Leseprobe Ostseeküsse mit Meerblick | Eine wholesome Second Chance Romance

1 Hinfallen

»Ehrlich, Saskia, so geht das nicht weiter!«

Meike schüttelte missbilligend den Kopf, nachdem sie den Zustand meiner Wohnung mit einem erschrockenen Blick erfasst hatte. Auch meine ausgeleierte Jogginghose und der Pulli, auf dem zugegebenermaßen der eine oder andere Fleck zu sehen war, entging ihr natürlich nicht.

»Du musst dich jetzt um deine Sachen kümmern, du kannst doch hier nicht den ganzen Tag auf der Couch herumlungern«, fügte sie vorwurfsvoll hinzu. Sie seufzte demonstrativ und begann, die herumliegenden Pizzakartons und die leeren Gläser einzusammeln, die sich innerhalb von nur wenigen Tagen auf dem Couchtisch und überall auf dem Boden um die Couch herum angesammelt hatten. Ich sah hilflos zu, wie sie mit angewidertem Blick noch einige Pizzareste aus den Kartons entfernte, bevor sie sie für den Altpapiercontainer unten vor dem Haus aufstapelte. Sie rümpfte die Nase, trug den Stapel zur Haustür und lud ihn dort ab, um ihn später mitzunehmen. Als nächstes riss sie die Fenster auf und wischte den Couchtisch ab. Ich blieb in sicherer Entfernung auf der Couch, die Hände in den Schoß gelegt, und sah zu. Es war erst eine Woche her und mir ging es miserabel.

»Saskia, ich kann dich gut verstehen. Natürlich geht es einem nicht gut nach so einem Vorfall«, setzte Meike an. ›Vorfall‹ nennt man das also, dachte ich bitter.

»Aber du musst unbedingt darüber reden. Am besten mit Olli. Ihr müsst das klären, ich meine, in drei Monaten steht eure Hochzeit an!« Ich sah sie an.

»Ja, und? Was kann ich dafür? Habe ich mich mit einem Kollegen auf meinem Schreibtisch vergnügt? Nein, habe ich nicht!«, rief ich trotzig. »Ich meine, was denkt der sich dabei? Ich probiere mich durch dutzende Brautkleider und telefoniere etliche Locations ab, um für uns die perfekte Hochzeit zu planen und was macht er? Legt meine Freundin flach!« Bei diesen Worten bahnten sich ein paar Tränen ihren Weg über meine Wangen, wie schon so oft in den letzten Tagen. Ich versuchte gar nicht erst, sie aufzuhalten. Meike bemerkte es und ihr Blick wurde sofort milder. Sie ließ den Wischlappen, mit dem sie gerade die Staubschichten von meinen Möbeln entfernte, auf dem Sideboard liegen und kam zu mir herüber. Sie setzte sich neben mich auf die Couch und legte ihren Arm um mich.

»Du hast ja recht, Saskia. So etwas macht man nicht. Das geht einfach gar nicht.«

Eine Weile saßen wir so da, bis ich schließlich die Frage laut stellte, die mir die ganze Zeit schon durch den Kopf ging: »Und warum zum Teufel macht er es dann?«

»Ich weiß es nicht, ich verstehe es auch nicht«, antwortete sie leise.

Meike war hier in Hamburg eine meiner besten Freundinnen geworden, sie wohnte im gleichen Hauseingang wie ich und hatte die Wohnung direkt über mir. Sehr schnell hatten wir uns angefreundet und verbrachten immer mehr Zeit miteinander. Mit ihr und Sandy war ich oft abends unterwegs und wir drei verstanden uns prächtig. Bis Sandy das Schlimmste tat, das man einer Freundin antun konnte.

Meike blieb den ganzen Tag bei mir, richtete meine Wohnung einigermaßen wieder her und nebenbei tat sie ihr Bestes, das Gleiche auch mit meiner Seele zu tun. Aber das würde wohl mehr Zeit brauchen, da war es nicht getan mit Müll rausbringen oder Lüften.

2 Krone richten

Der Auslöser für meine momentane Situation lag ungefähr eine Woche zurück. Ich hatte in der Steuerkanzlei, in der ich als Steuerberaterin arbeitete, Überstunden gemacht. Die Jahresabschlüsse mussten fertiggestellt werden und ich hatte stundenlang an meinem Schreibtisch gesessen und mich in die Unterlagen vertieft, bis ich schließlich Durst bekam. Die Zahlen tanzten schon vor meinen Augen und ich wollte kurz in die Firmenküche gehen und mir eine Cola aus dem Kühlschrank holen.

Als ich an Ollis Tür vorbeikam, der zwei Zimmer weiter sein Büro hatte, hörte ich ihn dort rumoren. Ich war ziemlich überrascht, dass er auch noch da war. Denn er hatte mir am Vormittag gesagt, dass er die schon fertiggestellten Abschlüsse mit nach Hause nehmen und ab dem Nachmittag im Home-Office durchsehen wollte. Und ›rumoren‹ war auch nicht ganz das richtige Wort, wie ich ein paar Sekunden später feststellte. Nachdem ich die Tür zum Büro seiner Sekretärin nach einem Pro-Forma-Klopfen geöffnet hatte und durch das leere Büro auf Ollis Tür zuging, verharrte ich dort im Türrahmen und starrte wie betäubt auf die Szene, die sich mir in seinem Büro bot. Seine eigene Tür stand wie meistens offen und gab die Sicht sofort frei. Ich wollte das auf keinen Fall sehen, aber es war zu spät. Das Bild hatte sich bereits auf meiner Festplatte eingebrannt, unwiderruflich und für alle Zeiten. Die beiden starrten mich ebenfalls an wie verschreckte Kaninchen im Scheinwerferlicht. Ich konnte meine Augen auch nicht abwenden, schaffte es einfach nicht, wegzusehen.

Nach ein paar Sekunden der allgemeinen Starre, wie in einem Film, bei dem jemand die gedrückte Pause-Taste wieder löste, zog Olli hastig seine Hosen hoch. Sandy schlüpfte genauso eilig in ihr Shirt und strich verlegen ihren Rock glatt. Sie murmelte etwas Unverständliches, rutschte von Ollis Schreibtisch herunter und huschte zur Tür hinaus, ohne mich anzusehen. Zurück blieb Olli, der zerknirscht zu mir herübersah. Dass der sich überhaupt traute, mir in die Augen zu sehen! Er machte den Mund auf und heraus kam ein klägliches »Saskia …« Bevor er noch mehr sagen konnte, fuhr ich schroff dazwischen.

»Spar dir das!«, herrschte ich ihn an, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand ebenfalls wieder aus dem Chefbüro. Mir war schwindelig und ich hatte das Gefühl, neben mir zu stehen und mich selbst zu beobachten. Es fühlte sich unwirklich an und ich hoffte, dass das hier nur ein Albtraum war und ich gleich aufwachen würde. Aber ich wusste instinktiv, dass es das nicht war, während ich eilig zu meinem Schreibtisch zurückkehrte, meine Sachen zusammenraffte und aus dem Büro hastete.

So hatte sich das abgespielt und seitdem befand ich mich im Ausnahmezustand. Denn Olli, mein Chef, war gleichzeitig auch Olli, mein Verlobter. Mein Ex-Verlobter, wenn man die Sache ganz realistisch betrachten wollte. Das wollte ich aber nicht. Zumindest im Moment nicht. Ich suhlte mich lieber in Liebeskummer und Selbstmitleid, das war wesentlich einfacher als den Tatsachen ins Auge zu sehen. Ich konnte sowieso im Moment keinen klaren Gedanken fassen. Nur eines wusste ich bereits jetzt ganz genau: So wie es vorher war, würde es nicht mehr werden. Nie wieder. So viel war klar.

Nach dieser Sache hatte ich eine sehr unruhige Nacht, an Schlaf war kaum zu denken. Und als mich am nächsten Morgen meine verheulten und völlig verquollenen Augen aus dem Spiegel angesehen hatten, hatte ich die Notbremse gezogen und mich krankgemeldet. So würde ich den beiden Verrätern sicher nicht unter die Augen treten. Ich musste erst mal wieder aussehen, wie ein normales menschliches Wesen und so weit wieder gefasst sein, dass ich zumindest die Tränen im Büro im Zaum halten konnte.

Sandy hatte es mir schon immer gesagt, eine Beziehung mit dem Chef ist ein heißes Eisen. Welch eine Ironie. Sie hatte mir Predigten gehalten, dass so etwas bei den anderen Kollegen nicht gut ankommen würde, dass sie vielleicht denken könnten, er bevorzuge mich. Und dass ich für ihn doch bestimmt nur eine Affäre wäre und es schwierig sein würde, wenn sie endete. Aber Sandy lag damit in meinen Augen völlig falsch. Olli war Single, ich war nicht bloß eine Affäre für ihn. Es wurde sogar sehr schnell richtig ernst zwischen uns und schließlich machte er mir einen Heiratsantrag. Das war der Stand der Dinge, bis Sandy beschloss, mir das heiße Eisen aus der Hand zu nehmen und es selbst weiterzuschmieden.

Nachdem ich mich also krankgemeldet hatte, zog ich meine Lieblingsjogginghose an und wählte dazu ein labberiges T-Shirt, das Olli nicht leiden konnte. Es zeigte eine niedliche Katze und Olli hasste Katzen. Dann lag ich den ganzen Tag lang planlos auf meiner Couch herum. Ein ganz klein wenig hatte ich ein schlechtes Gewissen wegen der vielen Arbeit, die sich auf meinem Schreibtisch im Büro türmte. Aber als mir einfiel, dass Olli und Sandy sich nun an meiner Stelle um die Abschlüsse kümmern mussten, verging das schlechte Gewissen schnell wieder. Schadenfroh dachte ich daran, dass die beiden dann wenigstens keine Zeit für weitere Schäferstündchen haben würden. Denn der Großteil der Arbeit blieb normalerweise an mir hängen. Und nun würde Olli die Abschlüsse selbst zu Ende bringen müssen und Sandy, die als Steuerfachgehilfin in unserer Abteilung angestellt war, würde einen viel größeren Teil der Arbeit als sonst selbst übernehmen müssen. Ich arbeitete meine Sachen meistens allein ab, während Olli wiederum nur das Nötigste machte und die Sachen dann delegierte. Meistens an mich.

Hör auf, darüber nachzudenken, befahl ich mir. Die beiden haben es nicht anders verdient. Und das stimmte, musste ich mir selbst zustimmen.

Ich schlurfte in die Küche und durchkämmte Kühlschrank und Küchenschrank nach geeigneten Seelentröstern. Danach brachte ich meine Beute zum Sofa und tröstete mich mit Unmengen an zusammengesammelten Süßigkeiten. Ich stopfte mich so richtig hemmungslos voll. Danach fühlte ich mich noch schlechter und stellte die Tüte Kartoffelchips, die ich gerade bearbeitete, unter Aufbietung größter Willenskraft beiseite. Meine Gedanken wanderten zur bevorstehenden Hochzeit.

In knapp drei Monaten wollten Olli und ich uns in einer Traumlocation in Hamburg das Ja-Wort geben, die Planung dafür hatte schon fast ein Jahr in Anspruch genommen. Und in wahrscheinlich ungefähr zehn Minuten hatte Olli das alles zerstört. Ich ließ die Hochzeit, wie ich sie mir erträumte, vor meinem inneren Auge ablaufen. Ich träumte diesen Tagtraum in letzter Zeit sehr oft, immer und immer wieder sah ich diese Bilder in meinem Kopf. Es war immer das Gleiche. Vom Standesamt aus würden wir mit einer Barkasse vom Hamburger Hafen aus direkt zur Partylocation fahren, einem alten Speicher in einem rustikalen Backsteingebäude direkt am Wasser. Das Gebäude hatte einen eigenen Bootsanleger und ich stellte mir das alles vor, wie in einem romantischen Film – ich und Olli auf dem Boot, ich in einem atemberaubenden Kleid (das selbstverständlich auch schon ausgesucht war und nur noch auf die finale Anprobe kurz vor der Hochzeit wartete) und die Gäste, die schon in ihren schicken Festtagskleidern auf dem Bootsanleger warteten und ehrfurchtsvoll erstarrten bei meinem Anblick …

Das Klingeln meines Telefons riss mich grob aus meinen Gedanken und ich fiel hart auf den Boden der Realität zurück. Diese Szenerie würde nicht stattfinden, zumindest nicht mehr so, wie ich es mir immer vorgestellt hatte. Sie hatte jetzt einen fetten Makel. Selbst wenn ich mich dazu entschließen würde, Olli zu verzeihen, es wäre trotzdem nicht mehr wie vorher – ich und Olli auf dem Boot, ich in einem atemberaubenden Kleid und die Gäste, die mich in ihren schicken Festtagskleidern mitleidig ansahen, eine meiner Trauzeuginnen fehlte …

Ich liebte Olli mit jeder Faser meines Herzens, aber gerade hatte er mir so wehgetan, dass es mir fast das Herz brach. Und ich hatte im Moment keine Ahnung, wie ich diesen Schmerz jemals überwinden sollte. Das Telefon klingelte unerbittlich weiter. Wer war denn da so penetrant? Ich hatte keine Lust, zu telefonieren. Schließlich nahm ich schlechtgelaunt den Hörer ab und rang mir ein barsches »Ja?« ab. Stille am anderen Ende der Leitung. Dann ein Aufschluchzen. Sandy. Ich war mir sicher, dass sie es war.

»Was willst du?«, fragte ich so unfreundlich, wie es mir möglich war.

»Saskia, ich … ich wollte das nicht!«

Noch ein Aufschluchzen. Man konnte fast denken, sie war hier die Betrogene.

»Komm zur Sache. Ich habe nämlich keine Lust, mit dir zu reden, wie du dir sicher vorstellen kannst.«

Ich wunderte mich über meine feste Stimme und das, was ich da sagte. Es klang gut, fand ich. Cool und der Situation angemessen. Und überlegen.

»Saskia, du weißt, das ist sonst nicht meine Art. Ich meine, ich weiß selbst gar nicht, wie das passieren konnte«, sagte sie jetzt leise.

»Es ist aber passiert. Noch etwas?«, fragte ich unwirsch. »Saskia, bitte …«, flehte sie. »Es darf unsere Freundschaft nicht kaputtmachen.«

Ich lachte bitter auf.

»Dann schalte bei der nächsten Freundin, die kurz vor ihrer Hochzeit steht, am besten deinen Verstand ein. Bevor du eine Nummer mit ihrem Verlobten schiebst!«

Dann legte ich einfach auf, das musste ich mir wirklich nicht geben. Für den Rest des Tages versank ich wieder in meine Lethargie. Das Telefon klingelte noch ein paar Mal, aber ich nahm keinen Anruf mehr entgegen. Ich floh viel lieber wieder zurück in meine Fantasiewelt und heiratete dort meinen Olli, wobei ich versuchte, die neuesten Ereignisse so gut wie möglich auszublenden. Wenigstens in meinem Tagtraum konnte ich noch ein bisschen länger glücklich sein.