Leseprobe Mord in Rochefort | Ein spannender Frankreich-Krimi

Prolog

(Rochefort, Frankreich)

Wie lange braucht eine Mutter, um das Leben ihres toten Sohnes in Kartons zu packen und aus dem Haus zu räumen?

Drei Monate.

So lange hatte meine Mutter gebraucht.

Drei Monate nach seiner Beerdigung stand ich im Flur. Mein Koffer neben mir, die Haustür in Sichtweite. Zehn Schritte und ich wäre draußen. Stattdessen ging ich nach oben.

Erster Stock, letzte Tür. Victors Zimmer stand einen Spalt offen. Ich drückte sie mit zwei Fingern auf und wusste sofort, dass ich das nicht hätte tun sollen. Ich hatte den Raum seit der Beerdigung nicht mehr betreten.

Jemand hatte hier aufgeräumt.

Das Bett war gemacht. Die Vorhänge zurückgebunden. Seine Bücher standen nach Farben sortiert im Regal ebenso wie seine Schallplatten. Auf dem Fensterbrett thronte eine Vase mit weißen Lilien.

Weiße Lilien. Meine Mutter verteilte sie neuerdings überall im Haus. Victor hätte die Blumen keine einzige Nacht in seinem Zimmer geduldet. Mein Bruder mochte die einfachen Dinge. Kräuter in Marmeladengläsern. Wildblumen, die nach zwei Tagen den Kopf hängen ließen.

Drei Monate nach seiner Beerdigung sah sein Zimmer aus wie für eine Besichtigung hergerichtet. Es roch nach Möbelpolitur. Nach Lilien. Nach meiner Mutter.

Die Notizbücher, die früher in schiefen Stapeln auf der Kommode gelegen hatten – vollgekritzelt mit Zahlen, Songzeilen, allem, was Victor durch den Kopf gegangen war –, lagen jetzt sauber gestapelt auf dem Schreibtisch. Daneben sein Füllfederhalter.

Nur das schwarze Notizbuch mit dem roten Gummiband fehlte.

Ich wusste es sofort.

Victor hatte es immer bei sich getragen. In der Gesäßtasche, in der Jacke, nachts auf dem Nachttisch. Das war das eine Buch, das nie irgendwo liegenblieb.

Vielleicht gab es eine harmlose Erklärung dafür. Ich fand nur keine. Ich hätte die Schubladen öffnen können. Ich hätte hinuntergehen und fragen können, wo das Buch war. Doch nichts davon tat ich. In wenigen Stunden würde ich in einem Flugzeug nach Amerika sitzen, und was Victor in dieses Buch geschrieben hatte, würde hier zurückbleiben. Ich war fertig mit diesem Haus.

Einen Moment blieb ich stehen, die Hand auf dem Bücherstapel. Das oberste Buch war glatt und kalt. Ich nahm die Hand weg.

Unten ging eine Tür auf. Schritte auf den Fliesen, das vertraute Knarzen der dritten Stufe.

„Helena?“, rief mein Vater. „Das Taxi ist da.“

Ich sah mich noch einmal im Zimmer um. Meine Mutter hatte alles weggeräumt.

Ich zog die Tür hinter mir zu.

Als ich in die Küche kam, saß Jeanne am Holztisch unter dem Fenster. Sie war schon vor sechs Uhr da, wie jeden Morgen. Seit ich denken konnte, gehörte sie zu diesem Haus. Vor ihr stand eine Tasse Tee, die längst kalt geworden war. Sie sah auf. An dem kurzen Innehalten ihrer Hände erkannte ich, dass sie längst begriffen hatte, wo ich gerade gewesen war.

„Du bist früh.“

„Ich wollte los, bevor –“ Bevor meine Mutter herunterkam. Bevor irgendjemand eine Szene machte.

Jeanne nickte, als hätte ich den Satz zu Ende gesprochen. Sie stand auf, schnitt ein Stück Zitronenkuchen ab und legte es auf eine Serviette.

Der Kuchen war noch warm. Zitrone, Butter, ein Hauch Vanille. Der Geruch traf mich härter als alles oben im Zimmer. In dieser Küche hatte ich meine Kindergeburtstage gefeiert. Hier hatte Victor nachts Käse aus dem Kühlschrank gestohlen und behauptet, sein Schlafwandeln müsse man respektieren. Hier hatte unser Vater sonntags Zeitung gelesen, während meine Mutter Gästelisten schrieb.

Jeanne schob mir die Serviette zu.

„Iss ihn unterwegs.“

Ich nickte und ging. Meine Kehle war eng.

Papa stand im Flur.

Er lehnte an der Wand neben der Kellertreppe, die Hände in den Hosentaschen, und sah aus, als stünde er schon eine Weile da. Das Hemd zerknittert, die Ärmel hochgekrempelt. Er roch nach Keller. Nach Eiche, feuchtem Stein und Most.

Mathieu Mureau war kein Mann großer Reden. Er führte sein Weingut mit ruhigen Händen und überließ die Inszenierung meistens meiner Mutter. Aber an diesem Morgen lag etwas in seinem Blick, das ich selten sah. Er war in den letzten Monaten sichtbar gealtert.

„Deine Mutter …“, begann er.

„Ich weiß“, entgegnete ich.

Wir sahen uns an. Clara war oben wach und würde trotzdem nicht herunterkommen. Wir wussten beide, dass sie einen Sohn beerdigt hatte und es nicht ertrug, dabei zuzusehen, wie auch ihre Tochter ging. Dass sie vielleicht litt. Vielleicht nur stolz war. Bei meiner Mutter war das schwer zu unterscheiden.

Er trat vor und nahm mich in die Arme. Mein Vater umarmte selten. Noch seltener hielt er fest. Diesmal tat er beides.

„Pass auf dich auf, ma petite.“

„Mach ich“, murmelte ich in sein Hemd.

Er ließ los, griff nach meinem Koffer und trug ihn hinaus. Stellte ihn neben den Wagen, nickte dem Fahrer zu und ging zurück ins Haus. Er versuchte nicht, mich umzustimmen.

Hinter mir fiel die Haustür ins Schloss. Durch den Spalt im Fenster hörte ich, wie er die Kellertür öffnete. Er ging zurück zu dem, was er verstand. Zu seinen Fässern. Zu seinem Wein.

Sophie wartete am Tor.

Sie trug einen Mantel über dem Schlafshirt, die braunen Haare wirr, als wäre sie direkt aus dem Bett gekommen.

„Du hast nicht zurückgerufen“, sagte sie.

„Tut mir leid.“

„Drei Mal, Helena.“

Ihre Stimme war leise. Sophie musste nie laut werden. Sie sagte Dinge so, dass man sich wünschte, sie hätte geschrien.

„Ich konnte nicht.“

„Du wolltest nicht“, sagte Sophie.

Das war das Problem mit Menschen, die man seit dem Kindergarten kannte. Man konnte ihnen nichts vormachen.

Sie sah auf meinen Koffer. Dann zum Haus hinauf.

„Wann kommst du wieder?“

Ich hätte lügen können. Nächste Woche. Bald. Wenn alles ruhiger ist. Stattdessen sagte ich: „Ich weiß es nicht.“

Etwas zuckte in ihrem Gesicht. Keine Überraschung. Eher die Bestätigung von etwas, das sie die ganze Zeit befürchtet hatte.

„Und Étienne?“, fragte Sophie.

Ich sah weg. Étienne war Victors bester Freund gewesen. Und der Mann, den ich heiraten wollte.

Bei der Beerdigung hatte er kaum ein Wort herausgebracht. In den Wochen danach gab ich ihm den Verlobungsring zurück.

Er hatte nicht gefragt, warum.

„Nicht jetzt, Sophie.“

Sie nickte und zog den schmalen silbernen Reif von ihrem Handgelenk. Gebürstetes Metall, eine kleine Delle auf der Innenseite – von dem Sommer, in dem wir fünfzehn gewesen waren und sie mit dem Fahrrad in einem Rosenbusch endete.

„Hier.“

„Sophie –“

„Nimm ihn.“ Sie griff nach meiner Hand und schob mir den Reif über das Handgelenk. Das Metall war warm von ihrer Haut.

„Damit du etwas von zu Hause bei dir hast. Und von mir.“

Ich konnte nichts sagen. Sophie hatte längst verstanden, was ich mir selbst noch nicht eingestand: Ich reiste nicht nur ab. Ich ließ Rochefort zurück.

Sie umarmte mich.

„Melde dich, bevor ich nach New York komme und dir vor allen Leuten eine Szene mache.“

„Das würdest du nicht tun“, sagte ich.

„Bist du dir da sicher?“

Fast hätte ich gelacht.

Der Fahrer verstaute meinen Koffer. Ich stieg ein. Als wir die Auffahrt hinunterfuhren, blieb mein Blick nach vorne gerichtet. Erst an der Allee hob ich den Blick.

Oben, am Fenster meiner Mutter, bewegte sich der Vorhang. Einen Zentimeter, vielleicht weniger. Dann stand er still.

Natürlich war sie wach. Natürlich hatte sie zugesehen. Heruntergekommen war sie nicht.

Ich nahm den Zitronenkuchen mit, Sophies Reif und den Verdacht, dass in diesem Haus in Rochefort mehr aufgeräumt worden war als nur das Zimmer meines toten Bruders.

Kapitel 1

(New York – Zehn Jahre später)

„Du willst also hinfahren?“ Emmas Stimme ging fast im Stimmengewirr unter. Der Barkeeper schob zwei neue Gläser über den Tresen, das Eis darin klirrte. Ich beobachtete, wie sich der Gin in meinem Glas kräuselnd mit dem Tonic mischte. Kein Limettenstück. Keine Gurke. So trank ich ihn immer, und Emma behauptete seit Jahren, das sei ein Alarmsignal für Kontrollzwang.

„Er wird sechzig“, sagte ich, und selbst in meinen Ohren klang es fadenscheinig.

Emma balancierte ihr Glas zwischen Daumen und Zeigefinger. Türkisfarbener Nagellack, schmale Finger; alles an ihr sah nach Downtown-Galerie und Designer-Leben aus.

„Und das reicht dir?“ Emmas Lippen zuckten. Kein Lächeln. Eher eine Mischung aus Skepsis und Mitleid.

Ich wich ihrem Blick aus. „Er ist mein Vater.“

„Hast du überhaupt mit ihm telefoniert? Oder kam die Einladung einfach aus dem Nichts?“

„Wir haben … sporadisch Kontakt.“ Der Satz schmeckte wie Pappe. „Geburtstage. Weihnachten.“

„Klingt herzergreifend. Und deine Mutter?“

„Meine Mutter wird da sein“, sagte ich. „Und vermutlich die halbe französische Geschäftswelt. Winzer, Händler und wichtige Leute.“

„Na dann.“ Emma hob die Braue. „Der perfekte Ort für eine rührende Versöhnung. Rochefort …“, sie hielt inne. „Warte. Ist das nicht der Käse?“

„Das ist Roquefort“, klärte ich auf.

„Klingt fast gleich.“

„Nur wenn man beides nach dem zweiten Drink ausspricht.“

Sie winkte ab. „Frankreich halt. Dein Vater bekennt seine tiefste Reue, ihr fallt euch in die Arme, während ein Streichquartett Edith Piaf spielt.“

Ich schnaubte. „Sehr witzig.“

Sie grinste schief und musterte mich. „Und du glaubst, es wird diesmal anders? Nach all den Jahren?“

„Ich weiß nur, dass er nicht locker lassen wird, wenn ich nicht zu seinem Geburtstag erscheine“, sagte ich. „Und dass sechzig ein Alter ist, in dem man gern dramatische Gesten macht. Letzte Chancen, vergossene Tränen, Familienfotos auf Leinwandgröße.“

„Oder er will bloß sein Image als perfekter Patriarch retten.“

Wahrscheinlich hatte sie recht. Ich schwieg. Stattdessen beobachtete ich, wie zwei Männer in Anzügen mit aufgeknöpften Hemden hinter uns ihre Whiskeys hoben und laut lachten. Einer von ihnen sah kurz zu mir herüber. Ich ignorierte ihn.

„Du klingst, als hättest du das komplette Programm schon im Kopf.“

„Ich kenne ihn.“

Emma sah mich an. „Nein. Du machst, was du immer machst. Du hörst drei Sätze und baust dir den Rest zusammen. Creative Director, remember?“

„Irgendwer muss vorbereitet sein.“

Sie lachte leise, aber der Ausdruck in ihren Augen blieb ernst. „Das hier ist keine Kampagne, Helena.“

„Für ihn schon.“

Trotz des Lärms in der Bar gab es nichts, hinter dem ich mich verstecken konnte.

Als hätte der Gedanke an Rochefort – an Zuhause – alles andere überlagert.

Emma nippte an ihrem Drink. „Oder hat das was mit deinem Bruder Victor zu tun?“

Der Satz traf mich unerwartet.

Ich hob den Kopf. „Was meinst du?“

„Du hast mir nie von deinem Bruder erzählt.“ Emma blinzelte. „Ich weiß nur, dass es ihn gab. Und dass er …“

„Tot ist“, beendete ich.

„Aber nicht das Wie. Oder das Warum.“

Ich wollte ausweichen. Das Thema verschieben, eine blöde Bemerkung machen, den Barkeeper nach einer neuen Runde fragen, Emma irgendeine PR-Katastrophe aus dem Büro erzählen. Alles, nur nicht direkt da rein. Ich legte die Fingerspitzen um mein Glas. Das Kondenswasser war kalt und glitt zwischen meinen Fingern nach unten.

„Es war ein Unfall“, hörte ich mich sagen. Emma sagte eine Weile nichts. Das Barlicht spiegelte sich in ihrem Glas, zerbrach in kleine Stücke.

Ich atmete aus.

„Er ist nachts an den Klippen gestürzt“, sagte ich. „So wurde es mir erklärt.“

„Von wem?“

„Von meinen Eltern, der Polizei und von allen, die danach nur noch sehr sorgfältig formuliert haben.“

Emma lehnte sich mit dem Ellbogen an den Tresen. „Und du glaubst das nicht.“ Es war keine Frage.

Ich antwortete trotzdem.

„Ich glaube, dass mir nie jemand erzählt hat, was wirklich passiert ist.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Nein.“ Ich senkte den Blick und pulte eine Erdnuss aus der kleinen Keramikschale auf dem Tresen. „Aber es reicht, um zehn Jahre später an einem Donnerstagabend in Manhattan zu sitzen und einen Flug nach Frankreich zu rechtfertigen, auf den ich keine Lust habe.“

Emma grinste schief. „Da ist sie. Die eigentliche Version.“

In meinem Glas schwammen die letzten Reste der Eiswürfel. Der Gin schmeckte bitterer.

„Vielleicht verplappert sich diesmal jemand“, sagte ich. „Vielleicht reicht ein Blick. Ein Widerspruch.“

„Du fliegst also nicht hin, weil dein Vater sechzig wird.“

„Nicht nur.“

„Gut. Mit einer schlechten Lüge reist es sich immer beschissen.“

Ich lachte trocken. „Du bist heute wirklich eine Offenbarung.“

Emma war mein Gegenmittel. Pragmatismus in High Heels.

„Auf alle Familienfeiern mit Potenzial zur Katastrophe“, sagte sie und hob ihr Glas.

„Auf dich“, sagte ich. „Weil du sie nicht besuchen musst.“

Emma hatte mich nie gefragt, warum ich nach Victors Tod weggegangen war. Oder warum ich in zehn Jahren nur dreimal kurz Frankreich besucht hatte. Pflichtbesuche, die sich anfühlten wie Termine mit Ablaufdatum. Nie länger als ein paar Tage am Stück. Vielleicht war das der Grund, warum wir Freundinnen geworden waren.

Angefangen hatte alles in der Agentur – sie als PR-Spezialistin, die Meetings so dirigierte, dass alle genau das sagten, was sie hören wollte. Ich war die, die lieber mit Storyboards, Typografie und Farben arbeitete. Anfangs war sie nur die Frau, die jeden Konferenzraum übernahm. Irgendwann hörte sie auf, nur Kollegin zu sein. Vielleicht, weil sie nie bei höflicher Distanz stehenblieb. Oder weil ich irgendwann lieber mit ihr einen Drink nahm, statt direkt nach Hause zu gehen.

Wir tranken weiter. Der Barkeeper brachte uns neue Drinks. Später redeten wir über Kunden, über einen Pitch am Montag, über einen Fotografen, der authentisch sagen konnte, ohne zu merken, wie aufgesetzt er dabei wirkte. Über einen Ex von Emma, der sich nach neun Monaten wieder gemeldet hatte.

„Und du?“, fragte Emma. „Irgendwas Neues auf deiner Seite des Schlachtfelds?“

„Seit dem Galeristen? Nein.“

„Das ist ein Jahr her, Helena.“

„Elf Monate.“

„Oh, sorry. Dann ist ja alles im Rahmen.“

Ich grinste in mein Glas. Der Galerist war Franzose gewesen – natürlich.

Er roch nach Rotwein und sprach über Licht wie über ein Lebewesen, und irgendwann mitten in der Nacht hatte ich seinen Namen gesagt und unerwartet an jemand anderen gedacht. Nicht an ihn. Auch nicht an meinen Ex-Verlobten. An jemanden, der noch weiter zurücklag und den ich nie richtig gehabt hatte.

Am nächsten Morgen hatte ich Schluss gemacht und mir eingeredet, es hätte an seinem Aftershave gelegen.

„Du lässt jeden gehen, bevor es wehtun kann“, sagte Emma.

„Ich lasse jeden gehen, bevor ich ihm wehtun kann. Das ist ein Unterschied.“

Emma war in New York zu Hause. Für sie war die Stadt kein Ort, aus dem man wegwollte. Ihre Wohnung war bis in den Flur durchgestylt, ihre Karriere eine klare Linie ohne Zickzack. Sie nahm das Leben, wie es kam – ohne das endlose Grübeln, das mich nachts wachhielt.

Ich hatte mein Leben so eingerichtet, dass Rochefort darin nicht vorkam. Ein Leben, das stabil wirkte, solange man nicht zu genau hinsah.

Vor drei Wochen kam dann die Einladung meines Vaters zu seinem sechzigsten Geburtstag. Und mit ihr alles, was ich sorgfältig ausgespart hatte.

Es war eine schlechte Idee – das war mir klar, als Emma noch eine Runde bestellte. Und noch eine.

Irgendwann glänzten die Gläser stärker. Mein Lächeln auch. Es ging um Hotdogs, glaube ich. Ob sie nachts ein Akt der Rebellion waren oder bloß kulinarischer Selbsthass. Emmas Arm landete irgendwann locker um meinen Schultern, der Lärm der Bar wurde wattig.

Die Taxitür. Kalte Luft. Asphalt, der unter uns vorbeizog. Danach: nichts.

Kapitel 2

Mein Kopf pochte dumpf. Grelles Licht fiel durch die Vorhänge. Ich stöhnte. Mein Mund war trocken, die Zunge schwer. Ich lag halb angezogen quer über dem Bett. Eine Socke fehlte.

Langsam richtete ich mich auf. Jeder Muskel protestierte. Ein Schatten im Augenwinkel ließ mich innehalten.

Auf dem Nachttisch lag die Einladung zum Geburtstag. Das war das Problem mit Papier. Es war am nächsten Morgen immer noch da.

Daneben: ein silberner Bilderrahmen. Leicht angelaufen. Victor und ich, aufgenommen an einem Sommertag. Wir waren Anfang zwanzig. Lachend. Verbrannt von der Sonne. Sorgloser, als wir es hätten sein dürfen. Das Foto stand noch da, denn wegräumen hätte bedeutet, ihn endgültig gehen zu lassen. Behutsam strich ich mit den Fingern über die Kante.

Ich öffnete die Nachttischschublade, kramte nach dem Aspirin. Die Tablettenschachtel war leer. Stattdessen kamen mir alte Quittungen, verwischte Fahrkarten, ein halbleeres Notizbuch und vergilbte Zeitungsartikel entgegen. Ich hielt inne. Fingerte einige Blätter beiseite.

Da war der alte Zeitungsausschnitt, den ich aufgehoben hatte.

Junger Winzer stirbt bei Unfall – Rochefort trauert um Victor Mureau.

Ich starrte auf die Buchstaben, als könnten sie sich verändern. Vielleicht hatte ich den Artikel nur deshalb aufbewahrt, um mich daran zu erinnern, wie wenig er mir je gesagt hatte. Ich ließ mich zurück ins Kissen sinken. Merde. Der Schmerz saß jetzt tiefer. Nicht nur im Schädel, sondern in der Brust, hinter dem Brustbein.

Victor war mein älterer Bruder. Drei Jahre trennten uns – und dann zehn Jahre Schweigen.

Die Polizeiakte war dünn. Alles, was man mir damals gesagt hatte, lief auf dasselbe hinaus: Victor war an den Klippen abgerutscht. Ein Unfall. Doch ich hatte die Ereignisse dieser Nacht nie verstanden. Den Ablauf nie einordnen können. Warum war er dorthin gegangen bei so schlechtem Wetter? Und wieso allein?

Ich hatte diese Fragen in mir weggesperrt. Weil keiner sie hören wollte. Weil sie für meine Mutter Clara unbequem waren. Meine Mutter sprach nicht über die Nacht, nicht über Victor und schon gar nicht über das, was danach gekommen war. Für sie war Schweigen Ordnung – und Ordnung bedeutete Kontrolle.

Ich griff nach dem Zeitungsartikel. Hielt ihn gegen das Licht, auf der Suche nach einem versteckten Hinweis zwischen den Zeilen. Irgendetwas, das sagte: Du hattest recht.

Doch da war nichts. Nur ein Gefühl, das blieb. Es ließ sich nicht wegarchivieren. Weder mit Gin noch mit Arbeit. Und zehn Jahre Abstand hatten auch nicht gereicht.

Eine andere Schwester hätte es einfach ignoriert. Vielleicht eine, die nicht sofort dachte, dass an Victors Tod etwas nicht stimmte. Ich war keine Polizistin, Herrgott, ich war seine Schwester. Aber ich arbeitete seit Jahren damit, Geschichten zu bauen, bis sie Sinn ergaben. Und wenn etwas nicht passte, sah ich es.

Träge legte ich den Zeitungsartikel beiseite und zwang ich mich aufzustehen. In der Küche wartete die übliche Mischung aus gelebtem Alltag und zu wenig Disziplin: ein Glas vom Vorabend, eine Schüssel mit Limetten, die langsam weich wurden und ein Magazin, das ich nicht bewusst gekauft hatte. Im Badezimmerspiegel begegnete mir ein blasses Gesicht. Kupferne, zerzauste Locken. Die Augen gerötet. Die Schatten darunter: zu vertraut. Das Wasser kam kalt aus dem Hahn. Ich spritzte es ins Gesicht, biss die Zähne zusammen.

***

Eine halbe Stunde später war ich draußen. New York empfing mich mit der üblichen Wucht: hupende Taxis, müde Gesichter hinter beschlagenen Brillen, Sirenen in der Ferne, die sich wie ein nervöses Metronom durch die Straßenschluchten zogen. Die Sonnenbrille auf der Nase kam zuerst, der Rest des Körpers folgte auf Autopilot.

Die Türen der Agentur glitten zur Seite, und sofort schlug mir dieses vertraute Gemisch aus Kaffee, Bildschirmwärme und zu teurem Raumduft entgegen. Der offene Workspace summte. Jemand fluchte über eine Präsentation. Aus einem Meetingraum drang ein enthusiastisches „absolutely“. Zwei Junioren diskutierten vor einem Moodboard.

Emma stand an meinem Schreibtisch und hielt zwei Kaffeebecher hoch. „Du siehst beschissen aus“, sagte sie liebevoll.

Ich ließ die Tasche sinken, nahm einen Schluck. Heiß. Bitter. Genau das, was ich brauchte.

„Danke. Ich liebe dich auch.“ Ich musste lachen. Zumindest kurz. Es klang wie jemand, der sich selbst überraschte.

Wir standen schweigend nebeneinander, der Kaffee dampfte. Der Vormittag verschwand zwischen Meetings und Moodboards. Ich verlor mich im kontrollierten Chaos unseres Agenturalltags zwischen Konzepten, die Authentizität versprachen, und Produkten, die genau das vermissen ließen. Ich saß an meinem Schreibtisch, halb versunken in eine Entwurfsdatei für eine skandinavische Hautpflegemarke, als jemand an den Tisch trat.

„Lieferung für Sie.“

Ein junger Bote, kaum älter als zwanzig, reichte mir ein schmales, längliches Paket. Kein Absender. Nur mein Name, handschriftlich auf einem schlichten Etikett. Ich runzelte die Stirn, nahm es entgegen, schob die Maus zur Seite. Stirnrunzelnd betrachtete ich es. Kein Logo, kein Hinweis auf einen Floristen.

Langsam öffnete ich es. Cremefarbenes Seidenpapier, darunter ein Strauß Ginster. Ein schwarzes Band hielt ihn zusammen – bis er auseinanderfiel, als wolle er den Tisch überfluten. Zarte, gelbe Blüten, so fein, dass sie fast zu Staub zerbröselten. Ich hob einen Zweig an, hörte das spröde Knacken, spürte den Blütenstaub auf meiner Haut – goldgelb, doch im Licht wirkte er beinahe schmutzig. Ein süßlich-herber Geruch stieg auf, warf mich zurück in Sommerabende in Rochefort, in Felder voller Gelb, das Victor verabscheute. Keine gelben Blumen, hatte er einmal gesagt. Jetzt stand dieser Strauß auf meinem Schreibtisch. Ohne Karte. Ohne Erklärung. Ein Strauß konnte Zufall sein. Oder eine Geste. Und so sehr ich es mir auch ausreden wollte, ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, dass er ein schlechtes Vorzeichen war.

Kaum hatte ich die Verpackung entsorgt, da vibrierte mein Handy. Meine Hand lag schon am Gerät, bevor ich bewusst entschieden hatte, dranzugehen.

„Helena.“ Meine Finger verkrampften sich um das Handy. Clara. Die Stimme am anderen Ende war ruhig, kontrolliert und so vertraut, dass sich mein Rücken automatisch durchdrückte.

„Maman?“

Ich nannte sie selten so. Vielleicht gar nicht mehr seit Victors Beerdigung. Aber am Telefon mit ihr geschahen manchmal seltsame Rückfälle.

„Du hast die Einladung erhalten.“

„Ja“, antwortete ich.

„Und?“

Ich drehte den Stuhl leicht vom Großraumbüro weg. „Ich habe gebucht. Nächstes Wochenende. Freitagabendflug.“

„Dein Vater würde es begrüßen, wenn du früher kommst.“

„Ich dachte, die Feier ist erst nächsten Samstag?“

„Ist sie. Aber vorher ist einiges vorzubereiten. Es wäre schön, wenn du dich einbringst.“

Ich zog die Augenbraue hoch. Einbringen? In was? Das Menü? Die Gästeliste?

„Ich habe einen Vollzeitjob, Clara. Ich kann nicht einfach spontan nach Frankreich fliegen, weil euch einfällt, dass Familie diesmal eine Woche früher praktisch wäre.“

„Du hast genug Urlaubstage.“ Sie sagte es so überzeugt, als säße sie neben unserer Personalabteilung.

Ich schwieg.

Sie auch.

„Helena.“ Ihre Stimme wurde weicher. „Es wäre gut, wenn du früher da bist.“

Ich schloss die Augen. Suchte nach einem Grund, abzulehnen – fand keinen. „Ich sehe, was sich machen lässt.“

„Sag mir bis heute Abend Bescheid.“ Das Gespräch war beendet, bevor ich widersprechen konnte.