Kapitel 1 Freitag – 36 Stunden zuvor
Timo
Der Lärm der Schüler waberte wie eine undefinierbare Masse über den Schulhof des Leeraner Gymnasiums. Timo Landauer sprang mit Schwung auf die Mauer zum Sportplatz, auf der er hoffentlich seine Ruhe hatte. Der Sechzehnjährige griff in seinen Rucksack und holte seine Brotdose heraus.
»Mann, Anna!« Kopfschüttelnd sah er auf die mit Spiderman beklebte Dose. Seine Schwester konnte es einfach nicht lassen. Für sie blieb er wohl ewig der kleine Bruder, auch wenn er ihr schon locker über den Kopf gewachsen war. Seit dem Unfalltod seiner Eltern vor drei Jahren lebte er bei ihr. Anna war zweiundzwanzig und studierte in Oldenburg, pendelte aber täglich, damit er bei ihr wohnen konnte und nicht in ein Heim musste. Sie verstanden sich super – bis auf die Sache mit den Brotdosen.
»Na, hat Anna ihrem Kleinen wieder die Stulle geschmiert?«
Max! Der hat mir gerade noch gefehlt. »Das geht dich gar nichts an«, fauchte Timo.
»Lass doch mal sehen.« Sein Klassenkamerad Maximilian Graf schnellte vor, packte die Brotdose und hielt sie grinsend in die Luft. »Spiderman!«
Timo ließ sich von der Mauer gleiten. Konnte der Typ ihn nicht mal in Ruhe lassen? »Max, gib mir die Dose wieder.«
»Wollen doch mal sehen, was Mutti dir draufgetan hat, du Baby.« Max riss die Brotdose auf. »Wie süß, sogar mit Gürkchen. Huch!« Das Brot fiel auf den Boden.
»Du Arschloch!«
»Was hast du gesagt?« Max trat mit erhobener Hand einen Schritt auf Timo zu.
»Arschloch.« Timo funkelte ihn an.
Max stieß ihn gegen die Mauer und drückte ihm den Arm an den Hals. »Ich glaube, ich habe mich verhört.«
Timo japste nach Luft, sein Puls schnellte in die Höhe. Warum konnte er nicht einfach seine Klappe halten?
Clara
Clara Carstens sah die beiden Streithähne schon von Weitem. Wortlos drückte sie ihrer Freundin den Rucksack in die Hand und lief zur Mauer. Sie sollte sich nicht einmischen, aber es nervte sie, dass Max ständig andere anpöbelte – und sie heftig anbaggerte. Bei ihr biss er sich allerdings die Zähne aus.
Maximilian, von allen nur Max genannt, war groß, athletisch, gutaussehend und der Schwarm vieler Mädchen. Sein Vater war Rechtsanwalt Maximilian Graf. Ein Anwalt, der nur in gehobenen Kreisen verkehrte. Max bildete sich darauf gewaltig etwas ein und hielt sich für unwiderstehlich. Dabei war er in der Schule eher Mittelmaß und mit siebzehn Jahren der älteste der Klasse, weil er schon eine Ehrenrunde gedreht hatte.
Timo war das genaue Gegenteil. Kleiner und schmächtiger als Max, extrem schüchtern und ruhig. Dafür aber einfühlsam und gut in der Schule. Und damit das geborene Opfer für Max, seit der zu ihnen in die Klasse gekommen war.
Clara mochte Timo, aber bisher traute sie sich nicht, ihm das offen zu sagen.
Eine Sekunde später erreichte sie die beiden. »Lass ihn los!«, fuhr sie Max an.
»Er hat mich beleidigt.« Max hielt Timo weiter an die Mauer gedrückt.
Sie entdeckte die Brotdose auf dem Boden. »Weil du ihm die Brotdose weggenommen hast! Was soll das?«
Max ließ Timo los und tätschelte ihm die Wange. »Ich verzeih dir, Alter. Aber nur, weil Clara da ist.«
Timo holte Luft. Wut sprühte in seinen Augen. »Vollidiot!«
Sofort trat Max wieder näher heran. »Was sagst du?«
»Jungs! Hört auf!«, rief Clara.
Timo verschränkte die Arme. »Du kannst doch nur große Sprüche klopfen. Wenn es drauf ankommt, ziehst du den Schwanz ein.«
Max legte den Kopf schief. »Sieh an, das Weichei kriegt ne große Klappe. Vorsicht, Alter. Sonst zeig ich dir, was Sache ist«, raunte er und packte ihn an der Schulter.
Der stieß seine Hand weg. »Ach ja, willst du dich prügeln? Kindergarten! Ich wette, du hast zu Hause immer noch ein Nachtlicht an, weil du Angst im Dunkeln hast.«
Clara riss die Augen auf. Hatte Timo das gerade wirklich gesagt? Was war denn mit ihm los? Warum provozierte er Max? Das würde der sich sicher nicht gefallen lassen.
Max’ Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Deine Schwester singt dir bestimmt noch ein Gute-Nacht-Lied, weil du die Mami so vermisst. Putzt sie dir auch noch die Zähne?«
»Hey, aufhören!«, rief sie.
Timo machte einen Schritt auf Max zu. »Okay. Beweis es. Eine Nacht in der Evenburg und du bist so klein mit Hut.« Er drückte Daumen und Zeigefinger zusammen.
»Eine Nacht in der Evenburg? Vergiss es.« Max schüttelte den Kopf.
»Ach, hat der große Max etwa Angst vor dem Schlossgespenst?« Timo lachte.
»Sicher nicht«, zischte Max und spuckte auf den Boden. »Wie willste da denn reinkommen?«
»Mit Annas Schlüsselkarte. Sie arbeitet zurzeit da. Aber ich wusste, dass du dich nicht traust.« Timo bückte sich langsam nach seiner Brotdose.
»Wann?«
Clara sah mit gerunzelter Stirn von einem zum anderen. »Spinnt ihr jetzt komplett?«
»Morgen. Meine Schwester ist über Nacht in Oldenburg. Zwanzig Uhr am Tor.« Timo packte die Brotdose in seinen Rucksack. Seine Hand zitterte leicht.
»Max? Timo? Das ist nicht euer Ernst. Das könnt ihr doch nicht machen!«
Max legte den Arm um ihre Schultern, zog sie zu sich und vergrub die Hand in ihren langen braunen Haaren. »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass deine blauen Augen funkeln wie ein Bergsee in der Morgensonne, wenn du wütend bist? Warum bist du nur immer so schüchtern? Weißt du was? Du kommst mit und bezeugst, dass das Weichei schreiend aus dem Schloss gerannt ist. Und dann haben wir zwei eine wunderschöne Nacht.«
Clara wand sich aus seinem Arm. »Lass mich! Ich mach euren Blödsinn bestimmt nicht mit. Außerdem hab ich was vor.«
»Schade. Dann nur du und ich.« Max packte Timo hart am Kinn. »Aber glaub mir, die Nacht wirst du so schnell nicht vergessen.«
Clara war hin- und hergerissen. Sie war auf die Gartenparty ihrer Cousine eingeladen und ihre Eltern verließen sich darauf, dass sie dort hinging. Doch Max und Timo eine ganze Nacht allein? Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie Max seinem Klassenkameraden zusetzen würde. Timo würde keinen Rückzieher machen, so viel war klar. Scheiße! »Ich komm mit. Wehe einer von euch versucht fiese Tricks.«
Max ließ Timo los und wandte sich wieder ihr zu. »Das wird eine wunderbare Nacht werden«, säuselte er und wollte ihr über die Wange streichen.
Clara wich ihm aus. Der Gong der Schulglocke erlöste sie. Max drehte sich wortlos um und marschierte zurück zum Gebäude.
»Danke.« Timo trat neben sie. »Ich weiß auch nicht, was da eben in mich gefahren ist.«
»Schon gut. Wird Zeit, dass dem mal jemand die Meinung sagt. Aber ins Schloss einbrechen? O Mann«, meinte sie und schüttelte den Kopf. »Komm, Mathe geht los.« Mit klopfendem Herzen lief Clara zum Gebäude. Wenn das mal gut geht.
Johannes de Vries
»Möchte vielleicht einer von euch meinen Platz übernehmen?« Hauptkommissar Johannes de Vries sah zu seinen Kollegen. Doch Natalie Janssen und Steffen Reimers schüttelten nur lachend den Kopf.
»Vergiss es!« Natalie klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. »Verhalten und Strategien in kritischen Lagen. Klingt doch spannend.«
Johannes verzog das Gesicht. »An sich ja. Aber mit Möring? Im Doppelzimmer?«
»Doppelzimmer? Ernsthaft? Mit unserem Dienststellenleiter?« Steffen sah Johannes mit großen Augen an.
»Fehlbuchung«, brummte er. »Jetzt gibt es keine Einzelzimmer mehr. Und die haben das alles so eng getaktet, dass es sich nicht lohnt, für die Nacht nach Hause zu fahren.«
»Der arme Möring.« Natalie hielt sich kichernd den Bauch. »Die Vorstellung von dir und ihm in einem Bett – herrlich.«
»Ja, lach du nur. Ich bin fast zwei Meter groß, wie soll das gehen? Willst du dich nicht zu ihm kuscheln?« Johannes verzog das Gesicht.
»Nö. Ich kuschel mich lieber zu Alexander. Wir zwei machen uns ein schönes Wochenende.« Die Fünfunddreißigjährige nahm sich ihre Jacke vom Stuhl. »Und damit fangen wir auch gleich an. Steffen, ich wünsche dir eine ruhige Bereitschaft.« Sie nickte ihrem jungen Kollegen zu. »Falls was sein sollte – ruf einfach an.«
»Bestimmt nicht.« Steffen schüttelte den Kopf. »Schönes Wochenende!«
»Steffen? Du hast nicht doch Lust auf eine Fortbildung?«, fragte Johannes seinen achtundzwanzigjährigen Kollegen. »Du bist doch sonst ein wandelndes Lexikon und saugst alles auf, was du an Fachwissen in die Finger bekommst.« Im Umgang mit Tätern und Opfern fehlten ihm hingegen noch ein wenig die nötige Sicherheit und das Selbstvertrauen, fügte er in Gedanken hinzu. Aber das wird schon.
»Sorry, Chef. Das Seminar ist nur für Hauptkommissare. Sonst würde ich natürlich gerne. Weißt du, was in kritischen La…«
»Steffen? Raus!« Johannes ließ resigniert den Kopf auf den Schreibtisch fallen.