Leseprobe Nosey Parker ermittelt Band 1-3 | Die Cornwall Cosy Crime-Reihe

Prolog

Ich bin nicht abergläubisch. War ich nie. Ich gehe absichtlich unter Leitern durch und ich ermutige schwarze Katzen meinen Weg zu kreuzen. Meine alte Partnerin auf der Streife, Helen, hatte darüber gelacht und mir immer gesagt, dass ich das Schicksal herausfordern würde, als würde ich dastehen, die Fäuste erhoben und schreien Komm schon, ist das alles, was du zu bieten hast? Aber das habe ich nicht. Nicht wirklich. Ich habe das Schicksal nie herausgefordert; ich kann nur manchmal nicht anders, als es ein bisschen zu stupsen. Wenn ich sehe, dass etwas falsch läuft, muss ich mich einmischen.

Ich bin nicht abergläubisch, aber ich habe ein paar Rituale, die eher mehr damit zu tun haben, schlechtes Karma zu vermeiden oder Murphys Gesetz. Das machen viele Bullen. Dinge wie, dass, wenn man in ein Café oder Restaurant geht, sich immer der Tür gegenüber setzt, damit man jeden sehen kann, der hereinkommt und es verlässt (was das Leben erheblich erschwert, wenn man mit einem anderen Polizisten ausgeht, denn man findet nie den richtigen Tisch und keiner von beiden gibt nach, weshalb man nebeneinander sitzend endet). Oder, dass man seine Schuhe vor einer Freitag- oder Samstagnacht-Schicht nicht putzt, denn, wenn man es tut, trifft man garantiert auf einen Junggesellinnenabschied, die sich, um drei Uhr nachts, versuchen vor einem Nachtclub gegenseitig mit ihren Stilettos zu erstechen und eine von ihnen wird definitiv sieben Bacardi Breezer und einen Döner Kebab auf deinem glänzenden Schuhwerk entleeren, während du sie in den Wagen verfrachtest. So was in der Art.

Die andere Sache, die ich mache, ist immer eine Glückwunschkarte für die Nachmieter zu hinterlassen, wenn ich umziehe. Ich war schon oft umgezogen. Da gab es die schmuddelige Einzimmerwohnung, in der ich unterkam, als ich nach London gezogen bin. Ich habe sie geliebt, weil es die erste Wohnung war, die meine war (wenn auch bloß gemietet), und ich war ein erwachsener Mensch und mein Leben hatte gerade begonnen und alles war so aufregend. Ich lebte nicht mehr bei meinen Eltern und trat in die Fußstapfen meines Vaters, ohne endlich mal in seinem Schatten zu stehen. All das trotz des heiß und kalt beeinflussten Schimmels und der furchtbaren Zugluft durch das einzige Fenster und einem Vermieter, der sich weigerte, irgendetwas zu reparieren, bis ich sagte, dass ich ein Bulle war. Und dann reparierte er immer noch nichts; er erhöhte die Miete nur jede Woche um einen Hunderter, bis ich auszog. Dann gab es die Wohngemeinschaften – meistens mit anderen Polizisten von derselben Wache – was sinnvoll war, bis wir alle andere Schichten bekamen, denn danach machte es keinen Unterschied mehr, welche Tageszeit war, es gab immer jemanden, der versuchte zu schlafen und jemand anderen, der alle aufweckte, wenn er nach Hause kam und jemanden, der sich fertig machte, um wieder rauszugehen. Das war besonders stressig. Dann war da die schöne Wohnung, in der ich mich wiederfand, kurz bevor ich Richard kennenlernte; sie war klein, aber perfekt geschnitten und ruhig. Ich hatte ein billiges Poster eines bekannten Gemäldes der Küste meiner Heimatstadt in Cornwall gekauft und saß davor, in meiner wunderschönen, friedvollen Wohnung, starrte das Bild an und dachte daran, wie sich das Licht auf dem Meer zu Hause brach, und weinte, weil ich so verdammt alleine war und Heimweh hatte, wenn ich nicht gerade auf der Arbeit war, aber ich würde nicht aufgeben, zurückgehen und zugeben, dass es falsch war zu gehen.

Und dann war da dieses Haus hier. Es war das erste Haus, das mir tatsächlich gehört hatte – uns gehört hatte, mir und Richard –, und obwohl es nicht perfekt war, war es doch voller Erinnerungen. Erinnerungen an Richard, wie er mich über die Schwelle trug, nachdem wir geheiratet hatten, und meinen Kopf dabei an den Türrahmen knallte. Das war schlechtes Karma und hätte mich, im Hinblick auf die Zukunft misstrauisch werden lassen sollen. Wie wir unsere Tochter Daisy aus dem Krankenhaus brachten, nach endlos langen Wehen, welche mir das Kinderkriegen für mindestens ein Jahr versaute, Richard hatte es schon da ganz abgeschrieben. Es dauerte noch ein paar Jahre, bevor ich herausfand, warum.

Die Glückwunschkarte lag auf dem Küchentresen, der vor einem Tag noch voll mit Kochbüchern und Küchengeräten gewesen, heute aber leer geräumt war. Sie waren in einem Karton, in einem Umzugswagen, der schon längst weggefahren war. Das Bild vorne war ein schönes Landhaus aus Stein, um dessen Tür Rosen wuchsen. Ironischerweise sah es überhaupt nicht wie dieses Haus aus, sondern eher wie das, in welches wir nun ziehen würden. Ich nahm den Stift auf und formulierte in meinem Kopf einen Text.

Viel Glück in Ihrem neuen Zuhause. Ich hoffe, Sie werden hier so glücklich, wie ich es war.

… oder so glücklich, wie ich war, bevor ich herausfand, dass mein dummer, nutzloser Kann-es-nicht-in-seiner-Hose-behalten-Ehemann mich betrog.

Ich hoffe, Sie werden so glücklich, wie ich es war, als ich ihn aus diesem Haus und aus unseren Leben jagte, bevor er mit seiner neuen Freundin in eine Wohnung nur zehn Minuten entfernt zusammenzog, aber seine Tochter TROTZDEM ständig hängen ließ, indem er zu spät auftauchte, obwohl er ihr versprochen hatte, etwas mit ihr zu unternehmen (wenn er überhaupt auftauchte). Wenn wir meilenweit weg wohnen, würde er sie nicht mehr hängen lassen können, da sie nichts mehr von ihm erwarten würde (sie weiß es eigentlich jetzt schon besser, aber sie ist erst zwölf, also hofft sie natürlich immer noch).

Ich hoffe, Sie werden hier so glücklich, wie ich es war, als ich es mir noch leisten konnte, die Hypothek abzubezahlen, bevor er anfing sich darüber zu beschweren, dass er Unterhaltszahlungen leisten sollte, und bevor ich meinen Job verließ, den ich so liebte, aber meine Tochter (nach einem besonders hässlichen Vorfall) nicht. Ich konnte sie verstehen. Wenn mir etwas passierte, würde sie bei ihrem Vater leben müssen, der, wie wir jetzt wissen, eine totale Verschwendung von Platz, Sauerstoff und den natürlichen Ressourcen der Erde war. Also kündigte ich, schulte um und jetzt sind wir beide bereit, woanders neu zu starten.

Ich hoffe, Sie werden hier glücklich, wenn Sie ein Vermögen ausgeben für dieses winzige Haus mit seinem kleinen Garten, lauten Nachbarn und der geschäftigen Straße, während ich wesentlich weniger für etwas Größeres zahlen werde, mit schöner Aussicht aufs Meer und Nachbarn, die mich eher um sechs Uhr mit ihrem Määäh aufwecken werden als um drei Uhr nachts, wenn sie von einer feuchtfröhlichen Nacht im Club heimkehren.

Hm. Vielleicht dachte ich zu viel darüber nach. Ich öffnete die Karte und schrieb.

Viel Glück.

Es war definitiv Zeit, nach Hause zu gehen.

Kapitel 1

Lustig, wie sich die Dinge manchmal entwickeln. Ich wollte eigentlich nur ein Sofa kaufen.

Penhaligons war eines dieser altmodischen, familiengeführten Kaufhäuser – die Art, die es vor langer Zeit beinahe in jeder Stadt gegeben hatte, die nun aber immer häufiger verschwanden (aus gutem Grund, um ehrlich zu sein; das meiste des Angebots sah aus, als wäre es aus den Fünfzigern übriggeblieben und wurde zu so einem exorbitanten Preis verkauft, dass man sich gezwungen fühlte, draußen nachzusehen, ob man nicht aus Versehen in das Harrods hereingestolpert war). Aber Penhaligon hatte es überstanden, blieb während eines Weltkrieges geöffnet, überlebte eine Wirtschaftskrise und den Aufstieg des Onlineshoppings. Die Zombie-Apokalypse könnte Cornwall überrollen (Ich weiß, ich weiß, würde das überhaupt jemand merken?) und Penhaligons würde immer noch da sein, sich stur an seinen Spitzenplatz auf der Fore Street klammern, und die Bedürfnisse sowohl der Einheimischen und auch der untoten, hirnfressenden Horde („Urlauber“, wie sie auch genannt werden) befriedigen. Ich hätte mich normalerweise nicht im Penhaligons aufgehalten, aber wir waren jetzt seit vier Tagen in unserem neuen Haus und Daisy und ich hatten es satt auf den alten Gartenstühlen meiner Mutter zu sitzen – die waren buchstäblich für den Arsch –, also ging ich kurz rein, weil ich vorbeikam.

Es hatte sich, seit ich das letzte Mal dort gewesen war, kaum verändert. Überhaupt hatte es sich, seit ich das erste Mal vor vierzig Jahren dort gewesen war, kaum verändert. Aber ich war angenehm überrascht, dass man der Möbelabteilung frischen Wind eingehaucht hatte und es ein paar Sitzmöbel gab, die aussahen, als wären sie tatsächlich nach dem Fall der Berliner Mauer entworfen worden (anstatt vor ihrem Bau).

Ich sank dankbar in ein großes, flauschiges Sofa, strich anerkennend über den Stoff und griff nach dem Preisschild. Die Zahlen ließen mich panisch nach Luft schnappen (und nach einer nichts ahnenden Fliege, die arglos vorbeischwebte), aber die Worte „Wir liefern am nächsten Tag!“ hatten sofort einen beruhigenden Effekt.

Ich erhob mich, um es mir noch einmal in seiner vollen Größe anzusehen und erschrak, als eine Stimme quer durch den Laden nach mir rief.

„Oh mein Gott, Jodie „Nosey“ Parker! Die neugierige Nosey! Bist du es wirklich?“

Ich drehte mich um, obwohl ich schon wusste, wer es war. Tony Penhaligon, Ururenkel des ersten Mr Penhaligon, alter Klassenkamerad und ehemaliger Freund (wir waren 1994 zwei Wochen zusammen, haben ein bisschen Händchen gehalten, geküsst, aber niemals – igitt – mit Zunge), stand vor mir, ein breites Grinsen im Gesicht. Wie das Familiengeschäft, hatte er sich auch über die letzten vierzig Jahre kaum verändert und jedes Mal, wenn ich ihn sah, konnte ich immer noch den kleinen, nervigen Jungen mit der laufenden Nase erkennen, der am ersten Schultag in Mrs Hobsons Klasse neben mir saß. Aber er hatte ein gutes Herz und es war so schön, ein freundliches Gesicht zu sehen.

Ich musste zweimal hinsehen, als ich ihn vor mir hatte. Moment mal; er hatte sich tatsächlich doch verändert. Das letzte Mal, als ich ihn gesehen hatte, während einer meiner Besuche bei meiner Mutter, hatte er die typische Physis eines Familienvaters, ein kleines Bäuchlein von zu vielen Fleischpasteten und Bieren. Das war nun verschwunden und er sah recht schlank aus. Verschwunden war auch die wenig schmeichelhafte Arbeitskleidung, bestehend aus einem weißen Poloshirt und schwarzer Hose, und war ersetzt worden durch einen smarten, gut sitzenden und teuer aussehenden Anzug. Eine kleine Stimme in meinem Kopf sagte, jetzt dürfte er auf jeden Fall seine Zunge einsetzen, bevor ich sie mit einem inneren, verächtlichen Blick zum Schweigen bringen konnte.

„Es ist ganz schön lange her, Tone. Ich habe dich nicht gesehen, seit –“

„Silvester, vor drei Jahren.“

Ich lachte. „Du hast ein gutes Gedächtnis.“

„Es war das letzte Mal, dass hier was Spannendes passiert ist. Hast du deinen Vorsatz eingehalten?“

„Das war das erste Weihnachten, nachdem Richard und ich uns getrennt hatten“, sagte ich. „Ich glaube, da habe ich im betrunkenen Zustand einige Vorsätze formuliert.“

Tony grinste. „Ja, da gab es ein oder zwei. Aber sag mal, hast du dich an deinen Hauptvorsatz gehalten? Dich von Idioten fernhalten?“

„Oh, nach diesem Motto lebe ich heutzutage. Was war deiner?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich verkünde meine nie. So kann niemand wissen, ob ich mich daran gehalten habe oder nicht.“

„Und hast du?“

„Nein. Aber das ist jetzt sowieso egal. Also, was machst du hier? Besuchst du deine Mutter? Ich habe gehört, dass sie krank war.“

„Ich kaufe ein Sofa“, sagte ich.

„Du weißt aber, dass wir nicht nach London liefern“, sagte er.

„Das macht gar nichts, denn da wohne ich nicht mehr.“

Er sah überrascht aus. „Seit wann? Heißt das, du bist zurück?“

„Ja.“

Ich konnte sehen, dass er gerne mehr gefragt hätte, aber mich nicht zu sehr bedrängen und seine Kommission verlieren wollte, das wäre wohl zu viel für ihn. Außerdem wusste er, dass, wenn ich jetzt hierbleiben würde, er es irgendwann sowieso erfuhr.

„Also, was hältst du von diesem Sofa?“

Ich setzte mich wieder. „Ehrlich gesagt, es fühlt sich an, als wäre mein Hintern gestorben und in den Himmel aufgestiegen, wo er von den Flügeln eines Engels liebkost wird.“

Er lachte laut auf. „Willst du einen Job in unserer Marketingabteilung? Ich habe schon immer gesagt, du hättest Dichterin werden sollen und kein Bulle.“

„Bin ich auch nicht mehr“, sagte ich, suchte in meiner Handtasche herum und gab ihm eine meiner neuen Visitenkarten.

„‚Partys und Pasteten’“, las er. „Was ist das?“

„Mein neues Geschäft“, sagte ich. „Ich habe es gerade gegründet –“

„Warte, du bist jetzt Köchin? Arbeitest du auch auf Hochzeiten?“ Tony blickte mich hoffnungsvoll an.

„Hochzeiten, Taufen, Bar-Mizwa, was du willst. Wenn Leute dort Essen wollen, kann ich es liefern.“ Ich hoffte jedenfalls, ich könnte es; ich hatte bisher noch keine Kunden gehabt, aber in der Theorie …

„Das ist fantastisch!“, schrie Tony. „Das ist … Wie heißt dieses Wort noch mal? Serenpidität?“ Ich dachte daran, ihn zu korrigieren, entschied mich aber dagegen; wir würden uns beide nur schlecht fühlen. Er winkte ohnehin schon einer Frau auf der anderen Seite des Ladens, die argwöhnisch um eine Vitrine herumgeschlichen war, in der Kristallvasen präsentiert waren. „Cheryl! Komm mal rüber! Ich habe einen Caterer gefunden!“

Er hielt ihr meine Visitenkarte hin, als sie näher kam. Sie überflog sie, sah an mir rauf und runter, offensichtlich nicht beeindruckt von dem, was sie sah. Was ich ihr nicht übel nehmen konnte, denn ich war nur schnell, während die zweite Schicht Farbe trocknete, rausgegangen, um Teebeutel zu kaufen, und sah wohl mehr nach Michelin-Mann als Michelin-Sternekoch aus.

„Wir heiraten“, verkündete Tony stolz und ich konnte verstehen, warum. Trotz Cheryls momentanen Gesichtsausdrucks, der dem einer Bulldogge ähnelte, die an einer Zitrone gelutscht hatte, sah sie (wahrscheinlich, im richtigen Licht) recht attraktiv aus, und war etwa zehn Jahre jünger als er, obwohl sie sich eher wie Joan Collins während ihrer Denver-Clan-Ära anzog. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal Schulterpolster dieser Größe gesehen hatte, abgesehen von denen beim Super Bowl. Es erklärte sowohl den schicken Anzug, den Tony im Moment trug, als auch seine neuerlich schlanke Figur.

„Glückwunsch“, sagte ich. Er verdiente es, glücklich zu sein.

Tonys erste Frau hatte ihn für ihre Fahrlehrerin verlassen, ein Betrug, der nur noch durch die Tatsache verschlimmert wurde, dass Tony die Fahrstunden bezahlt und sie nicht den Anstand gehabt hatte, ihn zu verlassen, bevor sie ihre Prüfung bestand (nach drei Versuchen), einen Autobahn-Sicherheitskurs, einen Defensives-Fahren-Kurs und die Hälfte der Stunden für ihren LKW-Führerschein abgeleistet hatte. Die Beziehung zur Fahrlehrerin hielt auch nicht lange und, laut meiner Mutter, die ihre Mutter kannte, fuhr sie nun Kraftfahrzeuge rauf und runter durchs Land, begleitet von ihrem Hund – einem Zwergspitz namens Germaine.

Ich hoffte, dass er mich bitten würde, ihr Catering zu übernehmen – ich brauchte das Geld –, aber im selben Moment war ich mir dann doch nicht so sicher, ob ich es riskieren wollte, seine Hochzeitsfeier zu ruinieren. Ach, ich würde einfach nur alles sehr, sehr vorsichtig planen müssen.

„Unser Caterer hat uns hängen lassen und die Hochzeit ist schon nächstes Wochenende“, sagte er.

Nächstes Wochenende? Heilige –

„Ich sagte gerade zu Jodie“, er wandte sich an seine Verlobte, zeigte auf mich mit einer schnellen Handbewegung, „ich sagte gerade, das ist doch ein glücklicher Zufall, eine Serenpidität –“

„Serendipität“, korrigierte sie ihn, lächelte herablassend. Hmm. „Also – Jodie, richtig? – hast du Empfehlungsschreiben? Auf wie vielen Hochzeiten hast du schon gecatert? Wir haben einen sehr edlen Ort für die Feier – das Parkview Manor Hotel – kennst du es? – und es werden viele Gäste aus dem ganzen Land kommen.“

Ich öffnete gerade meinen Mund, um zu gestehen, dass ich tatsächlich noch nie eine Hochzeit versorgt hatte, aber dass sie, so kurz vor ihrem Hochzeitstag, Glück haben müssten, jemanden zu finden, der bereit wäre (oder so verzweifelt das Geld bräuchte) wie ich. Doch Tony war schneller.

„Ihre Referenzen sind, dass sie eine alte Freundin und ehemaliger Polizist ist und du keine bessere Empfehlung als das bekommst“, sagte er. Cheryl kräuselte ihre Lippen, widersprach aber nicht, denn offensichtlich war ihr bewusst, dass sie keine große Wahl hatte, wenn sie ihren anspruchsvollen Gästen nicht Pastete und Fritten im wenig anspruchsvollen Kings Arms auf dem Marktplatz servieren wollte. Ich lächelte.

„Ich mach’s für denselben Preis, den euer letzter Caterer veranschlagt hatte, wenn du das Sofa drauflegst.“

***

So fand ich mich also sechs Tage später vor dem eindrucksvollen Eingang des Parkview Manor Hotels wieder. Es war früher Abend, der Tag vor der Hochzeit des Jahrhunderts™; viele der Gäste würden übernachten und Tony hatte mich (gegen Cheryls Wunsch, schätze ich) zum Willkommensempfang eingeladen. Ich zog mein Kleid herunter; ich hatte etwas zugelegt, seit ich die Polizei verlassen hatte, noch mehr seit meinem Catering-Kochkurs, und meine Ausgehkleider, die ich sowieso nur noch selten trug, begannen alle ein bisschen zu kneifen. Meine Schuhe drückten schon an meinen Zehen. Es waren keine Jimmy Choos, aber sie waren die einzigen in meiner Garderobe, die nicht von Dr. Marten oder Nike waren. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich morgen nur in der Küche verbringen und meine wesentlich vernünftigeren Jeans und Turnschuhe tragen würde, atmete tief durch und ging rein.

Das Foyer des Hotels wirkte sehr vornehm und hätte auch in London sein können, anstelle in der Idylle von Cornwall. Jede Ablagefläche war aus Marmor und ich bekam das Gefühl, wenn ich hier noch länger stehen und gaffen würde, würde ich auch zur Marmorsäule werden. Es gab große, exotische Farne und überall waren Strelitzien zu finden, und die Pflanzenkillerin in mir (ich hatte braune Daumen) vermutete sofort Plastikpflanzen. Ich strich unauffällig über ein Blatt, als ich daran vorbeiging (und verurteilte damit den armen ahnungslosen Farn zum Tode); sie waren echt und wurden gut gepflegt.

Ich konnte mich vage an die Dame hinter der Rezeption erinnern. Obwohl ich seit fast zwanzig Jahren nicht mehr in Penstowan gelebt hatte, war ich hier aufgewachsen und zur Schule gegangen, und fünfundsiebzig Prozent der Einwohner waren entweder alte Klassenkameraden, deren Geschwister oder Eltern. Sie lächelte und neigte ihren Kopf in Richtung des Schildes „Penhaligon und Laity Hochzeit“, mit einem Foto des glücklichen Paares und einem Pfeil, der in Richtung des Veranstaltungssaals wies. Es war komischerweise sehr ruhig, nur ein wenig Musik und Geplapper waren im Foyer zu hören.

Im Saal waren nur ein paar Gäste, die an der Bar redeten, und Tony, der Audienz hielt. Er war offensichtlich sehr aufgeregt vor seinem großen Tag und plapperte mit jungenhaftem Enthusiasmus, der sehr liebenswert wirkte. Es war immer noch recht früh, also war das wohl noch nicht alles; Cheryl hatte gesagt, dass Gäste aus dem ganzen Land kommen würden, also waren die vielleicht einfach noch nicht da.

„Die neugierige Nosey!“, rief Tony. Also das war weniger liebenswert. Ich musste mit ihm noch mal ein Wörtchen über meinen Spitznamen aus der Kindheit reden. Ich setzte ein Lächeln auf und trottete hinüber, verzog das Gesicht aber angesichts der Blase, die sich bereits an meinem kleinen Zeh bildete.

Aber ich erreichte Tony und seine Kumpel nie, denn die Aufmerksamkeit aller wurde plötzlich zum Eingang des Veranstaltungssaals gezogen. Die Flügeltür war aufgestoßen worden und Cheryl stand dort, lächelte glückselig angesichts der versammelten Gäste. Sie war aufgetakelt und trug ein eng anliegendes Cocktailkleid aus tiefroter Seide, während ihr Haar seriös gestylt und mit Haarspray zementiert war. Sie rockte immer noch den Achtzigerjahre-Stil Stil und man konnte nicht leugnen, dass es sie es gut machte. Mein billiges Kleid aus dem Kaufhaus und die hässlichen Schuhe fühlten sich unter ihrem Blick noch unbequemer an und ich konnte es nicht erwarten, nach Hause zu kommen und meinen Pyjama anzuziehen.

Sie wartete noch einen Moment länger, ihren dramatischen Auftritt auskostend, und öffnete dann ihren Mund, um zu sprechen.

Ihre Worte erstarben sofort, als sie plötzlich aus dem Sichtfeld aller verschwand, umgerannt und zur Seite geworfen von einer kreischenden Harpyie in einem kakifarbenen Overall.

Kapitel 2

Für den Bruchteil einer Sekunde bewegte sich niemand; wir alle fragten uns, was zur Hölle gerade passiert war. Und dann hörte man Geräusche eines handfesten Zickenkriegs aus dem Foyer.

Ich sprang aus meinen dummen, unbequemen Schuhen und rannte nach draußen, wo ich Cheryl auf dem Boden liegend fand, ihre Hände in die Luft geworfen, wobei sie versuchte die Irre zu würgen, die rittlings auf ihr saß – eine Irre, die ihr immer noch Drohungen zukeuchte.

„Mel?“ Tony kam Sekunden nach mir an und stand einfach nur erstaunt da.

„Ist das wirklich Mel?“, fragte ich verwundert. Ich hatte Tonys Ex-Frau seit Jahren nicht mehr gesehen und beim letzten Mal hatte sie einen wunderschönen roten Lockenkopf gehabt. Die Harpyie hier hatte gebleichte, blonde Haare, die sehr kurz geschnitten und dornenartig gestylt waren.

„Du kannst ihn nicht heiraten!“, schrie die Harpyie. „Du liebst ihn nicht! Ich werde nicht zulassen, dass du sein Leben zerstörst!“

Du hast das doch schon getan, du Kuh!“, zischte Cheryl, die Mühe hatte, unter Mels, nicht unbeträchtlichen, Gewicht zu atmen. Ich musste zugeben, sie hatte irgendwie recht.

Das Ganze war unterhaltsam, aber ging langsam zu weit. Keiner der anderen schien das stoppen zu wollen – die waren alle noch zu geschockt –, also schritt ich ein. Ich war dafür immerhin trainiert worden.

„Okay, meine Damen, das reicht“, sagte ich, während ich versuchte Cheryls Finger von Mels Hals zu schälen. Als das nicht funktionierte – sie hatte einen verdammt starken Griff für jemanden mit so gut manikürten Nägeln –, schlug ich ihr mit meiner Handkante kräftig auf die Innenseite ihres Ellbogens, was sie zum Schreien brachte, woraufhin sie aber losließ. Dann zog ich Mel auf ihre Füße und stellte mich zwischen die beiden Frauen.

Ich blitzte Tony und die (hauptsächlich männlichen) Schaulustigen an, die uns blöd anglotzten.

„Alles in Ordnung, Männer, helft bloß nicht oder so was, verdammt noch mal“, sagte ich und verdrehte die Augen. Tony schüttelte sich und half Cheryl dann auf.

„Sie kann ihn nicht heiraten!“, schrie Mel und streckte sich, um die wütende und nicht mehr ganz so liebliche Braut zu erwischen. Ich schüttelte sie und drehte sie zu mir.

„Mel“, begann ich. „Mel! Beruhige dich. Erinnerst du dich an mich? Jodie?“

Sie sah mich an und die Erinnerung schien zurückzukommen.

„Bist du nicht die, die abgehauen und zur Polizei gegangen ist? Was machst du hier?“ Eine Welle der Erleichterung schien über sie zu rollen. „Ermittelst du gegen die? Bist du –“

„Beruhige dich einfach“, sagte ich. „Ich lass dich jetzt los, damit wir vernünftig miteinander reden können, okay? Ich will nicht, dass sich das, was-auch-immer-das-war, wiederholt.“

„Ich will die Polizei hier. SOFORT!“, schrie Cheryl. Sie war sichtlich erschüttert, aber ich konnte nicht anders, als zu glauben, dass sie es genoss, das Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein, oder zu bemerken, dass ihre lackierten Haare sich während der Schlacht eben kaum bewegt hatten. Sie musste es mit flüssigem Kevlar besprüht haben.

Tony sah mich hilflos an. Ich schien diesen Effekt auf Männer zu haben; an irgendeinem Punkt in der Beziehung sahen sie mich immer so hilflos an. Ich seufzte.

„Lass uns nichts übereilen, Cheryl“, sagte ich. Sie funkelte mich an, aber ich fuhr fort, bevor sie mich anschreien konnte. Ich entwickle normalerweise nicht gleich Hass auf eine Person, aber mit ihr konnte ich wirklich nicht warm werden. „Es ist die Nacht vor deiner Hochzeit, eure Gäste kommen heute alle und ihr solltet eine Party feiern. Willst du deinen Abend wirklich auf der Polizeistation verbringen? Es wird Stunden dauern, bis alle Aussagen aufgenommen werden. Dein ganzer Abend wäre ruiniert.“

Tony sah mich dankbar an und ich vergab ihm, dass er ein hilfloses Weichei gewesen war. Mein gutes Herz bringt mich eines Tages noch ins Grab.

„Jodie hat recht“, sagte er. „Lass uns einfach gehen und was trinken und die ganze Sache vergessen, ja? Es ist doch nichts passiert.“

Cheryl sah für einen Moment aus, als wollte sie noch etwas sagen und einen Strom von verbalem Missbrauch loslassen, der einen Seemann erröten lassen würde.

„Hallo, hallo, hallöchen, was ist denn hier los?“ Die Stimme dieses Mannes ließ Cheryl auf der Stelle erstarren. Wir alle drehten uns um und starrten auf die kleine Gruppe Gäste, die gerade im Foyer eintraf, zu uns herübersah und sich offenbar amüsiert fragte, ob sie das Unterhaltungsprogramm des Abends schon verpasst hatte.

Ich sah den Mann an, der, was von Rechts wegen als ehemalige Polizistin mein Spruch war, geklaut hatte. Er war in seinen frühen Sechzigern, modisch und gut angezogen, in lockerer, aber teurer Kleidung. Ein Ralph Lauren Polospieler tollte diskret unter der Brusttasche seines Shirts und die dicke Taucheruhr an seinem Handgelenk sah nicht wie eine billige Imitation vom Markt aus. Er strahlte Selbstsicherheit und Witz aus, speziell wenn es auf Kosten anderer war. Hinter ihm stand ein weiterer, jüngerer Mann, gut aussehend auf eine arrogante Art – die Art von Typ, von der du tief drinnen weißt, dass du ihm nicht vertrauen kannst, der dich aber vom Gegenteil überzeugen kann, gerade lange genug, um dir an die Wäsche zu gehen. Ein boshaftes Lächeln, fast spöttisch, breitete sich auf seinem Gesicht aus, während er Cheryl ansah, die untypisch still geworden war.

„Alles klar, Chel?“ Seine Stimme hatte einen verhöhnenden, leicht angriffslustigen Ton. „Mein Name war nicht auf der Einladung, aber ich bin sicher, das war keine Absicht.“

„Wir haben dir eine geschickt“, sagte Tony peinlich berührt. „Die Post hier …“

Der ältere Mann lächelte – er war sichtlich erheitert, sowohl von Tonys offensichtlichem Unbehagen als auch von dem Schauspiel vor ihm – und senkte seinen Kopf in Richtung Mel.

„Ist das die Bühnenshow? Ich halte nicht viel von deinem Talent als Stripperin.“

Oh, also war er ein Arsch. Gut, das gleich zu erfahren.

„Das hilft wirklich nicht weiter, Mr …?“, sagte ich mit meiner besten Polizistinnenstimme. Manche Dinge verliert man nie.

„Laity. Roger Laity.“ Er hielt mir seine Hand zum Schütteln hin, aber die waren immer noch damit beschäftigt, Mel festzuhalten. „Onkel der liebreizenden Braut.“

„Nun, Mr Laity, wenn Sie und der Rest der Gruppe sich jetzt auf den Weg in den Saal machen könnten, anstatt hier zu stehen und witzige Kommentare zu machen, würde das helfen, die Feier Ihrer Nichte zu retten, denken Sie nicht?“

Er sah mich abschätzig an. Ich hatte den Eindruck, dass er erwartete, mich erröten oder unter seinem Blick zusammenbrechen zu sehen, aber nun, er kannte mich nicht. Er drehte sich um und tätschelte Tony herablassend den Rücken: Du kannst dich entspannen, der echte Mann der Familie ist angekommen. Tony sah aus, als wollte er sich an der Stelle waschen und sich möglicherweise desinfizieren, die sein Onkel in spe berührt hatte, und ich empfand Mitleid für ihn. Alles, was er wollte, war eine schöne Hochzeit.

„Komm schon, Babe“, sagte Tony, der Cheryl mitzog.

Die künftige Braut schickte Mel einen mörderischen Blick zu, die es verdiente, um ehrlich zu sein, und an mich, die es nicht verdiente, und erlaubte Tony dann, sie an die Hand zu nehmen und sie wegzuführen. Aber sie hielt an, drehte sich zu mir um und zischte: „Bringen Sie … das Ding aus meinem Sichtfeld oder ich rufe wirklich die Polizei an!“

***

Wir warteten, während Tony, Cheryl und ihre Gäste das Foyer verließen, und dann geleitete ich eine nun sehr umgängliche Mel aus dem Hotel hinaus und über das Gelände. Wir fanden eine Bank in einer ruhigen Ecke, nahe einem Teich voller Koi-Karpfen, und setzten uns.

„Also, was war da los?“, fragte ich. Mel sah beschämt aus.

„Es tut mir so leid“, sagte sie geknickt. „Ich habe ja versucht mit ihr zu reden, aber sie hat mich einfach ignoriert und mir stieg das Blut in den Kopf.“

„Das war ja ein richtiger Rugby Tackle“, sagte ich. Wir sahen uns an, den Anblick von Cheryl und ihren wilden Haaren vorm inneren Auge, und mussten beide kichern.

„Du kannst sie doch auch nicht leiden, oder?“, fragte Mel.

„Ich kenn sie doch kaum“, sagte ich und sie lachte leise.

„Das ist dann also ein Nein“, beschloss sie, und dann lachte ich auch.

„Nein, ist es nicht.“

Wir saßen einen Moment in Stille da, während sie sich beruhigte und ihre Gedanken ordnete.

„Ich denke nicht, dass sie ihn liebt“, sagte Mel schließlich. „Sie wird sein Leben zerstören.“

„Auch wenn ich dann recht verurteilend klinge …“, begann ich.

„Ich weiß, ich weiß, ich hab es schon ruiniert.“ Sie seufzte. „Ich hab’s nicht gern getan. Und ich habe ihn geliebt. Ich habe mich nur auch in jemand anderen verliebt.“

„Deine Fahrlehrerin.“

Sie sah mich erstaunt an. „Ich vergesse ständig, dass hier in dieser Stadt jeder alles über jeden weiß. Meine Mutter und deine Mutter –“

„Sie gehen beide mittwochs zum Senioren-Kaffeeklatsch der Kirche“, sagte ich.

Sie nickte. „Natürlich. Ich verliebte mich also in meine Fahrlehrerin, aber ich liebte Tony immer noch. Ich wollte beide nicht hinhalten, aber ich wusste nicht, mit wem ich zusammen sein wollte.“ Sie seufzte erneut. „Wenn das irgendwie ein Trost ist, ich hab die falsche Wahl getroffen. Sie hat mit mir dasselbe wie ich mit Tony abgezogen.“

Ich sah ihr trauriges Gesicht an und erinnerte mich, wie ich mich beinahe sofort in Daisys Vater verliebt hatte – PC Richard Doyle, um ihn bei seinem offiziellen Dienstgrad zu nennen, oder „das betrügerische Schwein“, um ihn bei seinem inoffiziellen Namen zu nennen, den meine Mutter immer verwendete –, als ich ihn während einer Teambesprechung sah. Er war gerade in das Revier gewechselt und ich musste ihm alles zeigen. Nach der Arbeit und ein paar Drinks später im Pub zeigte ich ihm noch eine ganze Menge mehr. Ich hatte zunächst nicht gewusst, dass er verheiratet war, und mir war seine Frau egal gewesen, als er sie verließ, denn das hatte bedeutet, dass er mich gewählt hatte. Ich war ein einsamer Workaholic und ich wollte ihn nicht gehen lassen. Zweifellos war ich der Frau, für die er mich zwölf Jahre später verließ – von der ich sicher war, dass sie nur eine von vielen traurigen außerehelichen Eroberungen war – ebenso egal. Es hatte sich angefühlt, als hätte er mein Herz herausgerissen und wäre darauf herumgetrampelt. Und auch auf Daisys, denn als er mich verließ, verließ er auch sie.

Es gab keinen Herzschmerz auf der Welt, der irgendwann endete. Es machte keinen Unterschied, dass viele Leute daran litten, es minderte den Schmerz nicht. Ich seufzte.

„Das ist natürlich kein Trost, für niemanden. Nicht mal für Tony. So ist er nicht.“ Ich nahm einen kleinen Kieselstein, warf ihn in den Teich und beobachtete die Wellen, die er verursachte. Ich drehte mich wieder zu Mel. „Aber was macht dich so sicher, dass sie sein Leben ruinieren wird?“

„Sie heiratet ihn nicht aus Liebe“, sagte sie bestimmt.

„Wie kommst du darauf? Weshalb heiratet sie ihn dann?“

„Geld.“

Ich lachte. „Er hat doch keins, oder? Ich meine, klar, der Laden ist nach all den Jahren noch geöffnet …“

Sie sah mich weiter an. „Der Laden?“ sagte ich. „Du denkst, sie will das Geschäft?“

Mel zuckte mit den Schultern, sagte aber nichts. Warum sollte Cheryl den Laden wollen? So profitabel war der doch nicht; ich war überrascht gewesen, dass er überhaupt noch lief. Kleinere Geschäfte mussten andauernd in kleinen Küstenstädten wie Penstowan schließen.

Ich sah sie nachdenklich an. „Du hast mich vorhin gefragt, ob ich hier wäre, um gegen sie zu ermitteln. Gegen wen?“

„Die Laity-Familie“, sagte Mel, ohne zu zögern. „Machst du’s?“

„Ich bin keine Polizistin mehr“, sagte ich. „Ich mache hier nur das Essen.“

„Oh.“ Sie sah enttäuscht aus.

„Ich bin trotzdem immer noch neugierig“, sagte ich. Ich musste gestehen, dass mein alter Spitzname ‚neugierige Nosey‘ nach all den Jahren auf der Arbeit eigentlich recht passend war. „Warum sollte man gegen die Laity-Familie ermitteln?“

Sie sah mich nervös an. „Meine Cousine arbeitet für den Stadtrat. Sagen wir einfach, die Laity-Familie hat Pläne für Penstowan, mit denen nicht jeder einverstanden sein wird.“

„Was für Pläne?“, fragte ich.

„Alles okay?“

Ich sah in Tonys sorgenvolles Gesicht. Er sah nervös von mir rüber zu Mel, ein besorgtes Lächeln aufgesetzt.

„Tony! Es tut mir so leid …“, begann Mel, während sie aussah, als würde sie gleich anfangen zu heulen.

„Möchtet ihr, dass ich euch zum Reden allein lasse?“, sagte ich und stand auf. Emotionale Szenen sind nicht mein Ding. Aber die beiden sahen komplett panisch aus bei dem Gedanken daran. Mel schnappte sich meine Hand.

„Ich wollte nur sichergehen, dass du okay bist“, sagte Tony.

„Ich weiß, das muss hart für dich sein, zu sehen, wie ich weitermache und glücklich bin –“

„Meine Güte, Tony, das ist keine Dreiecksliebesgeschichte, in der du hier steckst!“, zischte sie. Er sah verletzt aus, dann genervt. „Ach so, dann hast du also nur aus Spaß beschlossen, hier hereinzustürmen und meine Hochzeit zu ruinieren?“

Mel erhob sich und alles schien wieder aus dem Ruder zu laufen. Ich sprang auf und stellte mich zwischen die beiden.

„Tony, danke, dass du nach uns gesehen hast; alles gut. Mel geht jetzt nach Hause und du solltest zu deiner Party zurück, ich komme gleich noch auf einen Drink rein.“ Ich brauchte wirklich einen, nach all dem hier. Und ich hatte gedacht, ich würde mich hier langweilen. Ich schob ihn ein bisschen in Richtung Hotel und nahm Mels Arm.

Wir ließen ihn mit offenem Mund stehen, als wollte er Fliegen fangen.

„Also, was wolltest du sagen?“, fragte ich Mel, als wir außer Hörweite waren. Aber sie schüttelte den Kopf.

„Nichts. Der hat Eier. Wenn er die heiraten will, lass ihn nur machen.“

Wir waren nun fast beim Parkplatz angekommen. Sie entzog mir ihren Arm und hielt inne.

„Danke, dass du mich davor bewahrt hast, eine noch größere Idiotin aus mir zu machen“, sagte sie. „Das weiß ich sehr zu schätzen, ehrlich.“ Sie sah hinüber zu einem alten und mitgenommenen Vauxhall, der auf der anderen Seite der mit Kies bedeckten Auffahrt parkte. Ein kleines, pelziges und unbestreitbar süßes Gesicht starrte heraus und schnüffelte am Fenster. „Ich hab meinen Hund im Wagen gelassen. Ihr ist sicher heiß.“ Mel musste meinen missbilligenden Blick gesehen haben; das Fenster war einen winzigen Spalt geöffnet, kaum genug, um Luft reinzulassen, und es war ein heißer Tag gewesen. „Ich kann die Fenster nicht weiter runterlassen, sonst springt sie einfach raus“, erklärte sie und gluckste. „Die ist so schlau, sie wirft sich mit ihrem ganzen Gewicht nach oben aufs Fenster und strampelt sich dann raus. Ich hätte sie Houdini nennen sollen. Ich lass sie nur kurz zum Pinkeln raus und dann fahre ich.“

Sie wandte sich zum Gehen, aber ich fasste ihren Arm, um sie aufzuhalten.

„Wenn du mal reden willst …“, sagte ich. „Ich würde dir ja meine Karte geben, aber ich hab meine Tasche an der Bar gelassen.“

Sie lächelte sanft. „Danke. Wenn du jetzt wieder in Penstowan wohnst, werden wir uns sicher wieder begegnen.“

Ich beobachtete sie, während sie die Autotür öffnete und ein Aufhebens um Germaine machte, treue Gefährtin und Möchtegern-Hundezauberin. Dann ging ich zurück zur Bar.

***

Ich dachte, ich sollte wenigstens noch lange genug bleiben, um ein Glas Wein zu trinken, dann würde ich mich entschuldigen und gehen. Das war nicht wirklich meine Art von Party. Aber es fehlte noch jemand an der Bar: Cheryl.

Tony sah mich hereinkommen, brachte mir ein Glas Champagner und führte mich rüber zum Fenster.

„Also … denkst du, sie kommt wieder?“, fragte er mich.

Ich verschluckte mich am Champagner. „Wer, Cheryl?“

„Nein, du Dummchen. Cheryl ist früh zu Bett gegangen. Mel. Wird Mel morgen noch mal Ärger machen?“

„Oh, ach so. Nein, ich glaube nicht.“ Ich schüttelte den Kopf. „Und, außerdem, falls sie doch kommt, bin ich drüben in der Küche und bereite Vol-au-Vents vor und mache Essen für hundert Leute. Ich werde Zugang zu einer Menge scharfer Objekte haben.“

„Du könntest wieder deinen Wahnsinns-Ex-Polizist-Ninja-Kram abziehen.“ Tony lachte. „Das war so heiß …“

Ich schnappte in gespielter Empörung nach Luft und klatschte ihm eine. „Anthony Penhaligon! Du bist praktisch ein verheirateter Mann!“

Er lächelte. „Ich weiß“, sagte er. „Ich hab verdammtes Glück.“

„Hm“, murmelte ich unverbindlich, nippte an meinem Drink.

„Du magst meine baldige Ehefrau nicht besonders, oder?“, sagte er.

„Ich kenne sie kaum.“ Mir war schmerzlich bewusst, dass das genau dasselbe war, was ich zu Mel gesagt hatte. Er lachte.

„Das ist also ein Nein.“ Er starrte einen Moment lang aus dem Fenster, dann wandte er sich wieder mir zu. „Ich weiß, Cheryl kann ein bisschen …“ Was? Ein verdammter Albtraum sein? „Ein bisschen viel sein. Aber sie hatte kein einfaches Leben.“

Ich dachte an all die Dinge, die mir so über die Jahre hinweg passiert waren.

„Viele von uns hatten ein hartes Leben –“, begann ich.

„Sie hat ihre Eltern verloren, als sie fünfzehn war.“ Oh, verdammt. „So kam sie zu ihrem Onkel. Ich weiß nicht, wie ihre Eltern waren – sie hatten nicht hier gelebt –, aber ihr Onkel und seine Leute …“ Tony schüttelte seinen Kopf und senkte seine Stimme. „Das sind keine besonders netten Menschen. Also, sei ein bisschen nachsichtig mit ihr, okay?“ Er berührte mich sanft am Arm.

„Ich bin froh, dass du zurück bist, Jodie. Ich würde mich freuen, wenn du und Cheryl Freundinnen werden könntet. Würdest du das versuchen?“

„Natürlich“, sagte ich. Und ich meinte es so, ich würde es für ihn versuchen.

Ich trank aus und verließ die Bar. Sollte ich raufgehen und mit Cheryl reden? Ein Teil von mir wollte nichts mehr, als nach Hause zu gehen, meine Mutter von ihren Pflichten als Babysitterin zu erlösen – Daisy glaubt gerne, sie wäre erwachsen, aber sie war erst zwölf –, doch der besorgte (oder neugierige) Teil von mir, dachte, ich sollte schnell nach oben schlüpfen und nach ihr sehen.

Ich stand vor ihrem Zimmer, zögerte. Vielleicht sollte ich sie nicht stören, wenn sie früh zu Bett gehen wollte. Aber ich konnte Bewegungen hören – viel Bewegung – auf der anderen Seite der Tür. Also klopfte ich.

Es wurde still. Meiner Meinung nach war das schuldige Stille – wenn man jemanden bei etwas erwischt hat, dass er besser nicht hätte tun sollen. Fragt mich nicht, wie Stille schuldig klingen konnte, aber das geht. Ich hatte da diesen Instinkt …

Gerade als ich überzeugt war, dass sie nicht öffnen würde, tat sie es, wenn auch nur einen kleinen Spalt. Sie hatte ein Lächeln im Gesicht, das sofort verschwand, als sie mich sah.

„Oh, du bist das“, sagte sie.

„Ich wollte nur sehen, ob bei dir alles okay ist, nach dem Vorfall vorhin“, sagte ich süßlich. Ich kann auch süß.

„Mir geht’s gut“, sagte sie. Durch den offenen Spalt der Tür konnte ich einen Koffer auf dem Bett entdecken und ein Chaos aus Kleidung halb darin, halb im Zimmer verteilt.

„Alles fertig für den großen Tag?“, sagte ich. „Packst du schon für die Flitterwochen?“

„Ja“, sagte sie und versuchte die Tür ein wenig mehr zu schließen. Ich hatte das schlimme Gefühl, dass sie nicht packte.

„Sieh mal, wir haben uns irgendwie auf dem falschen Fuß erwischt“, sagte ich. „Wenn du reden möchtest –“

„Nicht wirklich.“

„Okay.“ Ich war erleichtert. „Tony ist ein echt guter Kerl, weißt du. Und er verdient es, glücklich zu sein.“

Ihre Miene wurde finster. Uh oh.

„Das weiß ich.“

„Wenn du also irgendwelche Zweifel haben solltest …“

Sie sah mich ein paar Sekunden an, dann erschien ein falsches Lächeln auf ihren Zügen.

„Absolut keine Zweifel“, sagte sie. „Danke der Nachfrage.“ Und damit knallte sie mir die Tür vor der Nase zu.

***

Ich ging nach Hause und ins Bett, sah zuerst noch einmal nach Daisy, die es aufgegeben hatte, auf mich zu warten, und ins Bett gegangen war, und nach meiner Mutter, die im Gästezimmer schlief. Ich hatte erwähnt, dass sie dauerhaft bei uns unterkommen könnte, da sie nicht mehr die Jüngste war und ich mir Sorgen machte, dass sie allein war (besonders seit vor ein paar Monaten eine Angina bei ihr festgestellt worden war, was mich auch davon überzeugt hatte, dass es der richtige Zeitpunkt war, nach Hause zu ziehen), aber sie hatte das fast unanständig schnell abgelehnt und meinte, sie schätze ihre Privatsphäre und sie könne dann wohl kaum einen Mann mit nach Hause bringen, wenn ihre Tochter und Enkelin da wären.

Ich schaltete das Licht aus und starrte an die Decke, bis ich in einen ruhelosen Schlaf sank. Meine Träume waren voll von Frisuren im Achtziger-Jahre-Stil, Rugby Tackles und Idioten, die Ralph Lauren trugen, und irgendwo mittendrin Tony, der meinte, er würde morgen das Sofa liefern. Natürlich würde er das nicht, denn es stand bereits an seinem perfekten Platz in meinem Wohnzimmer und morgen war sein Hochzeitstag.

Ich wachte am nächsten Morgen auf und sah, dass ich eine Nachricht vom Bräutigam hatte, und in meinem schläfrigen Zustand dachte ich noch, er fragt nach einem Termin, um das Sofa zu liefern.

Als ich die Nachricht öffnete, war ich wenig überrascht zu lesen, dass die Braut verschwunden war.