Leseprobe Morgens Mord, abends Theater

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42 Tage bis zur Premiere von Mord in rosarot

Keiner sollte noch vor dem Frühstück über eine Leiche stolpern. Nach dem Frühstück auch nicht. Verdammt … im Grunde sollte kein Mensch jemals über eine Leiche stolpern müssen.

Wie schrecklich.

Mein Magen versucht, einen Salto mit Schraube zu schlagen, aber ich lege mir die Hand auf den Bauch und lasse es nicht zu. Dies muss ein Albtraum sein und nicht die Realität. Ich möchte bitte aufwachen. Sofort!

Möglicherweise ist unser Hauptdarsteller, Kirby King, gar nicht tot, versuche ich mir den Anblick auf der Bühne schönzureden. Gut möglich, dass der Schauspieler nur schauspielert und dies eine spontane Theaterprobe ist, über die ich nicht informiert worden bin. Warum sonst sollte der Prominente mit den weißblonden Haaren das schwarze Pailletten-Kostüm mit der silbernen Weste tragen, dass ich gestern erst fertiggestellt habe.

Natürlich Millie, der zukünftige Star von Mord in rosarot liegt morgens im schwachen Licht der Notbeleuchtung auf der Theaterbühne und hält in voller Glitzer- und Glamourmontur ein Schläfchen – mit geöffneten Augen. Ein solches Verhalten ist total wahrscheinlich. Eingebildeter Schauspieler eben.

Langsam, ohne den Blick von dem leichenblassen Kirby zu nehmen, setze ich einen Fuß vor den anderen und laufe an den alten und abgewetzten Theatersesseln vorbei in Richtung Bühnentreppe.

Was ist hier nur passiert? Kirby, der etwa zwanzig Meter von mir entfernt vor der Felsenkulisse auf dem Boden liegt, bewegt sich nicht. Auch seine Brust hebt und senkt sich nicht. Nicht mal langsam.

Ach. Du. Lieber. Gott.

Sieht so ein Toter aus?

Die Erkenntnis trifft mich wie eine Ladung Eiswasser. Ohne Vorwarnung bekomme ich eine Ganzkörpergänsehaut, die mich erschaudern lässt. Der Anblick schreit förmlich: Hier! Ich bin eine Katastrophe.

Nur zögerlich und mit einem flauen Gefühl im Magen steige ich die drei Stufen der Bühnentreppe hoch und stelle mich dem Drama – oder besser der Tragödie.

Ach du liebes Gottchen. Ist das Blut? Die Augen zusammenkneifend und meine Angst niederringend gehe ich weiter. Hat meine bildschöne und absolut großartige silberne Weste, die ich in mühevoller Handarbeit in den letzten drei Tagen genäht habe, ein Loch? Ein Einschussloch?

Das kann nicht sein …

Unglaublich.

Empört und überhaupt nicht mehr verstört über den Anblick des Toten, überbrücke ich die letzten Zentimeter und beuge mich zu Kirby hinunter. Entrüstet schaue ich ihm nicht in sein erstarrtes attraktives Gesicht, sondern inspiziere das Loch in der kostbaren Weste. Lässt sich das bis zur Premiere von Mord in rosarot reparieren? Habe ich noch genügend Silberfäden zum Stopfen oder muss ich eine neue Weste herstellen?

Millie!

Ist das der Schock oder warum bin ich mehr an der Weste als an den armen Kirby interessiert? Für gewöhnlich bin ich ein einfühlsamer und sehr aufgeschlossener Mensch. Mein unsensibles Verhalten lässt sich nicht erklären und erschreckt mich zutiefst. Wieso bin ich plötzlich so? Das bin nicht ich.

Überfordert von meinem abwegigen Verhalten und den völlig deplatzierten Gedanken rümpfe ich die Nase. Was …

Wonach riecht es hier? Ruckartig richte ich mich auf und trete einen Schritt zurück. Beinahe wäre ich gestolpert.

Schock lass nach! Bitte schnell.

Kann es sein, dass Kirby schon länger tot ist? Wann war die letzte Theaterprobe?

Gestern, beantworte ich mir die Frage selbst. Gestern, nach der Mittagspause, habe ich Kirby zuletzt lebend gesehen. Mir die Nase zu und die Luft anhaltend, als müsse ich gleich unter Wasser tauchen, senke ich den Blick und überlege, ob es Sinn macht, an dem leblosen Kirby zu rütteln. Sollte ich überprüfen, ob er auch wirklich tot ist? Bilde ich mir den merkwürdigen Geruch, der von ihm ausgeht, vielleicht nur ein? In einem alten Theater riecht es schließlich immer ein wenig muffig und verstaubt.

Teufel auch! Ich bin nur einen Wimpernschlag davon entfernt durchzudrehen. In einer solchen Situation war ich noch nie. Was soll ich tun? Wo ist die Anleitung für Katastrophen aller Art? Mein Pulsschlag beschleunigt sich und neue Panik macht sich in mir breit. Sauerstoff! Ich brauche mehr Sauerstoff.

Stopp!

Wäre es möglich, dass meine Nase mir einen Streich spielt? Dass ich mir den seltsamen Geruch nur einbilde und der Mann auf dem Boden noch lebt? Wie wahrscheinlich ist das mit einer blutigen Schusswunde in der Brust, gleich über dem Herzen?

Verdammt! Egal, was ich gleich tun werde, ich sollte mich beeilen und es schnell tun. Sicher habe ich nicht unendlich viel Zeit darüber nachzudenken.

Polizei oder Krankenwagen? Wen soll ich anrufen?

Kurzerhand und ohne länger darüber nachzudenken, presse ich Zeige- und Mittelfinger meiner freien Hand gegen Kirby Kings Halsschlagader und warte.

Ich halte die Luft an.

Nichts zu spüren. Kein Pulsschlag.

Kirby ist tot.

O Gott! Ich habe gerade den ersten Toten meines Lebens angefasst. Hastig atme ich aus.

Fassungslos weiche ich zurück, schnappe nach Luft und versuche, das Wirbeln in meinem Magen unter Kontrolle zu bekommen. Verdammte Loopings. „Hilfe.“ Mein Ruf ist zu leise, um von irgendjemandem im Theater gehört zu werden. Es ist auch weniger ein Hilferuf, sondern eher ein Schreckenslaut, der dem späteinsetzenden Schock geschuldet ist.

Mit der Hand über dem Mund atme ich tief durch.

Der arme Kirby. Für ihn ist das Spiel vorbei. Der Vorhang ist gefallen.

Das Licht ist aus – für immer.

Mitgefühl für seinen frühen Tod überkommt mich. Wie schade, jetzt wird er doch nicht der gefeierte Star sämtlicher Frauen von Beverlie Hills werden.

Einen Moment lang stehe ich da, sehe auf den Dahingegangenen und halte inne.

Unsere Kleinstadt – die sich mit ie statt mit y schreibt – und die nichts mit Hollywood und dem Beverly Hills in Los Angeles gemein hat, liegt im Westen von Idaho und hat einen deutlichen Überschuss an weiblichen Einwohnern. Die wenigen attraktiven Männer, die nicht kurz vor der Pensionierung stehen, lassen sich an einer Hand abzählen. Leider.

Kirby King, gefeierter Social-Media-Star und Serien-Schauspieler, sollte mit seinem Theaterdebüt auf unserer Schauspielbühne für gehörig Schwung in der achttausend Einwohnerstadt sorgen. Der fünfundzwanzigjährige Frauenheld, der eindeutig zur Upperclass gehörte, hatte im letzten Jahr mit schlechter Presse zu kämpfen und wollte in Beverlie Hills Unterschlupf finden. Gleichzeitig war es ihm aber ein Bedürfnis, sein Schauspieltalent während seiner selbst gewählten Auszeit unter Beweis zu stellen. Zumindest hat er sein überraschendes Auftauchen in unserer Kleinstadt so erklärt.

Theaterregisseur Magnus Daythan hatte sein Glück kaum fassen können, als Kirby vor drei Monaten unangemeldet zum Vorsprechen von Mord in rosarot erschien. Auch ohne zu glänzen, hätte Magnus ihm die Hauptrolle gegeben, da bin ich mir sicher. Die Publicity, die ein gefeierter Star wie Kirby King mit sich bringt, ist nämlich Gold wert, für ein kleines am Existenzminimum agierendes Theater wie unseres.

Der Vorverkauf ist bereits gestartet und bricht schon jetzt alle Rekorde in der hundertjährigen-Geschichte unseres Schauspielhauses.

„Ach Kirby, was machen wir denn jetzt ohne dich?“, frage ich in die Stille hinein und betrachte andächtig seinen seligen Gesichtsausdruck. Er sieht friedlich aus, wie er so mit seiner blondierten Haarpracht daliegt und zur Decke starrt. Ein bisschen blass vielleicht, aber sonst … ein rundum schöner Mann.

„Millie Hargrove, was ist da los, zum Kuckuck?“, ertönt eine ruppige Stimme von hinten, die zu Magnus, dem einzigen Theaterregisseur von Beverlie Hills gehört. „Warum stehst du untätig auf der Bühne herum, und was liegt da vor dir auf dem Boden? Gibt es ein Problem, von dem ich wissen müsste? Ist etwas kaputt gegangen?“

Mein Körper fängt an zu zittern und mein Mund fühlt sich plötzlich trocken an. Sogar mein Herz stolpert, was es sonst nie tut. Es ist wohl Zeit der Realität ins Auge zu blicken.

„Es gibt ein Problem“, antworte ich, nachdem ich ein Stoßgebet zum Himmel geschickt habe. In Zeitlupe drehe ich mich um und trete zur Seite, damit Magnus freie Sicht auf den Verstorbenen hat. „Ein großes sogar.“

2

Eine Stunde später stehe ich immer noch auf der Bühne und versuche zu verstehen, was in den frühen Morgenstunden passiert sein könnte. Kirbys Leiche wurde mit einem weißen Tuch abgedeckt und alle Leute, die nicht zum Ermittlungsteam der Polizei gehören, einschließlich Magnus, wurden gebeten das Theater zu verlassen.

Mich haben sie nicht weggeschickt. Ich sitze zurückgezogen im Hintergrund auf einem Felsvorsprung der Bühnenlandschaft, die ich selbst entworfen und deren Bau ich höchstpersönlich überwacht habe und warte. Worauf, das weiß ich nicht.

Bestimmt muss ich noch unzählige Fragen beantworten, bevor ich gehen darf. Schließlich habe ich die Leiche gefunden.

Die Leiche …

Grundgütiger, ich habe eine Leiche gefunden! Unvorstellbar. Ich bin neunundzwanzig Jahre alt und habe noch nie einen Toten gesehen. Bis heute zumindest.

Das flaue Gefühl in meinem Magen hat sich nicht gebessert. Hoffentlich muss ich mich nicht wenige Meter vom Tatort entfernt übergeben. Die Spurensicherung wäre sicher begeistert. Zum Glück habe ich noch nicht gefrühstückt, sondern nur eine Tasse Tee genossen. Viel kann also nicht passieren.

Mit der Hand fahre ich über den Felsen aus Kunstharz und stelle fest, dass die Oberfläche zu rau ist und etwas Nachbearbeitung vertragen könnte. Sollten sich die Schauspieler ihre Kostüme bei der Vorstellung oder der Generalprobe an dieser Oberfläche aufreißen, muss ich eine zusätzliche Schneiderin einstellen, um den Schaden zu reparieren. Eine unnötige Ausgabe wie diese kann sich das Theater nicht leisten.

Die Kostüme und das Bühnenbild, das sind die Dinge, mit denen ich mich für gewöhnlich beschäftige. Nur Magnus hat in Theaterangelegenheiten eine höhere Entscheidungsgewalt als ich.

Die Zusammenarbeit mit dem sechzigjährigen Regisseur, der früher Entfesselungskünstler war, ist Segen und Fluch zugleich. Da Magnus der Große Daythan ein ausgeprägtes Ego besitzt, das regelmäßig gepudert werden muss, ist es oft eine Herausforderung, die Diva in ihm zufriedenzustellen.

„Sind Sie die Frau, die die Leiche gefunden hat?“, fragt mich ein Mann, der plötzlich und unerwartet vor mir steht. Er trägt keine Uniform und auch keine Schutzkleidung, die ihn als Mitarbeiter der Spurensicherung kennzeichnet. Lediglich seine arrogante Körperhaltung lässt erahnen, dass er hier etwas zu sagen hat.

Wo ist er so plötzlich hergekommen?

„Äh …?“

Überfordert und aus den Gedanken gerissen, bringe ich nur das eine Wort über die Lippen. Es ist allerdings mehr ein Stammeln als ein Wort.

Misstrauisch werde ich beäugt. „Brauchen Sie eine Decke? Ist Ihnen kalt? Soll Ihnen jemand ein heißes Getränk bringen?“ Sorge und langjährige Erfahrung sprechen aus den Fragen, die auf mich einprasseln. Offensichtlich kennt der Mann sich mit aufgewühlten Menschen, die Leichen finden aus, und hat Verständnis für meinen Knoten in der Zunge.

„Nein, danke.“ Ein Räuspern kommt mir über die Lippen. „Geht schon.“ Da es mich jetzt, wo er mich gefragt hat, doch fröstelt, verschränke ich die Arme vor der Brust und ziehe die Schultern näher zu den Ohren.

Der Unbekannte, der sich mir nicht vorgestellt hat, gibt jemandem hinter mir ein Handzeichen und deutet anschließend mit dem Kinn auf mich.

Was soll das? Glaubt er, ich habe die Geste nicht gesehen? Ich sitze direkt vor ihm.

„Ich habe keinen Schock“, kläre ich ihn auf und schnaube, um meine Worte zu unterstreichen. „Einen Sanitäter … oder irgendwas anderes brauche ich daher nicht“, fühle ich mich genötigt zu sagen. „Mir geht es gut.“ Dass meine Stimme weniger fest als üblich klingt, ärgert mich. Wo kommt dieses Zittern her?

„Natürlich. Ich verstehe. Sind Sie die Frau, die die Leiche gefunden hat?“, werde ich erneut gefragt, ohne dass Mr. Unbekannt mich aus den Augen lässt.

„Ja, das bin ich.“ Obwohl es unnötig ist, nicke ich. „Millie Hargrove, Schneiderin und verantwortlich für das Bühnenbild am Beverlie Hills Theater. Ich habe den armen Kirby gefunden.“ Der letzte Satz kommt mir nur leise über die Lippen.

Einen Moment lang halte ich inne, bevor ich zu dem weißen Tuch hinübersehe, unter dem Kirby liegt. Unbewusst atme ich lange und mit einem Seufzen aus. Meine Hände fangen wie selbstverständlich an zu zittern, also vergrabe ich sie sicherheitshalber in den Hosentaschen und widme meine Aufmerksamkeit wieder dem Mann vor mir.

Super. Jetzt zittert nicht nur deine Stimme.

„Ich bin Rick Moreno, neuer Sheriff der Polizeibehörde, und würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen.“ Er tut so, als wäre ihm meine Reaktion nicht aufgefallen und dafür bin ich dankbar. Auf keinen Fall möchte ich schwach erscheinen.

„Wo ist Steve?“ Soweit ich mich erinnern kann, ist Steve Thomson der Leiter unseres Sheriffbüros.

„Mr. Thomson ist letzten Monat in Pension gegangen, deshalb müssen Sie von nun an mit mir vorliebnehmen.“ Rick Moreno schenkt mir ein winziges, kaum erkennbares Lächeln, das nicht ohne Wirkung bleibt. Augenblicklich hört das Zittern meiner Hände auf und mir wird wärmer. Wow! Habe ich da den Ansatz eines Grübchens aufblitzen sehen?

Warum hat es bei den Frauen von Beverlie Hills noch nicht die Runde gemacht, dass ein gutaussehender Leckerbissen wie dieser Rick in der Stadt ist? In der Regel funktionieren unsere Buschtrommeln ganz hervorragend.

Da ich in den letzten Tagen offenbar eine Menge Flurfunk – oder besser gesagt Kleinstadtfunk – verpasst habe, sehe ich Rick Moreno genauer an und hoffe, dass sich die Wärme, die sein lächelnder Anblick in mir auslöst, ausbreitet. Bestimmt ist mein Verhalten total unpassend, da der tote Kirby keine zwanzig Meter von uns entfernt auf dem Boden liegt, aber es passiert irgendwie automatisch. Vielleicht habe ich doch einen Schock und das ist die Reaktion darauf. Attraktive Männer, die außerdem einen athletischen Körperbau besitzen und die fünfzig noch nicht überschritten haben, sind nämlich absolute Mangelware in Beverlie Hills.

Sheriff Moreno ist geschätzt um die dreißig, groß, hat eine markante Kinnpartie, einen leichten Bartschatten und Augen, die an dunkle Schokolade erinnern. Seine braunen Haare sind ein wirres Durcheinander, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob Absicht oder natürliche Wirbel hinter dem Style stecken.

Nicht schlecht. Gar nicht schlecht …

„Kann ich Ihnen ein paar Fragen stellen? Fühlen Sie sich gut genug dafür?“ Im nächsten Augenblick hält der Gesetzeshüter mit den guten Genen einen Notizblock und einen Stift in der Hand. Ohne das Lächeln von eben und auf Bestätigung wartend, blickt er mich an.

„Natürlich.“ Ein Räuspern kommt mir über die Lippen. „Fragen Sie, was Sie fragen wollen.“

„Wann haben Sie den Toten gefunden?“

Ein schneller Blick auf mein gezücktes Handy verrät mir, dass es bereits nach elf Uhr ist. „Das müsste kurz vor halb zehn gewesen sein.“

Rick Moreno macht sich eine Notiz.

„Der Tote ist der Hauptdarsteller des neuen Theaterstücks, ist das richtig?“

„Ja, Kirby sollte den attraktiven Frauenschwarm Hashtag Ladykiller in Mord in rosarot spielen.“ Ich seufze, weil ich unweigerlich an das Ausmaß des fehlenden Hauptdarstellers denken muss. „Daraus wird nun wohl nichts.“ Meine Bestürzung ist nicht zu überhören.

„Wer ist die Zweitbesetzung?“

Echt jetzt? Das ist seine nächste Frage? Glaubt der neue Sheriff etwa, jemand aus unseren Reihen wäre auf Kirbys Rolle aus und hätte ihn deshalb beseitigt? „Ich glaube, Chris Hunter, er spielt den Taxifahrer in dem Stück. Magnus hat den Cast besser im Kopf als ich. Mein Beschäftigungsfeld sind die Kostüme und das Bühnenbild. Mit den Schauspielern habe ich nur bei der Anprobe zu tun.“

Wieder macht sich Moreno fleißig Notizen.

„Chris hat Kirby aber nicht ermordet“, fühle ich mich genötigt zu sagen. „Er ist bereits über fünfzig, hat einen schlimmen Rücken und würde so etwas niemals tun.“ Dass Chris kein Blut sehen kann, und sich sogar davor fürchtet, verschweige ich. Der Laienschauspieler ist äußerst sensibel und leidet sehr unter seiner Blutphobie.

„Der Tote hat ein Loch in der Brust“, werde ich aufgeklärt. „Auch kranke oder gebrechliche Menschen können Waffen abfeuern.“

Ein gutes Argument, aber trotzdem …

Chris hätte Kirby sicher weniger blutig ermordet, wenn er das gewollt hätte. „Glauben Sie ernsthaft, Chris Hunter könnte der Mörder sein?“

„Zum jetzigen Zeitpunkt glaube ich gar nichts.“ Moreno tippt mit dem Stift auf seinen Block. „Ich sammele lediglich Beweise und kläre die Fakten.“

Beeindruckend. Offensichtlich ist unser neuer Sheriff auf Zack. „Haben Sie schon viele Mordfälle gelöst?“ Meine Neugier lässt sich nicht im Zaum halten. Der Mann vor mir hat meine volle Aufmerksamkeit. Ich bin fasziniert und gespannt auf seine Antwort.

„Einige.“ Er antwortet, ohne von seinem Block aufzusehen.

„Was wollten Sie im Theater, um diese frühe Uhrzeit?“ Sein Blick richtet sich auf mich, als wolle er keine Reaktion verpassen.

Huch. Es fühlt sich merkwürdig an plötzlich im Fadenkreuz zu stehen. Gut und schlecht zugleich.

„Äh. Arbeiten.“ Kurz halte ich inne. „Ein paar der Kostüme müssen vor der offiziellen Anprobe noch geändert werden. Ich wollte sie zu mir nach Hause in die Schneiderei holen.“

Ungefragt wird mir von links eine Tasse gereicht. „Bitte sehr. Ein heißer Kakao.“

„Danke.“ Als hätte ich auf das Getränk gewartet, nehme ich die Tasse entgegen und halte sie fest, unschlüssig was ich damit tun soll. Verstehe. Das wurde also mit der Geste über meinen Kopf hinweg bestellt.

„Trinken Sie. Der Zucker wird Ihren Kreislauf in Schwung bringen. Ihre Gesichtsfarbe ist blasser als die des Toten.“

Ein Kompliment ist das nicht gerade.

„Vielen Dank auch.“ Ganz kann ich den Sarkasmus aus meinem Tonfall nicht zurückhalten. Aber weil ich weiß, dass der Sheriff recht hat und die Tasse sich wunderbar warm in der Hand anfühlt, nippe ich vorsichtig an dem Kakao. Obwohl ich mich ungern bevormunden lasse, ist es doch irgendwie nett, dass jemand dafür sorgt, dass es mir besser geht.

Nach den ersten Schlucken spüre ich, wie der Zucker und die Wärme sich in meinem Magen ausbreiten. Göttlich. Wohlig entschlüpft mir ein leiser Seufzer. Die Kombination habe ich tatsächlich gebraucht.

„Schmeckt es?“ Die Frage wird von einem Lächeln, inklusive Grübchenblitzer begleitet.

„Ja, danke. Ausgezeichnet.“ Mit Schuss wäre er noch besser, füge ich in Gedanken hinzu.

„Hatte Mr. King Feinde?“, wird die Befragung fortgesetzt, während ich meinen übersüßten Kakao schlürfe.

„Nicht, dass ich wüsste. Alle am Theater mochten ihn und schätzten seine Erfahrung als Schauspieler. Und die Frauen … ich lüge nicht, wenn ich Ihnen verrate, dass es in ganz Beverlie Hills kein weibliches Wesen gibt, das keine Herzchen in den Augen hatte, sobald Kirby King ihren Weg kreuzte.“

„Er war eher ein Serien-Star, als ein Theaterdarsteller, oder?“

„Serienheld, Social-Media-Star, Werbegesicht und Schauspieler. Mit der Arbeit bei uns wollte Kirby seine Vita um ein erfolgreiches Theaterengagement erweitern“, erkläre ich und rolle die warme Tasse zwischen meinen Händen. „Es ist nicht unüblich, dass aufstrebende Leinwandgrößen Erfahrung auf der Kleinkunstbühne sammeln.“

„Er war also neu in der Stadt?“

„Kirby hat keinen Hehl daraus gemacht, dass er sich lediglich für eine Spielzeit in Beverlie Hills aufhalten würde. Die Stadt profitierte von seiner B-Prominenz und Kirby von den neuen beruflichen Erkenntnissen.“ Ich zucke mit den Schultern. „Eine Win-win-Situation für alle.“

„Passiert so etwas häufiger?“

„Was? Dass ein gefeierter Serien-Star sich in unser Nest verirrt? Nein.“ Ich schüttele den Kopf. „Kirby war der Erste.“ Mit Sorge denke ich an die vorverkauften Tickets. Was werden die Leute sagen, wenn sie hören, dass ihr Held nicht auftreten kann, weil er tot ist? Unter Umständen werden sie die Tickets zurückgeben wollen und ihr Geld zurückverlangen.

„Könnte es sein, dass es andere Gründe als Ruhm oder kreative Weiterbildung für seinen Aufenthalt in der Stadt gab?“

Ich bin verwirrt. „Welche sollten das sein?“

„Unter Umständen wurde King verfolgt, bedroht … oder er wollte vielleicht in der Stadt untertauchen.“ Moreno zuckt mit den Schultern, als wäre alles möglich.

Einen Moment lang denke ich nach.

„Die Bühne ist in meinen Augen ein denkbar schlechter Ort, um sich zu verstecken. Die ersten Vorstellungen sind bereits ausverkauft. Tausende haben Eintrittskarten bestellt.“ Die ganze Stadt wollte Kirby King in seinem Bravourstück glänzen sehen.

Moreno steckt Block und Stift weg. „Sie haben recht. Es ist zu früh für Spekulationen. Wo kann ich Sie erreichen, sollte ich noch Fragen haben?“

Ich gebe Moreno meine Adresse und Handynummer und bin entlassen, noch bevor der Tote von der Bühne gebracht wird.

Verdammt! Wie soll es mit Mord in rosarot nun weitergehen? Und wo bekommt Magnus einen neuen Schauspieler her, der wenigstens mittelmäßig für die Rolle geeignet ist?

3

40 Tage bis zur Premiere von Mord in rosarot

Die letzten zwei Tage war die Hölle los. Kirby Kings Tod hat die ganze Stadt in Aufruhr versetzt. Verständlich, nicht nur weil ein Mord geschehen ist, sondern auch, weil die weiblichen Einwohner von Beverlie Hills nun Angst um ihr Theatervergnügen haben. Gefühlt trauert jeder um die verpasste Chance, den eindrucksvollen Kirby King live und von Liebe entflammt auf der Bühne zu bewundern.

Magnus trauert ebenfalls, allerdings aus anderen Gründen. Er muss so schnell wie möglich einen Ersatz für Kirby finden. Dass die Zweitbesetzung zur Erstbesetzung wird, ist keine Option. Darüber sind wir uns beide einig. Bisher hat zum Glück noch niemand Tickets zurückgeben wollen, aber das kann noch kommen. Chris, der nicht nur ein in die Jahre gekommenes Sensibelchen ist, sondern auch eine Vorliebe für schwarzen Nagellack hat, ist definitiv kein Ersatz für den verstorbenen Frauenmagnet. Nicht mal ein schlechter.

„Magnus, bist du da?“, rufe ich und betrete das Theaterbüro, in dem auch ich einen Schreibtisch stehen habe. Die Schneiderei und die Werkstatt für die Arbeiten am Bühnenbild befinden sich im Anbau hinter meinem Haus, das unweit vom Theater steht. Aber den anfallenden Schreibkram erledige ich von hier aus.

„Ich brauche einen Regieassistenten“, jammert Magnus, anstatt mich zu begrüßen.

Noch in der Tür bleibe ich stehen.

Verdammt empfindliche Künstlerseele!

Womit habe ich das verdient? Magnus der Große Daythan hat einen seiner Diva-Anfälle – und ich muss damit klarkommen. Mal wieder. Mir bleibt auch nichts erspart. Hat es dem Schicksal nicht gereicht, dass ich über die Leiche gestolpert bin? Muss ich mich jetzt hiermit auch noch herumschlagen?

Misstrauisch und mit verhaltenem Mitgefühl mustere ich den Mann, der ein grandioser Regisseur ist, sich hin und wieder aber reichlich gehen lässt. Genau wie ich hat Magnus dunkle Ringe unter den Augen. Dass er in den letzten Tagen verzweifelt nach einer Lösung gesucht hat, verrät mir sein schief geknöpftes Hemd und die locker sitzende Krawatte. Ein derart derangierter Look passt nämlich nicht zu dem Großen Magnus, dem sein Äußeres so wichtig ist wie ein zufriedenes Publikum. Als ehemaliger Entfesselungskünstler mit Bühnenpräsenz ist Magnus kaum etwas wichtiger als sein Erscheinungsbild. Dass sogar ein paar ergraute Bartstoppeln auf seiner sonst so glatten Kinnpartie sprießen, zeigt mir, dass der Sechzigjährige kurz davor ist, alles hinzuwerfen.

Mit dem festen Vorsatz, das zu verhindern, betrete ich das Krisenzentrum und schließe die Tür hinter mir.

„Wenn der Erfolg von Mord in rosarot für eine Finanzspritze sorgt, können wir die Einstellung eines Assistenten für dich diskutieren, doch momentan fehlt uns dafür leider das Geld.“ Erschöpft lasse ich mich auf den Stuhl gegenüber von Magnus‘ Schreibtisch fallen.

„Die Ausgaben für Kirby Kings Gage fallen weg. Wir könnten das eingesparte Geld doch in einen Regieassistenten stecken“, schlägt mein Freund und Gegenüber vor, während er sich in Pose wirft und sich nachdenklich über das Kinn streicht.

„Nein.“ Mein rechtes Augenlid fängt an zu zucken und ich reibe mit dem Finger darüber, damit es aufhört. „Das Geld müssen wir in die Gage eines neuen Darstellers stecken.“ Mit Hoffnung in der Stimme lasse ich meine Hand sinken. „Hast du mittlerweile eine Idee, wen wir engagieren könnten? Wer könnte den neuen Gigolo spielen und hat zusätzlich einen Superstar-Hintern?“ Der Gedanke an Kirbys Knackpopo entlockt mir ein unfreiwilliges Schmunzeln. „Um ein mehrtägiges Casting zu veranstalten, fehlt uns die Zeit“, sage ich wieder ernst. „Wir brauchen Hilfe – einen Insidertipp.“

Magnus gibt seine Darstellung der Primadonna zum Besten und stößt einen belustigten Laut aus.

„Insidertipps sind rar. Alle Männer in Beverlie Hills, die einen Funken Schauspieltalent besitzen, sind über sechzig und damit zu alt für die Rolle.“

„Das stimmt.“

„Wir könnten eine Frau casten“, schlägt Magnus in einem Tonfall vor, der mir verrät, dass er es ernst meint. „Von denen gibt es in unserem Nest schließlich genügend.“

Vollkommen entsetzt, fällt mir im ersten Moment nichts ein, was ich erwidern könnte. Das kann er nicht ernst meinen.

„Möchtest du das Stück umschreiben?“, frage ich, als ich mich wieder gefangen habe. „So kurz vor der Premiere ist das unmöglich zu schaffen.“ Mein Augenlid zuckt heftiger.

„Du missverstehst mich, Millie.“ Magnus‘ belustigter Blick verrät seine Gedanken. „Mit ein bisschen Schminke und den geeigneten Klamotten könnten wir aus der gecasteten Frau einen Mann machen.“ In gespielter Euphorie reißt Magnus die Faust in die Luft. „Ein Hoch auf Diversität!“

Nein!

Ich spüre, wie mir die Farbe aus dem Gesicht weicht. Magnus muss sämtliche Alternativen verworfen haben, wenn das sein Plan B sein soll.

„Nein!“ Mein Tonfall lässt keine Zweifel offen. An den Zuschauerprotest, der uns bei dieser Lösung erwartet, möchte ich gar nicht denken. Sämtliche Frauen von Beverlie Hills würden sich nach Strich und Faden betrogen fühlen.

„Liebste Millie, lehne meinen Vorschlag nicht ab, ohne wenigstens darüber nachzudenken. Die Zeit bis zur Premiere müsste noch ausreichen, um einen Damenbart sprießen zu lassen.“

Ein entzückender Gedanke … aber nein.

„Auf keinen Fall.“ Gerade bin ich mir hundertprozentig sicher, dass Magnus mich nur aufziehen möchte. Der Vorschlag muss ein Scherz sein.

„Mit einem Regieassistenten könnte ich nach einem geeigneten männlichen Ersatz für Kirby suchen. Aber so …“ Magnus, der sich gerade absolut kindisch und unmöglich benimmt, zuckt gleichgültig mit den Schultern, dreht sich auf seinem Stuhl zum Fenster und starrt hinaus. Die Unterhaltung scheint für ihn beendet zu sein. Seine begnadete Künstlerseele nimmt sich offenbar eine Auszeit.

Na bravo.

Ignoranz ist etwas, dass sich ein Mann wie Magnus, ehemaliger Illusionist, der sich früher innerhalb von zwei Minuten aus einer Zwangsjacke befreien konnte, einfach herausnimmt. Leider habe ich weder die Geduld noch die Zeit, um mich heute mit seinem Starrsinn und seiner Kurzsichtigkeit zu beschäftigen.

Frustriert und gereizt zugleich, mit dem Finger auf meinem unkontrolliert zuckenden Augenlid, erhebe ich mich. „Wir sehen uns später, wenn du einen besseren Plan ausgearbeitet hast.“

Die nächsten Tage werden einem Rodeo gleichkommen. Einem Rodeo, das ich – wie fast immer – größtenteils allein bewältigen muss.

Himmel hilf!

Wo zum Teufel bekomme ich auf die Schnelle einen neuen männlichen Superstar her?