Leseprobe Before we Leave | Die spicy Gay Romance über Sehnsucht, verbotene Gefühle und eine Liebe, die nicht vergehen will

Prolog

Yoshi

»Noch einen«, höre ich den fremden Mann beim Barkeeper bestellen. Der Mann wäre mir nicht aufgefallen, hätte ich ihn nicht vor weniger als einer halben Stunde auf der Herrentoilette getroffen. Ich lehne mich leicht gegen die Wand zurück, verschränke die Arme vor der Brust und beobachte ihn aus einiger Entfernung. Sein Glas ist fast leer, und ich weiß, dass er schon mindestens das vierte oder fünfte hatte. Der Typ legt echt ein Tempo an den Tag, bei dem selbst mir schwindelig wird. Ich vertrage Alkohol gut, weil ich ziemlich oft im Blue Heaven feiern gehe, doch bei diesem Kerl bezweifle ich es stark. So, wie er mit leerem Blick in sein Glas starrt, wirkt er ziemlich neben der Spur. Vielleicht kann ich ihn deshalb nicht mehr aus den Augen lassen? Genau wie vorhin auf der Toilette … Als er mich aus seinen dunklen Augen angestarrt hatte, in denen so viel Schmerz lag. Dabei hat der Kerl mich beim Pinkeln beobachtet!
Ich hatte gerade am Gürtel meiner Hose gezerrt, kämpfte mit dem Reißverschluss, als er plötzlich in mein Blickfeld geriet. Ein flüchtiger Blick reichte, und ich spürte diese seltsame Mischung aus Nervenkitzel und … einer Art Erregung. Ich kann nicht leugnen, dass mich dieser Fremde in seinen Bann zieht. Dabei habe ich keine Ahnung, ob es am Alkohol oder an dieser eigenartigen Stimmung auf Patricks Weihnachtsfeier liegt, auf der ich mich fehl am Platz fühle. Aber es ist faszinierend, ihm beim Trinken zuzusehen. Auf einmal reicht es mir nicht mehr, ihn aus der Ferne zu beobachten. Also gehe ich zielsicher auf ihn zu.

»Hattest du nicht schon genug?«, höre ich den Barkeeper sagen, als ich ihn fast erreicht habe. Die dunklen Augen des Fremden blitzen kurz irritiert auf, dann nickt er und lockert den Griff seiner Finger um das Glas. Kurzerhand setze ich mich neben ihn auf den Hocker.

»Gib dem Mann noch einen, wenn er darauf besteht«, sage ich zum Barkeeper. Der Blick des Fremden huscht kurz über mich, dann zurück zu seinem leeren Glas. Er wirkt für einen Moment verunsichert, versteckt diesen Umstand jedoch schnell hinter einer ausdruckslosen Miene. Dennoch entgeht mir sein neugieriger Blick nicht, der auf meinem Tattoo am Ausschnitt meines Shirts hängen bleibt.

»Ist eine Schlange«, erkläre ich mit anzüglichem Grinsen. »Sie schlängelt sich über meinen ganzen Oberkörper bis zu meinem –« Ich wackle vielsagend mit den Augenbrauen, und die Wangen meines Gegenübers werden feuerrot. Es gefällt mir, dass er interessiert ist.
Der Barkeeper stellt zwei Gläser vor uns ab. Sofort greift er danach und leert den Whiskey in einem Zug. Ich erkenne die Anspannung in seinen Schultern, als wollte er alle Sorgen wegspülen.

»Nicht dein Tag heute, was? Du bist schweigsam«, stelle ich fest und nehme einen kleinen Schluck von meinem Whiskey. Das Getränk brennt in meiner Kehle, doch ich ignoriere das Gefühl, weil sich all meine Sinne auf den Mann neben mir richten. Er wirkt so gefasst, so unnahbar – trotzdem habe ich vorhin auf der Toilette etwas in seinem Blick gesehen, das mich ganz schwachgemacht hat. Diese Verletzlichkeit, die er nun hinter seiner ausdruckslosen Miene verbirgt, macht mich neugierig.

»Ich rede nicht mit Fremden«, erwidert er scharf, kann den lallenden Unterton jedoch nur schwer vor mir verbergen. Außerdem ist sein Akzent wirklich süß.

»Fremd? Du hast mich beim Pinkeln gesehen. Und du kennst mein Tattoo. Ganz schön vertraut, oder?«, gebe ich lachend zurück. Dabei schwanke ich leicht mit dem Glas in meiner Hand, mein Kopf sackt dabei aus Versehen auf seine Schulter. Ich erkenne das Entsetzen in seinen Augen, als er mich sofort wegschiebt.

»Oh Scheiße. Das war keine Absicht, Mann«, stammle ich, als ich den braunen Whiskeyfleck bemerke, der sich auf seinem weißen Hemd ausbreitet. Obwohl er sein Gesicht zu einer Grimasse verzieht, hoffe ich inständig, dass er mir den Vorfall nicht übel nimmt. Es dauert einen Moment, bis er die Sprache wiederfindet.

»Schon gut. Ich wollte sowieso gehen«, meint er tonlos und rutscht vom Hocker. Sogleich schwankt er und klammert sich halt suchend irgendwo fest. Doch bevor er einen Schritt zur Seite machen kann, lege ich meinen Arm um ihn. Ich versuche, ihn zu stützen, obwohl ich selbst beim Aufstehen schwanke. Sein Körper reagiert auf mich, weil er sich für den Bruchteil einer Sekunde in diese unfreiwillige Umarmung schmiegt. Der Duft seines Parfüms steigt mir in die Nase, herb und leicht süßlich, was mir einen Schauer über den Rücken jagt. Seine Nähe sorgt für ein Kribbeln auf meiner Haut. Dieser Kerl ist mir völlig fremd – und doch fühle ich mich auf seltsame Weise mit ihm verbunden. Vielleicht, weil ich glaube, dass etwas in ihm zerbrochen ist. Patrick hat ihn verletzt, denn ich habe einige Wortfetzen ihres Gesprächs mitbekommen, ehe unser Gastgeber an mir vorbei aus der Toilette und ich direkt durch die Tür hineingestolpert bin. Mein Kumpel war schon immer gut darin, Herzen zu brechen, auch wenn er es nicht absichtlich getan hat. Er wollte sich nicht binden – bis er Oliver getroffen hatte. Selbst ich konnte mein Herz vor seinem Charme nicht schützen.

»Wollen wir zu mir?«, frage ich leise, mit leiser Hoffnung in der Stimme. Ich will ihm das Gefühl von Sicherheit geben, das er heute Nacht vermutlich dringend braucht. Und vielleicht möchte ich ihm zeigen, dass es andere Männer außer Patrick gibt, die ihn begehrenswert finden. Mich zum Beispiel! Seine zierliche Gestalt und die leicht femininen Gesichtszüge ziehen mich in den Bann. Vor allem die sanft geschwungenen Lippen, die zum Küssen einladen, machen es mir nicht leicht, einen klaren Gedanken zu fassen. Der Kerl will etwas sagen, ihm entfährt jedoch nur ein leises Seufzen.

Er ist schlank und deutlich kleiner als ich. Dadurch passt er so perfekt in meinen Arm, dass ich ihn am liebsten gar nicht mehr loslassen will. Gott, der Alkohol hat mir anscheinend endgültig den Verstand vernebelt!

»Zu dir?«, bringt der Fremde stockend hervor. Sein Atem beschleunigt sich, und seine Schultern spannen sich minimal an. Dieses kurze Zögern trifft mich unerwartet stark, ich will, dass er mir folgt.

»Hier ist es nicht ideal. Du kannst ja kaum geradeaus laufen. Mein Imbiss ist in der Nähe …«, schlage ich in lockerem Ton vor, auch wenn mein Puls schneller schlägt, als ich zugeben möchte. Da er nicht widerspricht, weiß ich, dass er sich entschieden hat. Und ich auch.

***

Draußen schlägt uns die kalte Nachtluft entgegen und vertreibt für einen Moment den Nebel aus meinem Kopf. Der Schnee knirscht unter unseren Schuhen. Ich gehe ein paar Schritte vor ihm, werfe hin und wieder einen Blick zurück. Er wirkt konzentriert, fast angespannt, als müsste er sich jeden Schritt erarbeiten.

Ich bin größer und trittsicherer. Ich kenne diese Straßen und den Schnee. Und trotzdem spüre ich seinen Blick in meinem Rücken, was meine Nervosität immer weiter anstachelt. Dieses Gefühl, von ihm beobachtet zu werden, gefällt mir mehr, als es sollte. Was er wohl gerade denkt? Warum ist jemand wie er auf Patricks Weihnachtsfeier aufgetaucht? Ich habe keine Ahnung, in welcher Beziehung der Kerl zu meinem Kumpel steht, aber nach seinem passiven Verhalten zu urteilen passt er nicht hierher. Er hat sich den ganzen Abend mit niemandem der anderen Gäste unterhalten.

»So, da wären wir«, erkläre ich, als wir stehen bleiben. Über uns flackert das Schild mit der Inschrift „Yoshis Imbiss“ in Weiß und Grün. Es ist nicht selten, dass ich einen Mann zu mir nach Hause mitnehme. Immerhin geht es bloß um Sex. Nichts Verbindliches. Nur Spaß. Aber auf einmal ist es anders – mit ihm hier zu sein, fühlt sich intensiver an, als ich vermutet habe …

Ein leichtes Lächeln umspielt seine Lippen, als er erst die Hausfassade anschaut und dann wieder mich.

»Sorry, habe ganz vergessen, mich vorzustellen. Aber eigentlich kennt mich jeder hier in Essen. Meine Burger sind legendär«, erzähle ich und deute auf das Schild. Seine dunklen Augen ruhen auf meinem Gesicht, als wollte er durch mich hindurchsehen. Sein durchdringender Blick verstärkt dieses leise Prickeln in meinem Bauch.

»Ich bin nicht von hier«, antwortet er knapp.

»Merkt man.« Ich grinse, während ich die Tür aufschließe und ihm den Vortritt lasse. »Dein Deutsch ist nicht perfekt. Aber stört mich nicht.«

Drinnen umfängt uns sofort die vertraute Wärme. Die Stille des Imbisses wirkt um diese Uhrzeit beinahe intim. Die rot-weiß karierten Tischdecken, der Tresen, der Geruch von Fett und Gewürzen – all das ist mein Alltag. Und plötzlich teile ich ihn mit jemandem, der hier eigentlich nichts zu suchen hat. Oder vielleicht doch?

»Ich wohne über dem Imbiss. Wir können hierbleiben, wenn du willst«, erkläre ich und kratze mich am Kopf. Ich bin unsicherer, als ich es mir eingestehen möchte. Er zuckt nur mit den Schultern. Für einen Moment scheint er zu überlegen, ob er bleiben oder fliehen soll. Am Ende bleibt er. Um meine wachsende Anspannung zu vertreiben, gehe ich hinter den Tresen, hole eine Flasche Whiskey und zwei Gläser hervor.

»Zur Feier des Tages das gute Zeug«, verkünde ich und schenke den Alkohol ein, während sich der Typ auf den Hocker am Tresen setzt.

»Dann noch mal: Ich bin Yoshi. Und bevor du fragst: Ja, der Name ist japanisch, und nein, meine Eltern sind Deutsche. Meine Großmutter war Japanerin. Vermutlich habe ich mein gutes Aussehen von ihr.« Mein Grinsen wird breiter, weil ich weiß, dass meinen dunklen, leicht mandelförmigen Augen und den feinen Gesichtszügen bisher nur wenige Männer widerstehen konnten.

»Mein Vater hat ein ziemliches Faible für Videospiele. Ich wurde nach diesem süßen Dino benannt.« Ich lache, tippe mir gegen den bereits sehr in Mitleidenschaft gezogenen Iro. »Deshalb auch die grünen Haare.«

Sein kleines Lächeln trifft mich unerwartet stark und lässt mein Herz einen Takt höherschlagen.

»Mein Name ist Xinglinwuu Shou. Aber alle nennen mich Wuu. Kannst du auch«, meint er, stößt sein Glas gegen meines und leert es in einem Zug.

»Du hast es ganz schön eilig, wieder betrunken zu werden«, stelle ich lachend fest.

»Ich … will vergessen«, entgegnet er leise und wendet den Blick von mir ab. Etwas in mir zieht sich zusammen. Erneut erkenne ich den Schmerz in seinen Augen, auch wenn er versucht, ihn zu verstecken.

»Trifft sich gut«, antworte ich ehrlich, »ich auch.«

Der Alkohol macht ihn mutig, denn er ergreift meine Hand mit einer selbstsicheren Geste, die ich ihm bis vor wenigen Minuten nicht zugetraut hätte. Mein eigenes Bedürfnis nach Nähe wird so stark, wie ich es bisher nicht gespürt habe. Ich will diesen Mann so sehr, dass mir fast schwindelig wird.

»Dann … lass uns gemeinsam vergessen«, haucht er. Ohne zu zögern, ziehe ich ihn zu mir. Unsere Lippen treffen sich. Hungrig und viel zu hastig schiebt er seine Zunge zwischen meine Lippen. Meine Hände gleiten unter sein Jackett, und ein leises Stöhnen entweicht ihm.

»Weißt du, Shou … ich mag deinen Spitznamen nicht. Ich nenne dich lieber beim Vornamen«, raune ich heiser, als ich den Kuss kurz unterbreche. »Und wenn wir nicht hier auf dem Boden anfangen wollen, sollten wir nach oben.« Sein Herz rast unter meinen Fingerspitzen, weil ich seinen Namen sage. Gemeinsam gehen wir durch den Vorratsraum und die enge Treppe hinauf. Sein Blick haftet an mir. Oben angekommen, öffne ich die Wohnungstür.

»Willkommen in meinem kleinen Reich.« Ich drücke mich von hinten an Shou, während ich ihn durch den Flur schiebe, und meine Lippen landen wieder an seinem Hals. Mein spielerisches Necken lässt ihn schneller atmen. Er dreht sich in meinen Armen, um mich abermals zu küssen. Fordernd schiebt er seine Zunge erneut in meinen Mund, seine Fingerspitzen krallen sich in meine Schultern. Küssend taumeln wir durch den schmalen Flur. Meine starken Gefühle drohen, mich zu übermannen. Das Verlangen, die Verantwortung, die Nähe – alles mischt sich zu einem heißen Strom, der durch meinen Körper jagt. Ich will ihn halten, und er soll spüren, dass er sich fallen lassen darf.

Sein Atem geht unruhig, sein Körper zittert leicht. Mein Herz schlägt ebenfalls schneller, als er mich aus halb geschlossenen Lidern ansieht. Eine Mischung aus Lust und Fürsorge durchströmt mich. Wieder küsse ich ihn zuerst, diesmal sanft und tastend. Ich streiche über seine Schultern, gleite über seinen Rücken, seine Taille und beobachte, wie seine Muskeln sich unter meinen Fingern entspannen. Als ich meinen Mund zu seinem Hals senke und sanft darauf beiße, höre ich sein leises Stöhnen. Seine Hände graben sich in meine Arme, ziehen mich eng zu sich heran, als wollte er die Nähe erzwingen.

»Mein Schlafzimmer ist dort drüben«, raune ich ihm ins Ohr, während ich ihn sanft zur Tür schiebe. Seine Hand liegt an der Klinke, ich kann sein Herz rasen hören, seine Brust hebt und senkt sich schnell. Bestimmend dränge ich Shou auf das Bett zu. Mit flinken Fingern öffne ich sein Hemd. Der Stoff gleitet über seine Schultern, während ich nach seinem Gürtel greife und ihm die Hose über die Hüften schiebe. Ich spüre, wie sein Puls schneller wird – sehe es an seinem hektischen Atem. Es muss lange her sein, dass er die Kontrolle abgegeben hat, das merke ich sofort. Unter meinen Berührungen lässt er los.

Ich trete einen Schritt zurück und mustere ihn schmunzelnd.

»Jeden anderen hätte ich wegen der Unterwäsche ausgelacht, aber an dir finde ich sie scharf«, murmele ich. Shou blickt kurz auf seinen weißen Slip hinab, in dem sich seine Erregung deutlich abzeichnet. Das Wissen darüber, dass ich derjenige bin, der seinen Schwanz hart werden ließ, macht mich heiß.

In einer fließenden Bewegung ziehe ich mir das schwarze Shirt über den Kopf. Als ich seinen Blick auf mir spüre, stockt mir kurz der Atem. Ich kenne meinen Körper, das Tattoo auf meiner Brust, die Schlange – und doch fühlt es sich anders an, von ihm so angesehen zu werden. Als würde jede Linie unter seiner Aufmerksamkeit lebendig. Bei jedem Atemzug verdichtet sich die Hitze zwischen uns.

Ich drücke ihn nach hinten auf die Matratze und knie mich über ihn. Mein warmer Atem streift seinen Hals, sorgt für eine Gänsehaut auf seinem nackten Oberkörper. Wir sehen uns stumm an. Diese Spannung zwischen uns ist greifbar.

»Zeig mir die Schlange …«, murmelt er leise. Die Worte treffen mich direkt. Mein Herz hämmert, mein Gesicht glüht. Ohne zu zögern entkleide ich uns beide.

Sanft küsse ich seinen Hals, fahre mit den Lippen die Kontur seines Kiefers nach und taste mich weiter vor über seine Brust. Meine Hände gleiten zu seinem Unterleib, ich streiche mit den Fingern immer weiter über seine weiche Haut, während ich zu ihm aufsehe. Die Emotionen spiegeln sich in seinem Gesicht, was mich fasziniert. Shou stöhnt tief, zieht die Luft scharf ein. Ich lecke meine Lippen, dann verteile ich einige flüchtige Küsse auf der Innenseite seines Oberschenkels.

Als ich meinen Mund um seine Härte schließe, geht ein Zittern durch seinen Körper. Sein Atem wird unregelmäßig, seine Hände graben sich in meine Schultern, während ich ihn sanft verwöhne. Jedes Zucken und jeder Laut, den er von sich gibt, treibt mich weiter an. Shou gibt immer mehr unter mir nach. Ich lasse von ihm ab und taste mit einer Hand nach der Nachttischschublade, um ein Kondom und Gleitgel herauszuholen. Mit gelbenetzten Fingern streichle ich über seinen Eingang und entlocke ihm Laute der Lust. Ich kann es kaum noch erwarten, endlich in ihn einzudringen, dennoch mahne ich mich innerlich, geduldig zu sein, um Shou nicht wehzutun. Vorsichtig schiebe ich einen Finger in ihn, um ihn langsam auf mich vorzubereiten. Sein Stöhnen fährt heiß durch meinen Körper, sodass ich direkt einen weiteren Finger dazunehme, während ich mit der freien Hand das Kondom über meine Härte streife.

»Yoshi, ich bin so weit«, keucht er und kommt mir immer mehr entgegen. Mein Name aus seinem Mund jagt mir einen Schauer über den Rücken. Shou presst keuchend den Kopf ins Kissen, während er sich meinen Fingern entgegendrängt. In seinen Bewegungen liegt kein Zögern, kein Bedauern. Nur Verlangen, Hitze, Lust.

»Wie … wie magst du es?«, fragt er beinahe schüchtern, als ich meine Finger herausziehe. »Ich kann mich umdrehen.«

Doch als er sich auf die Seite dreht, halte ich ihn sanft an der Schulter zurück.

»Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich dich gern dabei ansehen«, murmle ich heiser. Er nickt zögernd, atmet geräuschvoll aus und entspannt sich wieder unter mir.

Ich lege mich auf ihn, drücke ihn mit meinem Gewicht tiefer in die Matratze und dränge mich langsam in ihn. Spüre die anfängliche Enge. Der erste Stoß ist vorsichtig, tastend. Sein Körper bebt unter mir. Ich steigere das Tempo und spüre, wie er sich instinktiv an mich schmiegt. Seine Hände graben sich in meine Hüften, ziehen mich näher, bis wir uns im Einklang bewegen.

»Yoshi … das … das ist gut«, keucht er, wirft den Kopf in den Nacken und schlingt seine Beine um mich. Ich stoße weiter, höre sein Stöhnen und spüre deutlich, wie sehr er mich in diesem Moment braucht. Seine Hände auf meinem Rücken, sein Körper unter mir – das alles ist beinahe zu viel für mich!

Ich sehe in sein Gesicht und küsse ihn abermals hungrig. Dann greife ich mit einer Hand zwischen unsere Körper, um seine Erektion im Rhythmus meiner Bewegungen zu streicheln. Mit einem letzten, intensiven Stoß bringe ich uns zum Höhepunkt. Er bebt immer noch unter mir, als ich mich zurückziehe. Noch ehe Shou sich rühren kann, nehme ich ihn in meine Arme und halte ihn. Ich küsse seine Stirn, seine Wangen, seinen Hals. Sein Zittern verstärkt sich, und ich weiß, dass es nicht nur die Nachwirkungen seines Orgasmus sind. Der Schmerz, den er tief in seinem Herzen eingeschlossen hatte, fällt von ihm ab. Seine Tränen an meiner Brust sind warm. Leises Schluchzen entweicht seiner Kehle. Ich streichle seinen Rücken, sein Haar, seinen Arm und lausche seinem Atem, bis er sich langsam beruhigt.

»Und … konntest du vergessen?«, frage ich, während ich ihn fest an mich drücke. Als er nickt, atme ich tief durch. Wir liegen eng umschlungen, hören nur die Herzschläge des anderen. In diesem Moment existieren nur wir zwei, die Welt draußen spielt keine Rolle. Und vielleicht bleibt er. Vielleicht …

Kapitel 1

Yoshi

Zwei Jahre später

Es ist noch früh am Morgen, als ich meine Augen öffne. Um mich herum ist es dunkel, nur wenig Licht dringt durch die geschlossenen Vorhänge ins Schlafzimmer, dennoch kann ich die Umrisse des Raumes erkennen. Im Zimmer ist es stickig, und der Geruch von Sex liegt in der Luft. Ein pochender Schmerz breitet sich hinter meiner Stirn aus, als ich den Kopf ein wenig zur Seite drehe. Der Mann auf der anderen Seite von mir bewegt sich leicht im Schlaf. Seufzend schließe ich für einen Moment die Augen. Ich habe es schon wieder getan. Wie oft bin ich in den letzten Monaten neben einem wildfremden Mann in dessen Bett aufgewacht?

Vorsichtig schlage ich die Decke zurück und erhebe mich. Zum Glück sind wir nach dem Club nicht bei mir gelandet, denn dann wäre es nicht so leicht, den Typen wieder loszuwerden. Nur selten behalte ich einen Kerl zum Frühstück …

»Guten Morgen«, murmelt mein Gastgeber schlaftrunken und gähnt. Jetzt habe ich ihn doch geweckt, während ich nach meinen Klamotten auf dem Fußboden gesucht habe.

»Morgen«, brumme ich eine knappe Antwort und steige in meine Jeans.

»War’s gut?«, fragt er mich ohne Umschweife. Ich drehe mich erneut zu dem schwarzhaarigen Mann um. Die Decke ist von seinen Schultern gerutscht, das erste Tageslicht umspielt seine schlanke Gestalt. Er liegt auf der Seite, das Gesicht mir zugewandt. Mit aufmerksamem Blick verfolgt er jede meiner Bewegungen, als könnte er sich an meinem Anblick nicht sattsehen.

»Mh«, entgegne ich, während ich mir das Shirt über den Kopf ziehe. Es ist ziemlich zerknittert, aber für die Fahrt nach Hause wird es gehen. Immerhin will ich keinen Modelcontest gewinnen, sondern bloß von hier verschwinden. Da ist es egal, wie meine Klamotten sitzen und ob meine Frisur ruiniert ist. Um den Irokesen wieder hinzubekommen, brauche ich sowieso mehr als fünf Minuten. Und länger will ich hier nicht bleiben. Ich lasse meinen Blick noch einmal über seinen Körper gleiten. Der Mann rekelt sich im Bett.

Warum sollte Sex nicht gut sein? Wir konnten beide unser Verlangen stillen. Mit wem, ist nur nebensächlich. Mehr ist es für mich nie. Bloß Sex.

Früher waren One-Night-Stands viel leichter für mich, doch seit damals kann ich den Sex kaum genießen, ohne an ihn zu denken. Er ist schuld, dass es jedes Mal wehtut, wenn ich einen Mann nach dem Sex verlasse. Er ist einfach gegangen und hat ein Stück von mir mitgenommen. Diese Leere in meinem Herzen konnte seitdem keiner mehr füllen, so sehr ich es mir gewünscht habe. Dafür sollte ich ihn vermutlich hassen, doch wie könnte ich, wenn er sich unwiderruflich in mein Herz gebrannt hat?