Kapitel 1
Irgendetwas stimmte nicht mit der Schulkantine. Ja, sie war voller Mitschüler. Obwohl einige Gesichter dabei waren, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Und ja, sie waren laut, teilten sich Chips und verschütteten ihre Saftboxen. Aber die weißen Kunststofftische waren durch das Walnuss-Esszimmer-Set meiner Mutter ersetzt worden, und statt auf Bänken zu sitzen, standen die Kinder herum und tanzten auf zappeligen Füßen. Und niemand trug Schuhe. Am seltsamsten war jedoch, dass ich es irgendwie geschafft hatte, neben Francine Thomas zu sitzen. Ich saß nie neben ihr. Ich saß nie neben ihr. Wie ich meiner Mutter immer sagte: Francine war das nervigste Kind der Welt, und sie schnappte sich immer alle guten Buntstifte. »Hey Lacey, hey Lacey.« Jetzt versuchte sie, mit mir zu reden, und sie musste ein Thunfischsandwich gegessen haben, denn ihr Atem roch genau danach.
»Hey Lacey.« Ihr langer, runder Finger schnellte vor und piekte mir in die Brust. Wieder und wieder piekte sie mich. Offenbar war sie immer noch höchst nervig. Ihr Gesicht rückte näher an meines heran. Wann waren ihr eigentlich Schnurrhaare gewachsen? Ich rieb mir die Nase, als sie mich mit ihnen kitzelte. Sie piekte mich wieder in die Brust und presste ihr Gesicht ganz nah an meines. Doch statt meinen Namen zu sagen, entrang sich ihrem winzigen, schnurrhaarbedeckten Mund ein leises Schnurren. Noch ein Pieks in die Brust, doch diesmal stach etwas Spitzes in meine Haut.
Meine Augen klappten auf. Francines Gesicht schmolz dahin, und ich starrte in die bernsteinfarbenen Augen meines Katers Nevermore. Er war in eine tiefe Schnurrtrance versunken und knetete mit den Pfoten meine Brust.
»Lass mich raten, Never. Du hast Hunger?«
Meine Frage begeisterte ihn so sehr, dass sich seine Kralle im Stoff meines Flanellpyjamas verfing. Widerwillig zog ich meine Arme unter der warmen Decke hervor und befreite die Kralle.
Ich starrte zu meinem Kater hinauf, der es sich auf meiner Brust bequem gemacht hatte. »Ich kann dich nicht füttern, wenn ich nicht aus dem Bett komme.«
Nevermore stand auf, streckte seinen Rücken, versenkte dabei erneut seine Krallen in mich – nur zur Sicherheit – und sprang dann vom Bett, Schwanz kerzengerade nach oben, auf dem Weg in die Küche.
Mein Radiowecker sprang mit einem alten Discohit an. »Zu spät«, sagte ich zum Radio, während ich es ausschaltete. »Der Kater war wieder schneller. Wäre schön, wenn du und Nevermore euch mal synchronisieren würdet.«
Ich schlüpfte direkt in die Pantoffeln, die ich am Abend zuvor unter das Bett gestellt hatte. Am liebsten hätte ich zwischen Aufstehen und Schlafengehen nichts anderes getragen, weil die flauschigen Hausschuhe meine Füße so herrlich wärmten. Eines hatte ich in meinem ersten Winter in meinem wundervollen neuen Heimatort Port Danby gelernt: Es blieb eisig kalt – die ganze Saison über. Es gab viele sonnige Tage, aber die Küstenluft war durchgehend frostig.
Ich verschwendete keine Sekunde der restlichen Bettwärme und kuschelte mich in meinen dicken, flauschigen Morgenmantel. Ich hatte endlich die Zeitschaltuhr meiner Kaffeemaschine verstanden und der herrliche Kaffeeduft, der mir entgegenströmte, war die drei Stunden des Herumrätselns mit der verwirrendsten Anleitung aller Zeiten definitiv wert gewesen.
Ich blieb vor Kingstons fast zwei Meter hohem Käfig stehen und zog das Tuch ab. Die künstliche Dunkelheit hielt meine Krähe davon ab, bei der ersten Morgendämmerung herzinfarktauslösende Kreischlaute von sich zu geben. Ein-, zweimal hatte ich vergessen, den Käfig abzudecken, und jedes Mal war ich mit einem Schreck aufgewacht, der mich beinahe an die Zimmerdecke katapultiert hatte. Meistens war ich jedoch diejenige, die Kingston mit dem Lichtschalter und dem Wegziehen des Tuches unsanft aus dem Schlaf riss.
Kingston hob seinen müden dunklen Blick zu mir – ein Ausdruck wie ein mürrischer Teenager, den man für die Schule weckt. Ich griff nach der Kaffeedose mit Erdnüssen unter seinem Käfig, und er wurde sofort lebhafter. Er streckte die langen, schwarzen Flügel und flatterte ein paar Mal, um die Müdigkeit abzuschütteln.
Ich öffnete den Käfig, und er trat an den Rand, um sich eine Erdnuss aus meiner Hand zu holen. Doch die Nuss fiel herunter, und Kingston erschrak, flatterte zurück in den Käfig, als draußen ein lauter Lastwagen vorbeirauschte. Der musste mit mindestens achtzig Sachen über den Myrtle Place gebrettert sein. Hinter meiner Straße, der Loveland Terrace, lag nur noch der Maple Hill und Hawksworth Manor – ein verfallenes, verlassenes Anwesen, in dem sich um die Jahrhundertwende ein grausames Familiendrama abgespielt hatte. Am Wochenende war das Anwesen oft Ziel von Touristen, aber es war Montag, und im Winter war es unter der Woche für Besucher geschlossen.
Ich fand es gleichzeitig cool und ein bisschen unheimlich, dass die Hauptattraktion des Ortes – neben dem elfenbeinfarbenen Sandstrand und der malerischen Innenstadt – ein grausamer Mord war. Das Verbrechen, das offiziell als Mord-Selbstmord eines eifersüchtigen Ehemannes eingestuft worden war, hatte bei mir jedoch sofort den Spürsinn geweckt. Die Hinweise, die ich gefunden hatte, passten nicht zusammen und ich war fest entschlossen, die Wahrheit über das, was wirklich auf Maple Hill geschehen war, ans Licht zu bringen.
Ich bückte mich und hob die heruntergefallene Erdnuss auf. Kingston hatte sich von dem Schreck erholt. Vorsichtig schlich er wieder nach vorn und schnappte sich mit seinem langen, scharfen Schnabel die Nuss – just in dem Moment, als ein dumpfer Schlag auf den Holzplanken meiner Veranda ertönte. Das unerwartete Geräusch ließ ihn erneut zusammenzucken, und er ließ die Erdnuss fallen.
Wir starrten beide auf sie hinab. »Du bist auf dich allein gestellt, Mister Nerven aus Stahl.«
Ein weiterer dumpfer Laut lenkte meine Aufmerksamkeit zur Veranda. Es war ziemlich früh für einen Besucher. Ich ging zum Wohnzimmerfenster und schob den Vorhang beiseite. Zwei weitere Lastwagen ratterten über den Myrtle Place und brachten die Bilder an der Wand zum Wackeln. Ich hob den Vorhang noch ein Stück höher, um besser sehen zu können. Ich hatte Besuch.
Captain, der riesige, liebenswerte Hund meines Nachbarn, kaute genüsslich an einem gigantischen Kauknochen auf der obersten Stufe der Veranda. Ich öffnete die Tür und trat hinaus, um Captain zu begrüßen – genau in dem Moment, als sein ausgesprochen gut aussehender Besitzer um die Hausecke kam.
Reflexartig griff ich nach einer meiner Locken, die sich sofort wieder zurückkringelte, sobald ich sie losließ. Mein wirres Morgenhaar trat jedoch augenblicklich in den Hintergrund angesichts der schrecklichen Erkenntnis, dass ich noch immer meinen flauschigen Bademantel und Hausschuhe trug.
»Dash, guten Morgen«, trällerte ich etwas atemlos, weil ich in meinem gemütlichen, aber alles andere als modischen Morgenlook ertappt worden war. Dashwood Vanhouten, mein großer, breitschultriger Nachbar, war das genaue Gegenteil von unelegant. Er sah wie immer umwerfend aus, und sein dunkelblondes Haar bildete einen schönen Kontrast zu seinem blauen Flanellhemd. Und dann war da noch dieses preisverdächtige, atemberaubende Lächeln, das mich gleich noch viel schäbiger wirken ließ.
Ich strich rasch über den flauschigen Stoff meines Bademantels – mein ganzer Stolz, solange ich nicht direkt vor meinem charmanten Nachbarn Dash stand. »Entschuldige mein Aussehen«, sagte ich schnell. »Ich hab verschlafen. Oder es zumindest versucht. Nevermore hat alles darangesetzt, mich davon abzuhalten.«
Dash hatte eines dieser geschmeidigen Lachen, warm und weich wie Butter in der Sonne. »Lacey Pinkerton, du bist wirklich die Letzte, die sich für ihr Aussehen entschuldigen muss. Dein Anblick ist immer eine Freude – sogar in lavendelblauem Frottee. Tatsächlich bin ich es, der sich entschuldigen muss.« Er warf Captain einen Blick zu, der fröhlich an seinem Kauknochen nagte. »In letzter Zeit bringt er seine Knochen gern zu dir. Ich glaube, er mag meine Veranda nicht mehr – sie riecht wohl noch zu sehr nach frischer Farbe.«
»Das tut sie«, bestätigte ich. »Obwohl ich ziemlich sicher bin, dass nur Captain und ich das bemerken.« Meine Hyperosmie – mein extrem ausgeprägter Geruchssinn – verriet mir immer, wenn jemand in der Nachbarschaft ein Haus strich, Brot backte oder duftende Sträucher pflanzte. Ein Talent, das zugleich Segen und Fluch war. Meine Supernase hatte mir geholfen, gemeinsam mit Detective James Briggs einige Mordfälle zu lösen, war aber auch der Grund, warum ich meinen Traum, Ärztin zu werden, hatte aufgeben müssen. Die Gerüche in den Labors waren zu intensiv und ich war mehr als einmal ohnmächtig geworden. Keine guten Voraussetzungen für eine Medizinerin.
Aus Richtung Maple Hill drang ein Stimmengewirr herab, begleitet vom Grollen von Rädern auf Kies und Erde. »Da oben beim Anwesen scheint sich was zu tun.« Ich zog den Bademantel fester um mich und trat hinaus, um besser sehen zu können. Staubwirbel tanzten durch die Morgenluft, bevor sie vom Wind davongetragen wurden.
»Ja. Ich habe eine Menge Trucks und Anhänger da hochfahren sehen. Ich hab auf Facebook nachgesehen. Bürgermeister Price hat gepostet, dass am Hawksworth Manor ein Fotoshooting stattfindet. Für eine Werbung oder ein Magazin oder so. Sie bleiben wohl die ganze Woche. Mehr weiß ich auch nicht. Bürgermeister Price neigt in seinen Posts zum Ausschweifen. Ich war nach den ersten paar Zeilen schon gelangweilt und hab nicht weitergelesen.«
»Immerhin bist du auf seiner Freundesliste. Ich muss alle Neuigkeiten über Lola oder Elsie bekommen, und die lassen ständig wichtige Details aus. Vor kurzem wusste ich zwar, dass ein Tag für die Arbeitstrupps reserviert war, um Linien auf der Harbor Lane zu malen, aber niemand sagte mir, welcher Tag. Ich kassierte prompt einen Strafzettel und ein besonders mürrisches Stirnrunzeln vom Bürgermeister. Zumindest nehme ich an, dass es besonders mürrisch war. Da er jedes Mal die Stirn runzelt, wenn er mich sieht, ist es schwer, darüber zu urteilen.«
Dash lehnte sich lässig gegen eine der Verandastützen – eine dieser beiläufig-männlichen Posen, die mich glauben ließ, dass er ein perfektes Katalogmodell abgeben würde. »Ich verstehe nicht, warum er dich so wenig mag. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es überhaupt nichts gibt, was einem nicht gefallen könnte.« Sein Grinsen schien an diesem Morgen besonders charmant. Vielleicht hatte mein flauschiger Bademantel ja doch mehr verführerische Eigenschaften als mir bewusst war.
»Danke, aber ich glaube nicht, dass es eine bestimmte Sache gibt, die der Bürgermeister besonders anstößig findet. Er mag mich einfach im Allgemeinen nicht und er hat eine besondere Abscheu vor meiner Krähe.«
»Ah, ja. Yolanda hat erzählt, er will beim Stadtrat durchsetzen, dass Krähen in der Innenstadt verboten werden.«
»Und mit ›Krähen‹ meint er Kingston. Zum Glück hat mein Vogel hier viele Fans. Der Stadtrat ist sich einig, dass Kingston bleiben darf. Er ist so etwas wie das Maskottchen der Stadt geworden. Und ich finde, eine große schwarze Krähe als Maskottchen einer Stadt, die für einen Mordfall bekannt ist, ergibt durchaus Sinn. Ich bin sicher: Wenn Edgar Allan Poe noch leben würde, er würde Port Danby nie wieder verlassen wollen.«
Ein eisiger Luftstoß wirbelte durch den Vorgarten und schüttelte die letzten Schneereste von den Wacholderbüschen entlang meines Hauses.
»Ich lass dich lieber wieder reingehen, bevor du dir eine Erkältung holst«, sagte Dash. »Ich habe heute frei und mache einen kleinen Flug an der Küste entlang.«
»Toll. Viel Spaß.« Ich drehte mich um, um hineinzugehen, wirbelte dann aber wieder herum. »Moment mal – hast du Flug gesagt?«
»Ja, ein Freund von mir ist für einen Monat geschäftlich in Europa und hat mir sein Flugzeug geliehen. Eine süße kleine zweisitzige Cessna. Ziemlich laut, aber es macht Spaß, sie zu fliegen.«
»Ich hatte keine Ahnung, dass du Pilot bist.« Aber ehrlich gesagt – wenn man ihn so ansah, war es nicht schwer, sich vorzustellen, wie er alle möglichen gewagten Dinge tat.
»Jep, ich fliege, seit ich ein Teenager war. Mein Vater und ich haben zusammen Flugstunden genommen. Er hat irgendwann aufgegeben, aber mich hat das Snoopy-Fieber gepackt.«
Ich lachte. »Das Snoopy-Fieber? Trägst du dabei einen roten Schal und Fliegerbrille?«
»Noch nicht, aber jetzt, wo du’s sagst, sollte ich das vielleicht. Ich kann dich diese Woche gern mal mitnehmen, wenn du Lust hast.«
»Ja!« Ich schlug mir die Hand vor den Mund. »Uff, das klang jetzt ziemlich begierig. Aber ja, ich würde liebend gern die Küste entlangfliegen.«
»Prima. Wir machen das später in der Woche fest. Ich flieg dich auch über dein Haus, dann kannst du es mal von oben sehen. Einen schönen Tag noch, Nachbarin.«
»Guten Flug.«
Kapitel 2
Lester war draußen vor seinem Café, dem Coffee Hutch, und arrangierte seine brandneuen Stehtische. Er hatte den zwanglosen Sitzbereich auf dem Gehweg in einen schicken Kaffeepub verwandelt – mit hohen Walnusstischen und ledergepolsterten, besonders großen Barhockern.
Mein Laden, Pink’s Flowers, lag eingeklemmt zwischen Lesters Café und der Bäckerei seiner Zwillingsschwester Elsie. Obwohl sie beide schon über sechzig waren, hatten sie das Stadium der Geschwisterrivalität nie ganz hinter sich gelassen. Und beide hatten einen ausgesprochen ausgeprägten Wettbewerbsgeist. Seit Monaten rüsteten Lester und Elsie ihre Außentische auf und verteilten Gratisangebote und Gewinnlose, um Kunden für ihre jeweiligen Sitzbereiche zu gewinnen. Es spielte nicht einmal eine Rolle, ob die Kunden etwas kauften – Hauptsache, die Tische waren besetzt und ließen ihren Laden beliebter erscheinen. Diese neueste Anschaffung musste Lester ein kleines Vermögen gekostet haben.
»Die Tische sehen toll aus, Lester«, rief ich, während ich die Kreidetafel mit meinen Valentinstags-Angeboten aus dem Schatten ins Sonnenlicht schob.
»Danke.« Lester winkte zurück. Ein Büschel seines weißen Haares fiel über seine Stirn wie die weiße Stirnlocke eines Pferdes. Er schob es zur Seite. »Ich denke, die Leute werden es mögen.«
»Ja, das glaube ich auch.«
»Ja, es wird wunderbar sein – bis der erste Kunde von einem dieser halsbrecherisch hohen Barhocker fällt und seine Kaffeebude verklagt«, rief Elsie scharf aus ihrer Ladentür.
»Ach, sei still, Elsie. Du willst doch nur wieder stänkern.« Lester kehrte in sein Café zurück.
Elsie sah mich an. »Ich habe doch recht. Oder etwa nicht?«
Ich tat, als würde ich meine Lippen versiegeln. Elsie wusste, dass sie mich nicht in ihren Tischkrieg hineinziehen würde.
»Ich hab recht«, sagte sie überzeugt. »Ich mache gerade meine Februar-Karamellkusskekse, Pink. Komm vorbei und probier einen, wenn du Zeit hast.«
»Ich rieche braunen Zucker und Butter und bei braunem Zucker und Butter sage ich nie nein. Ich komme später vorbei.«
Kingston flog normalerweise in einem Wirbel schwarzer Federn in den Laden. Heute jedoch marschierte er herein, die Flügel eng am Körper, wie ein wichtigtuerischer Inspektor mit hinter dem Rücken verschränkten Händen.
»Na schön, also sind wir jetzt zu faul zum Fliegen, mh?«
Ryder, mein wunderbarer Mitarbeiter, bemerkte Kingstons Eintreten zu Fuß ebenfalls. Er schüttelte den Kopf, während er ein rotes Band um eine Vase band.
Ich ging zur Garderobe, um Schal und Mantel aufzuhängen. »Ich mache mir Sorgen, dass er vergisst, wie man Vogel ist.«
»Ich glaube nicht, dass du dir Sorgen machen musst.« Ryder deutete nach unten zu Kingston, der schnurstracks zu einem Haufen Sonnenblumenkerne marschiert war. »Ich habe heute Morgen seine Dose umgekippt.«
»Dann hat er wohl beim Öffnen der Tür den Geruch wahrgenommen und beschlossen, sich das Fliegen zu sparen, wenn die Leckereien ohnehin am Boden liegen.« Ich zog mir die letzte Schicht warmer Kleidung vom Leib und stieß den Atem aus, als hätte ich gerade eine schwere Rüstung abgelegt.
»Was hältst du von den Valentinssträußen?«, fragte Ryder und deutete auf eine Reihe von Bouquets auf der großen gefliesten Insel – dem zentralen Arbeitsplatz und Blickfang meines entzückenden und geschäftigen Blumenladens.
Für manche Kundinnen war Ryder selbst ebenfalls ein echter Blickfang. Er war charmant, hilfsbereit und ein außergewöhnlich talentierter Florist. Ryder war frisch vom College. Wenn er genug Geld zusammengespart hatte, wollte er um die Welt reisen und Gartenbau studieren. Bis dahin arbeitete er bei Pink’s Flowers, und ich konnte mich glücklich schätzen, ihn zu haben.
Ryder trat zum ersten Strauß. Es war ein hübscher Mix aus gelben Rosen und weißen Gänseblümchen, die aus einer knallgelben Kaffeetasse ragten. »Das ist der ›Ich mag’s, mit dir abzuhängen‹-Strauß. Ein dezentes Geschenk für jemanden, der’s nicht übertreiben will und klarstellen möchte, dass man noch in der entspannten Phase ist.«
Ich nickte. »Ja, das passt. Gelb ist perfekt für die ›Wir hängen miteinander ab‹-Phase.«
Er ging zum nächsten Strauß, einer geschickt arrangierten Mischung aus rosa Rosen, weißen Lilien und violetten Chrysanthemen in einer Glasvase. »Das hier ist der ›Ich glaube, da läuft was‹-Strauß – für jemanden, der noch nicht ›Ich liebe dich‹ sagen will, aber es auch nicht nicht sagen will.«
Ich verzog die Lippen, während ich versuchte, das zu verstehen. »Ich glaube, ich verstehe. Und ja, die Blumen passen exakt zu dieser Botschaft.« Ich lächelte ihn an. »Du hast dir wirklich Gedanken gemacht.«
Sein dunkler Pony fiel ihm in die Augen, als er nickte. In letzter Zeit trug er häufig eine grün-weiß gestreifte Beanie-Mütze, die gut zu seinen etwas längeren Haaren passte. »Ich wollte, dass wir für jede Beziehungsstufe etwas haben. Wenn jemand ein Geschenk machen will, aber nicht die falsche Botschaft senden und damit den ganzen Tag ruinieren möchte, soll er Auswahl haben. Kommunikation ist alles.«
»Sagt der, der fast ausschließlich über Textnachrichten und Facebook kommuniziert.«
»Touché. Aber das gilt nur bei Freunden. Blumen am Valentinstag sind etwas anderes.«
Ich richtete die rote Samtschleife am letzten Strauß. Er bestand aus dem klassischen Dutzend langstieliger roter Rosen, ergänzt durch zartes Schleierkraut und Farn. »Dann ist das hier wohl der ›Ich liebe dich, kann nicht genug von dir kriegen, sei für immer mein‹-Strauß.«
Er zeigte auf mich. »Perfekt. Ich hatte noch keinen guten Namen dafür. Obwohl er für die Kreidetafel zu lang sein könnte.«
»Sie sind wunderschön, Ryder. Die Kunden werden sie lieben.« Ich konnte ein neugieriges Grinsen nicht unterdrücken. »Und wenn ich fragen darf – welchen wirst du deiner neuen Flamme Cherise schenken?«
»Oh, das ist leicht. Wir sind noch in der Abhäng-Phase. Aber wir nähern uns dem ›Ich glaub, da läuft was‹-Strauß.«
Die Ziegenglocke an der Tür bimmelte, und Lola kam herein. »Wo läuft was? Worüber reden wir?« Meine beste Freundin Lola, die unermüdliche Flirterin, war beim ersten Treffen sofort Hals über Kopf in Ryder verknallt gewesen. (Sie neigte dazu, sich Hals über Kopf zu verlieben.) Doch sobald er Interesse zeigte, sprang sie emotional zurück und die Schwärmerei war vorbei. Da war ich zu dem Schluss gekommen, dass Lola mehr an der Jagd als an der Beute interessiert war. Doch mit Cherise, Ryders neuer Bekanntschaft, schien sich die Dynamik wieder zu verändern. Als ehemalige Wissenschaftlerin war es aus rein sozialwissenschaftlicher Sicht interessant zu beobachten. Nicht so sehr aus der Sicht einer besten Freundin, vor allem, wenn Lola wegen eines Mannes, den sie getroffen hatte, aufgeregt oder enttäuscht oder untröstlich war.
Lola steuerte den Tresen an und schenkte Ryder ein wohlüberlegtes Lächeln. Noch vor ein paar Wochen war sie in den Laden gestürmt, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Ryder hatte ihr Desinteresse ziemlich mitgenommen. An diesem Tag jedoch schlug sie extra mit den Wimpern, während sie ihn angrinste.
Lola trug immer Hüte. Sie hatte eine beeindruckende Sammlung – darunter einige ausgefallene, stilvolle Stücke aus ihrem eigenen Antiquitätenladen. In letzter Zeit allerdings hatte sie ebenfalls zu einer Beanie-Mütze gegriffen, ganz ähnlich wie Ryders. Sie hatte ihr rotes, lockiges Haar zu Zöpfen geflochten und trug eines ihrer typischen Konzertshirts – ein Vintage-Bon-Jovi – über einem langärmeligen Jerseyshirt, wodurch sie wie ein Teenager aussah. Ryder war vierundzwanzig, ein paar Jahre jünger als Lola, aber ich war mir ziemlich sicher, dass ihre Frisur- und Kleiderauswahl mit der Tatsache zu tun hatte, dass Cherise erst zwanzig war. Meine Freundin versuchte, ein paar Jahre auszulöschen, um mit der jüngeren Frau zu konkurrieren.
»Die sind hübsch«, meinte Lola zu den Sträußen, während sie sich auf einen der Hocker schwang.
»Ryder hat sie entworfen. Für jede Beziehungsstufe einen.« Ich deutete auf den Mix aus rosa Rosen und Lilien. »Das hier ist der ›Ich glaub, da läuft was‹-Strauß. Ich hatte ihn gerade gefragt, welchen er Cherise schenken will.« Manchmal stichelte ich ein wenig, um Lola aus der Reserve zu locken. Ryder wäre ein großartiger Freund für sie – höflich, freundlich, witzig. Und jetzt sah es so aus, als hätte sie ihre Chance verpasst. (Was vermutlich der Grund war, warum sie plötzlich wieder interessiert war.)
Ryders Gesicht verdunkelte sich etwas, und ich ärgerte mich über mich selbst, weil ich Cherise erwähnt hatte. Ich war eine neugierige Tratschtante. Aber mein kleiner Seitenhieb hatte meine Freundin sichtlich auf den Plan gerufen.
Lola sprang vom Hocker. »Ich bin mir nicht sicher, ob Cherise wirklich zu dir passt. Sie wirkt nicht besonders abenteuerlustig und du bist definitiv der abenteuerlustige Typ. Abenteurer steht bei mir zum Beispiel ganz oben auf der Liste, wie mein Gefährte sein sollte.«
Ryder lachte. »Gefährte? Klingt, als suchst du einen Gorilla. Und du unterschätzt Cherise. Sie ist sehr abenteuerlustig«, sagte er – allerdings ohne die nötige Überzeugung.
Ich hatte Cherise nur ein paar Mal getroffen, aber Lolas Einschätzung schien mir zutreffender. Sie war extrem schüchtern, aber stets penibel zurechtgemacht, als müsste jede Haarsträhne exakt sitzen. Ihre Winterschals passten immer farblich zum Rest des Outfits. Selbst Schmuck und Ohrringe waren perfekt abgestimmt. Und dann war da noch ihr ritualisiertes Meiden von Pfützen und Schneehäufchen auf dem Gehweg. Ganz zu schweigen davon, dass sie den Laden nicht betrat, wenn Kingston in der Nähe war.
Ryder strich sich die Haare aus dem Gesicht. Er schob leicht den Kiefer vor. »Tatsächlich hast du mich gerade dazu gebracht, meine Meinung über den Valentinstag zu ändern. Ich wollte Cherise den ›Lass uns weiter abhängen‹-Strauß schenken. Aber jetzt lege ich eine Schippe drauf – sie bekommt den mit den rosa Rosen.«
»Ooh, sehr mutig.« Lola zuckte mit den Schultern. »Mach, was du willst«, sagte sie schnippisch. »Mir doch egal.«
Anscheinend hatte mein Kommentar mehr als nur ein kleines Feuer entfacht. Ich war mir nicht sicher, ob ich mich dafür loben oder treten sollte. Ich entschied mich, einzugreifen und die Stimmung zu retten. Meine sozialwissenschaftlichen Beobachtungen waren für diesen Morgen weit genug gegangen.
»Ryder, könntest du bitte die Inventarliste fertig machen? Wir müssen bald an Frühlingsvasen und -gefäße denken. Und der Frühling kann nicht früh genug kommen. Meine Hände und Füße sind seit Monaten nicht mehr warm gewesen.«
»Klar, Boss.« Ryder schien das Gespräch auch leid zu sein. Er schnappte sich das Klemmbrett mit der Inventarliste und verschwand in den hinteren Teil des Ladens zu den Stahlregalen mit den Vorräten an Blumengefäßen.
Ich wandte mich Lola zu, die Ryder hinterhersah. Meine Krähe, die mehr als nur ein bisschen in Lola vernarrt war, hatte inzwischen die verschütteten Sonnenblumenkerne verspeist. Er hüpfte auf den Arbeitstresen, um so nah wie möglich bei ihr zu sein, damit sie keine andere Wahl hatte, als seinen Hinterkopf zu kraulen. Kingston hatte ein ganz eigenes Gurren entwickelt, das er nur von sich gab, wenn Lola ihn kraulte. Ich nannte es das Lola-Schnurren.
»Ich füttere ihn. Ich reinige seinen Käfig. Ich sorge für Spielzeug und Leckerlis und nicht ein einziges Mal habe ich diesen Laut gehört. Er ist völlig vernarrt in dich.«
»Wenigstens einer.« Lolas Mundwinkel senkten sich. »Ich hasse den ganzen Februar.«
»Ich erwarte auch keinen großen Strauß, aber mich siehst du nicht in Selbstmitleid versinken.« Ich nahm den gelben Rosenstrauß und trug ihn zum Schaufenster.
Lola folgte mir. »Was für ein Dummkopf würde der Besitzerin eines Blumenladens Blumen schenken?«
»Schon richtig, aber du ignorierst absichtlich den eigentlichen Punkt.« Ich stellte das Arrangement ins Fenster und ging zurück, um den nächsten Strauß zu holen. Lola war mir dicht auf den Fersen.
Ich schnappte mir die Vase mit den rosa-weißen Blumen und ging zurück zum Fenster, meine bedröppelte Freundin wie ein Schatten hinter mir. Ich erwartete halb, dass sie mir gleich wie Nevermore um die Füße wuselte.
»Und was ist der eigentliche Punkt?«
Ich drehte leicht genervt um. »Dass es ein alberner Tag ist, der erfunden wurde, um die Wirtschaft anzukurbeln. Die Leute geben Geld für Blumen, Schokolade und Karten aus, um jemandem zu zeigen, dass sie ihn mögen. Es ist wirklich kein Drama, wenn man keine großen Pläne hat oder niemanden, mit dem man Valentinskarten austauschen könnte.«
Lola stemmte die Hände in die Hüften. »Also, wenn eine große herzförmige Schachtel Pralinen hereinschneien würde, samt einem Strauß bunter Ballons mit der Aufschrift ›Pink, sei mein Valentinsschatz. In Liebe …‹« Sie hielt inne und schien mein Gesicht zu mustern, während sie entschied, ob sie fortfahren sollte oder nicht. Mein Ausdruck war vermutlich deutlich, aber offenbar war sie selbst etwas gereizt. Sie wedelte mit dem Arm zur Tür. »In Liebe, James. Oder: In Liebe, Dash. Würdest du dann keinen kleinen Freudentanz aufführen?«
»Doch, klar. Ich liebe Schokolade.«
Lola schnaubte. »Du kannst manchmal echt stur sein. Wie auch immer – ich muss zurück auf die andere Straßenseite. Meine Eltern haben mir zwei große Kartons mit alten Dachbodenfundstücken geschickt – irgendwo von der Ostküste. Ich muss das alles durchsehen und bepreisen.«
»Viel Spaß mit deinen Reliktkisten«, rief ich, als Lola durch die Tür verschwand.
Kapitel 3
Es war ein ruhiger Morgen, und ich hatte Ryder früher in die Mittagspause geschickt. Er hatte das Frühstück ausgelassen und spürte inzwischen die Folgen eines leeren Magens. Meine Beine wurden vom Hocken müde, also setzte ich mich auf den gefliesten Boden, um die unteren Regalfächer der Arbeitsinsel zu ordnen. Irgendwie war dieser Bereich – viel zu niedrig, um ihn bequem zu nutzen – zur Sammelstelle für alle unsere übrig gebliebenen Bänder und Seidenpapiere geworden. Ich fand sogar ein paar Zweiglein Schleierkraut, die noch frisch genug waren, um sie in ein Bouquet einzuarbeiten.
Der stille Laden und die monotone Aufgabe, Bänder und Papier zu sortieren, gaben mir Zeit zum Nachdenken – was nicht immer von Vorteil war. Lolas imaginäres Szenario meines Valentinstags brachte mich dazu, über meinen eigenen traurigen Beziehungsstatus zu grübeln. Nach meiner stürmischen Romanze und der kurzen Verlobung mit Jacob Georgio, dem reichen Erben und heutigen Geschäftsführer von Georgio's Perfume, war mein Herz zwar angeschlagen, aber nicht ganz gebrochen, und meine Hoffnung auf ein Happy End hatte einen leichten Knick bekommen. Erfüllung fand ich seitdem in meinem Laden, in meiner Unabhängigkeit und in meiner neuen Heimatstadt. Aber ich konnte nicht leugnen, dass mein Herz sich gelegentlich nach etwas mehr sehnte.
Ich war tief in diesen Gedanken versunken und versuchte herauszufinden, ob meine Beziehung zu Detective James Briggs über das gemeinsame Interesse an Kriminalfällen hinausging, als die Ziegenglocke an der Tür bimmelte. Ich wischte mir die Hosenbeine sauber, während meine Gedanken plötzlich zu den vielen flirtenden Momenten mit Dash abschweiften. Wie an diesem Morgen, obwohl ich in einem unförmigen Bademantel gesteckt hatte.
»Hallo?«, rief eine Stimme und riss mich aus meinen Gedanken. »Pink?«
Ich schob die Bänder, die ich auf dem Schoß hatte, zurück ins Regal und erhob mich. »Hazel! Ich hätte wirklich nicht mit dir gerechnet.«
Hazel zog ihre Wintermütze ab, wodurch ihr babyfeines Haar in alle Richtungen abstand. »Du meinst, du wusstest nicht, dass wir in der Stadt sind?« Sie streckte die Arme aus, während ich um die Insel herumging, um sie herzlich zu umarmen. Wir hielten uns einen Moment lang fest. Dutzende Erinnerungen kamen hoch.
Kolibri. Das war das eine Wort, das mir immer in den Sinn kam, wenn Hazel Bancroft einen Raum betrat. Sie war eine kleine, zierliche Frau, die mit der Energie eines Kolibris durch die Verwaltungsbüros von Georgio's Perfume schwirrte. Offiziell war sie Jacobs Assistentin, aber das hielt sie nie davon ab, jedem unter die Arme zu greifen, der Hilfe brauchte. Ich war überzeugt, dass sie Zuckerwasser in ihrer Thermoskanne hatte – statt nach dem Mittagessen in ein Tief zu verfallen, wie normale Menschen, schwirrte Hazel danach nur umso geschäftiger herum. Sie konnte selbst die größten Multitasker im Multitasking übertreffen. Ich hatte gesehen, wie sie während einer normalen Kaffeepause einen Bericht fertigstellte, Donuts und Muffins nach den Allergien der Belegschaft sortierte, den Konferenzraum vorbereitete und die Tagesordnung ausdruckte und verteilte – und dabei immer ein Lächeln im Gesicht hatte.
Wir lösten uns voneinander, und ich trat einen Schritt zurück, um sie anzusehen. Hazel und ich hatten beide mit schwierigen Haaren zu kämpfen – allerdings an entgegengesetzten Enden des Spektrums. Ich kämpfte mein Leben lang gegen Locken an, während Hazel seit ihrer Kindheit unter Haaren litt, die so glatt waren, dass kein noch so grausames Lockengerät ihnen auch nur eine Welle entlocken konnte. Hazel hatte strahlend blaue Augen, die durch ihre großen Brillengläser noch mehr zur Geltung kamen, und ihre Leidenschaft für knallbunte Pullover war offenbar ungebrochen. Der pink-grüne, den sie an diesem Tag gegen die Morgenkälte trug, war so grell, dass meine Augen fast tränten.
»Du bist keinen Tag gealtert«, stellte ich fest.
»Und du bist immer noch viel zu nett.« Ihr Blick wanderte zu dem Platz vor dem Fenster, wo Kingston sich postiert hatte, um die Vögel in den Bäumen zu beobachten. Nach dem Schneewinter kehrten langsam die ersten Zugvögel in die Stadt zurück. Die Bäume begannen, an ihren dünnen Ästen erste Knospen zu treiben – eine Einladung an die gefiederten Freunde zurückzukehren.
»Wie ich sehe, hast du Kingston immer noch.« Hazel trat ein paar Schritte näher, aber nicht zu nah. Meine Kollegen bei Georgio’s wussten, dass ich eine Krähe als Haustier hatte. Tatsächlich war Kingston mein Bildschirmschoner gewesen. Aber nur wenige hatten ihn je persönlich gesehen. Die wenigen Male, in denen ich Kollegen zum Abendessen eingeladen hatte, hatte ich darauf geachtet, dass Kingston im Schlafzimmer eingesperrt blieb. Im Gegensatz zu meinen Freunden in Port Danby hätten sich meine Freunde aus der Stadt nicht an einer Krähe erfreut, die sie beäugte, während sie an Erdnüssen naschten.
»Was bringt dich nach Port Danby?« Eine völlig logische Frage, aber Hazel wirkte überrascht.
»Ich hätte gedacht, die Nachricht wäre schon in der ganzen Stadt verbreitet. Wir sind wegen eines Fotoshootings hier. Ich wusste, ich hätte dir eine E-Mail schicken sollen. Ich dachte einfach, Jacob würde dich kontaktieren.«
»Moment mal. Jacob? Fotoshooting? Du meinst —«
»Genau, das ganze Team ist da. Lydia mit ihrem Fotografenteam. Autumn und Jasper sind immer noch die Gesichter von Georgio's Perfume.« Sie rahmte ihr Gesicht mit den Händen und lächelte fotoreif. »Und Alexander natürlich. Er ist immer noch der Location-Scout. Er hat deine Instagram-Fotos von diesem unheimlichen alten Anwesen und dem tollen Leuchtturm gesehen. Er hat sie Jacob gezeigt. Und der entschied, dass Port Danby der perfekte Ort für den Dreh sei.« Sie hob vielsagend die Brauen, ganz im Stil einer Mutter.
»Spar dir diesen Blick, Hazel. Den kenne ich nur zu gut von meiner Mutter. Mindestens ein halbes Dutzend Mal zu Weihnachten. Die Verlobung ist vorbei und ich habe nie zurückgeschaut. Und Jacob sicher auch nicht. Hast du in deiner letzten E-Mail nicht angedeutet, dass er jetzt mit Autumn zusammen ist?«
Hazel nickte niedergeschlagen. »Leider scheint das zu stimmen.« Sie setzte einen mitleidigen Blick auf, inklusive schräg gelegtem Kopf.
»Im Ernst, Hazel. Ich habe hier ein Leben, ein wunderbares noch dazu. Ich denke kaum je an meine Zeit mit Jacob.« Hazel war eine der wenigen gewesen, die wirklich traurig über unsere Trennung war. Sie hatte mitbekommen, dass das Ende dieser Beziehung mich dazu brachte, beruflich neue Wege zu gehen – Wege, die mich direkt nach Port Danby und zu Pink’s Flowers führten. Hazel und ich hatten uns lange per E-Mail ausgetauscht, doch der Kontakt war mit der Zeit abgeflaut. Hazel hatte nie geheiratet. Obwohl sie über vierzig war, wohnte sie noch immer im kleinen Hinterhaus ihrer Eltern. Sie war sechs Monate lang mit Ruben, dem Lagerleiter, zusammen gewesen, doch irgendetwas veranlasste sie, schnell Schluss zu machen. Sie sagte nie, was es war, was wahrscheinlich ein Fehler war, denn es lud natürlich viele Leute zu wilden Spekulationen ein. Doch bei Hazel hätte es genauso gut daran liegen können, dass Ruben unhöflich zu einem Kellner oder Türsteher war. Hazel war stolz darauf, freundlich und positiv zu sein und von allen gemocht zu werden.
Ich musste das Thema wechseln. »Wie aufregend, dass meine Instagram-Fotos Alexander zu Port Danby inspiriert haben. Das Hawksworth Manor ist zwar etwas heruntergekommen, aber es hat so viel Charakter … und Geschichte.«
»Und ob.« Hazels Augen hinter den Brillengläsern wurden groß, ein Ausdruck, der sofort nostalgische Gefühle in mir auslöste. Es fühlte sich an wie früher, wenn wir über dies und das plauderten. »Ich habe ein paar Artikel über das Anwesen gelesen.« Sie war klein, aber leichtfüßig, und hüpfte wie ein Häschen auf einen der hohen Hocker. »Schreckliche Dinge sind da passiert. Ein Mann hat seine ganze Familie ermordet, inklusive der Kinder. Wer kann da noch sagen, dass Geld glücklich macht? Meistens bringt es nur Intrigen und Familiengeheimnisse mit sich.«
»Ja, und dieser Fall hat mehr Geheimnisse, als ich zählen kann.«
Hazel kniff die Augen zusammen. »Ich wette, du steckst bis zum Hals in dieser Geschichte. Ich erinnere mich noch, wie sehr du Kriminalrätsel mochtest. Und ich habe ein wenig über deine Abenteuer in der Zeitung gelesen – du und deine Millionen-Dollar-Nase.«
Ich winkte die Schmeichelei ab und wechselte das Thema. »Fotografiert ihr drinnen? Das Haus ist nicht gerade sicher – und die Treppen erst recht nicht.«
»Warst du schon mal drin?«
»Oh, äh, ich habe mal einen kurzen Blick gewagt. Es endete im Desaster. Es war stockdunkel, und der Türknauf fiel ab.« Ich dachte kurz an jenen Morgen zurück, als Dash mich aus dem Haus befreit hatte.
»Hast du mir nicht mal erzählt, dass du panische Angst im Dunkeln hast? Ich erinnere mich noch, wie du sagtest, du hättest beinahe dein ganzes Wohnhaus abgefackelt – nur wegen ein paar Kerzen, als der Strom ausfiel.«
Mein Gesicht wurde heiß. »Ja, ich gebe zu, ich bekomme immer noch Panik, wenn es stockfinster ist. Aber genug davon. Also: Lydia baut ihr Equipment draußen auf? Was ist mit diesem hässlichen Maschendrahtzaun, den die Stadt aufgestellt hat, um Eindringlinge fernzuhalten?«
Hazel zwinkerte. »Du meinst solche überneugierigen Blumenladenbesitzerinnen? Der Bürgermeister hat erlaubt, dass wir den Zaun für das Shooting entfernen dürfen.« Sie sah sich im Laden um. »Dieser Ort ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Du hattest schon immer ein gutes Auge für Farbe und Stil.« Sie atmete tief den blumigen Duft ein. »Und eine feine Nase für Düfte.« Sie stützte sich mit den Armen auf die Theke. »Und – setzt du deine Millionen-Dollar-Nase hier in Port Darcy eigentlich gut ein?«
»Danby.«
»Oh, richtig. Was hab ich gesagt?«
»Du hast Darcy gesagt.«
Hazel lachte, griff in ihre Manteltasche und zog ein gefaltetes Blatt Papier heraus. »Das liegt daran, dass ich gerade an Darcy gedacht habe. Genauer gesagt: an Mr. Darcy. Ich habe das in der Bäckerei nebenan mitgenommen. Köstliches Gebäck übrigens.«
Sie reichte mir den Flyer.
Ich faltete ihn auseinander und breitete ihn auf der Theke aus.
»Verbringen Sie den Valentinstag mit Colin Firth, dem echten Mr. Darcy, auf der Terrasse vor der Sugar and Spice Bakery.«
Ich las es noch einmal, um sicherzugehen, dass ich nichts übersehen hatte.
»Schade, dass ich nächste Woche schon nicht mehr in der Stadt bin. Ich würde zu gern mit Mr. Darcy ein Gebäck genießen«, sagte Hazel seufzend.
Ich schüttelte den Kopf. »Ich verstehe das nicht. Erstens gibt es keine Terrasse – nur einen Gehweg. Und Elsie hätte mir sicher etwas davon erzählt. Ich werde sie darauf ansprechen.«
»Ihr seid also enge Freundinnen?«
»Ja, sehr.«
Hazel wirkte etwas traurig über mein entschlossenes Ja. Wahrscheinlich war ich für sie bei Georgio’s die engste Vertraute gewesen und sie hatte der Abschied härter getroffen als die anderen.
Ich nahm ihre Hand. »Lass uns zusammen zu Mittag essen, solange du hier bist.« Ich schüttelte den Kopf. »Ich kann kaum glauben, dass Jacob so lange auf dich verzichten kann. Was macht er bloß ohne dich?«
Hazels Gesicht verzog sich zu einem verwirrten Ausdruck. »Jacob ist mit uns hier – genau wie alle anderen.«
Mir blieb die Luft weg, als hätte mir jemand heftig auf den Rücken geklopft. »Jacob ist in Port Danby?« Meine Stimme brach – mein Hals war plötzlich trocken. »Ach so. Ich verstehe.«
Hazel kannte mich gut genug, um meine überrumpelte Reaktion zu erkennen – trotz meines kläglichen Versuchs, sie zu verbergen.
Diesmal war sie es, die meine Hand drückte. »Ich muss zurück zum Drehort. Komm doch bald vorbei und sag Hallo.«
Kapitel 4
Ryder kam weniger hungrig – und weniger gereizt wegen Lolas morgendlichem Besuch – vom Mittagessen zurück. Es war nicht meine Sache, zu fragen, aber ich nahm an, dass er sich in seiner Pause mit Cherise getroffen hatte. Meine Gedanken hingegen kreisten um die Nachricht, dass meine alten Freunde und mein Ex-Verlobter in der Stadt waren, um Werbefotos für Georgio's Perfume zu machen. Ich hatte so gut wie nichts geschafft, also entschied ich, dass eine Keks-Pause bei Elsie Wunder wirken würde. Außerdem bot sich dadurch die Gelegenheit, sie wegen des Mr.-Darcy-Flyers zu fragen. Falls Colin Firth tatsächlich nebenan Gebäck essen würde, bräuchte ich schließlich ein neues Kleid. Allerdings war ich mir ziemlich sicher, dass der echte Mr. Darcy nicht so bald in Port Danby zum Tee erscheinen würde.
Ich zog nur meinen Schal an – ich traute mir die zwanzig Schritte bis zur Bäckerei zu, ohne mich in Lagen zu hüllen. »Ich geh schnell rüber zu Elsie und probiere ihre Karamellküsse, Ryder. Ich bring dir eine Kostprobe mit.« Ich warf mir das fransige Ende meines Schals über die Schulter.
Ryder stand am Spülbecken, wo er bis zu den Ellenbogen in Blumenerde steckte. »Kein Problem«, rief er über die Schulter. »Mit etwas Glück klingelt das Telefon nicht.«
Natürlich wussten wir beide, dass Murphys Gesetz verlangte, dass es genau in dem Moment klingeln würde, in dem ich den Laden verließ. Aber das hielt mich nicht von meiner Suche nach Karamellküssen ab.
Ich trat auf den Bürgersteig und bog in Richtung Bäckerei ab. Ein überraschter Atemzug blieb mir in der Kehle stecken, als ich Elsies Tische sah. Es war nicht Colin Firth, aber dafür Detective James Briggs. Er kaute gedankenverloren an einem von Elsies Cobblestone-Muffins, las die Zeitung und trank Lesters Kaffee. Wie üblich war sein markantes Kinn mit dunklem Stoppelbart bedeckt. Sein leicht zerzaustes Haar bewegte sich in der Nachmittagsbrise und kringelte sich charmant am Kragen seines schwarzen Mantels. Mit ein wenig Fantasie konnte ich ihn mir problemlos in einem Gehrock des 19. Jahrhunderts vorstellen, mit Krawatte und Zylinder – und das Bild gefiel mir sehr.
Tatsächlich war ich nie enttäuscht, James Briggs zu sehen. Besonders nicht nach einer längeren Pause. Nachdem er mich vor einem gefährlichen, mörderischen Verbrecher gerettet hatte – einem, der entschlossen war, mich endgültig zum Schweigen zu bringen – hatte ich ihn zu einem selbstgekochten Abendessen eingeladen. Es war ein ausgesprochen angenehmer Abend gewesen, wir hatten gelacht und über alles geredet, nur nicht über Mordfälle. Dieses dramatische Ereignis hatte uns enger verbunden als je zuvor. Eine Zeit lang schien es, als würden wir uns in Richtung mehr als nur Freundschaft bewegen. Aber nach dem schönen Abendessen wurde Briggs in die Nachbarstadt Chesterton geschickt, um einen illegalen Glücksspielring hochzunehmen, und ich stieg in ein Flugzeug, um Weihnachten bei meinen Eltern zu verbringen. Seitdem hatten uns unsere Jobs voneinander ferngehalten. Jetzt fühlte es sich wieder an wie ganz am Anfang. Was sich in den ersten Minuten unserer unbeholfenen Begrüßung schmerzhaft bestätigte.
Briggs sprang hastig auf, als ich mich dem Tischbereich näherte. (Ganz wie ein Gentleman des 19. Jahrhunderts.) Er ließ das letzte Muffinstück auf seinen Pappteller fallen.
»Bitte, Detective Briggs, bleiben Sie ruhig sitzen. Es ist schließlich nur ein Bürgersteig.«
Er wirkte leicht verlegen, und ich fühlte mich prompt ein bisschen schuldig wegen der Bemerkung.
Doch er setzte sich nicht wieder. »Eigentlich muss ich zurück ins Büro. Ich habe diese Kaffeepause ohnehin zu sehr ausgereizt.«
Einen merklich stillen Moment lang standen wir einfach nur da, sahen uns an und suchten nach einem Gesprächsthema.
Er fand zuerst eins. »Wie war Ihr Weihnachten?«
»Schön. Meine Eltern waren wie immer eine Mischung aus Comedy-Duo und Nervensägen, aber ich liebe sie. Und ich liebe besonders das Essen meiner Mutter. Mir war gar nicht bewusst, wie sehr ich es vermisst habe.« Ich klopfte mir auf den Bauch. »Ich glaube, ich trage ihr Bananenbrot noch immer mit mir herum. Und Sie? Ich hoffe, Sie mussten nicht während der ganzen Feiertage arbeiten?«
»Das hatte ich auch gehofft. Leider hat es nicht geklappt.« Ein schiefes Lächeln zog seine Mundwinkel hoch. Ich hatte es vermisst, das zu sehen. Und fragte mich kurz, ob er auch meines vermisst hatte.
»Das tut mir leid. Ist der Fall abgeschlossen?«
Er strich sich mit den Fingern durchs Haar und setzte sich den schwarzen Fedora auf, wodurch sich die Haarspitzen noch etwas mehr am Mantelkragen aufstellten. »Ja, ich bin wieder voll da – bereit, Port Danbys Straßen von Unheil und Schabernack zu befreien. Ich wusste ja, dass ich die Stadt in guten Händen hinterließ, das hat mich beruhigt, während ich in Chesterton war.«
»Ach stimmt. Officer Chinmoor hatte alles im Griff. Abgesehen von einem kleinen Vorfall mit einem Strafzettel vor dem Rathaus. Das wurde zur halben Staatsaffäre, aber ich denke, Chinmoor hat alle Parteien irgendwie beschwichtigt.«
Briggs’ volles Lächeln kam zum Vorschein. Es war beinahe noch charmanter als sein halbes. »Ich habe von dem Parkticket-Drama gehört. Aber um ehrlich zu sein, meinte ich gar nicht Chinmoor, als ich von guten Händen sprach. Ich meinte meine gelegentliche Assistentin – und ihre hochbegabte Nase.«
Ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss, und das freudige Kribbeln, das folgte, ließ sich nicht verhindern. »Aha – ich bin also offiziell zur Detective-Assistentin ernannt worden.«
»Ich denke, wenn man sein Leben aufs Spiel setzt, um einen Fall zu lösen, dann ist man das auf jeden Fall. Ich bin nur froh, dass in letzter Zeit niemand tot aufgefunden wurde. Apropos – haben Sie bei den Hawksworth-Morden weitergeforscht?«
»Nein, ich war zu beschäftigt. Aber ich plane bald wieder einen Besuch in der Stadtbibliothek, um die alten Zeitungsarchive zu durchforsten. Sie glauben also auch, dass die wahre Geschichte noch ungelöst ist?«, fragte ich aufgeregt. Meine Suche nach Karamellküssen führte mich zu lauter angenehmen Überraschungen, die nichts mit braunem Zucker und Butter zu tun hatten.
»Nun ja, wenn Hawksworth Linkshänder war, erscheint es sehr unwahrscheinlich, dass er sich mit der rechten Hand das Leben genommen hat. Die Waffe muss dort platziert worden sein. Und dann war da noch Officer Gilly, der seine Verwirrung über die Lage der Pistole erwähnte und plötzlich vom Fall und aus Port Danby abgezogen wurde. Ich glaube, Sie sind da etwas auf der Spur. Ich bin gespannt, wie Sie das Rätsel lösen.«
»Jetzt muss ich wirklich zurück in die Bibliothek.«
Ein Van rollte über die Harbor Lane und lenkte kurz unsere Aufmerksamkeit auf die Straße.
Alexander, der Location-Scout des Fotoshootings, lehnte sich aus dem Beifahrerfenster. »Hey Lacey! Komm mal vorbei!«
Ich winkte zurück.
»Kennen Sie die Leute, die am Manor Fotos machen?«, fragte Briggs.
»Ja. Aber ich wusste nicht, dass sie da sein würden. Bürgermeister Price hat meine Freundschaftsanfrage nie angenommen, deshalb krieg ich sowas leider nie mit.«
Briggs schüttelte leicht den Kopf. »Dieser Harlan Price ist ein sturer alter Esel. Ich war selbst noch nicht oben auf dem Maple Hill. Ich habe Chinmoor hochgeschickt, um zu sehen, ob sich alle an die Auflagen halten. Ich habe gehört, es handle sich um eine Parfümfirma. Mir war nicht klar, dass es Ihre ehemalige Firma ist.« Mehr sagte er nicht dazu. Er wusste aus Gerüchten – und aus meinen eigenen Andeutungen –, dass ich mal mit dem Erben einer Parfümfirma verlobt war. Aber er kannte nur vage Details und das sollte auch so bleiben.
»Ich will Sie nicht länger aufhalten, Detective Briggs. Ich gehe jetzt zu Elsie, um mich mit Keksen für den restlichen Arbeitstag wappnen. Es war schön, Sie wiederzusehen.«
Er blieb einen Moment länger als nötig stehen und sah mich mit diesen wundervollen dunklen Augen an. »Es war auch schön, Sie wiederzusehen, Miss Pinkerton.«
Kapitel 5
Elsies Bäckerei war ein Fest für Augen, Nase und Geschmacksknospen. Unter der gebogenen Glasvitrine auf der türkisfarbenen Theke türmten sich wie immer köstliche Leckereien. Und da der Valentinstag nur noch eine Woche entfernt war, arbeitete meine Freundin Elsie auf Hochtouren an süßen Köstlichkeiten für Verliebte. Rosa und roter Zuckerguss glänzte auf üppigen Cupcakes, Zuckerkekse in Form von X und O als Sinnbild für Umarmungen und Küsse, und in Schokolade getauchte Marshmallows reihten sich zu einer sündhaft verführerischen Parade auf der obersten Etage. Sie hatte sogar mehrstöckige Mini-Törtchen kreiert, jedes kunstvoll verziert mit Fondant und Buttercreme.
Elsie kam aus dem Lagerraum, die Arme voller flach gefalteter Gebäckschachteln. Sie war eine großartige Frau mit unerschöpflicher Energie. Aber heute lagen Schatten unter ihren Augen. Sie hatte versucht, Hilfe für die Bäckerei einzustellen. Es schien, als hätte sie mit Sandra – frisch von der Highschool – die Richtige gefunden. Die junge Frau wollte Konditorin werden. Doch Elsie war zu streng mit ihr, und schließlich ging Sandra tränenüberströmt.
»Pink, ich hab dich gar nicht reinkommen hören. Ich bin heute etwas zerstreut.« Sie ging direkt zur hinteren Theke und holte ein Blech mit Keksen hervor, die wie Bonbons geformt waren. Ihre Unterseiten waren mit Karamell und gehackten Pekannüssen überzogen.
Während sie das Blech abstellte, warf sie einen Blick durch das Fenster. »Detective Briggs war draußen und hat einen Muffin gegessen. Hast du ihn gesehen?« Ich wusste, dass sie das nicht nur aus Höflichkeit fragte. Sie hatte schon unzählige Male eine Romanze zwischen mir und Briggs heraufbeschworen – zumindest in ihrer Vorstellung.
»Wir haben kurz gesprochen«, antwortete ich betont kühl, als hätte mir nicht kurzzeitig der Atem gestockt, als ich ihn gesehen hatte.
Elsie legte zwei Kekse auf einen Pappteller und reichte ihn mir. »Oh?« Dieses kleine Wörtchen dehnte sie zu einem großen, neugierigen Fragezeichen.
»Wir haben hauptsächlich über die Hawksworth-Morde und das Fotoshooting beim Manor gesprochen.«
Die Rüschen an ihrer Schürze sackten zusammen, als ihre Schultern enttäuscht sanken. »Ich verstehe. Du denkst wirklich viel über diesen schrecklichen Mord-Selbstmord nach.«
»Er fasziniert mich.« Ich biss in den Karamellkuss. Der Keks war zartes, leichtes Braunzucker-Shortbread, umhüllt von reichhaltigem, buttrigem Karamell. Kleine Pekannussstücke gaben dem Ganzen einen angenehmen salzigen Biss. »Genial, wie immer, meine Liebe. So lecker. Den zweiten bringe ich Ryder mit.« Ich aß den Keks auf und tupfte mit dem Finger die restlichen Krümel vom Teller. »Lecker. Ich wollte dich noch etwas fragen, Elsie.« Mein Blick schweifte die Glasvitrine entlang zu Elsies Kasse. Neben dem Trinkgeld-Glas lag ein Stapel Mr.-Darcy-Flyer.
Ich ging hinüber und hob einen davon auf. »Hast du mir da etwas verschwiegen? Du kennst Colin Firth und hast ihn tatsächlich überredet, hier draußen mit einer Schar Bewunderinnen Valentinsgebäck zu genießen –« Ich räusperte mich. »Auf der Terrasse, auch bekannt als: Gehweg der Innenstadt?«
Elsie zog die Lippen ein – ein Zeichen, dass gleich ein Geständnis folgen würde. »Naja, wenn du den Flyer wörtlich nimmst …«
»Tu ich nicht, weil ich weiß, dass du es mir längst ein Dutzend Mal erzählt hättest, wenn du mit Colin Firth befreundet wärst. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass andere das wörtlich nehmen werden. Eine Freundin von mir – sie ist wegen des Shootings in der Stadt – war schon ganz enttäuscht, weil sie dachte, sie würde ihr Valentinsdate mit Mr. Darcy verpassen, weil sie nicht mehr in der Stadt sein wird.«
»Ach, also gehört die Crew beim Manor zu deinen Freunden aus der Stadt. Ich wusste es! Ich hab den Namen Georgio's Perfume in Bürgermeister Prices Post gelesen und mich hundertmal gefragt, ob das die Firma war, bei der du gearbeitet hast. Ist er auch hier? Der Ex-Chef, Ex-Verlobte?«
»Wow – das war der schnellste Themenwechsel aller Zeiten. Mein Kopf dreht sich immer noch. Ja, es ist die Firma, bei der ich war, und ja, Jacob ist offenbar auch in der Stadt. Gesehen habe ich ihn aber noch nicht.« Ich hielt den Flyer hoch und tippte mit der freien Hand darauf. »Zurück dazu. Elsie, das kannst du nicht bringen. Das ist irreführende Werbung. Du wirst eine Schlange bis zur Küste und zurück entlang der Culpepper Road haben – lauter Verehrerinnen, die ihr echtes Valentinsdate sausen lassen, um mit Colin Firth alias Mr. Darcy Tee zu trinken. Ich weiß, Lester hat in unpraktisch-einladende Tische investiert, aber du kannst doch nicht —«
Elsie hob beschwichtigend die Hand. »Es ist keine falsche Werbung. Mr. Darcy wird am Valentinstag bei meinen Kunden sein.« Sie öffnete die Klappe am Ende der Theke und winkte mich durch. Der Lagerraum roch intensiv nach Zucker, Melasse und Vanille und mir wurde leicht schwindlig.
Elsie öffnete die Tür zum Geräteschrank am hinteren Ende des Raums und verschwand für einen Moment. Als sie zurückkam, hielt sie einen übermannshohen Pappaufsteller in den Händen – von niemand Geringerem als Colin Firth als junger Mr. Darcy.
Stolz stellte sie sich hinter die Figur. »Ta-da!«
Ich blinzelte, zu verblüfft, um etwas zu sagen.
Elsie lugte hinter Darcys Schulter hervor. »Na, was sagst du?«
»Ich sage, wenn du nicht klarstellst, dass Mr. Darcy nur aus Pappe ist, wirst du eine Menge enttäuschter Kunden haben.«
Elsie winkte mit der Hand an Mr. Darcys Gesicht vorbei. »Ach was. Die werden doch wohl nicht denken, dass der echte Mann kommt. Er ist ein großer Filmstar.« Sie stellte den Papp-Darcy zurück in den Schrank und schloss die Tür.
Ich starrte sie an und überlegte, wie ich ihr schonend beibringen könnte, dass das vielleicht nicht so glatt laufen würde, doch ihre geröteten Wangen und das entschlossene Kinn sagten mir, dass sie davon überzeugt war, dass alles gut werden würde. Dieser Meinung war ich nicht.
Die Bäckereiglocke klingelte. »Oh, ein Kunde.«
Ich folgte Elsie hinaus. Lola war gerade dabei, Ryders Karamellkuss zu stibitzen. Sie leckte sich Karamell vom Finger. »Mmh, genau das hab ich gebraucht, nachdem ich mich durch staubige, stockfleckige Truhen mit alten Erinnerungen gewühlt hab. Übrigens, Pink, wenn du Zeit hast – ich hab ein paar Fotos in einer alten Kiste gefunden, die könnten dich interessieren.«
»Gern, aber ich muss jetzt zurück zur Arbeit. Elsie, darf ich Ryder ein Keks-Pröbchen mitnehmen?« Allein die Erwähnung seines Namens ließ Lola genervt mit den Augen rollen. Ich wollte sie schon fragen, warum, hielt mich dann aber lieber zurück. Lola brauchte selten einen Anstoß, um ihre Meinung zu äußern.
»Ehrlich – Ryder hat keine Ahnung, worauf er sich mit dieser schnippischen, überkandidelten Cherise einlässt«, sagte sie mit perfektem Tonfall einer eifersüchtigen Sechzehnjährigen.
Elsie warf mir einen geheimnisvollen, wissenden Blick zu, während sie mir den Keks reichte.
»Warum kümmert es dich überhaupt, Lola? Heute Morgen hast du noch behauptet, es sei dir völlig egal, was er tut.«
»Ist es auch. Vergiss es. Was ziehst du nächsten Dienstag an?«, fragte Lola und lenkte das Gespräch eilig von Ryder fort.
»Nächsten Dienstag?«
»Na, wenn Mr. Darcy mit uns Cupcakes teilt.«
Diesmal war ich es, die Elsie einen ›Hab ich dir doch gesagt‹-Blick zuwarf.
Ich wartete darauf, dass Elsie das Missverständnis aufklärte, aber sie schwieg.
»Elsie, darf ich ihr vom Mr. Darcy im Schrank erzählen?«
Lolas Mund klappte so weit auf, dass locker ein ganzer Cupcake samt Frosting hineingepasst hätte. »Du meinst, Mr. Darcy ist … du weißt schon … im Sinne von Coming out of the closet?«
»Nein. Er ist nicht homosexuell. Er ist buchstäblich im Schrank. Elsies Geräteschrank, um genau zu sein.«
Elsie hatte schließlich Mitleid mit der sichtlich verwirrten Lola. »Oh, Lola, du glaubst doch nicht im Ernst, dass der echte Colin Firth nach Port Danby kommt, um Cupcakes zu essen«, sagte sie mit einem genervten Unterton. »Ich habe diesen wundervollen lebensgroßen Pappaufsteller von Mr. Darcy auf Ebay gefunden und für den Valentinstag gekauft.«
Lola rollte nur mit den Augen in meine Richtung, ohne den Kopf zu bewegen. »Das ist jetzt ein Scherz, oder?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Ich hab ihn gesehen. Er ist tatsächlich wundervoll, lebensgroß – und definitiv aus Pappe.«
Lola sackte enttäuscht zusammen. »Und ich dachte, mein Valentinstag wäre endlich mal gerettet – ausnahmsweise kein deprimierender Tag des Jahres.«
Ich warf Elsie einen zweiten ›Hab ich dir doch gesagt‹-Blick zu. Vielleicht war es übertrieben. Elsies Gesicht verzog sich missmutig, und sie reichte mir ohne ein weiteres Wort einen Keks für Ryder.
»Ihr beiden habt offenbar genug Zeit, euch um alberne Feiertage zu kümmern – ich hab eine Bäckerei zu führen.«
Lola sah mich wieder verwirrt an, als wir gemeinsam den Laden verließen. »Sie wirkt sauer«, murmelte sie. Und dann lauter, als sich die Tür der Bäckerei hinter uns schloss: »Sollte nicht ich sauer sein? Ich war’s doch, die sich heute Morgen vorgestellt hat, in einem Baumwollkleid über die Terrasse zu wirbeln wie eine kokette Regency-Lady – träumerisch seufzend, während Mr. Darcy an seinem Scone knabbert!«
Ich ging mit ihr bis zum Gehwegrand. »Ich mache mir Sorgen, dass das für sie nach hinten losgehen wird. Ich muss später nochmal zurück und mich entschuldigen, dass ich so direkt war. Und ich komm bei dir vorbei, um mir die Bilder anzusehen, sobald ich kann.«
»Ja, ich bin gespannt, was du dazu sagst.«
»Was ich wozu sage?«
»Wirst du schon sehen«, sagte Lola mit einem neckischen Lächeln.
Kapitel 6
Kingston kam von seinem nachmittäglichen Rundflug durch die Stadt einsam und niedergeschlagen zurück. Die wenigen Vögel, die bereits in ihre Frühlings- und Sommerbäume zurückgekehrt waren, waren zu klein und zu ängstlich, um mit einer Krähe wie ihm Spaß zu haben. Und die Möwen an der Küste wollten ebenfalls nichts mit Kingston zu tun haben. Am schlimmsten war jedoch, dass er scheinbar überhaupt kein Interesse daran hatte, sich mit anderen Krähen anzufreunden. Mein armer Vogel war ein sozialer Außenseiter. Ich beschloss, ihn mit einer frischen Ladung hartgekochter Eier aufzumuntern. Ich nutzte meine Nachmittagspause und machte einen Spaziergang zum Corner Market, einem randvoll gefüllten, perfekt organisierten Laden für alles an der Ecke von Harbor Lane und Pickford Way, direkt neben der Polizeistation von Port Danby und gegenüber von Franki’s Diner.
Ich ging an den getönten Fenstern der Polizeistation vorbei und warf einen Blick hinein. Detective Briggs’ Wagen stand vor dem Gebäude, was bedeutete, dass er drinnen im Büro saß und Papierkram erledigte. Ich wusste genau, dass er lieber draußen im Einsatz war als hinter einem Schreibtisch. Die halb geöffneten Jalousien gaben mir einen Blick auf die von Sonnenlicht gefleckte Rezeption. Hilda, die wunderbare Frau, die die Wache am Laufen hielt, hatte eine Girlande aus Papierherzen quer entlang des tristen grauen Tresens gehängt. Egal, welcher Feiertag anstand – Hilda versuchte immer ein bisschen Freude in das sonst so nüchtern eingerichtete Polizeirevier zu bringen. Ich ging an der Polizeistation vorbei und stieß auf ein viel fröhlicheres Gebäude, den immer geschäftigen Corner Market. Außen war der Laden mit weißer und blauer Farbe gestrichen, hellblaue Markisen spannten sich über die Rollwagen, die normalerweise mit frischem Obst und Gemüse beladen waren. An diesem Tag hatten die Besitzer, Gigi und Tom Upton, die Karren mit den letzten Zitrusfrüchten des Winters gefüllt – Mandarinen, Orangen und saftige Clementinen.
Ich blieb stehen, um ein paar Orangen auszuwählen, und atmete die würzigen, süßen und säuerlichen Gerüche ein, die aus dem Laden strömten. Ich war so auf die Auswahl der wohlriechendsten Früchte konzentriert, dass ich nicht bemerkte, wie sich die Tür öffnete und ein Kunde heraustrat.
»Lacey?«
Ich schaute von den Produkten auf. Offenbar erlebte ich einen dieser Tage voller unbequemer Begegnungen – angefangen mit meiner morgendlichen Robenparade, dann das etwas steife Gespräch mit Detective Briggs vor der Bäckerei. Nun stand ich dem Mann gegenüber, den ich beinahe geheiratet hätte und zu dem meine letzten Worte gewesen waren »Ich will dich nie wiedersehen«. Und doch standen wir jetzt hier, kaum einen halben Meter voneinander entfernt, beide sprachlos.
Jacob war einer dieser Männer, deren äußeres Erscheinungsbild sich nur schwer in feste Begriffe fassen ließ. Einige Merkmale waren eindeutig: Er war groß, über eins achtzig, und hatte beeindruckend breite Schultern. Doch seine Haarfarbe wechselte je nach Länge von hellbraun über braun zu dunkelbraun. Jetzt trug er die Seiten kurz rasiert, oben leicht stachelig – fast wie ein Teenager. Ein Dreißigjähriger, der versuchte, an seinen Zwanzigern festzuhalten. Auch seine Augen änderten je nach Licht ihre Farbe. Sie waren irgendwo zwischen Grau und Grün. Monate nach unserer Verlobung hatte ich entdeckt, dass seine Augen besonders grün leuchteten, wenn er log. Gegen Ende unserer Beziehung glichen sie zwei smaragdgrünen Edelsteinen, ein Stein, den ich seither mied. Seine Nase war merklich rot, was bedeutete, dass er an einer Erkältung litt. Und »leiden« war milde ausgedrückt für die Art, wie Jacob sich verhielt, wenn er krank war.
»Jacob.« Ich ließ die Orangen zurück auf den Wagen fallen. »Ich hab gehört, du bist in der Stadt.«
»Ja.« Seine knappe Antwort ließ eine weitere peinliche Stille entstehen.
Ich sah auf die Teeschachtel und die bärenförmige Flasche Honig in seiner Hand. »Grandma Georgios Wundermittel gegen Halsschmerzen?« Ich hatte mehr als nur ein paar Tee-Honig-Mischungen für ihn gebraut, wenn er sich unwohl gefühlt hatte.
Eine mentholhaltige Dampfwolke entwich seinem Mund, während er die letzten Reste eines Halsbonbons umherschob. Er zog den Schal enger um den Hals. »Ich hätte auf meinen Arzt hören und diese verfluchten Mandeln entfernen lassen sollen.«
Zumindest hatte ich das Gespräch in Bewegung gebracht und wir hatten die unangenehme Stille hinter uns gelassen. Auch wenn es um seine verflixten Mandeln ging.
»Ich werde viel zu oft krank. Gestern bin ich mit Halsschmerzen aufgewacht, und diese feuchte Küstenluft macht es nicht besser.« War er schon immer so empfindlich gewesen? Vielleicht hatte mich meine damalige Verliebtheit für seine vielen Schwächen blind gemacht.
»Es ist ungewöhnlich, dass du bei einem Fotoshooting persönlich auftauchst. Was hat dich dazu bewogen, diesmal mitzukommen?« Ich überlegte, ob ich auf eine bestimmte Antwort hinauswollte. Aber tatsächlich konnte ich mich an keine einzige Kampagne erinnern, bei der er selbst mitgereist war. Meistens schickte er eine Assistentin wie Hazel mit, um sicherzustellen, dass alles reibungslos lief.
»Ehrlich gesagt brauchte ich eine Pause vom täglichen Geschäftstrott.«
»Ach ja. Ich habe gehört, dass du jetzt das Sagen hast. Das macht das Leben sicherlich anstrengender. Obwohl, ich leite auch ein Geschäft, und ich liebe es.«
Seine Mundwinkel verzogen sich leicht nach unten. Offenbar enttäuschte ihn meine Begeisterung. »Du bist also glücklich?«
»Sehr.«
Er nickte kaum merklich. »Ich freue mich für dich, Lacey. Du hast es verdient.« Zum ersten Mal seit unserer Trennung hörte ich so etwas wie echte Reue in seiner Stimme. Als ich ihn mit seiner Untreue konfrontiert hatte, war er nur wütend und defensiv gewesen, aber nie reuig. Es war sowohl befriedigend als auch ein wenig traurig, ihn jetzt so zu sehen. Besonders, da er mit der Erkältung so elend wirkte.
»Danke, Jacob. Ich wünsche dir auch alles Gute. Wirklich.« Irgendwie schafften wir es, eine kurze, steife Umarmung zustande zu bringen. Er balancierte den Tee in einer Hand, den Honig in der anderen, aber er schien entschlossen, es durchzuziehen. Als sich seine Arme um mich schlangen, bemerkte ich, dass da keine Gefühle mehr waren. Ich hätte jeden zufälligen Bekannten umarmen können und nicht den Mann, den ich einmal hatte heiraten wollen. Es gab nicht einmal den geringsten Anflug von Emotionen, Nostalgie oder Herzschmerz. Nur der vertraute Duft seines Parfüms, ein Duft, den er eigens von den Firmenchemikern hatte anfertigen lassen. Er war mir besonders vertraut, weil ich mitgeholfen hatte, den subtilen holzigen Duft zusammenzustellen. Es war eine Mischung aus Zedernholz und Zypresse, gefärbt mit der Zitrusnote von Bergamotteöl. Jacob und ich waren in dieser frühen Phase unserer Beziehung gewesen, als wir nervös waren und Schmetterlinge im Bauch hatten. Er war begeistert, dass seine Freundin tatsächlich sein Eau de Cologne kreieren würde, sodass ich es lieben würde. Und obwohl ich den Geruch wirklich mochte, hatte ich ihm nie gesagt, dass für jemanden wie mich jeder Duft überwältigend sein konnte.
Ein Auto rauschte vorbei, bog abrupt um die Ecke und wirbelte feinen Staub auf den Gehweg. Ich ließ Jacob los und blickte auf die Straße hinaus. Detective Briggs’ Wagen fuhr vorbei.
Ich hob die Hand zum Gruß, doch er hatte den Blick bereits wieder auf die Straße gerichtet. Sein Auto verschwand in nördlicher Richtung auf der Harbor Lane.
Jacob richtete sich auf und klammerte sich an Tee und Honig. »Ich gehe besser zurück zum Drehort. Es ist ein einzigartiges Setting. Ich denke, es wird funktionieren. Wir planen eine Art gotisches Konzept – passend zu unserem neuen Duft ›Ode to Love‹. Ich würde gern deine Meinung dazu hören. Wendy, unsere neue Parfümeurin, hat eine ziemlich gute Nase.« Er lächelte schwach. »Nicht die Lacey-Pinkerton-Millionen-Dollar-Nase, aber ich glaube, sie macht einen guten Job. Du solltest vorbeikommen. Hazel hat ohnehin allen erzählt, dass sie dich gesehen hat – du stehst quasi in der Pflicht.«
»Ich komme später vorbei, nach Ladenschluss. Mein Haus ist nur ein paar Gehminuten vom Hawksworth Manor entfernt.«
Er nickte. »Ich wette, das war ein Verkaufsargument für dich. Du mochtest schon immer Geistergeschichten und Spukhäuser. Und wenn es in diesem riesigen Mausoleum nicht spukt, dann verpassen die Geister hier was.« Seine Laune war deutlich besser als beim Verlassen des Marktes. »Es war wirklich schön, dich wiederzusehen, Lacey. Ich wünschte, wir hätten uns nicht im Schlechten getrennt.«
»Ich hab mich auch gefreut, mit dir zu reden, Jacob. Und ich bedaure es ebenfalls. Ich sehe euch alle später, oben beim Herrenhaus.«
Kapitel 7
Das Licht verblasste schnell, als ich den Myrtle Place nach Hause fuhr. Kingston hüpfte unruhig auf dem Beifahrersitz hin und her; er wollte so bald wie möglich auf seinen gemütlichen Schlafplatz. Neben den spitzen Türmen des Herrenhauses auf dem Maple Hill sah ich den Schein von Lydias Fotolichtern. Sie arbeiteten noch. Das war nicht allzu überraschend. Lydia war eine Perfektionistin. Sie fotografierte gern zu verschiedenen Tageszeiten, um das perfekte natürliche Licht für die Fotos zu finden.
Ich beschloss, Kingston nach Hause zu bringen und dann für einen kurzen Besuch den Hügel hinaufzugehen.
Die Sonne verschwand gerade hinter den Dächern der Stadt, als ich den Gipfel des Maple Hill erreichte. Meine Recherchen zu den Hawksworth-Morden hatte ich hauptsächlich in der Bibliothek und im Beweisraum der Polizeistation betrieben. Vor Ort war ich seit Monaten nicht gewesen – nicht seit meiner enttäuschenden, selbst geführten Tour durch das kleine Museum der Artefakte, das die Stadt im alten Gärtnerhaus des Anwesens eingerichtet hatte. Die steil geneigten Giebeldächer hatten noch weniger Schindeln als noch vor einigen Monaten. Und es war so viel Staub auf den verbleiten Fensterscheiben, dass es schwer war, sie von der Fassade zu unterscheiden. Einige der dicken, bauchigen Balustraden entlang des langen Balkons im zweiten Stock waren zerbrochen, sodass es aussah wie eine Reihe schiefer, fauliger Zähne. Die einzige Verbesserung war das Fehlen des Maschendrahtzauns um die Vorderseite des Hauses. Ohne diese Absperrung wirkte alles viel weniger trist.
Das Herrenhaus war vor über einem Jahrhundert hoch über der Stadt auf einem großen Grundstück errichtet worden, das groß genug war, um die sechs Lastwagen und Trailer unterzubringen, die für den einwöchigen Aufenthalt aufgestellt worden waren. Generatoren lieferten Strom. Das Unternehmen hatte nie Kosten gescheut, wenn es um das Marketing-Team ging. Zeitschriften-Strecken waren das Aushängeschild der Parfümbranche, und ein gelungenes Fotoshooting hatte oberste Priorität.
Lydias Team hatte große Reflektoren und Lichtanlagen aufgebaut. Sie selbst war noch über ihre Kamera gebeugt, als ich näherkam. Jacob war nicht zu sehen. Hazel saß auf den Stufen eines Trailers und aß einen Burger. Sie winkte mir zu.
Ich ging in weitem Bogen um die Fotoarbeiten herum, um niemanden zu stören. Jasper und Autumn, das atemberaubend wunderschöne Paar, das in den letzten drei Jahren das Gesicht von Georgio's Perfume gewesen war, waren in einer romantischen Umarmung, während Lydia Anweisungen für verschiedene Posen ausrief.
Ich setzte mich neben Hazel auf die Stufe, und sie bot mir einen frittierten Zwiebelring an. »Ich freu mich so, dass du gekommen bist. Sie sind fast fertig, also geh nicht, bis du die Chance hast, Hallo zu sagen.«
Der Zwiebelring war kalt, aber er erinnerte mich daran, dass ich noch nichts zu Abend gegessen hatte. »Ich sehe Jacob nicht. Geht es ihm schlechter?«
Hazel beugte sich zur Seite, um mich auf der schmalen Stufe anzusehen. »Woher weißt du, dass er krank ist?«
»Er hat wohl nicht erwähnt, dass wir uns im Corner Market über den Weg gelaufen sind. Er hat Zutaten für Grandma Georgios Wundermittel gegen Halsschmerzen gekauft.«
Hazel lachte und stieß mich an. »Ich find’s zu komisch, dass er das so nennt, als wäre es ein besonderes, revolutionäres Heilmittel. Dabei gibt es wohl keine Grandma auf der Welt, die nicht bei Halsschmerzen Tee mit Honig empfiehlt.«
Ich lachte. »Wahrscheinlich ist das das erste Rezept im offiziellen Großmutter-Handbuch.« Wir lachten beide und ich griff mir noch einen kalten Zwiebelring.
»Und um deine Frage zu beantworten«, fuhr Hazel fort, »ja, es geht ihm schlechter. Er ist vor Stunden in seinem Wohnwagen eingeschlafen. Eigentlich haben wir Zimmer im Hotel gebucht, aber ich glaube, wir alle schlafen heute hier.« Sie verdrehte die Augen. »Lydia will ein paar Sonnenaufgangsaufnahmen machen. Die Aussicht von hier oben ist wirklich wie von einer Postkarte.«
Ich blickte hinaus Richtung Küste, einige Meilen entfernt. Vom Maple Hill aus konnte ich die höchsten Masten in der Pickford Marina sehen. Etwas weiter rechts, mit viel Sucherei, erkannte ich die weißen Sandstrände von Pickford Beach. Der Horizont wurde durch eine Wand aus einfallendem Küstennebel verwischt.
»Lydia könnte vom Sonnenaufgang enttäuscht sein. Der Horizont sieht ziemlich unheilvoll aus. Das bedeutet normalerweise, dass die ganze Stadt mit einer schweren Nebeldecke aufwacht.«
»Du kennst ja Lydia. Sie wird das als Zeichen deuten, dass die Stimmung düsterer sein muss. Dann macht sie eben was Unheimliches draus.«
»Stimmt.«
Lydia Harris war eine Fotografin, die so brillant und schwer zu befriedigen war wie jede talentierte Künstlerin. Manchmal bekam sie Wutanfälle, wenn das Wetter nicht mitspielte und das Licht launisch war. Andere Male sah sie darin eine kreative Herausforderung. Sie war größer als der Durchschnitt – sicher eins achtzig – und hatte ihren eigenen Stil. An diesem Abend trug sie eine fließende, hauchdünne Tunika zu Lederstiefeln. Ihr langes Haar war hochgesteckt und wurde von mehreren metallenen Klammern gehalten, die quer verteilt hineingesteckt waren.
Hazel und ich beobachteten, wie sie das Shooting beendete. »Das war’s, Leute. Morgen früh geht’s los bei Sonnenaufgang.« Gemurmelte Missbilligung ging durch die Crew bei der Erwähnung eines frühen Starts.
Hazel seufzte. »Das heißt, irgendwer muss Jasper aus seinem Schlaftabletten-Koma holen.«
»Leidet er immer noch unter dieser schrecklichen Schlaflosigkeit?«
»Ich denke, sie ist schlimmer als je zuvor. Er nimmt Pillen, um tagsüber ein Nickerchen zu machen, und trinkt dann diese koffeinhaltigen Drinks, um wach zu bleiben.«
Lydia ließ ihre Assistenten aufräumen und kam mit einem breiten Lächeln auf Hazel und mich zu.
»Pink, ich hab gehört, du kommst vorbei.« Lydia war eine der Personen, die mich immer Pink nannten, und ich war mir nicht mal sicher, ob sie sich noch an meinen richtigen Namen erinnerte.
Ich sprang auf und umarmte sie.
Hazel reichte Lydia ihren Burger. »Mit Gewürzgurken und gebratenen Zwiebeln – wie du’s magst.« Haze, wie sie alle im Büro von Georgio's Perfume nannten, war durch und durch eine People Pleaserin. Klatsch und Tratsch waren ihr zwar nicht fremd (und bei Georgio’s gab es viel zu tratschen), aber sie sprach selten schlecht über Leute. Es sei denn, sie hätten es absolut verdient, wie Olivia aus der Buchhaltung, die zum Mittagessen ständig Fisch in der Lounge-Mikrowelle machte, auch nachdem Hazel ein hübsches, höfliches Schild angebracht hatte, in einem Ton, den Hazel für Büro-Memos perfektioniert hatte. Auf dem Schild stand: »Wenn möglich, bitte auf stark riechende Speisen wie Fisch verzichten.« Es hätte nicht subtiler und passiver sein können, aber Olivia schien es als Angriff zu verstehen und brachte daraufhin eine Woche lang täglich Fisch mit. Bis ihr endlich klar wurde, dass alle es vermieden, mit ihr zu Mittag zu essen. Selbst Rachel aus dem Marketing, ihre engste Vertraute, hatte sich zum Essen an ihren Schreibtisch verzogen.
Lydia packte ihren Burger aus. »Danke, Haze. Ich bin am Verhungern. Wir hätten Pink auch einen holen sollen.«
»Oh nein, ich kann nicht lange bleiben.«
»Komm, ich zeig dir, wer alles da ist.« Lydias Tunika bewegte sich wie Flügel, als sie Jasper und Autumn heranwinkte, beide in eleganter, schwarzer Abendkleidung. Autumn sah in ihrem eng anliegenden Paillettenkleid spektakulär aus. Sie hatte einen warmen Mantel angezogen. Autumn war in ihren frühen Zwanzigern mit reiner cremefarbener Haut und Augen, die die Hälfte ihres Gesichts einnahmen, während die andere Hälfte von vollen Lippen dominiert wurde. Sie hatte mehr Persönlichkeit und Charme als ihr männliches Gegenstück Jasper, aber sie neigte auch dazu, zu jammern, wenn ein Shooting zu lange dauerte. Für die Fotos war ihr Haar blond gefärbt worden, was sie etwas blass wirken ließ, aber es schien, als hätte der Visagist ihr einen Hauch Sommerbräune aufgesprüht, sodass es aussah, als käme sie gerade von einem Sommerstrand.
»Lacey, richtig?«, fragte Autumn, obwohl ich mir sicher war, dass sie meinen Namen kannte.
»Genau.«
Jasper schnaubte und schüttelte den Kopf. »Wie um alles in der Welt könntest du ihren Namen vergessen? Lacey ist eine Legende der Parfümindustrie.« Jasper sprang nach vorne, um mich zu umarmen.
Jasper Edmonton war das männliche Gesicht von Georgio's Perfume. Er war einer jener Männer, die viel mehr Zeit vor dem Spiegel verbrachten, als man für gesund oder normal halten würde. Es war nicht zu leugnen, dass er ein Blickfang war, vor allem herausgeputzt für ein Fotoshooting. Seine dunklen Brauen sahen aus, als wären sie über die kobaltblauen Augen gemalt, die von dichten schwarzen Wimpern umrahmt waren. Nase und Kinn waren so perfekt symmetrisch und im Einklang mit dem Rest von ihm, dass ich gehört hatte, wie sich Lydia, die Fotografin, beschwerte, dass sie seine Fotos einige Male optimieren musste, weil Jasper aussah, als wäre er aus einer Ken-Puppenform gemacht. Er war zu perfekt, um echt auszusehen.
Lydia, mit dem Auge einer Künstlerin, hatte jahrelang versucht, das Unternehmen dazu zu bringen, die Models zu wechseln, und sich darüber beschwert, dass Jasper und Autumn so attraktiv waren, dass sie langweilig waren. Ich musste zugeben, dass sie Recht hatte. Und wie so oft bei Menschen, die von der Natur mit Perfektion beschenkt worden waren, neigten sie dazu, eine Spur egozentrisch und wichtigtuerisch zu sein. Jasper war da keine Ausnahme.
»Also, Lacey, bist du wirklich glücklich in dieser winzigen, langweiligen Stadt?« Jasper betrachtete meinen Lockenkopf mit einem amüsierten Grinsen. »Sieht so aus, als hättest du den Kampf gegen das Küstenklima aufgegeben.«
»Ich finde, sie sieht bezaubernd aus«, warf Hazel ein.
Ich nickte ihr zu. »Danke, Hazel. Bezaubernd war nicht mein Ziel, aber ich nehme es.« Dann wandte ich mich wieder Jasper zu. »Ja, sobald ich gemerkt hatte, wie erfüllend es ist, mein eigener Boss zu sein, fand ich die Zeit vorm Spiegel reine Zeitverschwendung.«
Jaspers Mund verzog sich, und er war über meinen Kommentar sichtlich verärgert.
»Autsch«, meinte Autumn mit einem Lachen. »Na ja, ich werde in meinen Wohnwagen gehen und dieses blöde Kleid ausziehen.« Sie warf mir ein höfliches Lächeln zu und verschwand in einer Welle schwarzer Pailletten.
»Ich muss auch nach Hause«, sagte ich. »Meine Haustiere warten aufs Abendessen.«
»Du hast die Krähe also noch?“, fragte Lydia zwischen zwei Bissen.
»Natürlich. Und er ist so eigensinnig wie eh und je.«
Jasper blickte sich um. »Wie bist du überhaupt hergekommen? Ich sehe kein Auto.«
»Ich bin zu Fuß. Ich wohne den Hügel runter.«
»In einem dieser Minihäuser?«, fragte Jasper und machte sich nicht einmal die Mühe, seine Abneigung zu verbergen. Wenn möglich, schien er noch wichtigtuerischer geworden zu sein.
»Ja, Jasper, in einem dieser Minihäuser. Und ich war noch nie so glücklich. Gute Nacht alle miteinander.«
Ich ging den Hügel hinunter zu meinem winzigen, gemütlichen, wunderbaren Haus und dachte: Die Parfümindustrie habe ich ganz sicher nicht vermisst.