Prolog
Hazelwood Falls 2011 – Liv
Es gab wohl keinen gemütlicheren Ort auf der Welt als das kleine Wohnzimmer des Farmhauses von Livs Großeltern. Sie saß dort versunken in den weichen Polstern der Couch, Decken in den unterschiedlichsten Materialien und Farben um sich herum aufgetürmt. Liv hatte sich bereits in die neue Granny Square Decke eingehüllt, die ihre Großmutter gestern fertiggestellt hatte, und die sich wie eine warme Umarmung anfühlte. Bei dieser hatte Anne nicht, wie sonst, viele kleine Quadrate zu einem großen Ganzen zusammengehäkelt, sondern ein einziges riesiges Square in Runden angefertigt. Die Wolle war so weich und kuschelig, dass Liv sich gar nicht mehr von der in Rosa-, Pink- und Grüntönen gestalteten Decke trennen mochte.
Wie jeden Sommer verbrachte das Mädchen drei Wochen seiner Ferien in Hazelwood Falls bei den Großeltern auf der Farm. Hier, wo es immer so vertraut duftete, wenn sie das kleine Holzhaus betrat. Es waren die unterschiedlichsten Gerüche, die ihr entgegenschlugen und in ihrem Inneren sofort ein Gefühl der Geborgenheit auslösten: eingekochtes Obst, das Waschmittel des frisch bezogenen Gästebetts und Oil of Olaz, eine Creme, die nur ihre Granny benutzte. Das Fluid war in einer weißen Flasche abgefüllt und hatte seinen Platz im Badezimmerschrank mit dreitüriger Spiegelfront. Liv stand oft vor diesem Relikt der 1970er und betrachtete sich aus verschiedenen Winkeln. Manchmal bediente sie sich sogar an der guten Creme, die Anne im mittleren Abteil versteckte, oder inspizierte neugierig den Inhalt, der sich beim Aufklappen der beiden äußeren Spiegeltüren offenbarte. Handlungen, die ihren Freundinnen höchstens ein gleichgültiges Augenrollen abverlangt hätten, doch für Liv war es völlig normal, dass sie sich zwischendurch allein beschäftigte oder sogar langweilte.
Der Farmalltag machte schließlich auch vor einer Enkeltochter aus New York nicht halt. Liv hörte, wie ihre Grandma in der angrenzenden Küche hantierte. Der Duft ihrer legendären Apfelkuchen mit Pie Crust erfüllte das ganze Haus. Sie hatten gleich mehrere davon gebacken, sowohl für den Eigenbedarf als auch für den Verkauf im Hofladen, der gegen Nachmittag wieder öffnete. In einem Anflug von Langeweile hatte Liv heute nach dem Frühstück sogar ein neues Preisschild gestaltet und mit einem detailgetreuen Bild verziert. Sie konnte es nun kaum mehr erwarten, es am Tresen anzubringen und die Kunden damit zu beeindrucken.
Aber auch draußen gab es allerhand zu tun. Ihr Großvater hielt sich wie immer im Freien auf. Neben dem riesigen Kürbisfeld, dem Obst- und Gemüsegarten versorgte er die Tiere. Auf der Farm lebten mehrere Milchkühe und zwei Dutzend Hühner, die ihren Beitrag zum Lebensunterhalt des älteren Ehepaares leisteten. Der nur noch schwache Duft von Old Spice ließ darauf schließen, dass Jacob das Haus bereits am frühen Morgen verlassen hatte.
Liv kuschelte sich in ihre neue Decke, die leicht nach Zimt duftete, und zappte sich weiter durchs Programm. Ihre Aufenthalte auf der Farm fühlten sich immer wie eine Zeitreise an, denn ihre Großeltern dachten nicht einmal im Traum daran, den kleinen tragbaren Röhrenfernseher mit integriertem Videofach gegen einen modernen Flachbildschirm einzutauschen. Ihr Blick fiel schmunzelnd auf das Regalbrett im Wohnzimmerschrank mit seiner überschaubaren Auswahl an Videokassetten mit alten Filmen, die lange vor ihrer Geburt erschienen waren, darunter etliche Blockbuster aus den 90ern. Da sie erst zehn Jahre alt war, durfte sie sich noch nicht alles ansehen. Doch die meisten Kassetten hatte sie bereits so oft abgespielt, dass sie sie in- und auswendig kannte.
„Liv, mein Schatz. Essen ist fertig!“ Ihre Grandma, eine kleine, resolute Frau, kam ins Wohnzimmer und schenkte ihr ein warmherziges Lächeln.
Schnell schaltete das Mädchen den Fernseher aus und schälte sich aus dem weichen Nest aus Decken und Kissen. „Ich komme!“
Direkt nach dem Frühstück hatten sie gemeinsam die Suppe aufgesetzt, die in den letzten Stunden langsam vor sich hin geköchelt hatte.
Liv folgte ihrer Großmutter, die bereits wieder in der angrenzenden Küche verschwunden war. Wie selbstverständlich öffnete das Mädchen die knarzende Tür der alten Vitrine und holte drei Suppenteller mit Streublumendekor heraus. Alles in der funktionalen Küche hatte Annes Stempel und ähnelte den Miniaturen aus Livs Puppenhaus in New York: die rustikale Tischdecke aus gekörntem Sackleinen mit dem typisch roten Streifen in der Mitte, die selbstgenähten Kurzgardinen aus Häkelspitze, die sich sanft in der Sommerbrise des halb geöffneten Fensters wiegten, Topflappen, die an einem vergilbten Gummisaugknopf mit Haken am Fliesenspiegel griffbereit auf ihren Einsatz warteten. Der gusseiserne Ofen in der Ecke rundete das Bild ab, wurde aber hauptsächlich zur Winterzeit zum Heizen und Kochen genutzt.
„Perfekt. Genauso wie dein Grandpa sie am liebsten mag!“, stellte Anne mit einem zufriedenen Lächeln fest, nachdem sie von der Hühnersuppe gekostet hatte.
Stolz zeichnete sich auf Livs Gesicht ab, denn heute hatte sie, bis auf das Putzen des Huhns, sämtliche Arbeitsschritte alleine ausgeführt. Natürlich unter den wachsamen Augen ihrer Oma. Sie hatte mehrere Karotten und eine Sellerieknolle geschält und fein geschnitten. Selbst jetzt, Stunden später, haftete ihren Händen noch das frische, erdige Aroma des Selleries an, welches sie wohl immer an ihre Ferien in Hazelwood Falls erinnern würde.
Weniger gefiel ihr dagegen der Anblick eines rohen Suppenhuhns oder anderen unschönen Dingen, die leider auch zum Farmalltag gehörten. Welch ein Glück, dass sich das Geschäft ihrer Großeltern hauptsächlich auf den Anbau von Kürbissen und den Verkauf im Hofladen konzentrierte und ihr Großvater sie ins Haus schickte, wenn sie etwas nicht sehen sollte.
„Wenn ich wieder in New York bin, werde ich Mom und Dad überraschen!“
„Und ob du das wirst, mein Liebling. Es gibt nichts Besseres als eine leckere Suppe, die von innen wärmt.“
Anne stellte den emaillierten Topf mitten auf dem Esstisch auf einem Untersetzer ab, als Liv endlich das wohlvertraute Knattern des alten Chevy Pick-ups auf dem Hof vernahm.
„Grandpa ist da!“
Ihre Großmutter streifte sich mit einem Lächeln die Schürze ab und öffnete ihrem Mann kurz darauf die Tür. Nach all den Jahren, in denen sie schon ihr Leben teilten, brauchte es keine großen Worte mehr. Die Farm und ihre fast fünfzigjährige Ehe liefen wie ein perfekt geschmiertes Uhrwerk, und so kam Jacob wie jeden Tag pünktlich um zwölf Uhr zum Essen.
„Wie gut das riecht!“, bemerkte er gutgelaunt, ehe er seiner Frau einen liebevollen und wertschätzenden Blick zuwarf und sich dann zu seiner Enkelin an den Tisch setzte. Wie immer steckte er in Arbeitshosen und trug dazu ein altes Hemd, das seine besten Tage längst hinter sich hatte.
Ihr Grandpa war ein eitler Mann, wie Liv selbst mit ihren zehn Jahren schon früh erkannt hatte. Obwohl er hauptsächlich auf dem Feld arbeitete und die Tiere versorgte, legte er viel Wert auf ein gepflegtes Erscheinungsbild. Jeden Morgen hörte Liv von der Schlafcouch aus das leise Surren des elektrischen Rasierapparates, den ihr Grandpa rechts im Spiegelschrank, direkt neben einer Tube Haftcreme, verstaute.
Selbst die falschen Zähne, die über Nacht in einen Plastikbecher kamen, änderten nichts an der gegenseitigen Zuneigung des Paares. Da auf der Farm für überflüssige Romantik kaum Platz blieb, zählten kleine Gesten: ein frisch gepflückter Kirschblütenzweig, mit dem Jacob seine Frau überraschte, oder ein spontanes Tänzchen am Abend in der kleinen Küche.
Liv lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück zum dampfenden Topf.
Wie immer, wenn sie bei ihren Großeltern war, gehörte ein Tischgebet zur Mahlzeit dazu. Nachdem Anne jedem von ihnen eine ordentliche Portion Suppe aufgetragen hatte, nahm sie ebenfalls Platz und schloss die Hände zum Gebet.
Liv mochte dieses Ritual, denn es machte aus den gemeinsamen Mahlzeiten etwas ganz Besonderes. Ein krasser Gegensatz zu daheim, wo sie die gebratenen Nudeln vom Chinesen oft direkt aus dem Faltkarton aßen.
Für einige Augenblicke hörte man nur das beruhigende Ticken der Wanduhr, dann begann Jacob feierlich das Tischgebet zu sprechen.
„Guten Appetit“, stimmte Liv in die letzten Worte mit ein und griff zu dem schweren Löffel, aus dem die heiße Suppe noch besser schmeckte. Wenn es nach ihrem Großvater ginge, so würden sie jeden Tag nur Suppe essen, sinnierte Liv, während sie einen Grießkloß mit dem Löffel zerdrückte.
In der Küche stand in der Zwischenzeit die Luft. Selbst die Gardine aus Häkelspitze, die sich bis vorhin noch sanft im Luftzug des halb geöffneten Fensters aufgebläht hatte, bewegte sich nun keinen Millimeter mehr. Ein Schleier der Ruhe hatte sich pünktlich zur Mittagszeit über die Farm gelegt. Nur das monotone Summen der Insekten war von draußen zu hören.
„Liv, ich könnte später deine Hilfe gebrauchen.“ Jacob sah zu seiner Enkelin, die auch heute in einer ihrer Latzhosen steckte und die Bezeichnung Farmleben an manchen Tagen etwas zu wörtlich nahm. Schließlich musste sie während ihrer Ferien all das aufholen, was sie in New York verpasste: Eier einsammeln, Milchkannen ins Haus tragen und Vogelscheuchen aufbauen. Bitte lass es die Vogelscheuchen sein ging es Liv erwartungsvoll durch den Kopf. Bei dieser Tätigkeit nahm der Lebenszyklus von Großvaters Hemden seinen Lauf. Wenn sie zu abgetragen, aber immer noch zu schade für die Altkleidersammlung waren, wurden sie zur Abschreckung der Vögel auf dem Feld genutzt. Schließlich wollte auch eine Strohpuppe ihr Revier nicht ganz verlumpt verteidigen.
„Es wird Zeit, die Vogelscheuchen mal wieder neu einzukleiden.“
„Na endlich! Ich dachte schon, du willst dich gar nicht mehr von deinen alten Sachen trennen.“
Jacob lächelte seine Frau verschmitzt an. „Du weißt doch, dass ich mir diese Aufgabe immer aufhebe, bis unsere Liv zu Besuch ist. Niemand ist darin so talentiert wie sie.“
Als hätte das Mädchen nur darauf gewartet, lief es zur Garderobe, an der seine ausgeblichene Mütze der New York Yankees hing.
„Meine alte Mütze ist heute auch fällig!“, rief Liv aufgeregt und nahm mit der Cap auf dem Kopf wieder am Tisch Platz. „Grandma, was hast du übrig?“
„Oh, ich werde in meinem Kleiderschrank schon was finden, bis ihr später losgeht.“
Leises Schlürfen lenkte Livs Aufmerksamkeit wieder zurück zu Jacob. Stimmt, Grandpas Mittagschlaf, den hatte sie in ihrer Aufregung ganz vergessen. In der Zwischenzeit sollten sie im Schrank ihrer Großmutter etwas Passendes gefunden haben.
Geräuschvoll klapperte der ältere Herr mit dem Löffel, um die letzten Reste aus dem Teller zu fischen, denn so etwas wie Verschwendung kannte er nicht.
„Anne, sei so gut, und weck‘ mich in einer Stunde.“ Mit diesen Worten verschwand er im Wohnzimmer und streckte sich längs auf der Couch.
„Und wir beide durchstöbern gleich meinen Kleiderschrank“, flüsterte Anne mit verheißungsvoller Stimme.
Sie stellten das schmutzige Geschirr rasch im Spülbecken ab. Eine Spülmaschine gab es nicht.
Wenige Minuten später betraten sie das leicht nach Mottenkugeln riechende Schlafzimmer. Schwere, massive Holzmöbel und weitere Patchworkdecken dominierten den Raum. Doch das Herzstück war ein riesiges Doppelbett mit integrierter Schrankwand und den passenden Nachtschränkchen. Eine Kommode mit Spiegel und ein weiterer Schrank, der sich auf der gegenüberliegenden Seite des Bettes befand, füllten den Raum komplett aus. Unzählige Häkeldeckchen waren auf den Ablageflächen verteilt und dienten als Unterlage für die liebevoll gerahmten Familienfotos.
„Möbel mit so viel Stauraum sind heute eine Seltenheit“, betonte Anne voller Stolz, als sie leise die Schlafzimmertür hinter sich schloss. „So, mein Schatz, dann lass uns mal schauen, von was ich mich trennen kann.“
Die ältere Frau, die kaum größer als ihre zehnjährige Enkeltochter war, öffnete schwungvoll die Tür im rechten Teil des Schrankes.
Liv hielt ehrfurchtsvoll die Luft an, denn sie konnte sich nicht erinnern, dass sie jemals zuvor einen Blick hineingeworfen hätte. Daheim in New York besaßen sie einen begehbaren Kleiderschrank, aber dieser massive Koloss, der einen leichten Lavendelduft ausströmte, wirkte auf sie wie das Tor zu einer anderen Welt.
Sie wurde nicht enttäuscht, denn im Inneren gab es viel zu entdecken. In einem geflochtenen Korb bewahrte Anne eine Auswahl an ledernen Handtaschen auf, an den Innenseiten der Türen waren Hakenleisten angebracht, an denen Ketten, Gürtel und Halstücher ihren Platz fanden. Unzählige Kleiderbügel waren dicht an dicht auf der Stange aufgereiht, und ihre Granny musste sie mit ganzem Körpereinsatz zur Seite schieben, um überhaupt an etwas heranzukommen. „Irgendwann einmal wirst du all das erben“, verkündete Anne mit ernstem Blick. „Deine Mom war nie daran interessiert.“
Liv sah ihre Großmutter an. Diesen Satz hörte sie heute nicht zum ersten Mal. Bei ihrem letzten Besuch in Hazelwood Falls war es das zwölfteilige Tafelservice gewesen, das sie ihr hatte vererben wollen. Davor der Besteckkoffer, den sie nur für festliche Anlässe aus dem Schrank holte. Es schien ihrer Großmutter sehr wichtig zu sein, wer einmal ihre Lieblingsstücke bekam. Dennoch war es Liv unangenehm. In solchen Momenten wurde ihr plötzlich bewusst, dass ihre Großeltern nicht ewig leben würden.
„Was ist das denn?“, entfuhr es Liv überrascht.
„Ein gestärkter Einsteckkragen.“ Voller Stolz zog Anne einen der Kleiderbügel heraus.
Livs Augen wurden groß, denn so etwas hatte sie noch nie gesehen – außer bei Mrs. Doubtfire, einem Film aus den frühen Neunzigern, der sich ebenfalls in der Videosammlung ihrer Großeltern befand.
„Den trägt man unter einem hübschen Pullunder.“
Doch Liv war in Gedanken immer noch beim stacheligen Kindermädchen. Sie hatte den Blick auf einen Schuhkarton mit blickdichten hautfarbenen Strümpfen gerichtet, die der rüstigen Dame im Film sicher gefallen hätten. Kein Wunder, dass ihre Granny ein Platzproblem hatte, wenn sie sich von diesen scheußlichen Teilen nicht trennen konnte. Es wurde höchste Zeit, dass dieser gestärkte Kragen eine neue Aufgabe fand.
Liv sah, wie ihre Großmutter mit sich kämpfte und ihr das Teil dann schnell, bevor sie es sich anders überlegen konnte, überreichte.
„Na da schau einer an. Dieses Kleid hatte ich schon fast vergessen. Das trug ich zur Taufe deiner Mom … 1975.“
„Neunzehnhundert …“, wiederholte Liv erstaunt.
„Ganz genau und dein Grandpa einen cremefarbenen Anzug mit Schlaghose.“ Anne kicherte wie ein junges Mädchen. Es dauerte nur Sekunden, bis die ältere Frau das passende Foto auf einem der Häkeldeckchen ausfindig gemacht hatte.
„Aber dieses Kleid bekommt ihr nicht.“ Schnell hängte sie es zurück in den Schrank. „So, und jetzt lass uns ein Stückchen Pie essen. Genug ausgemistet.“
Gerne wäre Liv in den Schrank geklettert, um weitere Schätze ans Tageslicht zu befördern, doch sie wusste auch, wie heilig ihrer Grandma diese eine ruhige Stunde am Mittag war.
Während der Filterkaffee durchlief, schnitten sie einen der frischgebackenen Apfelkuchen mit Pie Crust an. Mit ihren Tellern machten sie es sich anschließend auf der schattigen Veranda bequem.
Spätestens in drei Wochen, wenn in New York wieder die Schule startete, müsste sich die ältere Frau in eine dicke Strickjacke hüllen, denn hier in Hazelwood Falls kam der Herbst immer etwas früher. Wie schade, dass Liv zur Kürbisernte nicht mehr da sein würde.
Während das Mädchen an seiner warmen Milch mit Pumpkin Spice Gewürz nippte, ließ es seinen Blick über den Hof wandern. Der rote Pick-up parkte nur wenige Meter vor der Scheune. Die friedliche Szenerie hatte Ähnlichkeit mit einem Gemälde aus dem Thrift Store, den Liv mit ihrer Granny besucht hatte. Anne hielt nichts von den riesigen Shopping Malls, die es in den nächstgrößeren Städten gab. Was das anging, war sie ziemlich altmodisch.
Liv stellte die Tasse auf dem kleinen Tischchen ab und schnappte sich ihren Teller mit dem noch warmen Apfelkuchen. Bald wäre es damit vorbei. Ihre Mom hatte sich bereits etliche Male an einer Pie Crust versucht, jedoch ohne Erfolg. Die Frau, die Hazelwood Falls schon vor vielen Jahren den Rücken gekehrt hatte, um in New York zu leben, war leider viel zu stolz, dies gegenüber ihrer Mutter zuzugeben. Hätte Liv ihrer Grandma doch lieber über die Schulter geschaut, als zum gefühlt hundertsten Mal die alte Kassette abzuspielen. Aber bei My Girl konnte sie einfach nicht widerstehen. Sie mochte die Hauptdarstellerin Vada, die ihr mit dem blonden Pferdeschwanz und den Latzhosen ein wenig ähnelte. Gerne hätte auch sie sich mit einem Jungen angefreundet, den sie auf der Farm herumkommandieren könnte. Doch bis auf Everett und Reid, die beide in ihrem Alter waren, kannte sie kaum jemanden. Everetts Mom Darlene, die das Maple Leaf Inn führte, war eine gute Freundin ihrer Granny. Aber Reid sah sie nur bei ihren Einkäufen im Cinnemon Corner Shop, einem Geschäft, das ihr Grandpa regelmäßig aufsuchte. Dort gab es neben Eisenwaren und Viehfutter das beste Waldmeistereis der Stadt!
1
New York 2026 – Liv
Liv Winters liebte diese Zeit im Jahr, wenn sich die Baumkronen langsam verfärbten und bereits am Morgen eine angenehme Frische in der Luft lag. Nach den heißen Sommermonaten in New York war das eine wahre Wohltat. Die junge Frau schloss für einen Moment die Augen und sog tief die kühle Luft ein. Es war ihr kleines Ritual am Morgen, bevor sie das Haus verließ.
Endlich wieder Strickjacken, Kürbisse und Events im Freien, ohne dass man dabei schwitzte. Ihr war nicht klargewesen, wie sehr sie all dies vermisst hatte: die mit Kürbissen geschmückten Treppenaufgänge der Brownstones, den kleinen Buchladen an der Ecke und das Blumengeschäft in der 72. Straße, das zu dieser Jahreszeit noch einladender wirkte. Die Upper West Side hatte sich innerhalb weniger Tage in eine kleine, gemütliche Szenerie verwandelt.
Besonders freute sie sich auf die neue Karte bei Starbucks, die jedes Jahr pünktlich zum Herbstanfang dafür sorgte, dass sich jede New Yorkerin wie ein waschechtes Gilmore Girl fühlte. Dennoch war Liv vom perfekten Kleinstadt-Vibe weit entfernt, denn ihre hellhörige Mietwohnung befand sich etwas abseits der schönen Straßen – im Dachgeschoss eines hässlichen Stahlbetonbaus. Vor zwei Jahren hatte sie den Mietvertrag einzig und allein wegen der tollen Aussicht auf den Central Park unterschrieben. Den sah sie allerdings nur, wenn sie sich, so wie jetzt, bei geöffnetem Dachfenster auf einen Stuhl stellte und auf Zehenspitzen hinausspähte. Was man nicht alles für ein wenig 90er Jahre RomCom-Feeling tat.
Die Wohnung aus e-m@il für Dich war leider nur Fiktion, dennoch hatte Liv es sich so gemütlich wie möglich gemacht. Vermutlich waren es die Gene ihrer geliebten Granny gewesen, die sich beim Einrichten durchgesetzt hatten. Die praktische Wohnküche hatte sie übernommen und nach Rücksprache mit dem Vermieter in einem schönen Vanillegelb gestrichen. Ansonsten wirkte alles ziemlich zusammengewürfelt, denn die Einrichtung bestand aus Fundstücken verschiedener Jahrzehnte. Die beiden Stühle hatte sie bei einem Flohmarktbesuch auf Staten Island entdeckt und direkt mit der Fähre nach Manhattan herübergeschafft. Noch heute musste sie über ihre abenteuerliche Aktion schmunzeln. Das Herzstück der Einzimmerwohnung war jedoch ihr großes, bequemes Schlafsofa. Eine gesteppte Patchworkdecke ihrer Granny schützte am Tage die Sitzflächen.
Liv kletterte vom Stuhl herunter und sah sich stolz um. Sie hatte dasselbe zufriedene Lächeln auf den Lippen, wie Anne immer bei der Betrachtung ihrer Lieblingsstücke. Die geblümten Tapeten und die Gardinenstangen hatte sie in der Einzugswoche selbst angebracht und dabei sämtliche Einrichtungstipps ihrer Mutter ignoriert. Wer liebte schon langweiliges Beige? Ihr war völlig klar, dass ihre Wohnung den Eindruck erwecken musste, als teilten sich ihr jüngeres und älteres Ich ein und denselben Raum. Sogar ihr Puppenhaus hatte sie wieder aufgebaut!
Liv zog sich ihren beigefarbenen Wollmantel enger um den Körper, als sie wenige Augenblicke später zur Haltestelle am Naturkundemuseum eilte. Wenn sie sich vor der Arbeit noch einen Kaffee besorgen wollte, musste sie sich beeilen. Heute durfte sie unter keinen Umständen zu spät kommen, denn für neun Uhr hatte sich bei Stone Advertising, der Werbeagentur, bei der sie seit Januar als Marketing Managerin arbeitete, bereits ein potenzieller Kunde angekündigt. Sie hoffte endlich auf einen Auftrag, der nicht nur richtig Spaß machte, sondern ihr auch den Durchbruch in der Medienwelt verschaffen könnte. Doch leider war ihr Job bei Weitem nicht so aufregend, wie sie sich ihn zu Beginn vorgestellt hatte. Kreatives Storytelling und Social Media Marketing waren in der alteingesessenen Agentur nicht gefragt, was vor allem an den konservativen Stammkunden und deren Produkten lag. Immer öfter hatte sie sich in den letzten Wochen gefragt, ob es das war, was sie wirklich wollte. Viele Jahre hatte sie von einer Karriere wie dieser geträumt, doch nun kämpfte sie mit fehlender Wertschätzung und hoffnungsloser Langeweile.
Liv erreichte gerade rechtzeitig den Bahnsteig, als die U-Bahn heranrauschte. Wie jeden Morgen zur Rushhour waren die Wagen der Linie brechend voll, und sie musste wie immer stehen. Um die Zeit bis zu ihrem Ziel zu überbrücken, setzte sie ihre AirPods ein und wählte auf ihrem Handy die Playlist „90er Country Hits“. Augenblicklich beruhigte sich ihr Nervensystem, denn in Gedanken war sie weit weg ‒ bei ihren Großeltern in Hazelwood Falls.
Wenige Stationen später verließ sie mit einem Strom von Pendlern die Untergrundstation, die direkt unter dem Rockefeller Center-Komplex in Midtown Manhattan lag. Doch bevor sie das Gebäude betrat, in dem sich ihre Arbeitsstätte befand, machte sie gewohnheitsgemäß an der Starbucks Filiale Halt.
„Einen extragroßen Pumpkin Spice Latte mit Karamell-Topping“, ratterte Liv ihre Bestellung herunter und fühlte sich in diesem Moment fast wie die Hauptdarstellerin einer herbstlichen RomCom. Nur dass es in ihrem Büro keinen Kerl gab, mit dem sie sich nur annähernd eine Romanze hätte vorstellen können. Der Barista kritzelte ihren Namen auf den nächsten Pappbecher und warf ihr einen gespielt tadelnden Blick zu. Musste sie sich Sorgen machen, dass man sie bereits beim Namen kannte? Ja, sie kam oft hierher. Nicht nur vor der Arbeit, sondern auch während der Mittagspause. Sogar für den Heimweg gönnte sie sich einen letzten Schluck. Liv zuckte entschuldigend mit den Schultern und griff nach dem extragroßen Getränk, das ihr den Arbeitstag versüßen würde.
Wenige Augenblicke später war sie bereits im Foyer des ikonischen Gebäudes. Einer der unzähligen Aufzüge brachte sie direkt hinauf in das fünfzigste Stockwerk, in dem sich die Werbeagentur befand.
„Guten Morgen, Nancy“, begrüßte Liv die Empfangsdame, die Mr. Stone bereits seit vier Jahrzehnten beschäftigte und deren Frisur sogar die Jahrtausendwende überlebt hatte. Sie wirkte mit der 80er Jahre Dauerwelle wie aus dem Denver-Clan.
Die Dame kannte sich mit den Gepflogenheiten der Agentur zweifellos aus. Sie hatte schon zu einer Zeit in der Werbebranche gearbeitet, als Aerobic-Mode aus neonfarbenem Lycra und Stulpen modern gewesen waren. Von den zwei Handpuppen, die sich vor laufender Kamera um die beste Versicherung stritten, wollte sie erst gar nicht anfangen. Mit solch albernem Schabernack konnte man kritische Konsumenten heute nicht mehr begeistern. Doch leider hielt ihr Boss immer noch an seinen altmodischen Methoden fest. Es hätte Liv auch nicht weiter gewundert, würde Nancy mit einem gestärkten Fake-Kragen im Büro aufschlagen und ihr einen selbst aufgebrühten Filterkaffee aus ihrer alten Thermoskanne anbieten.
„Guten Morgen, Liv.“ Demonstrativ griff sie nach ihrem Becher, der nicht aus Pappe, sondern aus feinstem Porzellan war. Dabei warf sie ihr einen missbilligenden Blick zu.
Liv ignorierte den kleinen Seitenhieb, denn irgendwie war sie ja süß. Noch zwei weitere Jahrzehnte, und Nancy könnte glatt als Betty White von den Golden Girls durchgehen.
Als Liv ihren Schreibtisch im Großraumbüro erreichte, fuhr sie zuerst ihren PC hoch. Schon damals, auf die Frage, ob sie keinen Laptop bekäme, hätten bei ihr alle Alarmglocken klingeln müssen. Von Zuhause aus arbeiten? Fehlanzeige. Spätestens seit dem viralen Video mit der Katzenfilter-Panne während eines Zoom-Calls wollte sich ihr Boss keinem ähnlichen Risiko aussetzen.
Liv schüttelte amüsiert den Kopf. Wenn sie sich ihre Kollegen so ansah, war es vielleicht auch besser. Es würde garantiert nicht nur bei einer Peinlichkeit bleiben.
Wie immer, wenn sich ein neuer Kunde angekündigt hatte, machte sich ein aufgeregtes Kribbeln in ihr breit. Ihr Boss hatte ihnen nur so viel verraten, dass es sich wieder um ein Unternehmen aus der pharmazeutischen Industrie handelte. Nicht dass Liv ein Problem mit Medizinprodukten hatte ‒ ganz und gar nicht. Ihr Grandpa gehörte schließlich zur Zielgruppe und war begeistert von seiner neuen Haftcreme und Livs Kampagne! Es ging ihr nur darum, dass man ihr zu Beginn etwas anderes versprochen hatte. Doch ihr Boss setzte fast nur noch auf Produkte, die sein persönliches Interesse weckten.
Liv nahm einen letzten Schluck von ihrem Kaffee und machte sich dann auf den Weg zum Besprechungszimmer. Dass sie gänzlich unvorbereitet in eine Besprechung gehen musste, war ihr äußerst unangenehm, wo sie doch sonst immer einen Plan B bis D in der Tasche hatte.
„Guten Morgen, Harry. Weißt du zwischenzeitlich mehr über den neuen Kunden?“
„Leider nein, Liv, und ehrlich gesagt schwant mir Böses … vor allem nach Nancys Worten. Sie hat mir verraten, dass Mr. Stone möchte, dass wir ganz unvoreingenommen an dieses Produkt herangehen sollen.“
Liv schluckte. „Mehr weißt du auch nicht? Ist es wieder jemand aus der Dentalbranche?“
„Wenn ich das nur wüsste …“ Der Mann um die Fünfzig fuhr sich nervös durch die kurzen Locken. Sie hatte den Mann, der dem Schauspieler Will Ferrell zum Verwechseln ähnelte, schon bei ihrer ersten Begegnung ins Herz geschlossen.
„Was, wenn das Produkt totaler Mist ist?“, rutschte es ihm heraus.
„Zusammen kriegen wir das schon hin. Wir tun einfach so, als würden wir Brainstormen und sehen dann, wie der Kunde reagiert.“
„Du meinst, eine Art Brainstorming-Battle? Wir schleudern uns alles entgegen, auch wenn es noch so ein Quatsch ist, und schauen, ob der Kunde anbeißt?“ Harry wirkte auf einmal, als könnte er es kaum erwarten.
Liv versuchte so professionell wie möglich zu bleiben, als ihnen der Geschäftsführer von Healthy Blossom feierlich eine Fünfhundert-Gramm-Tube Hämorrhoidensalbe präsentierte. Während es wild in ihrem Kopf ratterte, waren zwei erwartungsvolle Augenpaare auf Harry und sie gerichtet.
Was fiel ihr nicht alles für eine Kampagne für Kaffeebohnen ein, aber für so ein Produkt, welches von Cosy Vibes so weit entfernt war wie eine Darmspiegelung …
Harry dagegen wartete nur auf seinen Einsatz, den anderen seine Keywords entgegenzuschleudern, wie Liv an seiner angespannten Körperhaltung erkannte. Für einen Moment dachte sie, er meinte es völlig ernst, doch das kurze Aufflackern in seinen Augen verriet ihr, dass er diese Herausforderung mit Humor nahm.
Während Liv über einen diskreten Slogan wie Bei akuten Hämorrhoidenleiden effektiv für eine schnelle Erleichterung nachdachte, fielen ihr plötzlich die Handpuppen als Werbemittel ein. So weit war es schon gekommen … Doch bevor sie ihre Idee mit diesen vorstellen konnte – Nancy wäre sicher begeistert – war Harry schon von seinem Stuhl aufgesprungen.
„Wenn`s hinten wieder juckt und brennt, hilft Healthy Blossom dir geschwind!“
Liv schnappte nach Luft, dabei huschte ihr Blick zu ihrem Boss. Dieser war ebenso schockiert und überspielte die peinliche Situation mit einem nervösen Hüsteln.
Was hatte sich Harry nur dabei gedacht? Sie hoffte nur, er war nicht übers Ziel hinausgeschossen. Doch entgegen ihrer Befürchtung reagierte der neue Kunde mit einem herzhaften Lachen. Ja, er bekam sich kaum noch ein. „Herrlich, Harry, Sie verstehen mein Problem! Nicht jeder hat diesen speziellen Humor, mit sensiblen Themen umzugehen. Genau so etwas habe ich gesucht!“
Dieser zeigte mit dem Finger ungläubig auf sich, als könnte er es nicht fassen, dass seine Meinung heute wichtiger war als die des Agenturchefs.
„Aber … ich bin mir sicher, wir finden etwas Besseres“, stammelte Mr. Stone und sah dabei leicht panisch zwischen den Anwesenden hin und her. „Wollen wir nicht lieber etwas ernster bleiben?“
„Die Konkurrenz ist schon ernst genug. Ich möchte mit meiner Werbung auffallen! Harry, was haben Sie noch auf Lager?“
Liv starrte wie paralysiert ins Leere, als sie kurze Zeit später an ihren Schreibtisch zurückkehrte. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Wo waren die vielversprechenden Kampagnen und Kunden? Auch wenn der heutige Tag für Harry ein Meilenstein in seiner Karriere war, bedeutete er für Liv einen Wendepunkt, obwohl sie sich ehrlich für ihn freute. Vielleicht musste es so weit kommen. Etwas in ihrem Inneren hatte sich verändert. Es war ihr auf einmal klar, dass sie hier niemals das finden würde, was sie sich wünschte.
Wie in Trance zog sie sich ihren Mantel über und nahm den Aufzug nach unten. Es war eine Stunde vor der Mittagspause. Als sie endlich ins Freie trat und ihr der Duft von frisch frittierten Zimtdonuts in die Nase stieg, überfiel sie auf einmal eine unbeschreibliche Wehmut. Sie wünschte sich nach Hazelwood Falls … weit weg von New York.
Liv griff nach ihrem Handy und wählte kurzerhand die Nummer ihrer Großeltern. Es war die einzige Festnetznummer in ihrem Telefon, und wenn sie ehrlich war auch die einzige, die sie auswendig kannte. Eine, die selbst den Wechsel von analog zu digital überlebt hatte.
Wie immer war sie erst einmal überrascht, als sie am anderen Ende der Leitung die Stimme ihres Grandpas vernahm. Heiße Tränen schossen ihr in die Augen, denn in diesen Momenten überkam sie die Trauer ohne Vorwarnung. Beinahe war sie ein wenig froh darüber, dass Jacob in telekommunikativen Dingen nicht sehr geübt war. So konnte er nicht zu viel in ihr Telefonat hineininterpretieren.
„Grandpa, ich bin‘s, Liv“, meldete sie sich, denn ein Display mit Rufnummernerkennung gab es auf der Farm nicht. Seit fast fünf Jahrzehnten hatten ihre Großeltern nicht nur dieselbe Rufnummer, sondern auch dasselbe vanillegelbe Telefon, das in der Küche an der tapezierten Wand hing.
„Liv?“, hakte Jacob irritiert nach, als müsste er sie erst einordnen. „Oh, Liv, mein Schatz!“, rief er nun erfreut aus. Selbst über diese Entfernung hinweg spürte sie seine Zuneigung und ehrliche Freude. „Ich komme gerade von draußen.“
Ein schlechtes Gewissen überkam sie, denn seit dem Tod ihrer Großmutter wurden die Telefonate immer unregelmäßiger, und ihr letzter Besuch lag ebenfalls schon mehrere Monate zurück.
Der ältere Herr schien durch diesen Überraschungsanruf regelrecht aufzublühen. „Ich wollte mich gerade etwas hinlegen und mir eine CD von George Strait anhören.“
Natürlich wusste Liv, worum es wirklich ging. Im Haus war es ihrem Großvater ohne das geschäftige Hantieren seiner Frau zu ruhig, sodass er selbst während seines Mittagsschläfchens etwas Hintergrundkulisse brauchte.
„Hörst du den auch?“, hakte Jacob interessiert nach.
Liv war über seinen Versuch, Konversation zu treiben, gerührt. Natürlich erinnerte sie sich an den bestimmten Song von damals. Ihre Granny hatte Carrying your love with me in Dauerschleife gehört.
„Ich hab‘ ihn auf meiner Playlist“, brach es nun aus seiner Enkelin heraus. Die bedrückende Stille am anderen Ende der Leitung schnürte ihr fast die Kehle zu. „Ich vermisse sie so. Erst vorhin musste ich an ihre Einsteckkragen denken.“
„Oh, die hat sie geliebt“, erwiderte Jacob leicht amüsiert. „Aber du hast mir noch gar nicht erzählt, wie es dir geht. Seit ich verstanden habe, was du in deinem Job so machst, verfolge ich die Werbeunterbrechungen umso aufmerksamer. Diese Pepsi Werbung ist sehr originell.“
„Da muss ich dich leider enttäuschen, Grandpa. Keine Softdrinks. Heute war ein neuer Kunde mit seiner Hämorrhoidensalbe bei uns.“
Für einen Augenblick herrschte Stille am anderen Ende der Leitung. „Na, die gibt‘s im Cinnemon Corner Shop sogar rezeptfrei.“
Ein warmes Gefühl breitete sich in Liv aus, als sie an den Laden dachte. Hier gab es nichts, was man nicht irgendwie beschaffen könnte.
Ein langgezogenes Hupen eines schwarzen SUVs holte sie wieder ins hektische New York zurück.
„Heute Abend kommt Wyatt vorbei, dann kann ich ihn ein wenig ausquetschen. Vielleicht versorgt er mich mit authentischen Erfahrungsberichten.“
Liv lachte herzhaft, denn ihr Grandpa verstand es, einen Witz so vollkommen ernst herüberzubringen, dass sie ihm das Angebot fast abgenommen hätte.
„Du hättest mich fast gehabt“, erwiderte sie schmunzelnd.
„Die Jungs und ich veranstalten ein kleines Barbecue, und auch Cal ist mit von der Partie.“
Er meinte vermutlich wie üblich seine gleichaltrigen Freunde. Mr. Sutton vom Cinnemon Corner Shop und Mr. Brown, den pensionierten Doc. Beide kannte sie seit ihrer Kindheit. Nur den Namen Cal hörte sie heute zum ersten Mal.
„Cal?“
„Oh, er ist etwa in deinem Alter und hilft mir seit einigen Monaten auf der Farm.“
Gerade als Liv mehr über ihn erfahren wollte – schließlich interessierte es sie, wer sich auf der Farm aufhielt – unterbrach ein hell tönendes, fast fröhlich klingendes Hupen am anderen Ende der Leitung ihr Gespräch.
„Na, der ist aber früh dran. Ich habe die Futterlieferung erst für heute Nachmittag erwartet.“
Liv sah ihren Grandpa vor sich, wie er interessiert aus dem Fenster spähte und sich die elastische Schnur des Telefons dabei einmal quer durch die Küche spannte.
„Dann halte ich dich nicht länger auf. Ich muss auch wieder zurück ins Büro.“
„Danke für deinen Anruf, Liv. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Kommst du bald mal wieder zu Besuch?“ Die hoffnungsvolle Stimme des älteren Herrn ließ etwas in ihrem Inneren schmelzen.
„Spätestens zum Kürbisfest. Versprochen, Grandpa“, erwiderte Liv mit aufgewühlter Stimme.