Leseprobe Racing to You | Eine spicy Enemies to Lovers Sports Romance voller verbotener Gefühle

1. Kapitel

Samstag, 14. Oktober

„Wenn du mich noch einmal in so eine peinliche Situation bringst, leg ich dich übers Knie und versohle dir den Hintern!“ Marc zischte das Versprechen über seine Schulter hinweg der jungen Frau zu, die hinter ihm in Deckung gegangen war. Für den Ärger, den sie verursacht hatte, hätte sie noch Schlimmeres verdient.

„Oh, damit forderst du mich nur heraus.“ Sie schmiegte ihre Kurven an seinen Rücken und beugte sich zu seinem Ohr. „Ich bin ein böses Mädchen gewesen. Willst du mich bestrafen?“

Ein Gast der Bar grölte. Über die Musik hinweg konnte Marc hören, wie jemand kicherte. Elaisa schien die Szene zu amüsieren. Schließlich musste sie sich keinem Faustkampf stellen. Die Art, wie sie sich an ihn presste, lenkte noch mehr Aufmerksamkeit auf die Szene.

Von ihrer Nähe wurde Marc peinlicherweise aus dem Konzept gebracht. Auch wenn sie tabu für ihn war, konnte er bei ihren unregelmäßigen zufälligen Zusammentreffen nicht übersehen, wie heiß sie war. Dass sie ihn jetzt mit ihren Reizen ablenkte, kam nicht wirklich überraschend. Doch bei einer Schlägerei sollte man auf seine Gegner konzentriert bleiben, um einen Angriff rechtzeitig zu bemerken.

Einer der drei Kerle, die sich mit ihm angelegt hatten, stürmte auf ihn zu. Marcs gezielter Kinnhaken schickte ihn zu Boden, wo er gleich lallend liegen blieb. Die beiden anderen Betrunkenen, die Marc daran gehindert hatte, Elaisa zu belästigen, wichen vor ihm zurück. Anscheinend war ihnen klar, dass sie in ihrem Zustand keine Chance gegen ihn hatten.

„Schlimm genug, dass ihr euch betrunken vor einer Frau danebenbenehmt“, schimpfte Marc. „Aber euch gleich zu dritt auf sie zu stürzen, sodass sie keine Chance hat, vor euch zu flüchten? Schämt euch!“

Die drei Männer wirkten nicht schuldbewusst. Anscheinend waren sie immer noch der Meinung, Elaisa wäre auf der Suche nach Abenteuer gewesen. Vermutlich dachten sie, die junge Frau hätte es darauf angelegt. Marc fragte sich ebenfalls, was sie in dieser heruntergekommenen Sportsbar zu suchen hatte. In ihrem knappen Outfit zog sie jede Menge Aufmerksamkeit auf sich. Und dank ihr kam er weder dazu, wie geplant seinen Frust in Alkohol zu ertränken, noch die Frau klarzumachen, die er vorhin an der Theke angesprochen hatte.

„Wie kräftig du bist! Da werde ich ganz schwach“, murmelte Elaisa in sein Ohr.

Ein Seufzen unterdrückend wandte er sich halb zu ihr um. „Nicht der richtige Zeitpunkt.“

„Lenke ich dich etwa ab?“ Ihre Stimme klang verspielt.

„Ich stehe nicht auf billige Betthäschen. Du machst es mir zu leicht.“ Oder vielleicht traf das auch nicht zu. Möglicherweise stimmte gerade etwas nicht mit ihm.

Seine Bettgeschichten entwickelten sich in letzter Zeit zu einer Katastrophe. Unnötigerweise hatte Marc seiner losen Affäre, seiner Fast-Freundin, keine Ahnung, wie er sie nennen sollte … Also, er hatte Greta vor einigen Wochen versprochen, sich von anderen Frauen fernzuhalten. Davor wäre er bestimmt auf dieses Spielchen eingestiegen. Er hätte Elaisas Situation für sein Vergnügen schamlos ausgenutzt.

Greta hatte das zwischen ihnen vor Kurzem beendet. Seit der Trennung fühlte er sich seltsam benommen und irritiert. Statt sich jeden Tag eine andere ins Bett zu holen, grübelte er zu viel nach. Darum fragte er sich auch jetzt lediglich, wie er Elaisa rasch helfen konnte, um zu seinem Bier zurückzukehren. Ganz offensichtlich wurde er langsam weich. Rasch schüttelte er Elaisa ab.

„Aber sonst ist noch alles intakt in deinem Oberstübchen?“, fragte sie und stemmte die Hände in die Hüften. Dass sie sich in dem engen Fetzen, der sich nicht Kleid nennen durfte, überhaupt bewegen konnte, war ein Wunder. Ihre braunen Augen blitzten und sie warf ihre lange dunkelbraune Mähne mit einer wütenden Kopfbewegung nach hinten. Kaum trat ihren Angreifern ein Retter entgegen, fand sie zu ihrer Kratzbürstigkeit zurück. „Jemandem wie mir bist du gar nicht gewachsen.“

„Ich nehme es gerne mit dir auf“, verkündete der Kerl, der die junge Frau zusammen mit seinen beiden Freunden belästigt hatte.

„Habt ihr immer noch nicht genug?“, blaffte Marc die Männer an.

Die Kerle wirkten, als wollten sie sich mit Marc anlegen. Der Mann, den Marc auf die Bretter geschickt hatte, kam taumelnd auf die Füße, sodass seine Freunde ihn stützen mussten. Ihre Augen funkelten angriffslustig. Die Hände hatten sie zu Fäusten geballt. Doch dann glitt ein überraschter Ausdruck über das Gesicht des einen Typen. Ganz offensichtlich hatte er Marc erkannt.

Verdammt! Marc beschloss, sich aus dem Staub zu machen, als sein Gegner in seiner Hosentasche nach seinem Handy fischte. Hastig zog Marc sich sein Basecap tiefer ins Gesicht. Er hasste es, wenn Bilder von ihm im Internet auftauchten. Zumindest wenn er in den dazugehörigen Berichten nicht gut wegkam. Vielleicht hatte er Glück und er war im Dämmerlicht der Bar nicht zu erkennen.

„Du musst dich entscheiden. Auf der Stelle!“, befahl Marc in Elaisas Richtung. „Entweder du verschwindest jetzt gleich mit mir oder du setzt dich alleine mit den betrunkenen Kerlen auseinander. Ich bin in drei Sekunden hier raus.“

„Die Gesellschaft in diesem Laden ist nicht nach meinem Geschmack“, erklärte sie und hängte sich bei ihm ein. Elaisas Stimme klang überheblich. Die Angst war fast nicht herauszuhören. Taffes Mädchen.

„Schönen Abend noch, Jungs.“ Mit wehmütigem Seufzen sah Marc zu dem halbleeren Glas Bier, das er am Tresen zurückgelassen hatte. Die Frau daneben, die kurz davor gewesen war, sich von ihm abschleppen zu lassen, wirkte nicht, als hielte sie ihn für einen Helden. Vielleicht störte sie die Art und Weise, in der Elaisa sich enger an seine Seite schmiegte.

Wäre dieser unausstehliche Wildfang nicht zufälligerweise die Tochter seines Chefs, hätte er sie jetzt einfach stehen lassen. Hatte er nicht bereits genug gelitten, als einer dieser verdammten Betrunkenen seinen ersten und einzigen Treffer an Marcs Kinn gelandet hatte? Wenigstens hatte Marc sein Gesicht wahren können, als er den anderen ein paar Sekunden später auf den Boden geschickt hatte.

„Bist du traurig, deine Freundin zurücklassen zu müssen, oder warum kannst du dich nicht von dem Laden trennen?“, fragte Elaisa. Sie grinste schadenfroh.

„Ich habe nur gerade überlegt, welchem der drei Kerle ich dich überlasse.“ Er wandte sich ab und trat mit ihr im Schlepptau ins Freie. „Wo musst du hin?“

„Dorthin, wo du auch hingehst. Ich will nicht riskieren, dass die Kerle mich erwischen.“

„Dann lass uns die Straße runtergehen. Mal sehen, ob wir eine Bar finden. Meine schlechte Laune verlangt nach einem neuen Bier.“

Ohne echtes Ziel lief er einfach weiter. Als Elaisa ihm auf ihren hohen Schuhen nachtrippelte und sich schließlich bei ihm unterhängte, hob er eine Augenbraue.

Sie bemerkte seinen Blick. „Anders krieg ich dich bestimmt nicht dazu, langsamer zu marschieren.“

Aus einem ersten Impuls heraus wollte er sich losreißen, doch dann drosselte er sein Tempo.

„Warum hast du dich mit den Typen angelegt?“

„Ich?!“ Ihre Stimme überschlug sich. „Die waren der Meinung, sie hätten eine Chance bei mir! Ich habe sie nicht aufgefordert, sich wie Höhlenmenschen auf die Brust zu trommeln, um zu zeigen, wie männlich sie sind. Die haben sich dämlich benommen.“

„Du solltest besser auf dich aufpassen. Das hätte ganz schön ins Auge gehen können.“

Mit der freien Hand streichelte sie über seinen Oberarm und schmiegte sich enger an ihn. „Du hast mich doch gerettet. Was soll mir da schon passieren?“

Innerlich rollte er mit den Augen. „Dieses Mal war ich zufällig anwesend. Aber wenn du ständig in diesem Aufzug vor Fremden mit deinem Hintern wackelst, kann das auch mal schiefgehen.“

„Es spielt keine Rolle, was eine Frau trägt. Ein Nein ist ein Nein. Wer das nicht akzeptieren kann, gehört angezeigt.“

„Das stimmt, aber trotzdem …“ Wie sollte er ihr klarmachen, dass in dieser Welt leider viel zu viele Idioten und Ignoranten herumliefen, die sich nicht um Gesetz und Ordnung kümmerten? „Sei einfach froh, dass ich zufällig anwesend war.“

„Vielleicht schlage ich meinem Daddy vor, er soll dich zu meinem Bodyguard ernennen“, überlegte sie mit einem Lachen laut.

Diesen Vorschlag fand er gar nicht witzig. „Ich habe Besseres zu tun. Dein Vater bezahlt mich dafür, Rennen für sein Team zu gewinnen, falls dir das nicht klar sein sollte.“

„Na, dann wundert es mich, dass du noch nicht pleite bist.“ Naserümpfend ließ sie ihn los und lief weiter neben ihm her.

Ganz schön frech für jemanden, der ohne ihn immer noch von drei betrunkenen Männern belästigt werden würde … oder Schlimmeres. Er beschloss, ihren beleidigenden Kommentar zu ignorieren. „Ich meine es ernst. Wenn du Party machen willst, gibt es bessere, sicherere Orte.“

„Langweiligere. Benutz die richtigen Vokabeln.“ Elaisa schnaubte. „Diese Predigt muss ich mir sonst von meinem Vater anhören. Sie lässt dich furchtbar alt erscheinen. Dabei hattest du genaugenommen genauso wenig in dieser Bar zu suchen wie ich. Warst du auf Ärger aus?“

Das kam der Sache ganz schön gefährlich nahe. Hätte er nicht zufällig die Frau an der Bar kennengelernt, wäre eine Prügelei genau das gewesen, was er gebraucht hätte. „Darf ein Mann auf der Suche nach weiblicher Gesellschaft nicht machen, was er will?“, fragte er missmutig.

„Dann stimmt es wohl, dass du nicht mehr mit deiner Freundin zusammen bist.“ Ihre Augenbraue wanderte in die Höhe, während sie ihn musterte.

„Ich hatte keine Freundin“, blaffte er und beschleunigte seine Schritte ein wenig. Warum kam nicht endlich eine Bar in Sichtweite? Wieso war die Straße so dunkel, dass er Elaisa nicht mit gutem Gewissen einfach zurücklassen konnte?

„Scheint dir zu schaffen zu machen, dass dein Bruder nicht so lange gezögert hat, sich Greta zu schnappen.“

Abrupt blieb er stehen. „Woher weißt du das?“

„Man tratscht über diese Sache und mir bleibt so was natürlich nicht verborgen. Hast du vergessen, dass ich die Tochter des Teamchefs bin?“ Ihre Stimme klang amüsiert. Ob es ihr gefiel, ihn getroffen zu haben?

Er fixierte dieses seltsame Blau-Braun ihrer Augen, versuchte darin zu lesen. Aber aufgrund der vielen Schminke konnte er nicht mit Sicherheit sagen, was sie wirklich dachte. Bestimmt sah sie auch ohne diese Maskerade gut aus. Ob sie Kontaktlinsen trug, um diesen ständigen Wechsel ihrer Pupillen von Blau zu Braun zu erzielen?

„Das werde ich nie vergessen“, erklärte er schließlich. „Glaub mir.“

„Dann kannst du mir auch gleich verraten, was wirklich los ist. Ich erfahre es ohnehin als eine der Ersten.“ Sie musterte ihn eindringlich.

Als sie sich wieder bei ihm einhängte, wollte er seinen Arm wegziehen. Doch dann ging er einfach weiter. Eigentlich konnte sie nichts für seine Frustration. Leider war sie ihm heute zum falschen Zeitpunkt über den Weg gelaufen. Vielleicht war sie sogar recht nett, wenn man sie erst näher kennenlernte. Aber er würde ihr gegenüber nie unbefangen sein. Er durfte mit ihr nicht offen reden. Schließlich war nicht abzuschätzen, was sie alles zu ihren Vater weitertrug.

„Bist du eifersüchtig auf Greta und Thimo?“, stocherte sie weiter.

„Nein! So ein Blödsinn.“

„Warum hast du dann alles daran gesetzt, um ihn aus dem Team zu kicken?“, fragte sie neugierig. „Von außen hat es nicht den Anschein, als würde diese Dreierkonstellation funktionieren.“

Konnte sie nicht einfach die Klappe halten? Sie hatte kein Recht, ihn gerade jetzt auf die Fehler hinzuweisen, die er gemacht hatte. Das alles war ärgerlich genug.

„Es geht dich nichts an“, blaffte er. Wieso interessierte sie sich überhaupt dafür?

„Wenn mein Vater sich Sorgen macht, dann hat das auch Auswirkungen auf mich. Ich möchte bloß wissen, ob er in nächster Zeit durchgehend schlechte Laune haben und noch eindringlicher fordern wird, dass ich mich benehme.“

„Dann werde ich diese Sache wohl am besten zu deiner Zufriedenheit regeln“, stellte er klar. „Schließlich hat es höchste Priorität für mich, dass die verzogene Tochter meines Bosses von meinen Problemen nicht beeinflusst wird.“

„Probleme also? Habe ich doch geahnt, dass ich auf eine Familientragödie gestoßen bin.“ Triumph schwang in ihrer Stimme mit.

So konnte man es auch ausdrücken. Zumindest hatte er die Situation dazu gemacht. Er wusste, dass er sich irgendwann für sein Benehmen in den letzten Wochen entschuldigen musste. Vielleicht verhielt er sich oft wie ein Idiot. Gerne spielte er den harten Kerl. Aber er war kein Trottel. Er bemerkte, wenn er zu weit ging. Und für sein Verhalten Greta gegenüber schämte er sich. Thimo hingegen …

Sein Bruder hatte ihn tief verletzt. Irgendwann würde Marc ihm verraten müssen, was in ihm vorgegangen war, als er von Gretas und Thimos gemeinsamer Nacht erfahren hatte, und warum ihm diese Tatsache so zu schaffen machte.

Seit sein Versuch, Greta und Thimo auseinanderzubringen, gescheitert war, hielt er sich von den beiden fern. Eine Erklärung für sein Verhalten wollte nicht über seine Lippen kommen. Er wusste, dass es auf Dauer nicht reichen würde, ihnen nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen und – wenn das doch einmal nicht gelang - sich auf belangloses Geplauder zu beschränken. Irgendwann mussten sie lernen, wieder normal miteinander umzugehen. Und dazu war es notwendig, dass er endlich ganz ehrlich zu Thimo war.

Aber das weckte Erinnerungen an Geschehnisse, die er tief in seinem Inneren weggesperrt hatte. Wie Luftblasen stiegen sie aus dem schwarzen Morast, in dem er sie vergraben hatte. Wenn sie aufplatzten, gaben sie die darin eingeschlossenen Gefühle frei. Der Anflug von Hass, Schmach und Trauer ließ Marc die Zähne zusammenbeißen. Die Spannung in seinem Körper nahm ein Ausmaß an, das all diese Emotionen gleichzeitig freisetzen wollte. Ließe er das zu, würde er sich in diesem dunklen Chaos verlieren. Dann wäre er zu Dingen fähig, die andere verletzen würden. Nicht nur seelisch. Er würde zu einem wütenden, gefährlichen Racheengel.

Jeder Atemzug fiel ihm schwer. In seinen Ohren rauschte es. Übelkeit verknotete seinen Magen. Um seine Selbstbeherrschung zurückzuerhalten, konzentrierte er sich auf seine Schritte, das Gefühl von Elaisas Körper an seiner Seite, die Geräusche der vorbeifahrenden Autos. Sein Blick suchte einen Gegenstand, an dem er sich festhalten konnte. Er fixierte eine Straßenlaterne ein Stück weiter und sog tief Luft in seine Lunge. Langsam ließ die Anspannung in seinem Inneren nach.

„Marc? Hörst du mich?“

Noch einmal tief einatmen, dann drehte er den Kopf Elaisa zu. Sie beobachtete ihn mit neugierigem Gesichtsausdruck. Diese sensationssüchtige Besserwisserin.

„Klar“, brummte er.

„Ich habe dich dreimal ansprechen müssen. Und dein Körper stand scheinbar unter Strom. Ist alles in Ordnung?“

„Lass mich in Ruhe!“, blaffte er.

„Keine Gespräche über deine Ex. Ich habe verstanden. Trotzdem stimmt doch etwas nicht mit dir. Das gerade war doch kein Hirnschlag oder so was Ähnliches?“ Klang sie tatsächlich besorgt?

Verärgert hob er eine Augenbraue. „Hast du eigentlich irgendetwas zu tun, wenn du dich nicht in das Leben fremder Menschen einmischst? Nach den Bildern von dir in der Klatschpresse zu urteilen, scheinst du dich ziemlich zu langweilen. Nichts Ordentliches gelernt, was?“

Sein Versuch, sie zu provozieren, prallte ohne Wirkung an ihr ab. Sie zuckte bloß mit den Schultern. „Wozu arbeiten, wenn ich von Papa alles kriege, was ich brauche? Und It-Girl wird man auch nicht von heute auf morgen.“

Mit diesen neumodischen Begriffen verschwendete sie bei ihm bloß ihren Atem. Er mochte Menschen mit festen Zielen, die hart dafür arbeiteten. An ihr entdeckte er keinerlei Zielstrebigkeit. Spielte sie das nur vor oder war sie tatsächlich so oberflächlich?

„Es ist kalt“, meinte sie aus dem Nichts.

„Wir haben schon Herbst. Dafür sind die Temperaturen passabel.“ Er zuckte mit den Achseln und sah sich um. Die Bäume verloren ihre Blätter. Die Vögel hatten sich wohl schon in den Süden verzogen. Doch hier in der Stadt merkte man wenig von den Vorboten des Winters.

„Mir ist kalt“, erklärte Elaisa erneut.

Daher wehte der wortwörtliche Wind. „Das tut mir leid“, gab er zurück.

„Mir ist sehr kalt.“

Kopfschüttelnd unterdrückte er ein Grinsen. Glaubte sie, er würde für sie den Gentleman spielen, ohne dass sie ihn vernünftig darum bat? „Dann hättest du wohl mehr anziehen sollen.“

„Jetzt gib mir endlich deine Jacke!“ Sie stampfte mit einem Fuß auf. Das wirkte dank ihrer High Heels eher amüsant als dramatisch.

„Hast du schon mal von dem Wörtchen bitte gehört? Es soll angeblich nicht wehtun, wenn man es anwendet.“ Lachend schlüpfte er aus der dünnen Jacke, mit der er außer Haus gegangen war. Gott sei Dank trug er darunter ein langärmeliges Hemd und einen Pullover.

Als er die Jacke hochhielt und sie ihr umlegte, bemerkte er endlich, dass Elaisa tatsächlich zitterte. Sie mochte nicht sonderlich höflich sein, dafür war er nicht besonders aufmerksam.

„Zieh sie wenigstens vernünftig an, damit du sie schließen kannst“, forderte er, weil die Jacke lediglich ihre Schultern bedeckte.

„Wie das aussieht!“ Sie runzelte die Stirn. „Wenn mich jemand so fotografiert …“

Genervt verdrehte er die Augen. „Entweder trägst du sie richtig oder ich hole sie mir wieder zurück.“

Sie brummte Unverständliches und schlüpfte in die Ärmel. Dann schloss sie den Reißverschluss. „Zufrieden?“

Es war besser, wenn er jetzt nicht lachte, egal wie klein und unförmig sie in seiner Jacke aussah. Diese verrückte Frau war in der Lage, lieber zu erfrieren, als eine Sekunde lang einen süßen Eindruck zu hinterlassen. „Sehr. Aber nun musst du dich wieder bei mir einhängen, wenn wir weitergehen. Jetzt ist nämlich mir kalt.“

Mit einem tiefen Seufzen trat sie neben ihn und schmiegte sich an ihn. „Es ist schon spät.“

Seltsamerweise störte es ihn, dass sie sich daran machte, ihren Spaziergang zu beenden. Er wollte noch nicht alleine mit seinen Gedanken sein. Sich Wortgefechte mit ihr zu liefern, war besser, als in die Dunkelheit seiner Seele zu tauchen.

„Was wolltest du wirklich in dieser Bar?“, erkundigte er sich beim Weiterschlendern. „Den Mann fürs Leben findest du an so einem Ort bestimmt nicht. Und was sollen die vielen Schichten Kleister im Gesicht? Hast du Angst, man könnte ohne deine Maskerade zu schnell deinen Charakter durchschauen?“

„Das nenne ich doch mal originellen Sarkasmus.“ Sie hob eine Augenbraue. „Willst du so die Frauen abschrecken, die ohnehin außerhalb deiner Liga spielen? Fühlt es sich besser an, sie vor den Kopf zu stoßen, bevor sie selbst draufkommen?“

„So ist es einfacher für dich. Glaub mir, Schätzchen. Nach einer Nacht mit mir würdest du die High-Society-Bürschchen links liegen lassen, die du üblicherweise abschleppst. Aber dieser Mann hier ist nicht zu zähmen.“

Statt die Wahrheit in seinen Augen zu lesen, über seine Weitsicht zu staunen, ihm dankbar zu sein oder zumindest über seine Worte nachzudenken, brach sie in Gelächter aus. „Ich mag deine große Klappe. Der Rest kann mir allerdings gestohlen bleiben.“

„Du hast dich dort drinnen an mich rangeschmissen, nicht umgekehrt“, erinnerte er sie. Dass er dazu überhaupt gezwungen war!

„Ich habe gehofft, die Kerle würden uns eher in Ruhe lassen, wenn sie denken, ich hätte mein Date für die Nacht schon gefunden. Bestimmt bin ich jetzt allerdings auch alleine sicher.“

Sie winkte einem vorbeikommenden Taxi, das sofort mit quietschenden Reifen an den Bürgersteig fuhr und dabei ein Auto aus der anderen Richtung schnitt. Was für eine Wirkung diese Frau auf Männer hatte!

„Danke, dass du mir die Typen vom Hals geschafft hast.“ Gut gelaunt lächelte sie ihm zu. „Vielleicht kann ich mich ja irgendwann mal bei dir revanchieren.“

„Wieso sollte das notwendig sein?“ Perplex sah er zu, wie der Taxifahrer ausstieg, um den Wagen herumlief und ihr die Tür aufhielt. Elegant glitt sie auf die Rückbank.

Trotz der Kürze des Kleides gelang es ihr, ihren Po bedeckt zu halten. Nicht dass er groß darauf geachtet hätte oder so. Er bewunderte lediglich, dass sie sich keine Blöße gab, obwohl der Fetzen nicht größer als ein Gästehandtuch sein konnte.

„Schönen Abend, Süßer.“ Sie zwinkerte ihm zu, als er den Blick heben musste, um ihr ins Gesicht zu sehen.

Der Taxifahrer schlug die Tür zu und eilte um den Wagen herum. Eine Sekunde lang war ihr lächelndes Gesicht dank der Innenbeleuchtung des Wagens zu erkennen. Dann fuhr das Taxi auch schon an und verschwand in der Dunkelheit.

„Von wegen schöner Abend“, murmelte er. Das hätte er vielleicht werden können, wenn Elaisa die andere Frau nicht verjagt hätte. Jetzt stand er alleine mitten auf der Straße und musste überlegen, wo er Ablenkung herbekam.

Er sah die Straße entlang. Zurück zu der Bar zu gehen, war nicht möglich. Die Frau, die er kennengelernt hatte, wartete bestimmt nicht mehr auf ihn. Für eine neue Eroberung war es ziemlich spät. Und den betrunkenen Typen wollte er ebenfalls nicht über den Weg laufen. Während des Gesprächs mit Elaisa war er einfach geradeaus weitergelaufen. Er kannte sich hier nicht gut genug aus. In der nächsten Straße könnte sich eine Bar befinden. Oder er irrte noch stundenlang orientierungslos durch die Gegend.

Ihn fröstelte. Seine Jacke, verdammt! Elaisa hatte sie einfach behalten. Er kniff die Augen zusammen und sah in die Richtung, in der sie verschwunden war, obwohl er wusste, dass er sie nicht zurückrufen konnte.

Dann gab es wohl nur eine Lösung: Er würde sich auf den Weg nach Hause machen. Alleine, obwohl er es anders geplant hatte. Ein wenig Ruhe könnte ihm nicht schaden. Der Tag war lang genug gewesen. Am Montag musste er ohnehin ein Gespräch führen, auf das er sich nicht sonderlich freute. Besser, er hatte seine Geduld dann unter Kontrolle.

2. Kapitel

Sonntag, 15. Oktober

Die Kaffeetasse mit Herz im Milchschaum, die Bernard vor ihr abstellte, umfasste Elaisa mit beiden Händen. Ihr Gehirn hatte die Müdigkeit noch nicht verdrängt. Ihr war kalt und ihre Stimmung befand sich im Keller. Dagegen half auch keine liebevolle Präsentation von Koffein.

„Harte Nacht?“, fragte ihr bester Freund. „Erzähl dem lieben Onkel Bernard, was mit dir los ist.“

Er setzte sich neben sie auf die mit rosa Plüschstoff überzogene Küchenbank, stützte einen Ellenbogen auf den Tisch und legte sein Kinn auf der Handinnenfläche ab. Als er mit den Augen klimperte, musste sie lachen. Niemand außer ihm durfte sie in einem solch derangierten Zustand sehen. Und niemand sonst wäre in der Lage, sie trotz ihres Katers aufzumuntern.

„Es lief nicht ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte“, gestand sie. Nach einem großen Schluck aus der weiß-goldenen Tasse warf sie ihm einen lauernden Blick zu.

Wie immer war sein Haar ordentlich zurückgekämmt. Die mattschwarze Lackierung seiner Fingernägel zeigte keine Ungleichmäßigkeit. Das Muster seines in unterschiedlichen Rottönen gehaltenen Hemdes harmonierte mit seiner weinroten Hose. Dennoch hatte der schwarze Lidstrich um seine irritierend hellblauen Augen nicht ganz den perfekten Schwung. Hatte sich der Kerl, mit dem er verabredet gewesen war, als Nullnummer entpuppt?

„Mir scheint, dein Abend ist auch nicht nach Plan verlaufen“, schlussfolgerte sie voller Mitgefühl.

Bernard, der in Wahrheit Bernhard hieß und sich den französischen Touch selbst verpasst hatte, zog eine Schnute, die er bestimmt schon hundert Mal vor seinem Spiegel geübt hatte. Eine seiner akkurat gezupften Augenbrauen hob sich. „Wie kommst du auf diese verrückte Idee? Ich bin so spontan. Ich kann aus jeder eingefahrenen Situation eine rauschende Party machen.“

Sie lachte. „Niemandem außer dir gelingt dieses Kunststück. Das hast du mir mehrmals bewiesen. Und dafür liebe ich dich auch so sehr.“

Mit entsetztem Gesichtsausdruck fasste er sich an die Brust. „Liebes, das ist eine ganz schlechte Idee. Ich würde dein Herz schneller brechen als ein talentierter Callboy. Du solltest dir besser einen vernünftigen Mann suchen. Einen, der es mit dir aufnehmen kann und der dich mit seinen guten Manieren in den Wahnsinn treibt.“

„Nicht du auch noch, Bernard. In letzter Zeit habe ich genug von diesen Vorschlägen gehört, um mich ins Kloster zu wünschen. Mit bösen Jungs hat man viel mehr Spaß!“

„Ist das der Grund, weshalb du mitten in der Nacht bei mir aufgeschlagen bist, statt nach Hause zu fahren?“, wollte Bernard wissen.

Sie legte ihm eine Hand auf den Oberarm und strich darüber. „Sorry, ehrlich. Ich habe nicht nachgedacht. Es war gemein von mir, dich aus dem Bett zu läuten. Du hast jedes Recht, so etwas in Zukunft zu verhindern. Zum Beispiel, indem du einen Zweitwohnungsschlüssel irgendwo vor deiner Tür versteckst.“

„Du hättest bloß das Exemplar nicht daheim vergessen dürfen, das ich dir schon vor Ewigkeiten gegeben habe. Und mir ist sehr wohl aufgefallen, dass du das Thema gewechselt hast. Also erzähl.“ Er biss in eines der Croissants, die er extra aufgebacken hatte, obwohl er wusste, dass sie sie nicht anrühren würde. Dann beugte er sich vertraulich näher.

Ihm konnte sie nichts verheimlichen. Bernard kannte sie einfach zu gut. Sie waren schon seit Schulzeiten unzertrennlich. Damals hatte er noch in kleinkarierten Hemden und Pullundern versucht, sich selbst zu finden. Elaisa war lieber überall angeeckt, um so die Aufmerksamkeit ihres vielbeschäftigten Vaters zu erlangen. Aber trotzdem hatten sie sich angefreundet. Elaisa war, wie sie fand, ruhiger geworden, auch wenn das Außenstehende auf den ersten Blick nicht erkennen konnten. Und Bernard? Nun, seine Verwandlung zum extrovertierten Partytiger ging zum Teil wohl auf ihre Kappe. Doch dafür würde sie sich niemals entschuldigen. Bernard war perfekt, wie er war.

Ganz im Gegensatz zu einigen anderen männlichen Wesen.

„Mein Dad hat mir eine Standpauke gehalten, weil ich wieder in der Presse war“, beschwerte sie sich. „Das ist keine große Sache. Von ihm bin ich es ja inzwischen gewohnt. Aber dieser Kerl gestern hatte kein Recht, mich zu beurteilen.“

„Kerl?“ Die Neugier brachte Bernards Gesicht zum Strahlen.

„Ein Rennfahrer. Arbeitet für das Team meines Vaters. Überheblich. Egozentrisch.“

„Oh!“ Ihr Freund wirkte enttäuscht. „Ein Fahrer!“

„Genau.“ Sie erwiderte seinen Blick. „Du weißt, was das bedeutet.“

Sofort nickte er.

„Lass dich nie auf einen Fahrer ein“, sagten sie gleichzeitig. „Oder er fährt dein Herz mit Karacho an die Wand.“

Elaisa nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. „Alles schon durchgemacht. Dass er ein Angestellter meines Vaters ist, macht ihn gleich noch unsympathischer. Auch wenn ich ganz froh war, dass er mich gerettet hat.“

„Du hast dich doch nicht schon wieder in Schwierigkeiten gebracht?“, tadelte Bernard grinsend. „Und ich war nicht dabei!“

„Es war nicht die Art von Ärger, die ich üblicherweise anziehe. Der taucht nämlich normalerweise nicht in Gestalt von drei betrunkenen, pöbelnden Kerlen auf. Vielleicht war die Bar nicht die richtige Wahl, aber wenn Marc nicht gewesen wäre …“

Als die Angst sie nachträglich überrollte, schüttelte sie sich. Gestern hatte sie die toughe Lady nur gespielt. Sie war auf der Suche nach Ablenkung gewesen, hatte nicht allein sein wollen, weil ihr vorhergehendes Date blöd gelaufen war. Aber das bedeutete nicht, dass man sie schlecht behandeln durfte.

„Das klingt nicht nach einer der Bars, in der du sonst bist. Wo hast du dich denn herumgetrieben?“, fragte er lauernd.

Sie wusste, worauf er hinauswollte. Ja, er hatte sie erwischt. „Peters Eck“, gab sie kleinlaut zu.

„Ach, Schätzchen. Wolltest du dich von der Bar denn nicht fernhalten?“

„Mein Date lief schlecht. Wirklich schlecht. Davon brauchte ich Ablenkung und ich wollte mich nur eine Sekunde lang daran erinnern, was ich einmal hatte.“

Mit besorgtem Gesichtsausdruck griff er nach ihrer Hand. „Schätzchen, du weißt, dass das nicht der richtige Weg ist.“

„Du musst mich nicht darauf aufmerksam machen, was das letzte Mal passiert ist, als ich dieses Thema nicht vehement genug von mir geschoben habe.“ Die Dunkelheit zog sich zu einer drohenden Wolke in ihr zusammen, doch das versuchte sie wegzulächeln. „Das alles hat mich zu der Person gemacht, die ich bin. So leicht kann man mich nicht mehr aus dem Gleichgewicht bringen.“

„Ich hoffe, du irrst dich in dieser Sache nicht.“

Sie wurde kurzzeitig ernst. Jegliche Wärme verschwand aus ihrem Herzen. „Keine Sorge. Niemand sieht hinter diese Maske. Ich habe nicht vor, noch einmal einen näheren Blick in dieses schwarze Loch zu werfen. Dank meines Retters sind meine Gedanken schnell in eine ganz andere Richtung gewandert.“

„Die auch nicht unbedingt besser war“, tadelte Bernard. „Aber du bist groß genug, um selbst abschätzen zu können, ob du einen Fehler begehst oder nicht.“

Bemüht gut gelaunt lachte sie und zwinkerte ihm zu. „Manche Fehler sind zu gut, um sie nicht zu machen.“

„Hast du vorhin seinen Namen erwähnt? Sagtest du nicht etwas von einem Marc? Doch nicht Marc Raschen?!“

Hitze kroch ihre Wangen hoch. Zum Glück hatte sie heute Morgen ordentlich Rouge auf die Wangen aufgetragen, damit man ihr die kurze Nacht nicht ansah. Bernard würde nicht erkennen, dass sie errötete. „Ja, der. Warum klingst du so schockiert?“

Bernard zog eine Grimasse. „Weil der alle Klischees eines Machos erfüllt! Der ist doch mindestens genauso schlimm wie dieser Frederick es war, bevor dieses Mauerblümchen ihn gezähmt hat.“

„Ich habe ihn mir nicht als Retter gewünscht“, stellte sie klar. „Er war einfach der einzige Superheld, der gerade Zeit hatte.“

Ganz offensichtlich fand Bernard ihren Witz nicht gelungen. In seinem Blick flackerte Besorgnis. Doch er zuckte nur mit den Schultern und stand dann auf, um seine Kaffeetasse nachzufüllen. „Hast du ihm die Jacke geklaut, in der du gekommen bist?“, wollte er wissen.

„Er hat sie mir gegeben, als ich gefroren habe. Leider war er dann nicht so höflich, mich ans Zurückgeben zu erinnern. Vielleicht schicke ich sie ihm mit einer Dankeskarte. Was soll ich dazulegen? Eine Flasche Sekt oder lieber Pralinen?“

„Bestimmt freut er sich mehr über ein heißes Selfie von dir. Soll ich dir dabei helfen?“ Grinsend kehrte er mit der vollen Tasse zu ihr zurück.

„Stell dir vor, das kommt in die falschen Hände. Darauf würde sich die Klatschpresse stürzen. Und mein Dad bekäme einen Herzinfarkt.“ Aber der Teufel in ihrem Inneren zwinkerte ihr bei der Vorstellung von Marcs schockiertem Gesicht trotzdem zu.

Sie brach sich ein Stück von Bernards Croissant ab. Zu Hause würde sie sich dann wie üblich Obst zum Frühstück genehmigen. Hoffentlich hatte die Haushälterin, die ihr Vater bezahlte, rechtzeitig eingekauft.

„So alt ist dein Vater doch gar nicht“, versuchte Bernard, ihr die Idee zu verkaufen. „Bestimmt weiß er noch, wie es sich anfühlt, jung und leichtsinnig zu sein.“

Der Geschmack des Croissants explodierte in ihrem Mund. Die einzelnen Schichten schmolzen auf ihrer Zunge. Gleichzeitig brodelte das schlechte Gewissen in ihr. Wie viele unnötige Kalorien sie sich da gerade gönnte! Doch bezogen auf Bernards Kommentar schnaubte sie. „Solange Mama sich noch hin und wieder hat blicken lassen, konnte sie seine angestaubte Haltung ausgleichen. Aber er benimmt sich, als hätte er noch niemals Spaß gehabt, als gäbe es außer Arbeit nichts in seinem Leben. Der Spießer tut mir leid.“

„Das hast du aber nicht nett gesagt, Schätzchen.“

„Die Wahrheit ist selten nett. Mich kriegt er nicht auf die langweilige Seite der Macht. Sein Imperium ist mir egal. Ich werde es bestimmt nicht übernehmen, so wie er sich das vorstellt.“

Bernard trank von seinem Kaffee. „Wo steckt deine Mutter eigentlich gerade?“, erkundigte er sich dann.

Gleichgültig zuckte sie mit den Schultern. „Keine Ahnung. Ich habe das letzte Mal vor einem halben Jahr von ihr gehört. Da wollte sie gerade mit irgendeinem Yoga-Heini auf Selbstfindungstrip nach Indien fliegen.“

„Vermisst du sie?“

Das brachte sie zum Lachen. „Wie soll man etwas vermissen, was man nicht richtig kennt? Sie ist das erste Mal für fast ein Jahr verschwunden, als ich zwei war. Mein Vater hat sein Bestes getan, um sie zurückzuholen. Aber sie hat sich nie richtig um mich gekümmert.“ Nein, Elaisa verspürte beim Gedanken an ihre Mutter keinen Anflug von Traurigkeit oder Bedauern. Vermutlich hatte sie seit Monaten nicht einmal an sie gedacht.

„Bestimmt bist du deinem Vater dankbar, dass er für dich da war“, sagte ihr bester Freund. „Obwohl er dich allein aufziehen musste, hat er dich nie enttäuscht. Nein, er hat sogar unglaublich viel für dich geopfert.“

Daher wehte der Wind. Er wollte, dass sie sich an ihre glückliche, sorgenfreie Kindheit erinnerte. Sie hatten oft genug über ihre Mutter gesprochen, damit Bernard nicht erst fragen musste, ob sie diese schrecklich egoistische Person, die zufällig ihre Mutter war, wieder in ihrem Leben haben wollte. Der Hinweis auf sie brachte Elaisa aber nicht dazu, Verständnis für ihren Vater zu zeigen, der sich mit gut zwanzig Jahren plötzlich der alleinigen Verantwortung für ein kleines Kind gegenübergesehen hatte. Statt das Verschwinden ihrer Mutter durch Liebe auszugleichen, hatte er es lediglich für nötig gehalten, ihr finanziellen Ausgleich zu bieten. Er hatte hart gearbeitet, jede Sekunde mit dem Ausbau des Familiengeschäfts verbracht und sie mit Geschenken überhäuft.

„Er hat sich mir gegenüber immer sehr großzügig gezeigt“, gab sie zu. „Bei Schulfeiern und Aufführungen war er jedes Mal anwesend. Aber er hat auch ständig mit einem Auge auf sein Handy gestarrt. Ja, ich bin dankbar, dass er für mich da war. Ich hätte mir allerdings nichts sehnlicher gewünscht, als von ihm geliebt zu werden.“

„Das tut er doch.“

Sie wünschte, das könnte sie genauso sehen. „Eines ist klar. Ich muss als Unfall bezeichnet werden. Mum und Dad waren kein überglückliches Paar, für das es die Krönung ihrer Liebe bedeutete, als ich mich angekündigt habe. Kein Wunder also, dass meine Mutter die Flucht angetreten hat, sobald sie genug von ihrer neuen, unbequemen Rolle hatte. Zum Glück besitzt mein Dad mehr Verantwortungsbewusstsein. Das rechne ich ihm hoch an.“

Langsam nickte Bernard. „Du hattest doppelt Glück, als er Helena geheiratet hat. Sie war dir eine bessere Mutter, als es deine eigene je hätte sein können.“

Die Worte verursachten einen Stich in ihrer Herzgegend. „Trotzdem hat sie mich verlassen!“

„Sie ist vor zwei Jahren gestorben, Elaisa“, erinnerte er ruhig. „Anders als andere Personen ist sie nicht ausgewandert oder hat den Kontakt zu dir abgebrochen. Bestimmt wäre sie liebend gerne länger auf dieser Welt geblieben, um Zeit mit dir zu verbringen. Davor hat sie dafür gesorgt, dass du behütet aufgewachsen bist. Ohne sie wärst du ein noch zornigerer, rebellischerer Mensch geworden.“

Hoffentlich war der letzte Satz sarkastisch gemeint. Sie ging hinüber zur Küchenzeile und holte sich ein Croissant aus dem Korb, der auf der Arbeitsplatte stand. Scheiß auf die Kalorien. Das brauchte sie jetzt.

„Statt sich um mich zu sorgen, hat Dad Helene allerdings auf dem Sterbebett versprochen, seinen Traum von diesem dämlichen Rennteam weiter zu verfolgen“, erinnerte sie Bernard. „Als hätte er tatsächlich ein neues Projekt gebraucht. Es hätte doch gereicht, an seinen Vaterqualitäten zu arbeiten. Warum hat Helena ihm das nicht gesagt?“ Trotzig biss sie ein großes Stück von dem Gebäck ab.

„Dein Vater hat auch nach Helenas Tod Glück verdient. Vielleicht dachte sie, die Aufgabe, einen Rennstall zu leiten, wäre einfacher für ihn, als dich zu zähmen.“ Er griff nach dem Croissant und brach es in zwei Hälften.

Sie knurrte, obwohl sie froh sein sollte, dass er sie vor einem Teil der Kalorien bewahrte. „Ach, diese Überlegungen führen doch zu nichts. Es ist, wie es ist. Wir alle haben unsere Entscheidungen getroffen. Jetzt müssen wir mit den Konsequenzen leben. Egal wie gerne wir unsere Wahl ändern würden.“

„Ein wenig Pragmatismus macht das Leben doch gleich viel leichter, nicht wahr?“ Ihr bester Freund lachte. Er steckte sich den Rest des Croissants in den Mund.

„Man hat zumindest kurzzeitig das Gefühl.“

Abrupt stand sie auf. „Ich werde mich dann auch auf den Heimweg machen. Inzwischen habe ich dich genug mit meinen Problemen vollgejammert.“

Bernard machte ein schockiertes Gesicht. „Was?! Ausgerechnet jetzt verschwindest du? Wo wir dich endlich so weit aufgebaut haben, dass ich mit meinem Herzschmerz rausrücken kann?“

Schlechtes Gewissen meldete sich zu Wort. „O mein Gott! Was ist passiert? Ich hatte ja keine Ahnung, dass du dich mit jemandem triffst.“

Ein breites Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Mache ich auch nicht. Wann hätte ich dafür schon Zeit, wenn ich mich ständig um meine beste Freundin kümmern muss? Außerdem fallen wir beide doch nicht auf einen blöden Muskel herein, der ohnehin nur Blut durch unseren Körper pumpt.“

Wenig überzeugt nickte sie. Es war nicht so, dass sie nicht an Liebe glaubte. Dieses Gefühl trug allerdings Schuld an all dem Schmerz, den sie in ihrem Leben bereits kennengelernt hatte. Auf Gefühlsduselei würde sie nicht noch einmal hereinfallen.

„Du weißt, dass du mit mir reden kannst, wenn wirklich etwas los sein sollte.“

„Klar. Aber du musst nicht befürchten, dass ich dich irgendwann wegen eines Kerls vollheule. Ich wollte dich lediglich auf andere Gedanken bringen. Wir zwei haben der Liebe schließlich abgeschworen. Für immer.“

„Für immer“, wiederholte Elaisa. Irgendwie fühlten sich die Worte falsch an.

Zu Hause angekommen stellte sie sich erst mal unter die Dusche, um die Müdigkeit zu vertreiben. Danach begutachtete sie die Auswahl in ihrem riesigen Ankleidezimmer. Anscheinend besaß sie nichts, das ausschließlich bequem war. Sollte sie den Rest des Tages auf der Couch verbringen wollen, hatte sie dazu knallenge Jeans oder superkurze Röcke zur Auswahl.

Eine Frau vor einem vollen Kleiderschrank, die nichts zum Anziehen fand. Das Klischee schlechthin. Marc würde sich totlachen.

Schon wieder schlich sich dieser unverschämte Kerl in ihre Gedanken. Mit ihm könnte man bestimmt jede Menge Spaß haben. Aber musste er denn ausgerechnet Formel-1-Fahrer sein? Das Hauptproblem war nicht, dass er für ihren Vater arbeitete. Schließlich nutzte sie jede Gelegenheit, um ihren Dad zu provozieren, und das wäre eine großartige Möglichkeit, ihn endgültig auf die Palme zu bringen. Nein, sie wollte sich von Rennfahrern fernhalten, weil sie wusste, wie gefährlich dieser Job war. Selbst bei einer lockeren Affäre, wie sie sie anstrebte, entwickelte man Gefühle. Sie wollte sich nicht ununterbrochen Sorgen machen. Das hatte sie bereits einmal durchgestanden. Deshalb war Marc tabu. Trotzdem wollte sie ihm beweisen, dass es ein Fehler war, sie zu unterschätzen.

Lediglich in ein Badetuch gehüllt, ging sie hinüber ins Wohnzimmer, wo sie die Jacke, die Marc ihr geborgt hatte, auf die Couchlehne gelegt hatte. Sie strich mit der Hand über die Jacke. Ob sie sie ihm vorbeibringen sollte? Jetzt gleich? Vielleicht könnte sie ihm zeigen, dass sie die vielen Schichten Make-up, über die er sich lustig gemacht hatte, tatsächlich nicht brauchte. Sie könnte noch einmal deutlich machen, was ihm entging, wenn er sie und ihr Angebot auf ein wenig Spaß nicht ernst nahm. Am besten erledigte sie das gleich auf der Stelle.

Gerade als sie ins Ankleidezimmer zurückkehren wollte, meldete sich ihr Handy. Sie kramte es aus ihrer Handtasche und warf einen Blick auf das Display.

Helikopterdad stand darauf.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Nach dem Gespräch mit Bernard über ihre Kindheit kam der Anruf ihres Vaters gerade recht. Sie könnte sich bei ihm bedanken. Oder sich das erste Mal seit Langem wieder richtig mit ihm unterhalten.

Rasch hob sie ab. „Dad, wie schön, dich zu hören!“

„Spar dir doch den Sarkasmus nur ein einziges Mal“, forderte ihr Dad mit einem Seufzen.

Sie wollte ihm widersprechen, ihm verraten, dass sie seinen Zuspruch gerade gut gebrauchen könnte. Doch er hätte ihr vermutlich nicht geglaubt. Das hatte sie jetzt davon, dass sie sich ständig mit ihm kabbelte.

„Warum rufst du an?“, erkundigte sie sich stattdessen. „Bestimmt nicht nur, um mich mit deiner Stimme in den Wahnsinn zu treiben.“

„Ich habe eine Bitte an dich. In der Firma wird deine Hilfe gebraucht. Dringend.“

„In der Firma?“, echote sie.

„Genau. Am Mittwoch, bevor wir alle nach Austin fliegen, findet eine wichtige Präsentation statt. Eine meiner Mitarbeiterinnen ist ausgefallen. Für die Koordination benötige ich noch Unterstützung.“

Die Tatsache, dass er dabei an sie dachte, war so abwegig, dass sie nach der passenden Antwort suchte. Welche Eigenschaften besaß sie seiner Meinung nach, dass sie für diese Aufgabe geeignet war? Versuchte er vielleicht nur, sie genauer im Blick zu behalten? Wie konnte sie sich am leichtesten aus der Affäre ziehen?

„Behaupte nicht, du hättest keine Zeit“, unterbrach er ihre Gedanken. „Wir wissen beide, dass du keine anderen, wichtigeren Dinge zu erledigen hast. Also bitte tu mir den Gefallen.“ Die Stimme ihres Vaters klang drängend.

„Findest du niemanden, der Lust auf so was hat?“, fragte sie scheinbar gelangweilt. Ha! Jetzt plötzlich wollte er etwas von ihr! Wo hatte er denn gesteckt, wenn sie sich früher seinen Zuspruch gewünscht hatte? Darauf würde sie niemals wieder warten.

Ihr Dad seufzte. „Ich würde dich damit nicht belästigen, wenn es nicht wichtig wäre, Elaisa.“

„Pff, ehrlich. Als Sekretärin mache ich mich furchtbar schlecht. Ich kann grad mal Zweifingersystem. Und ich kenne auch keinen deiner Kunden. Da gibt es bestimmt besser geeignete Leute für den Job.“

„Schön. Ich habe verstanden, dass es unter deiner Würde ist, sich für mich hinters Telefon zu klemmen und ein paar Aufgaben zu übernehmen. Für deinen Unterhalt zu arbeiten, scheint wohl unter deinem Niveau zu sein. Aber weißt du was? Dann werde ich deine Kreditkarte sperren müssen. Mal sehen, wie lange es dauert, bis du erkennst, dass man sich hin und wieder seine teuer manikürten Finger auch schmutzig machen muss.“

Trocken lachte sie auf. „Das bringst du nicht.“

„Wollen wir wetten, Prinzessin? Ich glaube nicht, dass es lange dauert, bis deine Rücklagen aufgebraucht sind. Kein Taschengeld mehr. Kein Zugang zu meinem Privatkonto. Keine Zahlungen für deine Wohnung, die Putzfrau, deinen Lebensunterhalt.“

Seine Aufzählung von Dingen, auf die sie verzichten müsste, ließ doch Unsicherheit in ihrem Magen aufflattern. Wenn er seine Drohung in die Tat umsetzen würde, sähe ihr Alltag plötzlich ganz anders aus. „Das kannst du nicht machen! Nur weil ich deinen doofen Wunsch nicht erfüllen möchte?“

„Weil ich es satthabe, dass du dich benimmst, als hätte alle Welt auf dich Rücksicht zu nehmen! Du bist alt genug, um die Verantwortung für deine Ausgaben selbst zu übernehmen. Du hättest so viele Möglichkeiten, deinem Leben einen Sinn zu geben! Stattdessen lässt du dich von mir verwöhnen und zeigst keinerlei Respekt!“ Ihr Vater klang müde, resigniert und nicht halb so wütend, wie man aus seiner Rede schließen könnte.

„Papa!“ Fassungslos ging sie zum Bett und ließ sich darauf plumpsen. Auch wenn seine Worte der Wahrheit entsprachen, tat es weh, sie aus seinem Mund zu hören. Besonders sein seelenloser Tonfall machte ihr zu schaffen. Hatte er sie aufgegeben? Hegte er keine Hoffnungen mehr, ihr Verhältnis könnte sich bessern?

„Ich brauche deine Unterstützung, du benötigst meine. Warum helfen wir uns nicht gegenseitig?“

Dieses Angebot stellte einen Ausweg dar. Keine Ahnung, ob er tatsächlich fähig war, ihr den Geldhahn völlig zuzudrehen. Aber wollte sie es auf einen Versuch ankommen lassen? Sie verstand, dass er enttäuscht über ihre Reaktion war. Trotzdem erschien ihr seine Drohung ungerecht. Er konnte doch nicht von ihr verlangen, dass sie wie ein x-beliebiger Angestellter …

„Ich brauche deine Antwort jetzt auf der Stelle“, sagte er. Die Kraft kehrte in seine Stimme zurück. „Wenn du Nein sagst, rufe ich die erstbeste Person, die mir einfällt, an und biete ihr dein Taschengeld als fetten Bonus.“

„Na schön“, zischte sie. Es war so verdammt unfair. Sie wünschte sich, dass er einen Schritt auf sie zumachte. Stattdessen vergrößerte er mit dieser Aktion die Kluft, die sie voneinander trennte. Sah er sie lediglich als Bürde? „Wann brauchst du mich?“

„Morgen pünktlich um acht bist du in meiner Firma, um deinen neuen Job anzutreten.“

„Job? Du hast von einer kurzen Aufgabe gesprochen!“, rief sie alarmiert.

„Während unseres Telefonats habe ich meine Meinung geändert“, erklärte er. „Niemand verdient so viel Geld, wie ich dir zustecke, für eine Arbeit von fünf Stunden.“

„Jetzt überspannst du den Bogen.“ Sie ließ ihre Stimme drohend klingen.

„Irgendwann wirst du die Firma übernehmen. Dann solltest du wissen, was von dir gefordert wird.“

Ganz automatisch schüttelte sie den Kopf. „Das Thema hatten wir bereits. Mich interessiert Amber Heart nicht. Dein Schmuck ist mir zu langweilig und dieser Formel-1-Zirkus kann mir sowieso gestohlen bleiben. Wenn du also glaubst, ich würde jemals die Leitung übernehmen, dann hast du dich-“

„Wir sehen uns morgen im Büro“, unterbrach er sie und trennte die Verbindung.

Fassungslos starrte sie auf ihr Handy. Was zur Hölle war gerade passiert? Hatte ihr Vater sie tatsächlich gezwungen, in seiner Firma zu arbeiten? Jahrelang hatte sie sich erfolgreich geweigert, auch nur den geringsten Einblick in sein Tagesgeschäft zu bekommen. Er verdiente gutes Geld damit. Sie konnte es ausgeben. Mehr musste sie nicht wissen. Und jetzt sollte sie plötzlich eine seiner Angestellten sein?

Wütend warf sie das Handy auf die Couch. Dabei fiel ihr Blick auf Marcs Jacke. Bestimmt würde sie ihm bei ihrem neuen Job über den Weg laufen. Wie peinlich! Damit hatte er einen Grund mehr, sich über sie lustig zu machen. Wie sehr er das wohl genießen würde? Wenigstens konnte sie ihm so die Jacke zurückgeben, ohne vor seinem Haus aufschlagen zu müssen.

3. Kapitel

Montag, 16. Oktober

„Es tut mir sehr leid“, sagte Marc ruhig und legte seine Hände auf seinen Oberschenkeln ab, um nichts Unüberlegtes zu tun. „Mein Verhalten war unprofessionell und unverschämt. Das ist mir bewusst. So etwas wird nicht noch einmal vorkommen.“

Der grauhaarige Mann hinter dem großen, mit Papieren gefüllten Schreibtisch wirkte nicht überzeugt. Jedem in diesem Raum war klar, dass es sich bei Herrn Gruber um den Mann handelte, der über ihr Schicksal entschied. Ihr Boss war ein höflicher, geduldiger, gewinnorientierter Mann. Er führte das Team mit strenger, gerechter Hand. Aber Marc hatte seine Geduld schon mehr als einmal überbeansprucht. Es war Zeit, zu Kreuze zu kriechen.

„Ich verspreche Ihnen, dass ich in Zukunft nicht mehr so emotional reagieren werde“, presste er hervor.

„Das hoffe ich doch sehr.“ Gruber fixierte ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen. „In den letzten Wochen waren Sie ganz offensichtlich nicht Sie selbst. Keine Ahnung, was genau in Sie gefahren ist. Aber wir müssen das in den Griff kriegen.“

Marc biss die Zähne zusammen. „Natürlich, Boss. Ich werde daran arbeiten. Bitte geben Sie mir eine Chance.“

„Darum sollten Sie nicht nur mich bitten.“

Marc nickte. Jetzt kam der wirklich schwierige Teil. Er wandte sich dem Mann zu, der neben ihm auf einem der Sessel vor Grubers Schreibtisch saß. Sein junger Kollege wirkte ebenfalls, als wäre er lieber überall sonst als hier.

„Ich möchte mich bei dir entschuldigen. Private Schwierigkeiten haben auf der Rennstrecke nichts zu suchen. Das habe ich verbockt, aber ich bin mir sicher, wir finden einen freundschaftlichen Ton. Ich hatte nicht das Recht, mich dermaßen abfällig über dich zu äußern-“

„Vor der Presse zu äußern“, korrigierte Gruber. „Sie haben Herrn Aigner eines unsportlichen Verhaltens beschuldigt, während ein Mikrofon vor ihrem Mund geschwenkt wurde! Das ist unverzeihlich.“

In erster Linie war es furchtbar dämlich und unüberlegt gewesen. Marc biss die Zähne zusammen. „Ich weiß. In letzter Zeit war mein Verhalten nicht sonderlich kollegial.“ Und das nicht nur Frederick Aigner gegenüber. „Wir sollten zusammenarbeiten und uns unterstützen.“

Fredericks Augen blitzten amüsiert, doch sein Gesicht blieb ernst. „Denkst du, dass wir beide jemals Freunde werden?“

Rasch sah Marc von seinem Boss zu seinem Kollegen, während er sich immer unwohler fühlte. Frederick trug zwar dunkle Jeans, aber dank seines Hemdes wirkte er fast genauso elegant wie Gruber in seinem Anzug. Marc hatte nicht viel mit ihnen gemeinsam. Er hätte am liebsten einfach bejaht und das Ganze hinter sich gelassen. Aber er durfte es sich nicht schon wieder zu einfach machen. Dass er viel zu lange unterdrückt hatte, was er wirklich dachte, hatte ihm schließlich diesen Schlamassel eingebrockt.

„Nein“, antwortete er deshalb ehrlich.

„Das erwartet ja auch niemand, aber eine professionelle Zusammenarbeit ohne Streitereien und Konflikte sollte wohl möglich sein!“, empörte sich Gruber.

„Vielleicht habe ich mich ihm gegenüber am Anfang auch nicht gerade fair verhalten“, gab Frederick zu. „Ich habe unsere Rivalität gefördert. Aber seit ich in einer Beziehung bin, sehe ich manches anders. Zum Glück kann man sich ja weiterentwickeln.“

Ja, klar. Indem man so etwas Dämliches machte, wie sich in eine unscheinbare Gärtnerin zu verknallen und mit ihr auf dem Beifahrersitz dem Sonnenuntergang entgegenzurasen. Marc würde an Fredericks Stelle einen Umweg zu einem Abgrund fahren, in den er sich stürzen konnte.

„Ich kann diese dauernde Rivalität in meinem Team nicht dulden“, verkündete Gruber. „Statt Sie zu Bestleistungen anzutreiben, bringt sie Sie dazu, gefährliche Risiken einzugehen. Bei dem Rennen in Suzuka haben Sie sich gegenseitig Ihre Wagen geschrottet, obwohl Frederick bloß überrunden wollte. Wir hätten ein großartiges Ergebnis einfahren können. Kein anderes Team hat uns so viel geschadet wie wir uns selbst.“

Der Tadel war nicht unbegründet und ging direkt in Marcs Richtung. Er hatte in dieser verdammten Kurve einfach nicht nachgeben können. Auch wenn er nicht Frederick, sondern viel eher Thimo Paroli geboten hatte. Das Gesicht seines Bruders war vor seinem inneren Auge erschienen, wie er dastand und Marc wieder etwas wegnahm, das der verdient hatte. Erst als sich die Reifen von Fredericks und Marcs Wagen berührt hatten und sie beide von der Fahrbahn abgekommen waren, hatte Marc wieder zurück in die Gegenwart gefunden.

Ein harter Knoten bildete sich in seinem Magen. „Es war ein Fehler meinerseits. Aber ich verspreche-“

„Jaja.“ Gruber winkte ab. „Der gemeinsame Campingausflug, auf den ich Sie beide geschickt habe, hat anscheinend gar nichts gebracht. Dann muss ich zu anderen Maßnahmen greifen, damit sich dieser ständige Wettkampf im vernünftigen Rahmen abspielt.“

Marc stöhnte. Nochmal mehrere Stunden am Stück mit diesem Schönling verbringen zu müssen, stand auf seiner Wunschliste wahrlich nicht ganz oben. Sie hatten es geschafft, sich die meiste Zeit zu ignorieren, aber ein zweites Mal hätte er bestimmt nicht so viel Glück.

Er sah seinen Boss an. Die Wand hinter Gruber war mit Bildern und Auszeichnungen gespickt. Marc erkannte Fotos von seinem Chef mit Berühmtheiten und Urkunden von gewonnenen Wettkämpfen. Aber alles hing mit der Schmuckkollektion von Amber Heart zusammen. Nichts davon hatten Frederick oder Marc für ihren Boss erreicht. Es wurde Zeit, dass sich das änderte. Aber der Weg, den Gruber andachte, war nicht der richtige.

„Ich glaube nicht, dass sich unser Verhältnis bessern wird, wenn Sie uns zwingen wollen, unsere spärliche Freizeit miteinander zu verbringen“, gab er zu bedenken.

„Das sehe ich ähnlich“, stimmte ihr Boss zu. „Stattdessen werden Sie lernen, zusammenzuarbeiten. Sie werden sich die Rennen Ihres Kollegen ansehen und danach gemeinsam besprechen, wie Sie sich verbessern können.“

Frederick gab einen erstickten Laut von sich. Anscheinend waren Marc und er das erste Mal seit Langem einer Meinung. „Ich halte das für keine gute Idee, Herr Gruber“, sagte Frederick. „Wenn wir uns gegenseitig auf unsere Fehler aufmerksam machen, stachelt das unsere Rivalität doch noch mehr an.“

Ihr Boss schüttelte den Kopf. „Sie werden lernen, auf die Schwächen des anderen zu achten und ihm Rückendeckung zu geben, wenn er sie brauchen sollte.“

„So einfach ist das nicht“, widersprach Marc. „Frederick bremst immer noch zu spät. Soll ich mich im Notfall vor ihn schieben und ihn dazu zwingen?“

„Warum versuchen Sie nicht stattdessen, sich ihm nicht in den Weg zu stellen, damit er noch später bremst, um Sie ausstechen zu können, Herr Raschen? Und Sie, Herr Aigner, achten auf die rechte Seite von Herrn Raschen.“

Beunruhigt richtete sich Marc auf. „Meine rechte Seite? Was ist damit?“

„Wenn du rechts überholt wirst, ziehst du meist zu weit zu deinem Gegner“, antwortete Frederick für Gruber.

„Blödsinn!“

„Da sogar Herrn Aigner dieses kleine Problem bereits aufgefallen ist, sollten Sie es besser nicht ignorieren“, schlug Gruber vor. „Arbeiten Sie daran. Beide. Sie sind ab jetzt für Erfolg und Misserfolg Ihres Kollegen mitverantwortlich.“

Diese Neuerung passte Marc überhaupt nicht in den Kram. Er lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Darüber müssen wir uns noch einmal unterhalten.“

„Gerne. Sobald sich die ersten Ergebnisse zeigen.“ Gruber griff nach der Dokumentenmappe, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Dann hob er den Blick. „Das wäre dann alles, Herr Aigner.“

Frederick nickte. „Schönen Tag noch.“

Hastig machte der sich aus dem Staub. Ob der Streber gleich damit begann, Marcs Videos auf Fehler zu durchforsten? Bestimmt erstellte er dabei sogar eine Rangfolge der Wichtigkeit!

„Und ich bin noch nicht entlassen?“, fragte Marc misstrauisch und hob eine Augenbraue.

„Wir müssen über die Sache mit Ihrem Bruder sprechen.“

Sofort kehrte die Verbitterung in Marcs Herz zurück. Er wollte nicht an seinen Bruder denken, nachdem er sich noch nicht einmal davon erholt hatte, sich bei Frederick entschuldigen zu müssen. „Vielleicht verschieben wir das auf ein anderes Mal.“

Gruber schüttelte den Kopf. „Das wird jetzt geklärt.“ Die blau-braunen Augen betrachteten Marc voller Ernst.

Seit sie sich kennengelernt hatten, war das graue Haar seines Bosses immer kürzer geworden. Marc hatte auch die Müdigkeit bemerkt, die in den letzten Wochen nicht mehr von Grubers Gesicht gewichen war. Ob sein Boss sich die Führung des Teams leichter vorgestellt hatte? Marcs Streitereien erschwerten die Aufgabe von Gruber auf jeden Fall.

„Ich fürchte, das ist jetzt weder die richtige Zeit noch der richtige Ort“, meinte Marc und stand auf. „Erst muss ich mit meinem Bruder in Ruhe sprechen. Und im Augenblick sind er und ich nicht in der Lage, uns auch nur anzusehen, ohne uns an die Gurgel zu gehen.“

„Dann werden Sie dafür sorgen, dass sich das ändert. Ich habe Verständnis für Spannungen in Familien. Davor ist niemand gefeit. Aber das, was Thimo und Sie aufführen, hat Auswirkungen auf unser gesamtes Team. Das kann ich nicht zulassen.“ Streng kniff er die Augen zusammen.

Marc steckte die Hände in seine Hosentaschen, um sie nicht zu ballen. „Es gibt eine Sache, die wir privat klären müssen. Beruflich ist alles geklärt. Ich habe Patrick schon mitgeteilt, dass er Thimo wieder einsetzen kann. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“ Er machte sich auf den Weg zur Tür.

„Setzen Sie sich sofort wieder hin!“

Der Befehlston in Grubers Stimme ließ Marc zusammenzucken. Das war eine neue Seite an seinem Boss. Folgsam kehrte er zu seinem Stuhl zurück und plumpste darauf. „Ja?“

Gruber beugte sich nach vorn und fixierte ihn mit verärgertem Gesichtsausdruck. „Fahren Sie Ihre Starallüren möglichst schnell runter. Damit stoßen Sie inzwischen nicht nur die Presse vor den Kopf.“

„Wenn Sie von mir erwarten, dass ich mich wie Frederick mit einem Zahnpasta-Lächeln und guter Laune vor die Kameras stelle, muss ich Sie enttäuschen. Sie haben mich eingestellt, weil ich ein guter Fahrer bin, nicht weil ich mit der Presse flirte.“

„Dann bringen Sie die Leistung, die ich von Ihnen erwarte“, forderte sein Boss. „Halten Sie sich erst einmal von der Presse fern, wenn Ihre Hormone gerade verrücktspielen. Aber hören Sie auf, die anderen Mitglieder meines Teams zu schikanieren. Ich erwarte von Ihnen Professionalität. Ihre Privatprobleme klären Sie nicht auf der Rennstrecke.“

Ganz automatisch wollte Marc widersprechen. Er verspürte den Drang, um sich zu schlagen und Gruber zu schütteln. Aber tief in seinem Inneren wusste er, dass sein Gegenüber recht hatte. Sein Boss verdiente Respekt. Teil dieses Teams zu sein und die Zukunft von Amber Heart Racing mitzugestalten, war Marcs Lebensinhalt. In den letzten Tagen hatte er sich allerdings nicht verhalten, als wäre ihm irgendetwas davon wichtig.

„Ich werde Sie nicht länger enttäuschen“, versprach Marc. „Ab jetzt fokussiere ich mich wieder ganz auf meine Aufgabe. Meinem Bruder gegenüber werde ich mich zurückhalten. Frederick werde ich wie einen Kollegen behandeln. Aber dieser Harmoniequatsch liegt mir dennoch nicht.“

„Eine schockierende Information. Ich hatte gehofft, wir könnten ab jetzt gemeinsam Einhörner sammeln.“

Der trockene Humor brachte Marc zum Grinsen. Doch er wurde schnell wieder ernst. „Sie können sich auf mich verlassen. Ich werde Frederick beibringen, was ich weiß. Wenn er mich lässt. Das mit meinem Bruder ist komplizierter …“

Sein Boss zuckte mit den Achseln. „Das ist Liebe immer. Aber ich hatte den Eindruck, dass diese Frau und Sie nicht die enge Beziehung führten, die Ihr aggressives Verhalten Thimo gegenüber erklärt. Er liebt Gitta wirklich.“

„Greta“, korrigierte Marc.

„Gönnen Sie ihm doch sein Glück“, forderte Gruber. „Oder empfinden Sie mehr für Gitta …“

„Greta.“

„Empfinden Sie mehr für Greta, als es bisher den Anschein hatte?“ Der Boss musterte ihn intensiv.

Rasch schüttelte Marc den Kopf.

„Dann verstehe ich Ihr Problem nicht.“

„Da geht es Ihnen wie meinem Bruder“, gab Marc zu. „Ich glaube nicht an Liebe. Greta hat verdient, glücklich zu werden. Aber Thimo hat mich enttäuscht. Ihm kann ich nicht so leicht verzeihen.“

Gruber lehnte sich wieder auf seinem Stuhl zurück, griff nach einem Stift und klopfte damit auf die Akte, die er zu sich geschoben hatte. Er räusperte sich.

„Als ich die Auswirkungen dieses Dramas auf unser Team nicht mehr ignorieren konnte, habe ich mich mit Ihrem Bruder unterhalten. Ich kenne seine Sicht auf die Geschehnisse. Für mich hat es nicht geklungen, als müsse er sich allzu große Vorwürfe machen. Vielleicht war es nicht klug, Ihnen die Wahrheit so lange vorzuenthalten. Aber andere Gründe für Ihren Ärger kann ich nicht erkennen.“

Erneut kochte die Wut in Marc hoch. Noch einmal fühlte er sich verraten, hintergangen. Welches Recht hatte sein Boss, sich in diese Sache einzumischen?

„Die Details des Gespräches mit Thimo werden diesen Raum nicht verlassen“, versprach Gruber.

Marc schnaubte. „Da sagt Ihre Tochter aber etwas ganz anderes.“

„Was hat Elaisa damit zu tun?“ Sein Boss runzelte die Stirn, während der Stift in der Luft hängen blieb.

„Sie weiß über alles Bescheid. Ganz offensichtlich ist mein Privatleben hier doch interessanter, als Sie behaupten. Wie viel haben Sie ihr denn bereits erzählt?“

„Von mir hat sie das nicht. Allerdings hat sie ihre Ohren überall. Ein Streit unter Brüdern, die beide für das Team arbeiten. Sie können nicht erwarten, dass das niemand bemerkt. Den Rest hat meine Tochter sich vielleicht zusammengereimt. Halten Sie die Menschen in Ihrem Umfeld nicht für dumm.“ Der Stift tippte neuerlich auf die Akte. „Sie müssen mit mir nicht die Details besprechen. Ich kenne Ihren Lebenslauf. Ihre schwierige Kindheit hat Sie zu dem Mann gemacht, der Sie heute sind. Wenn irgendetwas davon nicht aufgearbeitet ist, sollten Sie sich darum kümmern. Sie können mit mir reden, falls Sie das Bedürfnis haben. Ich bin für Sie da, wenn Sie mich brauchen. Doch Ihre Leistungen müssen besser werden.“

Die Worte trafen Marc hart. Warum das so war, konnte er nicht wirklich sagen. Ganz bestimmt handelte es sich bei ihm um kein sensibles Pflänzchen, das man in Watte packen musste. Dass er nicht ganz mit seiner Vergangenheit im Reinen war, wusste er, aber er brauchte keinen Psychofritzen, der sein Ego tätschelte. Verärgert biss er die Zähne zusammen. „Ich habe verstanden.“

„Das hoffe ich.“ Gruber schickte ihm einen warmen, besorgten Blick. „Sie sind ein stolzer, verschlossener Mann. Mir ist bewusst, dass Sie persönliche Gespräche meiden wie den Rasenstreifen neben der Rennstrecke. Ich werde Sie nicht weiter belästigen, solange Sie mir dazu keinen Anlass geben. Trotzdem sehe ich uns alle wie eine Familie. Durch unsere Adern mag Benzin fließen, aber wir wollen alle das Gleiche. Es ist mir wichtig, Ihnen begreiflich zu machen, dass meine Tür jederzeit für Sie offen steht.“

Diese höflichen Formulierungen und dieser Eiertanz waren Marc zuwider. Auch wenn sein Chef es nicht aussprach, hielt er Marc für emotional instabil. Wieso sollte er sich das gefallen lassen?

Weil er Fehler gemacht hatte und dazu stehen musste.

Frustriert ballte er die Hände zu Fäusten. Gruber hatte die Worte mit Sicherheit nicht unbedacht ausgesprochen. Er wollte für Marc da sein. Nur dass Marc diesen Vorschlag im Moment nicht annehmen konnte. „Danke, Boss. Ich weiß, dass Sie nicht grundlos neugierig sind, und wie dieses Angebot gemeint ist. Vielleicht ein andermal.“

Gruber nickte. „Schön. Dann lassen Sie sich draußen die Aufzeichnungen von Fredericks Fahrten geben. Morgen können Sie alles Weitere mit dem Team besprechen.“

„Wie Sie wünschen, Boss.“ Marc sprang auf. „Bis zum nächsten Mal.“

„Ich hoffe, diese Art von Besuch ist in nächster Zeit nicht notwendig. Lieber wäre es mir, Sie würden mal auf einen Kaffee und eine Plauderei vorbeikommen.“

„Wenn meine neuen Aufgaben mir Zeit dazu lassen, sehr gerne.“ Marc zog eine Grimasse. Dann schob er sich schnell aus dem Büro. Der Boss war ein netter Kerl. Aber er hatte die unschöne Angewohnheit, den Finger direkt in offene Wunden zu legen.

Der Arbeitsplatz vor dem Büro von Gruber war nicht besetzt. Unschlüssig sah er sich nach dem Video um, von dem der Boss gesprochen hatte. Als er keine DVD auf dem Schreibtisch entdecken konnte, machte er sich auf die Suche nach Grubers Sekretärin.

Im Gang weiter vorn befanden sich noch einige Büros. In einem saß Mathias, der beste Freund von Thimo. Dem wollte Marc unter allen Umständen aus dem Weg gehen. Deshalb öffnete er die erste Tür zu seiner Linken.

Der Anblick, der sich ihm bot, vertrieb seine schlechte Laune. Stattdessen bemerkte er, wie sich sein Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen hob.

Schwindelerregend hohe Absätze, nicht enden wollende Beine, ein fester runder Hintern, verpackt in einen engen kurzen Rock. Der Rest der Frau befand sich über der tiefen Schublade, in der sie nach etwas zu suchen schien. Dann zog sie an einer Mappe, bekam sie aber nicht heraus, weil die Schublade so vollgestopft war.

„Kann ich helfen, bevor Sie von den Unterlagen verschluckt werden?“, erkundigte er sich amüsiert.

Die Frau richtete sich auf und wirbelte zu ihm herum.

Blinzelnd machte er einen Schritt zurück. Wurde er gerade Opfer einer optischen Täuschung? In der Rolle der Sekretärin hatte er Elaisa noch nie gesehen.

„Was machst du denn hier?“, fragte er verdutzt.