1
Minas Blick wanderte zum Fenster hinaus und Vorfreude ergriff sie beim Anblick der weiten, grünen Landschaft. Sie konnte es kaum erwarten, Ellison, Collin und vor allem ihren flauschigen Gefährten Mr. Marvel endlich wiederzusehen. Obwohl seit ihrem letzten Besuch im Sommer erst drei Monate vergangen waren, kam es ihr deutlich länger vor.
Auch das kleine, in den schottischen Lowlands liegende Dörfchen Green Hill mit seinen blökenden Schafen und … besonderen Dorfbewohnern hatte sich inzwischen in ihr Herz geschlichen und vor allem Ellisons gemütliches B&B war Mina ein zweites Zuhause geworden. Es war völlig anders als London. Eine Stadt, die niemals schlief und in der sie Psychologie mit der Fachrichtung Kriminologie an der Universität studierte. Das Thema hatte Mina schon immer fasziniert. Sie liebte es, True-Crime-Podcasts zu hören und mehr über kuriose Mordfälle und die Tiefen der menschlichen Abgründe zu lernen und verschlang Krimis geradezu im Unverstand – zum Leidwesen ihres schmalen Studentengeldbeutels.
Mina hoffte, dass Green Hill sie bei ihrem dritten Besuch nicht mit einem Toten begrüßen würde, doch eines wusste sie ganz sicher: Langweilig würde es ihr dennoch nicht werden. Dafür würde allein schon Ellison, ihre Freundin und schrullige Besitzerin des B&Bs in Green Hill, sorgen. Sie hatten sich bei Minas erstem Besuch kennengelernt, als sie für die Testamentsverlesung ihrer Großtante Poppy angereist und bei Ellison untergekommen war. Nicht nur Minas Erbe – der rote Kater Mr. Marvel – war eine große Überraschung gewesen, sondern auch der tote Mann im Garten. Getoppt wurde das nur durch den – wie sollte es auch anders sein? – Inhaber des Jahrmarkts, der dann vor drei Monaten bei ihrem zweiten Besuch in Green Hill direkt vor Mina in der Gondel des Riesenrads gestorben war.
Inzwischen war es Herbst – und das zeigte Schottland ganz deutlich. Dicke Regentropfen trafen auf die Scheibe des Zugfensters und der Himmel war tiefgrau. Vermutlich bahnte sich ein ordentliches Gewitter an und Mina hoffte, dass es an ihr vorüberziehen würde – doch weit gefehlt.
Als das Bahnpersonal die nächste Haltestelle durchgab, pausierte Mina ihren True-Crime-Podcast und lauschte gespannt der männlichen Stimme, die durch die vermutlich älteren Lautsprecher etwas blechern klang. »Wir erreichen unseren nächsten Halt mit einer Verspätung von zehn Minuten. Der Grund hierfür ist eine Teilstreckensperrung. Dies bitten wir hiermit, zu entschuldigen.«
Das war für Mina nicht weiter schlimm. Da Ellison versprochen hatte, sie wieder am Bahnhof abzuholen – und ihre Freundin sich sehr schwer damit tat, pünktlich zu sein – beugte die Verspätung der ohnehin anstehenden Wartezeit vermutlich schon ein wenig vor. Sie packte den rechten Ohrenstöpsel zurück in die Box zu dem anderen. Seit dem letzten Mal hatte sie dazu gelernt und besser auf die Durchsagen geachtet, damit sie nicht wieder beinahe ihre Haltestelle verpasste. Auch wenn sie bei einem weiteren Blick aus dem Fenster gerne weiter im Zug bleiben, als aussteigen würde. Der Himmel war inzwischen nicht mehr nur grau, sondern schwarz und große Gewitterwolken brauten sich zusammen.
Sie griff nach ihrem Koffer und setzte sich den Rucksack auf, um sich schon einmal zur Zugtür zu begeben. Wenige Minuten später erreichten sie ihren Zielbahnhof. Mina stieg aus – und fand den Bahnsteig trotz Zugverspätung gähnend leer vor. Sie sah sich um, doch weder Ellison noch ihr Enkel Collin waren zu sehen. Doch da sie ihre Freundin inzwischen gut genug kannte, beschloss Mina, ihr dennoch die fünfzehn Ellison-obligatorischen-Zuspätkomm-Minuten einzuräumen und noch zu warten, bevor sie im B&B anrief.
Fünf Minuten vergingen, weitere zehn, dann fünfzehn und es war immer noch niemand in Sicht. Eine Verspätung von über zwanzig Minuten war dann doch selbst für Ellison etwas viel, weswegen Mina ihre Nummer wählte, doch es ertönte direkt das Besetztzeichen. Einen weiteren Blick auf das Handy werfend, erkannte Mina, dass sie keinen Empfang hatte. Auch der Regen nahm zu. Das, was gerade noch ein paar Tröpfchen gewesen waren, bildete sich immer mehr zu einem heftigen Schauer zusammen und wenn sie nicht gleich wie ein begossener Pudel aussehen wollte, sollte sie sich irgendwo einen geschützteren Unterschlupf suchen. Bestenfalls irgendwo, wo es auch ein funktionierendes Telefon gab und Mina beschloss schließlich, in das kleine Bahnhofsgebäude zu gehen.
Und mit klein war auch wirklich klein gemeint. Jedenfalls lief man darin definitiv nicht Gefahr, sich zu verlaufen. Die Eingangshalle, wenn man diese überhaupt so betiteln konnte, war mit einem einzigen Blick zu erfassen. Rechts von der Eingangstür standen zwei Ticketmaschinen, die bereits ihre besten Tage hinter sich hatten. Auf der gegenüberliegenden Seite gab es ein paar vollgekritzelte Bänke, von denen Mina hoffte, nicht länger darauf verbringen zu müssen, und auf der linken Seite befand sich ein kleiner Kiosk, auf den sie nun zusteuerte. In der Hoffnung, dort zumindest eine Möglichkeit zum Telefonieren zu bekommen.
Der Mann hinter der Theke rauchte – und dem Geruch sowie der deutlich sichtbaren Rauchwolke in diesem Teil des Gebäudes nach zu urteilen, war das auch nicht die erste Zigarette des Tages. Es entsprach genau Minas Humor, dass direkt hinter ihm ein »Rauchen verboten«-Schild hing, das er – ebenso wie das entsprechende Gesetz gegen Rauchen in öffentlichen Gebäuden – gekonnt zu ignorieren schien. Vermutlich dachte er, sein Kiosk sei weit genug ab vom Schuss, damit sich niemand weiter daran störte.
Inzwischen stand Mina beinahe vor ihm und wollte ihn gerade ansprechen, als sie auf dem Titelblatt der Zeitung, in der er las, ein nur zu bekanntes Gesicht abgedruckt sah: Ellison, wie sie freudestrahlend neben Collin stand und einen Zettel oder eine Art Urkunde in die Kamera hielt. Die Überschrift lautete:
B&B Besitzerin Ellison Paterson gewinnt besonderen Urlaub – Willkommen auf Duncan Castle!
Mina staunte bei diesem Anblick nicht schlecht und sie musste die Überschrift ein weiteres Mal lesen, bevor sich die Information in ihrem Gehirn festsetzte. Gerade öffnete sie den Mund, um den Kioskbesitzer anzusprechen, als eine bekannte Stimme sie innehalten und mit offenem Mund umdrehen ließ.
»Da bist du ja! Und wie ich sehe, hast du auch schon unsere kleine Überraschung herausgefunden.« Collins breites Grinsen strahlte mit seinen moosgrünen Augen um die Wette und Mina brauchte – schon wieder – einen Moment, bis die Worte richtig bei ihr ankamen.
»Eher da bist du ja!«, erwiderte Mina. »Ich dachte schon, ihr hättet mich vergessen. Und welche Überraschung?«, brachte sie schließlich hervor, während Collin sie kurzerhand umarmte und dann bereits dabei war, nach ihrem Koffer zu greifen.
»Wie könnte man Mina Abbott vergessen? Das war das verdammte Wetter. Ich habe absolut nichts gesehen und musste im Schneckentempo herfahren.« Dann zog er eine Augenbraue nach oben und sah sie nun seinerseits fragend an, als würde er an ihrem geistigen Zustand zweifeln. »Und mit Überraschung meinte ich den Artikel in der Zeitung … du weißt schon.« Collin nickte in Richtung des Kioskbesitzers, der immer noch kein einziges Mal von seiner Lektüre aufgeblickt hatte – und Mina bezweifelte, dass diese auch nur ansatzweise so spannend war wie ihr aktueller Krimi. Sie blinzelte mehrmals und brachte Collin damit zum Lachen. »Granny hat einen Urlaub auf einer schottischen Burg gewonnen. Duncan Castle heißt sie und befindet sich im Familienbesitz. Normalerweise gibt es nicht die Möglichkeit, dort zu übernachten, aber das ist so eine PR-Sache, um mehr Besucher für Führungen und so zu gewinnen. Und ich freue mich, Ihnen mitteilen zu dürfen, Ms. Abbott, dass Sie herzlich dazu eingeladen sind, den Urlaub mit uns zu verbringen.« Collin vollführte eine läppische Verbeugung und während er sich wieder aufrichtete, zwinkerte er Mina schelmisch zu.
»Du bist wirklich ein Witzbold«, sagte sie. Doch das Lächeln, das an ihren Lippen zupfte, schwang deutlich in ihrer Stimme mit und schwächte die Härte der Worte ab.
»Wie ich sehe, hast du dich in dem vergangenen Semester nicht verändert.«
»Dito«, gab Mina zurück, ohne den Blick von Collin abzuwenden. Bereits seit ihrem ersten Besuch spukten diese besonderen, grünen Augen immer wieder in ihrem Kopf herum. Da waren diese seltsamen Gefühle, die sie nicht so richtig einzuordnen wusste. Denn einerseits schlug ihr Herz höher, wenn er sie berührte, und andererseits war es Collins und Minas Lieblingsbeschäftigung, miteinander zu diskutieren – und sich damit gegenseitig das ein oder andere Mal zur Weißglut zu bringen. Doch vielleicht … vielleicht kam dieser Urlaub genau richtig, um diesen widerstreitenden Gefühlen auf den Grund zu gehen. Was könnte da besser sein, als ein Urlaub in einer alten schottischen Burg?
»Können wir?« Mina deutete auf den Koffer, den Collin bereits in der Hand hielt. Nun machte sich so langsam doch die Erschöpfung der Anreise bemerkbar und sie sehnte sich nach einer heißen Dusche und einem gemütlichen Abend im Kaminzimmer. Vielleicht mit einem Gläschen von Ellisons Lieblingsscotch, den sie ohnehin immer auf Vorrat hatte.
Collin nickte und führte sie zum Parkplatz, der etwas versteckt auf der Rückseite des Bahnhofes lag. Während der Fahrt nach Green Hill, erzählte er ihr, wie es zu dem Gewinn des Urlaubs überhaupt gekommen war und was er und Ellison bislang über die schottische Burg mit dem Namen Duncan Castle herausgefunden hatten.
»Granny dreht seitdem komplett durch. Zu sagen, dass sie aufgeregt ist und sich freut, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts«, schloss er schließlich seine Ausführungen.
Mina konnte sich lebhaft vorstellen, wie aus dem Häuschen Ellison aufgrund des Gewinns war. Aber vor allem konnte Mina es kaum erwarten, sie und Mr. Marvel endlich wiederzusehen.
2
»Wo ist nur das verdammte Ding?«, wurden Mina und Collin von einem lauten Ausruf begrüßt, sobald sie die Tür zum B&B öffneten. Ein lautes Rumpeln ertönte, woraufhin Ellison, einem Bergarbeiter Konkurrenz machend, vor sich hin fluchte.
»Wie du hörst, ist alles beim Alten.« Collin fuhr sich mit einem verschmitzten Lächeln durch die Locken.
Da ertönte erneut ein lautes Rumpeln gefolgt von einem »Verdammte Scheiße!«
»Vielleicht sollten wir mal nachschauen, was da vor sich geht«, sagte er und setzte sich eilig in Bewegung. »Bevor sie noch den ganzen Keller auseinandernimmt und das B&B in sich zusammenstürzt. Immerhin habe ich erst vor paar Monaten alles in mühevoller Arbeit renoviert. Wobei man bei dem alten Haus gefühlt nie fertig wird. Da fällt immer irgendetwas an.«
Mina folgte ihm durch die Seitentür, die wenigen Treppenstufen hinunter in den Keller. Immer dem sanften Lichtschein – und alles andere als leisem Fluchen – nach, das verriet, wo Ellison sich aufhielt. Sie bogen ums Eck und tatsächlich: Die schrullige, ältere Dame stand mit in den Hüften gestemmten Händen vor einem geöffneten Schrank. Ringsum sie herum lagen zentimeterhoch alle möglichen Dinge verstreut, sodass sie buchstäblich bis zu den Knöcheln im Nippes stand.
»Grandma, was treibst du hier unten? Hast du den ganzen Schrank auseinandergenommen?«
Ellison drehte sich zu ihrem Enkel um, die Hände immer noch in die Hüfte gestemmt, und sah ihn belehrend an. »Wonach sieht es denn für dich aus? Ich suche nach etwas. Wie wär’s, wenn du mir mal helfen würdest? Wo warst du überhaupt die ganze Zeit?«
Collin zwickte sich mit Daumen und Zeigefinger in die Nasenwurzel. Er atmete einmal tief durch und sah dann wieder auf. »Ich habe Mina vom Bahnhof abgeholt. Nachdem ich auf die Uhr geschaut und einen halben Herzinfarkt bekommen habe, weil wir die Zeit komplett vergessen haben und draußen die Welt untergeht. Ich habe dir doch noch Bescheid gegeben.«
Nun wandelte sich Ellisons Blick und zuerst bildete sich Verstehen und dann Freude auf ihrem Gesicht ab, die ihre Augen zum Strahlen brachte. »Aber natürlich! Wie konnte ich das nur vergessen.« Sie schob Collin beinahe grob zur Seite, der die Sicht auf Mina bis zu diesem Moment versperrt hatte. Ellison breitete die Arme aus und zog Mina in eine feste, herzliche Umarmung. »Es ist so schön, dass du gekommen bist, Kindchen. Hast du Mr. Marvel schon entdeckt? Er war die ganzen letzten Tage so unruhig. Als hätte er gewusst, dass du kommen würdest und er konnte es gar nicht erwarten. Ordentlich zugelegt hat das Kerlchen. Keine Ahnung, woran das liegt. Er ist jeden Tag mit mir draußen im Garten und macht dort den Vögeln und Mäusen das Leben schwer. Apropos Garten! Du wirst es nicht glauben, aber nach der Misere beim letzten Wettbewerb, wegen … du weißt schon … der Sache mit Freddie, habe ich mir fest vorgenommen, das Halloween-Special dieses Jahr zu gewinnen. Hier schau dir mal die Bilder an.« Ellison wollte gerade an ihre Hosentasche greifen, doch unterbrach die Bewegung und winkte ab. »Ach, du bist ja hier. Nicht mehr nötig alles auf Bildern zu zeigen, ich kann dir später eine kleine Führung geben und erklären, was ich vorhabe. Das ist ohnehin viel besser und dem Kater würde es auch ganz guttun, noch einmal ein wenig rauszukommen, bevor die wirklich kalten Monate kommen. Er ist wirklich …«
»Grandma, hol zwischendurch mal Luft. Du erschlägst Mina ja mit deinem Redestrom.«
Doch Mina konnte nur vor sich hin grinsen. Erst in diesem Augenblick wurde ihr so richtig bewusst, wie sehr sie das alles wirklich vermisst hatte. »Ganz im Gegenteil. Das fühlt sich fast wie nach Hause kommen an.«
Ellison warf Collin einen triumphierenden Blick zu. »Ich freue mich wirklich sehr, dass du da bist. Und noch mehr, dass du den Urlaub mit uns verbringen wirst.« Sie schlug sich eine Hand vor den Mund. »Collin hat dir doch davon inzwischen erzählt, oder?«
»Ich habe es mehr oder weniger selbst herausgefunden.« Auf Ellisons fragenden Blick hin fügte Mina »Ich habe den Zeitungsartikel gesehen« hinzu.
»Oh ja, natürlich!«, rief Ellison aus. »Das Bild hätten sie ruhig noch einmal aufnehmen können. Die Fotografin von der Zeitung hat leider nicht unbedingt meine Schokoladenseite getroffen.« Wie um ihre Worte zu betonen, drehte Ellison sich nach rechts und rückte ihre grauen Haarsträhnen, die sie ein wenig kürzer als bei Minas letztem Besuch trug, zurecht.
»Die Überraschung ist geglückt«, warf Collin ein. Dann drehte er sich zu Mina, beugte sich ein Stück zu ihr herunter und raunte: »Ich war übrigens dafür, dir vor deiner Anreise davon zu erzählen. Allein schon damit du die richtigen Sachen einpacken kannst. Aber Grandma wollte unbedingt ein riesen Geheimnis daraus machen.«
Mina unterdrückte ein angenehmes Schaudern aufgrund Collins Nähe und versuchte, sich allein auf seine Worte zu konzentrieren.
Ellison warf die Hände in die Luft. »Kein Geheimnis, eine Überraschung. Nach dem ganzen Prüfungsstress hat sie sich den Urlaub mindestens genauso verdient wie wir nach unserer Renovierungsaktion und dem Besucheranstrom während des Jahrmarkts. Ich muss mich immer noch von alldem erholen.«
»Damit hat sie allerdings recht«, brummte Collin. »Das war vielleicht ein Akt, sag ich dir. Aber dafür sind die Gästezimmer und die Küche wieder in Schuss und der Kredit durch die zusätzlichen Einnahmen kein Problem mehr.«
Ellison nickte zustimmend. »Das war wirklich viel Arbeit, aber sie hat sich gelohnt. Ich glaube, wir müssen unseren Rundgang später auf das ganze Anwesen ausweiten.« Sie wandte sich wieder dem Schrank zu und schüttelte den Kopf. »Aber zuerst will ich diese Schwimmnudel finden!«
»Du hast das ganze Chaos wegen einer Schwimmnudel angerichtet? Wir haben Anfang Oktober. Herbst. Mal abgesehen davon habe ich hier noch nie eine gesehen, bist du dir sicher, dass du eine hast?«
»Nein, bin ich mir nicht«, erwiderte sie, ohne sich von dem Schrank abzuwenden. »Aber ich bin mir sicher, dass wenn ich eine habe, ich sie hier zwischengelagert hätte.«
Mina prustete los, während Collin seine Großmutter perplex anblinzelte – was Mina nur noch mehr zum Lachen brachte.
»Du suchst nach einer Schwimmnudel, die du wahrscheinlich nie besessen hast?«, fragte er schließlich noch einmal nach und der Unglaube, der in seiner Stimme mitschwang, war beinahe mit den Händen zu greifen. »Wofür brauchst du die überhaupt?«
Ellison zuckte mit den Schultern. »Wer weiß, vielleicht hat die Burg ja einen See in der Nähe. Wir hatten im Oktober schon öfter ein paar goldene Tage und Eisbaden soll gut für die Gesundheit sein. Ich will jedenfalls kein Risiko eingehen«, sagte sie und zog alles Mögliche an weiterem Kram aus dem Schrank. Dabei beförderte sie einen einklappbaren Campingstuhl, einen alten Schuhkarton mit Quietscheenten, eine kleine Harke, einen durchlöcherten Regenschirm und einen Sonnenhut zutage. Bei Letzterem schrie sie laut vor Entzücken auf und setzte sich das staubige Ding auf den Kopf. »Den habe ich ja schon ewig gesucht!«
Collin schüttelte nur ungläubig den Kopf, während Mina vor Lachen beinahe platzte.
»Ich kann das wirklich nicht glauben«, murmelte er vor sich hin. »Wir werden den halben Tag damit beschäftigt sein, alles wieder aufzuräumen und das nur auf der Suche nach einer Schwimmnudel, die vielleicht nie existiert hat.«
»Aber wenn sie doch existiert, es einen See und einen sonnigen Tag gibt, bin ich diejenige, die darauf vorbereitet ist«, erwiderte Ellison und fuhr damit fort, den Schrank auszuräumen.
Dem war wohl nichts mehr hinzuzufügen.
»Moment … Hast du nun eigentlich deinen Kater schon gesehen?«, fragte Ellison Mina, die daraufhin den Kopf schüttelte. »Der wird sich nicht allzu weit herumtreiben. Das faule Ding liegt bestimmt wieder auf deinem Sessel und schläft. Schau ruhig nach, wenn du magst. Collin bringt solange deine Sachen auf dein Zimmer und ich mache das hier noch kurz fertig.« Sie zeigte auf die Unordnung vor sich, wobei sie vermutlich eher ihre Suche nach der Schwimmnudel als das Aufräumen des Chaos meinte.
»Dann wird Collin das wohl machen«, sagte dieser und Mina folgte ihm erwartungsvoll die Stufen nach oben in den kleinen Eingangsbereich. Während er sich Minas Koffer schnappte, warf sie ihm ein schnelles »Danke, Collin!« zu, um sich dann mit eiligen Schritten zum Kaminzimmer zu begeben.
Ellison hatte recht behalten. Der dicke orange Kater Mr. Marvel lag zusammengerollt auf Minas rotem Stammsessel in Ellisons Kaminzimmer. Doch noch bevor sie etwas sagte, reckte und streckte er sich bereits, sprang vom Sessel und trabte auf Mina zu, als hätte er ihre Anwesenheit sofort gespürt.
»Oh, Mr. Marvel!«, rief Mina aus und nahm ihn auf den Arm. »Habe ich dich vielleicht vermisst.« Sie versenkte ihre Nase in sein weiches Fell und atmete tief seinen typischen Geruch ein. Es fiel ihr mit jedem Mal schwerer, den Kater zurückzulassen. Er war wirklich etwas Besonderes – und das nicht nur, weil er mit Abstand das schlauste Mitglied ihres Ermittler-Trios war. Ohne seine Hilfe hätten Ellison und Mina keinen der beiden Fälle lösen können, so viel war sicher.
»Soll ich euch zwei vielleicht alleine lassen?«, vernahm sie mit einem Mal Collins Stimme hinter sich, als sie gerade mehrere Küsschen zwischen Mr. Marvels Ohren platzierte.
Hitze schoss ihr in die Wangen und sie drehte sich – vermutlich mit hochrotem Kopf – zu ihm um. »Das nennt man Wiedersehensfreude.«
3
Mina wusste nicht so recht, was sie von dem Überraschungsurlaub halten sollte. Sie wollte es Ellison zwar nicht so direkt sagen, aber Collin hatte nicht ganz unrecht: Eine Vorwarnung wäre gut gewesen. Nicht nur, weil sie davon ausgegangen war, in Green Hill zu sein und auch nur dafür gepackt hatte, sondern auch, weil sie sich auf etwas anderes in ihren Ferien eingestellt hatte.
Dennoch war sie natürlich dankbar dafür, dass Ellison keine Sekunde gezögert und sie mit auf den Ausflug eingeladen hatte – ohne auch nur ein Wort des Widerspruchs anzunehmen. Für sie war von vorneherein klar gewesen, dass sie alle gemeinsam zum Duncan Castle fahren würden: Sie, Collin, Mina und Mr. Marvel und nachdem sie den ganzen vergangenen Abend auf Mina eingesprochen und ihr mehrmals versichert hatte, dass das genauso ihr Urlaub war, hatte diese schließlich zugestimmt.
»Nur einen Badeanzug sollten wir dir auf dem Weg noch besorgen, diese Eisbad-Sache musst du unbedingt auch ausprobieren«, hatte Ellison gesagt und dann mit einem breiten Grinsen zu Collin gesehen. »Eine Schwimmnudel brauche ich ja nicht mehr, nachdem ich meine gefunden habe.«
Mina und Collin hätten beide beinahe den Glauben verloren, als sich hinter all dem Krimskrams tatsächlich noch das begehrte Wasserutensil versteckt hatte und Ellison mit einem triumphierenden Ausruf damit in das Kaminzimmer geplatzt war.
Bereits den ganzen Morgen herrschte absolutes Chaos. Der Wecker hatte sie früh aus dem Bett geholt, denn entgegen Minas Erwartung, dass sie erst in ein paar Tagen aufbrechen würden, sollte die Reise bereits heute losgehen. Zu ihrem Glück war sie am vergangenen Abend nach ihrer Ankunft nicht mehr dazu gekommen, ihre Sachen auszupacken. Denn während ihr Koffer dadurch bereits – oder eher immer noch – gepackt war, rannte Ellison seit Stunden durch das B&B immer wieder auf der Suche nach anderen Dingen, die sie noch ganz dringend brauchte, bevor es losgehen konnte.
Selbst Mr. Marvel, der sonst die Ruhe selbst war, machte das Gehetze ganz nervös. Dadurch war er nur mit viel Überredungskunst, die vor allem aus Ellisons berühmt-berüchtigten Katzenkeksen bestand, dazu zu kriegen, in das Auto zu steigen, als sie tatsächlich endlich aufbruchsbereit waren.
Mit nur einer Stunde Verspätung, wie Ellison immer wieder betonte, fuhren sie in ihrem alten Kombi los. Mina saß auf dem Beifahrersitz neben Collin, während Ellison und Mr. Marvel es sich auf dem Rücksitz so bequem wie möglich gemacht hatten. Im Radio lief fröhliche Musik, die Ellisons Reiselust nur noch anfeuerte und auch Mina verfiel immer mehr der Vorfreude.
Zumindest bis Ellison eine halbe Stunde später plötzlich »Mist! Wir müssen noch einmal zurück!«, ausrief. Sie hatte tatsächlich die Schwimmnudel vergessen, die sie am vorherigen Tag eine halbe Ewigkeit lang gesucht hatte.
Collin versuchte zwar, sie dazu zu bringen, die Schwimmnudel, Schwimmnudel sein zu lassen, aber keine Chance. Ellison bestand darauf, noch einmal umzudrehen, woraufhin sie Duncan Castle schließlich mit einer ganz knappen Verspätung von zwei Stunden erreichten.
***
Die Burg wirkte sehr herrschaftlich, wie sie sich in die satten, grünen Hügel der Highlands schmiegte. Eine breite Allee, von bereits in Herbstfarben getauchten Laubbäumen gesäumt, führte direkt darauf zu. Die zwei Türme auf beiden Seiten schraubten sich in Richtung des überraschenderweise hellblauen Himmels, nur wenige weiße Bauschewolken verdeckten ihn an diesem milden Herbsttag. Es war wirklich ein Bild wie aus einem Fantasybuch. In ihrem Kopf malte sich Mina bereits aus, wie es sich Gespenster in der Burg und Kelpies in den umliegenden Gewässern gemütlich machten. Da ging wieder einmal ihre blühende Fantasie mit ihr durch.
Collin lenkte den alten Kombi gekonnt die langgezogene Einfahrt hinauf. Dieser hustete bereits ein wenig aufgrund des stetigen leichten Anstieges und Mina fragte sich, seit sie eingestiegen war, einmal mehr, wie sie die Fahrt hierher überhaupt geschafft hatten. Aber Ellison war nicht müde geworden zu betonen, dass der Wagen sie in all den Jahren kein einziges Mal im Stich gelassen hatte und das auch jetzt nicht tun würde – und sie behielt tatsächlich recht. Sie kamen ohne Vorkommnisse direkt vor den Toren der Burg an und Collin parkte den Wagen auf den dafür ausgeschriebenen Plätzen direkt an der Burgmauer.
Minas Neugier war mit jeder Sekunde mehr gewachsen und nun, wo sie endlich standen, hielt sie nichts mehr auf dem Beifahrersitz. Der Motor war noch keine Sekunde aus, als sie auch schon die Tür aufriss und ausstieg. Ihr Blick wanderte an der Burgmauer hinauf, dann richtete sie ihn in die Ferne und genoss die Aussicht von dem erhöhten Punkt auf das Tal hinunter. Sie sog die grünen Weiten und die in der Ferne glitzernden Seen in sich auf und für diesen Moment nahm sie nichts anderes mehr um sich herum wahr.
»Wahrlich ein wunderschöner Anblick, nicht wahr?«, riss sie eine männliche Stimme aus ihrer Betrachtung. Mina erschrak sich so sehr, dass sie einen Satz machte und dem fremden Mann dabei beinahe die Fußspitzen zertrümmerte.
»Oh, entschuldigen Sie bitte! Das war nicht mit Absicht.« Mina schlug sich die Hand vor den Mund und sah den Mann entschuldigend von unten herab an.
Doch dieser winkte nur freundlich ab. »Die Landschaft kann einen durchaus in ihren Bann ziehen. Es war selbstverständlich mein Fehler. Ich hätte mich nicht so an Sie heranschleichen dürfen. Ich hoffe, Sie nehmen meine Entschuldigung an.« Der Mann streckte Mina die Hand entgegen, die diese für einen Augenblick nur perplex anblinzeln konnte, doch dann schließlich ergriff.
»Natürlich«, antwortete sie mit etwas Verspätung. Immer noch ein wenig verwundert aufgrund der förmlichen Anrede. Doch das klärte sich bereits im nächsten Moment auf.
Inzwischen waren auch Ellison, Collin und Mr. Marvel ausgestiegen und gesellten sich zu ihnen. Der Mann wartete einen Augenblick, bis alle drei Personen und der Kater in einem Halbkreis um ihn herumstanden und breitete dann die Arme in einer alles umfassenden Geste aus.
»Herzlich willkommen auf Duncan Castle. Auch im Namen meiner Frau, die gerade dabei ist, letzte Vorbereitungen zu treffen und später bei der Führung zu uns stoßen wird. Mein Name ist Gregor MacDonald und ich stamme von einem der berühmten schottischen Clans ab, die vor hunderten Jahren auf eben dieser Burg lebten. Gerne kann ich Ihnen diese spannende Geschichte bei einem Schwarztee und Shortbread in der Küche zu einem späteren Zeitpunkt näherbringen, wenn Sie das wünschen. Aber nun würden Sie sicherlich gerne zunächst Ihre Zimmer beziehen.«
Tatsächlich hätte Mina gerne sofort die Geschichte des MacDonald-Clans gehört. Zwar war sie bereits einige Male in Schottland gewesen, aber bei ihren letzten Besuchen war kaum Zeit dafür gewesen, ihr historisches Wissen über das Land auf Vordermann zu bringen. Und diese Geschichte direkt auf der Burg erzählt zu bekommen, in der der Clan gelebt hatte, würde diese sicher vor ihren Augen sofort zum Leben erwecken. Aber dafür hatten sie noch Zeit. Immerhin waren sie nun eine Woche hier und wenn sie sich die bepackten Collin und Ellison, aber vor allem den müde dreinschauenden Mr. Marvel, so ansah, sollten sie vermutlich tatsächlich erst einmal die Sachen auf ihren Zimmern verstauen.
»Das klingt nach einem guten Plan«, stimmte Ellison dem Schlossherren zu.
Dieser nickte und überbrückte die kurze Distanz zu Ellison. »Darf ich Ihnen das abnehmen?«
»Das ist zu freundlich.«
Mr. MacDonald schulterte Ellisons überdimensionale Reisetasche und setzte sich an die Spitze der kleinen Gruppe. »Dann folgen Sie mir bitte.«
Die kleine Prozession setzte sich in Bewegung und der Gastgeber führte sie an der rechten Seite der Burgmauer entlang zu einem großen, hölzernen Tor. Er griff nach dem eisernen Ring und drehte ihn herum, wodurch es sich knarrend öffnete. Er hielt es auf, bis Ellison, Collin, Mina und Mr. Marvel hindurchgelaufen waren und schloss es abermals hinter ihnen.
»Dieses Tor ist selbstredend ab Nachteinbruch durch zusätzliche Schlösser gesichert und abgeschlossen. Sollten Sie also eine kleine Nachtwanderung unternehmen wollen und es gegebenenfalls nicht rechtzeitig vor der Schließung um zweiundzwanzig Uhr auf das Grundstück schaffen, geben Sie uns Bescheid. Wir werden selbstverständlich das Tor noch einmal für Sie öffnen. Hierfür bekommen Sie ein Funkgerät. Denn Handyempfang gibt es hier oben nur sporadisch und ist nicht wirklich zuverlässig.«
Die Drei nickten auf diese kurze Einführung hin und setzten ihren Weg in das Innere der Burg fort. Sie betraten eine große, imposante Eingangshalle. Auf den antik aussehenden Schränkchen standen goldene Kerzenhalter. Dunkelrote Brokatvorhänge verliehen dem Ganzen zusätzlich einen eleganten Charme und überall an den Wänden hingen Gemälde von ernst dreinblickenden Personen in Schottenröcken, eingefasst in Goldrahmen.
»Wow«, hauchte Mina bei dem Anblick und konnte sich kaum sattsehen. Diese Burg war wirklich direkt der Geschichte entsprungen und sie war sich sicher, dass sie noch so einige Überraschungen für sie bereithielt.
»Mir ging es genauso, als ich Duncan Castle zum ersten Mal erblickt habe«, sagte Mr. MacDonald mit einem wissenden Lächeln. »Es ist, als würde man eine Zeitreise unternehmen. Und glauben Sie mir, es wird noch spannender, je tiefer man in dieses Gebäude vordringt.«
Das glaubte Mina ihm sofort. Sie konnte es kaum erwarten, auf Erkundungstour zu gehen und dieser Burg all ihre Geheimnisse zu entlocken. Sie war sich sicher, dass sie davon mehr als genug verbarg. Minas nur allzu bekannte Neugier setzte ihren gesamten Körper unter Strom und ließ ihre Fingerspitzen kribbeln.