Leseprobe Pole Position Love | Eine spicy Sports Romance über zweite Chancen und eine Liebe, die auf die ultimative Probe gestellt wird

1. Kapitel

Mittwoch, 15. November

„Hast du dir das gut überlegt?“ Miriam beugte sich näher zu Yannik, damit sie nicht so leicht belauscht werden konnten, doch die anderen Passagiere im Flugzeug beachteten sie nicht. Sie hatte das Gefühl, dass sie Yannik die Frage jetzt bereits zum hundertsten Mal stellte. Seine Antwort war immer gleich, aber noch hatte er sie nicht überzeugt.

Deutschland verlassen.

Nach Wien übersiedeln.

Einfach so.

Zu einem Team wechseln, das noch ganz am Anfang stand und bisher mehr im Zusammenhang mit Skandalen als mit guter Leistung in der Presse erwähnt worden war. Das klang, als ob berechtigte Zweifel angesagt wären.

„Sie wollen mich in der ersten Reihe, Miriam.“ Yannik wandte den Blick vom Fenster ab und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. „Von der Formel 3 gleich in die Königsklasse! Ich muss auch nicht befürchten, als Testfahrer hinten in der Box zu versauern. Diese Chance bekommt man nicht oft.“

Er hatte recht. Dennoch wünschte sie, er wäre etwas vorsichtiger.

„Das Team ist relativ neu“, gab sie zu bedenken. „Angeblich sind sie mit gutem Material unterwegs. Bis auf diesen einen Motorschaden in Mexico City gab es nie Probleme mit den Wagen. Trotzdem sind sie nicht vorne mit dabei.“

„Da hat aber jemand ganz genau recherchiert.“ Seine Augen funkelten amüsiert, als er eine Braue hob.

„Das gehört doch zu meinen Aufgaben, wenn du schon nicht gut genug auf dich aufpasst“, stellte sie klar.

„Ich bin kein unsicherer Teenager mehr. Wohin ich will, weiß ich ganz genau. Und jetzt hole ich mir, was mir zusteht.“

Sie unterdrückte ein Seufzen. Für den Motorsport brauchte man ein großes Ego. Ohne Selbstbewusstsein und Zielstrebigkeit kam man nicht weit. Schnelle Wagen, Testosteron und Adrenalin. Miriam wusste, warum es Yannik wichtig war, dass man auch ihn auf diese Art sah.

Aber sie kannte ihn. Sie hatte ein genaues Bild davon, wie er tief in seinem Inneren war, was er sich wünschte, wovon er träumte. Dieses Getriebensein verstellte ihm manchmal den Blick auf die Wahrheit.

„Lass dir noch ein wenig Zeit“, bat sie. „Dein Talent wurde schon erkannt. Wenn du dich nur noch ein wenig geduldest, erhältst du bestimmt das Angebot, Testfahrer bei einem großen Team zu werden. Von Lillford wurde doch schon vorsichtig angefragt. Wenn du zu denen wechselst, sitzt du bei einem wirklich erfolgreichen Team hinter dem Lenkrad.“

Er schüttelte den Kopf. „Aber nur als Testfahrer! Das reicht mir nicht. Ich schließe keinen Vertrag ab, durch den ich jahrelang gebunden bin und bei dem es nur die vage Chance gibt, irgendwann einmal ein Rennen fahren zu dürfen. Lillford hat zwei Spitzenfahrer in den besten Jahren. Warum sollten die beiden abtreten?“

„Das hat bis vor ein paar Wochen auch jeder von Marc Raschen gesagt“, erinnerte sie ihn. „Trotzdem lädt er dich jetzt im Namen des Teams nach Wien ein.“

Die Stewardess blieb mit ihrem Servicewagen neben Yannik stehen.

„Darf es etwas zu trinken sein?“, erkundigte sie sich mit einem höflichen Lächeln.

„Was haben Sie denn an Alkohol im Angebot?“, fragte Yannik.

Miriam warf ihm einen tadelnden Blick zu.

Seufzend rollte er mit den Augen.

„Das war nicht ernst gemeint“, sagte Miriam an die Stewardess gewandt. „Er nimmt einen Kaffee und ein Glas Wasser. Für mich das Gleiche bitte.“

„Ich bin durchaus in der Lage, für mich selbst zu entscheiden“, zischte er ihr zu.

„Natürlich. Aber du brauchst einen klaren Kopf. In nicht mal drei Stunden sind wir mit Herrn Gruber und Herrn Raschen verabredet. Bestimmt macht es keinen guten Eindruck, wenn du dann eine Alkoholfahne hast.“ Warum brachte sie sich bloß immer in solche Situationen? Nein, wieso sorgte er nicht selbst dafür, dass sie ihn nicht vor Fehlern bewahren musste?

„Für dieses Treffen habe ich mir extra eine Auszeit genommen“, erinnerte er sie. „Das erste Mal Urlaub während der Saison. Warum sollte ich die Freiheit nicht nutzen?“

„Tu das ruhig. Aber erst nach dem Gespräch heute.“

Die Stewardess stellte die Getränke vor ihnen ab. „Darf es sonst noch etwas sein?“

„Nein, vielen Dank. Meine Liebste hat mir Spaß verboten.“ Yannik grinste frech.

Miriam versuchte über seinen Kommentar hinwegzusehen. Verdammt, sie war nicht gerne die Stimme der Vernunft. Sie hatte sich diese Rolle nicht ausgesucht. Das Schicksal hatte sie gelehrt, dass es im Leben um mehr ging als darum, sich zu amüsieren und der Verantwortung den Stinkefinger zu zeigen. Rebellisch den Vergnügungen nachzujagen, füllte keinen leeren Magen. Dann war sie eben diejenige, die sich benahm, als wäre sie keine fünfundzwanzig Jahre, sondern bereits doppelt so alt. Normalerweise wusste Yannik diese Eigenschaften zu schätzen. Sobald er sich nicht mehr fühlte, als hätte er sich bei einer Klassenfahrt von der Truppe davongeschlichen, würde er wieder er selbst sein.

Trotzdem bemerkte sie den beinahe mitleidigen Blick der Stewardess. Es sollte ihr egal sein, was die Frau dachte, schließlich kannte sie Miriam nicht und wusste nichts über ihre Beziehung zu Yannik. Leichte Verärgerung ließ Miriam dennoch die Lippen aufeinanderpressen.

Sie nahm einen Schluck von dem Kaffee und sah dann aus dem Fenster. Es war ein kurzer Flug von Stuttgart nach Wien. Es fühlte sich allerdings an, als würden sie eine endlos lange Strecke hinter sich bringen. Miriam wurde den Eindruck nicht los, das Flugzeug würde sie beide geradewegs in einen neuen Abschnitt ihres Lebens tragen. Ihre Intuition sagte ihr, die Auswirkungen würden auf sie genauso groß sein wie auf Yannik.

Ihre Aufgabe war es, für ihn da zu sein. Das tat sie immer aus voller Überzeugung, weil er der wichtigste Mensch in ihrem Leben war. Doch im Augenblick gefiel ihr die Richtung nicht, die er einschlug. Ob sie das nervöse Kribbeln in ihrem Magen ignorieren sollte?

„Tut mir leid“, sagte Yannik jetzt und griff nach ihrer Hand. „Ich war gerade unhöflich zu dir. Dazu hatte ich kein Recht. Mein Herz schlägt vor Aufregung und Begeisterung schneller, je näher wir unserem Ziel kommen. Du würdest allerdings wohl am liebsten fliehen.“

„So könnte man es ausdrücken. Ich gönne dir diese Chance. Aber trotzdem …“ Sie wusste nicht, wie sie fortfahren und erklären sollte, was sie beschäftigte.

„Ich verstehe, warum du Zweifel hast und dir Sorgen machst. Ich verlasse mich auf deine Einschätzung. Aber ich möchte mir anhören, was sie mir anbieten. Mir ist das wichtig. Deine Bedenken sind mir trotzdem nicht egal.“

Sie drückte seine Finger und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Das vertraute Gefühl von Sicherheit, das er ausstrahlte, sprang auf sie über. „Sei einfach vorsichtig und überlege dir sehr genau, ob es das Richtige für dich ist.“

„Versprochen. Ich werde mit dir über alle Vor- und Nachteile reden, wenn wir Genaueres wissen. Deine Meinung zu dieser Sache ist auch wichtig.“

Es tat gut, das zu hören, dennoch musste er seinen eigenen Weg gehen. Er durfte sich nicht von ihr bremsen lassen, wenn er glaubte, sich bei Amber Heart Racing entfalten zu können. Seine Karriere hatte Vorrang. Manchmal fiel es ihr schwer, ihre eigenen Pläne zurückzustecken, aber sie waren ein Team mit einem klaren Ziel.

„Ich glaube, ich kann dort viel bewegen, wenn sie mich lassen“, fuhr Yannik fort. „Darauf, die Details zu besprechen, freue ich mich schon. Entscheiden werde ich mich aber nicht sofort. Wie dringend sie mich wohl brauchen? Was ich alles von ihnen verlangen kann?“

„Wie ich dich kenne, wirst du dich um Kopf und Kragen verhandeln.“ Die Worte brachte sie bereits mit leichterem Herzen hervor.

„Mal sehen. Das mit dem Beschnuppern würde ich ja gerne exzessiver betreiben, aber ich habe das Gefühl, damit würde ich dich endgültig auf die Palme bringen.“ Mit einem frechen Funkeln in den Augen zwinkerte er ihr zu.

Sie lachte und schüttelte den Kopf. „Du raubst mir den letzten Nerv.“

Yannik beugte sich näher zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Es wird alles gut. Du wirst schon sehen. Ich kümmere mich um die Details.“

Wenn ihr nur nicht das große Ganze Magenschmerzen bereiten würde! Wollte sie wirklich übersiedeln? Zu Beginn hatte sie Yannik auf einigen seiner Reisen in die Welt begleitet, bevor sie beschlossen hatte, stattdessen in Deutschland auf ihn zu warten. Die Ruhelosigkeit war nicht nach ihrem Geschmack, auch wenn sie gerne reiste. Das Leben an der Seite eines Rennfahrers hatte so gar nichts mit Urlaub zu tun. Sie sehnte sich nach Beständigkeit, nach einem fixen Lebensmittelpunkt. Wenn sie tatsächlich mit ihm nach Wien gehen sollte, wäre das der letzte Umzug, den sie sich vorstellen konnte. Doch das war etwas, das sie Yannik gegenüber noch nicht erwähnt hatte.

„Wenn du dich nicht dazu bereit fühlst, mit mir dieses Abenteuer zu beginnen, dann werde ich dich nicht dazu zwingen“, erklärte Yannik. Seine grünen Augen blickten sie ernsthaft an. „Du weißt, wie sehr ich dich liebe. Ich will dich nicht unglücklich sehen.“

Wärme breitete sich in ihr aus. „Ich liebe dich auch und hoffe, dass du deine Ziele erreichst.“

„So oft hast du schon Rücksicht auf mich genommen. Irgendwann musste ich deine Geduld überstrapazieren.“ Er griff nach ihrer Hand. „Sag mir ehrlich, wenn ich zu viel verlange, dann beenden wir diese Sache. Wir werden auch danach gute Freunde bleiben und können weiterhin aufeinander aufpassen. Zwischen uns wäre trotzdem alles in Ordnung, Miriam.“

Rasch schüttelte sie den Kopf. Auch wenn ihr Arrangement manchmal anstrengend war, hielt sie die Chance, die sich ihm gerade bot, für wichtiger. „Ich werde dich nicht im Stich lassen. Nicht jetzt. Deine Pläne gefallen mir nicht sonderlich gut, aber ich bin mit dabei.“

„Dafür danke ich dir. Du musst ehrlich zu mir sein und mir sagen, was in dir vorgeht. Mir ist nicht entgangen, dass in letzter Zeit etwas in dir arbeitet.“ Er seufzte gespielt dramatisch. „Wenn ich deine Gedanken bloß lesen könnte! Leider bin ich kein Hellseher.“

Sie zog eine Grimasse. „Nicht? Dabei kannst du doch angeblich sonst alles.“

„Der entsprechende Kurs war das letzte Mal leider ausgebucht. Aber ich hole das bei der nächsten Gelegenheit nach.“

Lachend sah sie ihm in die Augen. Ihm nahe zu sein, rückte alles wieder ins rechte Lot. Er war der wichtigste Mensch in ihrem Leben, ihr Mittelpunkt. Ohne ihn würde ihr der Halt fehlen. Er kannte all ihre Geheimnisse, ihre dunklen Seiten und ließ nicht zu, dass sie sich hinter ihren Ängsten versteckte.

Miriam hatte immer dafür gesorgt, nicht von ihm abhängig zu sein, weder finanziell noch sozial oder emotional. Und dennoch wüsste sie nicht, was sie tun sollte, wenn sie ihn verlieren würde. Nicht als Partner, sondern als besten Freund. Diese Rolle würde niemand außer ihm übernehmen können - nicht mit der Perfektion, mit der er sie ausfüllte. Sie würde dafür sorgen, dass es niemals notwendig werden würde, sich nach einem Ersatz umzusehen.

„Ich liebe dich“, wiederholte sie, lehnte sich an ihn und schloss die Augen.

Er drehte den Kopf und küsste sie auf die Stirn. „Und ich dich. Ich werde schon auf dich aufpassen.“

„Und ich auf dich.“

Seine Worte spendeten ihr Trost.

„Es werden bestimmt ein paar spannende Tage in Wien“, sagte sie. „Genieß es, von Herrn Gruber hofiert zu werden. Du hast es dir verdient. Und lass dich nicht von mir dabei stören.“ Vielleicht konnte sie die Gelegenheit nutzen, um sich die Stadt allein anzusehen, während er in Besprechungen saß.

„Wenn wir es richtig anstellen, bemüht man sich auch um dich. Schließlich müssen sie dich ebenfalls glücklich machen, damit du mir gut zuredest.“ Noch einmal drückte er ihre Finger.

„Vielleicht sollte ich mich lieber im Hintergrund halten wie sonst auch“, überlegte sie laut. „Besser sie konzentrieren sich ganz auf dich.“

„Nein. Lenk du sie ab, damit sie nicht merken, wenn ich sie über den Tisch ziehe. Flirte ruhig, damit ich einen vernünftigen Vertrag aushandeln kann.“

Miriam öffnete die Augen und setzte sich auf, als die Stewardess zurückkehrte und das benutzte Plastikgeschirr abräumte. Leider hatte die Frau das Ende des Gesprächs gehört. Der Blick der Angestellten war wieder höflich distanziert. Miriam hasste es, dass sie sich Gedanken darüber machte, wie der Umgang von Yannik mit ihr auf Fremde wirken musste. Es sollte ihr egal sein, was man über sie dachte. Trotzdem wollte sie nicht für bemitleidenswert gehalten werden, weil man ihre Umstände nicht kannte.

„Bitte benimm dich bei dem Treffen nicht, als wärst du bereits ein Superstar“, forderte sie. „Du bekommst gute Konditionen, ohne dich wie ein egoistischer Superheld geben zu müssen. Es macht auch keinen Sinn, wenn ich mit Marc Raschen flirte. Ich habe gehört, er ist jetzt mit der Tochter von Herrn Gruber zusammen. Wenn ich mit seinem künftigen Schwiegersohn turtele, kommt das bei Gruber gewiss nicht gut an.“

Yannik warf ihr einen überraschten Blick zu. „Woher weißt du das mit Marc? Bei mir sind diese Gerüchte noch nicht angekommen.“

„Ich habe meine Quellen. Genau darum kannst du schließlich nicht auf mich verzichten.“

„Es geht nichts über den Klatsch unter Frauen“, murmelte er. „Aber ich habe nicht an Marc gedacht, mit dem du dich gut stellen sollst. Er hat bei Amber Heart Racing trotz seiner angeblichen Verbindung zum Boss des Rennteams nicht genug zu sagen, um mir finanziell entgegenkommen zu können. Halte dich an Gruber. Der hat die Fäden in der Hand. Wenn er uns sympathisch findet, haben wir gute Karten für einen vorteilhaften Deal.“

Hitze kroch über ihre Wangen. Johann Gruber. Sie hatte sein Profil sehr genau studiert. Seiner Schmuckfirma war in den letzten Jahren etwas der Glanz abhandengekommen. Auf der Internetseite von Amber Heart Racing wurde behauptet, Gruber hätte das Rennteam nur gegründet, um den letzten Wunsch seiner Ehefrau zu erfüllen, die vor zwei Jahren gestorben war. Miriam fragte sich, was es über einen Mann aussagte, wenn er eine dermaßen private Information mit der Welt teilte.

Firmen sollten um ein professionelles Auftreten bemüht sein. Auf den Seiten der Rennfahrer konnte es hingegen persönlicher werden. Dieses Detail aus dem Leben des Bosses beeinflusste, wie die Welt die Firma sah. Sie wusste nicht recht, was sie davon halten sollte. Handelte es sich bei Johann Gruber nun eher um einen emotionalen oder einen kalkulierenden Charakter?

„Ich bin sehr gespannt, welche Art von Mensch er tatsächlich ist.“ Miriam griff in ihre Handtasche und holte den Prospekt von Amber Heart Racing hervor.

Es waren einige Bilder von Frederick Aigner und Marc Raschen darin zu sehen. Die beiden in der Box, hinter dem Lenkrad, in diesen lächerlich selbstbewussten Posen neben ihren Lebensläufen, die scheinbar von Rennfahrern verlangt wurden. Auf der vorletzten Seite fand sich auch ein Foto von Johann Gruber.

Leider war es viel kleiner als die Abbildungen von seinen Fahrern. Man sah nur sein Gesicht. Da das auch noch in schwarz-weiß abgedruckt war, fiel ihr eine Einschätzung seines Charakters schwer. Trotzdem war deutlich zu erkennen, dass das Lächeln auf seinen Lippen bis in seine Augen strahlte. Ehrlichkeit - das war das erste Wort, das ihr dabei in den Sinn kam. Ein Mann, dem man vertrauen konnte.

Yannik nahm ihr den Prospekt aus der Hand. „Er sieht gut aus für sein Alter“, stellte er fest. „Man merkt ihm nicht an, dass er fast fünfzig ist.“

„Ihr Kerle seid so oberflächlich“, schimpfte sie. „Wahre Schönheit kommt ohnehin von innen.“

„Möglich. Aber du bist von innen und außen attraktiv, meine süße Miriam. Darum fällt es mir so schwer, das zu beurteilen. Wenn ich dich ansehe, überlagert all meine Liebe für dich das, was andere erkennen. Für mich bist du deshalb immer perfekt.“

„Unverbesserlicher Charmeur.“ Sie grinste ihn an.

Als durchgesagt wurde, dass sie sich bereits im Landeanflug auf Wien befanden, nahm Miriam Yannik den Prospekt ab und steckte die Unterlagen wieder weg.

Sie lehnte sich im Sitz zurück und griff nach Yanniks Hand, als das Flugzeug durchgerüttelt wurde. Angeblich gab es bei der Landung in Wien jedes Mal ganz leichte Turbulenzen. Trotzdem spürte sie ein Grummeln in ihrem Magen.

Das Flugzeug setzte auf und Miriam stieß die angehaltene Luft aus.

Geschafft!

Sie waren in einem neuen Abenteuer gelandet. Jetzt würde sich zeigen, ob auch ein neuer Lebensabschnitt auf sie wartete.

2. Kapitel

„Ich hoffe, du weißt, was du tust“, sagte Johann und trommelte mit den Fingern auf den Tisch in dem edlen Restaurant, das er für das Treffen ausgewählt hatte.

„Was tue ich denn?“, fragte Marc. Er nahm einen Schluck von seinem Wasser.

Johann musste daran denken, dass sich der Rennfahrer bei so einer Gelegenheit vor Kurzem noch ein Glas Wein bestellt hätte. Natürlich wäre Johann davon nicht sonderlich begeistert gewesen und es hätte Streit gegeben. Heute irritierte ihn allerdings die Zurückhaltung des jüngeren Mannes. Ob Marc der Termin mit ihrem wichtigen Gast nervös machte? Würde es Ärger geben?

Marc betonte immer wieder, seine Entscheidung für ein sofortiges Karriereende für richtig zu halten. Anscheinend fiel es ihm allerdings nicht so leicht wie gedacht, sich mit Johann auf die Suche nach einem Nachfolger zu machen. Wer sollte ihm das verdenken? Johann würde es in dieser Situation nicht anders gehen.

„Das letzte Rennen lief gut“, meinte er vorsichtig. „Platz acht ist ein großartiges Ergebnis. Du kannst stolz auf dich sein.“

Marc antwortete nicht. Er drehte bloß das Glas in seiner Hand.

„Wenn du es dir anders überlegen solltest …“

„Nein.“ Marcs Tonfall klang entschieden.

Johann musterte sein Gegenüber intensiv. „Ich weiß, wie schwer es dir fällt, das Cockpit aufzugeben. Wenn das dein ehrlicher Wunsch ist, dann akzeptiere ich das natürlich. Ich glaube jedoch nicht, dass du so schnell aufgeben solltest. Hoffentlich weißt du wirklich, was du tust.“

Der Mann, der eine Beziehung mit Johanns Tochter führte, sandte ihm einen verärgerten Blick. „Wir haben doch jemanden gefunden, der in der neuen Saison meinen Platz einnehmen kann. Das Team wird weiterhin reibungslos arbeiten.“

„Noch bin ich nicht davon überzeugt, dass Yannik Hoffmann der Richtige für diese Aufgabe ist. Frederick hat von deiner Erfahrung und deiner Ruhe profitiert. Ich habe meine Zweifel, ob die neue Konstellation funktioniert.“

Marc brach in Gelächter aus. „Hast du gerade behauptet, ich wäre ruhig? Hat sich das gezeigt, bevor oder nachdem ich mich beinahe auf der Rennstrecke mit Frederick geprügelt hätte? Oder vielleicht damals, als ich ihn in der Presse beschimpft habe?“

Gegen seinen Willen huschte ein kurzes Schmunzeln über Johanns Gesicht. Auf den ersten Blick waren seine beiden Fahrer tatsächlich kein ideales Team gewesen. „Du weißt, was ich meine. Ihr hattet zwar eure Meinungsverschiedenheiten, aber inzwischen habt ihr euch zusammengerauft. Frederick ist ein Hitzkopf, der gerne mal zu viel riskiert. Es fällt Xander schwer, ihn zu kontrollieren. Aber zu dir sieht Frederick auf, auch wenn er es nie zugeben würde.“

„Ich fürchte, da hat dir jemand einen riesigen Bären aufgebunden. Stammt der Blödsinn von Xander? Ihm ist auch jede Ausrede recht, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen und mich zum Bleiben zu überzeugen.“ In Marcs Stimme schwang Ärger mit, obwohl er lächelte.

„Die Beobachtung habe ich schon selbst gemacht. Jeder kann erkennen, dass er deine Meinung ernst nimmt“, stellte Johann fest. Ihm wurde allerdings bewusst, dass er damit vielleicht tatsächlich wirken musste, als wolle er Marc manipulieren. Der arme Kerl hatte genug durchgemacht. Man sollte ihn nicht noch unter Druck setzen. „Wir hatten noch keine Gelegenheit, uns darüber zu unterhalten, wie du dich beim Rennen in Sao Paulo gefühlt hast.“

„Das Ergebnis hast du doch bereits erwähnt.“ Marc leerte sein Glas und deutete dem Kellner, damit man ihm noch ein Wasser brachte.

Johann mochte die Nervosität nicht, die sein Fahrer ausstrahlte. „Davon habe ich nicht gesprochen. Du hast keinen einzigen Fehler gemacht und es hat keine Probleme gegeben. Mich interessiert jetzt, wie es dir dabei wirklich ergangen ist.“

Der Kellner stellte eine Karaffe mit Wasser vor ihnen ab, bevor sie das Gespräch weiterführen konnten. „Möchten Sie vielleicht schon bestellen?“, wollte der Mann wissen.

Johann schüttelte den Kopf und sah auf die Uhr. Zwei Minuten vor zwölf. Sein Gast war noch nicht zu spät. „Wir warten noch. Vielen Dank.“

Er kämpfte gegen seine eigene Unruhe an. Dieser Termin bedeutete einen Wendepunkt für Amber Heart Racing. Aber er konnte noch nicht sagen, ob die Entwicklung für ihn positiv oder negativ ausfallen würde. Im Augenblick wusste er nicht, wie er verhindern sollte, dass dieser Wechsel die Abläufe im Team durcheinanderbrachte. Vor Marcs Ankündigung, als Fahrer auszusteigen, hatte es endlich den Anschein gehabt, als würde Johann beruflich einen Frieden finden. Elaisa hatte sich bereit erklärt, ihm in der Firma zu helfen. Das Rennteam hatte erste Erfolge eingefahren. Seine Träume erfüllten sich. Es hätte alles perfekt sein können. Und dann das. Es gab nicht einmal jemanden, dem er die Schuld an diesem Chaos zuschieben konnte. Marc hatte durchgehalten, so lange er konnte.

Seufzend wandte sich Johann an seinen Schwiegersohn in spe. „Hattest du in Sao Paulo wieder Probleme mit deinen Augen? Ist der seltsame Effekt, dass du nicht existierende Gegner gesehen hast, wieder aufgetreten?“

Marc nickte. „Der Psychologe, zu dem ich seit Kurzem gehe, hat mich gut auf das Rennen vorbereitet. Die Anzeichen haben sich trotzdem bemerkbar gemacht. Mit den Übungen von Dr. Souberin konnte ich zum Glück gegensteuern.“

„Ich habe gehofft, du wärst dieses Phänomen losgeworden“, gab Johann zu.

Sein Fahrer zog eine Grimasse. „Falls eine Fee mich mit einem Zauberstab davon hätte befreien sollen, hast du sie an die falsche Adresse geschickt.“

Die Bitterkeit war aus Marcs Stimme deutlich herauszuhören. Johann wünschte, er könnte dem jungen Mann helfen. „Mir ist wichtig, dass du zufrieden bist. Es bringt nichts, wenn ich dich zu etwas zwinge, zu dem du dich nicht in der Lage fühlst. Außerdem würde mir Elaisa die Hölle heiß machen.“

Ein Lachen entschlüpfte Marc, bevor er wieder ernst wurde. „Die Angst vor dem Tadel dieser Frau haben wir wohl gemeinsam. Aber ich gebe das alles nicht für sie auf. Ich bin froh, wenn ich nach Abu Dhabi eine Zeit lang nicht mehr in einen Rennwagen steigen muss. Diese Rennen haben mich all meine Kraft gekostet.“

„Wenn ich irgendetwas für dich tun kann, mache ich das gerne. Sag mir einfach Bescheid.“

Marc hob eine Augenbraue und die Anspannung in seinem Gesicht nahm noch einmal zu. Ganz offensichtlich wanderten seine Gedanken zu etwas, das ihm Sorgen bereitete. „Du hast dich doch schon bereit erklärt, mir nach dem Saisonende ein Gehalt zu zahlen, von dem ich nicht weiß, ob ich es verdiene. Der Firma geht es nicht sonderlich gut. Du musst dich nicht mehr für mich einsetzen, als du es bei anderen Mitarbeitern tust. Nur weil Elaisa und ich uns gut verstehen, will ich keine Sonderbehandlung.“

Was für ein Herumgeeiere! „Warum sagst du nicht, dass ihr zusammen seid?“

„Weil diese Formulierung für uns nicht passt, aber das zu erklären, ist etwas komplizierter. Jedenfalls musst du nicht versuchen, mehr Verständnis für mich und meine Situation zu zeigen als bei allen anderen.“

Johann zuckte mit den Achseln. Gott, waren diese jungen Menschen anstrengend! Natürlich wusste er, dass seine Tochter ihren eigenen Kopf hatte. Da es aber offensichtlich war, wie sehr sie Marc mochte, verstand Johann nicht, wieso sie die Wahrheit nicht aussprachen „Es macht für mich keinen großen Unterschied, ob ich mich um dich oder ein anderes Teammitglied kümmere. Ich sehe uns alle als Familie.“

„Trotzdem hast du mir das Du erst angeboten, nachdem Elaisa und ich dir gesagt haben, dass wir …“ Marc geriet ins Stocken.

Jetzt grinste Johann zufrieden. „Ist das auch kompliziert, oder wie?“

Marc seufzte. „Elaisa ist eine großartige Frau. Ich will das zwischen uns nicht kaputt machen, indem ich ihm einen Namen gebe, der deine Tochter in Panik versetzt.“

Obwohl er Elaisas Vater war, wollte er auch Marc einen elterlichen Rat geben. „Ich glaube, ihr beide solltet richtig miteinander reden. Elaisa scheint das Gleiche bei dir zu befürchten. Vergeudet nicht unnötig eure Zeit, nur weil ihr zu vorsichtig seid. Es reicht nicht, von einer möglichen Zukunft nur zu träumen. Man muss sie schon auch leben.“

„Für Liebe gibt es keine Regeln. Die muss man auf seine Art entdecken.“ Marc seufzte. Als er dann einen Blick auf seine Uhr warf, tat er das nicht so unauffällig, wie er vermutlich annahm.

„Ihr werdet schon selbst wissen, was ihr wollt.“ Johann spürte, dass es besser war, das Thema zu beenden. Er kniff die Augen zusammen. „Schon nach zwölf, oder?“

„Sieben Minuten“, bestätigte Marc die Vermutung.

„Vielleicht hat er es sich anders überlegt.“ Ehrlich gesagt würde es Johann nicht stören. Es war nicht fair, in diesem Moment Hoffnung zu empfinden. Wenn dieser Mann allerdings nicht auftauchte, würde Marc sich vielleicht doch noch mit dem Gedanken anfreunden, gebraucht zu werden. Das war zwar nichts, worauf Johann bauen sollte, aber er war auch nur ein Mensch.

„Ich habe mit ihm telefoniert, kurz nachdem er gelandet ist“, sagte Marc. „Er hat bestimmt keine kalten Füße bekommen.“

Vielleicht war es ohnehin einfacher, wenn die Angelegenheit jetzt gleich geklärt wurde. Ein Pflaster sollte man ja auch in einem Zug abreißen. „Du hast mir so viel über seinen Werdegang erzählt, aber woher kennt ihr euch eigentlich?“

„Das kannst du Yannik gleich selbst fragen.“ Ein Lächeln erschien auf Marcs Gesicht, während er zu einer Stelle links von Johann sah und aufstand.

Johann blickte zum Eingang des Restaurants. Ein junger Mann sprach gerade mit einem Kellner, der in ihre Richtung deutete. Als der Neuankömmling den Kopf drehte, war Johann sicher, ihn von der Recherche im Internet wiederzuerkennen. Da war er also. Yannik Hoffmann. Potenzielles neues Rennfahrertalent und begierig darauf, Marc abzulösen. Anscheinend hatte damit lediglich Johanns wenig spontanes Herz ein Problem.

Hoffmanns Gesicht wurde von einem Lächeln erhellt, als er Marc entdeckte. Er hob kurz grüßend die Hand und machte dann einen Schritt in ihre Richtung. Doch statt weiterzugehen, wandte er sich um und nahm eine junge Frau an der Hand.

Während die beiden schließlich näher kamen, spürte Johann ein Kribbeln in seinem Magen. Sein potenzieller neuer Angestellter hatte seine Freundin mit nach Wien gebracht. Na, wenn das nicht als gutes Zeichen zu werten war. Johann verbiss sich ein Seufzen.

Er setzte ein höfliches Lächeln auf und erhob sich ebenfalls. Der Kerl wirkte ziemlich jung. Johann wusste, er war fünfundzwanzig Jahre alt und damit um sieben jünger als Marc. Wie sollte dieser unerfahrene Neuling die Erfolge einfahren, die das Team brauchte? Überschätzte Marc, wozu sein Bekannter fähig war?

„Guten Tag“, grüßte Hoffmann, als er bei ihrem Tisch ankam. „Wie schön, dass wir uns endlich persönlich kennenlernen. Ich freue mich darauf, mich mit Ihnen über die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit zu unterhalten. Darf ich Ihnen aber zuerst meine Freundin Miriam Lohnbeck vorstellen?“

Zumindest war er höflich, dachte Johann. „Sehr gerne.“ Immer noch mit seinem geschäftsmäßigen Lächeln auf dem Gesicht wandte er sich der Frau neben Hoffmann zu.

Und blinzelte kurz.

Er hatte Fotos der beiden gesehen. Aber da hatte Johann sich ausschließlich auf Hoffmann konzentriert. Jetzt wurde ihm das erste Mal bewusst, wie außergewöhnlich die Augen dieser Frau waren. Er entdeckte grüne, blaue und braune Sprenkel in ihrer Iris. Er konnte diese Augenfarbe nur als faszinierend anders beschreiben. Unübersehbar. Diese Frau war unübersehbar. Und dennoch hatte er sie neben Yannik Hoffmann nicht bemerkt. Seine Fähigkeit, attraktive Frauen wahrzunehmen, schien eingerosteter als er selbst.

Er streckte die Hand aus und schüttelte die seines Gegenübers. „Es freut mich, Frau Lohnbeck. Johann Gruber. Der Mann, der Ihren Freund dazu überreden möchte, in sein Team zu wechseln.“

„Sehr erfreut. Ich bin sehr gespannt, ob Sie Yannik überzeugen können. Ihr Team kann man jedenfalls nicht übergehen. Sie sind regelmäßig in den Schlagzeilen zu finden.“ Ihre Stimme klang warm und angenehm. Ihre Augen funkelten, während sich Wärme darin ausbreitete. Mit einer eleganten Bewegung warf sie ihre langen dunkelblonden Haare über ihre Schulter.

„In Zukunft werden sich die Zeitungsartikel hoffentlich mehr um die Leistungen unserer Fahrer drehen“, bemerkte Johann. „Vielleicht kann Herr Hoffmann dafür sorgen.“

„Bestimmt würde es ihm mit dem Material, das Ihr Team zur Verfügung stellt, leichter gelingen“, gab sie zurück.

Fasziniert von ihrem eindringlichen Blick starrte er sie weiter an. Plötzlich wurde ihm klar, dass er noch immer ihre Hand hielt, und ließ sie los. Unsicherheit machte sich in ihm breit, während er von einem zum anderen sah. Worüber hatten sie sich gerade unterhalten?

„Wenn wir gewusst hätten, dass Sie weibliche Gesellschaft begleitet, hätten wir meine Tochter mitgebracht“, sagte er mit heiserer Stimme. „Elaisa leitet die Schmuckfirma und ist Marcs …“ Er sah zu dem Mann, den seine Tochter liebte. Welchen Begriff er verwenden durfte, war Johann jetzt immer noch nicht klar.

„Elaisa ist meine Freundin“, beendete Marc den Satz. „Ich kann sie gerne anrufen, damit Sie sich durch unser Fachsimpeln nicht gelangweilt fühlen.“

Die junge Frau lächelte. „Das ist nicht notwendig. Ich weiß vielleicht nicht über alle fachlichen Grundlagen Bescheid, aber Yannik und ich haben keinerlei Geheimnisse voreinander.“

Johann bemerkte irritiert, dass sich seine Mundwinkel ebenfalls hoben, während sich ihr Lächeln vertiefte. Die Augen von Hoffmanns Freundin strahlten jetzt voller Herzlichkeit. Ganz offensichtlich war sie von ihrem Freund sehr angetan. Johann konnte den Blick nur schwer von ihr abwenden.

Viel zu spät griff er nach Hoffmanns Hand. „Willkommen in Wien. Es freut mich, Sie hier begrüßen zu dürfen. Wir haben große Hoffnungen für Ihren Besuch hier.“

„Wir werden sehen, ob ich zumindest einen Teil davon erfüllen kann.“ Hoffmann grinste. Es schien, als würde es ihm gefallen, sein Gegenüber ein wenig zu reizen. Dieser Charakterzug war bei einem Rennfahrer nicht überraschend. Blieb zu hoffen, dass er nicht zu frech wurde.

Sie nahmen schließlich Platz. Der Kellner schien nur darauf gewartet zu haben, denn er eilte sofort an ihren Tisch und fragte nach ihren Wünschen. Sie bestellten eine neue Runde Getränke und ließen sich die Karten geben.

Während sie darin blätterten und über das Angebot plauderten, registrierte Johann nebenbei, dass er seine beiden Gäste sympathisch fand. Auch wenn er sich dagegen wehrte, musste er Hoffmann gute Manieren attestieren. Er wirkte bei der Unterhaltung höflich und zurückhaltend, auch wenn in seinen Augen immer wieder der Schalk aufblitzte. Mit ihm würden sie sich einen engagierten, aber auch schwer zu kontrollierenden Fahrer einfangen. Wenn seine Leistungen stimmten und er sich in der Presse zurückhalten konnte, sollte das Johann allerdings recht sein. Er brauchte jemanden, der nach Erfolg hungerte. Hoffmann könnte gut ins Team passen.

Die Begleitung des Rennfahrers war für Johann schwerer einzuschätzen. Er wunderte sich immer noch, weshalb Hoffmann seine Freundin mit zu diesem Treffen gebracht hatte. Die beiden mussten sich sehr nahestehen, wenn sie den Weg aus Deutschland extra auf sich nahm und sich auch noch zu diesem langweiligen Gespräch an den Tisch setzte. Natürlich hätte so ein Teamwechsel auch Auswirkungen auf ihr Leben, weshalb sie sich wahrscheinlich für die Details interessierte. Wie involviert sie wohl in die Entscheidung ihres Freundes wirklich war? Ob sie mit Hoffmann nach Wien ziehen würde? In den Unterlagen, die die Sekretärin für Johann über Hoffmann zusammengestellt hatte, war der Beruf seiner Freundin nicht angeführt gewesen. Konnte sie so einfach alles hinter sich lassen und dem Rennfahrer folgen? Oder gab sie sich mit einer Wochenendbeziehung zufrieden?

Johann brannte darauf, mehr über die beiden zu erfahren. Es wäre jedoch unhöflich, sich direkt danach zu erkundigen, weshalb er sie weiter heimlich beobachtete. Frustriert unterdrückte er ein Seufzen. Er musste sich also erst einmal auf harmlose Fragen beschränken und hoffen, die Informationen, die ihn wirklich interessierten, nebenbei zu erfahren.

„Herr Raschen meinte, ich solle mich an Sie wenden, um erzählt zu bekommen, wie Sie beide sich kennengelernt haben“, sagte Johann an Hoffmann gewandt, als sie das Essen bestellt hatten. „Existiert da eine besondere Geschichte?“

Hoffmann lachte. „Tut mir leid. Da hat Marc Sie anscheinend an der Nase herumgeführt. Unsere Bekanntschaft umgibt kein großes Geheimnis. Wir sind eine Zeit lang in der gleichen Gruppe mit unseren Autos Rennen gefahren. Damals waren wir an den Wochenenden in ganz Europa unterwegs, um die idealen Strecken zu finden. Marc war schon nicht mehr so aktiv, als ich dazugekommen bin. Aber er hat mich jedes Mal besiegt, wenn er mit dabei war. Das hat mich fertiggemacht. Sein Können hat mich angespornt und zu einem besseren Fahrer werden lassen. Trotzdem war ich froh, als er irgendwann zu alt für diese Abenteuer wurde. Dann habe ich endlich seinen Platz einnehmen können.“

Sein Blick huschte zu Marc. „Tut mir leid. Das war jetzt eine unhöfliche Anspielung.“

„Das mit dem Alter oder dem Platzeinnehmen?“, wollte Marc wissen. Seine Stimme klang ausschließlich amüsiert.

„Beides.“

Marc zuckte mit den Schultern. „Der Jugend gehört die Zukunft. Das kann ich nicht ignorieren.“

„Es hat etwas für sich, Lebenserfahrung zu besitzen“, mischte sich Frau Lohnbeck ein. „Man erspart sich jede Menge Albernheiten, weil man sich erst selbst kennenlernen muss. Zum Beispiel würde man dann wissen, wann es besser wäre, ein Thema ruhen zu lassen.“

Der tadelnde Blick, den sie ihrem Freund zuwarf, brachte die Luft förmlich zum Flimmern. Hoffmann behielt sein Lächeln bei, aber seine Wangen schienen etwas an Farbe zu gewinnen. Johann unterdrückte ein Lächeln. Es war interessant zu beobachten, wie die beiden miteinander umgingen.

„Jedes Alter hat seine Vorteile.“ Johann wartete, bis sie ihre außergewöhnlich farbintensiven Augen auf ihn gerichtet hatte. „Man sagt, dass mich meines zu einem unflexiblen Menschen macht, wenn es um Veränderungen geht. Ich wünschte, ich hätte mir einen Teil der Ungestümheit der Jugend erhalten.“

„Dann lassen Sie Ihr Team zu Wort kommen“, schlug Hoffmann vor. „Ich habe einige Ideen, die ich Ihnen sehr gerne unterbreiten würde. Meiner Meinung nach sollten die Trainingsmethoden der Formel 1 modernisiert werden. Warum nicht Rennen mit moderneren Programmen simulieren?“

„Weil das eine Menge Geld kostet“, gab Johann zu bedenken. „Ich stimme mit Ihnen überein, dass durch mehr Stunden hinter dem Lenkrad von Rennwagen bessere Ergebnisse erzielt werden können. Aber wir sind ein kleines Team, das sich nicht jede Extravaganz leisten kann, die der Markt bietet. Wir müssen mit dem Standard zufrieden sein.“

„Auch dafür habe ich schon eine Lösung.“ Hoffmann lehnte sich nach vorn. „Ich habe einen Kontakt, der uns ermöglichen könnte, an technisch ausgereifteren Geräten zu trainieren.“

Johanns Neugier war sofort geweckt. „Welcher Kontakt?“

„Darüber unterhalten wir uns, sobald wir uns einig geworden sind.“ Hoffmann wirkte sehr zufrieden.

Johann nickte langsam. Es war nicht dumm von seinem potenziellen neuen Fahrer, die Informationen für sich zu behalten. „Ihre Vorsicht kann ich nachvollziehen. Da ich nun weiß, was Sie mir zu bieten haben, möchten Sie sich vielleicht anhören, wie ich Sie unterstützen würde.“

Hoffmanns Augen funkelten. Darin stand eine Mischung aus Neugier und Aufregung. „Ich brenne darauf.“

Auch wenn sie die harten Fakten bereits telefonisch besprochen hatten, führte Johann noch einmal aus, wie er sich die Zusammenarbeit vorstellte. Er erklärte, worauf es ihm ankam und welche Hoffnungen er für die Zukunft hegte. Hoffmann sollte sich keinen Illusionen hingeben. Johann hatte vor, möglichst rasch Ergebnisse zu erzielen. Es blieb dem Team gar nichts anderes übrig, wenn es nicht bald pleitegehen wollte. Doch dieses Detail behielt er natürlich für sich.

„Mir ist bewusst, dass ich viel erwarte und dafür wenig Gegenleistung versprechen kann“, gab er zu. „Unser Team ist neu, und auch wenn unser Material mit unseren Konkurrenten mithalten kann, fehlt es uns an Routine. Daran arbeitet jeder in meiner Mannschaft hart. Ich sehe uns nicht als Boss und Angestellte. Wir sind eine große Familie. Und das ist nicht nur so dahingesagt. Ich umgebe mich nur mit Leuten, denen ich hundertprozentig vertraue.“

„Marc hat erwähnt, dass Teamwork großgeschrieben und darauf geachtet wird, die Fähigkeiten jedes einzelnen Mitarbeiters optimal auszunutzen“, warf Hoffmann ein.

„Es ist mehr als das“, stellte Marc klar. „Wir Rennfahrer sind nun einmal sehr eigenwillige Persönlichkeiten. Du kannst sicher sein, dass Herr Gruber das berücksichtigen wird. Du solltest dich in der Öffentlichkeit allerdings vernünftig verhalten.“

„Hört, hört.“ Johann grinste den Mann an, der sein Leben oft genug schwer gemacht hatte. Dass ausgerechnet Marc jetzt gute Manieren verlangte, erschien schon irgendwie witzig.

„Trotzdem würde er dir Freiraum lassen“, fuhr Marc fort und ignorierte den Einwurf. „Wenn du ihn nicht enttäuschst, hast du quasi Narrenfreiheit.“

Besorgt verzog Johann das Gesicht. „Was versprichst du denn da?“, fragte er tadelnd.

In Marcs Augen lag jetzt ehrliche Zuneigung. „Du hast an mich geglaubt und mich gefördert. Von Anfang an. Das ist etwas, das nicht jedes Team bieten kann. Ich bin bestimmt nicht einfach zu kontrollieren, aber das hat dich nicht abgeschreckt.“

Vielleicht war es doch nicht so schlecht, ihn als Schwiegersohn … Freund seiner Tochter oder was auch immer zu behalten, wenn er schon nicht länger für das Team fahren wollte und konnte.

„Bevor hier noch jemand rührselig wird, lass mich dir von unseren anderen Teammitgliedern erzählen“, schlug Marc in Hoffmanns Richtung vor.

Johann grinste. In ihm breitete sich Wärme aus, während er Marc zuhörte, der dem anderen Rennfahrer vorschwärmte, mit welchen tollen Menschen er zusammenarbeiten könnte, wenn er sich für Amber Heart Racing entscheiden sollte. Es handelte sich um eine feurige Rede, die nach einem Loblied auf Kameradschaft und familiärer Atmosphäre klang. Johann empfand Stolz, seinen Anteil daran zu haben. Wurde das, was er aufgebaut hatte, von seinen Mitarbeitern wirklich so wohlwollend beurteilt?

Er griff nach seinem Glas Wasser und nahm einen Schluck. Langsam freundete er sich mit dem Gedanken an, dass Marc nicht mehr für das Team fahren würde. Vielleicht machte der Freund von Johanns Tochter auch als Ratgeber eine gute Figur. Vorsichtig stellte er das Glas zur Seite.

Als er den Blick hob, erwischte er Frau Lohnbeck dabei, wie sie ihn aufmerksam beobachtete. Der Ausdruck in ihren Augen war schwer zu deuten, aber sie wandte sich nicht ab. Versuchte sie, aus seinem Verhalten schlau zu werden? Hielt sie ihn für einen Mann mit zu weichem Herzen? Würde sie ihrem Freund raten, sich ein professionelleres Team zu suchen? Oder dachte sie gar, diese Beschreibung der Zusammenarbeit würde übertrieben klingen?

Er hoffte wirklich, dass sie nicht schlecht von ihm dachte. Auf ihrem Gesicht entdeckte er zum Glück nur höfliche Neugier, die versuchte, sein Innerstes zu durchleuchten. Ihre Augen wurden kleiner. Winzige Fältchen bildeten sich in den Winkeln. Es schien, als würde sie ihn anlächeln. Er konnte allerdings nicht aufhören, in diese bunten Pupillen zu starren. Stattdessen krampfte sich sein Herz zusammen.

Für eine Sekunde blieb die Welt stehen. Johann spürte, wie sich ihr Blick direkt in seine Seele brannte. In seinem Magen entstand eine Art von Kribbeln, das er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Es war Interesse an einer anderen Person.

Nein, nicht diese berufliche Anteilnahme an jemandem, mit dem er zu tun hatte, und auch nicht diese Neugier, einen anderen Menschen näher kennenzulernen, um ihn zu verstehen. Sein Herz entwickelte romantische Faszination, die überhaupt nicht angebracht waren. Er wollte alles über die Frau erfahren, die ihm gegenübersaß, weil sie geheimnisvoll und zurückhaltend und unleugbar attraktiv war.

So zu empfinden, schockierte ihn. Er hatte nicht damit gerechnet, jemals wieder so etwas zu fühlen. Eigentlich hatte er auch kein Recht darauf. Er hatte seine Chancen gehabt. Mit Elaisas Mutter war eine Beziehung nicht möglich gewesen. Vielleicht hätte es funktioniert, wenn er sich mehr bemüht und mehr Rücksicht auf ihren Freiheitsdrang genommen hätte. Vermutlich hatten sie allerdings von Anfang an nicht zueinander gepasst. Später war das Schicksal großzügig gewesen und hatte ihm Helena geschickt. Sie war sein Fels gewesen, hatte unerschütterlich an seiner Seite gestanden und ihm jederzeit den Rücken freigehalten. Er hatte sie geliebt für ihre Besonnenheit, ihre Herzlichkeit, ihre Wärme. Sie war seine große Liebe gewesen. Seine Portion an Glück hatte er also schon hinter sich.

Vermutlich würde Helena über ihn lachen, könnte sie ihn jetzt sehen. Fasziniert von einer Frau, die seine Tochter sein könnte. Nein! Die jünger als seine Tochter war! Wie peinlich! Außerdem hatte diese Frau bereits einen Freund, dem sie offensichtlich wichtig war. Johann sollte diese Irritation seiner Gefühle schnellstmöglich in den Griff bekommen, bevor noch jemand etwas merkte. Rasch hob er seine Mundwinkel zu einem nichtssagenden Lächeln und zwang sich dann, den Blick abzuwenden.

Marc war dazu übergegangen, Hoffmann die Gebäude zu beschreiben, in denen das Team, die Wagen und die Büros untergebracht waren.

„Vielleicht zeigen wir Herrn Hoffmann das morgen bei einer kleinen Führung“, schlug Johann vor.

Zwei Kellner brachten die Speisen und stellten sie vor ihnen ab. Niemand reagierte auf seinen Einwurf. In dem Durcheinander waren seine Worte wohl untergegangen.

Johann wartete, bis wieder etwas Ruhe eingekehrt war. „Darf ich Sie für morgen in unser Büro einladen?“, konkretisierte er dann. „Bei der Gelegenheit stelle ich Ihnen gerne einige Leute unseres Teams vor und veranlasse eine Führung durch die Werkstatt.“

Hoffmann nickte. „Das klingt nach einer großartigen Idee. Ich bin sehr gespannt, einen Blick auf alles zu werfen. Und Miriam könnte sich die Schmuckproduktion ansehen, während wir beschäftigt sind.“

„Wenn sie das gerne möchte, stellt das kein Problem dar.“ Johann fiel das Lächeln schwer. Er hatte gehofft, der Rennfahrer würde seine Begleitung für diesen Termin im Hotel lassen. Bestimmt fand seine Freundin eine andere Beschäftigung. Shoppen zum Beispiel. Für Schmuck schien sie sich ja zu interessieren. Sie konnte sich davon zulegen, so viel sie wollte, solange sie das nicht in seiner direkten Nähe tat. Sonst würde er das Kribbeln in seinem Magen niemals los.

3. Kapitel

Donnerstag, 16. November

Miriam lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Der Blick zur Uhr, die auf ihrem Nachtschrank lag, hatte ihr vorhin verraten, dass es kurz vor sechs war. Sie hatte das Gefühl, schon stundenlang darauf zu warten, dass endlich der Morgen anbrach.

Neben ihr schnarchte Yannik laut. Gegen Mitternacht hatte er damit angefangen. Sie war davon wach geworden, hatte die Geräuschkulisse vorübergehend ignorieren können, doch inzwischen überlegte sie, ob sie mildernde Umstände geltend machen könnte, wenn sie Yannik einfach ein Kissen auf das Gesicht drückte. Konnte sie sich auf Mord im Affekt berufen? Sie wusste schon, warum sie in ihrer gemeinsamen Wohnung in Stuttgart ihr eigenes Reich außerhalb der Hörweite von seiner Sägerei hatte.

Warum hatte Yannik auch Amber Heart Racing die Zimmer reservieren lassen? Hätte sie sich darum gekümmert, läge sie jetzt im zweiten Schlafzimmer einer gemütlichen Suite. Sie müsste sich nicht Yanniks Schnarcherei anhören. Und sie hätte nicht so viel Zeit, um über Dinge nachzudenken, die sie besser ignorieren sollte.

Johann Gruber war ein beeindruckender Mann.

Eigentlich sollte sie nicht bemerken, wie gut er aussah, wie sympathisch er war, wie bewusst man sich seiner Gegenwart war. In der Schulzeit hatte sie immer mehr für ihre Lehrer geschwärmt als für ihre Klassenkameraden. Sie fand die Reife von älteren Männern anziehend. Aber diese romantischen Gedanken über Yanniks zukünftigen Chef hatten in ihrem Kopf nichts zu suchen.

Wäre da bloß nicht diese eine Situation gewesen, die sie nicht vergessen konnte! Diese Sekunde, in der ihre Blicke ineinander versunken waren, in der sie verdrängt hatte, wo sie sich befand, wer sie war, was sie sich im Leben ersehnte. Für einen Moment außerhalb der Zeit war sie in der Tiefe seiner Augen versunken und hatte sich losgelöst von allem, schwerelos und wunderbar leicht gefühlt. Und das nur, weil sie gemerkt hatte, welche Art von Mann er war.

Natürlich wusste sie nicht viel über ihn. Sie kannte weder seine Lebenssituation noch seine Sorgen, seine Hoffnungen, seine Ziele. Er hatte lediglich von seiner Firma erzählt. Trotzdem konnte sie einen Blick auf die Person werfen, die in diesem Geschäftsmann steckte. Sein Humor und seine Warmherzigkeit waren schon ganz am Anfang des Treffens durchgeschimmert, als er Marc Raschen angesehen hatte.

Johann Gruber mochte den Rennfahrer, dessen Platz Yannik einnehmen wollte. Er respektierte Marc. Vielleicht empfand er sogar eine Art Freundschaft oder väterlichen Stolz für ihn. Johann Gruber besaß eine sehr weiche Seite.

Als er ihren Blick erwidert hatte, war diese Sanftheit nicht zu übersehen gewesen. In seinen Augen hatte eine Wärme gelegen, die sie in den Bann zog. Es war eine zarte Verbindung geknüpft worden, für die es keinen Namen gab. Von einer Sekunde auf die andere hatte sie festgestellt, dass sie Johann Gruber mochte. Vielleicht mehr, als gut für sie war. Sie konnte nicht genau erklären, warum dieser Mann diese Wirkung auf sie hatte. Es war ihr unangenehm. Und es war unangebracht.

Yanniks Schnarchen wurde lauter, bevor sich Stille ausbreitete. Eine Sekunde kein Ton von ihm. Zwei Sekunden. Drei. Sie wartete, dass er endlich Luft holte. Vier Sekunden nichts. Sollte sie ihn schütteln?

Gerade als sie sich zu ihm wandte und an seiner Schulter rütteln wollte, gab er einen besonders lauten Schnaufer von sich und schnarchte dann weiter.

Seufzend drehte sie sich auf die Seite, weg von ihm, und blickte Richtung Fenster. Die Vorhänge waren ganz zugezogen, sodass sie nicht sagen konnte, ob es draußen schon hell geworden war oder nicht.

Vielleicht sollte sie Yannik wecken, statt sich in Selbstvorwürfen zu wälzen, weil sie ihre Gefühle nicht besser unter Kontrolle hatte. Sie hatten heute noch jede Menge vor. Dank Yannik durfte sie sich um acht durch die Schmuckabteilung der Firma führen lassen.

Ob Johann Gruber wohl anwesend war, wenn sie bei Amber Heart eintrafen? Würde er sie persönlich begrüßen? Als sie sich gestern zum Abschied die Hand gegeben hatten, war ihr aufgefallen, wie angenehm sein fester Händedruck war. Er hatte ihre Hand gehalten, sie direkt angesehen und ihr das Gefühl gegeben, er würde niemanden sonst bemerken. Sie war von der ungewöhnlichen Farbe seiner Augen fasziniert.

Eine blaue Iris mit hellbraunen Sprenkeln. Doch das änderte sich, während sie sich gegenüberstanden. Da wurde mit einem Mal das Braun vorherrschend. Es verschluckte das Blau fast zur Gänze, sodass nur noch ein blauer Außenkreis übrig blieb. Bestimmt war der Lichteinfall schuld an dieser optischen Täuschung. Allerdings war ihr dieser Effekt schon aufgefallen, als Johann Gruber mit Marc gealbert hatte.

Was bedeutete es, wenn seine Augen zu Bernstein wurden? Hatte er deshalb das fossile Harz zum Namen seiner Firma gemacht? Zeigte er den Farbwechsel nur in gewissen Situationen?

Vielleicht war es besser, sich nicht zu viele Fragen zu dem Thema zu stellen.

In ihrem Rücken raschelte es. Sie drehte sich zu Yannik um, der den Mund weit zu einem Gähnen geöffnet hatte. Er blinzelte und lächelte ihr dann verschlafen zu.

„Guten Morgen“, murmelte sie.

„Morgen, Schönheit.“ Er beugte sich zu ihr und küsste sie auf die Stirn. „Warum bist du schon wach? Normalerweise bist du doch der Langschläfer von uns beiden.“

„Meine Nacht war unruhig.“

Yannik hob die Arme über den Kopf und streckte sich. „War dir das Bett zu unbequem?“

„Dein Schnarchen hat mich wachgehalten“, tadelte sie. „Du klingst wie ein Motor kurz vor dem Absterben. Das solltest du unbedingt anschauen lassen.“

„Na, danke schön auch. Pass einfach auf mich auf. Wozu habe ich dich denn sonst?“

Sie zog eine Grimasse. „Wenn ich noch einmal so eine Nacht durchstehen muss, hast du mich gar nicht mehr.“

„Wir werden dir Ohrstöpsel besorgen.“ Erneut gähnend schlug er die Bettdecke zurück und setzte sich auf. „Magst du zuerst unter die Dusche oder darf ich?“

„Tu dir keinen Zwang an. Vielleicht kann ich schlafen, während du unter der Brause singst.“ Sie zog sich die Bettdecke bis zum Kinn hoch und kuschelte sich gemütlich ein.

„Ich werde mich bemühen, nicht zu laut zu trällern“, versicherte er ihr und stand auf. Nur in Boxershorts tapste er nach nebenan.

Tatsächlich fielen Miriams Augen zu, nachdem Yannik die Tür zum Nebenzimmer geschlossen hatte. Schlaf fand sie keinen, aber wenigstens blieben ihr ein paar Minuten in Stille, damit sie ein wenig schlummern und sich seelisch und moralisch auf den Tag vorbereiten konnte.

Schmuck. Sie sollte an Schmuck denken. Armbänder, Halsketten, Ohrringe. Unterschiedliche Formen. Alles aus Bernstein. Braun schimmernd. Mit goldenen Linien durchzogen. Oder mit dunkleren Farbnuancen. Immer wieder anders. Immer wieder schön. Sie sah es direkt vor sich. Doch in das Braun mischten sich ein paar Splitter Blau. Der formlose Fleck wurde zu Augen. Warm und humorvoll schienen sie Miriam zuzulächeln.

Ihre Gedanken schweiften in eine ganz falsche Richtung ab. Miriam drehte sich auf den Rücken und zwang sich, die Augen geschlossen zu halten. Sie stellte sich vor, wie langweilig der Tag verlaufen würde. Vermutlich bekam sie Gruber gar nicht zu Gesicht. Und falls doch, ginge sie ihm aus dem Weg. Alles andere würde zwangsläufig zu einem Problem.

Rennwagen. Sie sollte von Rennwagen träumen. Yannik hinter dem Lenkrad von einem von ihnen, zufrieden lächelnd, begeistert von dem Jubel, mit dem sein Erscheinen bedacht wurde, am Ziel seiner Träume.

Das alles machte sie nur für ihn. Seit Jahren drehte sich immer alles um ihn, weil er ihr wichtig war. Also würde sie sich verdammt noch mal zusammenreißen, bis er seinen Vertrag in der Tasche hatte. Vielleicht konnte sie danach darüber nachdenken, was sie sich wünschte. Möglicherweise war es an der Zeit, sich selbst wichtiger zu nehmen. Bis dahin würde sie sich nicht anmerken lassen, von welcher Unruhe sie gequält wurde.

Als sie hörte, wie sich die Tür wieder öffnete, schlug sie die Augen auf und drehte den Kopf. Yannik kam ins Schlafzimmer zurück, ein Handtuch um die Hüften geschlungen. Sein Körper war sehnig, aber kräftig und mit Muskeln an den richtigen Stellen. Bei Yannik handelte es sich unzweifelhaft um einen attraktiven, gut gebauten Mann. Grinsend beobachtete sie, wie er sich frische Kleidung aus seinem Koffer holte und in Unterwäsche, Socken, Jeans und ein Hemd schlüpfte.

„Solltest du deinen Koffer nicht lieber ausräumen?“, schlug sie vor. „Schließlich hast du zugesagt, dass wir ein paar Tage bleiben.“

„Dann muss ich das ganze Zeug aber auch wieder einräumen. Du weißt, wie ich das hasse.“

„Wenn du für Amber Heart Racing arbeitest, wirst du in Zukunft noch mehr reisen müssen. Also leg deine Kofferpackphobie besser schnell ab. Ich werde mir dein Jammern nämlich nicht die ganze Zeit anhören.“

Er drehte sich zu ihr um, das Hemd geöffnet, sodass sie einen guten Blick auf seine muskulöse Brust hatte. „Ich werde mich zeitgerecht darum kümmern“, versprach er. Dann hob er eine Augenbraue. „Was machst du noch im Bett? Schau, dass du unter die Dusche kommst. Ich habe Hunger.“

„Vielleicht bleibe ich lieber hier, während du Amber Heart besichtigst.“

„Kommt nicht infrage. Ich habe dir extra ein Unterhaltungsprogramm besorgt. Wenn du Glück hast, staubst du vielleicht den einen oder anderen Klunker ab.“

„Aus Schmuck mache ich mir nicht so viel“, behauptete sie grummelnd.

„Erzähl das deinen drei Schatullen, die aus allen Nähten platzen. Und jetzt auf!“

Sie zog einen Schmollmund. „Ich mag nicht.“

Mit einer raschen Bewegung nahm er ihr die Bettdecke weg. Es gelang ihr nicht mehr, ihn daran zu hindern. Kühle Luft traf ihre nackten Beine. Sie stellte sie auf, nachdem sie sich aufgesetzt hatte, und zog den Saum ihres Schlafshirts darüber. Das Kinn auf den Knien abgelegt, die Arme um ihre Beine geschlungen sah sie ihn an. Ihre schlechte Stimmung verflog ein wenig, als ihr Blick über seinen halbnackten Oberkörper glitt.

„Hast du ein Glück, dass du so gut aussiehst“, brummte sie. „Sonst würde ich dir jetzt die Augen auskratzen.“

Er setzte eine gespielt strenge Miene auf. „Starrst du mich schon wieder an? Manchmal habe ich den Eindruck, als würdest du dich nur in meiner Nähe aufhalten, um dich an mir aufzugeilen.“

Grinsend zwinkerte sie ihm zu. „Ein wenig Spaß sollte mir vergönnt sein, wenn ich schon diesen ganzen Aufwand für dich in Kauf nehme.“

„Ich werde heute Abend daran denken, wenn ich mich ausziehe. Dann kannst du ja ein paar Fotos machen. Für schlechte Zeiten.“

„Vielen Dank für dieses großzügige Angebot“, sagte sie mit einem zufriedenen Lachen. „Das nehme ich natürlich an. Zurückziehen gilt nicht mehr.“

Er öffnete den Mund, schloss ihn dann wieder. Es hatte nicht den Anschein, als wäre er besonders glücklich. Dennoch bewies er einmal mehr, dass er ein Ehrenmann war. „Schön. Versprochen ist versprochen. Aber du wirst dich revanchieren.“

„Auf keinen Fall!“, stellte sie kopfschüttelnd klar. Das Lachen verging ihr. „Du hast das mit den Bildern von dir selbst vorgeschlagen. Ich habe nichts in die Richtung angedeutet.“

„Frauen und ihre Wortklaubereien.“ Er packte ihre Knöchel und zog Miriam zum Bettende. „Und jetzt mach, dass du fertig wirst, sonst gehe ich ohne dich zum Frühstück runter.“

Seufzend verließ sie nun doch das Bett. Hungrig den Ausflug starten wollte sie nämlich nicht.

Von irgendwoher drangen Stimmen zu Miriam, als sie den Gang entlang ging. Sie hatte versucht, der Assistentin von Gruber aus dem Weg zu gehen, die so übertrieben fröhlich wirkte, doch das war offensichtlich keine gute Idee gewesen. In dem gesamten Gebäude wimmelte es von Menschen, die bemüht waren, einen guten Eindruck bei Miriam zu hinterlassen. Jeder war freundlich, erkundigte sich nach ihren Wünschen, strengte sich an, damit sie sich wohlfühlte.

Das alles musste Show sein, auch wenn immer wieder betont wurde, wie toll die Stimmung im Team wäre, wie familiär man miteinander umging, wie nahe man sich stand. Es konnte nicht sein, dass es hier jeden Tag so aufgeräumt zuging. Diese gute Laune hielt doch auf Dauer niemand ununterbrochen durch, ohne verrückt zu werden. Um die Scharade aufzudecken, musste sie tiefer graben.

Sie lief weiter den Gang entlang, von dem links und rechts Türen zu Büroräumen abgingen. Anscheinend hatte sie sich verlaufen. Es wurde immer stiller. Seit zwei Ecken hatte sie keinen Angestellten mehr gesehen. Es war keine gute Idee gewesen, sich aus dem Raum zu schleichen, in dem man ihr ein Video über den Abbau des Bernsteins gezeigt hatte. Die Assistentin, die sich für Miriam zuständig fühlte, war wegen eines dringenden Telefonats nach draußen gegangen. Miriam hatte die Chance genutzt, um auf eigene Entdeckungsreise zu gehen. Sie wollte herausfinden, ob auch in den Abteilungen Harmonie herrschte, in denen ihre Ankunft nicht angekündigt worden war.

Natürlich wollte sie diese Informationen für Yannik herausfinden, schließlich plante er Teil dieser Firma und dieses Teams zu werden. Ehrlich gesagt war sie allerdings auch deshalb neugierig auf die anderen Angestellten, weil sie Grubers Führungsqualitäten beurteilen wollte. Spielte er seine Freundlichkeit nur oder war sie echt?

Sie bog um eine Ecke und sah sich dem Ende des Ganges gegenüber. Aus den drei Zimmern, die von hier abzweigten, drang kein Ton nach draußen. Kurzerhand beschloss sie umzukehren und einfach in eines der Büros zu platzen, um die Leute darin zu überrumpeln.

Bei der Ankunft von Yannik und ihr hatten Gruber und Marc mit einem Empfangskomitee bereitgestanden. Er hatte ihnen den Renningenieur vorgestellt. Andere Mitarbeiter, deren Aufgaben aus ihrer Erinnerung bereits wieder verschwunden waren, hatten sie begrüßt. Alle waren höflich und nett gewesen.

Schließlich hatten die Herren sich verabschiedet und Miriam war von Grubers Sekretärin zu Elaisa Gruber gebracht worden, ohne dass sich die Gelegenheit zu einem Gespräch mit Gruber ergeben hatte. Statt froh darüber zu sein, seiner viel zu faszinierenden Nähe zu entgehen, empfand Miriam Enttäuschung. Es war interessant gewesen, Elaisa Gruber kennenzulernen, und bei der Führung durch die Produktion hatte Miriam viel gelernt. Trotzdem wünschte sie, man hätte sie nicht zum Schmuck abgeschoben.

Neben der Tür, an der sie jetzt vorbeikam, befand sich ein Glaselement, das den Blick ins Innere des Büros freigab. Auch wenn eine Pflanze davorgeschoben worden war, konnte sie einen Mann erkennen, der mit flinken Fingern auf seine Computertastatur eintippte.

Miriam öffnete die Tür und trat ein, bevor er reagieren konnte. „Guten Tag, gehören Sie auch zur Schmuckabteilung der Firma?“

Der Mann sah auf und starrte sie an.

„Oder arbeiten Sie für die Rennfirma?“, erkundigte sich Miriam.

„Das hier ist die EDV-Abteilung für den Bürokomplex“, antwortete er endlich. „Und Sie sind?“

„Total überrascht von der Größe der Anlage. Alles scheint so neu zu sein.“ Aufmerksam musterte sie ihn und versuchte aus seinem Verhalten auf das Klima in der Firma zu schließen.

Er stand auf und runzelte sie Stirn. „Wir sind vor zwei Jahren hierhin umgezogen, als Herr Gruber den Rennstall gegründet hat. Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

Miriam lächelte ihn freundlich an. „Mein Freund sieht sich gerade die Werkstatt an. Es scheint, als hätte ich mich bei der Suche nach ihm verlaufen.“

Die Vorsicht wich aus dem Gesicht ihres Gegenübers. „Dann handelt es sich bei Ihnen wohl um die Freundin von Herrn Hoffmann. Hier sind Sie leider komplett falsch.“

Schade. So wurde das nichts mit dem unauffälligen Aushorchen. Allerdings fühlte sie sich ohnehin wohler, wenn sie keine Tricks anwenden musste. Das Manipulieren von Menschen fiel ihr nicht leicht. Sie ging zu dem Schreibtisch, der seinem gegenüberstand, und nahm auf dem Stuhl Platz. „Schuldig im Sinne der Anklage. Wie kommt es, dass Sie so gut informiert sind?“

„Wir EDVler haben überall unsere Finger mit drin. Außerdem habe ich Freunde im Büro von Herrn Gruber und in seinem Rennteam.“ Die Stimme des jungen Mannes klang ein wenig stolz.

Sie lächelte ihn an und versuchte ihn einzuschätzen. Vermutlich war er ein paar Jahre älter als sie. Sein hellbraunes Haar wirkte in Unordnung geraten. Seine blaugrauen Augen waren vom konzentrierten Starren auf den Bildschirm gerötet. Offensichtlich nahm er seine Arbeit ernst. Er sollte ihr die Fragen beantworten können, die sie wirklich interessierten. Schade nur, dass sie sich nicht direkt danach erkundigen konnte.

„Dann wissen Sie wohl über alles Bescheid, was in dieser Firma vor sich geht“, stellte sie fest. „Gewiss können Sie mir jede Menge Geheimnisse erzählen.“

„Dazu wäre ich in der Lage. Das stimmt. Allerdings mache ich das nicht.“ Seine Miene verfinsterte sich.

„Natürlich nicht.“ Miriam lächelte. „Sie sind offensichtlich ein loyaler Mitarbeiter. Ihr Chef weiß das ohne Zweifel zu schätzen.“

„Sollte nicht jemand bei Ihnen sein, während Sie durch das Gebäude wandern?“, erkundigte sich der Mann plötzlich misstrauisch. „Hat man Sie vergessen? Oder haben Sie sich abgesetzt?“

Seine Fragen ignorierte sie. „Nicht gerade fair, dass Sie meinen Namen kennen, aber ich nicht weiß, mit wem ich es zu tun habe.“

„Mathias Dunkel“, gab er knapp zurück.

„Schön, Sie kennenzulernen, Mathias. Wie lange arbeiten Sie denn schon für Amber Heart?“

Er runzelte die Stirn. „Ich werde das Gefühl nicht los, dass Sie versuchen, mich auszuhorchen. Hat Herr Hoffmann Sie nur als seine Freundin ausgegeben? Sind Sie in Wahrheit eine Journalistin, die Schmutz ausgraben soll?“

Eine Sekunde lang war ihr die Luft weggeblieben. Sie hatte schon befürchtet, sie wäre durchschaut worden. Auch wenn sie nicht für die Presse arbeitete, wollte sie klären, ob Yannik hier gut aufgehoben war. „Ich bin nicht darauf aus, jemanden mit Schmutz zu bewerfen. Als Freundin eines potenziellen Mitarbeiters von Amber Heart Racing interessiere ich mich allerdings für diese Firma. Ist das Klima hier tatsächlich so familiär, wie bisher alle behauptet haben?“

Sofort nickte er und lehnte sich an seinen Schreibtisch. „Es ist genau so, wie Ihnen alle erzählt haben. Ich bin froh, Teil des Teams zu sein. Niemand wird etwas anderes sagen.“

Miriam hob eine Augenbraue. „Weil sie es nicht wagen, die Wahrheit auszusprechen?“

„Weil wir an Herrn Gruber glauben. Er ist ein großartiger Mann, der Vertrauen in uns hat und hinter uns steht. Ich glaube, mehr kann man sich nicht wünschen.“

„Klingt wie aus einer Werbebroschüre“, stellte sie trocken fest.

„Ich habe keine Ahnung, was Sie von mir hören wollen. Wenn Sie einen ehrlichen Eindruck von der Firma erhalten möchten, unterhalten Sie sich am besten mit Herrn Gruber persönlich. Ich kann Sie gerne zu ihm bringen.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust, als wollte er sie damit auf Abstand halten.

Sie unterdrückte ein Schmunzeln. Noch nie hatte jemand versucht, sie so schnell loszuwerden. Vielleicht hatte sie nicht besonders viel Geschick dabei an den Tag gelegt, Informationen auszugraben.

„Das Angebot ist sehr nett. Aber ich werde mich alleine auf den Weg machen, schließlich muss ich einfach nur den Jubelchören folgen.“ Sie stand auf. „Es war nett, sich mit Ihnen zu unterhalten.“

„Das kann ich nur zurückgeben. Ich glaube, wenn wir Sie hier öfter zu Gesicht bekommen, kann es ziemlich amüsant werden.“ Er grinste frech.

Miriam streckte ihm die Hand hin. „Danke für Ihre Zeit, Mathias. Einen schönen Tag noch.“

„Gleichfalls, Frau Lohnbeck. Wenn ich Ihnen doch noch helfen soll …“

„Nicht notwendig.“ Sie ging zur Tür. Dort drehte sie sich noch einmal um, winkte ihm zu und schloss dann die Tür zum Büro.

Langsam schlenderte sie den Gang entlang. Die Betriebsamkeit in den Büros, an denen sie vorbeikam, nahm wieder zu. Sie musste sich der Zentrale der Macht nähern. Noch einmal platzte sie in ein Zimmer und versuchte den Mann, der darin vor einem Computer saß, mit ihren Fragen zu überrumpeln. Doch so wie bei Herrn Dunkel lief sie damit gegen eine Wand absoluter Höflichkeit und Loyalität. Sie gab ihre Hoffnungen auf, irgendetwas Ungefiltertes über den geheimnisvollen Rennstallinhaber zu erfahren, und beschloss, dass Yannik die Informationen direkt an der Quelle einholen musste.

Wo hatte sich das Besprechungszimmer nur befunden, in dem die auf Miriam angesetzte Angestellte sie vergessen hatte? Musste sie noch einmal rechts abbiegen? Hoffentlich hatte Miriams Verschwinden keine Aufregung verursacht. Würde man sie der Betriebsspionage verdächtigen?

Gedankenverloren bemerkte sie, dass der Gang, auf dem sie sich befand, breiter war und nicht im Entferntesten so aussah wie der, aus dem sie sich ursprünglich geschlichen hatte. Nein, sie befand sich definitiv nicht auf dem richtigen Weg. Das Geräusch, das plötzlich an ihr Ohr drang, musste von einem Rennwagen stammen. Sie blieb stehen und blickte sich verwirrt um.

Bei den Räumen links und rechts von ihr handelte es sich wohl um Besprechungsräume. Anscheinend war sie im Bereich der Führungsriege der Firma gelandet. Die Neugier trieb sie vorwärts. Hier drinnen konnte unmöglich ein Rennwagen seine Runden drehen. Ob sich jemand in voller Lautstärke ein Rennen ansah? Sie hatte eine vage Idee, um wen es sich handeln könnte. Hatte sie sich nicht vorgenommen, sich von ihm fernzuhalten? Dennoch ging sie weiter.

Mit jedem Schritt wurde das Motorengeräusch lauter. Schließlich konnte sie den Ursprung in einem Zimmer vor sich erkennen. Sie kam an einem nicht besetzten Schreibtisch vorbei. Das Telefon darauf klingelte und Miriam blieb erschrocken stehen.

Bestimmt würde gleich eine Sekretärin um die Ecke eilen. Man würde sie beim Herumstöbern in Bereichen erwischen, die sie nichts angingen. Jetzt würde sie sich unangenehmen Fragen stellen müssen.

Das Klingeln des Telefons verstummte. Miriam hielt trotzdem weiter die Luft an und wagte nicht, sich zu bewegen. Total lächerlich eigentlich, schließlich machte sie nichts Verbotenes. Und dennoch hatte sie plötzlich den Eindruck, in die Privatsphäre eines anderen Menschen einzudringen.

Endlich löste sich ihre Erstarrung und sie holte zittrig Luft. Das Motorengeräusch war immer noch zu hören. Sie könnte umdrehen und sich zu dem Besprechungszimmer zurückschleichen, aus dem sie geflohen war. Oder sie legte die letzten Meter zurück und überprüfte, ob sie in dem Raum dort vorn tatsächlich entdecken würde, was sie vermutete.

Langsam ging sie weiter und langte endlich bei dem Büro an. Als sie feststellte, dass die Tür einen schmalen Spalt offen stand, legte sie die Hand auf das Holz und drückte sie vorsichtig auf.

Johann Gruber saß hinter einem massiven, mit jeder Menge Unterlagen bedeckten Schreibtisch. Er hatte sich zur Wand gedreht, wo auf einem großen Bildschirm ein Rennen gezeigt wurde, von dem sie nur ein kleines Stück erkennen konnte. Sein Gesichtsausdruck strahlte vor Zufriedenheit. Das, was er sah, schien ihn mit Freude zu erfüllen.

Miriam beobachtete ihn überrascht. Wie entspannt er wirkte! Obwohl er bei ihren bisherigen Zusammentreffen Herzlichkeit gezeigt hatte, schien er erst jetzt ganz in seinem Element. Sie konnte die Wellen von Zufriedenheit spüren, die von ihm ausgingen. Begeisterung, Faszination, Feuer. Sie musste ihn nur ansehen, um zu wissen, dass er für den Rennsport brannte.

Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Was wohl gerade in seinem Kopf vorging? Worüber freute er sich so sehr? War einem seiner Fahrer ein Überholmanöver gelungen?

Sie schob die Tür ein Stück weiter auf und beugte sich nach vorn, um einen Blick auf den Bildschirm werfen zu können.

Die Bewegung in Johanns Rücken brachte ihn dazu, sich umzudrehen und in ihre Richtung zu sehen. Seine Augen weiteten sich.

Miriam spürte, wie sie errötete. Sie fühlte sich ertappt. „Hallo Herr Gruber.“

„Frau Lohnbeck! Schön, dass Sie bei mir vorbeischauen. Hat meine Assistentin Sie hergebracht?“

„Nein, ehrlich gesagt habe ich mich auf eigene Faust ein wenig umgesehen und mich verlaufen“, gab sie zu und betrat den Raum. „Tut mir leid, wenn ich Ihrem Team Umstände bereitet habe.“

Er lächelte amüsiert. „Sie wollten also sichergehen, dass das, was Sie zu sehen bekommen, kein aufpoliertes Katzengold ist.“

Der Vergleich irritierte sie. „Ich fürchte, ich verstehe nicht. Ach, Sie meinen das Mineral, das nur wie Gold aussieht. Ja, so ähnlich könnte man es ausdrücken.“

„Und sind Sie fündig geworden?“ Seine Stimme klang nicht, als würde er sich sorgen, sie könnte Schmutz ausgegraben haben.

„Nein. Sie haben Ihre Mannschaft eindeutig gut im Griff. Inzwischen glaube ich auch nicht mehr, Sie müssten sie zu Lobworten zwingen.“ Unschlüssig blieb sie neben der Tür stehen. Sollte sie auf einem der Stühle vor seinem Schreibtisch Platz nehmen? Wäre es ratsam, wieder zu verschwinden? Ihn zu provozieren, war jedenfalls nicht gerade nett.

„Es kränkt mich, dass Sie so etwas von mir gedacht haben“, sagte er jetzt auch tatsächlich.

Sie schüttelte den Kopf. „Es war ein Fehler, es auch nur in Betracht zu ziehen. Sobald ich die Wärme in Ihrem Blick bemerkt habe, mit dem sie Marc bedachten, hätte ich daran nicht mehr zweifeln sollen. Und eben konnte ich deutlich erkennen, dass Sie für den Rennsport brennen. Was sehen Sie sich da gerade an?“

Er blickte zu dem Bildschirm hoch. „Das letzte Rennen in Sao Paulo.“

„Hat es einen bestimmten Grund, dass Sie sich dafür entschieden haben? Ihr Team hat in diesem Jahr bei anderen Rennen besser abgeschnitten.“

„Eigentlich ging es mir nicht um die Position der Rennwagen, sondern vielmehr um das Geräusch, das sie machen“, erzählte er. In seiner Stimme schwang Aufregung mit.

Damit hatte er ihre Neugier geweckt. Sie ging näher. Das Rennen auf dem Fernseher wurde ausschließlich aus dem Cockpit eines einzigen Wagens übertragen. „Sie meinen den Krach?“

„Schließen Sie die Augen“, forderte er.

Als würde sie ihm die Gelegenheit geben, sie leichter rauszuwerfen! „Warum?“

„Lauschen Sie dem Rennen, ohne sich von dem ablenken zu lassen, was sich auf der Rennstrecke tut“, schlug er noch einmal vor.

Seine Bitte überraschte sie, doch sie zögerte nur kurz. Sie vertraute ihm inzwischen genug, um sich auf dieses Experiment einzulassen. Mit schnell klopfendem Herzen schloss sie die Augen. Zuerst war da nur Krach, ein gleichmäßiges Tosen, das in ihren Ohren schmerzte. Langsam unterschied sie allerdings verschiedene Motoren. Der Tonfall veränderte sich. Sie wusste nicht, wie sie es sonst beschreiben sollte. Der Wagen schien ein gegnerisches Fahrzeug zu überholen. Der Fahrer schaltete in einen anderen Gang. Die Geschwindigkeit und damit auch das Motorengeräusch veränderten sich.

Überrascht öffnete sie die Augen und sah in Grubers neugierig abwartendes Gesicht. „Ich glaube, ich verstehe.“

Seine Miene wurde weich. „Manche hören nur das Dröhnen der Motoren, das für sie für Geschwindigkeit und Kraft steht. Ich allerdings finde, es klingt wie Musik“, erzählte er.

Seltsamerweise konnte sie diesem Vergleich einiges abgewinnen.

„Bestimmt ist die Melodie des Rennsports nicht beruhigend wie Jazz“, fuhr er fort. „Aber man kann einen Rhythmus wahrnehmen. Die Abwechslung, wenn auf die Bremse getreten und der Gang gewechselt wird. Dann der Sprung zwischen den Gängen. Das Aufheulen, wenn wieder das Gas an der Reihe ist. Ein wunderschöner Takt, der immer wieder anders ist, aber jedes Mal von Neuem faszinierend.“ Er stockte. Gerade schien er zu bemerken, dass er ins Schwärmen geraten war. Errötend räusperte er sich. „Zumindest gilt das für mich.“

„Das kann ich gut nachvollziehen“, beruhigte sie ihn. „Selbst im Lärm der Stadt kann man Musik hören, wenn man sich nur die Zeit nimmt, genau hinzuhorchen. Je nach Stadt und Umgebung wird es ein anderes Kunstwerk.“

Ein strahlendes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Genau. In einem Park sind andere Konzerte zu hören als in einer Fußgängerzone. Das Tempo der Welt verewigt sich in den Geräuschen. Wenn Sie wollen, notiere ich Ihnen ein paar Parkanlagen, die Sie hier in Wien unbedingt besuchen sollten. Der Schlosspark in Schönbrunn kommt als Erster auf die Liste. Und die Donauinsel. Als Gegensatz eignet sich der Ring oder die Kärntnerstraße.“

„Das klingt verlockend. Ich fürchte allerdings, Yannik hat dafür keine Zeit eingeplant“, überlegte sie ehrlich bedauernd. Ob sie ihn dazu überreden konnte, einen Ausflug zu machen? Sie lernte gerne andere Städte kennen und besuchte abwechslungsreiche Sehenswürdigkeiten, wenn die Möglichkeit bestand. Damit fühlte sie sich nicht mehr so fremd.

„Dann begleite ich Sie“, schlug Gruber vor.

Ihr Herz begann schneller zu klopfen. Sein Angebot war aus ihm hervorgebrochen, sobald sie verstummt war. Dennoch wirkte er, als hätte er sich nicht spontan zu dem Vorschlag entschieden. Hatte er schon vorher geplant, sie einzuladen?

„Dieses Angebot ist sehr nett von Ihnen“, hauchte sie. „Aber Sie müssen sich nicht gezwungen fühlen, es aufrecht zu erhalten. Bestimmt haben Sie jede Menge andere, wichtigere Dinge zu tun.“

„Nein, dafür nehme ich mir gerne frei. Natürlich nur, wenn meine Gesellschaft für Sie wünschenswert ist.“ Die Röte auf seinem Gesicht vertiefte sich erneut.

Obwohl ihr eine Stimme zuflüsterte, dass sie vorsichtig sein musste, gefiel ihr die Idee viel zu gut. Sie lächelte ihn an. „Es würde mich freuen, der Musik der Stadt mit Ihnen zu lauschen.“

„Dann wählen Sie ein Ziel, und wir versuchen so schnell wie möglich einen Termin zu finden“, schlug er mit Begeisterung in der Stimme vor.

Die Vorfreude wärmte ihr Herz. Es erschien verrückt, wie ungeduldig sie mit einem Mal war. Hoffentlich klappte diese Besichtigungstour wirklich. Sie könnte Wien besser kennenlernen und ganz nebenbei den Mann, der sie mehr faszinierte, als er eigentlich sollte.

„Was werden hier denn für Dates vereinbart?“, fragte Yannik von der Tür her.

Errötend wandte sie sich zu ihm um und entdeckte auch noch Marc neben ihm. „Herr Gruber ist so freundlich, mir die Stadt zu zeigen“, berichtete sie und eilte an Yanniks Seite. Hoffentlich wirkte es nicht seltsam auf die anderen, dass sie sich mit dem Boss des Rennteams verabredete.

Yannik lächelte und legte ihr einen Arm um die Taille. „Wie nett von ihm. Es trifft sich auch gut, dass du beschäftigt bist, während ich mit Marc Zeit verbringe. Wir haben gerade darüber gesprochen, gemeinsam sporteln zu gehen.“

Amüsiert lachte sie auf. „Ich habe mich schon gefragt, wie lange es dauern wird, bis ihr eine Möglichkeit findet, euch miteinander zu messen. Bei eurem Training muss ich ohnehin passen. Das überlasse ich ganz euch Profis.“

„Sehr schön.“ Gruber stand auf. Sein Blick fing Miriams ein. „Morgen sind leider einige Besprechungen angesetzt. Aber am Samstag können wir gleich morgens mit unserer Tour durch die Stadt starten.“

Sie spürte, wie Hitze in ihr aufstieg, als er seine Einladung konkretisierte. Es hatte sich wirklich nicht nur um eine Floskel gehandelt. Er wollte das Treffen tatsächlich so bald wie möglich ansetzen. Das ließ ihr Herz auf gefährliche Art und Weise flattern.

„In Ordnung“, stimmte sie zu. „Marc und Yannik kommen bestimmt gut ohne uns zurecht.“

Beinahe war sie enttäuscht, als Yannik zum sofortigen Aufbruch drängte. Sie verabschiedeten sich von Gruber und Marc und tauschten letzte Floskeln aus. Ein paar Minuten später saß Miriam mit Yannik im Taxi, das sie zum Hotel brachte. Schweigend knetete sie ihre Hände in ihrem Schoß.

„Gruber ist sehr nett“, bemerkte Yannik.

Sie nickte und sah aus dem Fenster. Wien war eine wunderschöne Stadt. Es würde bestimmt viel Spaß machen, sie mit Gruber zu erforschen. Wie viel von sich er ihr wohl zeigen würde.

„Er scheint ganz angetan von dir zu sein“, behauptete der Mann neben ihr. „Diese Tatsache sollten wir ausnutzen. Das Team macht einen guten Eindruck, aber ich würde gerne finanziell noch mehr herausholen.“

Von einer Sekunde auf die andere breitete sich Entrüstung in ihr aus. Abrupt wandte sie sich ihm zu. „Dafür lasse ich mich nicht missbrauchen. Herr Gruber hat so ein manipulatives Verhalten auch nicht verdient. Vielleicht kann er dir nicht so viel zahlen, wie du gerne hättest, aber er sorgt gut für sein Team. Seine Mitarbeiter schwärmen regelrecht von ihm.“

„Nicht nur die, wie mir scheint“, behauptete Yannik mit einem Grinsen.

Es ärgerte sie, dass Hitze über ihre Wangen kroch. Sie fühlte sich ertappt, aber deshalb würde sie ihre Aussage nicht zurücknehmen. „Gar nicht wahr.“

Seine Augen funkelten. „Der große Boss hat dich zu einem Date eingeladen und du hast freudig zugesagt. Wie ihr euch dabei angestrahlt habt! Da wird ja jeder Kernreaktor blass vor Neid.“

„Das ist kein Date“, behauptete sie, obwohl die Bezeichnung auch nicht völlig falsch war.

Yannik lachte. „Welcher Kerl lädt eine Frau freiwillig zu einer langweiligen Stadtbesichtigung ein, ohne sich etwas von ihr zu erwarten?“

Plötzlich trübte sich ihre Stimmung. Hatte er damit vielleicht recht? Glaubte Gruber, sie wolle mit ihm ins Bett? War er so freundlich zu ihr, weil er lediglich auf ein Abenteuer aus war? „So ist er nicht“, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. „Dafür ist er viel zu kultiviert.“

„Ich habe kein Problem damit. Sei nur so diskret wie möglich“, bat Yannik unbefangen. Er sah kurz zum Taxifahrer und beugte sich dann näher an Miriam heran. „Flirten und Knutschen ist in Ordnung. Aber wenn da mehr läuft, müssen wir vielleicht offiziell aus unserer engen Beziehung eine offene machen.“

„Yannik!“, keuchte sie empört.

„Es ist Ewigkeiten her, dass du Zeit für dich hattest. Also hab ein wenig Spaß.“

Als würde das nicht zu ungeahnten Komplikationen führen! Dennoch schrillten die Alarmglocken noch aus einem anderen Grund in ihrem Ohr. Sah man ihr tatsächlich an, für den Teamchef zu schwärmen? Dann musste sie sich von ihm fernhalten. Sich heimlich zu viele Gedanken über ihn zu machen, war eine Sache. Dabei erwischt zu werden, jedoch eine ganz andere. Sie würde seine Einladung wohl ablehnen müssen.

Verspätet wurde ihr klar, wie verrückt diese Idee überhaupt gewesen war. Sie durfte sich nicht mit Gruber verabreden und sei es auch nur für einen gemeinsamen Stadtbummel. Man könnte es tatsächlich für ein Date halten. Er könnte die falschen Schlüsse aus ihrer Zustimmung ziehen. Das hätte Folgen, die die Vertragsverhandlungen erschweren würden. Sie schlug sich die Überlegung, alleine Zeit mit dem potenziellen neuen Arbeitgeber von Yannik zu verbringen, also besser sofort aus dem Kopf.

Außerdem sollte sie ohnehin enttäuscht von einem Mann sein, der sich an eine Frau heranmachte, obwohl sie mit einem anderen liiert war. Wenn er tatsächlich hoffte, sie in sein Bett zu bekommen, war er nicht der ehrenwerte Gentleman, für den sie ihn gehalten hatte. Ein Grund mehr, sich nicht privat mit ihm zu treffen. Selbst wenn er keine zwielichtigen Absichten hatte, durfte sie nicht mit ihm gesehen werden. Wieso war sie auch nur eine Sekunde lang schwach geworden?