechten Kragen prangten die beiden blitzförmigen Runen, auf dem linken konnte Erika zwei Vierecke erkennen, die bei näherem Hinsehen Blumen glichen.
„Heil dem Führer“, riefen Huber und Weimer und sahen den Mann ehrfurchtsvoll an. Dieser musterte Erika mit Interesse.
„Ich hoffe, die beiden Kerls haben Sie nicht belästigt“, sagte er. Seine Stimme war erstaunlich hoch.
Erikas Kehle war wie zugeschnürt. Was sollte sie nur antworten? Natürlich hatten die beiden sie belästigt. Aber das konnte sie hier schlecht sagen, denn es würde bedeuten, dass der Mann Weimer und Huber Probleme machen würde und dass diese im Nachgang ihre Wut an ihr auslassen würden, wenn der SS-Offizier verschwunden war. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, wir haben uns nur über die Vorlesung unterhalten.“
Der SS-Mann zog eine Augenbraue nach oben. „Sie studieren?“
„Archäologie im dritten Semester.“
Sie hielt den Atem an. Doch der Offizier reagierte anders, als sie erwartet hatte. Er nickte. „Das ist ein wichtiges Fach“, sagte er. „Wir müssen mehr über unsere Ursprünge lernen. Auch wenn ich es grundsätzlich keineswegs gutheiße, dass Frauen an der Universität eingeschrieben sind. Aber es mag Ausnahmen geben, vielleicht haben Sie ein Talent dafür. Ich empfehle mich. Heil dem Führer.“
Er nickte ihr zu und ging davon. Sie warf einen kurzen Blick auf Huber und Weimer, die dastanden, wie vom Blitz getroffen. Die Gelegenheit musste sie nutzen. Sie eilte in Richtung Café Tambosi davon.
Kapitel 2
München, Donnerstag, 29. September 1938
Hilde saß am Fenster ihrer Töpferei und sah hinaus. Es war ein herrlicher Tag, aber es waren nur wenige Passanten unterwegs. Vermutlich standen die alle am Straßenrand, um Herrn Hitler zuzuwinken, der heute den britischen Premierminister und seinen französischen Amtskollegen in München empfing, um mit ihnen über den Anschluss des Sudetenlandes zu sprechen. Wobei das wahrscheinlich ein Euphemismus war. Er würde ihnen die Pistole auf die Brust setzen und mit militärischer Gewalt drohen, wenn sie seinen Forderungen nicht nachkamen. Hilde wusste nicht, was sie sich wünschen sollte. Wenn es Hitler gelang, den Krieg zu vermeiden und den Anschluss der Gebiete auf einem friedlichen Weg herbeizuführen, würde das eine Menge Blutvergießen ersparen. Aber es würde den Ruf der Unbesiegbarkeit dieses widerlichen Mannes steigern und ihren Sohn noch weiter in die Arme des Diktators treiben. Ein Krieg jedoch konnte das Ende von Hitlers Regime herbeiführen. Aber er würde dazu führen, dass Tausende von Menschen sterben würden, wenn nicht gar Millionen. Und es würde bedeuten, dass ihr Paul in den Krieg ziehen musste und dort umkommen könnte, während er für das Vaterland kämpfte, für das er brannte. Sie seufzte und stellte die halb fertige Vase beiseite, an der sie eben noch gearbeitet hatte. In diesem Moment öffnete sich die Tür der Werkstatt und sie hörte tapsende Schritte. Mit einem Mal waren alle ihre Sorgen verschwunden.
„Greta!“, rief Hilde und breitete ihre Arme aus. Die kleine Gestalt, die mitten in den Raum gelaufen war, wandte den Kopf und ihre Locken wuselten hin und her. Als sie ihre Mutter entdeckte, leuchteten ihre Augen auf und sie rannte los. Die beiden trafen sich in der Mitte des Raumes, Hilde hob das Kind empor und wirbelte es herum. Dass es ihr dabei ein wenig in den Rücken fuhr, ließ sie gerne geschehen, ihre Tochter war mit ihren fünf Jahren schon ganz schön schwer.
„Wir haben den Führer gesehen“, sagte Greta.
Der Schatten legte sich wieder über Hilde. Sie sah die Kinderfrau an, die hinter ihrer Tochter hereinkam und an deren zerknirschter Miene erkannte sie, dass diese Hitler nicht absichtlich über den Weg gelaufen war.
„Wir haben ihn zufällig gesehen, als er auf der Straße vorbeigefahren ist“, sagte Frau Gerwig. „Er saß im Auto und der britische Premierminister neben ihm.“
„Da waren ganz viel Braunhemden. War Paul auch dabei?“, fragte Greta.
Hilde seufzte innerlich, setzte aber ein Lächeln auf. „Ja, Paul war auch mit dabei. Er hat heute schulfrei und Dienst bei der SA. Die sollten die Straßen säumen, damit dem britischen Premierminister ein beeindruckender Empfang bereitet wird.“
„Was heißt säumen?“, fragte ihre Tochter.
Hilde strich ihr übers Haar. „Es heißt, am Rand stehen und gut aussehen. Und das kann Paul ja.“
Ihre Kinderfrau warf ihr einen seltsamen Blick zu, sie hatte offenbar die Ironie ihrer Worte aufgefangen, von ihrer Tochter konnte sie das glücklicherweise noch nicht erwarten. Sie hoffte aber, dass Greta Paul gegenüber beim Abendessen später nicht erwähnen würde, was sie gesagt hatte, weil dieser sonst wieder eingeschnappt wäre.
„Ich begleite euch nach Hause“, sagte sie. Greta klatschte in die Hände. „Oh toll, nimmst du meine Hand?“
Es war schön, mit ihrer Tochter durch München zu spazieren. Auch wenn die Veränderungen im Stadtbild ihr jedes Mal einen Schauer über den Rücken laufen ließen. Überall hingen die blutroten Fahnen mit den schwarzen Hakenkreuzen. Überall war SA oder noch schlimmer SS präsent. Und überall hingen Bilder von Adolf Hitler. Sie war froh, als sie endlich in Bogenhausen ankamen, einem Stadtteil, in dem die Begeisterung der Bewohner für das Regime weniger augenfällig war. Zwar hatte Hitler hier auch eine entsprechende Anhängerschaft, aber die Häuser lagen alle hinter Gärten und Hecken und so konnte man die Fahnen nur ansatzweise erkennen. Die Villa ihrer Mutter war von diesem Pomp verschont geblieben. Elsa war mit ihrem Enkel schon des Öfteren zusammengestoßen, weil dieser von ihr verlangt hatte, wenigstens eine Hakenkreuzfahne zu hissen. Heute hatte ihre Mutter Hilde und ihre Familie zum Abendessen eingeladen. Leonhard, ihr Mann würde direkt zu Elsa kommen und Paul wahrscheinlich auch, wenn er sich denn von seinen SA-Pflichten freimachen konnte.
Ihre Mutter war leicht gebeugt und auf einen Stock gestützt, aber ihre Augen leuchteten, als sie ihre Tochter und ihre Enkelin sah. Sie hauchten sich Küsse auf die Wangen und gingen in den Salon. Leonhard erhob sich. Er hatte sich mit Gabriel unterhalten, dem Mann ihrer Mutter. Sein Lächeln vertrieb wie so oft jeden düsteren Gedanken, der Hilde auf dem Weg verfolgt hatte. Sie hat einen guten Mann geheiratet. Und sie hatten eine wunderbare Tochter zusammen bekommen. Sie küssten sich und Hilde setzte sich neben ihren Mann und nahm Greta auf den Schoß.
„Kommt Paul auch?“, fragte Elsa.
„Ich habe es ihm gesagt. Mal schauen, ich weiß nicht, wie sein SA-Dienst heute aussieht.“
„Ob der englische Premierminister von dieser Masse an Braunhemden beeindruckt war?“, fragte Gabriel.
Leonhard zuckte mit den Achseln. „Ich glaube nicht. Diese Massenaufmärsche nutzen sich ab. Die Briten haben schon Bilder der Parteitage gesehen. Die haben erwartet, dass Hitler hier viel Pomp auffahren würde. Ich bin eher gespannt, was bei den Verhandlungen herauskommen wird, wenn man es denn so nennen kann.“
„Ich weiß nicht, ob ich mir wünschen soll, dass Paul später zu uns stößt“, sagte Elsa. „Zumindest solltet ihr dann wahrscheinlich nicht über Politik sprechen.“
„Wer spricht denn die ganze Zeit über Politik? Paul hat kein anderes Thema. Mir wäre lieber, wenn er sich mehr für die Schule interessieren würde. Immerhin soll er im März seine Abiturprüfungen ablegen“, erwiderte Hilde.
Sie hörten die Tür und gleich darauf trat Paul ein. Er trug seine Uniform. Unter den Achseln konnten sie Schweißflecken erkennen und die Krawatte war ein wenig verschoben. Aber er hatte ein glückseliges Grinsen auf dem Gesicht.
„Grüß dich“, sagte Elsa und trat auf ihn zu. Ehe Paul den Arm zum Hitlergruß heben konnte, hatte sie ihn an den Schultern gepackt und drückte ihm Schmatzer auf die Wangen. Hilde unterdrückte ein Lächeln. Paul war verdutzt und nahm Platz.
„Und, wie war es?“, fragte Leonhard.
„Großartig. Der Führer hat mich angesehen. Es war ein erhebender Moment.“
Der nachfolgende Augenblick war an Peinlichkeit kaum zu überbieten, denn niemand am Tisch schien zu wissen, was darauf zu antworten war.
„Mich hat er auch angeschaut“, sagte Greta.
Das Lächeln verschwand aus Pauls Gesicht. „Wie meinst du das?“, fragte er.
„Na, Frau Gerwig und ich waren spazieren und dann ist der Führer vorbeigefahren. Und er hat mich angeschaut. Und ich habe ihm gewunken.“
„Gewunken?“
Greta lächelte. „Ja, und ich glaube, es hat ihm gefallen.“
***
Hermann war froh, als endlich alle aus der Tür waren. Ein Abendessen in Pauls Anwesenheit war, wie wenn man über dünnes Eis ging. Man musste jeden seiner Schritte umsichtig planen und konnte jederzeit einbrechen. Am schwierigsten war tatsächlich, dass Gabriel ebenfalls am Tisch saß. Paul wusste, dass Elsas Mann eine jüdische Großmutter gehabt hatte und dass er nach den Nürnberger Rassegesetzen daher Vierteljude war. Er hatte bereits vor fünf Jahren seinen Lehrauftrag an der Universität verloren und hielt sich vorwiegend in der Villa auf, wo er seine Studien fortführte mit Büchern, die Elsa ihm beschaffte. Aber aufgrund seiner Herkunft war er trotzdem in Gefahr. Und Elsas Enkel war er ein Dorn im Auge. Paul hatte zu seinem nationalsozialistischen Furor zurückgefunden, nachdem die Äußerung von Greta, der Führer habe ihr auch zu gewinkt, ihn ein wenig aus der Fassung gebracht hatte. Er hatte einmal mehr Goebbels leere Worthülsen nachgeplappert, wie wichtig es sei, dass Deutschland wieder stark werde und dass man es der Welt zeigen müsse, wozu die Deutschen fähig seien. Hermann konnte es nicht mehr hören.
„Und wieder ein Abendessen geschafft“, sagte seine Mutter, die auf ihren Stock gestützt in den Salon zurückkehrte. Sie ließ sich auf dem Stuhl Hermann gegenüber nieder und atmete tief aus.
„Es ist furchtbar, wenn du es so siehst“, sagte Hermann.
Elsa zuckte mit den Achseln. „Wie soll ich es denn sonst sehen? Wir leben von Tag zu Tag und müssen jederzeit damit rechnen, dass Gabriel abgeholt und in ein Gestapo-Gefängnis gesteckt wird. Es ist kaum auszuhalten.“ Ihre Augen glänzten. „Am schlimmsten ist aber, dass mein Enkel an vorderster Front mitmischt bei diesen Verbrechern. Es würde mich nicht überraschen, wenn er den SA-Trupp anführen würde, der meinen Mann verhaftet, um ihn dann eigenhändig zu foltern.“
Hermann seufzte. „Ja, das würde mich auch nicht überraschen. Ich kann mir nicht erklären, warum sich diese Ideologie ausgerechnet bei Paul so gut verfangen hat. Sein Vater war ein strammer Kommunist.“
„Er hat seinen Vater nie kennengelernt. Ich bin kein Psychologe und ich halte auch wenig von Herrn Freud, aber ich glaube, dass er etwas gesucht hat, an dem er sich orientieren kann. Und, das muss man leider so sagen, die Nazis sind sehr geschickt bei so etwas. Die wissen, wie sie die jungen Leute einfangen können. Wie sie ihnen Honig ums Maul schmieren können.“
„Ja, Honig hat er gerade genug bekommen von der SA. Ich befürchte nur, dass auch Alkohol drin war. Er war beinahe berauscht, als er heute darüber gesprochen hat, dass Hitler ihm einen Blick zugeworfen hat.“
Ein schmales Lächeln erschien auf den Lippen seiner Mutter. „Na ja, solange, bis Greta gesagt hat, dass Hitler sie auch angesehen hat. Das hat ihm schon einen Dämpfer verpasst. Zumindest kurzzeitig.“
„Für Hilde muss das schlimm sein. Sie erreicht ihn gar nicht mehr.“
„Ja, wir haben alle unsere Last zu tragen. Apropos Last, wie läuft es denn in der Firma?“
„Das ist jetzt auch nicht unbedingt ein Thema, über das ich gerne spreche“, erwiderte Hermann. „Wir haben gut daran getan, uns frühzeitig Zuliefereraufträge für die Armee zu sichern. Das hat uns einen Vorsprung gegeben und wir müssen unsere Produktion nicht so stark umstellen wie die Konkurrenz.“
„Heißt das, dass die Gerüchte wahr sind? Dass die ganze Wirtschaft darauf ausgerichtet wird, uns auf einen Krieg vorzubereiten? Johann hat etwas in diese Richtung erwähnt. Wie du ja weißt, ist er gut vernetzt.“
Die Äußerung seiner Mutter war eine Untertreibung. Johann von Linden war einer der am besten informierten Gegner des Regimes in München. Auch wenn man ihm das nicht anmerkte, da er weiterhin wie ein jovialer, aber letztendlich harmloser Lebemann auftrat.
„Die Nazis würden das natürlich bestreiten“, sagte er. „Aber die Zeichen sind da. Wir haben eine ganze Menge Aufträge von der Wehrmacht bekommen. Nach außen herrscht strenge Geheimhaltungspflicht. Aber Tornister sind nun einmal Tornister, auch wenn wir sie offiziell als Taschen bezeichnen müssen.“
„Werdet ihr wenigstens ordentlich bezahlt?“, fragte Elsa.
Er lachte bitter. „Nun, von den Betrieben wird als Beitrag zur Volksgemeinschaft natürlich auch erwartet, dass sie günstige Preise anbieten. Allzu viel Profit fahren wir nicht ein. Ich kann nicht klagen, das wirst du ja auch an den Dividenden sehen, die du abschöpfst. Wir können gut davon leben. Im Gegensatz zu vielen anderen müssen wir uns nicht Sorgen um unser täglich Brot machen.“
„Zumindest noch nicht“, erwiderte Elsa. „Das sind aber keine guten Zeichen. Wenn ihr wirklich vor allem Rüstungsprodukte herstellt, müssen wir doch mit einem Krieg rechnen, oder?“
„Ich befürchte schon. Vielleicht gelingt es Hitler, Chamberlain und Daladier dieses Mal noch davon zu überzeugen, dass sie ihm entgegenkommen. Aber dann? Unser Führer hat Hunger auf mehr. Und ich bin mir sicher, dass er es sich holen wird. Er hat es doch ganz offen geschrieben in diesem furchtbaren Machwerk, dessen zerlesene Ausgabe dein Enkel die ganze Zeit durch die Gegend schleift.“
„Ich verstehe die Engländer und die Franzosen nicht. Die müssen dem Mann doch einmal eine Grenze setzen, ihm Einhalt gebieten. Wir können nichts ausrichten, wenn die europäischen Mächte sich vereinigen und vielleicht sogar noch die Russen mit ins Boot nehmen. Es müsste doch möglich sein, Hitler einzugrenzen. Ansonsten ist er wie ein ungezogener Schuljunge, dem man nie Grenzen gesetzt hat.“
„Ja, ich glaube, das ist ein gutes Bild“, stimmte Hermann ihr zu. „Er verhält sich tatsächlich wie ein verwöhnter Junge. Und Chamberlain gleicht dem Vater, der seinem Sohn alles erlaubt, nur um zu verhindern, dass dieser einen neuen Wutanfall bekommt. Ein wenig strenger dürften die Herren Daladier und Chamberlain schon sein.“
„Ich habe Angst“, sagte seine Mutter plötzlich. Ihre Augen glänzten wieder.
„Um Gabriel?“, fragte Hermann.
„Ja, natürlich um Gabriel. Aber auch um uns alle. Wo soll denn das noch hinführen? Wenn es einen Krieg gibt, wird dieser doch noch viel zerstörerischer als der letzte. Wir haben uns so viel Schönes aufgebaut. Und all das soll in Gefahr sein?“
Hermann legte eine Hand auf ihren Arm und drückte ihn kurz, dann sah er sie an. „Wir müssen weiterhin alles, was in unserer Macht steht, tun, um zu verhindern, dass es so weit kommt. Auch wenn ich befürchte, dass wir nicht allzu viel Einfluss auf den Lauf der Dinge haben werden.“
Elsa nickte. „Ja, Macht haben wir keine. Die hat leider Hitler. Aber ich hoffe, dass ein Wunder geschieht. Vielleicht finden die Engländer und die Briten zu ihrer Stärke. Oder vielleicht stolpert Hitler, fällt aus dem Auto und wird überfahren.“
Hermann grinste. „Auch wenn Letzteres wenig wahrscheinlich ist, finde ich die Vorstellung doch interessant. Du hast sicher recht, wenn Hitler plötzlich sterben würde, wäre es vorbei mit seiner Bewegung. Seine Paladine würden sich beim Kampf um die Macht selbst zerfleischen.“
Elsa seufzte. „Nun, dann müssen wir wohl auf den unwahrscheinlichen Fall hoffen, dass der Mann vom Blitz getroffen wird.“