Prolog
Am Abend der Beauregard-Gala geschahen zwei Dinge in der kleinen Stadt Magnolia Grove.
Erstens: ein Raub.
Zweitens: ein Mord.
Doch ehe wir uns kopfüber ins Chaos stürzen, möchte ich mich kurz vorstellen: Ich bin Parker Hayes, und wenn ich während meiner Zeit als Podcasterin eines gelernt habe, dann, dass eine gute Geschichte sich am besten von Anfang an erzählen lässt.
Stellen Sie sich Folgendes vor: Magnolia Grove, eine bezaubernde Südstaaten-Kleinstadt, in der der Eistee in Strömen fließt und Klatsch und Tratsch sich schneller verbreiten als Butter auf heißem Gebäck. Und hier komme ich ins Spiel, eine ehemalige True-Crime-Podcasterin, die versucht, sich als Cafébesitzerin neu zu erfinden. Geben Sie noch ein paar kunterbunte Charaktere hinzu, die alle ihre eigenen Probleme mitbringen, dann wissen Sie, wo Sie hineingeraten sind.
Oh, habe ich den Mord schon erwähnt? Ja, dazu kommen wir noch. Aber lassen Sie mich Ihnen zuerst eine Tasse meiner Spezialmischung eingießen, und dann erzähle ich Ihnen, wie es dazu kam, dass ich, Parker Hayes, statt True-Crime-Geschichten nun Caffè Latte serviere, in einer Stadt, in der die Geheimnisse so vielzählig sind, wie mein Espresso stark ist. Vertrauen Sie mir, diese Geschichte lassen Sie sich am besten langsam auf der Zunge zergehen wie eine gute Tasse Kaffee.
Nun, wo soll ich anfangen? Ah ja, an dem Tag, als ich in Magnolia Grove ankam, mit nichts als drei Koffern und einem Traum …
Erstes Kapitel
Auf dem Stadtplatz im Herzen der bezaubernden Bilderbuchstadt Magnolia Grove herrschte ein reges Treiben. Überall waren Gesprächsfetzen und das Rascheln von Einkaufstüten zu hören. Der Duft frisch gemähten Grases wehte zu mir herüber, als ich die Straßen entlangschlenderte. Meine Schritte waren beflügelt von Hoffnung und purer Entschlossenheit, denn immerhin begann ein neues Kapitel meines Lebens. Erst gestern hatte der Fahrer des Greyhound-Busses mich und meine drei Gepäckstücke kurzerhand am Stadtrand abgeladen. Und mit der Abgaswolke des Busses hatte sich gleichzeitig mein altes Leben in Luft aufgelöst.
Vor Kurzem hatte ich mein Mikrofon als Moderatorin des beliebten Podcasts Criminally Yours, deine tägliche Dosis Mord an den Nagel gehängt und die Großstadt verlassen, um mich im ruhigen Magnolia Grove in North Carolina niederzulassen. Das Städtchen war nur ein kleiner Punkt auf der Landkarte, eingebettet in die Ausläufer der Blue Ridge Mountains, wo die von Bäumen gesäumten Straßen einen ganz eigenen Charme versprühten und Verbrechen nicht existent waren. Und wo der Leitspruch lautete: Bei uns sind die Menschen so liebreizend wie unsere schönsten Blumen.
Ich hatte meine gesamten Ersparnisse in einen heruntergekommenen Eckladen gesteckt, der sich in einem historischen Gebäude befand und einst eine Apotheke samt Soda-Shop beherbergt hatte, um mir den Traum von einem eigenen Café zu erfüllen, dem Catch You Latte. Der Grund für dieses Wagnis war mein Bedürfnis nach Seelenfrieden. Ich wollte einen Gang runterschalten und die Überholspur verlassen. Mein Plan sah vor, die Bewohner mit Kaffeespezialitäten und leckeren Desserts zu versorgen. Denn ein Café, das hatte ich herausgefunden, gab es in Magnolia Grove nicht. Und das, was einem trinkbaren Kaffee am nächsten kam, bot Dunkin' Donuts an, allerdings in der nächsten Stadt. Obwohl ich eine Entscheidung von enormer Tragweite getroffen hatte, indem ich mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt und mein Sparbuch geplündert hatte, konnte ich es nicht erwarten, mit der Sanierung der Räumlichkeit zu beginnen, die schon bald mein Café sein sollte.
Seit geraumer Zeit hatte ich von einem Neuanfang geträumt. Die Arbeit an dem Podcast und das Leben in der Großstadt hatten ihren Tribut gefordert, und meine Nerven lagen blank. Wie ich zuvor erwähnt habe, sehnte ich mich nach einem einfacheren Leben, in dem ich Kaffee zubereiten und köstliche Desserts und Backwaren anbieten konnte. Ich erhoffte mir, unbeschwerte Gespräche mit normalen Leuten führen zu können, die nichts mit, nun ja, Verbrechen zu tun hatten. Ich malte mir mein Geschäft als einen idyllischen Rückzugsort aus, an dem sich die Bewohner treffen und eine gute Zeit miteinander haben konnten. Ich sah mich, wie ich in den frühen Morgenstunden die Zutaten für meine leicht zu backenden, doch schmackhaften Leckereien vermischte – Blaubeermuffins, die erstklassigen Zimtschnecken meiner Großmutter und natürlich mein Favorit, Chocolate-Chip-Cookies. Ich konnte schon jetzt riechen, wie sich der verführerische Wohlgeruch von Süßwaren mit dem Duft meiner liebsten Kaffeesorten vermischte. Und wenn nach Feierabend der letzte Kunde von dannen zog, um zu tun, was immer die Leute in Magnolia Grove taten, würde ich ein Stockwerk nach oben gehen und mich in mein heimeliges und einladendes Apartment zurückziehen. So war es jedenfalls geplant.
Diese Gedanken gaben mir neuen Auftrieb, während ich durch die Stadt bummelte. Als ich mich jedoch dem leer stehenden Gebäude näherte, wurde ich jäh von Angst und Zweifeln gepackt. Die bröckelnde Fassade und die gesprungenen Fenster zeugten von jahrelanger Vernachlässigung.
„Oh-oh.“
Mit einem Mal erschien mir das Gebäudesanierungsprojekt zu gewaltig und abschreckend, wenn nicht gar unmöglich.
Denk positiv, Parker. Fokussiere dich auf das, was hinter dem Verfall liegt, erkenne die Möglichkeiten.
Ja, es war ein gutes Stück Arbeit, aber am Ende würde es all das wert sein. Jedenfalls hoffte ich es.
Ich überquerte die Straße und steuerte auf den Eingang zu, wo ein älterer Mann vor der Tür stand, die mit einer Kette verschlossen war. Er trug eine Baggy Jeans, ein verwaschenes T-Shirt und eine abgenutzte Baseballkappe, die aussah, als hätte sie schon einiges mitgemacht. Mit seinem bauschigen, weißen Bart hatte er eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Weihnachtsmann. Er schien die Art Mensch zu sein, die einem nach einer Umarmung versichert, dass alles wieder gut wird. Er roch nach frischer Seife und Sägespänen, und ich mochte ihn auf Anhieb.
„Du musst Parker Hayes sein.“ Er streckte die Hand aus und lächelte mich breit an. „Clyde Honeycutt, dein Handwerker für alle Fälle.“
Ich schüttelte ihm herzlich die Hand. „Schön, Sie kennenzulernen, Mr. Honeycutt.“
„Ach, Herzchen, wir zieren uns hier nicht so. Du kannst mich Clyde nennen.“
„Nun dann, schön, dich kennenzulernen, Clyde.“ Ich beäugte das vernachlässigte Gebäude. „Sieht nach einem guten Stück Arbeit aus.“
Er schob sich die Kappe aus der Stirn, blickte zum Gebäude hinauf und stieß einen Pfiff aus. „Aber sie ist eine Schönheit. Nun ja, zumindest war sie es in ihrer Blütezeit.“
Ich durchkämmte meine Tasche und holte den Schlüssel für das Vorhängeschloss hervor. „Ich kann es kaum erwarten, alles von innen zu sehen und einen Schlachtplan auszuarbeiten.“
Ich schob den Schlüssel ins Schloss, und Clyde half mir, die klirrende Metallkette zu lösen. Da sich die Tür nicht bewegen ließ, stemmte er sich mit vollem Körpereinsatz dagegen, bis die Holztür mit einem lauten Krachen aufsprang. Ich zuckte zusammen, als ein Teil des Holzes absplitterte und zu Boden fiel.
„Das lässt sich beheben“, sagte Clyde und kickte ein großes Stück Holz beiseite.
In Kürze würde ich erfahren, dass die Worte „Das lässt sich beheben“ Clyde Honeycutts Mantra waren.
Was mir im Innern des verlassenen Geschäfts als Erstes auffiel, war der muffige und schimmelige Geruch, der sich über Jahrzehnte aufgestaut hatte. Der Ort war durchdrungen von stickiger Luft. Mein geradezu übermenschlicher Geruchssinn stellte sich als wenig hilfreich heraus, war Fluch und Segen zugleich. Ich ließ die Tür offen stehen, in der Hoffnung, etwas abgestandene Luft nach draußen zu lassen.
Clyde förderte eine Taschenlampe zutage und suchte die Wand nach einem Lichtschalter ab. Nachdem er den Schalter einige Male betätigt hatte und nichts geschehen war, hielt er plötzlich eine weitere Taschenlampe in der Hand und reichte sie mir. Dass Clyde Honeycutt ein wandelnder Werkzeugkasten war, würde mir schon bald bewusst werden.
Ich ließ den Lichtstrahl durch den dunklen Raum wandern. „Den Energieversorger habe ich informiert, und bezahlt habe ich auch, aber ich schätze, irgendetwas scheint im Argen zu liegen.“
Clyde gluckste. „Ich nehme an, hier liegt eine Menge im Argen.“
Mir wurde schwer ums Herz. „Es ist ziemlich schlimm, nicht wahr? Auf den Bildern im Internet sah es nicht so verfallen aus.“
Nun krümmte Clyde sich vor Lachen. „Das kann ich mir gut vorstellen.“ Als Clyde bemerkte, dass mein Mut sank, sagte er: „Ach, Herzchen, lass dich davon nicht unterkriegen. Das lässt sich beheben.“
Ich war Clyde für seine Zuversicht dankbar, denn meine schwand zusehends. Aber er schien zu wissen, wovon er sprach. Meine „Expertise“ in derlei Dingen war einzig und allein auf Heimwerkersendungen im Fernsehen zurückzuführen. Dort sah es immer so einfach aus, wenn Wände eingerissen oder Böden erneuert wurden und dann Einbauten und Einrichtungsgegenstände, zusammengewürfelte Möbelstücke und Schnickschnack hinzukamen, und siehe da … Perfektion entstand.
Als ich die marode Räumlichkeit in Augenschein nahm, drang der surrende Ton meines Mobiltelefons aus meiner Tasche. Auf dem Display war das lächelnde Gesicht meiner Mutter zu sehen. Ich trat nach draußen, um den Anruf entgegenzunehmen.
„Hi, Mom“, sagte ich, bemüht, meine Stimme enthusiastisch klingen zu lassen.
„Parker, mein Schatz! Wie läuft der Umzug? Dein Vater und ich sind so aufgeregt.“
Ich seufzte und warf einen Blick zurück auf das heruntergekommene Gebäude. „Geht so. Es gibt mehr zu tun, als ich erwartet habe.“
„Oh, mein Schatz, erinnerst du dich noch an die kniffligen Rätsel, die ich immer für dich vorbereitet habe, als du klein warst? Du saßt stundenlang daran, fest entschlossen, sie zu lösen. Dies ist nur ein weiteres Rätsel, und ich weiß, du wirst es lösen.“
Ich dachte an die ruhigen Nachmittage, die ich an unserem Küchentisch verbracht hatte, an Dads Tierarztkittel, die den Geruch von Tierhaaren verströmt hatten, und an die Stoffreste von Moms neuestem Quiltprojekt, die auf dem Tisch verstreut gewesen waren. Stets hatten die beiden mein Faible, Probleme zu lösen, unterstützt und auf eine Art und Weise gefördert, die mich dorthin gebracht hatte, wo ich heute war.
„Danke, Mom, dass du mich daran erinnerst. Das habe ich gebraucht.“
„Warte kurz, dein Vater möchte dir Hallo sagen.“
Ein flüchtiges Rascheln erklang, ehe die obere Hälfte von Dads Kopf auf dem Bildschirm zu sehen war. „Hey, Sherlock! Wie geht es meiner liebsten Podshow-Moderatorin?“
Ich kicherte. „Es heißt Podcast, Dad. Und ich mache das nicht mehr, erinnerst du dich? Könntest du das Telefon nach unten bewegen, damit ich dein ganzes Gesicht sehen kann?“
„Stimmt. Stimmt. Nun dann, wie geht es meiner liebsten Ex-Podshow-Moderatorin? Konntest du schon irgendwelche Geheimnisse vor Ort lösen? Hast du etwa herausgefunden, wer die letzte verbliebene Kaffeedose der Stadt gestohlen hat?“
„Dad“, stöhnte ich, allerdings mit einem Lächeln auf den Lippen. „Mir geht es gut, ich fühle mich nur ein bisschen überfordert.“
„Ach, Kleines, du weißt doch, wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade daraus. Und wenn du keine Limonade machen kannst, nun ja, dann hast du zumindest einige Zitronen für diese Scones, die du so gerne zubereitest.“
Ich schüttelte den Kopf, fühlte mich jedoch etwas besser. „Ich werde es im Hinterkopf behalten.“
„Hör zu, Parker, ich kenne niemanden, der einen schärferen Verstand besitzt als du. Ob es darum geht, Rätsel zu lösen, eine Podshow zu moderieren, Verbrechen zu wittern – buchstäblich oder im übertragenen Sinne. Hahaha … Du wirst die Instandsetzung des Hauses gut hinbekommen. Wichtig sind Geduld und Ausdauer. Du schaffst das, Sherlock.“
„Danke, Dad.“
Nachdem wir noch ein paar Worte gewechselt hatten, versprach ich, bald wieder anzurufen und legte auf. Ich starrte auf das Telefon und erinnerte mich an das letzte Mal, als meine Eltern bei mir in der Großstadt übernachtet hatten. Sie waren überfallen worden, was uns alle schwer erschüttert hatte. Seither waren sie nicht mehr bei mir zu Besuch gewesen, und das war einer der Gründe, weshalb ich mich dazu entschieden hatte, nach Magnolia Grove zu ziehen – an einen Ort, der ihnen sicher genug erschien, um wieder bei mir zu Gast zu sein.
Ich tat einen tiefen Atemzug, straffte meine Schultern und stiefelte zurück ins Haus. Mom hatte recht: Dies war nur ein weiteres Rätsel, das es zu lösen galt. Und lösen würde ich es, Stück für Stück.
„Alles in Ordnung?“, fragte Clyde, als ich eintrat.
„Ja.“ Neuerliche Entschlossenheit keimte in mir auf. „Ich hatte gerade ein aufmunterndes Gespräch mit meiner Mom und meinem Dad. Also, wo waren wir stehen geblieben?“
Clyde blickte grinsend an mir vorbei. „Wir bereiten uns besser auf einen Tornado vor.“
Als ich ihn fragen wollte, was er damit meinte, rauschte eine Frau in einer geblümten Tunika, wie von einer Windböe getragen, zur Tür herein. Sie warf ihre langen, honigblonden Wellen über die Schulter.
„Meine Güte“, rief sie aus, und ihre Stimme erfüllte den staubigen Ort, in dem sich ein süßlicher Gardenienduft ausbreitete.
„Guten Morgen, Nellie.“ Clyde wies in meine Richtung. „Das ist Miss Parker Hayes, Magnolia Groves neueste Bewohnerin.“
Nellie schritt in meine Richtung und schüttelte mir flüchtig die Hand. „Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich bin Nellie Pritchett, die Vorsitzende des Magnolia-Grove-Empfangskomitees. Eigentlich arbeite ich als Verwaltungsbeamtin. Ich berate den Bürgermeister und den Stadtrat in allen Angelegenheiten.“
Dass Nellie eine Naturgewalt war, war mir schon jetzt klar. „Schön, Sie kennenzulernen.“
Clyde versetzte mir einen leichten Stupser. „Sie weiß auch, wo all die Leichen begraben sind.“
„Nun ja, ich habe Zugang zu alten Dokumenten und zum Archiv, Clyde.“ Ihre Augen strahlten vor Freude und Optimismus, doch hinter der Fassade lauerte eine gewisse Scharfsinnigkeit, die mich schlussfolgern ließ, dass Nellie Pritchett die offizielle Klatschtante der Stadt war.
Nellie warf ihr langes Haar erneut über die Schulter und kramte einen Flyer aus ihrer riesigen, bis an den Rand vollgepackten Einkaufstasche heraus. „Ich bin hier, um Sie willkommen zu heißen. Sollten Sie je irgendwelche Unterlagen oder Genehmigungen brauchen, schauen Sie ruhig bei mir vorbei. Ich werde mich in Nullkommanichts darum kümmern.“
„Danke, das werde ich tun.“
„Ach ja, und ich würde Sie gerne zu der Gala einladen, die heute Abend in der Beauregard-Villa stattfinden wird.“
Zögerlich nahm ich den Handzettel entgegen. Auf eine Festveranstaltung war ich nicht vorbereitet, ganz zu schweigen davon, dass es mir an entsprechender Kleidung mangelte. Ich hatte vor, mich auf das Café zu konzentrieren, das sich offensichtlich zu einem Vollzeitprojekt entwickelte.
Nellie flötete munter weiter. „Es ist das Event des Jahres! Das Magnolia-Rose-Collier wird zum ersten Mal seit Jahrzehnten ausgestellt. Zusammen mit weiteren Familienerbstücken. Die Beauregards haben netterweise die ganze Stadt eingeladen.“
Ich stieß den Atem aus und machte eine ausladende Geste. „Ich würde sehr gerne kommen, aber ich denke, ich werde mir die Nacht um die Ohren schlagen müssen, um herauszufinden, wie ich dieses monströse Projekt hier bewältigen soll.“
Nellie winkte ab. „Unsinn! Die Arbeit kann warten. Vertrauen Sie mir, Miss Hayes, diese Gala wollen Sie auf keinen Fall verpassen. Sie würden es sicher bereuen.“
Au weia. Mir war nicht ganz klar, was Sie damit ausdrücken wollte, doch Nellie wusste genau, wie man Druck ausübte.
Rasch dachte ich mir eine andere Ausrede aus. „Oh, ähm … leider besitze ich keine angemessene, festliche Kleidung.“
Nellie kicherte leise und gestikulierte wild mit den Händen. Sie ließ sich nicht so leicht abschrecken. „Schauen Sie einfach bei Maggie rein. Sie wird sich darum kümmern. Ihr Geschäft ist nur einen Katzensprung entfernt. Sie gehen zur Tür hinaus und rechts vorbei am Juwelier Sparkle & Shine sowie am Blumenladen Blossom and Bloom. Dann überqueren Sie die Straße, laufen in Richtung des Werkzeugladens Henderson’s Hardware und finden Maggies Laden Boutique Chic on Main gleich um die Ecke.“
Nellie würde die Geschäfte der Stadt wohl mit verbundenen Augen finden. Ich blickte zu Clyde, da ich mir Unterstützung von ihm erhoffte, doch mein Handwerker entzog sich der Unterhaltung, um ausgerechnet jetzt jene Stelle im hinteren Bereich des Ladens auszumessen, an der die neue Theke aufgebaut werden sollte.
Schlussendlich startete ich einen letzten, verzweifelten Versuch. „Ich weiß die Einladung zu schätzen, aber um ehrlich zu sein, möchte ich nicht alleine gehen.“ Ich hoffte, mir die rastlose Nellie Pritchett mit diesem Vorwand vom Hals halten zu können.
Konnte ich nicht.
„So ein Quatsch. Clyde, mein Lieber, warum machst du heute Abend nicht kurz halt im Garden Inn – ich gehe davon aus, dass Sie momentan dort wohnen, Parker, denn es ist die einzig annehmbare Unterkunft in der Stadt – und holst Miss Hayes ab?“
Einerseits war ich dankbar, dass diese völlig Fremde mich an meinem zweiten Abend in der Stadt zu einer Veranstaltung einlud. Andererseits war ich nicht darauf vorbereitet, mich unter die Leute zu mischen. Ich hatte mir vorgenommen, mich nach und nach in die Gemeinschaft einzugliedern und nicht ins kalte Wasser geworfen zu werden.
„Aber klar doch. Ich werde dich abholen, Parker“, sagte Clyde.
Ich sah kurz zu ihm hin. Er zwinkerte mir zu und fuhr mit dem Messen fort. Dieser Verräter.
Nellie klatschte in die Hände und warf mir ein zuckersüßes Lächeln zu. „Dann ist das also abgemacht. Wir sehen uns heute Abend. Ich werde dafür sorgen, dass Sie herzlich empfangen werden. Die Leute aus Magnolia Grove werden Ihnen auf ganz besondere Weise ans Herz wachsen, Sie werden sehen.“
Sie huschte aus dem Laden, und ich dachte darüber nach, dass ihre letzten Worte ein wenig seltsam waren. Auf ganz besondere Weise?
Clyde kam mit einem Klemmbrett in der Hand herbeigeschlendert. „Wie wäre es, wenn du rüber zu Maggie in den Laden gehst, während ich hier alles fertigmache?“
Weder stand ein Kleiderkauf auf meiner Agenda noch war ich in der Stimmung dafür. Es gab einfach zu viel zu tun!
„Sollte ich nicht besser hierbleiben und helfen?“
Er schüttelte den Kopf. „Momentan gibt es nicht viel, bei dem du helfen kannst. Ich will mir erst mal einen Überblick verschaffen und einige Informationen sammeln.“
„Aber das ist mein Fachgebiet. Ich bin gut darin, Informationen zu sammeln.“
„Danke, aber ich komme klar. Mach du dich ruhig auf den Weg zu Maggie.“
Ich ließ den Blick durch den verwahrlosten Raum schweifen. Der Staub und Schutt und der abgenutzte Boden, alles wirkte so schäbig und war ein Riesenkontrast zu der gemütlichen und einladenden Atmosphäre, die mir vorgeschwebt war. Dies hier war die Kulisse eines Horrorfilms.
Clyde tippte mich mit dem Klemmbrett an. „Alles wird gut, Parker. Wir werden dieses Gebäude in kürzester Zeit wieder auf Vordermann bringen.“
Ich grinste den fröhlichen Handwerker an. „Ganz ehrlich, Clyde, Shopping ist nicht mein Ding. Und Partys auch nicht.“ Die Gründe dafür nannte ich ihm nicht – Clyde musste nichts von meinen Eigenheiten wissen.
„Denk nicht zu viel darüber nach.“
„Wann geht der ganze Spaß los?“ Ich blickte auf den Flyer.
„Um sechs Uhr. Ich fahre. Um Viertel vor hole ich dich ab.“
***
Die rosafarbene Ladenfront von Maggies Boutique Chic on Main hatte ein großes Erkerfenster, in dem verschiedene Kleider ausgestellt waren. Der Aufsteller vor dem Eingang war mit Blütenkaskaden bestückt und versprach einen fünfzigprozentigen Rabatt.
Ich betrat den Laden. Der zitronige Geruch von Pfingstrosen kribbelte in meiner Nase und ich musste niesen. An die intensiven Parfums und Duftnoten würde ich mich zweifellos gewöhnen müssen. Die Ständer voller aufgeputzter und farbenfroher Kleider und die vollgepackten Regale überfluteten meine Sinne.
Hinter dem Ladentisch stand, wie ich mutmaßte, Maggie Thomas, eine schlanke Frau mit wilden, roten Locken und einem glamourösen Gesicht, das einem Hochglanzmagazin hätte entsprungen sein können. Ihr bunt gemustertes, mit Puffärmeln versehenes Kleid war der neueste Schrei, und ich kam schnell zu dem Schluss, dass Maggie die örtliche Kompetenz in allem war, was mit Mode und Eleganz zu tun hatte. Auch schien ihr Geschäft ein sozialer Dreh- und Angelpunkt zu sein. Zweifelsohne würde sich in dieser bezaubernden Boutique für jedweden Anlass etwas finden lassen.
Maggie blickte vom Ladentisch auf, der übersät war mit Schriftstücken und Briefumschlägen, auf denen die Aufschrift „überfällig“ prangte.
Ich trat näher.
Maggie sah mich neugierig an. „Hallo“, rief sie mit einer Singsangstimme aus. „Sie müssen Parker Hayes sein, die Frau, die Elliots Apotheke gekauft hat.“
Maggies übereifrige Begrüßung und die Tatsache, dass sie mich bereits kannte, fand ich ebenso bemerkenswert wie beunruhigend. Anscheinend verbreiteten sich die Neuigkeiten in Magnolia Grove in rasender Geschwindigkeit.
„Ja, das bin ich. Schön, Sie kennenzulernen“, sagte ich.
„Mit dem Gebäude haben Sie sich aber etwas aufgehalst. Es steht seit Jahrzehnten leer.“
Ich strich mir eine Strähne hinters Ohr. „Ja, es kommt zweifellos einiges an Arbeit auf mich zu.“
Maggie stieß ein sinnliches Lachen aus. „Eine geballte Ladung, würde ich sagen! Was führt Sie zu mir? Lassen Sie mich raten … Sie brauchen etwas traumhaft Schönes für die Beauregard-Gala am heutigen Abend?“
„Woher wissen Sie das?“
Maggie trug etwas zusätzlichen Gloss auf ihre prallen Lippen auf und trat hinter dem Ladentisch hervor. „Magnolia Grove ist eine kleine Stadt, hier weiß jeder über den anderen Bescheid. Sie werden sich daran gewöhnen. Kommen Sie, ich bin sicher, ich habe genau das Richtige für Sie. Etwas Schlichtes, Kultiviertes, genau wie Sie.“
Ich betrachtete mich nicht als kultiviert. Schlicht, ja, aber eher auf eine sportliche und legere Weise. Ich tendierte eher in Richtung unauffällig, doch vorzeigbar. Aber ich hatte so eine Ahnung, dass jemand wie Maggie Thomas sich davon nicht beirren lassen würde. Die Begeisterung stand ihr ins Gesicht geschrieben, als sie mir eine Reihe eleganter Abendkleider vorführte. Ich trat einen Schritt zurück und beobachtete sie dabei, wie sie eifrig und mit geschickten Fingern die Kollektion durchforstete.
„Mal sehen …“ Maggie blickte mich über die Schulter an und musterte mich prüfend. „Ich bin sicher, ich habe genau das Richtige für Sie“, wiederholte sie im Zwitscherton.
„Kleider sind nicht so meins.“
Maggie ignorierte meinen Einwand und ging wieder die Kleider durch. „Keine Sorge. Darum kümmere ich mich. Ich habe ein Händchen dafür.“
„Das hört sich gut an. Vermutlich. Ich meine … ich überlasse das ganz Ihnen.“
„Und, haben Sie schon Bekanntschaft mit den Beauregards gemacht? Ein interessanter Haufen ist das. Stinkreich. Ihnen gehört fast die ganze Stadt.“ Nun klang ihre Stimme nicht mehr ausgelassen, sondern eine Spur konspirativ.
„Noch nicht. Ich bin erst gestern angekommen. Aber ich bin sicher, am Ende des heutigen Abends werde ich mit den Hintergrundgeschichten sämtlicher Bewohner bestens vertraut sein.“
„Gut möglich. Ich habe gehört, Sie moderieren einen Crime-Podcast. Wie aufregend! Welcher ist Ihr größter Fall? Ich liebe Krimis!“
Ich setzte ein gezwungenes Lächeln auf, denn ich wollte mir nicht anmerken lassen, dass ich meiner Vergangenheit überdrüssig war. Ich hatte keinesfalls vor, mein Inneres gegenüber Maggie Thomas preiszugeben. Klar, sie schien nett zu sein, aber …
„Dieses Kapitel meines Lebens habe ich abgeschlossen. Ich habe mich weiterentwickelt und freue mich darauf, in mein Leben in Magnolia Grove hineinzuwachsen, fernab von Kriminalität. Ein Neuanfang und so. Ich bin sehr aufgeregt wegen meines Cafés.“
„Oh, sind wir das nicht alle? Ich weiß nicht einmal, ob man an diesem Ort überhaupt weiß, wie eine gute Tasse Kaffee schmeckt. Haben Sie schon einen Namen für Ihr Geschäft?“
„Es wird Catch You Latte heißen.“
„Entzückend!“ Maggie fuhr mit dem Durchsehen der Kleider fort. „Wenn Sie es ruhig und beschaulich mögen, sind Sie hier am richtigen Ort. Und keine Sorge, ich werde meine Nase nicht in Ihre Angelegenheiten stecken … nicht allzu sehr. Ah, da haben wir doch was!“
Sie nahm ein violettes Kleid vom Ständer und hielt es gegen meine Brust.
„Oh, das ist perfekt. Die Farbe passt sehr gut zu Ihnen. Hebt Ihre Augen hervor. Und sie harmoniert ausgezeichnet mit Ihrem dunkelbraunen Haar.“
Ich betrachtete mich in dem großen Spiegel. Der runde Halsausschnitt gefiel mir außerordentlich gut. Sie hatte recht, die Farbe passte zu mir.
„Es ist wunderschön. Aber meinen Sie nicht, es ist ein bisschen … zu viel des Guten?“ Ich nahm das Kleid entgegen und hielt es gegen meinen Körper.
Maggie strahlte vor Stolz. „Bei den Beauregards ist auch alles zu viel des Guten. Das Kleid ist goldrichtig für diesen Anlass. Vertrauen Sie mir.“
Da ich keinen blassen Schimmer hatte, was mich auf der Gala erwarten würde, blieb mir nichts anderes übrig, als Maggie Thomas Glauben zu schenken. Nach dem, was ich in den wenigen Minuten mit Maggie über die Beauregards erfahren hatte, war es sicher besser, zu elegant als zu leger gekleidet zu sein. Entscheidend war letzten Endes, dass ich in passender Aufmachung erschien – keine Frau möchte an ihrem zweiten Abend in der Stadt als wandelnder Mode-Fauxpas gelten.
Ich kaufte das Kleid zusätzlich zu einem Paar Schuhe und Glitzerohrringen, die Maggie ausgewählt hatte. Sie gewährte mir einen fünfzigprozentigen Preisnachlass und einen Neukundenrabatt, den ich sehr begrüßte. Der Verkauf meiner Eigentumswohnung und die Tantiemen aus meinem Podcast hatten mir zwar eine beträchtliche Summe eingebracht, aber die Gelder schwanden allmählich. Und wenn man den Zustand meines Neuerwerbs berücksichtigte, würde ich im Nu pleite sein.
„Danke schön, Maggie, Sie haben mir wirklich sehr geholfen.“
„Seien Sie unbesorgt, Schätzchen. Sie werden alle vom Hocker hauen. Wir sehen uns heute Abend.“