Kapitel 1
Troy
„Versuch’s mal, ohne zu lächeln.“
Troy Barrett nickte der Fotografin, einer jungen Frau mit kurzen silbernen Haaren und frankokanadischem Akzent, zu und packte seinen ohnehin unbeholfenen Versuch eines Lächelns schnell weg. Stattdessen setzte er wieder seinen üblichen kalten, leeren Blick auf.
„Schon besser“, sagte sie.
Troy war noch nie zuvor getradet worden und jetzt in dem schwarz-roten – und ehrlich gesagt, einfach hässlichen – Trikot der scheiß Ottawa Centaurs vor der Kamera zu stehen, fühlte sich ziemlich komisch an. Bis gestern noch war er einer der Führungsspieler der Toronto Guardians gewesen, die aktuell die Division anführten. Und bis zu dieser Woche hatte er noch Freunde, eine Chance auf den Gewinn des Stanley Cups und eine coole Wohnung mit Blick auf den CN Tower gehabt. Aber jetzt? Jetzt wohnte Troy in einem Hotel außerhalb von Ottawa – mit Blick auf den Costco Parkplatz nebenan. Das war wohl definitiv nicht das angesagteste Viertel der Stadt.
Gab es in Ottawa überhaupt ein angesagtes Viertel? In Toronto gab es die Spiele der Raptors und große Konzerte und geile Partys. In Ottawa dagegen fanden sich nur viele Regierungsgebäude und ein paar Flüsse.
Und das schlechteste Eishockeyteam der NHL.
„Das reicht wahrscheinlich schon“, rief ihm die Fotografin zu und kam hinter ihrer Kamera hervor. „Und, hey. Gut, dass du Dallas Kent die Meinung gegeigt hast.“
Troy zuckte beim Klang dieses Namens zusammen. Vielleicht würde das ab jetzt immer so sein. „Es ist kompliziert“, murmelte er. Kompliziert … Das Wort hatte er in letzter Zeit ganz schön oft verwendet.
„Ich fand’s ziemlich eindeutig.“ Ihr Lächeln war herzlich und ein bisschen spöttisch. Troy erwiderte es zwar nicht, aber er wusste, dass sie recht hatte. Was er Dallas Kent während des Trainings ins Gesicht gebrüllt hatte, war wirklich eindeutig gewesen. Jeder, der sich zu dem Zeitpunkt auf dem Eis befunden hatte, hatte es gehört. Und jeder, der das Video gesehen hatte, das geleakt worden war, hatte es ebenfalls gehört.
Du bist ein scheiß Vergewaltiger, Dallas.
Daran gab’s nicht viel herumzudeuten.
Troy wünschte sich, die Liga würde sich darum kümmern, dass einer ihrer größten Stars ein Monster war. Er wünschte, er hätte den Typ niemals kennengelernt und sich nie ein Hotelzimmer mit ihm geteilt, wenn sie zu Auswärtsspielen unterwegs gewesen waren. Und er wünschte, er wäre nie sein Sturmpartner gewesen. Geschweige denn sein bester Freund.
Er wünschte sich außerdem, er hätte besser darauf geachtet, was Dallas all die Jahre getrieben hatte. Was für eine Person er wirklich war.
Die Wahrheit über seinen Freund zu erfahren, war wie ein Schlag ins Gesicht gewesen. Und dann herauszufinden, dass das Team, von dem Troy unbedingt ein Teil sein wollte – und von dem er stolz war, ein Teil zu sein –, Dallas so entschieden verteidigen wollte, hatte ihm dann quasi den Todesstoß verpasst.
Er bedankte sich bei der Fotografin, gab sich einen Ruck und versuchte zumindest ein bisschen freundlicher und aufgeschlossener zu wirken. „Entschuldige, wie heißt du noch mal?“, fügte er also ungeschickt hinzu.
„Gen.“
„Schön, dich kennenzulernen, Gen.“ Welche höfliche Frage könnte er ihr denn sonst noch stellen? „Bist du hauptsächlich für die Teamfotos zuständig?“
Gen schraubte ihre Kamera vom Stativ. „Größtenteils für die Fotos abseits des Eises. Also Porträts und Werbefotos. Ich arbeite mit Harris zusammen. Hast du ihn schon kennengelernt?“
Troy waren schon die Zeugwarte, die Trainer, die Assistenten und der Teamarzt vorgestellt worden, aber er nahm an, dass es sich bei Harris um keinen von denen handelte. „Ich glaube nicht, aber ich hab leider auch ein schlechtes Namensgedächtnis.“
„Er betreut die Social Media-Kanäle des Teams. Und glaub mir – an ihn würdest du dich erinnern.“
Troy hatte keine Ahnung, was das bedeuten sollte. War Harris ein Arschloch? Ein Spinner? Oder vielleicht besonders heiß? Außerdem unterschätzte Gen wirklich sein extrem mieses Namensgedächtnis.
Und wenn es nach ihm ginge, würde er mit dem Social Media-Fuzzi des Teams sowieso kaum etwas zu tun haben. Troy interessierte sich nämlich nicht im Geringsten für diesen Mist.
Er ließ Gen ihre Sachen zusammenpacken und machte sich auf den Weg in die Umkleidekabine. Er war heute bereits sehr früh zum Training erschienen und zu dem Zeitpunkt war die Kabine noch ganz leer gewesen, aber er war sich bewusst, dass sich das inzwischen wahrscheinlich geändert hatte.
Der Erste, den er bemerkte, als er in den Raum trat, war Wyatt Hayes – der Einzige im Team, der bereits mit Troy in Toronto gespielt hatte. Denn bis vor zwei Saisons war Wyatt noch der Ersatztorwart der Guardians gewesen. Jetzt aber war er der Stammtorhüter von Ottawa – und zwar ein verdammt guter. Eigentlich war er ziemlich nett, doch wahrscheinlich hasste er Troy. Aber nicht, weil Troy Dallas Kent angeschrien hatte, sondern weil er überhaupt mit ihm befreundet gewesen war. Und bestimmt auch, weil Troy bislang seine ganze Karriere darauf verwendet hatte, sich wie ein verficktes Arschloch zu verhalten. Er war nie nett zu Wyatt gewesen, als der nur der Ersatztorwart gewesen war, also verdiente er es auch nicht, jetzt mit ihm befreundet zu sein, wo er ein NHL-All-Star war.
Wyatt schnürte gerade seine Schlittschuhe und sah nun zu Troy auf. „Dann stimmt es also?“
„Ich fürchte, ja“, erwiderte Troy und versuchte locker zu klingen. Als er in die Kabine getreten war, war sie noch von lauten Gesprächen erfüllt gewesen – jetzt war es plötzlich ganz still.
Wyatt stand auf. „Und das ist jetzt die neue und verbesserte Version des Troy Barretts?“
Troy zwang sich dazu, Wyatts Blick zu erwidern. Wyatt war weder besonders streng noch einschüchternd, seine unerschütterliche Gutherzigkeit hatte Troy dagegen immer irgendwie verunsichert. Troy neigte nämlich eher dazu, von Männern angezogen zu werden, die charakterlich am anderen Ende des Spektrums lagen: Männer, die nette Typen wie Wyatt verachteten und Witze über sie rissen.
„Ich arbeite daran“, antwortete er Wyatt so ehrlich, er konnte.
Wyatt lächelte ihn vorsichtig an, trotzdem lag in diesem Lächeln mehr Wärme als in dem, das Troy vorhin für die Kamera versucht hatte. „Der Feind meines Feindes ist mein … na ja, Freund kann ich noch nicht sagen, aber ich werde dir eine Chance geben.“
Troy blickte schnell zu Boden. „Danke.“
Er war erleichtert, dass er das schon mal hinter sich gebracht hatte, und ging zu seinem Spind, wo er damit begann, sich auszuziehen. Die Gespräche in der Kabine waren wieder aufgenommen worden und er hatte nicht mehr länger das Gefühl, dass die Augen seiner Teamkameraden nur auf ihn gerichtet waren. Er zog gerade seine neuen schwarz-roten Socken an, als er eine bekannte Stimme mit russischem Akzent hörte, die laut durch den Lärm drang.
„Ist Harris schon da?“ Ilya Rozanov, der Teamkapitän, schaute sich in der Umkleidekabine um, als ob sich dieser Harris-Typ, von dem alle wie besessen schienen, irgendwo zwischen den Spielern verstecken würde.
„Ich glaube nicht“, erwiderte Evan Dykstra, einer der Verteidiger, gegen den Troy zwar schon gespielt, den er aber noch nicht persönlich kennengelernt hatte. „Aber der Neue ist da. Barrett.“ Er machte eine Kopfbewegung und der Schirm seines Camouflage Trucker Caps deutete in Troys Richtung.
Rozanov warf Troy nur einen kurzen Blick zu und richtete seine Aufmerksamkeit dann auf Wyatt. „Harris hat gesagt, er bringt heute einen Welpen mit.“
Troy errötete vor Scham. Aber so würde es wohl zukünftig laufen, wenn er weiter Eishockey spielen wollte: Er musste mit Teamkameraden zurechtkommen, die ihn entweder dafür hassten, dass er jemals mit Dallas Kent befreundet gewesen war, oder dafür, dass er ein Verräter war. Freunde zu finden war wohl keine Option mehr.
Was wahrscheinlich auch das Beste war. Denn manchmal stellten sich Freunde sowieso nur als Monster heraus.
„Ich bin mir sicher, dass er bald hier sein wird“, sagte Wyatt ruhig. „Und du musst deinen neuen Teamkameraden begrüßen, Roz. Das gehört dazu, wenn man Kapitän ist.“
„Na gut.“ Rozanov marschierte auf Troy zu, der vor seinem Spind saß, baute sich vor ihm auf und sah ihn finster an. Rozanov war viel größer als Troy mit seinen knapp 1,75 Meter und Troy musste sich wirklich zusammenreißen, sich unter diesem eindringlichen Blick nicht zu winden. „Soll ich dich jetzt etwa mögen? Denken, dass du ein guter Mensch bist, nur weil du endlich erkannt hast, dass dein bester Freund ein verfluchter Drecksack ist?“
Troy schaffte es, seinen Blick zu erwidern. „Ich bin nur hier, um Hockey zu spielen.“
Das war zwar eine lahme Antwort, aber dennoch die Wahrheit. Mehr konnte er einfach nicht versprechen.
Rozanov betrachtete ihn noch einen Moment lang und streckte dann endlich seine Hand aus. „Willkommen in Ottawa. Hoffentlich gefallen dir langweilige Museen.“
Sie schüttelten sich weniger die Hand, als dass sie sich kurz abklatschten, und sobald sie das erledigt hatten, drehte sich Rozanov um und ging davon. Rozanov hatte Troy zwar nicht herzlich willkommen geheißen, aber es war auch nicht so schlimm gelaufen, wie es hätte sein können. Troys ehemalige Teamkameraden in Toronto waren so aufgebracht gewesen, dass sie ihn mit allerlei Beschimpfungen bedacht hatten. Sie hatten ihn einen Verräter genannt und … noch viel Schlimmeres.
Glaubst du diesen aufmerksamkeitsgeilen Tussis etwa?
Die lügen doch ganz offensichtlich, Barrett. Frauen sind verdammte Lügnerinnen.
Ich dachte, du stehst hinter mir.
Gerade als Troy sein Trainingstrikot anzog, brach an der Tür zur Umkleidekabine plötzlich Tumult aus. Er hörte eine laute Stimme, die er nicht erkannte, und dann schrie auch schon Rozanov auf: „Fuck, ja! Endlich!“
Mitten in der Kabine stand ein kleiner schwarzer Welpe, der einfach zuckersüß war – von seinen noch viel zu großen Pfötchen bis zu seinen weichen Schlappohren und dem aufgeregt wedelnden Schwanz. Dem Hundebaby war es blitzschnell gelungen, einen ganzen Raum voller Eishockey-Machos in einen voller gurrender Männer mit Herzchen in den Augen zu verwandeln.
Doch während Troys neue Teamkameraden ganz verzaubert von dem Welpen waren, richtete sich seine Aufmerksamkeit schnell auf den Mann, der den kleinen Hund begleitete. Der war nämlich auch wirklich nett anzusehen. Er war stämmig und irgendwie kernig, sein dunkelblondes Haar war ordentlich frisiert und sein Bart sehr gepflegt. Über seinem karierten Hemd trug er eine Jeansjacke, die – wie Troy sofort auffiel – mit mindestens drei Pride-Ansteckern geschmückt war.
Vor Schreck fühlte sich Troy, als wäre Eiswasser in seine Adern gespritzt worden. Außerhalb der obligatorischen Pride Night hatte er noch nie jemanden gesehen, der das Regenbogen-Symbol derart offensichtlich in einer Umkleidekabine zur Schau stellte.
Troy wusste, dass er nicht der einzige schwule NHL-Spieler war – Scott Hunter, zum Beispiel, redete ständig davon –, aber er hatte entsetzliche Angst davor, sich zu outen. Oder irgendetwas zu machen, das irgendjemanden vermuten ließe, dass er schwul war. Oder dass er einen festen Freund hatte.
Obwohl … er hatte ja gar keinen festen Freund mehr. Nicht, nachdem Adrian letzte Woche über FaceTime mit ihm Schluss gemacht hatte. Zwei Jahre, in denen sie sich heimlich getroffen und ihre Körper erkundet hatten, gemeinsam das ganze schwule Sex-Ding ausgeknobelt hatten. Zwei Jahre, in denen sie sich gegenseitig beschützt, sich vertraut und sich miteinander wohlgefühlt hatten. Zwei Jahre Verliebtheit. Vorbei. All das war ihm so unerwartet entrissen worden, dass Troy noch nicht einmal die Chance gehabt hatte, den Verlust vollständig zu verarbeiten. Und es ließ ihn allein zurück, ohne jemanden, bei dem er ganz er selbst sein konnte.
Und jetzt hing dieser Mann – bei dem es sich wahrscheinlich um Harris, den Social Media-Fuzzi, handeln musste – einfach so in einer NHL-Umkleidekabine herum und war über und über mit Regenbogen geschmückt – als wäre es keine große Sache. So wie sich die Jungs um ihn scharten und mit ihm lachten, schien er ziemlich beliebt zu sein. Eifersucht durchzuckte Troy. Dieser Typ schaffte es, einfach nur er selbst zu sein, und die Leute schienen ihn genau dafür zu mögen.
Aus welchen Gründen auch immer hüpfte der Welpe zu Troy und schnappte sich sofort einen seiner Handschuhe von der Bank. Während er auf dem dick gepolsterten Daumen herumkaute, schaute er zu Troy hoch und lächelte ihn scheinbar an. Troy erwiderte vorsichtig den Blick dieses einen Teammitglieds, das offenbar glücklich über seine Anwesenheit war.
„Oh, Scheiße. Chiron, du Dusselchen! Die Ausrüstung wird nicht gegessen.“ Der Mann, bei dem es sich vielleicht um Harris handelte, blieb vor Troy stehen. „Entschuldige. Er wird mal ein Therapiehund, hat aber noch nicht mit der Ausbildung begonnen.“ Er zog den Handschuh sanft aus der Schnauze des Hundes. „Diese Handschuhe sind wahrscheinlich unbezahlbar, Kumpel.“
Troy beugte sich vor und tätschelte zaghaft den Kopf des Welpen. Er hatte noch nie ein eigenes Haustier gehabt, nicht einmal als Kind, und war daher etwas unsicher im Umgang mit Tieren. „Wie heißt er noch mal?“
„Chiron. Du weißt schon, wie der Kentaur.“
Nein, das wusste Troy nicht. „Er ist süß.“
„Du wirst ihn ab jetzt ziemlich oft zu sehen bekommen. Er ist nämlich der neue offizielle Teamhund. Oh, und ich bin übrigens Harris. Mich wirst du ebenfalls oft zu sehen bekommen.“ Harris streckte Troy die Hand hin. Sein Händedruck war ein bisschen zu fest und zu herzlich, aber es war dennoch die freundlichste Berührung, die Troy seit einer geraumen Weile erlebt hatte. Fast hasste er es, dass sie wieder enden musste.
„Ich bin Troy.“
„Yup, das hab ich mir schon gedacht.“ Harris stemmte seine Hände in die Hüfte und lächelte auf ihn herab. Troy war zwar nicht besonders groß, aber wenn er jetzt aufstehen würde, wäre er bestimmt sogar ein paar Zentimeter größer als der Typ hier. „Gehört dazu, wenn man der Social Media-Manager ist. Es hilft schon, wenn man die Namen der Spieler kennt.“ Er lachte so laut, dass Troy fast zusammenzuckte.
Troys Blick wanderte immer wieder zurück zu den Ansteckern an Harris’ Jacke. „Arbeitest du schon lange für das Team?“
„Länger als du“, scherzte Harris und Troy hatte den Eindruck, dass Harris wohl nie lange ernst bleiben konnte. „Das ist jetzt meine dritte Saison.“ Er hob Chiron hoch, der sofort sein Gesicht ableckte. Harris lachte – natürlich wieder viel zu laut. „So ausgiebig hat mich noch kein anderes Teammitglied abgeleckt.“
Eigentlich war das ja nur ein alberner Witz, aber Troy kam er dennoch ganz schön gewagt vor. Höchstwahrscheinlich hatte Harris jedoch nicht beabsichtigt, dass vor Troys innerem Auge nun ein Bild auftauchte, wie … er ihn leckte. Aber in genau die Richtung lenkte ihn seine Vorstellungskraft. Noch nie zuvor hatte er eine derart anschauliche Sexfantasie in der Umkleidekabine zugelassen, da er immer darauf bedacht gewesen war, genau so etwas unter Kontrolle zu haben. Aber er war auch noch nie zuvor mit jemandem konfrontiert worden, der sich in der Umkleide so offen als queer outete. Und dass der Mann zudem noch attraktiv war, half auch nicht.
Außerdem redete er gerade anscheinend mit ihm, wie Troy jetzt erst bemerkte. Offenbar hatte er einen Moment lang überhaupt nicht zugehört.
„Wie bitte?“, fragte Troy also.
„Hab nur gesagt, dass du scheinbar keinen Social Media Account hast.“
Jedenfalls keinen, von dem irgendwer wusste. „Äh, nee, hab ich nicht.“
„Das Management besteht darauf, dass jeder Spieler zumindest einen Account bei Instagram hat. Der muss auch gar nicht besonders einfallsreich oder persönlich sein. Du kannst auch einfach nur offizielle Teamsachen reposten, wenn du dich mit anderen Sachen nicht wohlfühlst. Und wenn du willst, kann ich dir auch dabei helfen, einen Account einzurichten.“
„Das ist wirklich zwingend erforderlich?“ Troy hasste so Zeugs, das die öffentliche Aufmerksamkeit auf ihn lenkte. Er wollte doch einfach nur Eishockey spielen und in Ruhe gelassen werden. Prominent zu sein war doch einfach scheiße.
„Grundsätzlich ja. Aber wenn das für dich ein Problem ist, kann ich vielleicht …“
Nein, nein. Troy würde jetzt, wo er bei einem neuen Team anfing, keinesfalls die Meinung noch untermauern, dass er ein schwieriger Mensch sei. „Ich werde mir einen Account einrichten. Ist schon in Ordnung.“
Harris strahlte, als hätte Troy ihm gerade mitgeteilt, dass er ihm eine Million Dollar schenken würde. „Klasse! Außerdem würde ich gerne noch eine kleine Fragerunde mit dir machen. Nur ein kleines Video, um dich den Fans vorzustellen. Vielleicht später diese Woche.“
Kotz. „Ähm, klar, okay, wenn du willst.“
„Ich werde es dir auch ganz leicht machen“, versprach Harris und zeigte wieder sein herzliches, aufrichtiges Lächeln. „Nur ein paar einfache Fragen.“
Seine Augen leuchteten in einem irgendwie beruhigenden Moosgrün und funkelten schelmisch, ohne dabei noch im Geringsten gemein zu wirken. Wenn Troy seine eigenen Augen beschreiben müsste, würde er dazu Wörter wie kalt und tot verwenden. Von seinem Lächeln ganz zu schweigen.
„Wir können mindestens noch bis Sonntag warten, sodass du wenigstens schon ein Spiel hinter dir hast.“
„Wann immer du willst.“ Troys Blick wanderte schon wieder zu Harris’ Anstecker-Sammlung. Wie es wohl wäre, wenn man so im Reinen mit sich selbst sein könnte? Und so offen?
Als ihm auffiel, dass er starrte, riss sich Troy zusammen und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf Harris’ Gesicht. Der lächelte mittlerweile nicht mehr. Stattdessen sah er Troy seltsam – ja, misstrauisch – an, als hätte er Verachtung in Troys Ausdruck entdeckt, als der die Anstecker betrachtete. Troy wollte das richtigstellen, sich selbst erklären. Aber er hatte Jahre damit verbracht, immer auf der Hut zu sein, sodass ihm jetzt die richtigen Worte fehlten.
„Hey Harris! Hör auf, den Welpen nur für dich allein zu beanspruchen!“ Das kam von Rozanov, der damit Troy glücklicherweise davor rettete, sich selbst zum Idioten zu machen. Ihn jedoch auch davon abhielt, Harris davon zu überzeugen, dass er kein homophober Idiot war.
Harris warf ihm noch einen enttäuschten Blick zu, aber als er mit dem Hund in seinen Armen auf Ilya zuging, kehrte sein Lächeln wieder zurück. „Ich sag dir doch schon die ganze Zeit, dass du dir einen eigenen Hund holen sollst, Roz.“
„Und wer passt auf ihn auf, wenn ich unterwegs bin? Du vielleicht?“
Am anderen Ende der Kabine brach Gelächter aus und Troy blieb sich selbst überlassen, einsam und allein.
***
Selbst nach all den Jahren gab es ihm noch einen Kick, wenn er auf die makellose, frisch präparierte Eisfläche trat. Ein paar schnelle Runden später fühlte er sich langsam wieder wie zu Hause. Sein Leben mochte ein einziges Chaos sein, aber Eishockey ergab immer noch Sinn.
Troy schmiss ein paar der Pucks, die auf der Bande vor der Bank lagen, aufs Eis und steuerte dann mit einem davon aufs Tor zu. Ein schneller Handgelenkschuss sauste direkt in die obere Ecke des Tores. Das war wie immer äußerst befriedigend.
Als er sich wieder zur Bank drehte, um einen neuen Puck zu holen, sauste überraschenderweise schon einer auf ihn zu. Er nahm den Pass an und schaute dann lieber noch ein zweites Mal hin, als er sah, wer ihm den zugespielt hatte.
„Coach.“
„Barrett. Der Erste auf dem Eis. Das gefällt mir.“
Ottawas Cheftrainer Brandon Wiebe war erst Anfang vierzig und damit kaum älter als manche seiner Spieler. Er hatte eine lange – wenn auch nicht sonderlich herausragende – NHL-Karriere als Stürmer hinter sich und bestritt nun seine erste Saison als Coach.
Troy schoss den Puck zurück. „Musste nur ein bisschen den Kopf frei bekommen.“
„So funktioniert das am besten. Du musst dir wahrscheinlich erst mal über eine ganze Menge Scheiße klar werden.“
Das stimmte absolut. „Ich werde mich nicht davon ablenken lassen.“
„Das habe ich auch nicht gesagt, obwohl ich dir keine Vorwürfe machen würde, wenn es so wäre.“ Sein neuer Coach lächelte schief. „Ich glaube aber, dass es dir hier gefallen wird. Ich unterscheide mich nämlich doch ein bisschen von Bruce Cooper.“
Troy schnürte sich die Kehle zu, als der Name seines alten Trainers fiel. Cooper war ein harter Hund, aber er hatte Troy sehr gemocht.
Jedoch offensichtlich nicht so sehr wie Dallas Kent, denn nur wenige Minuten, nachdem Troy erfahren hatte, dass er getradet worden war, hatte Cooper auf einem letzten Gespräch mit ihm bestanden. Und dann hatte er einige verheerende Minuten damit verbracht, Troy gehörig zusammenzustauchen. Erst dann hatte er ihm erlaubt, nach Hause zu gehen und zu packen. Troy war aus seinem Büro geschlichen, Tränen hatten in seinen Augen gebrannt und sein Magen hatte sich vor Scham zusammengezogen. Es war ihm schon immer schwergefallen, der tiefen Enttäuschung von Männern wie Coach Cooper standzuhalten. Männern wie Troys Vater.
„Ich bin bereit, hart zu arbeiten“, versprach Troy. „Ich möchte uns in die Play-offs bringen.“
Coach Wiebe lächelte auf eine Art und Weise, wie Coach Cooper und Troys Vater es nie taten – warm und geduldig. „Sehr schön. Ich werde dich zusammen mit Rozanov und Boodram vorne reinstellen. Mal sehen, wie das läuft.“
„Echt?“ Troy war es zwar gewohnt, als Stürmer der ersten Reihe eingesetzt zu werden, aber es war trotzdem eine Überraschung, dass sein neuer Trainer ihn nun ebenfalls sofort in dieser Position einsetzen wollte. „Äh … ich meine … danke.“
„Danke mir auf dem Eis, Barrett. Beweisen wir Toronto, dass sie aufs falsche Pferd gesetzt haben, okay?“
In Troy stieg Freude auf. Fast hätte er sogar gelächelt. „Klar, Coach.“
Sein Trainer kniff die Augen zusammen und sah zur Bank, wo sich einige Spieler versammelt hatten und laut lachten. „Oh Gott. Sie haben ja einen Welpen dabei.“
Rozanov trat aufs Eis und hielt Chiron fest in seinen Armen. „Er möchte es mal probieren.“
„Ihr habt zehn Minuten mit dem Hund.“ Er klang streng, aber seine Augen funkelten amüsiert. „Und dann haben wir noch viel Arbeit vor uns.“
„Zwanzig“, entgegnete Rozanov.
Troy konnte seine Dreistigkeit kaum glauben. Würde er jetzt erleben, wie Ilya Rozanov von seinem Trainer angeschrien wurde?
Aber Coach Wiebe lachte nur leise und fast schon liebevoll. „Fünfzehn.“
Er hatte wirklich einen ganz anderen Trainingsansatz als Cooper.
Fünfzehn Minuten lang tobten also die restlichen Spieler der Ottawa Centaurs mit einem aufgeregten Welpen auf dem Eis herum, während Troy in der Nähe der Bank stand und darauf wartete, dass das richtige Training losging. Was zur Hölle stimmte denn nicht mit diesem Team? Gab es etwa am Ende des Trainings auch noch Kuchen und Limo?
„Bist du allergisch gegen Hunde?“
Troy drehte sich um und sah, dass Harris vor der Bank stand und sich lässig an die Bande lehnte. Sein goldblondes Haar war nun unter einer rot-schwarzen Ottawa Centaurs-Pudelmütze versteckt. Und im hellen Licht der Arena-Scheinwerfer glichen seine Augen eher funkelnden Smaragden als Moos.
„Nein.“
„Puh. Ich hätte nachfragen sollen, bevor ich einen Hund mit in die Umkleidekabine bringe. Alle anderen hatte ich schon gefragt, aber … Ooh, Gott, schau dir das an.“ Er zückte sein Handy und schoss ein paar Fotos von dem Welpen, der gerade vor Wyatt stand und seine Vorderbeinchen gegen einen von Wyatts Torwartschonern drückte. „Das wird auf alle Fälle bei Instagram veröffentlicht.“
„Er ist ein beliebter Typ.“
„Wer? Wyatt?“
„Der Welpe.“
Harris strahlte. „Natürlich ist er das! Er ist schließlich neu hier und so niedlich.“
Und Troy war ebenfalls neu … und … nicht niedlich.
War ja logisch, dass er zu seinem ersten Training mit dem neuen Team erschien und dort dann nur das Zweitinteressanteste war. Wenn überhaupt.
Seine mürrischen Gedankengänge wurden schließlich von Harris’ schallendem Gelächter unterbrochen. „Hol ihn dir, Chiron! Gut gemacht, mein Junge!“
Chiron versuchte gerade einen Puck von Zane Boodram zu klauen. Alle lachten und hatten viel Spaß, nur Troy wusste nicht, was er machen sollte. Er kam sich so vor, als wäre er auf einer Party aufgetaucht, zu der er nicht eingeladen war.
„Sind Hunde denn generell gerne auf dem Eis?“, erkundigte sich Troy. Chiron schien sehr trittsicher und glücklich auf dem Eis zu sein, während er den Pucks hinterherjagte. Aber Troy fragte trotzdem lieber noch mal nach.
„Nicht alle Hunde, aber Chiron ist ein Mischling aus einem Labrador und einem Sennenhund. Er kommt mit der Kälte sehr gut zurecht.“
„Und er wird mal ein … Therapiehund? Eine Art Blindenhund?“
„Er soll zu einem Assistenzhund für Leute mit Angststörungen oder PTBS ausgebildet werden. Wenn er es ins Programm schafft.“
„Muss er ‘ne Klausur schreiben oder so?“
Dieser lahme Spruch brachte Troy einen weiteren dieser unvorstellbar lauten Lacher ein. „Er muss nur körperlich dazu in der Lage sein, ein Therapiehund zu werden. Aber das werden wir erst in ein paar Monaten wissen.“
Harris redete wahrscheinlich einfach weiter über Hunde, während Troys Blick schon wieder zu den Regenbogen-Ansteckern auf seiner Jacke wanderte. Immer, wenn er solche Pride-Symbole sah, durchschossen ihn Sehnsucht und Eifersucht zugleich, doch auf seinem Gesicht schienen sich nicht diese Gefühle, sondern Verachtung widerzuspiegeln – denn als er aufsah, blickte ihn Harris wieder so enttäuscht an wie vorhin.
Okay. Jetzt reichte es. Troy musste nun wirklich etwas sagen, um das Missverständnis aufzuklären. Er schluckte. „Ich … ähm …“
Da ertönte ein Pfiff und dann rief Coach Wiebe auch schon: „In Ordnung, Zeit, an die Arbeit zu gehen. Harris, danke, dass du unseren Ehrengast vorbeigebracht hast.“
Rozanov hob den Welpen auf und brachte ihn zur Bank. Er stupste mit seiner behandschuhten Fingerspitze auf Chirons Nase und reichte den kleinen Hund dann widerstrebend an Harris weiter. „Wo ist er, wenn er nicht hier ist?“
„In einer Trainingseinrichtung. Die passen dort gut auf ihn auf, versprochen.“
Ilya runzelte die Stirn. „Hat er dort Spaß?“
„Ganz bestimmt. Er muss erst hart arbeiten, wenn er älter ist. Wenn er sich dafür qualifiziert.“
„Das wird er. Er ist ein guter Hund. Wird er groß werden?“
Chiron leckte über Harris’ Gesicht. Über seinen Mund! Und Harris schien das völlig egal zu sein. Troy versuchte, nicht die Nase zu rümpfen, aber das gelang ihm vermutlich nicht.
„Er wird wahrscheinlich ein ziemlich großer Junge“, erwiderte Harris. „Lange können wir nicht mehr auf diese Weise mit ihm kuscheln.“
Der Coach blies noch einmal in seine Pfeife. „Roz, Barrett. Auf geht’s!“
Troy errötete. Warum stand er überhaupt noch bei der Bank? Er hatte doch überhaupt nichts mit Hunden zu schaffen und er war auch nicht mit Rozanov oder Harris befreundet.
„Und schon hast du Schwierigkeiten“, brummte Ilya. Er sprach mit ausdrucksloser Stimme, aber seine Augen blitzten frech. „Kein guter Anfang.“
Troy antwortete nicht. Er senkte nur den Kopf und machte sich an die Arbeit.
Kapitel 2
Harris
Verdammt. Troy Barrett war wirklich ein Hingucker.
Harris war in seinem Büro und bewunderte eines der Porträts, das Gen vorhin von dem neuesten Spieler der Centaurs geschossen hatte. Er hatte schon immer gedacht, dass Troy einer der heißesten Spieler der NHL war, und ihn heute in persona zu treffen, hatte diesen Eindruck nur noch bestätigt. Mit seinen intensiven blauen Augen, dem glänzenden dunklen Haar und dem Schmollmund sah er mehr wie ein Popstar als wie ein Eishockeyspieler aus. Sein schmales Gesicht mit dem markanten Kinn, auf dem sich dunkle Bartstoppeln zeigten, und seine prägnanten Wangenknochen waren schlichtweg umwerfend.
Doch seine Augen zogen Harris einfach in den Bann, er konnte gar nicht mehr wegschauen. Sie loderten wie blaues Feuer unter seinen dunklen, dichten Augenbrauen und langen, vollen Wimpern.
Doch Harris musste auch an die offene Verachtung denken, die er in diesen Augen erkannt hatte, als Troy auf seine Anstecker gestarrt hatte. Harris kannte diesen Blick. Er war ihm schon im Supermarkt, im Bus und ja, manchmal auch auf der Arbeit begegnet. Doch all das konnte ihn nicht davon abhalten, seine queere Identität stolz auf der Brust zu tragen oder an seinem Handgelenk oder mithilfe eines seiner vielen pro-queeren T-Shirts zur Schau zu stellen. Er war meistens einfach nur enttäuscht, wenn er solche Blicke auffing, wie den von Troy, als der seine Regenbogen-Abzeichen gesehen hatte.
Na ja, in diesem Fall war Harris jedoch sehr enttäuscht, weil er gehofft hatte, dass Troy Barrett ein besserer Mensch war, als die Gerüchte über ihn vermuten ließen.
Aber trotzdem … hübsch war er.
Harris hatte noch nie was mit einem NHL-Spieler gehabt. Einerseits, weil er fest entschlossen war, Privates von Beruflichem zu trennen. Und andererseits, weil sich die Gelegenheit einfach noch nicht ergeben hatte.
Im Grunde waren NHL-Spieler Götter mit spektakulären Körpern und dicken Bankkonten. Und Harris war … Harris. Ein bisschen zu kurz geraten, ein bisschen zu moppelig, unsportlich und definitiv nicht reich. Er verdiente im Jahr weniger als so mancher Spieler an einem Tag. Harris’ persönliches Versprechen, nie mit einem Mitglied des Teams zu schlafen, für das er arbeitete, war also in etwa so viel wert wie das Versprechen, nicht zu oft zum Mond zu reisen.
Aber wenn Harris jemals einem NHL-Spieler einen blasen würde, könnte der ruhig so aussehen wie Troy Barrett.
Gen hatte in ihrer E-Mail auch erwähnt, dass sie ein Foto von Troy angehängt hatte, auf dem er lächelte. Gleichzeitig hatte sie aber auch darauf hingewiesen, dass er das lieber nicht verwenden sollte. Sobald Harris die Datei geöffnet hatte, brach er in Gelächter aus. Gen hatte wirklich keinen Witz gemacht – Troys Lächeln sah nämlich extrem gezwungen aus. Es reichte nicht nur nicht bis zu seinen Augen, sondern erreichte sogar kaum seinen Mund.
Harris war überzeugt, dass er nie wieder aufhören würde zu lächeln, wenn er in der NHL spielte – oder wenn er überhaupt Eishockey spielen könnte. Verdammt, er lächelte ja so schon fast die ganze Zeit.
Harris entschied sich also für eines der Fotos, auf denen Troy ernst dreinblickte – die unterschieden sich sowieso kaum voneinander –, und fügte es in einen Rahmen ein, den er speziell für die Posts designt hatte, in denen ein neues Teammitglied vorgestellt wurde.
„Na dann, Kumpel“, murmelte er, nachdem er das Bild auf dem Instagram-Account des Teams veröffentlicht hatte, „jetzt bist du offiziell ein Centaur.“
Dann öffnete er ein Dokument, in dem er Ideen für Fragerunden und Videos mit den Spielern gesammelt hatte. Er bearbeitete und kopierte ein paar davon in eine neue Liste, die er Fragen für Troy Barrett genannt hatte. Es dauerte nur ein paar Minuten und schon hatte er eine ordentliche Liste zusammen. Doch darauf stand keine der Fragen, die Harris Troy wirklich stellen wollte. Fragen zu Dallas Kent, die für ein nettes Werbevideo allerdings kaum geeignet waren. Aber verdammt, Harris hatte so viele Fragen.
Als der erste Beitrag über Kent auf Reddit aufgetaucht war, war Harris zwar entsetzt, aber nicht wirklich überrascht gewesen. Die Frau, die anonym ihre Geschichte gepostet hatte, hatte beschrieben, wie sie auf einer Party in Kents Haus von ihm vergewaltigt worden war. Der Post war lang und enthielt viele Details und er war wirklich schwer zu lesen gewesen, doch Harris hatte sich durch jedes Wort gekämpft. Und er hatte auch jedes Wort der äußerst ärgerlichen Kommentare gelesen, in denen die Frau verspottet, nicht ernst genommen und bedroht worden war. Auch die nicht minder abschätzigen Gespräche, die Hockeyfans in den sozialen Medien führten, hatte er gelesen. Und er hatte die einschlägige Eishockey-Berichterstattung angesehen und gelesen, in der es hauptsächlich darum ging, Kent zu verteidigen. Harris kam nicht umhin zu bemerken, dass die Liga und ihre Spieler offenbar fest entschlossen waren, die ganze Sache entweder zu ignorieren oder sich darüber zu beschweren, wie einfach es doch war, im Internet irgendeinen Scheiß zu behaupten.
Doch dann erschienen immer weitere Online-Berichte. Es gab noch mehr Frauen, die sich nun trauten, ihre schrecklichen Erfahrungen mit Kent zu offenbaren. Harris las sie alle und wünschte sich, dass es eine offizielle Anklageerhebung gäbe, die zu einer Verhaftung führen würde. Doch er konnte auch nachvollziehen, warum die Frauen sich entschieden hatten, lieber anonym zu bleiben. Allein die furchtbaren Kommentare unter den Posts reichten schon aus, um zu verstehen, warum die Opfer keine Anzeige erstatteten.
Auch in der Umkleidekabine des Teams aus Ottawa gab es zahlreiche Männer, die von Kent angewidert waren und ihn im Gefängnis sehen wollten – und doch äußerte sich keiner von ihnen öffentlich dazu. Alles in allem blieb die Eishockeywelt einfach still und sagte nichts zu der ganzen Situation rund um Dallas Kent. Die Anschuldigungen waren vielen Spielern unangenehm und so ignorierten sie sie lieber.
Troy Barrett aber hatte die Angelegenheit nicht ignoriert. Er war der Einzige gewesen, der sich Dallas Kent entgegengestellt hatte. Er hatte ihn tatsächlich während eines Trainings konfrontiert und ihn einen Vergewaltiger genannt. Für ihn war die Sache offenbar sonnenklar. War Troy Zeuge einer Tat geworden? Oder wusste er einfach, zu was Kent fähig war? Immerhin war er nicht nur jahrelang sein Teamkamerad, sondern auch sein Freund gewesen. Was hatte Troy so zum Ausrasten gebracht?
Zwischen Teamkameraden kam es schon mal zu Streit und kleineren Prügeleien, und von vielen dieser Momente existierten sogar Videos. Dennoch tendierten gerade Eishockeyspieler dazu, sich hinter ihre Mannschaftskollegen zu stellen, wenn es zu Vorwürfen von Missbrauch oder tätlichen Übergriffen kam. Dass Troy Kents Opfern glaubte, war also eine wirklich große Sache. Dieser Sport, so sehr ihn Harris auch liebte, konnte wirklich keine Erfolgsbilanz vorweisen, wenn es um die Bestrafung von Spielern ging, die irgendetwas – egal, was – angestellt hatten. Troy konnte also gar kein durch und durch schlechter Mensch sein.
Harris kam zu dem Schluss, dass man durchaus entsetzt über die Taten eines Sexualverbrechers sein konnte und trotzdem Zeit finden könnte, um sich vor schwulen Männern zu ekeln. Vielleicht war Troy also doch ein Idiot.
Aus irgendwelchen Gründen, die er selbst nicht erklären konnte, öffnete Harris noch einmal das Foto von Troy, auf dem er sich an einem Lächeln versuchte. Anstatt wieder in Gelächter auszubrechen, betrachtete er dieses Mal Troys Augen genauer. Sie waren so eindrucksvoll, dass Harris die Angst, die darin lag, zuvor noch nicht aufgefallen war. Doch jetzt hatte er sie bemerkt und konnte nicht anders, als sich zu fragen, wie Troy wohl aussehen würde, wenn sein Lächeln echt wäre. Würden sich Fältchen in seinen Augenwinkeln bilden? Oder hätte er vielleicht sogar Grübchen? Vielleicht könnte Harris es schaffen, ihn mal zum Lachen zu bringen …
Außer dass … ja, genau. Außer dass Troy wahrscheinlich homophob war.
Harris schüttelte den Kopf und schloss die Bilddatei wieder. Genug von Troy Barrett. Er musste schließlich noch ein paar Welpenfotos posten.
***
Troy
Als Troy wieder in seinem Hotelzimmer war, loggte er sich in seinem geheimen Instagram-Account ein. Er hatte dort noch kaum etwas gepostet und ihn hauptsächlich genutzt, um Adrian zu folgen. Und vielleicht sollte Troy endlich damit aufhören … doch er konnte einfach noch immer nicht ganz glauben, dass es vorbei war.
Vor zwei Jahren waren sie sich auf einer Party in Vancouver vorgestellt worden und Troy hatte einfach nicht mehr aufhören können, ihn anzuschauen. Und dabei war Troy wirklich gut darin, attraktive Männer nicht anzusehen. Adrian Dela Cruz, der Star einer beliebten TV-Serie über Superhelden, war ebenfalls nicht geoutet und ebenso angetan von Troy. Eine wundersame Kombination aus Pheromonen, stiller Kommunikation und Glück hatte dafür gesorgt, dass sie beide trotzdem sofort begriffen, dass sie das Gleiche wollten. Und später am Abend hatten sie es sich einander gegeben.
Ein neuer Post von Adrian verriet Troy nun den Grund, warum er sich von ihm getrennt hatte. Den wahren Grund. Und nicht diese Scheiße, die Adrian ihm erzählt hatte – dass sie doch gar nicht wirklich ineinander verliebt wären oder nur zusammen waren, weil es das Einfachste war.
Diesen Punkt konnte Troy überhaupt nicht verstehen, schließlich war an ihrer Beziehung nichts einfach gewesen. Es war nicht einfach, in der ständigen Angst zu leben, dass irgendjemand ihr Geheimnis aufdeckte. Es war auch nicht einfach, dass drei Zeitzonen zwischen ihm und seinem Freund lagen. Und es war nicht einfach, wenn man mit seinen Freunden, seiner Familie und seinen Teamkameraden nicht über seinen absoluten Lieblingsmenschen reden konnte. Und ganz bestimmt war es nicht einfach, einige verdammte Monate lang keinen Sex zu haben.
Tja. Doch der wahre Grund war der verfickte Justin Green – der Regisseur, mit dem Adrian vor zehn Monaten einen Film für Netflix gedreht hatte. Und genau zu dem Zeitpunkt hatte sich Adrian bereits in Justin verliebt. Das hatte er Troy gestanden. Und jetzt, also genau genommen vor vier Tagen, hatte sich Adrian plötzlich öffentlich geoutet, stand stolz zu seiner Homosexualität und war verlobt!
Und Troy hatte keine Ahnung, wie er nun weiterleben sollte. Es gab niemanden, mit dem er darüber reden konnte. Denn niemand wusste von Adrian. Und niemand wusste, dass Troy schwul war.
Natürlich führte ihn sein erstes Auswärtsspiel mit dem neuen Team bald nach Vancouver. Als wäre nicht eh schon alles schlimm genug, musste er auch noch in die Stadt reisen, die immer seine Zuflucht gewesen war. Dieses Mal würde er dort ganz allein sein.
Er starrte auf das Foto von Adrian und seinem Verlobten. Es fühlte sich so falsch an, Adrian in den Armen von einem anderen Mann zu sehen, und Troy hoffte, dass dieses surreale Gefühl irgendwie verpuffen würde, je länger er auf das Bild starrte.
Gott, er war so schön. Natürlich war Adrian attraktiv, er spielte schließlich einen Superhelden. Aber Troy hatte ihn auch zu sehen bekommen, wenn er nicht für die Kamera zurechtgemacht war … wenn er morgens noch ganz verschlafen und zerknittert war oder wenn er nach einem langen Arbeitstag auf der Couch eingeschlafen war. Und genau dann war er noch verzauberter von ihm gewesen. Troy hatte jeden kostbaren Moment, den sie zusammen waren, geliebt.
Und jetzt war es aus und vorbei. Jetzt durfte Justin Green dieses verschlafene Lächeln und den gemächlichen Sex am Morgen genießen, während Troy nur auf dieses verfickte Foto glotzen konnte. Er war allein. In Ottawa.
Troys Leben war so schnell in sich zusammengefallen, dass er noch nicht einmal die Chance gehabt hatte, es irgendwie zu verstehen, geschweige denn zu verarbeiten. Er hatte auf Autopilot geschaltet und spulte die Bewegungen eines NHL-Spielers nur noch rein mechanisch ab. Denn er wusste, dass er sich vielleicht nie wieder bewegen könnte, wenn er anhielt, um sich sein zerschmettertes Herz mal näher anzusehen. Zwei Tage – zwei Tage – nachdem ihm der Laufpass gegeben worden war, hatte Troy die erste der Anschuldigungen gegen Dallas Kent online gelesen. Die Worte auf dem Bildschirm seines Laptops waren vor seinen feuchten Augen verschwommen, sein Rachen hatte gebrannt, er hätte schreien oder heulen oder kotzen wollen. Jedes Detail, das die Frau in ihrem Bericht nannte, kam ihm so verdammt bekannt vor. Troy war zwar kein direkter Zeuge der Tat gewesen, aber ihre Beschreibung der Dinge, die Dallas gesagt hatte …
Es fiel ihm nicht schwer, ihr zu glauben. Als er wiederum zwei Tage später den vierten Bericht las, brodelte die Wut längst heiß in seinen Adern.
Zahlreiche Kommentare unter jedem Post waren von Leuten, die Kent verteidigten und abscheuliche Dinge über seine Anklägerinnen sagten. Bei seinem nächsten Training stießen Troys Teamkameraden in das gleiche Horn und beschimpften die Frauen. Während des Trainings beobachtete er Kent, der lachte und Spaß hatte und absolut unbeeindruckt schien. Und dann rastete Troy aus. Er geigte seinem besten Freund die Meinung und ließ all seine Wut raus, die sich in ihm aufgestaut hatte. All die Abscheu, die eigentlich jeder auf dem Eis Kent gegenüber empfinden sollte. Jeder Mensch auf der ganzen weiten Welt.
Nicht dass es etwas gebracht hätte. Die Eishockeymedien versammelten sich hinter Dallas, um ihm den Rücken zu stärken, und machten sich scheinbar nur Sorgen über die psychische Belastung, die diese unglückselige Sache bei dem jungen Hockeyspieler auslösen würde.
Psychische Belastung. Heilige Scheiße. Wenn überhaupt, war Dallas weniger verärgert über die Anschuldigungen als über Troys Verhalten. Ganz bestimmt fühlte er sich weder schuldig noch empfand er Scham. Wahrscheinlich hatte er nicht einmal Angst vor Konsequenzen. Warum denn auch?
Plötzlich fühlte sich Troy total erschöpft. Er würde wohl früh ins Bett gehen, auch wenn er wusste, dass er nicht schlafen könnte. Obwohl … Scheiße. Er sollte ja noch einen Instagram-Account einrichten. Einen echten und nicht so einen Burner-Account, den er nur hatte, um heiße Typen anzuschauen.
Also, dann vielleicht doch einen nicht ganz so echten Account.
Er löschte seinen Burner-Account. Vielleicht würde er irgendwann wieder einen einrichten, um scharfen Männern folgen zu können, aber dann würde er einen Neuanfang machen. Wenn er dazu bereit war. Jetzt würde er erst mal brav seine Hausaufgaben erledigen und einen professionellen Account einrichten.
Er war gerade dabei, sich ein Passwort zu überlegen, als er eine Nachricht von seiner Mutter bekam.
Mom: Schau nur, wo du gerade bist!
Gleich darauf schickte sie ein Foto, auf dem Troys Funko Pop!-Figur – noch im Trikot von Toronto – zu sehen war, die auf einem Balkongeländer stand. Dahinter waren wunderschöne, neblige Berge zu erkennen, die von dichtem blaugrünem Wald bedeckt waren.
Troy: Wow! Wo seid ihr?
Mom: Hakone. Das ist die Aussicht von meinem Hotelzimmer! Das Foto hab ich heute Nachmittag gemacht.
Troy wurde es ein bisschen leichter ums Herz. Es gab niemanden, den er sich gerade sehnlicher an seine Seite wünschte als seine Mom. Unglücklicherweise befand sie sich gerade am anderen Ende der Welt.
Troy: Ist es in Japan nicht gerade mitten in der Nacht?
Mom: Kann nicht schlafen. Bist du bereit für dein großes Debüt morgen Abend?
Troy: Ich will’s endlich hinter mir haben.
Mom: War’s so schlimm?
Troy kaute auf seiner Unterlippe herum. Seine Mom wusste nur einen kleinen Teil von alldem, was sein Leben in letzter Zeit zur Hölle gemacht hatte. Sie war die Erste gewesen, die ihn unterstützt hatte, nachdem das Video von seinem Streit mit Dallas im Internet veröffentlicht worden war. Und es war so schwer gewesen, nicht weinend zusammenzubrechen, als sie ihm versicherte, dass er das Richtige gemacht hatte. Dass er ein guter Mensch war.
Sie wusste jedoch nichts von Adrian. Sie wusste nicht, dass Troys Herz gerade zerschmettert worden war, und erst recht nicht, dass er überhaupt jemanden gedatet hatte. Er hatte ihr Adrian nicht einmal als bloßen Kumpel vorgestellt. Troy hatte viel zu viel Angst, dass seine Eltern sie zusammen gesehen und es sofort erkannt hätten.
Vor allem sein Vater. Troy konnte sich fast vorstellen, sich vor seiner Mutter zu outen, aber nicht vor seinem Dad. Niemals.
Also antwortete er ihr nur:
Troy: Nicht so schlimm. Nur anders.
Mom: Manchmal passieren schlimme Dinge nur, damit bessere geschehen können.
Und wer wüsste das besser als seine Mom? Troys Vater hatte sie vor drei Jahren für eine viel jüngere Frau verlassen und seine Mom war am Boden zerstört gewesen. Eines Abends hatte sie Troy bei einer Flasche Wein gestanden, dass das Schlimmste an dem Ganzen die Scham war, die sie empfand.
„Es ist ja nicht nur so, dass er mich mit einem Upgrade ersetzt hat“, erzählte sie ihm, „sondern dass ich mich schäme, überhaupt jemals mit ihm zusammen gewesen zu sein. Kannst du dir vorstellen, wie viele Leute mir mittlerweile gesagt haben, dass sie ihn schon immer für ein Arschloch gehalten haben?“ Dann hatte sie sich entschuldigt, dass sie Troys Vater ihm gegenüber so bezeichnete. Troy hatte ihre Entschuldigung mit einer Handbewegung abgetan. Curtis Barrett war nämlich wirklich ein Arschloch.
Und mittlerweile wusste Troy wegen Dallas Kent, wie sich die Scham anfühlte, wenn man so lange jemandem zur Seite gestanden hatte, der … na ja … der so ein Mistkerl war.
Troy: Du solltest schlafen gehen.
Mom: Ich versuch’s. Grüße von Charlie.
Troy: Kann Charlie auch nicht schlafen?
Mom: Nein, aber wenn er wach wäre, würde er dich grüßen.
Troy lachte leise.
Troy: Gute Nacht, Mom. Hab dich lieb.
Mom: Hab dich auch lieb. Viel Glück morgen!
Er ließ sich zurück aufs Bett fallen und stieß einen langen Seufzer aus, der all seine Erschöpfung und seinen Frust ausdrückte. Wahrscheinlich sollte er damit weitermachen, seinen neuen Instagram-Account einzurichten, und vielleicht sogar etwas posten … aber ihm war so gar nicht danach. Sein letztes Team hatte die Spieler kaum in die Social Media-Aktivitäten involviert und das war Troy nur recht gewesen. Aber das hier war ein neues Team mit einem neuen Vibe und er sollte sich wirklich bemühen, sich einzugliedern.
Also öffnete er Instagram wieder, überlegte sich ein Passwort und stieß dann auf das nächste Hindernis – sein Profilbild. Die einzigen Bilder, die er von sich auf seinem Handy hatte, waren Werbefotos im Toronto-Trikot.
Er fragte sich, ob sein neues Team vielleicht schon eins der Fotos gepostet hatte, die Gen heute geschossen hatte. Troy öffnete also den offiziellen Team-Account, wo ihm sofort sein Gesicht mit dem „Ich bin viel zu cool für alles“-Blick entgegensah.
Na ja, dann musste das jetzt halt herhalten.
Er wollte gerade einen Screenshot machen, als ihm ein Fehler unterlief … Troy scrollte nämlich nach unten und las die Kommentare unter seinem Foto.
Barrett ist eine verdammte Schande.
Hab schon immer gedacht, dass er überschätzt wird. Jetzt denke ich, dass er ein verfickter Drecksack ist.
Barrett glaubt eher irgendwelchen Nutten, die Lügen erzählen, als seinem Teamkameraden. Abschaum.
Ottawa hat ihn verdient. Scheiß Team. Scheiß Spieler.
Ich kann nicht glauben, dass wir diesen Loser unter Vertrag genommen haben.
Troy legte sein Handy mit dem Display nach unten aufs Bett. Er war es gewohnt, dass ihm von den gegnerischen Spielern und deren Fans Hass entgegengebracht wurde. Aber das geschah wegen seiner Fähigkeiten und, na ja, auch wegen seines losen Mundwerks. Er war schon immer gut darin gewesen, jemanden auf die Palme zu bringen, wenn er es darauf anlegte. Aber dieses Mal hasste man ihn, weil er etwas gesagt hatte, das – jedenfalls sehr wahrscheinlich – richtig war. Etwas, auf das er stolz sein sollte.
Der Instagram-Account musste noch warten. Vielleicht könnte er es sogar so lange hinauszögern, bis Harris das Thema fallen ließ. Troy würde ja sowieso nichts Interessantes posten. Und er wollte auch gar nicht interessant sein – er wollte einfach nur Eishockey spielen.