Gegenwart
Ana
„É maravilhosa.“
Es ist wunderschön. Ana widerstand dem Drang, über das Kunstwerk zu streichen, das in einem der Regale an der Wand stand. Sie wusste instinktiv, dass ihre Oma das Bild sofort gekauft hätte. Ein Gefühl von Wärme erfüllte sie bei dem Gedanken. Gleichzeitig breitete sich die inzwischen vertraute Schwere in ihr aus. Die Aquarellfarben strahlten sie an. Sie malten ein völlig anderes Bild von Lissabon, das nur wenig mit der Stadt zu tun hatte, die Ana in den letzten Tagen kennengelernt hatte. Statt Orange- und Brauntönen verwendete der Künstler Rot, Violett und Blau, um eine verregnete Stadt darzustellen. Die nassen Pflastersteine spiegelten die vorbeifahrende gelbe Tram und die umliegenden Häuser. Die wenigen Menschen auf der Straße waren schwarze Striche mit Regenschirmen in den Händen. Jetzt übertreibst du. Draußen herrschen fast vierzig Grad, und du träumst von Regen.
„Möchten Sie es sich genauer anschauen?“ Die Stimme der Verkäuferin riss Ana aus ihren Gedanken.
Die junge Portugiesin trug ein sonnengelbes Sommerkleid. Ihre schwarzen Haare fielen wie ein Vorhang auf ihre gebräunten Schultern. Obwohl das Atelier klimatisiert war, zeigte der dünne Schweißfilm auf ihrem Gesicht, dass ihr die Hitze zu schaffen machte.
„Soll ich es für Sie abnehmen?“
Fieberhaft kramte Ana ihre portugiesischen Wörter zusammen. Verstehen war nie ein Problem gewesen, sprechen schon. „Sehr gern.“
Die Verkäuferin lächelte so strahlend, dass ihre bernsteinfarbenen Augen leuchteten. Sie nahm den Print aus dem Regal und brachte ihn zu einem Tisch. Ihre hochhackigen Sandalen klackerten auf den weißen Fliesen. Fast schon achtlos schob sie einen Bilderstapel beiseite und legte das Gemälde ab. „Hier ist es.“
Der Geruch von frischer Farbe stieg ihr in die Nase. Ana blickte sich um. Der Künstler, ein älterer Mann mit grauem Haar und faltigem Gesicht, saß im hinteren Teil des Raumes und malte. Zu ihrer Überraschung stellte Ana fest, dass sich ein Gefühl von Wehmut in ihrem Inneren ausbreitete. Früher, vor ihrem Medizinstudium, hatte sie stundenlang mit Aquarell gemalt.
Das Glöckchen über der Tür klingelte. Eine Touristengruppe betrat den Laden. Die Besucher schwärmten insektengleich aus und gaben abwechselnd „Ohs“ und „Wows“ von sich. Es war nicht schwer, den Reiseleiter unter ihnen zu erkennen. Er war der Einzige, der keine funktionale Kopfbedeckung trug und dessen Haut über eine natürliche Bräune verfügte.
Der Blick des Reiseleiters traf ihren. Seine dunklen Augen wirkten warm und intelligent, und etwas Freches blitzte ihr daraus entgegen. Der Reiseleiter war deutlich jünger, als sie zuerst angenommen hatte.
Die Verkäuferin sagte etwas.
Ana riss sich von dem Touristenführer los. „Sorry, I …“
„Möchten Sie noch andere Bilder sehen?“ Die Verkäuferin wechselte ebenfalls ins Englische.
Mist, ich bin aufgeflogen.
Ana verdrängte den albernen Gedanken. Sie betrachtete das Gemälde erneut. Ob die Schwester ihrer Oma wohl ein ähnliches Bild gekauft hatte? In ihrem Brief hatte Beatriz von diesem Laden geschwärmt. Es war dieser Brief, der Ana bewogen hatte, den kleinen Laden am Castelo de São Jorge zu betreten. Das Geschäft war nicht gerade groß, aber rappelvoll mit Bildern. Links und rechts waren die Wände voll behängt mit Prints des Künstlers. In den hüfthohen Regalen stapelten sich weitere Werke. Auf den meisten Bildern konnte Ana charakteristische Motive erkennen, wie den gelben Straßenbahnwaggon der Tram 28 oder die Ponte 25 de Abril, die an die Golden Gate Bridge in San Francisco erinnerte. In schillernden Farben malte der Künstler Gassen, große Plätze und das Meer, die in den Strahlen der Sonne leuchteten.
Ein älteres Ehepaar blieb vor den Postkarten stehen, die ebenfalls im Stil des Künstlers gemalt waren. Sie unterhielten sich aufgeregt in einer Sprache, die Ana nicht zuordnen konnte. Das Bild, das Anas Aufmerksamkeit erregt hatte, war eines der teureren Prints im Laden. Sie konnte den Regen fast riechen.
„Ich nehme es.“
„Wunderbar. Ich packe es Ihnen ein.“
Ana folgte der Verkäuferin zur Kasse. Ihre Oma hätte das Bild bestimmt genommen. In ihrem Hals bildete sich ein Klumpen. Ihre Augen brannten. Ana schluckte und kämpfte gegen die Tränen an. Ein Teil von ihr wollte sich beim Gedanken an ihre Oma schluchzend zu einer Kugel zusammenrollen. Der andere Teil schrie über die Lügen, die ihr wie Verrat vorkamen.
„Soll ich Ihnen das Bild reisesicher einpacken?“
Ana blinzelte. Die Verkäuferin sah sie freundlich an. Kein Zeichen von Ungeduld auf dem Gesicht.
„Ja, das wäre für den Flug super“, antwortete Ana. Beinahe hätte sie hinzugefügt, dass ihre Abreise erst in drei Monaten bevorstand.
Der Ventilator neben der Kasse verbreitete kühle Luft. Ana fuhr sich durchs feuchte Haar. Ihr Nacken war bereits nassgeschwitzt.
„Sie fliegen, hmm?“ Die Verkäuferin fächerte sich solidarisch Luft zu. „Dann nehme ich es lieber vom Rahmen ab.“
„Das geht?“
„Um momento.“ Die Verkäuferin legte das Bild mit der bemalten Seite nach unten. Sie holte ein kleines Messer hervor und löste damit die Tackernadeln, die die Leinwand am Rahmen hielten.
„Zahlen Sie bar oder mit Karte?“ Die Verkäuferin rollte die Leinwand ein und packte das Bild in eine Tüte.
„Mit Karte.“ Ana schluckte, als sie die Summe auf dem Kartenlesegerät sah. Sie stellte ihre Handtasche auf den Boden und kramte ihren Geldbeutel hervor. Ein leises Piepen bestätigte die erfolgreiche Transaktion.
Der Künstler trat zur Verkäuferin. Sein helles Leinenhemd war über und über mit Farbe bekleckst. Er sah Ana an und sagte etwas auf Portugiesisch.
Die Verkäuferin lächelte. „Er fragt, wo Sie unsere Sprache gelernt haben.“
Gelernt war vielleicht ein bisschen hochgegriffen. Ana konnte nur ein paar Worte. „Meine Oma war Portugiesin.“
Die Verkäuferin lachte auf und übersetzte. Der Künstler betrachtete Ana prüfend. Seine grauen Augen strahlten eine unglaubliche Intensität und Lebenserfahrung aus. Leider nuschelte er und sprach so schnell, dass Ana nichts verstand.
„Er meint, Sie sehen portugiesisch aus“, sagte die Verkäuferin. „Das finde ich übrigens auch.“
Damit meinten sie sicherlich Anas schwarze Locken und ihre dunklere Haut. In München war sie die Portugiesin, in Portugal die Deutsche.
Ana wickelte eine Haarsträhne um ihren Finger. „Das portugiesische Blut ist stark“, sagte sie auf Portugiesisch.
Die beiden lachten.
„You almost talk like a native“, sagte die Verkäuferin.
„Danke.“ Obwohl Ana wusste, dass sie nur freundlich war, wärmte das Kompliment sie.
„Está de férias?“, fragte der Künstler.
Dieses Mal verstand Ana. Machen Sie hier Urlaub?
Sie stellte sich vor, wie sie versuchte, auf Portugiesisch den Grund ihres Besuchs zu erklären. Wie sie von den Briefen erzählte, die sie im Besitz ihrer Oma gefunden hatte. Briefe, die alles auf den Kopf stellten, was Ana geglaubt hatte, über ihre Familie zu wissen. „Sim. Lisboa é muito linda.“ Ja. Lissabon ist wunderschön.
„Sim, sim.“ Der Künstler nickte eifrig.
Ana steckte ihren Geldbeutel in die Tasche ihrer weiten Leinenhose und nahm die Tüte an sich. Hinter ihr hatte sich in der Zwischenzeit eine Schlange gebildet. Darunter die Frau, die die Kühlschrankmagneten betrachtet hatte.
„Vielen Dank noch mal“, sagte sie.
Die beiden erwiderten den Abschied herzlich.
Nach dem klimatisierten Atelier traf sie die Hitze wie ein Schlag. Die feuchte Luft legte sich wie eine zweite Schicht auf ihre Haut. Ana spürte die heiße Sonne im Gesicht. Sie wechselte auf die schattige Straßenseite. Hier war es zwar nicht viel kühler, aber wenigstens fühlte sie sich nicht mehr so, als würde sie jeden Moment verbrennen. Das Atelier befand sich an einer Straßenkreuzung in Alfama, dem ältesten Viertel Lissabons. Alfama erstreckte sich quer über einen Hügel und war mit seinen alten Gassen und gefliesten Steingebäuden eine Hochburg für Touristen.
Der Geruch nach süßem, gebackenem Teig wehte zu ihr herüber. Ihr Magen knurrte. Sie hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Das gegenüberliegende Café warb mit Pastel de Nata und Espresso für einen Euro fünfzig. Durch das Schaufenster war erkennbar, wie voll das Café war. Dem Anschein nach alles Touristen. Kein Einheimischer würde mehr als einen Euro für einen Espresso zahlen.
Hinter ihr rief jemand etwas auf Englisch. Ana zwängte sich an den Touristen vorbei. Eine Mischung aus Schweiß, Parfüm, Bier und Pizza stieg ihr in die Nase. Ein Vater nahm seine kleine Tochter hoch und setzte sie sich auf die Schultern. Eine junge Frau bat ihren Freund, ein Foto von ihr vor einem alten Gebäude zu schießen. Irgendwo hupte ein Auto. Die Geräusche vermengten sich zu einem Teppich aus Stimmen, Rufen und Gelächter.
Es war unmöglich, zu sagen, wo die Menge aufhörte und die Warteschlange zum Castelo de São Jorge begann. Eigentlich hatte Ana vorgehabt, die große Festung der Stadt zu besichtigen. Doch zu sehr schreckte sie die Anzahl der Menschen ab, die über mehrere Straßen in der prallen Sonne warteten. Soweit Ana es beurteilen konnte, war die Schlange in der Zeit, die sie im Atelier verbracht hatte, noch länger geworden.
Jemand berührte ihren Arm.
Ana wirbelte herum, bereit, „ladrão“ und „polícia“ zu rufen. Sie brauchte einen Augenblick, um das Gesicht einzuordnen. Es war der Reiseführer aus dem Atelier.
Sein Lächeln offenbarte zwei Reihen strahlend weißer Zähne. „Die haben Sie im Laden vergessen.“
Ihr Blick fiel auf die Handtasche, die er trug. Ihre Handtasche. „O mein Gott. Meu Deus. Muito obrigada.“
„Nichts zu danken.“ Er reichte ihr die Tasche. „Wir haben nach Ihnen gerufen, aber Sie waren so schnell draußen.“
Meine Handtasche im Laden zu vergessen – das wäre der Obergau.
Verlegen nahm sie die Tasche entgegen und schaute hinein. Alles noch da. Ihre Wangen brannten. „Danke, danke.“
„You’re welcome.“ Sein Englisch war beinahe akzentfrei.
Wahrscheinlich gehört das zu seinem Job als Touristenführer dazu.
Zum ersten Mal gestattete Ana es sich, ihn genauer anzusehen. Bereits im Laden waren ihr seine dunklen Augen aufgefallen. Humorvoll und gleichzeitig intelligent. Er war groß für einen Portugiesen und hatte breite Schultern. Trotz des weiten schwarzen T-Shirts konnte sie die Muskeln an den Armen und dem Oberkörper erkennen. Seine kurzen Haare waren dunkelbraun und wirkten, als hätte er sie mit einem Föhn gestylt. Um seinen Mund zeichnete sich ein beinahe perfekter Dreitagebart ab.
Mach den Mund zu.
Ana hatte schon bei ihrer Ankunft gemerkt, dass portugiesische Männer äußerst attraktiv waren, aber dieser Reiseführer hätte glatt als Supermodel durchgehen können.
„Also.“ Er lächelte noch immer. Ein verschmitztes, süßes Lächeln. „Ich sollte zurück zu meiner Gruppe.“
„Ja, natürlich.“ Ana merkte, dass sie auch lächelte. Auf seinem T-Shirt war ein Schriftzug. Tours With Alfacinhas.
„Kannst du Portugiesisch?“ Er fuhr sich durchs Haar, was durchaus sexy aussah.
„Um pouco.“
„Um pouco?“, wiederholte er amüsiert. „Você fala muito bem.“ Du sprichst sehr gut.
„Obrigada, você também.“ Danke, du auch.
Er lachte auf. Der Laut wärmte sie von innen.
„Wie heißt du?“ Ana wechselte zurück ins Englische.
„João. Und du?“
Ana prägte sich gut ein, wie er den Namen ausgesprochen hatte. Dschoao. „Freut mich, dich kennenzulernen, João. Ich bin Ana.“
„Ein portugiesischer Name.“ Er strahlte.
„Meine Oma war Portugiesin.“
„Das erklärt, warum du so gut Portugiesisch kannst.“
Sie mussten einer Touristin ausweichen, die sich entschlossen einen Weg durch die Menge bahnte. Für einen Moment streifte Anas Arm Joãos und sie atmete seinen Geruch ein. Wie konnte jemand so gut riechen? Seine Augen schienen sie einzufangen. Es kostete sie physische Anstrengung, zurückzuweichen.
„Du solltest zu deiner Gruppe.“ Warum hatte sie das gesagt? Es war das Erste, was ihr eingefallen war. Sie war leicht außer Atem. Das war die Hitze.
„Ja, ja, sollte ich.“ João machte keine Anstalten, sich vom Fleck zu rühren.
Sie genauso wenig.
„Pass gut auf deine Tasche auf“, sagte João. „Gerade die Altstadt ist voll mit Taschendieben.“
„Das werde ich.“ Ana strich sich eine Locke aus dem Gesicht.
„Nicht dass du wie eine Touristin aussiehst“, fügte João hastig hinzu.
„Danke.“ Sie freute sich über die Worte.
„Was führt dich hierher?“
„Recherche. Ich will etwas über meine Oma herausfinden.“ Hatte sie das wirklich gesagt?
„Deine portugiesische Oma. Kommt sie von hier? Das ist ja spannend.“ João wirkte aufrichtig interessiert. Die Intensität seines Blicks machte ihr zu schaffen. Es war, als hätte er nur Augen für sie.
Die Touristen, mit denen er den Laden betreten hatte, verließen das Atelier.
„Deine Gruppe ist fertig.“
João drehte sich um. „Ah ja. Ich sollte wohl zurück.“
Ana schluckte ihre Enttäuschung herunter. „Na dann.“
„Um momento.“ João kramte eine Visitenkarte aus seiner Tasche. „Für den Fall, dass du Unterstützung bei deiner Recherche brauchst. Ich kann dir eine private Tour geben, wenn du magst.“
Ana nahm die Karte entgegen. Joãos Fingerspitzen streiften ihre Hand. Die Berührung fühlte sich elektrisierend an. Sie betrachtete die Karte. João Carvalho – Tours With Alfacinhas. Darunter waren eine Telefonnummer und ein QR-Code, der vermutlich auf eine Website führte.
„Das ist ein nettes Angebot.“
„Gerne. Das ist mein Job.“
Aus irgendeinem Grund versetzte ihr der letzte Satz einen Stich ins Herz. Sie steckte die Karte ein. „Dann sollte ich mal.“
„Ja, ich auch. Es war schön, dich kennenzulernen, Ana.“
„Gleichfalls, João.“
Ana war fest entschlossen, ihren Weg fortzusetzen und diesen Touristenführer aus ihren Gedanken zu verbannen. Sie hatte das Ende der Gasse erreicht, als sie ihren Namen hörte. Sie drehte sich um.
João war bei seiner Gruppe angelangt. Er formte mit seiner Hand ein Telefon. Ruf mich an.
João
Die Wände der Mignon Sports Bar vibrierten unter dem Jubel der grölenden Menge. Benfica Lissabon hatte ein Tor geschossen.
„Nicht schon wieder.“ Paulo verzog das Gesicht. Er kam aus der Algarve und konnte nur wenig mit der heimischen Mannschaft anfangen.
„Da sieht man, wer besser ist“, sagte João.
Jemand stimmte Ser Benfiquista an, die Hymne des Vereins. Sofort fiel die halbe Bar mit ein.
„Das wird immer schlimmer“, brummte Paulo.
Um ihn zu ärgern, sang João eine Zeile mit.
Zum Glück waren sie früh da gewesen. Die Bar war voll mit Fußballfans, die ihre Hälse reckten, um einen Blick auf den Flachbildfernseher zu erhaschen. Selbst die Dartscheibe, die sich normalerweise vor Menschen kaum retten konnte, war unbesetzt.
„Wenn das so weitergeht, werden sie Tabellenerster.“ Aus Paulos Mund klang das wie eine Beleidigung.
João dippte einen Kartoffelchip in die Tomatensalsa. „Besser als Porto.“
„Wir hätten ins Bairro gehen sollen.“ Paulo spülte seinen Shot mit Bier herunter.
„An einem Freitagabend? Du spinnst doch. Da ist die Hölle los.“
Ein weiteres Tor fiel. Zu Hause machte sein Vater bestimmt Luftsprünge. João musste kurz aufstehen, um über Paulos Kopf hinweg die Wiederholung des Tors zu sehen. Obwohl João keineswegs klein war, kam er sich neben seinem Freund immer wie ein Zwerg vor.
Paulo strich sich durchs schulterlange, ungestylte Haar. „Im Bairro läuft wenigstens kein Fußball.“
João grinste. „Stell dich nicht so an. Wenn du auch jubeln willst, musst du dir ein besseres Team suchen.“
Paulo betrachtete wehmütig den Fernseher. „Im Bairro gibt’s freie Shots und Musik.“
„Junge, es gibt nur zwei Arten von Menschen, die freie Shots kriegen. Heiße Mädels oder Touristen. Wir sind nichts davon.“
Unwillkürlich musste er an Ana denken. Er könnte sich ein Ohr abreißen, weil er sie nicht nach ihrer Nummer gefragt hatte. Sie hatte nicht angerufen. Ihre Begegnung war inzwischen drei Tage her. João hätte um Geld gewettet, dass sie ihn anziehend gefunden hatte. Warum hatte sie nicht angerufen? Von ihr war eine gewisse Traurigkeit ausgegangen. Vielleicht lag es daran. Aber Deus, dieses Gesicht.
Paulo schnippte vor seinem Gesicht.
João schlug seine Hand weg. „Lass das.“
„Du warst gerade weg.“
„Musste an was denken.“
„Du und denken?“ Paulo aß einen Kartoffelchip.
„Keine Sorge, das wirst du auch noch lernen.“ João trank einen Schluck Wasser.
Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal ein Bier gehabt hatte. Schon seit Jahren trank er keinen Alkohol mehr. Das war auch der Grund, warum er nicht ins Bairro wollte, aber das sagte er Paulo nicht. Trank Ana Alkohol? Sie sah aus wie jemand, der Rotwein mochte. Aber sie sah auch aus, wie jemand, der einen freundlichen Touristenführer anrufen würde. Dahin war sie, seine Menschenkenntnis. Lass gut sein. Sie ist nicht an dir interessiert. Ist doch egal.
„Sag mal, was ist denn mit dir?“ Paulo stieß ihn gegen den Arm.
„Ich habe ein Mädchen kennengelernt.“
Im selben Moment verfluchte er sich innerlich. Er biss sich auf die Zunge.
Es war zu spät. Der Schaden war angerichtet.
Paulo grinste von einem Ohr zum anderen. „Sag bloß, der ewige Junggeselle ist verliebt.“
„Verliebt doch nicht. Ich habe sie erst einmal gesehen.“
Es schien nicht möglich, aber Paulos Grinsen wurde noch breiter. „Liebe auf den ersten Blick – wow! Und hast du sie angerufen?“ Joãos Gesichtsausdruck musste Bände sprechen, denn Paulo runzelte die Stirn. „Sag bloß, du hast nicht nach ihrer Nummer gefragt.“
„Ich habe ihr meine Karte gegeben.“ João zuckte betont gleichgültig die Achseln. Er hatte Mühe, den Ärger über sich selbst zurückzuhalten.
„Du Genie.“ Paulo schüttelte den Kopf. „Derjenige, der anbaggert, holt sich die Nummer. Nicht andersrum.“
„Danke, Mr. Dating-Ratschläge. Das merke ich mir für die Zukunft.“ João leerte die Hälfte seines Glases in einem Zug.
„Willst du eigentlich mal was Richtiges trinken?“, fragte Paulo amüsiert.
„Ich muss morgen früh raus.“ Es war keine Lüge.
„Arbeit, Arbeit. Immer arbeitest du nur. Ihr Alfacinhas habt vergessen, wie man das Leben genießt.“
„Aber wir wissen noch, wie man gewinnt.“ João nickte in Richtung des Fernsehers.
Paulo machte eine abwertende Handbewegung. „Also sag schon, wie ist sie?“
„Wer?“
„Na, dein Mädchen, du Schussel. Wie ist sie? Wo kommt sie her?“
João musste lächeln. „Ich glaube, sie kommt aus Deutschland.“
„Aus Deutschland?“
„Sie hat mit Akzent gesprochen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es ein deutscher war. Aber stell dir vor, Paulo: Ihre Oma war Portugiesin, und sie sieht aus wie eine Portugiesin.“
„Für jemanden, der sein Geld damit verdient, Leute herumzuführen, ist es dir sehr wichtig, keine Touris zu daten.“
„Du weißt nicht, wie die sind.“
Paulo verzog das Gesicht. „Ey. Ich lebe zwar nicht in der Hauptstadt, aber wir haben auch Touris. Sie sind eine gute Einnahmequelle.“
João schüttelte den Kopf. „Aber ihr werdet nicht von März bis Mai von Surfer-Touristen überflutet. Auf gar keinen Fall will ich eine Touristin daten. Du hast keine Ahnung, wie schlimm die sind.“ Und was ist mit Ana? Verärgert scheuchte João die Stimme fort. Er wollte Ana nicht daten. Er wollte nur, dass sie ihn anrief. Schließlich hatte er ihr eine Tour versprochen. Egal, sie ist auch nur so eine Scheißtouristin.
„Ich versteh immer noch nicht, was dein Problem ist“, sagte Paulo.
„Die Touristen sind mein Problem! Wegen ihnen wird alles teurer.“
Paulo schnaubte. „Lissabon war schon immer teuer.“
„Nie so schlimm wie jetzt. Die machen alles kaputt. Wegen ihnen sind die Mieten unbezahlbar. Die ganze Altstadt ist voll mit schicken Lofts und teuren Cafés, die ihr Geld nur mit Businessleuten oder Touristen verdienen.“
„Klingt für mich, als müsstest du eher Businessleute hassen.“ Paulo grinste. „Ich glaube, du lenkst nur ab.“
„Von was denn?“ João lehnte sich zurück und trank einen Schluck Wasser. Seine Kehle fühlte sich an wie ausgetrocknet.
„Von deinem Mädchen. Du hast vergessen, nach ihrer Nummer zu fragen, und jetzt gibst du allen anderen die Schuld. Dabei magst du Touris doch eigentlich. Du liebst deinen Job.“
Hätte ich sie doch bloß nach ihrer Nummer gefragt. João trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. „Mein Job ist nicht schlecht.“
Paulo wollte etwas sagen, aber seine Worte gingen im Johlen der Menge unter. Ungläubig starrte er auf den Fernseher.
João hob sein Glas zum Salut.
Sein Freund winkte einer Kellnerin zu, damit sie sein Schnapsglas auffüllte. Paulo lächelte, als die ältere Kellnerin mit zwei Shots zurückkehrte. „Danke, meine Liebe.“
Obwohl die Kellnerin mindestens zwanzig Jahre älter als Paulo war, erwiderte sie sein Lächeln auf eine Art, die ganz und gar nicht mütterlich war. An ihrem Finger schimmerte ein Ehering.
João schüttelte innerlich den Kopf. Er war kein schlecht aussehender Typ, aber neben Paulo kam er sich wie Rumpelstilzchen vor.
„Also, was wirst du tun?“ Paulo beugte sich nach vorn.
„Was ich tun werde?“ João schob seinen Shot zu seinem Kumpel.
„Wegen ihr?“
„Wegen wem?“
„Na, wegen deiner Angebeteten, die dich nicht anruft.“
„Wenn sie nicht anruft, ist sie nicht interessiert.“
„Oder sie hat einfach keine Lust auf eine Stadttour.“ Paulo leerte den ersten Shot. „Kennst du ihren Nachnamen?“
„Não.“
Paulo seufzte und trank den zweiten Shot. „Heilige Maria. Du hast es dir echt nicht leicht gemacht. Wie groß ist die Chance, dass du ihr bei deiner nächsten Tour zufällig begegnest?“
„Nein, das ist …“ João lächelte. Eine Anspannung, deren Existenz er bis zu diesem Moment nicht mal bemerkt hatte, löste sich von seiner Brust. Wenn sein Vater es aushielt, zehn Stunden im OP-Saal zu stehen, konnte João es doch schaffen, eine Touristin wiederzufinden. „Wenn ich so darüber nachdenke, kommt es mir gar nicht so unwahrscheinlich vor. Wenn sie lange genug in der Stadt bleibt, kann es nur eine Frage der Zeit sein, bis wir uns wieder treffen. Touristen zieht es eh immer an dieselben Spots.“
Ana
Lissabon, 3. März 1970
Liebe Sofia,
es tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe, um auf deinen letzten Brief zu antworten. Was soll ich sagen, die Kleine nimmt einfach zu viel Zeit in Anspruch. Aber wahrscheinlich geht es dir mit Tom nicht anders. Ich freue mich, zu lesen, dass es ihm besser geht und die OP problemlos –
Ana stockte. Tom – damit war ihr Vater gemeint. Ihr war klar, dass er einst ein Baby gewesen war, aber so richtig wollte die Vorstellung nicht in ihren Kopf. Sie hatte nicht gewusst, dass er als Kind an der Schulter operiert worden war. Es war nichts Ernstes gewesen, nur ein Lipom, das man entfernt hatte. Trotzdem war es merkwürdig, es aus einem Brief zu erfahren und nicht von ihrem Vater persönlich. Noch vor ein paar Monaten wusste ich nicht mal, dass dieser Brief überhaupt existiert. Es ist, als hätte meine Oma ein Doppelleben geführt. Was weiß ich sonst nicht über meine Familie? Fehlt nur noch, dass mein Papa auch eine geheime Vergangenheit hat.
Sie rutschte auf dem Bett umher, suchte nach einer bequemeren Position. Ihre Augen tränten von der Anstrengung, die verblichene Schrift auf dem gelblichen Papier zu entziffern. Dafür, dass ihre Oma als Sekretärin gearbeitet hatte, hatte sie eine ziemliche Sauklaue.
Sorry, Oma.
Ana massierte sich die Schläfen und las weiter, musste jedoch aufhören, als sie sich dabei ertappte, wie ihre Augen wieder und wieder über dieselbe Zeile glitten, ohne etwas aufzunehmen. Sie hatte Stunden damit zugebracht, unbekannte portugiesische Wörter nachzuschlagen und den Brief, bewaffnet mit Deckenlicht und Handytaschenlampe, zu lesen. Ihr Blick fiel auf ihr Studienmaterial, das sich auf dem Schreibtisch stapelte. Das auch noch. Ein Seufzer entfuhr ihr. Sie war zwar im Auslandssemester, hatte sich aber trotzdem fest vorgenommen, regelmäßig in ihre Bücher zu schauen. Spätestens bei ihrer Rückkehr nach Deutschland würde es sie sonst einholen. Deutschland, allein beim Gedanken daran, zog sich ihr Magen zusammen. Mit einem Mal überkam sie eine heftige Sehnsucht nach der Vertrautheit des Münchner Campus. Sie vermisste ihre beste Freundin Clara, das Familienessen bei ihren Eltern und den bunten Trubel der Uni, der sie forderte und ihr gleichzeitig das Gefühl gab, genau am richtigen Ort zu sein.
Und stattdessen bist du hier. Zweitausend Kilometer entfernt von allem, was dir teuer ist. Und anstatt deinen Freitagabend mit deinen Freunden am See zu verbringen, sitzt du in einem zehn Quadratmeter großen WG-Zimmer und verdirbst dir die Augen, weil du in schlechtem Licht Briefe entzifferst.
Ein Rumpeln aus der Küche schreckte sie auf und riss sie aus ihren düsteren Gedanken. Nur ihre Mitbewohnerin. Sie teilte sich die Wohnung mit zwei anderen jungen Frauen. Amelia war bestimmt noch in der Kanzlei. Also konnte es nur Veronica sein, die etwas kochte.
Ihr Magen machte sich mit einem Knurren bemerkbar. Sie würde eh zu nichts mehr kommen, dann konnte sie genauso gut etwas essen. Ana zog sich Hausschuhe und Cardigan über und folgte dem langen Dielenflur in die Küche. Ihr Zimmer lag direkt neben dem Bad, was je nach Schlafenszeit Fluch und Segen zugleich war. Dafür war die Küche eine halbe Völkerwanderung entfernt.
Veronica formte etwas aus Teig. Den jungen Mann, der am Tisch saß, den Blick in sein Handy versunken, kannte sie nicht.
„Hi“, sagte Ana.
Veronica hielt in ihrer Tätigkeit inne. „Hi, how are you?“
Ana zuckte zusammen. In den Tagen nach dem Tod ihrer Oma war ihr diese Frage verhasst geworden. Es war ihr immer so vorgekommen, als wollten die Leute auf Nummer sicher gehen, dass sie nicht zusammenbrach. Sie wusste nie, ob sie die Frage wirklich beantworten oder übergehen sollte. Mir geht es schlecht. Ich bin einsam und hab Heimweh. „Quite good. And you?“
„Ganz gut. Pablo kennst du noch nicht, oder?“
Wie auf ein Stichwort hob der junge Mann den Kopf und stand auf. Er streckte ihr die Hand zum Handschlag aus. „Hi, ich bin Pablo, Veros Freund.“ Pablos Englisch war undeutlicher als Veros und wies einen starken spanischen Akzent auf.
Ana schüttelte ihm die Hand und lächelte. „Freut mich, dich kennenzulernen, Pablo. Kommst du auch aus Sevilla?“
„Sí, ich besuche Vero übers Wochenende.“ Spätestens die Art, wie er das R rollte, hätte ihn verraten. Pablo war wie Veronica leicht gebräunt und hatte seine dunkelblonden Haare nach hinten gekämmt. „Wo kommst du her?“
„Aus Deutschland.“ Ana setzte sich ihm gegenüber. Der lange Tisch bot Platz für etwa zehn Leute, deutlich mehr, als in die WG passten. „Aus München.“
Aus den Augenwinkeln konnte sie Veronica bei der Arbeit zusehen. Ihre Mitbewohnerin hatte gerade einen Teigballen mit dem Messer in gleich große Stücke aufgeteilt und formte nun kleine, längliche Formen daraus. Daneben waren Schüsseln mit Paniermehl und Eiern. Eine Pfanne stand auch bereit.
„Werden das Croquetas?“, fragte Ana.
„Ja.“ Veronica strahlte. „Das Rezept meiner Oma. Ich hatte so Lust drauf. Ich hatte einfach seit Ewigkeiten keine guten Croquetas mehr. Pablo hat gestern noch extra meine Oma besucht, um das Rezept zu holen.“
Ein Stich durchfuhr Ana. Ihr zukünftiger Partner würde niemals die Möglichkeit haben, ihre Oma zu besuchen. Geschweige denn, sie kennenzulernen. Genauso wenig, wie ihre Oma die Möglichkeit haben würde, zu ihrer Hochzeit zu kommen. Ana spürte, wie sich die Tränen anbahnten. Nicht jetzt. O nein, bitte nicht.
„Wir haben so was Ähnliches in Deutschland, aber wir nennen es Kroketten. Bei uns besteht die Masse aus Kartoffeln, nicht aus Béchamel.“ Ihre Stimme klang heiser in ihren Ohren.
„Wie eine Tortilla?“
„Nicht ganz. Hast du auch Schinken in der Masse drin?“
„Unbedingt.“ Veronica nickte eifrig. Sie wischte sich die Hände ab und goss einen Schluck Öl in die Pfanne.
Pablo sagte etwas auf Spanisch, sprach jedoch so schnell, dass Ana nicht einmal einzelne Worte identifizieren konnte. Sie glaubte, ihren Namen herauszuhören.
Veronica seufzte. „Pablo fragt, warum ich dich noch nicht zum Essen eingeladen habe – was ich übrigens jeden Moment tun wollte. Sein Englisch ist nicht so gut, und jetzt erwartet er, dass ich den ganzen Abend die Dolmetscherin spiele.“
Pablo zuckte entschuldigend die Achseln.
„Alles gut.“ Ana lachte auf. „Ich spreche ja auch kein Spanisch. Kann höchstens mit Portugiesisch dienen.“ Sie zuckte zusammen. Warum hatte sie das gesagt?
Veronica wirkte überrascht. „Du sprichst Portugiesisch? Wie das?“
Hitze schoss ihr in die Wangen. „Sprechen ist zu viel gesagt. Ich kann es gut verstehen und sehr langsam reden. Meine Oma war Portugiesin.“
Beinahe hätte sie ist gesagt. Sie konnte sich nicht daran gewöhnen, von ihrer Oma in der Vergangenheitsform zu sprechen. Ihre Oma konnte doch nicht von einem Tag auf den anderen weg sein, oder?
„Verstehst du mich, wenn ich langsam rede?“, fragte Pablo.
Zu ihrem Erstaunen stellte sie fest, dass er gerade Spanisch gesprochen hatte. „Wenn du langsam redest“, erwiderte sie genauso langsam auf Portugiesisch, „kann ich die Worte erkennen.“
„Das heißt, ich kann Spanisch reden …“
„Und ich Portugiesisch, und wenn wir langsam sprechen, verstehen wir einander.“
„Witzig“, rief Veronica. „Aber wenn ihr so weitermacht, dauert es Stunden, bis das Gespräch fertig ist.“
Pablo grinste und sagte etwas zu seiner Freundin. Diesmal sprach er wieder schnell. Ana hörte übersetzen heraus.
Veronica seufzte. „Von mir aus. Dann übersetze ich halt.“ Sie beförderte die erste Portion Croquetas in die Pfanne. Der Geruch von gebratenem Öl und Sahne erfüllte die Luft und brachte Anas Magen zum Knurren. „Was sind eigentlich deine Pläne für nachher?“
„Meine Pläne?“
„Wo geht es nachher hin? Ziehst du auch ins Bairro oder gehst du in einen Club?“
Richtig, sie war in einer Studi-WG. Ich kann ja nicht den Freitagabend auf meinem Zimmer verbringen. Ana vergaß regelmäßig, wie spät die Leute in Lissabon feiern gingen. Daheim wären sie um einundzwanzig Uhr längst beim Vorglühen oder schon im Club gewesen – Medizinstudis mussten schließlich am nächsten Tag früh aufstehen. In Lissabon hingegen war einundzwanzig Uhr die Zeit fürs Abendessen. Vor halb eins ging niemand in den Club, zumindest hatte Veronica ihr das so erzählt.
Ana hatte sich nicht die Mühe gemacht, auf eigene Faust das lokale Nachtleben zu erforschen. Ihre Schwester würde ihr sagen, dass sie endlich mal wieder unter Leute müsste. Aber ich habe einfach keine Kraft dazu. Ist doch auch in Ordnung, wenn man mal zu Hause bleibt. Trotzdem fühlte sie sich, als würde sie sich rechtfertigen müssen. „Ich hab keine Pläne. Vielleicht schaue ich einen Film.“
Veronica und ihr Freund sahen sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Pablo schüttelte mit übertriebener Ernsthaftigkeit den Kopf. „Du kannst doch nicht an einem Freitagabend zu Hause bleiben.“
„Unmöglich“, sagte Veronica. „Pablo und ich treffen nachher ein paar Freunde – sie sind auch aus Spanien. Wir glühen vor und gehen danach in eine Rooftop-Bar. Willst du mit?“
Das Angebot rührte sie. Das tat es wirklich. Gleichzeitig konnte sie sich nicht vorstellen, die ganze Nacht mit Veronica und ihren Freunden zu verbringen. So zu tun, als hätte sie gute Laune. Wenn sie ehrlich zu sich war, kostete es sie bereits Mühe, dieses Gespräch aufrechtzuerhalten. Was ist nur mit mir passiert? Sie erinnerte sich an eine Zeit, als sie die Erste auf der Tanzfläche gewesen war und zu Latino-Beats die Hüften geschwungen hatte. Während ihrer ersten Semester waren sie und Clara von einem Reggaeton-Festival zum nächsten geeilt. Und dann war Oma gestorben.
„Und kommst du mit?“
„Nein, ich weiß es sehr zu schätzen, aber ich muss morgen früh raus …“
„Ach, Ana …“
„…, weil ich mich mit einem Freund treffe.“ Inzwischen brannten ihre Wangen geradezu.
Ein wissendes Lächeln umspielte Veronicas Gesicht. „Entendí.“ Sie sagte etwas zu Pablo, zu schnell, als dass Ana es verstehen konnte. Was immer es war, es sorgte dafür, dass die beiden Ruhe gaben.
Veronica widmete sich wieder ihren Croquetas und Ana unterhielt sich in einer Mischung aus langsamem Englisch, Spanisch und Portugiesisch mit Pablo. Sie erfuhr, dass er in Sevilla Pharmazie studierte, und so kamen sie schnell auf ihre Studiengänge zu sprechen. Das Gespräch war eine wohltuende Ablenkung von der Traurigkeit, die sich in Wellen durch ihre Brust zog. Allerdings fiel es Ana schwer, Pablo konzentriert zuzuhören. Das war so bescheuert, mir einen Freund auszudenken, mit dem ich mich morgen treffe. Vero wird bestimmt nach ihm fragen, und dann muss ich wieder lügen. Ich muss mir was einfallen lassen.
Ana deckte den Tisch, während Pablo Salat zubereitete und spanischen Jamón schnitt. Es war ein köstliches Abendessen, das sie ihre Traurigkeit tatsächlich vergessen ließ.
Nach dem Essen half Ana beim Abspülen des Geschirrs, und ihre Gruppe löste sich auf. Veronica und Pablo boten ihr ein weiteres Mal an, mit in die Altstadt zu kommen. Ana lehnte ab und begab sich in ihr Zimmer. Hinter der Tür hörte sie Veronicas Lachen und aufgeregte spanische Stimmen. Wahrscheinlich konnten sie es nicht erwarten, endlich auszugehen.
Das zufriedene Gefühl und die Wärme in ihrem Bauch, die sich durch gutes Essen und schöne Gespräche eingefunden hatten, verblassten. Ein drückendes Engegefühl legte sich auf ihre Brust. Alles fühlte sich so leer, so sinnlos an. Ana blickte sich um. Obwohl sie bereits seit über einer Woche hier wohnte, war das Zimmer genauso unpersönlich wie bei ihrer Ankunft. Die weißen Wände waren blitzeblank, kein einziges Foto zierte sie. Einzig der ausgepackte Koffer, der neben dem Schrank hervorlugte, und der mit Medizinunterlagen beladene Schreibtisch verrieten ihre Anwesenheit.
Seelenlos, so würde ihre Schwester das Zimmer beschreiben.
Mit Wehmut dachte Ana an ihre Zimmerpflanzen in München, das große Bücherregal und die Lichterkette, die über ihrem Bett hing. Ganz zu schweigen von der wunderschönen Fotowand, die genau die richtige Mischung aus Chaos und Ordnung mitbrachte. Wie gern hätte sie jetzt Alicia an ihrer Seite, um mit ihr zusammen dieses Zimmer zum Leben erwachen zu lassen. Eine kalte Faust schloss sich um ihr Herz. Tränen sammelten sich in ihren Augen. Hastig wischte sie sie fort. Ihr Blick fiel auf ein Kärtchen, das unscheinbar neben ihren Medizinbüchern auf dem Schreibtisch lag.
João Carvalho – Tours With Alfacinhas. Sie hatte die Begegnung beinahe vergessen. Vor ihrem geistigen Auge sah sie Joãos verschmitztes Lächeln. Er war freundlich und höflich gewesen, aber etwas sagte ihr, dass er es faustdick hinter den Ohren hatte. Ob er schon vergessen hatte, dass er ihr seine Karte gegeben hatte?
Bestimmt hat er das. Was glaubst du, wie vielen Leuten er am Tag seine Karte gibt?
Ana legte sich auf das Bett und betrachtete die Karte. Sie scannte den QR-Code und landete auf einer unspektakulären Website, die Touristenführungen anbot. Die Touren interessierten sie nicht. Zu ihrer Enttäuschung entdeckte sie kein Foto von João. Er hatte so erfreut geklungen, als sie ihm von ihrer Oma erzählt hatte.
„Ich weiß, ich sollte mit jemandem reden“, sagte sie laut ins leere Zimmer. „Es ist nicht gut, allein herumzusitzen.“
Aber mit wem? Ihren Eltern? Alicia? Clara?
Wenn ich ihnen erzähle, dass ich mich einsam fühle, werden sie sich nur wieder Sorgen machen. Clara hat gerade aufgehört, mich so zu behandeln, als würde ich jeden Moment zusammenbrechen. Und wenn meine Mama erfährt, wie es mir wirklich geht, wird sie keine Ruhe geben, bis ich im nächsten Flieger nach Deutschland sitze.
Sie drehte die Karte in der Hand. João Carvalho – Tours With Alfacinhas. Vielleicht wäre eine Stadtführung ja genau das Richtige. Heute Abend würde João sicher nicht mehr aufs Handy blicken. Aber womöglich hatte er morgen Zeit. Er könnte ihr helfen, mehr über ihre Oma zu erfahren.
Ana speicherte seine Telefonnummer in ihrem Handy. Nach wenigen Sekunden tauchte er als Kontakt bei WhatsApp auf. Auf seinem Profilbild saß er zusammen mit einem älteren Mann – vielleicht seinem Vater – an einem Aussichtspunkt. Aus irgendeinem Grund freute sie sich darüber, dass es seine private Nummer war und kein Unternehmensprofil. Sie versuchte sich an einer Nachricht, löschte sie und schrieb dann doch die gleiche Nachricht.
Hi, hier ist Ana aus dem Kunstladen.
Sie legte ihr Handy weg. Im nächsten Moment vibrierte es. Ihr Herz schlug schneller. Das musste jemand anderes sein. Sie entsperrte den Bildschirm. João hatte geantwortet.
Hi Ana, schön, von dir zu hören.
Fieberhaft suchte sie nach einer guten Antwort. Es sollte freundlich und lässig klingen. Auf keinen Fall verzweifelt. Oder einsam.
Steht das Angebot mit der privaten Tour noch?
João tippte. Tippte. Hörte auf zu tippen. Tippte wieder. Als müsste er zwischendurch eine Pause einlegen. Oder als würde er nachdenken. Dann ploppte die Nachricht herein.
Claro. Hast du morgen früh Zeit?
Ana atmete erleichtert aus. Sie hatte so gehofft, dass er morgen konnte.
Klingt super
Hätte sie mehr schreiben sollen? O Mann, was war mit ihr los? Es ging doch bloß um eine Stadtführung. Es ist eine wichtige Recherche, die dir wertvolle Hinweise liefern könnte. Klar, bist du nervös. Und das war auch der einzige Grund. Nichts sonst. Eine weitere Nachricht von João kam.
Perfeito! Wollen wir uns morgen um zehn an der Haltestelle Baixa-Chiado am Ausgang Largo do Chiado, Rua da Misericórdia treffen?
Ihr Herz raste. Sie zwang sich, ruhig zu atmen. Es ging nur um eine Stadtführung. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass sich ein Lächeln über ihr Gesicht schlich.
João
Er hatte mit seinem Großvater und seinem Vater Fußball geschaut, als ihn Anas Nachricht erreichte. Für einen Moment konnte er es nicht glauben. Nach all den Tagen hatte João die Hoffnung aufgegeben, eine Nachricht von Ana zu erhalten. Aber Ana hatte sich gemeldet. Er fühlte sich wie ein Tölpel, so hastig wie er reagiert hatte. Und dann hatte er auch noch gleich ein Treffen am nächsten Tag vorgeschlagen. Wie verzweifelt wollte er wirken? Aber sie hatte zugesagt, das musste etwas heißen. Oder war sie nur höflich gewesen? Es musste etwas heißen.
Als João im Bett lag – die Wand beleuchtet von den Laternen auf der gegenüberliegenden Straßenseite –, dachte er an Ana. Ihr Gesicht ging ihm nicht aus dem Kopf. Sie wirkte nicht wie jemand, der leichtfertig Ja sagte. Im Gegenteil. Hatte sie verstanden, dass es ein Date war? Er könnte sich ohrfeigen. Die ganze Zeit hatte er nur von einer Tour geredet, nie von etwas Persönlicherem. Er widerstand dem Verlangen, auf sein Handy zu blicken, und verschränkte die Arme unter dem Kopf.
Es war schon spät. Am besten sollte er gar nicht auf die Uhr schauen. Die Stunden zu sehen, die ihm zum Schlafen übrig blieben, würde ihn nur stressen. Warum hatte er ein so frühes Treffen vorgeschlagen? Richtig, abends fanden keine Touren mehr statt. Ana hatte zugesagt. Das allein zählte. Der Gedanke beruhigte ihn genug, um einzuschlafen.
Am nächsten Morgen wachte João früh auf und fuhr mit der Metro zum Parque Eduardo, um zu joggen. Heute fiel es ihm deutlich schwerer als sonst, seine Zeit zu halten. Sein Herz schlug schneller als gewöhnlich. Einmal stolperte er sogar, weil er nicht richtig auf die Straße achtete. Mann, was ist bloß los mit mir? Nach einem Beinahe-Zusammenstoß mit einer jungen Rennradfahrerin beschloss er, seine Runde etwas früher als sonst abzubrechen.
Auf dem Rückweg hielt er in der Padaria in seiner Straße und kaufte fürs Frühstück ein. Verschwitzt und unzufrieden mit seiner Leistung kam er zu Hause an. João duschte sich hastig ab, genau die Abkühlung, die er brauchte, und ging in die Küche. Sein avô saß am Frühstückstisch und las in der Zeitung, während seine Mutter dem Anschein nach den ersten Kaffee des Tages zubereitete. Im Hintergrund lief der Fernseher.
„Gut gejoggt?“, fragte sie und schenkte ihm ein warmes Lächeln.
João gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Hatte schon bessere Zeiten. War irgendwie platt heute früh. Aber das Wetter ist spitze. Du wirst es lieben.“
„Mal schauen, ob ich deinen Vater dazu überreden kann, mich nachher zu begleiten.“
Avô stieß ein Schnauben aus. „Das bezweifle ich stark.“
„Apropos Papa, wo ist er denn?“ João setzte sich zu avô an den gedeckten Tisch. Im Brotkorb befanden sich Toastscheiben und die Croissants, die er vorhin gekauft hatte. Er schnappte sich eine Scheibe Toast und bestrich sie mit Butter und Konfitüre.
„Mein Sohn muss mal wieder die Welt retten“, sagte avô kopfschüttelnd.
„Es gab ein Problem in der Klinik und er musste hin.“ Seine Mutter setzte sich dazu. Ohne das Offensichtliche zu fragen, schenkte sie allen Kaffee ein.
„Ich hoffe doch, nichts Ernstes.“ Ausnahmsweise griff João nach der Milch und machte aus dem Kaffee einen Galão. „Für die Proteine nach dem Sport“, sagte er auf avôs fragenden Blick.
Für jemanden aus avôs Generation war es undenkbar, Kaffee in einer anderen Form als schwarz zu trinken. Milch und Zucker dazuzugeben, grenzte an Blasphemie.
„Das konnten sie leider nicht sagen.“ Seine Mutter runzelte die Stirn und schmunzelte dann. „Der Arme. Er hat sich so sehr auf das Frühstück gefreut. Er war nur am Fluchen, als er sich schnell einen Espresso machte und dann mit einer Toastscheibe im Mund das Haus verließ.“
„Tja, ich habe ihm immer gesagt, er soll kein Chirurg werden“, sagte avô. „Nur Stress und Ärger. Aber auch gutes Geld, muss man sagen.“
„Und es bereitet ihm viel Freude“, sagte seine Mutter.
Die Berufswahl seines Vaters, die schon für so manche geplatzte Feier und hastige Aufbrüche aus der Kirche gesorgt hatte, war ein nie endender Konfliktgrund. Trotzdem liebte Joãos Vater seinen Beruf und würde ihn niemals tauschen.
„Wo sind Henrique und Tiago?“ João trank von seinem Kaffee.
Seine Mutter bestrich ihr Croissant mit Butter und Erdbeerkonfitüre. „Henrique übernachtet bei Freunden und Tiago ist noch im Bett.“
Sein Magen grummelte. Unter anderen Umständen hätte João sich eine weitere Scheibe Brot und eine zweite Tasse Galão gegönnt. Dann hätte er seine Badesachen angezogen, Snacks eingepackt und wäre bei dem traumhaften Wetter mit ein paar Kumpels an den Strand gefahren. Ein aktiver und gleichzeitig entspannender Samstag, ganz nach seinem Geschmack. Doch heute aß er mit weniger Appetit als sonst, und sein Herz schlug ein kleines bisschen schneller. Ana.
Keine Ahnung, was er von dem Treffen erwarten sollte. Ein Date, eine unbezahlte Stadtführung, eine schnelle Nummer ohne Bindung. Deus, davon hatte er in letzter Zeit mehr als genug gehabt.
João erhob sich und stellte sein Geschirr in die Spülmaschine.
„Du gehst wieder?“ Seine Mutter sah ihn überrascht an.
„Ja, in die Stadt.“ Bildete er sich das ein, oder klang seine Stimme rauer als sonst?
„In die Stadt? Triffst du dich mit Freunden?“ Bevor João in die Verlegenheit einer Antwort kam, sprach seine Mutter schon weiter. „Dann ganz viel Spaß dir.“
„Danke, dir auch.“
Avô, der gerade von seinem Brot abgebissen hatte, beschränkte sich darauf, zum Abschied zu winken.
Es war halb zehn und damit noch reichlich Zeit, um seine Sachen zu packen und die Haltestelle zu erreichen. Sein Herzschlag traf ihn wie die Wellen des Atlantiks. Was ist nur los mit mir? Sie hat angerufen, das ist alles, was zählt. Es wird bestimmt spaßig. Und wenn nicht? João holte seinen Rucksack aus dem Schrank. Er fuhr mit den Fingern über den dunkelblauen Stoff. Was sollte er denn alles einpacken? Schließlich war es keine gewöhnliche Tour. Oder doch? Ana war nur eine Touristin. Es hatte keinen Sinn, sich solche Gedanken zu machen. Er würde nicht nervös sein.
Ana
Obwohl sie João aus einem Anflug von Einsamkeit heraus geschrieben hatte, freute sie sich inzwischen auf ihre Tour. Hoffentlich würde sie mehr über Lissabon und seine Geschichte erfahren und abseits der touristisch abgelaufenen Pfade kommen. Vor allem war sie gespannt auf João, auch wenn sie solche Gedanken beharrlich verdrängte. Sie konnte nicht vergessen, wie er ihr aus dem Laden nachgelaufen war, um ihr die Tasche zu bringen. Klar, es war reine Nettigkeit gewesen – eine Nettigkeit, die er vermutlich jedem erwiesen hätte, was umso mehr für seinen Charakter sprach.
Vielleicht könnte er ihr helfen, Hinweise über ihre Oma zu finden. Hör auf, denk gar nicht erst daran. Wie sollte er ihr helfen? Er war Touristenführer, kein Historiker. Aber Touristenführer waren bekanntlich gut vernetzt. Vielleicht kannte er ja jemanden, der jemanden kannte, der …
Hör auf damit. Ana betrat die Metrostation und hielt ihr Monatsticket an den Kartenleser. Zeitgleich mit der Bahn erreichte sie das Gleis. Obwohl es noch früh war, war der Waggon gut gefüllt. Ana erwischte einen der letzten Sitzplätze.
Junge Paare, die aussahen, als wären sie auf dem Weg zum Strand, Freundesgruppen und ältere Leute tummelten sich Seite an Seite im Waggon. Nur einige wirkten wie Touristen. Mit jedem Halt kamen mehr Leute dazu und nur wenige stiegen aus.
Die Ausnahme war ihre Haltestelle. Als eine weibliche Computerstimme zuerst auf Portugiesisch und dann auf Englisch die Haltestelle Baixa-Chiado ankündigte, packten die meisten Leute im Waggon ihre Sachen ein. Wie eine Flutwelle erhoben sich die Menschen und strömten zum Ausgang. Ana unter ihnen. Mit dem Strom zusammen floss sie aus der Station heraus, die deutlich größer war, als sie gedacht hatte. Zum Glück hatte João ihr den Weg zum Ausgang in einer Nachricht beschrieben. Seite an Seite mit Alfacinhas und Besuchern quetschte sie sich auf die Rolltreppe, die langsam, aber sicher zum Ausgang führte. Unter sich erblickte sie die Stufen, die nach unten in die Station führten, während ihre Treppe ins Licht fuhr.
Ana blinzelte. Strahlender Sonnenschein begrüßte sie. Sie schloss die Augen und lächelte. Bei ihrem Aufbruch hatte in München trostloses, graues Wetter geherrscht. Der ständige Regen hatte ihre Gedanken getrübt und es ihr – zusammen mit der Trauer – schwer gemacht, selbst die einfachsten Aufgaben, wie den Koffer zu packen, zu erledigen. Sie hatte die Sonne vermisst. Ana verließ die Station und fand sich auf einem weiten Platz mit hellem Stein wieder.
Ein Straßenmusiker spielte Gitarre. Seine Musik vermischte sich mit dem lauten Stimmengewirr des Platzes. Es war ein einziges Gedränge. Der Duft nach Gebäck stieg ihr in die Nase. João musste sie erblickt haben, bevor sie ihn erkannte, denn er winkte ihr zu. Er stand abseits von der Menschentraube, die sich um ein Café drängte.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Zu sagen, dass er gut aussah, wäre eine Untertreibung. Er trug eine kurze, helle Hose, die seine muskulösen Beine zeigte, und Sportschuhe und darüber ein weißes T-Shirt, das locker saß, aber gleichzeitig seine Schultern vorteilhaft betonte. Der Dreitagebart, den er bei ihrem Kennenlernen getragen hatte, war verschwunden. Sein Lächeln war freundlich und seine Augen strahlten sie förmlich an.
„Bom dia“, sagte sie.
Joãos Grinsen wurde breiter. „Hi, how are you?“ Zu ihrer Überraschung zog er sie in eine sanfte Umarmung. Ana versteifte sich, erwiderte dann jedoch die Geste.
„Großartig. Mir wurde eine private Tour versprochen.“ Sie lächelte, um zu zeigen, dass sie ihre Worte mit Humor meinte.
„Es wird nur besser werden. Ich hoffe, du hast nicht zu groß gefrühstückt und noch Platz im Magen?“
„Es wird sich bestimmt Platz finden“, sagte sie.
João lachte herzlich. „Also, kurze Info: Das hier“, er machte eine weitumfassende Geste, die das Café miteinschloss, „ist eines der ältesten und berühmtesten Cafés der Stadt. Es heißt Brasileira do Chiado.“
„Ähnlich wie die Haltestelle.“
„Genau, genau. Dahin gehen wir nicht. Vielleicht kann ich es dir mal an einem Regentag zeigen, weil es wirklich schön ist. Aber wie du siehst, ist es maßlos überlaufen und entsprechend teuer. Ich habe einen besseren Spot für uns.“
„Interessant, dass du davon ausgehst, dass wir uns wiedersehen.“
Zu ihrer Überraschung errötete João. Sie wusste nicht, wann sie seit der Schulzeit das letzte Mal einem Mann begegnet war, der errötete. „Wenn ein Treffen so großartig ist wie das unsere, wäre kein Wiedersehen eine Verschwendung.“ João hatte sich wieder gefangen und grinste. In seinen Augen funkelte der Schalk.
Ana atmete erleichtert auf. Für einen Moment hatte sie sich gefragt, ob sie zu forsch gewesen war.
João führte sie am Café vorbei in eine kleinere Seitenstraße. Währenddessen erzählte er ihr von der Brasileira do Chiado. Er hatte eine angenehme Stimme, die ruhig und gleichzeitig belebend klang. Ana erfuhr, dass das Café seit 1905 existierte und von dem portugiesischen Geschäftsmann Adriano Telles eröffnet worden war, der bei einer Reise nach Brasilien seine Faszination für Kaffee entdeckte. Als er in seine portugiesische Heimat zurückkehrte, kam auch der Kaffee mit ihm.
„Heutzutage glauben das die Leute gar nicht, aber damals war Kaffee hier ziemlich unbekannt. Man fand ihn zu bitter. Adriano Telles eröffnete mehrere Cafés in Portugal und Spanien und bot den Leuten kostenlosen Kaffee an, um sie auf den Geschmack zu bringen.“
„Heute würden die Leute für einen kostenlosen Kaffee stundenlang Schlange stehen. Das habe ich in den USA beobachtet.“
„Du warst in den USA?“
„Ich habe während meiner Schulzeit einen Austausch in den USA gemacht.“
„Das muss eine richtig spannende Zeit gewesen sein.“
„Und wie.“ Ana musste lächeln. Sie erinnerte sich, wie sie morgens mit ihrer Oma per Video telefoniert hatte, um ihr das Zimmer und ihre Umgebung zu zeigen. Ihre Oma hatte sie mit Fragen gelöchert und war mindestens so begeistert wie Ana gewesen. Die Erinnerung war bittersüß wie alles aus der Zeit. „Ich war mit einer Freundin und ihren Eltern unterwegs. Ich weiß nicht mehr, was wir vorhatten, nur dass wir am Ende stundenlang vor einem Fast-Food-Restaurant anstanden, weil es dort kostenloses Essen gab. Im Nachhinein würde ich das nicht mehr machen.“
João schnaubte abfällig. „Für so etwas habe ich kein Verständnis. Unsere Zeit ist das Kostbarste, was wir haben. Ich habe nie verstanden, wie Leute stundenlang für etwas Schlange stehen, weil es angeblich for free ist. Sie geben kein Geld aus, aber stattdessen bezahlen sie mit ihrer Zeit.“
Ihr Herz machte einen Hüpfer. Endlich jemand, der genauso denkt! „Genau dasselbe hat meine Oma gesagt. Ich war noch ein Kind, aber ich konnte hören, dass sie nicht einverstanden war.“
„Eine weise Frau, deine Oma.“
„Ja.“ Es war, als hätte man ihre Kehle mit einem Seil zugeschnürt. Die Schwere, die ihr in den letzten Monaten viel zu vertraut geworden war, hatte sich auf ihrer Brust festgesetzt. Ein Gefühl, als würde sie keine Luft bekommen.
„Auch Telles war mit dieser Strategie erfolgreich“, sagte João. „Außerdem hatte er guten Geschmack. Das Café war – ist – ein richtiger Hingucker. Das Design sollte luxuriös wirken und an Paris erinnern. Es wurde von einem bekannten Architekten entworfen. Viele Historiker glauben, dass dieses Design mehr als alles andere dazu beigetragen hat, dass die Brasileira so erfolgreich wurde. Das Café wurde zu einem Treffpunkt für die intellektuelle Szene. Anwälte, Ärzte, Lehrer, aber auch Schriftsteller und Künstler kamen hierher. Und Revolutionäre.“ Mit jedem Wort, das João sagte, konnte sie seine Hingabe und Begeisterung für die historischen Ereignisse spüren. Er sprühte förmlich vor Leben, während er erzählte. Seine Augen leuchteten, während er sie mit seinen Worten in eine andere Welt entführte. Sprach er aus dem Gedächtnis, oder hatte er sich das Wissen extra vor ihrem Date zusammengetragen?
„Da sind wir.“ João machte eine einladende Geste.
Die Padaria, vor der sie stehen blieben, war deutlich unscheinbarer als die Brasileira. Plastikstühle und -tische standen unter einer Markise. Zielstrebig betrat João die Bäckerei, und Ana folgte ihm. Drinnen war es angenehm klimatisiert. Ein herrlicher Geruch nach Gebäck wehte ihnen entgegen. Als Ana die Theke erblickte, verstand sie, warum João sie hergeführt hatte.
„Pastel de Nata“, sagte sie.
In der obersten Reihe erstreckte sich eine ganze Auslage mit den kleinen süßen Teilchen. Ihre Oma hatte früher regelmäßig welche gebacken. Die Teigkörbchen erinnerten an den deutschen Blätterteig und waren mit einer vanilleartigen Puddingcreme gefüllt, die gebacken wurde.
„Einer meiner Lieblingsorte dafür.“ Ein besorgter Ausdruck huschte über Joãos Gesicht. „Hast du irgendwelche Unverträglichkeiten oder Allergien? Gluten, Laktose, Zucker?“
„Ganz der Tourguide.“ Ana konnte nicht anders, als zu lächeln.
João zuckte die Achseln. „Wenn man täglich Leute herumführt, sieht man alles Mögliche. Ich frage lieber rechtzeitig. Einmal hatte ich eine Kundin, die bis zum Schluss nichts sagte. Sie hat das Pastel sogar gegessen, nur um sich am Ende über Bauchschmerzen zu beschweren. Dann hat sie mir gesagt, sie hätte eine Laktoseunverträglichkeit und wie ich es wagen könnte, sie so zu gefährden. Sie wollte meinen Vorgesetzten sprechen und drohte, uns alle zu verklagen.“
„Das ist doch bescheuert. Als Allergikerin liegt es in ihrer Verantwortung, sich zu informieren. Vor allem liegt es doch auf der Hand, dass in einer Puddingcreme, Milch ist.“ Anas Blick fiel auf das Schild an der Theke. Was sie zunächst für eine Preisliste gehalten hatte, entpuppte sich als Liste mit Allergenen. „Die Allergene sind sogar aufgeführt.“
„Na ja. Seitdem gehe ich lieber auf Nummer sicher.“
Mit einem Lächeln legte sie ihm die Hand auf den Arm. „Bei mir brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Ich bin absolut unempfindlich.“
„Sehr gut. Wie viele Pastéis möchtest du?“
„Pastéis?“ Sie hatte Schwierigkeiten mit der Aussprache dieses fremdartigen Wortes.
„Ein Pastel, viele Pastéis.“
„Dann nur einen Pastel de Nata, bitte.“
„Die Entscheidung wirst du bereuen.“
Ana zwinkerte ihm zu. „Zum Glück kenne ich einen freundlichen Tourguide, der mir einen weiteren bestellen wird.“
„Ganz zu Diensten.“ João deutete eine Verbeugung an und begrüßte die Verkäuferin auf Portugiesisch.
Sie sprachen zu schnell, um jedes Wort zu verstehen, aber Ana hörte heraus, dass sich João und die Verkäuferin kannten. Ihr Umgang war warm und vertraut.
„Ich trinke einen Kaffee dazu. Du auch?“
Durch ihre Familie wusste Ana, dass in Portugal mit Kaffee immer Espresso gemeint war. „Gerne. Und ohne Milch, bitte.“
João gab es weiter. Sie erhielten ihre Bestellung, zwei Tassen Espresso und zwei Teller mit jeweils einem und zwei Pastéis auf einem Tablett, das João zu einer gemütlichen Sitznische unter der Klimaanlage trug. Der süße Geruch von Gebäck und Vanille stieg ihr in die Nase.
„Jetzt bin ich gespannt“, sagte sie.
„Du meintest, dass du in Lissabon nie welche hattest. Sind das deine ersten Pastéis de Nata?“
Ana schüttelte den Kopf. „Früher gab es auf dem Wochenmarkt in unserem Viertel einen kleinen portugiesischen Stand. Da haben meine Mutter und ich manchmal welche geholt. Die waren immer sehr lecker. Aber die besten waren von Oma.“
„Puh.“ João atmete übertrieben hörbar aus. „Mit deiner Oma zu konkurrieren … Was habe ich mir da eingebrockt?“
„Es lässt sich nur auf die harte Tour herausfinden.“ Ana hob einen Pastel hoch. Der Teig war warm und fest.
„Saúde“, sagte João.
Sie stießen mit ihren Pastéis an.
Ana musste lächeln. „Stößt du mit allem an?“
„Natürlich.“ João betrachtete sie mit einer Mischung aus Belustigung und Empörung. „Du etwa nicht?“
„Doch, aber meine Freunde lachen mich aus, wenn ich ihnen mit Kaffee zuproste.“
„Sie haben keine Ahnung.“
Als Ana von ihrem Pastel abbiss, bereute sie sofort, nur einen genommen zu haben. Die Creme schmeckte nach Vanille und war oben leicht karamellisiert, wodurch eine leicht bittere Note dazukam, die die Süße milderte. Der Teig war warm und knusprig und mit seiner leichten Salzigkeit ein wundervoller Kontrast zur fluffigen Füllung. Sie spülte den Bissen mit einem Schluck Espresso herunter und genoss den kräftigen portugiesischen Kaffee, der sie in ihre Jugend zurückbrachte. Für einen Moment saß sie wieder bei ihrer Oma auf dem Balkon und hörte die melancholischen Fado-Klänge aus dem Radio.
„Und?“ João sah sie erwartungsvoll an. Wahrscheinlich sah er ihr das Entzücken an.
„Fast so gut wie bei Oma. Fast.“
„Fair enough. Nichts ist so gut wie bei Oma.“
Mit wenigen Bissen hatte sie ihren Pastel verschlungen. João nutzte das beigelegte Messer, um seinen zweiten zu halbieren. Ein Angebot, dem sie nicht widerstehen konnte.
„Ich finde es stark, dass du einfach zugreifst und nicht behauptest, du wärst auf Diät oder so was. Nicht dass du es nötig hättest. Du bist die letzte Frau, die eine Diät braucht.“ João flirtete, aber eine leichte Röte kroch in seine Wangen. War er vielleicht doch nicht so ein lockerer Junggeselle, wie er sich gab? Sie konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er durchaus eine sensible Seite hatte.
„Wohin gehen wir als Nächstes? Ich muss meine Kalorien wieder verbrennen.“
„Ich würde dir gern ein paar Klassiker zeigen, die jeder gesehen haben sollte. Wir machen eine Tour über die Plätze, besuchen einige Miradouros und zum Abschluss die Festung.“
„Das Castelo?“
João grinste. „Wirkt super touristisch, oder?“
„Und wie.“
„Es ist einer der schönsten Aussichtspunkte der Stadt, aber furchtbar überlaufen. Darum hat die Stadt in den letzten Jahren den Eintrittspreis erhöht. Von fünf auf fünfzehn Euro. Die Schlange ist trotzdem so lang wie eh und je. Als Guide kann ich uns an der Schlange vorbeibringen. Wir haben die wundervolle Aussicht, ohne die Nachteile. Und das Areal ist so weitläufig, dass du die anderen Touris kaum zu Gesicht kriegst.“
„Das klingt schon besser. Trotzdem stelle ich es mir für die Einwohner schwer vor, wenn sie das Castelo besuchen wollen. Fünfzehn Euro und eine Schlange.“
„Die Schlange muss man als Nicht-Guide leider in Kauf nehmen, aber den Preis kann jeder Einwohner umgehen. Hast du einen Mietvertrag?“
„Ja, klar.“
„Du musst ihnen am Eingang nur ein Foto von deinem Vertrag zeigen oder als Alfacinha deinen Ausweis, und schon kannst du kostenlos rein.“
„Nicht schlecht.“ Ana lehnte sich zurück. „Wie ist es eigentlich als Tourguide? Staunst du noch über die Sehenswürdigkeiten, oder sind sie dir langweilig geworden?“
João kratzte sich am Kinn. „Ich habe mir beigebracht, das Staunen nicht zu verlernen. Als Medizinstudentin sagt dir bestimmt der Begriff Homöostase etwas.“
Dieser Mann war voller Überraschungen. „Ein dynamisches, offenes System strebt stets danach, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Wenn wir glücklich sind, wird Dopamin ausgeschüttet und unser Körper steuert dagegen, um ins Gleichgewicht zu kommen. Darum hält Glück nie lange an.“
„Genau. Darum muss ich mit meinem Willen dagegenhalten.“
Ana runzelte die Stirn. „Du kannst dich nicht dazu zwingen, glücklich zu sein.“
„Nicht? Wer dann?“ João lachte auf. „Niemand außer mir ist für mein Glück verantwortlich. Mein Glück besteht aus vielen kleinen Dingen. Und eines davon ist mein Job. Ich lebe in einer wunderschönen Stadt und habe das Privileg, jeden Tag wundervolle Bauwerke und Aussichtspunkte zu besuchen. Klar gewöhnt sich mein Gehirn daran. Darum muss ich es täglich erinnern, dass es vor einem Wunder steht.“
„Das klingt schlüssig. Aber wird es nicht trotzdem ermüdend, jeden Tag das Gleiche zu erzählen?“
Zu ihrer Überraschung antwortete João nicht sofort. Er dachte länger über die Frage nach. Sie hoffte, dass sie ihn nicht zu sehr bedrängt hatte. War sie mit ihrem Interesse zu weit gegangen?
João trank seinen letzten Schluck Espresso. „Es kann ermüdend werden. Zum Glück habe ich viele Freiheiten in der Gestaltung meiner Touren. Ich kriege nur eine Liste mit den Stationen, die ich besuchen soll. Das machen alle Reiseführer so, weil sich die Gruppen am Ende eines Tages austauschen.“
„Und dann wäre es komisch, wenn eine Gruppe mehr besucht als eine andere.“
„Sim, exatamente. Aber bis auf die Liste bin ich frei. Klar kann ich die Leute einfach hinführen und sagen: Da schaut mal. Aber dafür bucht niemand eine Tour. Ich kann die Reihenfolge festlegen, die Aufenthaltsdauer und überlegen, zu welcher Attraktion ich etwas sage. Manche Orte sind so beeindruckend, dass ich mich auf wenige Worte beschränke. Die Leute wollen Fotos machen und die Eindrücke in sich aufnehmen, keinen Podcast.“
„Verstehe. Nichts ist schlimmer, als wenn ein Guide unaufhörlich redet.“
„Sim, sim. Keine Gruppe ist wie die andere. Jeder Mensch ist anders.“ João fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „Aber du hast recht, an manchen Tagen wiederhole ich mich so oft, dass ich mich selbst nicht mehr hören kann. Da hilft nur Bingo.“
„Bingo?“
João lachte leise. „Manchmal spiele ich Bingo mit mir selbst. Ich schreibe die typischen Vorfälle auf und kreuze am Ende des Tages an, was mir passiert ist.“
Ana schmunzelte.
João erzählte ihr von Highlights, die er auf seinen Touren erlebt hatte, und teilte Geschichten über nervige Touristen. Am meisten amüsierte es ihn, wenn blasse, geschniegelte Karriereleute im Poloshirt ihn fragten, wann er sich denn einen richtigen Job suchen würde. João schüttelte den Kopf. „Nicht mal meine Eltern fragen das.“
„Sind deine Eltern auch Guides?“
„Im Gegenteil. Mein Vater ist Arzt.“
„Wirklich? Ich studiere Medizin.“
„Ach cool. Was hat dich dazu bewegt, Medizin zu studieren?“, fragte João.
Diesmal war sie diejenige, die länger nachdenken musste. Wenn sie normalerweise gefragt wurde, erzählte sie von ihrem Wunsch, Menschen zu helfen, und davon, dass der Job herausfordernd und belohnend war und die richtige Mischung aus Wissenschaft und Arbeit mit Menschen verband. Es war eine typische Small-Talk-Antwort, damit ihr Gegenüber mit einem cool reagieren konnte, um dann weiterzusprechen.
Die Intensität in Joãos dunklen Augen ließ sie zögern. Er war nicht an einer oberflächlichen Antwort interessiert. Sein Blick bohrte sich förmlich in sie hinein. Ana schaute weg, nicht in der Lage, ihm standzuhalten. „Es ist eine längere Geschichte.“
„Willst du sie erzählen?“
„Willst du sie hören?“
Anstatt zu antworten, rief João der Verkäuferin etwas zu. Ana verstand genug, um herauszuhören, dass er Nachschub bestellt hatte.
„Meine Entscheidung hat viele Gründe“, sagte sie. „Ich komme nicht aus einer Ärztefamilie, aber ich fand Biologie und Anatomie immer spannend. Als Kind habe ich gern Arzt gespielt und all diese Ärzteserien im Fernsehen gesehen. Während der Schulzeit habe ich ein Praktikum in einer Kinderklinik absolviert. Es waren die anstrengendsten zwei Wochen meines Lebens. Ich war jeden Tag von morgens bis abends in der Klinik. Ich war so müde, dass ich auf dem Rückweg nach Hause in der U-Bahn eingeschlafen bin und meine Haltestelle verpasst habe. Und das zweimal. Aber die körperliche Anstrengung war nichts im Vergleich zu dem, was ich in der Klinik erlebt habe. Was die armen Kinder da durchmachen mussten … Und trotzdem konnte ich es nicht erwarten, dass die nächste Woche anfängt.“
„Warum?“
Ja, warum eigentlich? Dieselbe Frage hatte sie sich all die Jahre gestellt. Wenn sie bis spät in die Nacht in der Bibliothek gesessen und gelernt hatte. Wenn sie sich um halb fünf aus dem Bett gequält hatte, um es vor der Uni noch rechtzeitig zum Sport zu schaffen, in dem völligen Bewusstsein, dass sie in den nächsten Wochen keinerlei Privatleben haben würde.
„Obrigada“, sagte sie, als die Verkäuferin das leere Tablett wegnahm und ein neues hinstellte. Wieder mit zwei Kaffees und einem großen Teller voller Pastéis. Sie stießen mit Pastéis und Kaffee an, während Ana weiter überlegte.
„Ich glaube, es war die Hoffnung.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das klingt total bescheuert, ich weiß, aber da war so viel Hoffnung. Und ich habe gleichzeitig so viel Schönes gesehen, so viel Liebe, so viele Menschen, die kämpfen. Das gesamte Krankenhauspersonal, die Kinder, die Familien – darum bin ich geblieben.“
„Das klingt überhaupt nicht bescheuert.“
Ana wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Ich glaube nicht, dass ich in einer Kinderklinik arbeiten könnte. Dafür war die Erfahrung zu intensiv, aber ich könnte mir vorstellen, Kinderärztin zu werden.“
Sie verputzten ihre zweite Portion Pastéis und tranken so viel Kaffee, bis sich Ana ganz hippelig fühlte.
Als sie die Bäckerei verließen, war der Mittag vorbei und die Cafés um sie herum waren voll mit Einheimischen und Touristen, die sich zum Essen niederließen.
„Jetzt ist unser Zeitplan völlig durcheinandergekommen.“ João klang nicht, als würde er es bedauern. „Vielleicht schaffen wir nicht alles. Du hast nicht zufällig ein Foto von deinem Mietvertrag dabei? Dann müsste ich dir das Castelo an einem anderen Tag zeigen.“
Ana gefiel es, mit welcher Selbstverständlichkeit er davon ausging, dass sie sich wiedersehen würden. Sie durfte nicht vergessen, dass sie nur drei Monate hier war. Und die reichten aus, um ihr Studium ziemlich durcheinanderzubringen. Sie hatte eine Hausarbeit zu schreiben und Nachforschungen anzustellen. Ablenkung konnte sie echt nicht gebrauchen. „Wie geht es weiter?“
„Unser erster Stopp wird der Miradouro de Santa Luzia sein, einer der überfülltesten Miradouros der ganzen Stadt.“
„Du weißt, wie man einem Mädchen einen Ort schmackhaft macht.“
João lachte auf und hob den Finger. „Aber – aber jetzt sollte er ziemlich leer sein, weil alle Touristen zum Mittagessen aufbrechen.“
„Na dann.“
Ihr Weg führte sie an einer breiten Straße entlang, die abwechselnd bergauf und bergab ging. Padarias, Souvenirläden und liebevoll eingerichtete Brunch-Spots kämpften um die Vorherrschaft. „Warst du schon mal da?“ Ana deutete auf ein Café mit schicken Holzmöbeln. Der Aufsteller warb mit Açaí-Bowls und Pancakes. Sie erwartete, dass João einen Vortrag über die Geschichte des Ortes auspackte oder von den Ursprüngen des Cafés erzählte. Womit sie nicht gerechnet hatte, war seine finstere Miene. „Alles in Ordnung?“
„Sim, sim.“ João kratzte sich am Hinterkopf. „Viele meiner Kunden fragen nach solchen Brunch-Spots. Angeblich sind die in den sozialen Medien in.“
Auf seinen fragenden Blick konnte Ana nur die Achseln zucken. „Ich bin nicht in den sozialen Medien.“
„Gar nicht?“ Er klang ungläubig.
„Ich habe es ausprobiert, aber sie haben mich zu sehr vom Studium abgelenkt. Darum habe ich alles gelöscht. Aber diese Brunch-Spots sind in?“
„Ja.“ Deutliche Abneigung zeigte sich in seiner Stimme. „Kein Alfacinha, der was auf sich hält, geht in solche Lokale. Der Kaffee kostet dort das Fünffache und die Preise für einen Brunch sind dreimal so hoch wie der lokale Mindestlohn.“
„Also sind solche Lokale nur für Touristen?“
„Touristen, Expats, Geschäftsleute, Influencer. Leute, die gerne ihr Essen filmen und ihrem Publikum zeigen. Solche Orte sorgen dafür, dass die Preise steigen und Locals aus der Altstadt vertrieben werden.“
„Ich habe von der Housing Crisis gehört. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schlimm ist.“
„Vermutlich ist es noch schlimmer.“
Sie überquerten eine Straße und landeten auf einem schmaleren Weg, der zwar noch von Autos befahren wurde, aber deutlich steiler bergauf ging. Ana merkte, dass João das Gespräch unangenehm wurde. Sie wechselte das Thema. „Ist das die Sé de Lisboa?“ Sie war leicht außer Atem. Die Sonne brannte warm auf ihrer Haut, obwohl sie im Schatten liefen. Ana deutete auf die Kathedrale, die sich am Ende der Straße erhob. Die symmetrische Fassade aus nacktem Stein mit ihren zwei Türmen und Zinnen erinnerte an eine mediterrane Burg. Eine Gruppe aus Menschen, die alle dieselbe Basecap trugen, hatte sich im Schatten des mächtigen Rundbogens eingefunden, der hineinführte, und wartete auf ihren Einlass.
„Es ist die Hauptkirche von Lissabon und die älteste zugleich. Die Bauarbeiten begannen bereits im zwölften Jahrhundert.“
„Unglaublich, dass dieses Gebäude noch vor uns steht.“ Langsam begriff sie, was João mit dem Zwang zur Faszination gemeint hatte. Tagtäglich stand er vor Geschichte, die Jahrhunderte, wenn nicht sogar Jahrtausende alt war. Die Kunst lag darin, die Faszination nicht im Trott des Alltags zu verlieren. „Das ist romanische Architektur, oder?“
„Teils, teils. Das meiste ist romanisch, wie zum Beispiel das Langhaus, das Querhaus und der Westbau. Das Freigeschoss im Nordturm und der Chor sind dagegen gotisch. Gehst du in die Kirche, Ana?“
Der letzte Gottesdienst, den sie besucht hatte, war der Trauergottesdienst in ihrer Gemeindekirche gewesen. Es war ein sonniger, für den Februar erstaunlich warmer Tag gewesen, wie ihre Oma ihn gemocht hätte. Der Pfarrer hatte sich viel Mühe gegeben. Ana erinnerte sich daran, dass sie die Rede als schön empfunden hatte, auch wenn sie ihren Inhalt vergessen hatte. Alle Kinder und Enkel waren anwesend gewesen sowie viele Freunde. Es hatte Ana berührt, zu sehen, wie viele Menschen durch ihre Oma geprägt worden waren und wie viele Freunde aus ganz Deutschland angereist waren, um an der Beerdigung teilzunehmen. Sie erinnerte sich an die herzzerreißenden Schluchzer ihrer Tante, als der Sarg in die Erde gelassen wurde. Wie ihr Vater mit geröteten Augen eine Rede gehalten hatte. An das Gefühl der losen, kalten Erde zwischen ihren Fingern, bevor sie sie auf das Grab gestreut hatte. Wie der Pfarrer ihr die Hand geschüttelt und sein Beileid ausgesprochen hatte. Sie hatte ein Danke gemurmelt, nicht imstande, ihm in die Augen zu blicken.
Ana schüttelte den Kopf, als könnte sie damit die schmerzhaften Erinnerungen vertreiben. „Ich bin schon länger nicht mehr gewesen. Was ist mit dir?“
„Ich gehe jeden Sonntag.“
„Wie ein guter Katholik.“
„Ich probiere es.“
Sie passierten die Kathedrale. Inzwischen hatte die große Gruppe das imposante Gebäude betreten. Ana war erstaunt, wie klein die Menschen neben dem Eingangsportal wirkten.
„Aber nicht hier“, fügte João hinzu.
„Lass mich raten. Zu touristisch und überlaufen?“ Sie kämpfte darum, die Atemlosigkeit in ihrer Stimme zu verbergen. Diese Hügel waren jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung.
„Sie liegt nicht in meinem Stadtteil.“
„Oh.“
„Aber deine Antwort ist natürlich auch richtig.“
„Zu gütig von dir.“ Warum fiel es ihr so leicht, mit ihm herumzualbern, während sie neben ihrer Familie nur ein Häufchen Elend war? Sie kannte ihn doch gar nicht. Aber vielleicht war es genau das. João war nicht auf der Beerdigung gewesen, als sie bei der Beisetzung des Sargs in hysterisches Schluchzen ausgebrochen war. Er gehörte nicht zu den Leuten, die Ana in ein Davor und ein Danach unterteilten. Zu den Leuten, die nicht müde wurden, ihr zu versichern, dass sie immer für sie da sein würden, während sie vorsichtig nachfragten, ob sie es überwunden habe. Wann sie wieder die alte, fröhliche Ana sein würde. Diejenige, die ihre Freunde zusammentrommelte, um an den See zu fahren und als Erste ins Wasser zu springen.
Sie überquerten eine Straße. Das Erste, was Ana vernahm, war der leise Klang einer Gitarre, der mit jedem Schritt lauter wurde. Es war, als würde sie eine andere Welt betreten, in der die Autos und die Menschenscharen in den Hintergrund rückten. Wo vorher noch eine lärmende Stadt gewesen war, befand sich eine malerische Terrasse im Grünen, die an einen kleinen Garten erinnerte. Der Duft einer ihr unbekannten Blume nahm ihre Nase ein. Ein Straßenmusiker saß auf dem breiten Geländer des Aussichtspunktes und spielte Gitarre. Über ihm spannte sich eine Pergola. Die Pflanzen waren grün, violett und blau. Azulejos, die ikonischen portugiesischen blau-weißen Kacheln, schmückten die Terrasse. Schritt für Schritt schoben sich Ana und João durch, bis auch sie unter der Pergola standen, eingenommen von dem Duft der Pflanzen und dem Spiel des Musikers.
„Willkommen auf dem Miradouro de Santa Luzia.“ João stand hinter ihr, während sie sich an das Geländer lehnte. Sein warmer Atem kitzelte in ihrem Nacken.
„Wow. Einfach nur wow.“
Vor ihr erstreckte sich die malerische Altstadt von Lissabon mit ihren orangefarbenen Ziegeldächern, bunten Steinhäusern und dem Tejo, der in der Ferne floss und so blau wie der Ozean war. Die Mündung des Flusses erschien von hier endlos und das Wasser glitzerte dunkelblau. Die Nachmittagssonne brachte die ganze Stadt zum Leuchten. Vor den Azulejos hatte sich eine Schlange aus Touristen gebildet. Viele trugen bunte Outfits, bereit für das perfekte Foto. Andere saßen am Geländer und lauschten dem Gitarristen, der vollständig in seiner Musik aufging. Erst jetzt bemerkte Ana, dass der Miradouro sich noch weiter erstreckte. In dem angrenzenden Garten hatte sich ein Straßenkünstler niedergelassen und zeichnete.
Eine Gruppe Touristen zog weiter, wodurch eine Lücke in der Pergola entstand. João stellte sich neben Ana ans Geländer. „Im Sommer ist es unmöglich, hier einen Platz zu kriegen. Meine Gruppen kennen die Bilder aus dem Netz und wollen unbedingt herkommen. Ich versuche immer, vormittags oder nachmittags da zu sein.“
„Wegen der Hitze?“
„Die spielt auch eine Rolle, aber auch, weil die Sonne da an einem ganz besonderen Punkt am Himmel steht und die Stadt in ein einzigartiges Licht taucht. Hast du gesehen, wie sie sich um die Dächer hüllt? Es ist wie eine Umarmung.“
„Ich kann an nichts anderes denken.“
„Möchtest du Wasser?“ João zog seinen Rucksack aus und brachte zwei kleine Flaschen Wasser zum Vorschein.
„Oh, gerne. Da hast du besser mitgedacht als ich.“
João grinste. „Ganz der Tourguide, ich weiß.“
Dankend nahm Ana die kühle Flasche entgegen. Obwohl die Aussicht sie vollkommen eingenommen hatte, war ihr die Hitze des Tages nicht entgangen. Kalter Schweiß lief ihren Nacken hinunter und ihr Oberteil klebte an ihrem Rücken. Sie war erleichtert über den kühlenden Schatten, den die Pergola spendete. Ein leichter Wind wehte. Balsam auf ihrer Haut.
„Weißt du, was das für Pflanzen sind?“, fragte sie, nachdem sie getrunken hatte. Ihr Blick glitt über die Blumen, die üppig um die Pergola blühten.
„Ich wusste es nie, bis mich eine Kundin das Gleiche gefragt hat. Ich konnte ihre Frage nicht beantworten, darum habe ich zu Hause recherchiert und ihr eine E-Mail geschrieben. Es ist eine Bougainvillea, auch Drillingsblume genannt.“
Nur widerwillig lösten sie sich vom Anblick der orangefarbenen Dächer und schlenderten weiter. João zeigte ihr die historischen Kachelpaneele an der Kirchenwand, die sich direkt beim Miradouro befand. Die blau-weißen Azulejos nahmen sie mit auf eine Reise in die Vergangenheit. João war ganz in seinem Element, während er ihr die Azulejos zeigte und zu jedem Bild ein paar Sätze verlor. „Dieses hier zeigt die Belagerung des Castelo – keine Sorge, da gehen wir noch hin – im Jahr 1147.“
„Von wem wurde das Castelo belagert?“
„Von den Kreuzfahrern.“
Ana konnte nicht fassen, wie viel João zu jeder einzelnen Szene wusste und wie detailliert er auf ihre Fragen eingehen konnte. Sie hatte noch nie einen Tourguide gesehen, der so in der Geschichte eines Ortes aufging. Vor ihrem inneren Auge erwachten die historischen Szenen zum Leben und sie erhaschte einen Blick auf das Lissabon von vor Jahrhunderten.
„Das hier zeigt zum Beispiel den Praça do Comércio, wie er vor dem verheerenden Erdbeben von 1755 aussah.“
„Das ist der Wahnsinn“, sagte sie. „Diese Wand trägt so viel Geschichte mit sich. Ich könnte Stunden hier verbringen. Jede Kachel ist ein Gemälde für sich.“
João lächelte anerkennend. „So geht es mir auch. Ich bin jedes Mal unangenehm überrascht, wenn ich sehe, wie wenig Leute, sich die Mühe machen, hier anzuhalten und dieses Stück Geschichte anzuschauen. Lass uns noch auf die untere Terrasse gehen. Sie ist viel weniger überlaufen und mindestens genauso schön.“
Über eine kleine Treppe gelangten sie dorthin, wo sie ein liebevoll angelegter Garten mit Blumenbeeten, gepflegten Hecken und einem kleinen Brunnen erwartete. Außerdem gab es gemütliche, schattige Sitzbänke. Obwohl der Ort ideal für eine Verschnaufpause war, waren die meisten Bänke unbesetzt. Sie setzten sich auf eine gemütliche Bank im Schatten. Ana warf einen Blick auf die obere Terrasse. Eine Schar Touristen hatte sich um ein schmiedeeisernes Rundfenster versammelt. Die Menschenmasse erinnerte sie an einen Fliegenschwarm, der sich summend um eine Blume sammelte.
„Lass mich raten, das da oben ist ein guter Fotospot“, sagte sie spöttisch.
„Und die tausend Punkte gehen an Ana Weber“, verkündete João in perfekter Imitation eines Quiz-Show-Moderators.
Ana konnte nicht anders, als zu lachen.
„Wenn man von vorne fotografiert, wirkt dieses Rundfenster wie ein natürlicher Bilderrahmen um die Stadt. Es wäre originell, gäbe es nicht bereits Zehntausende solcher Fotos“, sagte João. „Ich muss ehrlich sein, ich würde niemals für ein Foto Schlange stehen.“
„Ich auch nicht. Wie du siehst. Wie kommt es, dass du so viel über die einzelnen Orte weißt? Hast du einfach viel recherchiert?“
João lächelte, aber es hatte etwas Wehmütiges. Melancholisches. „Das auch. Als Tourguide informiert man sich über alle Spots, die man besuchen möchte, und darüber hinaus, falls die Besucher vertiefende Fragen haben. Aber ich habe auch Geschichte studiert.“
„Das ist ja spannend. Ich kenne niemanden, der Geschichte studiert hat.“
„Unser Studiengang war auch alles andere als überlaufen. Es würde mich nicht wundern, wenn man inzwischen Leute ohne Schulabschluss aufnimmt, um die Plätze vollzukriegen.“ Als wäre ihm aufgefallen, wie seine Antwort klingen musste, winkte er ab. „Das klingt jetzt viel zu negativ. Die Wahrheit ist, dass ich mein Studium sehr genossen habe.“
„Warst du schon immer an Geschichte interessiert?“
„Oh, ja. In der Schule war es mein Lieblingsfach. Als Kind habe ich Geschichtsbücher verschlungen und viele historische Dokus geschaut. Also für meine Verhältnisse viele. Ich war mehr draußen als drinnen unterwegs.“
Ana lächelte. „Das glaube ich sofort. So war ich als Kind auch. Ich habe gerne Tierdokus geschaut, aber davor war ich stundenlang mit Freunden unterwegs. Arbeitest du darum nicht als Historiker? Weil du gern rausgehst?“
João nickte. „Ich habe darüber nachgedacht. Das Studium hat mir viel Spaß gemacht und es ist mir immer leichtgefallen. Der Professor, bei dem ich meine Abschlussarbeit geschrieben habe, hat sogar versucht, mich zu überreden, an der Universität zu bleiben. Er wollte, dass ich promoviere. Ich habe lange mit mir gehadert. Es wäre lustig, einen Doktortitel zu haben. Mein Vater ist ja auch ein Doktor, aber in der Medizin.“
„Ihr könntet regelmäßig Besucher vor den Kopf hauen, indem ihr ihnen erzählt, dass ihr ein Doktorhaushalt seid. Ist deine Mutter zufällig auch Doktorin?“
„Nein, sie ist Managerin in einer größeren IT-Firma und macht IT-Zeug.“ João hob abwehrend die Hände. „Sie hat es schon Tausende Male erzählt, aber ich habe immer noch keine Ahnung, was sie tut. Selbst wenn sie es mir erklärt, ist das Niveau zu abstrakt.“
„Das kenne ich. Mein Onkel und meine Tante arbeiten beide in der Softwareentwicklung.“ Ana machte eine Pause. „Tja, und mehr kann ich auch nicht dazu sagen.“
„So geht’s mir auch. Wie fanden deine Eltern deine Studienwahl? Die meisten Eltern wollen doch, dass ihre Kinder etwas Vernünftiges studieren, und Medizin wirkt wie der Gipfel der Vernunft.“
„Ja und nein.“ Ana stützte die Ellbogen auf den Knien ab. „Einerseits ist es ein gut bezahlter und dringend benötigter Beruf. Aber sie machen sich auch Sorgen. Im Krankenhaus können die Arbeitszeiten anstrengend werden und es ist ein seelisch belastender Beruf. Meine Eltern haben Angst, dass ich auf Dauer ausbrenne oder unglücklich werde, weil mich das Schicksal meiner Patienten zu sehr mitnimmt. Sie sind beide Anwälte und haben viel Flexibilität.“
„Muss man da nicht oft ins Gericht?“
„Das schon, aber längst nicht so oft, wie man denkt. Heutzutage wird es immer beliebter, von zu Hause aus zu arbeiten. Meine Eltern arbeiten zwar in unterschiedlichen Kanzleien, aber sie sprechen sich ab und machen zusammen Mittagspause oder treffen sich auf einen Kaffee.“
„Das klingt schön. Viele Paare in solchen Berufen haben ja das Problem, dass sie sich kaum sehen.“
„Und wie. Einige Paare aus dem Freundeskreis meiner Eltern haben sich scheiden lassen. Meine Eltern haben die Familie immer priorisiert. Wenn beide wissen, dass sie einen langen Tag im Büro haben werden, stehen sie früher auf, um zusammen zu frühstücken, oder sie gehen abends noch spazieren. Und jeden Freitag ist Familienessen. Egal, wie viel bei der Arbeit los ist. Da sind meine Schwester und ich auch da. Als Ärztin hätte ich diese Möglichkeit nicht. Außer mein Partner ist auch Arzt und arbeitet zufälligerweise im selben Krankenhaus. Und selbst dann ist es mit Schichtarbeit nicht einfach.“
„Das ist natürlich schwieriger.“
Sie unterhielten sich noch eine Zeit lang über die Berufe ihrer Eltern und wie sie zur Studiengangwahl der Kinder standen. Ana erfuhr, dass João der älteste von drei Söhnen war. Der mittlere studierte im ersten Semester Informatik, der jüngste war im vorletzten Schuljahr. Die drei Brüder standen sich sehr nah und verstanden sich ohne Worte. João interessierte sich für die Beziehung, die sie zu ihrer Schwester hatte. Anas jüngere Schwester war für ihr Innenarchitekturstudium nach Rosenheim gezogen. Als Kinder waren sie ein Herz und eine Seele gewesen. Die Entfernung machte es nicht leicht, sich regelmäßig zu sehen, aber sie telefonierten oft. Außerdem hatte Alicia den Vorsatz, es einmal im Monat zum Familienessen zu schaffen. Eine Regel, die sie bisher noch nicht gebrochen hatte. Im Gegensatz zu mir, dachte Ana mit einem Anflug von Bitterkeit.
Es war beinahe eine Erleichterung, als João das Thema wechselte. „Wie so oft habe ich mir deutlich mehr vorgenommen, als wir geschafft haben.“
Ana grinste. „Wer hätte auch denken können, dass wir an jeder Station Stunden verbringen? Aber du, um ehrlich zu sein, gefällt mir das deutlich mehr. Ich besuche lieber weniger Orte, die ich intensiv erlebe, als dass ich von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit eile und an jeder nur zehn Minuten habe.“
„Zehn Minuten? Pah. Das wäre für viele schon zu viel. Du kommst an, machst zwei Fotos und ziehst weiter. Spaß beiseite. Das freut mich zu hören. Ich bin auch lieber langsamer unterwegs. Ich würde dir gerne noch mehr zeigen, aber heute Abend habe ich eine Sunset-Tour. Was würdest du – außer dem Castelo natürlich – beim nächsten Mal sehen wollen?“
„Es gibt ein nächstes Mal?“, fragte sie lächelnd. Eine angenehme Wärme kroch in ihre Wangen.
„Sag du es mir.“ João betrachtete sie forsch.
„Lach mich nicht aus.“
„Ich kann nichts versprechen.“
„João.“ Sie schlug ihm spielerisch gegen den Arm.
„Ich versuche, brav zu sein.“
„Ich habe, wie soll ich es sagen, seit ich hier bin, noch nicht das Meer gesehen.“
„Das kann nicht sein. Ist nicht das Erste, was man hier tut, an den Strand von Cascais oder Costa da Caparica zu fahren?“
Die Namen sagten ihr was. Sie erinnerte sich, wie ihre Mitbewohnerinnen davon erzählten, wenn sie an einem sonnigen Nachmittag, und von denen gab es in Lissabon reichlich, ihre Sachen zusammenpackten, um ans Meer zu fahren. Obwohl Ana jedes Mal abgelehnt hatte, war Veronica nicht müde geworden, sie einzuladen. Die Wahrheit war, dass Ana die ersten Tage in Lissabon wie ein Einsiedlerkrebs in ihrem Zimmer verbracht und über die Briefe ihrer Oma gebrütet hatte. Aber würde ihre Oma das wirklich wollen? Beim nächsten Mal würde sie Veros Einladung annehmen und mitkommen.
„Ich war an beiden Orten noch nicht.“
João massierte sich den Nacken und nutzte die Gelegenheit, um seinen Arm auf der Rückenlehne der Bank zu platzieren. „Deus, das müssen wir dringend ändern. Dringend.“
Ana fasste ihren gesamten Mut zusammen. „Wie dringend?“
„Was hältst du von morgen früh?“
Sie musste auflachen. „Was ist für dich früh? Ich bin angehende Ärztin.“
João lachte ebenfalls. „Ich glaube, für einen Portugiesen beginnt der Tag nicht vor zehn Uhr morgens. Aber da wir etwa eine Stunde mit dem Zug fahren, schlage ich vor, dass wir uns schon um zehn am Bahnhof treffen.“
„Du meinst Cais do Sodré?“
„Genau. Wir können uns um Viertel vor zehn treffen, dann haben wir genug Zeit, um die Zugtickets zu kaufen.“
„Klingt gut.“ Ana gestattete sich, sich auf der Bank zurückzulehnen. Joãos Arm streifte ihren oberen Rücken. Ihr Oberteil war am Rücken ausgeschnitten, sodass sie seine Finger auf ihrer Haut spürte. Sie atmete tief durch, versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr die kleine Berührung ihre Haut zum Kribbeln brachte.
Auf der oberen Terrasse spielte der Gitarrist weiter seine Melodien. Der Duft der Bougainvillea wehte in ihre Nase. Die Stimmen und der Lärm waren zu einem leisen Rauschen am Rand ihres Bewusstseins verschwommen. Einzig Joãos Hand zählte, mit der er kleine Kreise über ihren Rücken und ihren Nacken zog. Es schien eine Ewigkeit her zu sein, seit sie jemandem so nahe gewesen war. Von ihrem Exfreund hatte sie sich letztes Jahr getrennt – eine Aktion, die sowohl Clara als auch Alicia als lange überfällig bezeichnet hatten. Seitdem hatte sie sich nicht wieder am Datingmarkt versucht. Klar hatte es auf Feiern vereinzelte schöne Begegnungen gegeben, aber sie hatten zu nichts geführt. Dann war die Sache mit Oma passiert.
„Es ist ein unglaublicher Tag“, murmelte sie.
„Für mich auch.“
Ihr Blick traf Joãos. Seine dunklen Augen wirkten noch intensiver im Licht der Nachmittagssonne. Sie hielt seinem Blick stand, spürte die Wärme seiner Haut, die nur wenige Millimeter von ihrer entfernt war. Es war unmöglich zu sagen, wer sich zuerst bewegt hatte, als ihre Lippen seine trafen. Sein Mund war warm und fest, und er küsste sie so zärtlich, dass ihr schwindelig wurde. Ana legte die Arme um seinen Rücken, drehte sich stärker zu ihm. João legte ihr die warmen und muskulösen Arme um ihre Hüften, zog sie an sich. Sanft, aber bestimmt. Ein kehliges Stöhnen entwich ihr, woraufhin João sie noch fester an sich zog.
Als sie sich voneinander lösten, waren sie beide außer Atem. João grinste sie an. Ana fuhr ihm mit der Hand durch die lockigen Haare. Das war alles andere als der unschuldige, kurze Kuss eines ersten Dates gewesen. Sie grinste ebenfalls.
„Ana Weber.“ Aus seinem Mund klang ihr Name wie ein Liebesgedicht. Sie küssten sich erneut, diesmal langsamer und sanfter. Seine Zungenspitze berührte ihre Lippen, Ana folgte der Einladung, genoss die Nähe. Eine Nähe, die sie schwindelig machte, vor Verlangen.
Atemlos und keuchend löste sie sich von ihm. João streichelte ihre Haare, ihre Wange.
„Das war intensiv“, flüsterte sie.
Auf einmal fiel ihr ein, dass sie sich nicht in der Zurückgezogenheit ihres Schlafzimmers befanden, sondern an einem öffentlichen Ort. Und auch wenn sie sicher nicht das erste Pärchen waren, das diese romantische Bank für sich entdeckt hatte, wollte sie doch nicht die Öffentlichkeit an ihrem Privatleben teilhaben lassen. Widerwillig ließ sie von João ab und rutschte etwas weg. Auch er nahm seinen Arm weg. Sofort vermisste sie seine Anwesenheit. João warf einen Blick auf die Uhr an seinem Handgelenk. Er seufzte. „Wenn wir noch länger bleiben, wird es knapp mit meiner Führung. Ich muss dich ja noch zur Haltestelle bringen.“
„Das brauchst du nicht. Es ist noch helllichter Tag.“
„Ich möchte es aber.“ João erhob sich und reichte ihr die Hand.
Ana lächelte und nahm seine Hilfe an. „Sind meine Haare sehr verwuschelt? Ich muss noch meinen Mitbewohnerinnen entgegentreten.“
„Oh, dann sollten wir vielleicht aufpassen.“ João strich ihr sanft über den Kopf und richtete ihre Haarsträhnen. „Man merkt dir nichts mehr an.“
„Gut. Du bist auch noch ein bisschen verwuschelt.“ Ana richtete seine Haare und strich sein T-Shirt glatt. „Jetzt bist du auch wieder präsentabel.“
Auf dem Rückweg zur Haltestelle sprachen sie nicht viel, aber es war ein angenehmes Schweigen, das sie einhüllte wie eine warme Decke. Irgendwann auf halbem Weg nahm João ihre Hand. Es fühlte sich richtig an. Vor dem Eingang zur Metrostation blieben sie stehen.
„Findest du deine U-Bahn?“, fragte João neckend.
Ana spielte mit dem Kragen seines T-Shirts. „Du vergisst, dass ich aus einer Stadt komme, die dreimal so viele Einwohner und, wenn ich mich nicht täusche, auch dreimal so viel Fläche hat.“
„Puh, so viele Menschen, das klingt wie eine Plage.“
Sie stieß einen Seufzer aus. „Damit plagen wir uns wirklich schon lange herum. Weißt du, was keine Plage war? Der heutige Tag.“
João lachte laut und herzlich. „Ist das diese deutsche Herzlichkeit, von der alle schwärmen?“
„Nicht gemeckert ist halb gelobt.“
„Eine furchtbare Einstellung.“
Da konnte sie nicht widersprechen. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen. „Spaß beiseite, ich fand den heutigen Tag wundervoll.“
„Ich auch. Es war ein Traum.“ João küsste ihre Hand. „Am liebsten würde ich meiner Gruppe absagen und dich gar nicht mehr hergeben.“
„Das würde dein Chef sicher nicht gutheißen.“
„Wahrscheinlich nicht.“ João zuckte bedauernd mit den Achseln. „Ich kann es nicht erwarten, dich wiederzusehen.“
„Bis morgen.“
„Bis morgen.“ Er küsste sie noch einmal auf eine Art, die ihr sagte, dass der morgige Tag nicht schnell genug kommen konnte.
João
Am nächsten Morgen trafen sie sich am Bahnhof Cais do Sodré. Um sich nicht auf dem überfüllten Bahnhof zu verlieren, hatten sie sich auf den Ticketschalter für die Züge geeinigt. João hatte auf dem Weg zum Bahnhof Croissants aus einer Padaria seines Vertrauens mitgebracht. Er konnte nur hoffen, dass Ana ebenso angetan von den Leckereien war wie er. Seine Joggingrunde war etwas kürzer ausgefallen, aber das war es ihm wert. Genau wie das Verpassen der Messe.
Der gestrige Tag mit ihr schwebte ihm noch immer vor Augen. Er konnte nicht aufhören, an sie zu denken. Ihr glockenhelles Lachen, wie sie sich mit der Hand eine Locke aus dem Gesicht strich, ihr Duft, wenn sie sich ihm näherte. Und dann dieser Kuss. Wie konnte ein Kuss so schön sein? Wie konnte ein Kuss solche Gefühle in ihm auslösen?
Ihm war klar, dass Ana als Touristin hier war. Selbst, wenn sie sich weiter treffen würden, wäre es nach drei Monaten vorbei. Aber daran wollte João nicht denken. Er wollte den Moment genießen und im Jetzt leben.
Ana stand unter der Anzeigetafel für die Züge. Ihr lockiges, schwarzes Haar fiel auf ihre gebräunten Schultern. Heute trug sie ein schulterfreies, enges Top, Flipflops und eine kurze Shorts, die ihre langen, schlanken Beine zur Geltung brachte. Ihm war bereits aufgefallen, wie sportlich sie war. Problemlos hatte sie ihm auf der hügeligen Strecke mitgehalten und sich weder über die Sonne noch über den steilen Weg beschwert.
João winkte ihr zu. Ana schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Ihm wurde ganz warm in der Brust. Es war das Natürlichste auf der Welt, ihr Lächeln zu erwidern.
Beim Näherkommen bemerkte er die blauen Bikiniträger, die unter ihrem Top hervorlugten. João schluckte. Er konnte es nicht erwarten, sie in diesem Bikini zu sehen. Ihr Geruch nach Zitrus und Sonnencreme umfing ihn. Die Frage, ob er sie umarmen oder küssen sollte, verflüchtigte sich augenblicklich. João legte ihr den Arm um die Schulter und zog sie sanft an sich. Seine Lippen trafen ihre zu einem kurzen, aber zärtlichen Kuss.
Als sie sich voneinander lösten, hoben sich Anas Mundwinkel. Sie stupste ihn spielerisch gegen die Brust. „Du bist zu spät.“
João hob die Tüte. „Ich habe Frühstück dabei.“
„Zum Glück war ich wieder so klug, noch nichts zu essen. Was ist da drin? Es riecht herrlich.“
„Zeige ich dir im Zug.“
Ana klopfte auf ihre Tasche. „Ich habe uns auch etwas für den Strand eingepackt.“
„Was ist es?“ Seine Neugier brachte sie zum Lachen.
„Erzähle ich dir nachher. Ich will die Überraschung nicht verderben.“
„Fair.“ João warf einen Blick auf die Anzeigetafel. „Wir sollten los. Brauchst du noch ein Ticket?“
„Nein, ich habe eine Monatskarte.“
„Perfeito.“
Sie hielten ihre Karten an das Lesegerät der Schranke und gingen zum Zugteil. João war erstaunt, wie viele Menschen, dem Aussehen nach Portugiesen und Touristen, bereits unterwegs waren. Die Sonnenschirme, die sie sich unter den Arm geklemmt hatten, die breiten Taschen und die Liegestühle, machten mehr als deutlich, wohin sie wollten.
João blieb an einer Gabelung stehen, die zu zwei Gleisen führte. „Wir haben mehrere Optionen, je nachdem, ob du eher touristisch drauf bist oder was Wildes mit hohem Wellengang suchst.“
Ana lächelte amüsiert. „Gibt es auch etwas dazwischen?“
„Ich hatte gehofft, dass du das sagst. Etwa zwanzig Minuten entfernt befindet sich Carcavelos. Das ist der nächstgelegene Strand von Lisboa und entsprechend beliebt. Oder wir fahren eine Stunde nach Costa da Caparica. Das ist mein persönlicher Lieblingsstrand.“
„Dann bin ich für den.“
Eine Idee verfestigte sich in seinem Kopf. „Muito bom. Kleine Planänderung. Wirst du seekrank?“
Ana schüttelte den Kopf.
„Dann fahren wir mit der Fähre über den Fluss und steigen danach in den Bus.“
„Hier fahren Fähren ab?“
„Oh, ja. Cais do Sodré ist nicht nur ein Bahnhof, sondern auch ein Anlegeplatz für die Fähre auf die andere Flussseite.“
„Das ist ja unglaublich. Dann lass uns die Fähre nehmen.“
Die Art, wie Anas Augen bei der Erwähnung der Fähre aufleuchteten, zeigte ihm, dass er die richtige Wahl getroffen hatte. Vor der Fähre holten sie sich noch Kaffee. Beim Kauf wäre es beinahe zum Streit gekommen, weil Ana darauf bestand, selbst zu bezahlen. Als Tourguide wusste João, wie wichtig es war, andere Kulturen zu respektieren, aber irgendwo musste man auch eine Grenze ziehen. Ana hatte widerwillig nachgegeben und ihm einen leichten Klaps gegen den Arm verpasst. „Den Euro gönne ich dir.“
João grinste. Als er heute Morgen das Haus verlassen hatte, hatte sein Herz wieder schneller geschlagen. Seine Gedanken hatten nur um dieses Treffen gekreist. Er hatte befürchtet, dass es irgendwie steif oder komisch sein würde. Im Gegenteil, es war so locker, als würden sie sich seit Jahren kennen. João war überrascht, wie leicht er sich in Anas Nähe fühlte. Sie suchten sich einen Sitzplatz auf dem Außendeck der Fähre. Zu dieser Uhrzeit gab es davon noch mehr als genug. João packte die Croissants aus und sie stießen mit dem Kaffee an.
„Die schmecken ja himmlisch.“ Ana stieß einen Seufzer des Entzückens aus.
„Das freut mich.“ João überzeugte sich mit einem Bissen selbst von der Qualität. „Sie stammen aus einer Bäckerei in meiner Straße. Ich hole dort regelmäßig Croissants und Baguette für das Frühstück.“
„Das schwankt ja ganz schön.“ Ana trank schnell einen Schluck Kaffee, damit er nicht überschwappte.
Zu seiner Erleichterung entdeckte er keine Anzeichen von Übelkeit in ihrem Gesicht. „Ja, da muss man aufpassen.“
„Nimmst du mit deinen Gruppen auch die Fähre?“
„Nicht mehr. Letztes Mal haben sich zwei Leute übergeben.“
„Oh.“
„Seitdem nehme ich den Bus. Auch wenn die Fähre natürlich das coolere Transportmittel ist.“
„Und wie cool. Ich weiß nicht mehr, wann ich das letzte Mal so eine fantastische Aussicht beim Frühstück hatte.“
Im Licht der Vormittagssonne glitzerte der Tejo in einem wunderschönen Blau. Zu ihrer Seite ragte das Wahrzeichen Lissabons, die Ponte 25 de Abril, auf.
„Unglaublich.“ Ana riss ein Stück von ihrem Croissant ab und tunkte es in den Kaffee.
Joãos Herz machte einen Sprung, als er ihr dabei zusah. Wie konnte es sein, dass er ein Mädchen kennengelernt hatte, das in so vielen Hinsichten so tickte wie er? Als Kind – damals hatte er noch keinen Kaffee getrunken – hatte er sein Brötchen immer in Milch getunkt. „Das hat Frühstücken mit einem Reiseführer so an sich. Man kriegt immer die besten Spots.“
„Sag mal, du hast doch von deinem Bingo erzählt.“
„Oje.“ João stieß einen langgezogenen Seufzer aus. „Wie konnte ich nur meine Schwäche verraten?“
„Wie oft passiert es, dass Leute sagen, dass diese Brücke aussieht wie die Golden Gate Bridge?“
João lachte auf. „Zu oft. Ich habe sogar überlegt, es wieder aus dem Bingo zu nehmen.“
Ana lehnte den Kopf nach hinten und betrachtete die rote Brücke. João tat es ihr nach und versuchte, die Ponte mit ihren Augen zu sehen. Sein Chef hatte ihm den Trick beigebracht. So verlernst du nie das Staunen, João.
Die Ponte 25 de Abril war die drittlängste Hängebrücke der Welt. João fand, dass die rote Konstruktion ihren Charme vor allem aus der Ferne entfaltete, wenn sie im Licht der Sonne strahlte. Während seiner Jugend war es beinahe ein Krieg gewesen zwischen den Leuten, die nördlich und südlich von der Brücke wohnten. Jedes Fußballspiel, jeder Lauf waren ein Wettbewerb um die Ehre der eigenen Flussseite gewesen. Das erzählte er Ana, während sie ihr Frühstück verspeisten.
Rede ich zu viel? Nicht, dass sie am Ende denkt, ich würde sie nur herumführen wollen. Wenn ich die ganze Zeit wie ein Tourguide rede, wird es wohl kaum ein richtiges Date werden.
„Das muss aufregend für die älteren Leute sein“, sagte Ana. „Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, als die Brücke noch kein Wahrzeichen war. Wie stehen sie zur Brücke?“
„Ich glaube, sie waren anfangs skeptisch, aber inzwischen hat man sich daran gewöhnt und findet die Brücke praktisch. Zumindest ist das avôs Meinung.“
„Es klingt, als wärst du in deiner Gegend ziemlich verwurzelt.“
„Das bin ich. Wir wohnen seit Generationen in Príncipe Real.“
„Da habe ich mir auch Wohnungen angeschaut. Ich habe mich aber für Avenidas Novas entschieden.“
„Auch eine gute Wohngegend. Hauptsache, du wohnst in der Stadt und nicht außerhalb.“
„Ja.“ Anas Stimme klang angespannt. „Wohnst du eigentlich allein oder hast du Mitbewohner?“
„Zählen Eltern, zwei Brüder und ein Opa als Mitbewohner?“
Ana lachte auf. „Das ist ja ein richtiger Mehrgenerationenhaushalt bei euch. Klingt richtig schön.“
„Manchmal finde ich es merkwürdig.“
„Wieso das?“
„Ach na ja. Ich mag es, bei meinen Eltern zu wohnen. Wirklich. Aber früher dachte ich immer, dass ich spätestens nach dem Studium eine eigene Wohnung haben werde. Hätte ich wie mein Vater Medizin studiert, wäre das vielleicht möglich gewesen. Doch bei meinem Gehalt als Tourguide und den heutigen Mietpreisen kannst du das vergessen.“
Ana stieß einen Seufzer aus. „Das Problem mit den Mietpreisen haben wir in München auch. Keine Ahnung, wie ich da jemals eine Wohnung finden soll. Hat dein Opa eigentlich schon immer bei euch gewohnt?“
„Nein, tatsächlich nicht. Nach dem Tod meiner Oma haben meine Eltern beschlossen, dass er zu uns kommen soll.“
„Unsere Fähre legt gleich an“, sagte Ana. Jegliche Farbe war aus ihrem Gesicht verschwunden.
War ihr schlecht? Nein, das war es nicht. Am liebsten hätte er nachgefragt, was los war, aber gerade mussten sie ihr Zeug nehmen und die Fähre verlassen. Vielleicht kann ich sie nachher fragen, wenn es nicht mehr so hektisch zugeht.
„Wir sollten los.“ Er warf die Pappbecher und die Tüte vom Bäcker in einen Mülleimer.
João achtete darauf, als Erster auszusteigen, damit er Ana die Hand reichen konnte. Sie blickte ihn mit einer Mischung aus Belustigung und Verwirrung an, akzeptierte die Geste aber dankend. Die Busfahrt dauerte eine weitere halbe Stunde. Sie erwischten den letzten Sitzplatz. Ana saß am Fenster und João nutzte die Gelegenheit, um ihr die Cristo-Rei-Statue zu zeigen, die mit ausgestreckten Armen über Lissabon thronte.
„Wow, wie hoch ist die Statue?“
„Die Statue selbst ist nur achtundzwanzig Meter hoch, aber der Sockel ist zweiundachtzig Meter hoch. Von dort aus hast du eine herrliche Aussicht.“
„Das kann ich mir vorstellen.“ Ein schelmisches Funkeln blitzte in Anas Augen auf. „Sag mal, enthält dein Bingo auch Vergleiche zur Jesusstatue in Rio de Janeiro?“
Es schien, als wäre die Schwere von ihr abgefallen. Irgendwas stimmt nicht. Ich muss sie unbedingt nachher fragen, was los ist. „Claro que sim. Die Ähnlichkeit hat sogar einen Grund. Der damalige Erzbischof von Lissabon besuchte Rio de Janeiro und war begeistert von der Jesusstatue dort. Er wünschte sich eine ähnliche für Lissabon.“
„Ich würde so gerne die in Rio sehen.“
João zuckte die Achseln. Bisher hatte er sich dazu keine Gedanken gemacht.
„Du nicht?“ Unglaube schwang in Anas Stimme mit. Dann schlich sich ein neckender Unterton mit ein. „Auch nicht als gläubiger Christ?“
Seine Mundwinkel hoben sich. „Ein guter Christ denkt erst an seine Nachbarschaft und dann an die große Welt.“
„Das stimmt. Aber reizt es dich nicht, zu reisen?“ Ana lehnte den Kopf an die Lehne ihres Sitzes und betrachtete ihn mit offener Neugier.
João kratzte sich am Kinn. „Honestamente? Keine Ahnung. Ich habe nie darüber nachgedacht, zu verreisen.“
„Das heißt, du warst noch nie im Ausland?“
Er schüttelte den Kopf.
„Wirklich nicht?“
„Não.“ Er grinste. „Stört dich das?“
Ana errötete, was bei ihr süß aussah. „Natürlich nicht. Es ist ungewöhnlich.“
„Ungewöhnlich?“
„Alle, die ich kenne, wollen verreisen und die Welt sehen.“
„Das ist in meinem Umfeld völlig anders. Ich glaube, ich kenne niemanden, der verreist ist. Außer Paulo.“ Er erzählte ihr von seinem Freund Paulo aus der Algarve, der als beruflicher Surfer durch die Welt reiste, um an Wettbewerben teilzunehmen. Ana wirkte total beeindruckt. Im selben Moment fragte sich João, ob es ein Fehler gewesen war, ihr von Paulo zu erzählen. Es war kein Geheimnis, dass die Mädchen seinem Freund zu Füßen lagen. Sein Beruf trug sicherlich dazu bei.
„Ich kann das Meer riechen.“ Ana reckte den Kopf in die Höhe, als sie den Bus verließen.
João kannte diese Freude von seinen Gruppen. Er wollte sich nicht vorstellen, wie es war, ohne den Ozean aufzuwachsen. Selbst in ihm löste der Atlantik Ehrfurcht aus, wenn er die Weiten des dunkelblauen Wassers betrachtete. Zu wissen, dass auf der anderen Seite Amerika war, erfüllte ihn mit Staunen.
Sie beschlossen, sofort an den Strand zu gehen und erst nachher den Ort zu erkunden. Vereinzelte Familien und Freundesgruppen hatten ihre Strandtücher abgelegt und ihre Sonnenschirme aufgespannt. In der Ferne konnte João zwei Surfer in dunklen Neoprenanzügen erkennen, die auf den Wellen ihr Glück suchten. João und Ana breiteten ihre Handtücher im Sand aus.
„Warum schwimmt niemand? Es ist so ein schöner Tag.“
„Für portugiesische Verhältnisse ist es ein kühler Tag. Außerdem musst du bedenken, dass wir erst elf Uhr haben. Die meisten Leute frühstücken noch oder treiben Sport.“ Sein Blick fiel auf die Jogger, die entlang der Promenade liefen. Es war die perfekte Zeit zum Laufen, noch nicht zu warm, und ein leichter Wind wehte. João fuhr manchmal auch mit Bus und Fähre nach Caparica, um hier zu laufen. Es war ein ganz anderes Gefühl, den Geruch des Ozeans in der Nase zu haben, das Salz auf der Haut zu spüren.
„Was denkst du?“ Ana richtete einen zweifelnden Blick zum Wasser. „Sollen wir es wagen?“
„Das Wasser ist nicht so warm.“
„Du vergisst, dass ich aus Deutschland komme. Wir haben nicht das schöne Mittelmeer, sondern die Ostsee und die Nordsee. Und die sind etwa genauso warm wie der Atlantik.“
„Dann bin ich dafür, es zu wagen.“ Trotzdem warf João einen prüfenden Blick auf die Wellen. Einer der Surfer war ins Wasser gestürzt und musste an den Strand zurück. Soweit João das beurteilen konnte, lag das jedoch weniger an der Unberechenbarkeit der Wellen als an den Fähigkeiten des Surfers. „Ab ins Wasser.“
João zog sich Hemd und Shorts aus, bis er nur noch seine Badehose trug. Bei höherem Wellengang hätte er vielleicht seine Goldkette mit dem Kreuz ausgezogen, aber heute hatte er nichts zu befürchten. Ihm entging nicht, dass Ana zu ihm herüberspickte. Auch er versuchte, nicht zu auffällig zu starren. Sie trug einen blauen Bikini mit Trägern, die sich über ihrem Bauch kreuzten. Der Schnitt stand ihr hervorragend und betonte ihre sportliche, schlanke Figur. Besonders ihr Hintern kam gut zur Geltung. Hitze breitete sich in ihm aus. Hastig wandte er den Blick. Denk an deine Eltern, an Henrique, die Arbeit. An etwas, was dich diese atemberaubend schöne Frau vergessen lässt.
Sie gingen an einem Vater vorbei, der mit seiner Tochter eine Sandburg errichtete. Er rief einer Frau etwas zu, die gerade aus dem Wasser kam. Wahrscheinlich die Mutter.
João genoss das Gefühl des warmen Sandes unter seinen Füßen. Obwohl Ana solche Wassertemperaturen angeblich kannte, zuckte sie zusammen, als die ersten Wellen ihre Füße trafen. João konnte es ihr nicht verübeln. Der Atlantik war alles, aber nicht warm. Das Wasser hatte höchstens achtzehn Grad.
„Und immer noch entschlossen?“, fragte er neckend.
Ana grinste herausfordernd. „Und wie.“
Zu seiner Überraschung zögerte sie nicht, sondern war in einem schnellen Satz im Wasser, tauchte mit der nächsten Welle unter und kam durchnässt, aber strahlend wieder an die Oberfläche. „Das ist der absolute Wahnsinn.“
João watete hinter ihr her. Das kalte Wasser legte sich wie eine Hand um seine Knöchel, griff nach seinen Knien. Über ihm kreischte eine Möwe. João blickte hoch und sah den weißen Vogel vor dem strahlend blauen Himmel. Langsam, aber sicher wurde der Untergrund steiler und das Wasser reichte ihm bis zur Hüfte. João keuchte angesichts der Kälte und tauchte unter. Für einen Moment spürte er das Wasser wie eine Umarmung und hatte das Gefühl, Teil von etwas Größerem und Mächtigerem zu sein. Dann tauchte er auf und kraulte, wie sein Vater es ihm beigebracht hatte. Das nasse Haar klebte an seinem Kopf. Er war überrascht, wie mühelos Ana mit ihm mithielt. Ihre Schwimmzüge waren gleichmäßig und kraftvoll. João richtete seine Aufmerksamkeit zurück auf das Wasser. Er liebte es, dass er beim Schwimmen gezwungen wurde, ganz im Moment zu sein. Sie tauchten unter einer brechenden Welle hindurch.
João blinzelte das Wasser weg und drehte den Kopf zu Ana. „Parallel zum Ufer.“
Ana nickte.
Es war schon längst nicht mehr möglich, zu stehen. Sie änderten ihren Kurs und schwammen an der Küstenlinie entlang. Langsam breitete sich die Wärme in seinen Muskeln aus und vertrieb den anfänglichen Schock über die Kälte. João liebte diesen Moment. Ein herrlich kühler Wind strich ihm übers Gesicht. Es war unmöglich zu sagen, wie viel Zeit vergangen war, als sie den Rückweg einschlugen und sich ans Ufer begaben.
Zitternd und schwer atmend stiegen sie aus dem Wasser. João grinste. Er war glücklich zu sehen, wie Ana strahlte. Erschöpft ließen sie sich auf das Strandtuch fallen. Nach dem kühlen Wasser erschien die wärmende Luft angenehm. João packte zwei Wasserflaschen aus.
„Danke.“ Ana klang leicht außer Atem. Sie trank in einem Zug ihre halbe Flasche aus. João war froh, dass er noch mehr eingepackt hatte. „Ich habe auch etwas für uns.“ Sie packte eine Dose aus und ein himmlischer Geruch nach Zitrone schlug ihm entgegen.
„Sag bloß, du hast Kuchen dabei?“, fragte er ungläubig.
Ana zuckte die Achseln. „Hab ich gestern Abend gebacken. Es ist ein Rezept meiner Mutter. Möchtest du?“
Da konnte er nicht widerstehen. João stieß einen Laut des Entzückens aus. „Perfeito.“
Ana brach sich ein Stück ab. Sie nickte zufrieden. „Fast wie bei Mama.“
„Saftig, süß und leicht säuerlich und super aromatisch.“ João brach sich ein weiteres Stück ab. „Und den hast du gestern gebacken?“
Ana wischte sich eine nasse Strähne hinters Ohr. Ihre nassen Wimpern glänzten silbrig. „Eigentlich wollte ich meine Hausarbeit schreiben, aber irgendwie lief es nicht, und darum habe ich gebacken.“
„Wer kennt’s nicht? Brutal, dass du im Ausland Hausarbeiten hast.“
„Sie sind noch von zu Hause. Ich hätte letztes Semester fertig werden sollen, aber meine Professorin war so freundlich, mir einen Aufschub zu gewähren, weil …“ Sie schüttelte den Kopf.
Anas Haltung hatte etwas Abwehrendes. Wie vorhin auf der Fähre blockte sie ab.
„Hey, ist etwas passiert?“, fragte er.
„Nein, nichts.“ Anas Schultern waren vor Anspannung hochgezogen und sie aß nicht länger.
„Du wirkst so in dich gekehrt.“
„Lass es einfach, João!“
Er zuckte zusammen. Warum fühlte sich das wie ein Schlag ins Gesicht an? Ihr Tonfall hatte richtig aggressiv geklungen. Dabei hatte er doch nur helfen wollen. Lass gut sein, Mann. Ihr kennt euch doch kaum. Warum fühlte er dann solche Anspannung in der Brust?
„Tut mir leid.“ Ana legte ihm die Hand auf das Bein. „Es ist wunderschön hier. Du bist ein fantastischer Schwimmer.“
Am liebsten wäre er jetzt derjenige, der sich abwandte. Sei nicht so. Ihr kennt euch kaum. Sie hat es bestimmt nicht böse gemeint. „Du schwimmst auch richtig gut“, sagte er. „Machst du das oft?“
Ana aß weiter. „Es gibt in der Nähe von München einen See. Im Sommer bin ich mit meinen Freunden jede Woche dort. Und im Winter besuche ich mindestens einmal die Woche das Hallenbad. Ich liebe es zu schwimmen. Meine Eltern sind beide ausgebildete Rettungsschwimmer und ich habe auch die Ausbildung gemacht, dadurch bin ich noch besser geworden. Surfst du auch?“
Überrascht von der Frage folgte João ihrem Blick. Er betrachtete die zwei Surfer, die rittlings auf ihren Brettern saßen und die Hände ins blaue Nass tauchten. Es schien, als würden sie sich unterhalten, aber auf die Entfernung und mit dem Tosen der Wellen war es unmöglich, etwas von ihrem Gespräch mitzubekommen.
„Ja, seit ich ein Junge bin.“
„Bist du gut?“
João schwenkte die Hand. „Ich glaube, ich bin normal gut. Neben Paulo fühle ich mich wie ein Stück Treibholz.“
„Sag nichts gegen meinen Seelenverwandten, das Treibholz.“ Sie tauschten ein Lächeln aus. „Für uns Normalsterbliche bist du also ziemlich gut.“
João nickte langsam. „Ja. Bist du schon mal gesurft?“
„Ich habe einen Surfkurs gemacht. Aber der ist Jahre her. Und ich hab mal Windsurfen ausprobiert.“ Sie winkte grinsend ab. „Jetzt kommt der Surfer und sagt, dass es nicht dasselbe ist.“
„Es ist nicht dasselbe, aber es ist trotzdem cool. Ich wusste nicht, dass man in Deutschland surfen kann.“
„Doch, doch. Windsurfen habe ich auf Sylt an der Nordsee ausprobiert. Und den Surfkurs habe ich während meiner Zeit in Amerika gemacht.“ So wie sie klang, war die Zeit mit vielen positiven Erinnerungen verbunden. „Ich kann nicht einschätzen, wie die Bedingungen hier sind.“
„Willst du eine Runde surfen?“ João setzte sein charmantestes Lächeln auf. Als Ana es erwiderte, konnte er nicht anders, als sie zu küssen.
Ana
Ana blieb mit ihrem Surfboard unterm Arm am Wasser stehen. Die Wellen des Atlantiks schwappten in die Bucht. Inzwischen wimmelte es an der Costa da Caparica nur so von Surfern in Neoprenanzügen und Zinksalbestreifen auf Wange und Nase. Ein Surflehrer gab einer Gruppe Unterricht. Er zeigte den Leuten, wie man auf dem Brett lag und sich in eine stehende Position aufrichtete. Ihr Surflehrer in Kalifornien war genauso vorgegangen. Ana erinnerte sich noch gut an das böse Erwachen im Wasser und daran, wie lange sie gebraucht hatte, um sich zum ersten Mal auf dem Brett aufzurichten. Sie hatte nicht übertrieben, als sie João erzählt hatte, dass sie den ersten Tag nur mit Fallen verbracht hatte.
„Bereit?“, fragte João.
Die Sonne brannte unerbittlich auf den Strand herab und brachte Ana zum Schwitzen. Ihr Herz pochte wie wild. Sie hatten am Strand noch mal die Basics wiederholt, trotzdem fühlte sie sich alles andere als bereit. Ana überspielte ihre Nervosität mit einem Lächeln. „Nichts wie rein.“
„Lass uns da drüben anfangen. Wir haben Glück, dass der Kurs noch an Land übt.“ João deutete auf die niedrigen Weißwasserwände, die sich tosend am Ufer brachen.
Routiniert ließ sich João auf das neongelbe Longboard gleiten und paddelte mit gleichmäßigen Atemzügen los. Ana folgte ihm. Sie hatte sich für das touristische Longboard in den Farben der portugiesischen Flagge entschieden. Die Betreiber Luuk und Emma, ein holländisches Paar in ihren Dreißigern, hatten sie bei der Auswahl beraten und ihnen die Ausrüstung überlassen. Das Paar hatte ihnen die Ausrüstung ohne Aufpreis verliehen. Die vertraute, ungezwungene Art, mit der João mit ihnen gescherzt hatte, zeigte, dass sie sich schon länger kannten.
Mit etwas mehr Mühe folgte Ana ihm ins Wasser. Sie war dankbar für ihre Erfahrung als Schwimmerin, weil sie beim Paddeln sonst längst außer Atem wäre. Es half ihr auch, die Gischt, die ihr ins Gesicht klatschte und ihren Mund mit Salzwasser füllte, zu ignorieren.
„Da drüben“. João paddelte zu einer Stelle, an der das Wasser besonders stark wirbelte. Im richtigen Moment stemmte er sich auf sein Brett und ritt die Welle mit spielerischer Leichtigkeit, wobei er ihr unterwegs zuzwinkerte.
Ana wählte eine deutlich kleinere Welle aus. Sie spürte, wie das Wasser sie erfasste und ihr Schwung verlieh. Während die Welle sie mit sich zog, wollte sie sich aufstemmen. Zu spät. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel seitlich ins Wasser. Der dröhnende amerikanische Bass ihres Surflehrers hallte durch ihre Ohren. Erinnerte sie daran, ihren Kopf zu bedecken, als sie ins Wasser klatschte.
Ihr Kopf stieß gegen etwas Hartes. Ihr Surfbrett. Hastig bedeckte sie ihr Gesicht mit einer Hand. Das kennst du aus dem Kurs. Keine Panik. Hauptsache keine Panik. Vorsichtig schwamm sie nach oben. Ihre Hand schützte sie vor einem erneuten Zusammenstoß mit dem Brett.
Prustend und außer Atem kam sie an die Oberfläche. Ihre Füße berührten den Grund. Langsam beruhigte sich ihr rasendes Herz. Ana wischte sich die klatschnassen Haare aus dem Gesicht und schaute sich um. Der Surfkurs befand sich am Strand und übte, sich aufzurichten. Hat das jemand gesehen? Ich habe mich wie eine Anfängerin aufgeführt. Mein Surflehrer würde sich in Grund und Boden schämen.
João war neben ihr. Ein Teil von ihr erwartete, dass er sie auslachte oder einen herablassenden, besserwisserischen Kommentar von sich gab, sodass sie mit einem schlagkräftigen Spruch antworten müsste. João tat nichts davon. Er gab ihr ein paar Hinweise und ermutigte sie, es noch mal zu probieren.
Wie ihr Surflehrer damals. Boah, ich könnte genauso gut wieder bei null starten. Ich dachte, ich könnte es noch.
Beim zweiten Anlauf gelang es ihr kurz, sich aufzurichten. Nach einer Weile – sie hatte es aufgegeben, die Anläufe zu zählen – schaffte sie es sogar, einige Sekunden lang die Welle zu reiten. Die Schwerkraft existierte nicht mehr. Sie fühlte sich wie ein Vogel, der über den Wellen schwebte. Im nächsten Moment fiel sie ins Wasser. Ana tauchte auf, nur um von der nächsten Welle hinuntergerissen zu werden. Für einen Moment fühlte sie sich so, als würde sie in ein schwarzes, bodenloses Nichts gezogen werden. Ruhig, Mädchen. Das kennst du aus deinem Training. Sie konzentrierte sich ganz auf ihren Körper, darauf, ihre Arme und Beine im Gleichklang zu bewegen. Der vertraute Rhythmus brachte sie langsam, aber sicher nach oben. Prustend kam sie an die Oberfläche. Ihre Arme fühlten sich an, als hätte man sie mit Steinen beschwert.
„Steig wieder auf.“ João hielt ihr Brett. Seine ruhige, feste Stimme verankerte sie im Moment.
Ana schenkte ihm ein Lächeln. Joãos Züge entspannten sich. Sie bemerkte eine weiß schäumende Wasserwand, die genau die richtige Kraft ausstrahlte. „Was hältst du von der da drüben?“
„Perfeito. Paddel los.“
Ana tauchte die Arme in den Atlantik. Ihre Muskeln brannten. Sie ignorierte die Schwere in ihrem Körper. Das Board fühlte sich klobig und viel zu langsam an. Auch das ignorierte sie. Eine Welle erfasste das Board und ließ es gleiten. Ana wurde schneller. In ihren Ohren das Rauschen der Brandung. Salziger Wind strich über ihr Gesicht. Diesmal zögerte sie nicht. Sie sprang auf und ritt auf der Welle auf das Ufer zu.
Als die Welle schließlich unter ihr brach, sprang sie – die Hände über dem Kopf – vom Board und landete im Wasser. Sie tauchte wieder auf und grinste. João streckte die Hand in die Höhe. Ana erwiderte den Siegesgruß. Erschöpft und zufrieden watete sie durch das Wasser zurück an den Strand. Sie bückte sich, um den Fangriemen von ihrem Knöchel zu lösen. Als sie den Kopf hob, erblickte sie João, der sich das Surfbrett gekonnt unter den Arm geklemmt hatte.
„Und was denkst du?“ Seine Augen sprühten vor Leben.
„Ich liebe es.“ Und sie meinte es mit jedem Wort. Die körperliche Anstrengung, die Sonne auf ihrer Haut und das berauschende Gefühl, auf den Wellen zu reiten, hatten sie vollkommen im Hier und Jetzt verankert. Im Wasser waren alle Sorgen bedeutungslos.
Sie spazierten Hand in Hand zurück zu ihrem Strandtuch, zogen die Neoprenanzüge aus und verschlangen den restlichen Kuchen. Zu erschöpft, um zu reden oder etwas zu tun, dösten sie Seite an Seite auf dem Tuch. Ana spürte Joãos Körper, die Wärme, die von ihm ausging. Sie genoss seine Nähe und das angenehme Brennen ihrer Muskeln nach der körperlichen Anstrengung. João strich ihr über den Arm. Es war nicht zu glauben. Wie konnte sich jemand, den sie erst so kurz kannte, so vertraut anfühlen? Es wird eh nicht lange halten. Sie zuckte zusammen. Instinktiv nahm João seine Hand weg. Er wandte den Kopf ab. Trotzdem konnte sie den schmerzhaften Ausdruck in seinen Augen sehen. Sie widerstand dem Impuls, seine Hand zu nehmen. Das hat doch keinen Wert. Daraus kann nie eine feste Beziehung werden. In drei Monaten bin ich sowieso weg.
Später brachten sie die geliehene Ausrüstung zurück und zogen sich um. João kaufte eine neue Ladung Kaffee für die Rückfahrt. Dafür bezahlte Ana die mit Käse und Schinken gefüllten Blätterteigtaschen, die sie genüsslich im Bus verspeisten. Wassersport machte hungrig. João lobte ihr Durchhaltevermögen im Wasser und hatte nur gute Worte für ihren Surflehrer, der ihr nicht nur die Basics, sondern auch eine gute Surfetiquette beigebracht hatte.
„Surfetiquette?“ Sie schmunzelte.
„Ja, wirklich. Du hältst genug Abstand zu anderen Surfern und befolgst die Sicherheitshinweise. Es gibt leider genug Lehrer da draußen, die so darauf bedacht sind, ihre Schüler schnellstmöglich ins Wasser zu schicken, dass sie ihnen die Sicherheitsregeln nicht beibringen. Wie den Kopf beim Auftauchen zu schützen.“
Ihre Wangen wurden warm. Genau das hatte sie vergessen. Ihr Surflehrer hatte ihr so viel beigebracht und sie hatte sich wie eine Anfängerin benommen. Dabei hatte ihr Surflehrer der Gruppe von Anfang an eingetrichtert, dass die meisten Unfälle durch Kollisionen mit dem eigenen Surfbrett oder mit anderen Surfern passierten.
Irgendwann auf der Busfahrt legte João den Arm um ihre Schultern und Ana kuschelte sich an ihn, während sie Küsse austauschten. Er schmeckte nach Salz und Kaffee und nach Sonnencreme und Ozean. Eine wunderbare Zeit lang waren all ihre Zweifel und Sorgen vergessen. Es fühlte sich an, als wäre ein halbes Leben vergangen, als sie schließlich am Cais do Sodré die Fähre verließen.
„Ich kann dich gern nach Hause begleiten“, sagte João im Eingangsbereich zur U-Bahn.
Es war später Nachmittag. Ein Gewimmel aus Touristen und Einheimischen – bunt durchmischt – drängte sich durch die Station.
„Ein wahrer Kavalier.“ Ana lächelte, kurz davor, sein Angebot anzunehmen.
„Ich kann dich sogar weiter begleiten und sicherstellen, dass du deine Wohnung gut erreichst.“ João stützte sich mit dem Arm an der Wand ab. Er war ihr so nah, dass sie seinen würzigen Geruch aufnehmen konnte. Seine Augen hielten ihre gefangen. Unter der Intensität seines Blickes wurde ihr heiß.
Sie stellte sich vor, wie es wäre, ihn mit nach oben zu nehmen. Ihn in ihr Zimmer zu führen. Und dann? Unwillkürlich zuckte sie zusammen. João ließ seinen Arm fallen und wich zurück, als würde er spüren, dass ihr bei der Vorstellung unbehaglich wurde.
„So ist das nicht gemeint“, sagte sie hastig. „Ich – ich mag dich wirklich gern.“
„Ich dich auch.“ Er lächelte, aber es wirkte nicht mehr so selbstbewusst.
„Es ist nur … In drei Monaten bin ich weg.“
„Stimmt.“ João nickte.
„Was so was angeht, bin ich Team Beziehung oder Nichts.“
„Und für drei Monate lohnt es sich nicht, eine Beziehung anzufangen“, sagte João.
Die Worte versetzten ihr einen Stich. Obwohl er genau das gesagt hatte, was sie dachte. Habe ich ihn jetzt vertrieben? Lieber jetzt, bevor jemand verletzt wird. Ana zwang sich, keine Miene zu verziehen. „Genau.“
João schien nachzudenken. Er kratzte sich am Kinn und trat noch einen Schritt zurück. Der Abstand zwischen ihnen war das, was man während der Pandemie als „sozialkonform“ bezeichnet hätte. Ana vermisste seine Nähe, aber sie war nicht bereit, einen Kompromiss einzugehen. Sie würde keinen One-Night-Stand oder eine „lockere“ Sache tolerieren. Und sie machte sich keine Illusionen, innerhalb von drei Monaten eine nennenswerte Beziehung zu führen. In der Zeit hatte man sich im besten Fall kennengelernt. Ihre Entscheidung war vernünftig.
„Ich respektiere deine Position“, sagte João. „Aber ich würde dich gerne wiedersehen. Wir müssen nicht weitergehen. Deus. Wir können uns einfach sehen. So wie heute. Surfen. Reden. Küssen.“ Bei der Erwähnung von Letzterem schlich sich ein schiefes Lächeln über sein Gesicht.
Ana spürte, wie sich ihre Mundwinkel hoben. „Das klingt schön.“
Sias Unstoppable tönte ihr entgegen, als sie die Wohnungstür öffnete. Ana fand Veronica in der Küche. Ihre Mitbewohnerin aß die Reste der Croquetas, die sie am Freitag gemacht hatte, und starrte ins Leere. Ein kleiner Bluetooth-Lautsprecher stand neben ihr.
„Hi.“ Ana wusch sich die Hände. „You’re alright?“
Vero senkte die Gabel und stützte den Kopf auf den Händen ab. „Pablo ist heute früh abgereist.“
„Oh, das muss schwer sein.“ Ana goss sich ein Glas Wasser ein und setzte sich zu ihr. „Weißt du schon, wann ihr euch wiederseht?“
„Das ist es ja. Pablo ist im Studium eingespannt und mir gehen die Aufgaben auch nicht aus. Wahrscheinlich dauert es Monate.“
„Das tut mir so leid.“
„It is what it is. Niemand hat mich gezwungen, ein Auslandssemester zu machen. Girl, warst du heute schwimmen?“ Vero richtete sich auf und berührte Anas Haarspitzen. „Du hast ja richtige Beach Waves bekommen.“
Beim Gedanken an João stieg Hitze in ihr auf. Vor ihrem inneren Auge sah sie seinen muskulösen Oberkörper, sein verschmitztes Lächeln, die Art, wie er mit dem Daumen eine Strähne aus ihrem Gesicht strich, bevor er sie küsste. „Ich war schwimmen und surfen.“
„Aber nicht allein, oder? Du strahlst ja richtig.“ Vero lachte laut und herzlich. Jegliche Trübsal war aus ihrem Gesicht verschwunden. „Dein Date von Samstag?“
„Es war kein … Ja, er war es.“
„Erzähl mir alles.“
Ana wickelte sich eine Strähne um den Finger. „So viel gibt’s nicht zu erzählen. Wir haben uns gestern und heute getroffen. Gestern haben wir eine Stadttour gemacht und heute waren wir in Costa da Caparica.“
„Ihr habt euch zwei Tage in Folge getroffen?“ Veros Grinsen war unerträglich.
„Ja, aber …“
„Was aber?“
Ana seufzte. „Es hat keinen Wert. In drei Monaten bin ich eh weg.“
„Aber bis dahin könnt ihr doch eine gute Zeit haben.“ Vero halbierte eine Croqueta und schob sich das Stück in den Mund.
Vielleicht, aber was, wenn er mehr will? Sie würde sich nicht auf eine schnelle Nummer einlassen. Und gleichzeitig machte sie sich keine Illusionen. Drei Monate reichten nicht aus, um eine Beziehung zu führen.
„Habt ihr euch geküsst?“
Ana grinste. „Was glaubst du?“
„Chica!“ Vero klatschte begeistert in die Hände. „Immerhin ist eine von uns nicht einsam.“
Dafür bin ich nicht in einer langjährigen, glücklichen Beziehung. „Es war sehr schön.“
„Wow. Hast du übrigens Hunger?“
„Hunger?“
Vero zeigte auf die Küchenzeile hinter sich. „Ich habe gefühlt noch ein Kilo von denen. Bediene dich gerne. Sie sollten noch warm sein.“
„Rieche ich Croquetas?“ Ihre Mitbewohnerin Amelia rauschte in die Küche. Die Jurastudentin absolvierte gerade ihr Referendariat in einer renommierten Anwaltskanzlei. Darum war sie unter der Woche kaum zu Gesicht zu kriegen, und wenn, dann nur in Hosenanzug und Pumps, die bei jedem Schritt geschäftsmäßig klackerten. Heute trug Amelia eine Leggins und einen übergroßen Pulli, die Haare zu einem unordentlichen Dutt hochgesteckt.
„Bedien dich.“ Vero machte eine einladende Geste. „Ich habe viel zu viele gemacht.“
„Muito obrigada.“ Ein Gähnen verschluckte die letzten Silben. Ohne Amelias übliches Make-up traten die dunklen Augenringe deutlich hervor. Ein Kontrast zu ihrer – für portugiesische Verhältnisse – blassen Haut.
Ana und Amelia schnappten sich Teller, die sie mit Croquetas und Salat beluden, und setzten sich zu Vero an den Tisch.
„Chica, warst du dieses Wochenende mal draußen? Einkaufen zählt nicht.“
Amelia verdrehte die Augen. „Ich muss lernen. Ana, sag’s ihr, du kennst das doch auch.“
„Ich kenne den Stress. Aber du brauchst echt Ausgleich.“
„Schlaf ist mein Ausgleich.“ Amelia winkte ab, ein deutliches Zeichen, dass sie genug von den Einwänden hatte. „Was gibt’s Neues?“
„Pablo ist weg, und Ana hatte ein heißes Date.“
Ana zuckte zusammen. War doch klar, dass so etwas nicht lange geheim bleiben würde.
„Wie heißt er? Was macht er?“
„Er heißt João und ist Tourguide.“
„Ein Portugiese sogar.“ Amelia leckte sich über die Lippen. „Wie sieht er aus? Was habt ihr gemacht? Gab es einen Kuss?“
Während die Fragen auf sie einströmten, machte sich Ana eine mentale Notiz, zu Hause anzurufen. Wenn bereits ihre WG ihre Date-Geschichten kannte, war sie auch ihren Lieblingsmenschen zu Hause einen Bericht schuldig.
Ana
Bei ihrem fünften Treffen saßen sie im Jardim do Torel auf einer Decke, die João mitgebracht hatte, und aßen Erdbeeren, gewillt, es hier bis zum Sonnenuntergang auszuhalten. Um sie herum waren ausnahmslos Locals, die mit Pizzakartons und Bier ausgestattet, die Aussicht auf die Stadt genossen. Ana verstand, warum João diesen Park so sehr liebte. Vielleicht war die Aussicht nicht so spektakulär wie an den berühmteren Miradouros, dafür war der Park deutlich entspannter. Keine Influencer, die für Instagram posten, keine Touristen, die jeden Stein fotografieren mussten. Es roch nach frisch gemähtem Gras, und die Luft war erfüllt von fröhlichem Stimmengewirr.
João strich ihr über den Handrücken. Ana lächelte. Ihre Lippen waren warm, wo er sie geküsst hatte, und sie spürte ein angenehmes Flattern in ihrem Bauch, bereit für weitere Küsse.
„Ana?“ Joãos Stimme war sanft. „Ich verstehe, dass du ins Ausland wolltest, aber was führt dich nach Lisboa?“
Augenblicklich spürte sie die Anspannung in ihrem Rücken. Das Band, das sich gerade zwischen ihnen knüpfte, fühlte sich so zart, so leicht und warm an. Sie wollte es nicht mit der Schwere überziehen, die sich über ihr Herz gelegt hatte. Ihr erster Impuls war, zu lügen. Etwas Harmloses und Schlagfertiges. Am besten noch flirtend. Ihr Blick traf den seinen. Darin lagen so eine Offenheit und Wärme. Er verdiente die Wahrheit. Auch wenn es sie innerlich zerriss, über ihre Oma zu sprechen.
Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen. „Meine Oma ist vor einigen Monaten verstorben.“
„Deus. Es tut mir so leid.“
Die Anteilnahme in Joãos Gesicht war mehr, als sie ertragen konnte. Hastig blickte sie weg, starrte auf die Grashalme zwischen ihren Füßen. „Danke. Es … Es war hart.“
João strich über ihren Arm. „Deine portugiesische Oma?“
Ana nickte zittrig. Ihr Inneres war zum Zerreißen gespannt. Sie kämpfte gegen die Tränen. „Wir haben uns, als ich älter wurde, voneinander entfernt. Als Kind war sie der wichtigste Mensch in meinem Leben. Wichtiger als meine Eltern, als meine Freunde. Ich war beinahe jeden Tag bei ihr. Einmal hat Mama im Scherz gefragt, warum ich überhaupt ein Zimmer zu Hause habe.“ Joãos Hand malte beruhigende Kreise über ihren Rücken. Sanft, aber bestimmt. „Ich glaube, ich war so vierzehn – oder älter? Da haben wir uns zerstritten. Danach haben wir uns nicht mehr so oft gesehen. Und als ich fertig mit der Schule war und studierte … Ich hätte sie öfter besuchen sollen. Ich hätte anrufen sollen.“ Sie wischte sich mit der Hand die Tränen aus den Augen, blinzelte sie fort.
Auf der unteren Terrasse im Jardim befand sich ein kleiner Springbrunnen. Zwei Jungs spielten um ihn herum Fußball. Ihr Lachen schallte bis zu ihr hinauf. Ein merkwürdiger Kontrast zu der Leere, die sie empfand.
„Leider wissen wir so etwas erst zu spät“, sagte João leise. Der Schmerz in seiner Stimme ließ sie aufblicken. „Möchtest du darüber reden?“
„Meine Oma ist vor ein paar Jahren gestorben. Es war sehr schwer für meinen Papa und besonders für meinen Opa. Ich glaube, er ist beinahe durchgedreht in der leeren Wohnung. Darum haben meine Eltern ihn zu sich geholt.“
Joãos Hand lag nicht länger auf ihrem Rücken, sondern zur Faust geballt auf der Decke. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf seine, löste seine Faust und verschränkte ihre Finger mit seinen.
„Das tut mir so unendlich leid.“ Es schmerzte zu sehen, wie sehr er unter dem Verlust litt.
„Es wird mit der Zeit leichter, aber der Schmerz geht nie ganz weg.“ João drückte ihre Hand. Seine Augen waren glasig. „Was ist mit deinem Opa?“
„Er ist vor langer Zeit gestorben. Ich habe kaum Erinnerungen an ihn. Ich weiß nur, dass meine Oma ihn sehr geliebt hat. Papa ist traurig, dass ich ihn nicht richtig kennengelernt habe. Er meinte, wir hätten uns gut verstanden.“ Sie spürte die Anspannung in ihrem Kiefer. „Deshalb bin ich hier. Ich dachte immer, meine Oma hätte sich in einen Deutschen verliebt und wäre darum ausgewandert.“
„Romantisch.“ João grinste.
Ana lächelte, auch wenn ihr nicht danach war. „Dachte ich auch, aber nein. Da war mehr dahinter. All die Jahre fragte sich mein Vater, warum er nie die portugiesische Seite seiner Familie kennenlernte. Nach Omas Tod räumte ich zusammen mit meinen Eltern und Alicia ihre Wohnung leer, und dann fand ich die Briefe. Von Omas Schwester. Dem Aussehen nach sehr alt. Wir hatten Mühe, die Handschrift zu entziffern. Es stellte sich heraus, dass Oma und Opa regelrecht nach Deutschland geflohen sind. Die Briefe sind so unklar – ich verstehe nicht, was passiert ist. Und darum bin ich hier.“
„Um herauszufinden, was deine Oma nach Deutschland getrieben hat.“
„Genau.“ Ana rupfte einen Grashalm zu ihren Füßen aus der Erde. „Diese Briefe sind alles, was ich noch von ihr habe. Ich will einfach herausfinden, was passiert ist. Was für ein Mensch sie war.“ Die Worte ihres Vaters hallten in ihrem Kopf. „Und nein, ich weiß, dass ich sie dadurch nicht zurückhole. Ich weiß, dass ich die Vergangenheit nicht ändern kann und dass man Sachen einfach ruhen lassen sollte. Wenn meine Oma nichts davon erzählen wollte, sollte ich nicht nachstochern. Ich verstehe das doch alles, aber … Was?“
Der Ausdruck in Joãos Augen hatte nun etwas Amüsiertes. „Kann es sein, dass du diese Diskussion schon einige Male geführt hast?“
Ein Seufzer entwich ihr. „Öfter, als ich mitzählen möchte.“
„Ich als jemand, der absolut vernarrt in Geschichte ist, halte es nicht für einen Fehler, etwas über die Vergangenheit herauszufinden.“
„Wirklich?“
João lachte leise. „Wirklich.“
„Dann bist du der Erste, der so denkt.“
„Du bist also hier, um zu forschen?“
Die kurze Freude, die sein Verständnis ausgelöst hatte, war verschwunden, und das Gefühl der Schwere kehrte zurück. „Ja, aber manchmal kommt es mir einfach nur hoffnungslos vor.“
„Ist es so schwer, etwas herauszufinden?“
„Viel schwerer, als ich dachte. Es gibt keine Unterlagen, die den Mädchennamen meiner Oma führen. Auch die Briefumschläge sind nicht mehr da. Ich hab keine Ahnung, wo ich überhaupt anfangen soll. Wie soll ich da jemals etwas über sie herausfinden?“
João kratzte sich am Kinn. „Keine vollständigen Namen zu haben, macht die Sache herausfordernd, aber nicht unmöglich. Hast du die Briefe mitgenommen?“
Ana nickte hastig. Hoffnung keimte in ihr auf. Könnte João ihr tatsächlich helfen?
„Wenn du möchtest, können wir uns die Briefe zusammen anschauen. Da sind bestimmt noch mehr Hinweise.“
„Das würdest du tun?“
„Claro que sim. Was hältst du davon, wenn wir uns morgen nach meiner Arbeit treffen und die Briefe anschauen? Ich kenne ein schönes Café im Zentrum.“
Ana lächelte. „Das klingt wundervoll.“
„Deal?“
Und dann nahm sie sein Gesicht zwischen die Hände und küsste ihn.