Leseprobe Mörderische Highland Games | Ein schottischer Cosy Crime

Kapitel 1

Am Freitagnachmittag wimmelte es im Cashmere Crush von Touristen, die sich Schottenmützen, Schals oder Strickjacken schnappten. Für Leute aus wärmeren Ländern verhieß die Sommerzeit glühende Hitze, aber hier in Nairn waren es an diesem Augusttag bloße achtzehn Grad. Für ein Küstenkind wie Paislee Shaw warm genug, aber Touristen froren oft, und für sie hatte sie genau die richtigen handgefertigten Stücke auf Lager, um sie zu trösten.

Der Ansturm war ein Segen für Paislees Kasse und würde sie durch die ruhigeren Wintermonate bringen, zusammen mit ihrem wachsenden Nebenverdienst auf Ramsey Castle, wo sie Luxusstrickwaren aus Kaschmir verkaufte. Sie kam mit den Geldbörsen mit dem Grant-Tartanmuster gar nicht hinterher.

Mit einem dankbaren Blick zur Decke und der Erinnerung an ihre verstorbene Gran tütete Paislee eine graue Strickweste mit Taschen und Holzknöpfen ein, der sie einen gehäkelten Blumenschlüsselanhänger und den Beleg hinzufügte, auf dem ihre Geschäftsinformationen standen.

„Ich habe mal versucht zu stricken, aber ich habe zwei linke Hände. Ich liebe einfach alles an Ihrem Laden.“ Die junge Frau hatte einen kanadischen Akzent. Sie war brünett, Anfang zwanzig, und trug ein T-Shirt mit dem Putting Stone von Nairn darauf. Der sagenumwobene Stein hatte eine eigene Geschichte, die der Steinkugel in Inverness Konkurrenz machte.

„Danke“, sagte Paislee. „Sie sind wegen der Highland Games hergekommen?“

„Ja. Aus Nova Scotia. Meine Schwiegereltern haben von ihrem magischen Urlaub in Nairn geschwärmt, also haben wir letztes Jahr unsere Hochzeitsreise hier verbracht und nicht gemerkt, dass sie auf das gleiche Wochenende wie die Spiele gefallen ist. Wir haben beschlossen, eine jährliche Tradition daraus zu machen.“

„Das ist fantastisch. Wo haben Sie übernachtet?“

Die Frau grinste und ihre braunen Augen funkelten. „Im Muthu Newton, natürlich. Ich bin Dania MacNeal.“

Das Hotel hatte Nairn dank Charlie Chaplins Familie zu internationaler Bekanntheit verholfen, die dort einst den ersten Stock für ihren Sommerurlaub gemietet hatte. „Freut mich. Ich bin Paislee Shaw.“ Sie schüttelten sich die Hände und Paislee ging mit der Frau zur Tür. „Alles Gute zum Hochzeitstag.“

Dania trat nach draußen und hielt einer Person die Tür auf, die Paislee sehr gut kannte – ihre beste Freundin, Lydia Barron-Smythe.

„Lyd!“ Ihre beste Freundin auf der ganzen Welt war groß, schlank, hatte graue Augen und trug ihre silbernen Haare momentan in einem Shag Cut, den Paislee nur beneiden, aber niemals selbst nachahmen konnte. Sie trug schwarze Designerjeans, hochhackige silberne Stiefel und ein kurzärmliges Kaschmirtop, das Paislee ihr vor einigen Jahren zu Weihnachten gestrickt hatte. Sie umarmten sich und lächelten einander an, als sie sich lösten. „Was machst du denn hier?“

Sie hatten gerade erst den Donnerstagabend bei ihrem wöchentlichen Strick-und-Schlückchen miteinander verbracht. Lydia strickte zwar nicht, trank aber gerne das ein oder andere Schlückchen und zauberte himmlische Snacks. Sie versorgte sie sowohl mit Klatsch und Tratsch als auch mit stetigem Nachschub auf ihren Tellern.

„Was für ein Empfang!“, kicherte Rhona Smythe, Paislees neueste Mitarbeiterin. Sie war eine Cousine von Lydias Mann Corbin und erst zarte neunzehn Jahre alt. Trotz ihres Wohlstands hatten ihre Eltern entschieden, dass eine ordentliche Kostprobe des echten Lebens nötig war, nachdem sie zum zweiten Mal geblitzt worden war. Sie hatten das Auto in die Garage gestellt und darauf bestanden, dass Rhona arbeiten ging, um die Strafgebühren zu bezahlen, da sie nicht studieren würde.

Der Teenager war eine quirlige Bereicherung für das Team. Grandpa arbeitete jeden zweiten Nachmittag und an manchen Samstagen, und Amelia Henry, die zurzeit am Tulliallan ihre Polizeiausbildung absolvierte, sprang normalerweise samstags ein. Sonntags war Cashmere Crush geschlossen.

„Ich habe Meri zufällig an der Tankstelle getroffen, die total überfordert war. Sie hat mir ein paar Aufträge verpasst.“ Lydias Lippen zuckten, als sie sich das Lachen verkniff. Ihre gemeinsame Freundin Meri McVie war Jurorin beim jährlichen Dudelsackwettbewerb im September und Teil ihrer Strickgruppe am Donnerstag. Sie wollte sich aus Überzeugung in ihrer Gemeinde engagieren. Wie viele Menschen in Führungspositionen konnte sie … durchsetzungsfähig sein. Dieses Jahr war Meri Vorstandsvorsitzende für die Nairn Highland Games, was dazu geführt hatte, dass auch Paislee dem ehrenamtlichen Komitee beigetreten war. Lydia und ihr Mann waren in Deutschland gewesen, um sich mit dem Weinbau zu beschäftigen. „Ich habe auch noch eine Aufgabe für dich.“

„Welche?“ Paislee hatte den Achthundertmeterlauf gesponsert, da Brody daran teilnahm, auch wenn er sich bei ihr darüber beschwerte. Er war dreizehn und mittlerweile größer als sie, und kam fast an Grandpas Eins zweiundachtzig heran. Seine Füße waren so groß geworden, dass Grandpa ihn neckte, man könne seine Schuhe als Kanus benutzen.

Paislee und Lydia traten zur Seite, als eine weitere Kundin den Strickwarenladen betrat. Rhona begrüßte sie enthusiastisch.

„Irgendwas mit dem neuen Hütehund-Wettbewerb.“ Lydia scrollte auf ihrem Handy. „Sie hat gefragt, ob Brody vielleicht helfen würde. Wie geht’s denn meinem Patenkind?“

Paislee zuckte die Schultern. Für Brody hatten die Sommerferien die Nachricht mit sich gebracht, dass Jenni nur mit ihm befreundet sein wollte und dass Edwyn Maclean, Brodys bester Freund, mit dem Fußballspielen aufhörte. Veränderung war zurzeit ein Schimpfwort im Hause der Shaws.

„Könnte besser sein.“ Brodys Sommer hatte aus Videospielen, Fußballcamp und daraus bestanden, für Amelia bei sich zuhause auf Snowball, einen weißen Zwergspitz, aufzupassen. Er hatte viel Zeit im Garten damit verbracht, zusammen mit Wallace, ihrem schwarzen Scottish Terrier, seine Fußballfähigkeiten zu perfektionieren. Hunde waren die besten Freunde eines Jungen, und Snowball passte perfekt zu ihnen, obwohl sie bloße dreieinhalb Kilo im Vergleich zu Wallaces kräftigen acht wog.

Paislee versuchte, ihn aufzumuntern, aber vermisste die Tage, als er sie noch umarmt hatte. Besonders wenn sie sie mit dem kratzbürstigen jungen Mann mit Akne verglich, der nicht verstand, dass die Schwierigkeiten seiner Teenagerjahre vorübergehen würden. Hatte sie je daran geglaubt, als sie in die Pubertät gekommen war? Sie sehnte sich danach, ihm zu helfen, aber sie war die Letzte, mit der er reden wollte. „Du weißt doch noch, wie schrecklich es war, dreizehn zu sein.“

Lydia schauderte. „Das tue ich.“

„Zumindest hatten wir deine Mum, mit der man gut reden konnte.“

„Und einander. Wie geht’s Angus?“ Lydia sah sich im Shop um, aber der einzige silberne Haarschopf gehörte Elspeth Booth, ihrer anderen Teilzeitkraft, die Anfang siebzig und nach ihrer geistlichen Arbeit für Pater Dixon in der Kirche in Rente gegangen war. Sie und Grandpa hatten ein wenig miteinander geflirtet, aber Grandpas Herz gehörte allein Paislees Großmutter. Elspeth war zudem frustriert, wie fahrlässig Grandpa mit seinem Husten umging, den er sich nach seinem Fall in den River Nairn vor fast drei Wochen eingefangen hatte.

„Er mimt den sturen Schotten und will nicht zum Arzt.“ Grandpa und Brody liebten es, angeln zu gehen, wobei ihr Großvater in den Fluss gefallen war und sich statt Schellfisch eine Erkältung geangelt hatte. Er beharrte darauf, dass sein Husten vorbeigehen würde. Nichts, was Schlaf und ein Whisky nicht wieder geraderücken könnten. Es tat Paislee körperlich weh, ihn husten zu hören.

„Armer Kerl“, sagte Lydia besorgt, bevor sich ihre Miene aufhellte. „Was weiß er übers Schafehüten?“

„Er hat es nie erwähnt, aber ich werde ihn fragen. Wieso?“

„Eine Jurorin, die Meri fürs Schafehüten kontaktiert hat, konnte nicht sicher zusagen. Meri hat Angst, dass etwas schiefgehen könnte und sie mit Eiern beworfen wird.“

Eines der Komiteemitglieder hatte sich gegen den neuen Wettkampf gewehrt, aber Meri war standhaft geblieben, da sie glaubte, dass es den Sportlern neue Möglichkeiten eröffnen und die Teilnahmegebühren erhöhen würde, was höhere Einnahmen für die Grafschaft bedeutete. „Sie hat zum ersten Mal das Sagen, also kann ich es ihr nicht verübeln.“ Paislee sah sich in dem vollen Geschäft um. „Mir fällt niemand ein, der einspringen könnte.“

Rhona tippte den Einkauf der Kundin in die Kasse ein und gab den Blumenschlüsselanhänger mit ineinander verschlungenen Cs für Cashmere Crush sowie den Beleg für eine Schottenmütze und den dazu passenden Schal hinzu. Elspeth rückte Wollstränge in den Regalen zurecht und wandte sich zur Tür um, als diese erneut aufging.

Wie Paislee den Sommer in Nairn mit all den wundervollen Touristen liebte!

„Willkommen“, sagte Elspeth, während Rhona der Kundin zum Abschied zuwinkte, die gerade bezahlt hatte.

„Auf Meris Liste steht noch mehr“, sagte Lydia. „Sie will, dass wir um sechs Uhr morgens da sind. Wie du weißt, bin ich allergisch dagegen, an einem Samstag um sechs Uhr morgens aufzustehen.“

Paislee stimmte verständnisvoll in Lydias Lachen ein. „Warum um sechs? Ich dachte, die Freiwilligen müssen erst um acht da sein.“

„Nicht wahr? Die Teilnehmer müssen sich erst um neun Uhr im Park anmelden.“ Rhona kam am Ende ihrer Unterhaltung zu ihnen. Die junge Frau beobachtete drei Kunden, die sich umschauten, um einzuspringen, falls jemand Hilfe benötigte. Paislee hielt nichts von der Verkaufsstrategie, ihren Kunden ständig über die Schulter zu schauen.

„Der Umzug mit der Kapelle beginnt um zehn und wird um halb elf am Turnierplatz ankommen. Lord Cawdor wird die Spiele um elf Uhr eröffnen, und die ersten Wettkämpfe starten um Viertel nach elf.“ Paislee kannte den Zeitplan auswendig.

Meri hatte ein Whiteboard an der Wand im Rathaus und keine Angst, es zu benutzen.

„Meri hat meinen, ähm, mangelnden Enthusiasmus bemerkt und angeboten, dich abzuholen, damit Angus den Juke nehmen kann, da wir ja Fahrgemeinschaften bilden wollten.“ Lydia berührte ihren Ehering. „Corbin liebt es, Frühstück im Bett für uns zu machen.“

Sie waren das perfekte Paar – Lydia backte wie eine Meisterin und zauberte phänomenale Häppchen, aber kochte nicht. Corbins Kochkünste waren fast so ausgezeichnet wie die von Grandpa.

„Mir soll’s recht sein. Was steht noch auf Meris Liste?“, fragte Paislee.

Lydia tippte auf ihr Handydisplay und öffnete ihre Notizapp. „Wegen des Schafehütens fragen – check. Frühmorgens, check. Meri will, dass wir die Turnierschleifen von der Druckerei abholen, und da ich nicht im Morgengrauen aufstehen will, werde ich sie zu einer vernünftigen Uhrzeit um acht Uhr vorbeibringen.“

Rhona sah Lydia mit Bewunderung in ihren dunkelbraunen Augen an. Der Smythe-Clan hatte eine Tendenz zu braunen Augen und samtweichem braunem Haar. Die Smythe-Nase, die man als markant bezeichnen könnte, war nicht in ihrem ovalen Gesicht zu finden. „Ich komme mit Mum und Pa um neun. Ich habe versucht, sie zu überreden, mir mein Auto früher zurückzugeben, damit ich nicht den ganzen Tag bleiben muss.“ Sie ließ die Schultern hängen.

„Und wie läuft es?“ Lydia hatte selbst einen Bleifuß, also konnte sie mitfühlen.

Beim ersten Mal hatte der Polizist Rhona eine mündliche Verwarnung erteilt. Beim zweiten Mal einen Strafzettel und beim dritten Mal eine noch höhere Geldstrafe, die sich insgesamt auf 5000 Pfund belief. Ihre Eltern hatten den Betrag bezahlt, damit sie nicht vor Gericht musste, und Paislee war beeindruckt, dass sie ihr das Auto weggenommen hatten, bis die Geldstrafen abbezahlt waren.

Rhona war zwar fleißig – ohne Anstrengung kam man mit seinen Tanzstunden und dem Lernen nicht hinterher – aber der schicke Sportwagen, den sie zum Schulabschluss bekommen hatte, hatte ihr bis dahin unbekannte Freiheiten auf den Straßen in den Highlands erlaubt.

„Schleichend“, klagte Rhona. „Ich kann nicht anders – Aibreann und ich lieben Shopping. Wahrscheinlich werde ich für immer für Paislee arbeiten.“

Paislee legte der jungen Frau die Hand auf die Schulter. „Das würde mir nichts ausmachen, aber ich glaube, du bist für höhere Dinge bestimmt. Irgendwann ist es nicht mehr so aufregend, sein eigenes Gehalt zu bekommen.“

„Ich will einmal Profitänzerin werden und mich auf den Highland Fling spezialisieren“, sagte Rhona. „Ich muss einer Truppe beitreten, um ordentliches Geld zu verdienen. Jetzt gerade will ich einfach nur Spaß haben. Artie sagt, dass es ihm nichts ausmacht, mich herumzukutschieren, und ich habe ja immer noch mein Fahrrad.“

„Artie ist ein Schatz“, sagte Lydia.

„Das ist er!“, seufzte Rhona vernarrt, als sie an ihren Freund dachte, mit dem sie seit sechs Monaten zusammen war. Sie hatten sich auf dem Golfplatz kennengelernt, wo Artie als Caddie arbeitete und Rhona eine Runde Golf mit ihrem Vater, McDermot Smythe, gespielt hatte. Paislee hatte kein Interesse an dem Sport, und Brody war bislang fest auf Fußball fokussiert.

„Ist Artie bereit für die Spiele morgen?“, fragte Paislee.

Rhona krauste die Nase. „Er ist sehr optimistisch was den Hammerwurf angeht, aber er hat Angst, dass beim Baumstammwurf irgendetwas schiefgeht, weil er dafür so hart trainiert hat. Ich wüsste nicht was, bei seiner ganzen Übung. Er will seinen Pa stolz machen.“

Mitgefühl strahlte von Lydia aus. Arties älterer Bruder, Cam, der auf dem Weg gewesen war, ein professioneller Kraftsportler zu werden, war vor zwei Jahren bei einem Autounfall gestorben. „Artie selbst macht es keinen Spaß?“

„Es ist kompliziert“, meinte die junge Frau. Dann sah sich eine Frau mit einem Arm voll Wolle suchend um, und Rhona ging auf sie zu. „Oh, lassen Sie mich Ihnen helfen.“

„Danke“, sagte die Frau. Zusammen trugen sie die Stränge zum Tresen. „Ich möchte einen Schlauchschal anfangen.“ Sie hielt die Wolle an ihre Wange. „Die ist so weich. Ist das Kaschmir?“

„Nein – das ist eine Mischung aus Merino- und Shetlandwolle, die Paislee wegen ihrer Textur ausprobieren wollte.“

„Ich bin gespannt, wie sie sich macht“, sagte die Frau.

„Wohnen Sie hier in der Gegend?“ Rhona legte die Wolle auf den Tresen.

„Ja. Na ja, in Elgin, also in der Nähe. Warum fragen Sie?“

„Paislee veranstaltet am Donnerstagabend eine Strickgruppe mit Gleichgesinnten, wenn Sie Interesse haben?“

„Wie schade! Donnerstags muss ich bis neun arbeiten. Aber tolle Idee.“

„Paislee ist brillant“, versicherte Rhona der Frau.

Paislee errötete und hoffte, dass Rhona sie nicht einander vorstellen würde, aber Rhona zeigte schon auf den hohen Werktisch, wo Paislee und Lydia standen. Ihre beste Freundin kicherte.

„Und genau hier!“ Rhona tippte den Betrag in die Kasse ein. „Haben Sie alles, was Sie brauchen? Ich hasse es, wenn ich nach Hause komme und nicht alles dabeihabe.“

Die Frau winkte Paislee und nickte dann Rhona zu. „Tatsächlich brauche ich noch eine Nähnadel. Vielleicht …“

„Wir haben hier an der Seite eine Auswahl.“ Rhona ging um den Tresen herum und zeigte auf eine Reihe von Nadeln, Scheren, Heftband und Fingerhüten, sowie Stricknadeln und Häkelnadeln. Es gab sogar Rahmen und Stoff für Stickereiarbeiten.

„Gut, dass Sie es erwähnen – und ich nehme am besten noch eine Schere mit. Die verschwinden immer in meinem Sofa.“

Paislee lächelte, während Rhona die Frau anschließend zum Ausgang begleitete.

„Bereust du es, dass du Rhona eine Chance gegeben hast?“, fragte Lydia.

Paislee hatte gezögert, als Lydia sie um den Gefallen gebeten hatte, eine von Corbins Cousinen einzustellen, aber Rhona war ein wahrer Schatz. „Nicht im Geringsten. Ich weiß nicht, was ich ohne sie tun soll, wenn sie erkennt, dass sie etwas Besseres mit ihrer Zeit anfangen könnte als hier Wolle zu stapeln.“

„Du bezahlst Rhona mehr als den Mindestlohn, und sie erlernt wertvolle Fähigkeiten, also kann sie sich glücklich schätzen, diese Möglichkeit zu haben. Sie hat kein Interesse an einem Studium, sondern will Karriere im Tanzen machen.“

„Den Videos nach zu urteilen, die Rhona mir gezeigt hat, hat sie Talent. Aber ich mache mir Sorgen um Artie – dieser Baumstamm ist doppelt so groß wie er“, murmelte Paislee. Er war eher der drahtige Typ als muskelbepackt. Sie hatte ihn getroffen, als er Rhona nach der Arbeit abgeholt hatte. Sie kannte auch Aibreann Laird, Rhonas beste Freundin. Sie war mit ihren zwanzig Jahren ein Jahr älter als Rhona, und besaß eine Reife, die Rhona auf dem Boden der Tatsachen hielt.

„Rhona hat erst vor kurzem beschlossen, dass sie das Tanzen nicht nur als Hobby betreiben will. Ich glaube, der Schulabschluss kam ganz überraschend – sie war gut in der Schule und beim Tanzen, aber was jetzt?“ Lydia seufzte. „Sie würde eine wunderbare Maklerin abgeben, aber sie interessiert sich nicht für Immobilien. Ich habe sie gefragt.“

„Sie sollte sich dafür ‚interessieren‘, ihre Rechnungen zu bezahlen“, kommentierte Paislee in mildem Ton. „Andererseits waren wir dazu gezwungen, das war etwas anderes.“ Lydia hatte sich ihren Wohlstand selbst erarbeitet – bevor sie den superreichen Corbin Smythe geheiratet hatte – kam aber selbst nicht aus einem reichen Haushalt.

„Stimmt.“ Lydia las sich die Notizen auf ihrem Handy erneut durch. „Letzter Punkt. Meri braucht jemanden für den Kinderwettlauf.“

„Was ist mit Blaise? Ich glaube, Meri hat die O’Connors nur damit beauftragt, den Hauptpreis zu sponsern.“ Blaise und Shep O’Connor waren von Inverness nach Nairn gezogen und hatten eine neunjährige Tochter, Suzannah. Shep war Golfprofi auf dem Golfplatz in Nairn, und Blaise war Teil ihrer Strick-und-Schlückchen-Gruppe.

„Sie sind für das Bierzelt der lokalen Brauereien verantwortlich“, sagte Lydia. „Die Smythes sponsern eines der Whiskyzelte.“

Paislee schüttelte den Kopf, als sie sich die Kosten ausmalte. „Ich weiß, was ich allein für einen einzigen Wettkampf gezahlt habe – es ist nett von euch, ein ganzes Zelt mit Alkohol zu übernehmen.“

„Alles im Rahmen des Smythe-Budgets, also keine Sorge.“ Lydias Blick fiel auf die Uhrzeit. „Und Shep wird vom Golfplatz unterstützt. Nicht zu fassen, dass es schon vier Uhr ist. Um fünf habe ich ein Closing, also muss ich mich auf die Socken machen. Schreibst du Meri und sagst ihr Bescheid, dass wir alle auf demselben Stand sind?“

„Mache ich. Bis morgen!“

Elspeth ging um sechs nach Hause, und Rhona um halb sieben. Die junge Frau wischte den Boden, während Paislee das Geld in der Kasse zählte, es in den kleinen Safe legte und das Wechselgeld für den nächsten Tag vorbereitete. Artie stürmte herein, um Rhona abzuholen.

„Hi, Paislee!“ Arties freundliches Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, das hoch bis in seine blauen Augen reichte. Eine Locke von wirrem dunkelblondem Haar fiel ihm in die Stirn. „Bereit, Rhona?“ Er hob Rhona hoch als wöge sie nichts, und stemmte sie in die Höhe über seinen Kopf. Er war viel stärker als er aussah.

„Lass mich runter!“, quietschte Rhona, die nicht wirklich böse war. Sie strich über seine breiten Schultern und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. „Was ist der Plan?“

„Wir treffen uns bei Foster, um Steaks zu grillen.“ Artie tätschelte seinen flachen Bauch. „Müssen ja für morgen Kraft tanken.“

„Können wir Aibreann einladen?“, fragte Rhona. Ihre beste Freundin war ein wenig in Arties besten Freund verliebt, wovon Foster jedoch nichts ahnte.

„Rufen wir sie vom Auto aus an“, schlug Artie vor.

„Okay – tschüs, Paislee. Bis morgen!“, sagte Rhona und tänzelte aus der Hintertür die Treppe hinunter.

Artie winkte Paislee zu und folgte Rhona, genauso verliebt.

Paislee blieb noch bis sieben, um den Bestand an Pullovern und Accessoires zu prüfen, den sie aufstocken musste. Ein weiterer erfolgreicher Tag.

Bevor sie ging, schrieb sie Grandpa, um zu fragen, ob er irgendetwas aus dem Supermarkt brauchte. Er antwortete sofort, dass ein Auflauf im Ofen steckte und fertig sein würde, wenn sie ankam. Sie schrieb ihm ein kurzes Dankeschön zurück.

Während sie ihr Lieblingslied im Radio mitsang, kam Paislee zuhause an und parkte im Carport. Obwohl es nach sieben war, erstrahlte der Abendhimmel in einem gedämpften Hellblau. Sobald das Lied zu Ende war, stellte sie den Motor ab und stieg aus dem Juke.

Sie ging nach drinnen, wo Wallace und Snowball sie aufgeregt begrüßten. Die Hintertür stand offen und der Fernseher im Wohnzimmer lief. Der Duft von Gewürzen wehte den Flur herunter.

„Hey zusammen!“ Paislee hängte ihre Handtasche an den Haken neben der Tür und legte die Schlüssel in eine kleine Keramikschüssel, die Brody letztes Jahr in einem seiner Wahlfächer getöpfert hatte. Sie liebte sie, auch wenn sie einen unebenen Rand hatte.

Grandpa lehnte sich mit einem Ofenhandschuh bewaffnet aus der Küche. Seine schwarze Brille war beschlagen, sein silbernes Haar zerzaust.

Paislee eilte auf ihn zu. „Wie kann ich helfen?“

„Nicht nötig!“, sagte Grandpa und schlug mit der Hüfte die Ofenklappe zu. „Brody, Junge, Zeit zum Abendessen.“

„Endlich. Ich bin am Verhungern“, sagte Brody aus dem Wohnzimmer. Lydia hatte die Wohnung so toll umgestaltet, dass sie sich wie ein brandneues Zuhause anfühlte.

Edelstahlgeräte, der Waschtrockner außer Sichtweite hinter einer Tür unter einem langen Tresen verborgen, und, am allerbesten, das neue Fenster über der Spüle, das Tageslicht hereinließ. Alles war in einem weichen elfenbeinfarbenen Ton mit grauen Akzenten gestrichen, und ihr runder Tisch war neu lackiert und poliert, um weitere hundert Jahre zu halten. Die „Wand“ aus Pflanzen an der Hintertür teilte den Raum, ohne ihn zu verdunkeln. Das Sofa war neu bezogen, und die Sessel am Kamin sahen einladend aus. Der Fernseher bildete den Mittelpunkt des Wohnzimmers, da sie ihre Filmabende liebten.

Brody schlurfte auf sie zu. Sein Gesicht verwandelte sich vor ihren Augen in das des Mannes, der er einmal sein würde. Seine kastanienbraunen Haare wurden dunkler, in seinen braunen Augen funkelte es golden, umgeben von dichten Wimpern. Sein Lächeln, wenn er sich mal die Mühe dazu machte, war breit mit starken weißen Zähnen. Ja, er hatte Akne, aber das würde mit der Zeit vorübergehen. Hormone konnten verheerenden Schaden im Gesicht anrichten. Es schien ihm peinlich zu sein, und Paislee wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte.

Im Internet ließen sich Antworten auf alles finden, und eine Seite, der sie folgte, schlug offene Kommunikation vor. Ihre Beziehung zu Brody beruhte auf Ehrlichkeit, also begegnete sie ihm mit Fakten und Lösungsvorschlägen, wenn er schmollte und sich über die Akne beschwerte, wie etwa spezielle Waschgels. Grandpa war eine immense Hilfe und betonte immer wieder, dass es zum Erwachsenwerden dazugehörte und nicht ewig so bleiben würde.

„Wie war dein Tag?“, fragte Paislee. Sie würde ihren Sohn bis zu ihrem letzten Atemzug lieben, selbst wenn er schlechte Laune hatte.

„Mein letzter Tag der Freiheit, bevor die Schule wieder anfängt?“, fragte Brody mit einem Kieksen. Seine Stimme veränderte sich ebenfalls.

„Du hast Montag auch frei“, antwortete Paislee. „Nach sechs Wochen Ferien. Aber ja. Wie war’s?“

„Langweilig“, sagte Brody.

Grandpa stellte die Auflaufform in die Mitte des runden Tisches. „Ich habe dich ja gefragt, ob du ins Kino gehen möchtest, mein Junge, aber du hast nein gesagt.“

Brody setzte sich an den Tisch. Wallace stromerte in ihrer Nähe umher und schnupperte. Snowball blieb nahe bei Grandpa. Der Auflauf bestand aus käsigen Kartoffeln und zerbröselter Wurst und duftete himmlisch.

„Du wolltest nicht ins Kino gehen?“, fragte Paislee überrascht.

Brody zuckte die Achseln. „Ich hab Videospiele mit Sam und Ryan gezockt.“

Edwyn hatte den Sommer bei seinen Großeltern in London verbracht, also konnte er nicht mit ihm abhängen. Sam und Ryan waren beide im selben Fußballteam wie Brody, während Edwyn mit dem Sport aufgehört hatte.

„Deine Entscheidung“, sagte Grandpa. Seine Wangen waren gerötet, und der Atem pfiff in seiner Brust.

Da sie nicht nörgeln wollte, ging Paislee sich die Hände waschen. „Hat jeder etwas zu trinken?“ Sie ließ den Blick über den Tisch schweifen. Grandpa hatte ihnen allen ein Glas Wasser sowie gedünstete grüne Bohnen als Beilage hingestellt. „Wir hatten so viel zu tun, dass mein Mittagessen schon vor Stunden verdaut war.“

Sie sagten ein kurzes Dankesgebet, bevor sie sich auf das Essen stürzten. Paislee konnte es sich nicht verkneifen, Grandpa zuzulächeln, als Brody sich einen Nachschlag nahm. Die Mahlzeiten mit geliebten Menschen an diesem alten Tisch waren all den Kummer wert, den diese Küche verursacht hatte.

„Was ist der Plan für später?“, fragte Brody, als er langsam satt war.

„Morgen wird ein großer Tag, also sollten wir uns ausruhen.“ Paislee hatte die Nairn Highland Games über die Jahre selten verpasst, aber jetzt nahm sie zum ersten Mal hinter den Kulissen teil. „Ihr wisst nicht zufällig etwas übers Schafehüten?“

Grandpa schnaubte. „Nein. Braucht man dafür nicht einen Hütehund oder so etwas?“

„Nee.“ Brody lachte. „Warum?“

„Meri hat den Hütehundwettbewerb ins Programm aufgenommen, damit mehr Leute teilnehmen, und eine der Juroren schafft es vielleicht nicht. Grandpa, ich weiß, dass du und Elspeth arbeiten müsst, aber Brody, vielleicht könntest du stattdessen beim Kinderwettlauf helfen? Die sind so süß.“

„Ich will nicht mit, Mom. Das hab ich dir doch gesagt.“

„Du hast dich schon angemeldet, also darfst du jetzt nicht absagen. Wenn du nächstes Jahr nicht teilnehmen möchtest, ist das in Ordnung, aber wir drücken uns nicht vor unseren Verpflichtungen.“

„Du hast mich ja dazu gezwungen. Ich will auch nicht mithelfen.“

Paislee hielt den Blick ihres Sohns fest. „Es ist wichtig, unserer Gemeinde etwas zurückzugeben – das weißt du. Coach Harris wird auch da sein.“

In Brodys Augen flackerte Angst auf. „Ich habe ihn nicht gebeten zu kommen.“

„Er nimmt am Halbmarathon teil, also wird er trotzdem da sein.“ Brodys Wettkampf war eher ein Sprint als ein längerer Lauf. „Möchtest du lieber nächstes Jahr daran teilnehmen? Jetzt mit dreizehn kannst du zum letzten Mal in dieser Kategorie antreten.“

„Ich weiß, wie alt ich bin, Mum.“ Seine Stimme brach. „Das ist so peinlich.“

Sein letzter Satz brach ihr das Herz, und sie griff über den Tisch und strich über seine Hand. „Hey, hast du noch etwas anderes auf dem Herzen als den Wettlauf? Du kannst mit mir reden.“

Brody stand auf und rückte vom Tisch ab, wobei er den Stuhl umwarf. Er lief rot an. „Ich fühl mich einfach nicht gut.“ Er rannte nach draußen, Wallace im Schlepptau. Snowball blieb dort liegen, wo wahrscheinlich Essen vom Tisch fallen würde.

Paislee schaute Grandpa an. „Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ist das normal bei Jungs?“

„Ja. Das Beste für ihn ist, aktiv zu bleiben“, sagte Grandpa. „Sei nicht so streng mit dem Jungen – er weiß ja gar nicht, wo oben und unten ist.“

Paislee erhob sich und rückte den Stuhl gerade. Brody war auf die hohe Kastanie geklettert und hatte dem Haus den Rücken zugekehrt. „Wie lange noch?“ Monate, oder schlimmer noch, ein Jahr?

„Bis er achtzehn ist?“ Grandpa lachte über ihren niedergeschlagenen Ausdruck. „Nur ein Spaß. Bis dahin wird er schon längst Mädchen und Autos für sich entdeckt haben.“

„Nicht hilfreich.“ Paislee sammelte das Geschirr zusammen und spülte es ab, wobei sie Brody im Auge behielt, der noch höher kletterte. Sie spürte, dass es Streit geben würde, wenn sie ihm befehlen würde herunterzukommen. „Ich werde Doc Whyte auf Kurzwahl eingespeichert lassen.“

„Gute Idee.“ Grandpa war zu schnell aufgestanden und hustete.

„Du könntest auch zu ihm“, sagte Paislee.

„Ist er nicht Kinderarzt?“

„Ja, aber für dich macht er vielleicht eine Ausnahme – du verhältst dich wie ein Kind, das Angst vor einem Pieks vom Doktor hat.“ Paislee stellte das Geschirr in die Spülmaschine und wandte sich zu ihrem Großvater um. Er war rot angelaufen bei dem Versuch, seinen Husten in Schach zu halten.

„Nein danke.“ Grandpa schüttelte den Kopf. „Mir geht’s gut.“

„Jetzt muss ich mich also mit zwei sturen Schotten herumschlagen.“ Paislee drückte den Startknopf an der himmlischen Maschine.

„Ich setze mich jetzt vor den Fernseher“, sagte Grandpa. „Kommst du mit?“

„Später.“ Paislee stellte den Wasserkocher für eine Tasse Tee an und zog dann einen Hocker unter dem Tresen bei der Spüle und dem Fenster hervor. „Ich muss noch Geldbörsen für Ramsey Castle stricken. Möchtest du einen Tee?“

„Gern“, sagte Grandpa. „Ich werde ein wenig Whisky reintun, um meinen Husten zu beruhigen.“

„Ich bringe ihn dir.“ Paislee nahm sich zwei Tassen, ihre Aufmerksamkeit auf den Baum im Garten gerichtet. Sie entspannte sich, als Brody etwas tiefer kletterte, auch wenn er in den belaubten Ästen blieb.

Sie schrieb Meri, dass sie morgen früh um sechs fertig sein und Lydia die Turnierschleifen um acht mitbringen würde. Weder Brody noch Grandpa kannten sich mit Schafehüten aus, um als Juroren einzuspringen.

Meri schickte ein Daumen-hoch-Emoji.

Paislee brachte Grandpa einen Tee, der noch einen Fingerbreit Platz ließ, und nahm dann ihre Tasse zusammen mit den Stricksachen und ihrem Handy mit nach draußen zur Veranda, wo sie leise Musik laufen ließ. Wallace lief die Stufen zur Veranda hoch und legte sich neben sie, Snowball ebenso. Brody kam herunter und trainierte seine Fußballübungen. Der Ball schien eine Verlängerung seines Fußes zu sein, während er dribbelte und ihn kontrollierte.

Während sie ihrem Sohn zuschaute, musste sie zugeben, dass alles gut werden würde, auch wenn die Dinge momentan schwierig waren. Es musste alles gut werden. Paislee würde keine Mühen scheuen, um diesen Wunsch wahr werden zu lassen.

Nachdem sie zusammen mit extra buttrigem Popcorn einen Film geschaut und alle gute Laune hatten, schloss Paislee das Haus ab und ging nach oben ins Bett.

Um Mitternacht riss sie etwas aus dem Schlaf.

Sie ging nach unten, öffnete die Tür und sah, wie Brody nach Hause kam. Ihr wild hämmerndes Herz setzte aus. Was zum Teufel machte er zu dieser nachtschlafenden Zeit draußen?

Brody war sowas von geliefert.

„Was machst du zu dieser Uhrzeit draußen?“, rief Paislee. Sie wollte nicht schreien, aber in ihrer Angst konnte sie nicht anders. Ja, Nairn war sicher, aber Brody war ein Kind. Er hatte sich ohne ihr Wissen hinausgeschlichen. Was, wenn ihm etwas passierte?

„Ich hatte so viel Energie, dass ich eine Runde laufen gegangen bin.“ Brody schlüpfte an ihr vorbei in die Diele und machte sich auf den Weg zur Treppe, die hoch zu seinem Zimmer führte.

War das das erste Mal, dass er das getan hatte? Paislee hielt ihn am Arm fest. „Nein, mein Sohn. Du gehst nicht ins Bett, bevor wir uns nicht unterhalten haben.“ Sie wies den Flur hinunter zum Küchentisch. „Wo ist Wallace?“

„In meinem Zimmer mit Snowball.“

Sie knipste das Licht in der Küche an und schielte zum Wasserkocher und der Uhr. Viertel nach zwölf. Tee könnte sie wachhalten, aber sie musste ihre Hände beschäftigen, damit sie ihr streitlustiges Kind nicht an den Schultern rüttelte. Also Kräutertee.

Mit einem Knipsen sprang der Wasserkocher an.

Paislee goss Brody ein Glas Wasser ein, machte sich selbst eine Tasse Tee und setzte sich ihm dann gegenüber. Sie streckte den Arm aus und strich ihm den Pony aus der Stirn. „Bitte sieh mich an.“

Brody spähte widerwillig zu ihr hoch.

Ihr Herz krampfte sich zusammen. Wie könnte sie ihm sein Leid und seine Unsicherheit nehmen? „Willst du darüber reden?“

„Es gibt nichts zu sagen“, sagte Brody.

„Geht es um Jenni?“

„Nein.“

„Edwyn?“

„Nee.“

„Die Spiele morgen?“

Brody zögerte, und seine Augen huschten zur Tischkante, bevor er mit den Schultern zuckte. „Ja.“

„Du bist sehr schnell, und der Sprint sollte kein Problem sein“, sagte Paislee. „Hast du draußen geübt?“

Er schüttelte den Kopf.

„Ist das das erste Mal, dass du das tust?“

„Nein.“

„Bitte mach es nicht noch einmal.“ Ihr Magen verkrampfte sich. „Ich weiß, dass du die Leier von mir leid bist, aber das ist das letzte Jahr, in dem du als Kind teilnehmen kannst.“ Die Grenze lag bei dreizehn Jahren und abwärts.

„Ich bin Zweiter geworden. Edwyn war Erster.“

Paislee atmete den Kamillengeruch ihres Tees ein und ahnte, dass sie dem Kern der Sache schon nähergekommen waren. „Hmm.“

Brody trank sein Wasser mit einem geräuschvollen Schluck. „Der Coach denkt, dass ich Edwyns Position einnehmen soll, jetzt, wo Edwyn nicht mehr in der Hobbymannschaft spielt.“

Sie legte den Kopf schief. „Wirklich?“ Brody war offensichtlich unsicher. Seiner Meinung nach war Edwyn immer ein kleines bisschen besser gewesen – nicht, dass Paislee das beurteilen konnte – und sie hatten ein unglaubliches Duo auf dem Rasen abgegeben. Veränderung.

„Ja. Coach Harris will, dass ich Mittelstürmer werde. Er glaubt, dass ich es schaffen kann, aber meine Beine tun weh vom Wachsen. Ich stolpere dauernd über meine Füße.“ Brody stampfte mit den Turnschuhen auf. „Es ist peinlich.“

Paislee stiegen Tränen in die Augen angesichts des Kummers ihres Sohnes, an dem sie nichts ändern konnte. „Du wirst in deinen Körper reinwachsen, und alles wird gut.“

Brody sah Paislee finster an. „Bis morgen?“

Oh.

„Weißt du, wofür ich bete, Mum?“

„Was denn?“

„Ich will Profifußballer werden, aber wie soll das gehen, wenn ich so unkoordiniert bin? Zwei verdammte linke Füße.“

„Brody, Schatz, du musst Geduld haben. Ich wette, wenn du deinen Trainer fragst, ob er so etwas auch mal erlebt hat, würde er dir versichern, dass es normal ist und auch wieder vorbeigehen wird. Grandpa sagt das auch – wir können mit Corbin reden, oder Hamish, oder …“

„Willst du mich umbringen, Mum? Ich brauch nicht noch mehr Peinlichkeiten!“ Mit diesen Worten stürmte Brody die Treppe hoch in sein Zimmer. Sie hatte nicht die emotionalen Ressourcen, um ihn zurückzurufen.

Ihre Mutter war während ihrer Pubertät zwar anwesend gewesen, hatte aber gearbeitet; Paislee hatte Lydia und Lydias Mum gehabt, um an Informationen zu kommen. Sie erinnerte sich, wie Lydias Knochen geschmerzt hatten, als sie in die Höhe geschossen war. In der Schule hatte man sie als Giraffe bezeichnet. Sophie Barron hatte ihr zu warmen Bädern geraten. Sie würde das Gleiche bei Brody tun und sich am Montag mit Doc Whyte beraten, nur um sicherzugehen, dass sie alle Möglichkeiten ausgeschöpft hatten.

Paislee hievte sich vom Stuhl hoch, stellte ihre Tasse in die Spüle und prüfte die Schlösser an den Türen und Fenstern, bevor sie die Treppe hochging, wobei sie aus Gewohnheit die dritte und fünfte Stufe vermied, und fiel ins Bett.

Halb sechs morgens war eine grausame Zeit, um aufzuwachen, und Paislee war sehr versucht, Meri anzurufen und sich später im Park mit ihr zu treffen, aber sie hatte zugestimmt, und damit war die Sache erledigt. Die Spiele fanden an einem einzigen Tag statt. In der Stadt würde es eine Kirmes geben. Vielleicht wollte Brody am Familiensonntag ja dort hingehen, und sie könnte ausschlafen.

Nach einer belebenden Dusche stolperte sie in ihr Zimmer, um sich für den Tag anzuziehen – Jeans und ein hellblaues T-Shirt, auf dem vorne NAIRN HIGHLAND GAMES und auf dem Rücken MITARBEITER stand. Brody würde seinen brandneuen Shaw-Kilt tragen, und sie hatte eine Schleife für ihr Namensschild und ein passendes Stirnband in den Shaw-Tartanfarben Blau und Grün kreiert.

Nachdem sie sich einen Müsliriegel aus dem Vorratsschrank und eine Thermoskanne mit starkem Brodies Tee geschnappt hatte, ging sie um sechs aus der Tür, genau in dem Moment, als Meri ankam. Die Dudelsackjurorin fuhr einen schwarzen SUV und hielt am Bürgersteig an. Paislee hüpfte auf den Beifahrersitz, ihre Tasche zu ihren Füßen. Sie hatte heute eine größere Handtasche gewählt, um eine Wasserflasche, ein Sweatshirt und Sonnencreme unterzukriegen.

„Morgen“, sagte Meri mit einem breiten Lächeln, das so gar nicht zu Paislees Schlafmangel passte. Wer war jetzt die Schlechtgelaunte? Ihre Freundin hatte ein weises, schmales Gesicht, orange Haare und intelligente braune Augen hinter einer silbernen Brille, denen die Schatten unter Paislees Augen wahrscheinlich nicht entgingen.

„Morgen!“, antwortete Paislee. Ihre Haare waren leicht feucht von der Dusche, und das Morgengrauen erhellte langsam den Himmel.

„Ich bin froh, dass wir früh da sein werden“, sagte Meri, die wartete, bis Paislee angeschnallt war. Meris Edelstahltasse roch nach Kaffee und Vanille. „Die Jurorin hat abgesagt – die Arme hat die Sommergrippe und will niemanden anstecken. In der Theorie nett von ihr, aber wir sind unterbesetzt. Wenn wir im Büro sind, möchte ich dich bitten, unsere Liste mit den Freiwilligen durchzugehen, um zu schauen, ob irgendjemand Erfahrung mit Hütehunden hat.“

„Das kann ich machen.“

„Ich weiß, dass ich auf dich zählen kann, Paislee.“ Meri fuhr auf die Straße und zum Rathaus, wo sich die Mitglieder des ehrenamtlichen Komitees für die Nairn Highland Games acht Monate des Jahres jeweils ein Mal monatlich trafen, und ein Mal wöchentlich kurz vor und kurz nach dem Event.

„Kein Problem“, sagte Paislee, die vorsichtig an ihrem starken Tee nippte.

„Ich habe etwas Gebäck von Tesco mitgebracht.“ Meri wies mit dem Daumen zum Kofferraum des SUVs. „Bagel, Croissants und Hefeteilchen.“

„Viel besser als der Müsliriegel, den ich eingesteckt habe.“

„Du hast gesunden Menschenverstand. Ich finde es schrecklich, wie vielen Leuten diese simple Eigenschaft fehlt.“ Meri hielt an einer Ampel an und musterte Paislee. „Alles okay, Liebes?“

„Ja!“ Sie wollte nicht von Brodys armen Hormonen gegenüber einer Frau anfangen, die keine Kinder hatte – aus eigener Entscheidung.

Die Ampel wurde grün, und im Handumdrehen kamen sie am Rathaus an. Meri parkte direkt davor, da sonst noch niemand vor Ort war. Später würde man sich dieses stille Morgengrauen am Firth bei tausenden von Besuchern nur schwer vorstellen können.

Meri musterte Paislee besorgt, statt aus dem Auto zu steigen.

„Was ist los?“ Paislees Magen verkrampfte sich. Was könnte am Morgen der jährlich stattfindenden Spiele denn so Schlimmes passiert sein? Sicherlich nichts, was sie davon abhielt weiterzumachen.

Mit geschürzten Lippen sagte Meri ernst: „Uns hat ein anonymer Tipp erreicht, dass bei den heutigen Wettkämpfen Steroide im Spiel sein könnten, die, wie du weißt, höchst illegal und regelwidrig sind.“

Da hatte sie ihre Antwort.

Kapitel 2

„Sollten wir die Polizei rufen?“ Paislee suchte in Meris Gesicht nach einem Hinweis darauf, wie ihre Freundin, die Vorstandsvorsitzende der Spiele, fortfahren wollte. Die Veranstaltungen waren für Amateursportler gedacht, die im Sinne des Sportsgeists antreten und ihre persönlichen Bestleistungen feiern sollten. In früheren Zeiten war es beim Sieg um die Clanehre gegangen.

„Ich hasse Betrüger“, sagte Meri. Das war ein Problem beim letzten Dudelsackwettbewerb gewesen, bei dem Meri als Jurorin fungiert hatte, aber dank ihrer Anstrengungen griff der Vorstand nun hart durch. „Und ich halte nichts von Feiglingen, die uns einen falschen Tipp gegeben haben könnten. Es würde den Ruf der Spiele ruinieren, wenn rauskommt, dass Steroide toleriert wurden.“

„Was sind unsere Optionen?“

„Es gibt Tests, die die Sportler am Wettkampftag machen könnten, aber die sind teuer, und wir haben nicht das Budget dafür“, sagte Meri. „Ich habe Simon gestern Abend angerufen und nach seiner Meinung gefragt, aber uns sind die Hände gebunden, solange wir nicht jemanden aktiv dabei erwischen, wie er Steroide nimmt, was unwahrscheinlich ist.“ Simon Sinclair war der ehemalige Vorstandsvorsitzende vom Vorjahr und ein enger Freund von Lord Cawdor.

„Ich werde die Augen nach krummen Geschäften offenhalten“, versprach Paislee. Meri entriegelte die Türen, und sie glitten aus dem Auto.

Ganz links standen die Fahrgeschäfte der Kirmes, die in der grauen Morgendämmerung riesigen Skeletten ähnelten. Der Kirmesverein war gestern angekommen und würde bis Montagabend bleiben, da Montag ein Feiertag war, dann zusammenpacken und am Dienstagmorgen abreisen. Ohne die blinkenden Lichter und dröhnende Musik wirkten die Fahrgeschäfte wie tot.

„Die sind gruselig“, sagte Paislee laut.

Meri bemerkte, wo Paislee hinschaute, und nickte. „Aber die Leute lieben die Karussells. Mir wird dabei schlecht, aber ich bin gar nicht schlecht im Entenschießen. Letztes Jahr habe ich einen Teddy gewonnen, der so groß wie ich war. Nairn bekommt einen Anteil von den Ticketerlösen, was unsere Wirtschaft ankurbelt.“

Das Komitee der Nairn Highland Games hielt es für wichtig, die Stadt zu einer noch größeren Touristenattraktion zu machen, als sie vor hundert Jahren gewesen war, und infolgedessen die lokalen Geschäfte florieren ließ; eine Tatsache, die sie mit Cashmere Crush selbst erlebt hatte. Gemeinschaft war wichtig, und das Zukunftsziel entsprach auch ihren persönlichen Überzeugungen.

Noch vor kurzem hätte sie sich vielleicht lauter gegen den Fortschritt gewehrt, da ihr das Alte lieber gewesen war als das Neue, aber damit die Gemeinschaft aufblühen konnte, mussten sich gewisse Dinge ändern. Wachstumsschmerzen. Genau wie bei Brody, auch wenn die Wirtschaft am Ende des Tages stärker daraus hervorgehen würde, ebenso wie ihr Sohn. Wenn die nächste Generation glücklich sein sollte, mussten Paislee und ihre Generation zukunftsbewusst handeln.

Paislee konnte nicht die Verantwortung für das gesamte Plastik im Ozean übernehmen, aber sie war sich ihres Verbraucherverhaltens bewusst; sie recycelten, und sie minimierte ihren Verbrauch durch Bambuszahnbürsten, Müllsäcke aus recyceltem Plastik und die Vermeidung von Plastikwasserflaschen – selbst bei Fußballspielen.

Laute Musik drang nach draußen, als eine Tür an einem langen Wohnwagen auf dem Kirmesparkplatz aufging.

„Da ist noch jemand wach“, sagte Paislee lachend.

„Wahrscheinlich noch nicht ins Bett gegangen“, überlegte Meri. „Auf dem Gelände gibt es zwei Wohnwagen für die Mitarbeiter. Ein Cousin von mir ist als Kind einmal beigetreten, und die Geschichten, die er mir erzählt hat, haben mir die Augen geöffnet. So ein Leben würde ich mir nicht wünschen.“

„Was ist mit deinem Cousin passiert?“

„Er ist zum Militär gegangen und hat sich am Riemen gerissen. Hat immer gescherzt, dass er einen Zirkus für den anderen ausgetauscht hat. Jetzt hat er seinen Dienst quittiert und lebt auf einem kleinen Bauernhof. Mit Hunden.“ Meri riss die Augen auf, aber dann fiel ihre Miene in sich zusammen. „Keine Hütehunde. Wir brauchen jemanden, der sich mit Border Collies auskennt.“

„So viele Sorgen machst du dir?“

„Ja. Lachlan will, dass ich mit Pauken und Trompeten durchfalle, seit wir wegen seiner Idee zu den Sitzplatzgebühren außerhalb des Turnierplatzes aneinandergeraten sind. Nairn hat die letzten Highland Games in der Gegend, die kostenfreie Plätze um den Turnierplatz herum anbieten, damit jeder zuschauen kann. Er ist dagegen, den Wettbewerb probeweise ins Programm aufzunehmen, um sich zu rächen.“

Paislee erinnerte sich an das Meeting vor drei Monaten, in dem Lachlan eine geringe Gebühr für die Sitzplätze außerhalb des Turnierplatzes vorgeschlagen hatte. Meri hatte sofort Gründe angeführt, warum es für Nairn nicht gut wäre, solche Gebühren zu verlangen, aber hatte dann die Hütehund-Disziplin vorgeschlagen, die viele andere Highland Games bereits anboten und Geld einbringen könnte.

Dem fünfundvierzigjährigen Lachlan Felling gehörte ein erfolgreiches Holzlager und Bauunternehmen, das Holzstämme verkaufte. Er war Teil des Vorstands und mochte es nicht, wenn ihm etwas verweigert wurde. „Er wird keine Unterstützung bekommen“, versicherte Paislee Meri. „Niemand stimmt ihm zu, dass wir anfangen sollten, Eintritt zu verlangen.“

„Er ist hinterhältig und verschlagen. Ich mag solche Leute nicht. Er und Dyana sind zu dicke Freunde für meinen Geschmack. Mit der richtigen Motivation könnte er sie vielleicht überzeugen, ihre Meinung zu ändern.“ Meri rieb als universelles Symbol für Geld die Finger zusammen. „Sie redet ununterbrochen von ihrem gesunden Biosaft, aber unter uns gesagt, Paislee, schmeckt er nach Seetang.“

Dyana Barclay war zweiundvierzig und gerade geschieden. Sie war jahrelang die Siegerin der Damen im Kugelstoßen gewesen und verkaufte jetzt einen Powersaft, der angeblich Energie verlieh und beim Abnehmen half. Sie war die Sekretärin des Vorstands.

„Was kannst du denn tun?“, fragte Paislee.

„Auf der Hut sein, schätze ich. Sandi hat gestern Abend den anonymen Tipp zum Doping erhalten.“ Sandi Peckett war die Verantwortliche für die Ehrenamtlichen, während Paislee sich ums Marketing kümmerte und Meri half.

Lachlan und Dyana besaßen beide eine Verkaufsmentalität, die ihnen großen Erfolg verschafft hatte. Lachlan hatte in seinen gesamten Zwanzigern in den Kraftdisziplinen brilliert, war jetzt aber Juror und im Vorstand für den Baumstammwurf, wo er seine Expertise hinter den Kulissen zur Verfügung stellte.

„Sandi hat gegen die Eintrittskosten gestimmt“, sagte Paislee. Die ehemalige Kraftsportlerin, die die Ehrenamtlichen koordinierte, hatte laut verkündet, dass es Plätze für diejenigen geben sollte, die den Spielen kostenfrei zuschauen wollten.

„Sie ist ein loyales Mitglied dieses Vorstands und Teil der Spiele in Nairn, seit sie am Kleinkindwettlauf teilgenommen hat.“ Meri lachte und schloss die Tür zum Rathaus auf. „Wenn jemand Betrug so sehr hasst wie ich, dann ist das Sandi.“

Sandi war Krankenschwester in der Notaufnahme, und ihr Posten verlangte eine gewisse Ausgeglichenheit, für die sie bekannt war, um das Chaos während der Spiele meistern zu können. Sie hatte mit vierzig Jahren ihre Gewichte an den Nagel gehängt und war jetzt dreiundvierzig. Paislee arbeitete gerne mit ihr, da sie wusste, dass alles zuverlässig erledigt werden würde.

Wie Meri vorhin angemerkt hatte, war es schwer, verlässliche Freiwillige zu finden.

Als sie am Sitzungsraum ankamen, schloss Meri die Tür auf, die Box mit dem Frühstücksgebäck unter einen Arm geklemmt, und sie traten ein.

Paislee stellte ihre Thermoskanne auf den ovalen Tisch, der bis zu zwanzig Personen Platz bot. Ihr Magen knurrte.

„Du solltest besser jetzt etwas essen“, riet Meri ihr. „Heute wird es wild. Warst du schon mal bei den Spielen dabei?“

„Nur als Sponsorin, nicht im Komitee“, sagte Paislee. „Das sind zwei sehr verschiedene Erfahrungen.“

„Du bist nicht angetreten?“

„Sie haben ja keinen Strickwettbewerb“, sagte Paislee, ohne eine Miene zu verziehen, nur halb im Spaß. Ihr Leben ließ wenig Zeit für Hobbys, die nichts mit ihrem Geschäft zu tun hatten.

Meri nahm den Deckel der Box ab. „Greif zu.“

Paislee nahm sich ein Croissant und legte es auf eine Serviette. „Danke.“

„Du machst keinen Sport und spielst kein Instrument?“, fragte Meri ungläubig.

„Nein. Brody hat seine Geschicklichkeit nicht von mir, so viel steht fest. Er will Profifußballer werden.“

Meri erwähnte Brodys Vater nicht, da Paislee nie über ihn gesprochen hatte. Brody gehörte ihr, und das war’s. „Der Sport kann ganz spannend sein.“

Paislee nahm einen Bissen von der blättrigen Kruste und nickte. Sie war immer gespannt wie ein Flitzebogen, wenn Brody spielte, und fieberte oft an der Seitenlinie mit.

„Ich will nur, dass er glücklich ist.“

„Um wieviel Uhr kommt er? Um neun, zur Anmeldung?“

„Ja. Ich weiß nicht, ob er sich als Freiwilliger meldet. Die Sommerferien sind zu Ende, und er ist lieber mit seinen Freunden unterwegs.“

„Auf der Kirmes in den Fahrgeschäften.“

In dem Moment fiel Paislee auf, dass Brody nun in einem Alter war, wo er allein hinausgehen und den Tag möglicherweise einfach nur mit Ryan und Sam verbringen wollte. Sie nahm einen Schluck Tee, um das plötzlich trockene Croissant hinunterzuspülen.

„Da könntest du Recht haben.“ Paislee räusperte sich. „Also, wo waren die Papiere, die ich durchgehen sollte?“

Meri ging zum Aktenschrank, schloss ihn mit einem winzigen Metallschlüssel auf, der an der Schrankwand hing, und nahm einen Stapel Bewerbungen heraus. Es mussten Hunderte sein. „Jeder, der Collies oder Erfahrung im Schafehüten hat. Wenn nicht, kann Brody vielleicht einspringen, nur um noch ein zweites Paar Hände zu haben?“

„Brody kennt sich auch nicht damit aus.“ Sie verbiss sich den Hinweis, dass er erst dreizehn war. Sie war voller Zweifel, ob sie alles richtig machte – sollte sie ihn dazu bringen, ehrenamtlich mitzuarbeiten, oder reichte es, dass er zu seinem Event erschien?

Es klopfte an der Tür und Meri öffnete sie. Sandi Peckett stand dort mit einem Karton mit Kaffee und einer Packung Pappbechern.

„Danke!“, sagte Meri. „Du weißt nicht zufällig etwas über Border Collies?“

„Was ist los?“, fragte Sandi. Ihr Ton war bedacht, als sie den Raum betrat und den Kaffee zusammen mit Kaffeesahne und Zucker neben den Turm aus Pappbechern auf einen Beistelltisch stellte.

„Eine Jurorin hat sich krankgemeldet. Paislee geht die Ehrenamtlichen durch, um zu schauen, ob jemand Erfahrung hat.“

„Gib mir die Hälfte ab, dann sind wir schneller durch.“ Sandi streckte die Hand aus, nahm den Stapel von Paislee entgegen und setzte sich mit einem Kaffee und einem Donut mit Streuseln hin.

„Hier ist nichts dabei“, erkannte Paislee nach fünfzehn Minuten. Die meisten der Freiwilligen waren Anwohner, deren Freunde oder Familienmitglieder antraten, aber ihr war gerade Jerry und seine Freundin, Freya, eingefallen. „Ich kenne jemanden, der auf einer Farm arbeitet, vielleicht könnte sie uns helfen.“

Sandi tätschelte den Stapel, den sie durchgesehen hatte. „Hier ist auch nichts.“

„Wer?“, fragte Meri.

„Jerry McFaddens Freundin“, sagte Paislee. „Du kennst ihn vom Dudelsackwettbewerb. Und Freya arbeitet bei JoJo’s.“

Paislee schrieb Jerry um – sie musste schlucken – sieben Uhr, damit er Freya fragte, wobei sie hoffte, dass sie ihn nicht weckte. Sie schilderte ihm das Problem. Er schrieb zurück, dass Freya bei ihm war, und sie gerne als Jurorin einspringen würde, da sie sich mit Border Collies auskannte. Freya und Jerry würden beide vor neun Uhr da sein. Jerry wollte am Dudelsackwettbewerb und am Umzug teilnehmen, und jetzt würde Freya als Jurorin beim Schafehüten einspringen.

„Gute Arbeit“, sagte Meri, als Paislee erklärte, dass sie einen Ersatz gefunden hatten. Sie ging zum Whiteboard, strich den Namen der ehemaligen Jurorin durch, und schrieb Freyas hin.

„Freya Duncan“, half Paislee ihr, und wischte sich theatralisch den Schweiß von der Stirn. „Was kommt als Nächstes?“

„Ich habe die T-Shirts schon nach Größe sortiert.“ Sandi wies auf die Boxen, die sich an der Wand stapelten, klar erkennbar mit S, M, L, XL und XXL beschriftet. Jeder Teilnehmer würde ein dunkelblaues Shirt bekommen, wenn er sich anmeldete. Die Freiwilligen hatten spezielle Shirts in hellblau. „Ich werde mich an die Schlüsselbänder setzen. Dreihundert Leute haben sich angemeldet! Ich weiß noch, als nicht so viel los war. Es ist ein wahres Wunder, wie viel bekannter unsere Highland Games durch Lord Cawdor geworden sind.“

Meri legte Paislee die Hand auf die Schulter. „Willst du die Klemmbretter für die Freiwilligen vorbereiten?“

„Klar!“ Paislee machte die einfache Aufgabe nichts aus, eine Karte mit den verschiedenen Wettkämpfen darauf zusammen mit einem Zeitplan und einer Liste mit Meris, Sandis und Donnies Handynummern zu befestigen, die die Ansprechpartner für die Öffentlichkeit sein würden.

Lydia kam um Punkt acht Uhr an. „Guten Morgen, meine Lieben!“ Sie trug mehrere Kisten aus der Druckerei auf dem Arm und stellte sie auf den Tisch. „Erster Platz, zweiter Platz und dritter Platz. Außerdem welche für die Teilnahme, die Jeb kostenlos dazugepackt hat.“

„Jeb ist ein Schatz“, verkündete Meri. „Ein super Kontakt, Paislee.“

„Danke.“ Paislee hatte jedes lokale Geschäft angerufen, und Jeb’s Printing hatte die besten Preise und Bewertungen. Die Turnierschleifen würden vor der großen Siegerehrung um sechs Uhr verliehen werden. Sie legte das letzte Klemmbrett beiseite und nippte an ihrem Tee. „Und danke, Lydia, dass du sie abgeholt hast.“

„Kein Problem.“ Lydia trug ein einteiliges Etuikleid mit blauem und grünem Quadratmuster und schwarzroten Streifen. Die Clans hatten viele Optionen für ihre Tartans, und es überraschte Paislee nicht, dass sich Lydia den Smythe-Tartan ihres Mannes mit Stil zu eigen machte. „Wo ist Brody?“

„Er will weder am Umzug noch an dem einen Event teilnehmen, für das er sich angemeldet hat, und mithelfen schon gar nicht. Er macht gerade eine sehr schwere Zeit durch“, murmelte Paislee. Sie erzählte, was gestern Nacht passiert war, als er um Mitternacht das Haus verlassen hatte, um laufen zu gehen. „Und das war nicht das erste Mal! Ich wünschte, ich könnte die Dinge etwas einfacher für ihn machen.“

„Ihm zu sagen, dass es auch wieder vorbeigeht, hilft nicht, oder?“ Lydia hatte eine staksige und unbeholfene Phase durchgemacht, obwohl man bei ihrem heutigen Selbstbewusstsein nie ahnen würde, dass sie sich fehl am Platz gefühlt hatte. „Mum und Pa haben mir liebevoll beigestanden, wie du es auch bei Brody tust. Mehr können wir nicht machen.“

„Sollte ich ihn aus dem Wettlauf rausnehmen?“ Es fühlte sich falsch an, ihm zu erlauben, trotz seiner Verpflichtung einen Rückzieher zu machen.

„Schauen wir, wie er sich fühlt. Vielleicht erleidet Brody ja eine kleine Verletzung vorm Wettkampf“, schlug Lydia verschlagen vor. „Um wieviel Uhr läuft er?“

„Um eins.“

„Schauen wir mal“, sagte Lydia, und Paislee war dankbar, dass sie eine Verbündete hatte. Während sie selbst keine Vermeidungsstrategien vorschlagen konnte, konnte Tante Lydia das sehr wohl, und käme auch damit durch.

Um halb neun kam Meri, die ihre Jeans für ihren rot-weiß-karierten Kilt des Clans McVie ausgetauscht hatte, mit Lachlan im Schlepptau ins Büro gerannt. Er trug sein hellbraunes Haar auf zwei Zentimeter getrimmt und sein Gesicht war glattrasiert. Er trug statt seinem Mitarbeiter-T-Shirt ein Oxfordhemd und Krawatte zu seinem Kilt. Sein übermäßiges Selbstvertrauen ging Paislee auf die Nerven.

„Lord Cawdor ist hier“, sagte Lachlan. „Er wird die Siegerehrung abhalten und die Pokale mit Drake verleihen. Wo sind die Schleifen? – Oh, da.“ Er lächelte Lydia an und schmunzelte dann gehässig. „Ich habe gehört, dass es ein Problem mit dem neuen Wettkampf gab? Der ist die ganzen Umstände nicht wert.“

„Nicht mehr. Wir haben eine neue Jurorin gefunden, die einspringt“, sagte Meri. Ihr hellblaues Mitarbeiter-Shirt steckte in ihrem Kilt, was ihre schlanke Figur betonte. Sie trug ein Schlüsselband um ihren Hals, an dem ihr Name gut lesbar hing. Lachlan wirkte nicht so nahbar.

Dyana Barclay kam mit einem breiten Grinsen herein. Ein gerader kastanienbrauner Pony lauerte über dichten braunen Brauen und grünbraunen Augen. Ihr gelb-schwarz-karierter Kilt brachte ihre perfekten Beine zur Geltung. Sie hatte den gesunden grünen Biodrink patentiert, der Meris Meinung nach wie Seetang schmeckte. „Der Parkplatz ist schon voll! Das wird ganz sicher das bislang beste Jahr.“

„Das wäre wunderbar“, sagte Simon Sinclair, der in diesem Moment ankam. Er war ein guter Freund von Lord Cawdor und die beiden standen oft aufgrund ihrer philanthropischen Unternehmungen in der Zeitung. Seine dichten kupferroten Haare und sein Bart waren ordentlich gestutzt. Er war gerade fünfzig geworden. „Das wird uns Gelder einbringen, mit denen wir den neuen Minigolfplatz bauen können – Spaß für Touristen und Arbeitsplätze für die Einwohner.“

„Auch Spaß für die Einwohner. Minigolf ist großartig“, sagte Krissie Stewart, die hinter Simon eintrat und mit ihren ultralangen falschen Wimpern klimperte. Ihre blonden Haare waren lose hochgesteckt. Sie nahm sich einen halben Bagel mit Frischkäse sowie ein Schlüsselband mit einem Schild, auf dem JURY stand. Sie war siebenundzwanzig, hielt den Titel bei den Wettläufen und verdiente ihr Geld als Rezeptionistin im Delphin Hotel, wobei sie Trainerin werden wollte, sobald sie nicht länger antrat. Sie trug einen Stewart-Tartan und ihr dunkelblaues Teilnehmer-T-Shirt, da sie heute sowohl teilnahm als auch bei einem anderen Wettkampf in der Jury saß.

Donnie Weber, Kraftsportjuror und Wettkämpfer, schob sich in den Konferenzraum und ging direkt auf den Kaffee zu. Er war gutaussehend, mit dichten, langen dunkelbraunen Haaren und grünen Augen, und arbeitete als Barkeeper im The Bandstand. Sein Stil umfasste T-Shirts, die an seinem Bizeps klebten, und Sandelholzparfum. Er goss eine dunkle Röstung in einen Pappbecher und fügte einen Spritzer Mandelmilch hinzu. „Sandi, sind das die Bambusbecher, von denen ich dir erzählt habe?“

„Ja – die Deckel sind auch aus recyceltem Plastik“, sagte Sandi. „Ich habe sie ins Krankenhaus zur Arbeit mitgenommen, weil sie so lange halten. Wo hast du von denen gehört?“

„Ein Stammkunde von uns hat in das Projekt investiert und ein Vermögen verdient“, sagte Donnie. „Er hat mich eingeladen, mich zu beteiligen, aber mein Kopf ist gerade einfach woanders. Ich muss mich darauf konzentrieren, die regionalen Strongman-Wettkämpfe zu gewinnen.“

„Das wäre eine großartige Chance gewesen“, sagte Sandi, „aber ich gebe dir Recht. Du bist in deiner körperlichen Glanzzeit.“

„Hundertprozentig.“ Donnie nahm das Kompliment wie selbstverständlich an. Er lehnte sich mit der Hüfte gegen den ovalen Tisch und schaute auf die Kisten mit den Turnierschleifen hinunter. „Was ist das?“

„Die Turnierschleifen für die Wettkämpfe“, sagte Lydia. „Mit Jeb zu arbeiten war ein Träumchen.“

„Weil du ein Traum bist“, neckte Donnie zwinkernd.

Krissie verdrehte die Augen. „Idiot.“ Sie zog eine Regenbogenschleife für die Teilnahme aus einer der Kisten und zog die Brauen hoch. „Echt jetzt?“

„Warum nicht?“, fragte Sandi. „Die Spiele sollen Spaß machen.“ Ihr Gesicht verhärtete sich, und Paislee dachte, dass die Krankenschwester das Doping zur Sprache bringen würde, aber sie schwieg, also erwähnte Paislee es ebenfalls nicht.

Lachlans Handy klingelte, und er nahm rasch ab. „Ja, wir sind gleich da.“ Er legte auf. „McNichols will die Umzugsteilnehmer versammeln. Hat gesagt, einen Sack voll Flöhe zu hüten wäre einfacher.“

Drake McNichols war seit zehn Jahren der Koordinator der Nairn Highland Games. Er leistete so fantastische Arbeit, dass niemand wollte, dass er abdankte.

Jerry und Freya kamen um halb neun an. „Hey!“, sagte Freya fröhlich, während Jerry, die Hand auf ihren Rücken gelegt, hinter ihr eintrat.

„Das ist so nett von dir, dass du einspringst“, sagte Sandi zu Freya. „Ich besorge dir ein Mitarbeiter-T-Shirt.“

Freya lächelte. „Danke. Habt ihr eins in M?“

Sandi ging die nach Größe sortierten Boxen durch. „Hier ist eins.“

Freya nahm das hellblaue T-Shirt entgegen. „Dann gehe ich mich mal umziehen und werde dann mit Jerry ein wenig spazieren, bevor er beim Umzug mitläuft. Wo soll ich hinkommen?“

Meri bot Freya eine Karte zusammen mit der Liste von Wettkämpfen und den jeweiligen Uhrzeiten an. „Das Schafehüten fängt erst um halb eins an, also hast du viel Zeit, um mit Jerry beim Umzug mitzulaufen, wenn du möchtest.“

„Dann komme ich vielleicht mit“, sagte Freya. „Meine Eltern nehmen auch teil. Das Wetter eignet sich wunderbar, um an der frischen Luft zu sein.“

„Wenn du irgendwelche Fragen hast, kannst du mich beim Mitarbeiterstand an der Erste-Hilfe-Station finden.“ Sandi hatte an Muskeln abgebaut, seitdem sie nicht länger trainierte und antrat, aber sie war immer noch recht stark und hob ohne Probleme zwei Kisten voller Shirts und Schlüsselbänder mit Namensschildern hoch. „Danke nochmal.“

„Das mache ich gerne“, versicherte Freya allen. „Ich bin mit Border Collies und Shetlandschafen aufgewachsen.“

Jerry und Freya folgten Sandi aus dem vollgestopften Büro.

Meri sah auf ihre Armbanduhr. „Es ist Viertel vor neun, aber so lange wird es auch dauern, bis wir alles sortiert haben. Es ist ein Segen, dass so viele Leute teilnehmen.“

„Und stell dir mal vor, wir könnten von allen Eintritt verlangen“, sagte Lachlan abfällig. Er eilte aus dem Büro, gefolgt von Simon, der genervt dreinblickte.

Meri spähte zu Paislee herüber. „Siehst du, was ich meine?“

„Er ist nur sauer wegen des Schafehütens.“ Krissie zuckte die Schultern. „Er wird drüber hinwegkommen. Wie viele zusätzliche Anmeldungen haben wir dadurch erhalten?“

Meri presste die Lippen zusammen. „Das werden wir im Laufe des Tages wissen. So oder so wird sich Dienstagabend alles entscheiden.“ Sie sah unsicher in die Runde: Paislee, Lydia, Donnie, Dyana und Krissie. „War es falsch von mir, dass ich unser Angebot attraktiver machen möchte?“

„Nein“, sagte Dyana überzeugt. Sie nahm einen Schluck von ihrem Gemüsedrink aus einem Glas. „Die allermeisten lieben Hunde und Kinder.“

Zustimmung ertönte um den Tisch herum.

„Bitte bedient euch an den Karaffen mit Gemüsesaft. Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr die Biokräuter meinem Energielevel geholfen haben.“ Dyana zeigte auf die Glaskannen auf dem Tresen, die etwas enthielten, das wie Schlamm aussah.

Ein paar vereinzelte höfliche Stimmen behaupteten, ihn später zu probieren, aber niemand erhob sich.

„Oh!“, sagte Meri. „Paislee, haben wir jemanden, der bei den Kindern mithilft?“

„Ich dachte, ich würde Blaise oder Mary Beth fragen“, sagte Paislee. Meri kannte sie von ihrer Strickgruppe am Donnerstag bei Cashmere Crush.

„Gut.“ Meri rieb sich die Hände. „Ich werde mir keine Gedanken mehr darüber machen. Ich schließe mich einmal mit Drake zusammen, ob wir noch gut in der Zeit liegen. Um elf Uhr fängt Lord Cawdors Rede an. Ich finde es toll, wie sehr er sich um Nairn kümmert. Kommst du?“

„Noch nicht. Ich warte auf Brody, der um neun hier sein sollte“, sagte Paislee. Lydia hakte sich bei Paislee unter.

„Ich komme mit, Meri!“ Dyana nahm sich ihr Glas.

„Ich auch“, sagte Krissie. Donnie ging als Letzter, wobei er sich ein Teilchen aus dem geplünderten Karton nahm, reinbiss und sich anzüglich den Zucker von den Lippen leckte.

Lydia wand sich, als Donnie aus dem Raum stolzierte, viel zu überzeugt von sich selbst. Seine Selbstverliebtheit machte all seine Attraktivität zunichte.

Sandi kam zurück, um zwei weitere T-Shirtkisten zu holen. „Es gibt nichts Besseres als die Energie am Tag der Spiele. Denkt nur mal drüber nach, wie es vor hunderten von Jahren gewesen sein muss, als das Clanoberhaupt seine besten Krieger ausgewählt hat? Ich hätte auch gewinnen wollen. Meinen Platz in einem Schildwall einnehmen.“

„Ich kann mir gut die hübschen Männer mit nacktem Oberkörper und Kilts vorstellen“, gab Lydia zu, „aber ich würde lieber in Sicherheit im Zelt die Strategie entwerfen, als mich in die Gefahr aufs Feld zu stürzen.“

Sandi trug lachend die Kisten näher an den Tisch und senkte die Stimme: „Guter Punkt. Hey, ich habe gehört, wie Lachlan und Dyana sich gegen Meri zusammengetan haben. Lachlan wird mit Dyana zusammenarbeiten, unter der Bedingung, dass sie gegen Meri stimmt, wenn über die Preisstruktur abgestimmt wird.“

„Das ist nicht fair“, sagte Paislee. „Wir müssen Meri davon erzählen und sie warnen.“

„Ich hatte gehofft, dass du das tust“, sagte Sandi. „Du kennst Meri besser als ich.“

„Was hat Lachlan davon?“, fragte Lydia.

„Lachlan will nächstes Jahr zur Wahl des Vorstandsvorsitzenden antreten und Meri aus dem Amt drängen.“ Sandi lagerte die schweren Kisten in ihren Armen um, ohne eine Miene zu verziehen. „Er ist sauer über den Hütehund-Wettkampf – wahrscheinlich, weil es ihm nicht selbst eingefallen ist. Jedenfalls, wenn Meri dazu bereit war, warum dann nicht die Gebühren umstrukturieren? Er glaubt, sie blockt ihn nur ab, um ihre Macht zu demonstrieren.“

„So ist Meri doch gar nicht!“, sagte Paislee.

„Ich weiß“, stimmte Sandi zu. „Ich finde es toll, dass wir die letzten Spiele in den Highlands sind, die kostenfreie Sitzplätze außerhalb des Turnierplatzes anbieten. Lachlan glaubt, dass er eine große Nummer ist, und vielleicht war er das zu seiner Glanzzeit auch einmal, aber jetzt ist er wie ich, mit ein paar Pfunden mehr auf den Hüften. Schwer zu glauben, dass wir mal Meister waren.“

„In welcher Disziplin?“, fragte Lydia.

Sandi stellte die Kisten auf den Boden, richtete sich auf und spannte den Bizeps an. Bei ihren rundlichen Armen war der Effekt nicht ganz so dramatisch. „Alle Heavy Events der Frauen, aber besonders gut war ich im Hammerwurf.“ Sie errötete. „Nicht gut genug, um Profi zu werden. Es gab keine Agenten, die sich nach Talenten umgesehen haben und mich unter Vertrag hätten nehmen können. Lachlan, bei seinem ganzen Getöse, hatte auch nicht das Zeug dazu. Wir haben die erste Geige in einem kleinen Orchester gespielt.“ Die Kraftsportlerin lachte selbstironisch, als sie ihren runden Bauch tätschelte.

„Mir gefällt, dass es ein Amateurwettbewerb ist. Ich glaube, so war es eher in der Vergangenheit, wenn man sich dem Clanoberhaupt beweisen musste.“ Lydia nahm einen Schluck Wasser aus ihrem Metallbecher. Niemand hatte Dyanas Angebot angenommen, ihren Biosaft zu probieren

„Ja! Genau. Meri hat gesagt, dass sie euch von dem Hinweis erzählt hat, dass manche der Spieler Doping betreiben könnten.“ Sandi legte die Hand aufs Herz. „Betrug ist eine ehrlose Angelegenheit. Das macht mich stinksauer. Auch wenn man es jetzt nicht mehr vermuten würde, bestand mein Körper mal aus puren Muskeln. Irgendwo habe ich noch Fotos.“

„Die will ich sehen!“ Lydia schaute zu Paislee, die keine Zeit gehabt hatte, ihr von dem Gerücht zu erzählen, und dann zu Sandi. „Du kannst stolz auf dich sein.“

„Ich zeige sie dir später“, sagte Sandi. „Doping macht die ganze harte Arbeit wertlos. Warum sollte man anderen das verbauen, indem man Zweifel sät?“

„Kann man die Sportler nicht testen?“, fragte Lydia.

„Doch. Die Kits sind teuer, und wir haben das Recht dazu, sie zu testen, aber wir haben nicht genug für alle Teilnehmer.“ Sandi zuckte die Schultern. „Ich könnte welche vom Krankenhaus holen, in dem ich arbeite. Ich weiß ja, wen ich mir aussuchen würde, aber er tritt heute nicht an.“

„Wen?“, fragte Paislee.

Sandi tippte sich an die Schläfe. Sie hatte sich ihre große pinke Sonnenbrille wie ein Stirnband auf den Kopf gesetzt. „Ich möchte es lieber für mich behalten, aber glaubt mir, Ladys, ich werde genau hinschauen.“

„Mir war nie bewusst, wie viel hinter den Kulissen für so einen einzigen großen Tag vor sich geht“, sagte Paislee.

„Nicht wahr?“ Sandi hob die Kisten hoch. „Wir sehen uns draußen.“

„Okay.“ Paislee stand auf, und Lydia tat es ihr nach.

„Das war interessant.“ Lydia wackelte mit den Augenbrauen. Sie liebte Klatsch und Tratsch. „Wen meint Sandi?“

„Ich weiß es nicht. Wir werden sie beobachten müssen, wenn sie die Menge unter die Lupe nimmt.“ Paislee nahm ihr Klemmbrett mit der Wettbewerbsliste und der Karte in die Hand und nahm sich noch ein paar dazu. „Willst du eins?“

„Kein Klemmbrett für mich, aber ich nehme einen Tagesplan“, sagte Lydia. „Und den Exklusivbericht über das Doping.“

„Das ist alles, was ich weiß.“ Paislees Handy piepste, als eine Nachricht von Brody ankam. „Brody ist hier – er ist mit Grandpa zum Laden mitgefahren und ist hergelaufen.“ Er lag keinen Kilometer entfernt und wahrscheinlich war es einfacher, als dass Grandpa sich durch den Verkehr kämpfte, um Brody näher am Rathaus abzusetzen.

„Sag ihm vielleicht, dass er zum Smythe-Stand gehen soll, wo Corbin wartet. Ich glaube, Rhona ist auch schon mit ihren Eltern dort.“

Nachdem sie Brody geschrieben hatte, wappnete sich Paislee für die Menschenmenge. Lydia blühte inmitten von Menschen und Chaos auf, während Paislee ihr Chaos in kleinen Dosen bevorzugte.

„Bereit?“, fragte Lydia.

„Bereit!“

Die beiden verließen den Raum, wobei Paislee sich vergewisserte, dass die Tür abgeschlossen war, da sich vertrauliche Informationen in den Aktenschränken befanden, und gingen nach draußen.

Paislee folgte Lydia über den Parkplatz auf den Turnierplatz.

Als Mitarbeiterin musste sie den geringen Eintrittspreis nicht bezahlen, ebenso wenig die Teilnehmer, musste sich aber am Eingang anmelden.

Überdachte Sitzplätze standen nicht zur Verfügung, aber gegen Bezahlung und als Sponsor konnte man ein paar Annehmlichkeiten erwerben. Es gab einen Cawdor-Pavillon, sowie einen für die Jury. Sie kamen an den O’Connors vorbei, als Blaise, ihr Mann, Shep, und ihre Tochter, Suzannah, gerade Tische und Stühle unter einem Pavillon aufstellten, den der Golfplatz zur Verfügung stellte, wo Shep als Profi und fast schon als Berühmtheit arbeitete.

„Hey zusammen!“, sagte Paislee. Suzannah und Blaise trugen aufeinander abgestimmte Kleider, und Shep hatte einen Kilt im O’Connor-Tartan an: grün, schwarz und blau mit weißen Streifen.

„Hi!“ Blaise umarmte sie zur Begrüßung. Ihre rötlich-braunen Haare fielen offen auf ihre Schultern herab, und ihre bernsteinfarbenen Augen glitzerten vor Freude.

„Suz, du siehst bezaubernd aus“, sagte Paislee. Blaises Tochter war ihre Miniaturausgabe, auch wenn sie Sheps blonde Strähnen im Haar hatte und es in zwei Flechtzöpfen mit geringelten Schleifen trug.

„Danke, Paislee.“ Suzannah, neun Jahre alt, grinste sie mit großen weißen Zähnen an, in die sie noch reinwachsen musste. „Warum bist du nicht hübsch angezogen?“

„Suz!“, rief Shep entsetzt aus, der die Worte seiner Tochter mitbekommen hatte.

„Kindermund tut Wahrheit kund.“ Paislee war nicht im Geringsten beleidigt. „Ich arbeite, Suz, also wollte ich meine hübschen Sachen nicht dreckig machen und habe mich für Jeans entschieden. Ich trage die Shaw-Farben in meinem Stirnband.“ Sie tätschelte die Schleife, die an ihrem Schlüsselband steckte und auch zu Brodys Kilt passte. „Blaise, ich muss dich um einen Gefallen bitten – könntest du uns bitte beim Kinderwettlauf aushelfen?“

„Stimmt!“, sagte Lydia. „Die letzte Aufgabe auf Meris Liste.“

„Ich denke, ja“, sagte Blaise, die sich immer gern beteiligte. „Was wären meine Aufgaben?“

„Dafür zu sorgen, dass der Wettlauf pünktlich anfängt, und dann die Teilnahmeschleifen zu verteilen.“ Paislee lächelte Suzannah an. „Tatsächlich wäre es wunderbar, wenn du ein Helferlein hättest, so wie Suz.“

Suzannah sprang auf und ab. „Ich will mitmachen!“

„Ich schätze, wir sind dabei“, sagte Blaise. „Um wieviel Uhr?“

Paislee sah auf den Zeitplan, den sie auf ihrem Klemmbrett mit sich führte. „Er fängt um zwölf an. Ich liebe die Kinderwettläufe. Die Kleinen sind so süß mit ihren Pausbäckchen.“

„Was muss ich tun?“, fragte Blaise.

„Ich werde dir Sandi vorstellen. Sie ist für die Freiwilligen verantwortlich und kann dir genaue Anweisungen geben.“

„Ich will mit dir mitkommen!“ Suz umschloss Lydias Hand. „Ich mag dein Kleid, Lydia.“

„Danke, Süße. Dein Outfit ist auch sehr hübsch.“

Die Frauen machten sich auf die Suche nach Sandi und gingen auf den Mitarbeitertisch neben der Sanitätsstation zu. Zu dieser frühen Uhrzeit war noch niemand da.

Zu Paislees Überraschung schubste Sandi gerade einen muskulösen Mann rückwärts, der nur etwas größer als sie war. „Ich weiß, was du verdammt noch mal vorhast, und ich werde das nicht dulden, Joseph, hast du mich verstanden? Hast du?“

„Du bist irre“, erwiderte der Mann, den sie Joseph genannt hatte, und trat auf Sandi zu.

Die Kraftsportlerin schubste ihn erneut und erregte die Aufmerksamkeit einiger Besucher, die sich um sie scharten.

Blaise sah Paislee alarmiert an. Lydia schaltete schnell und trat mit Suz zur Seite, um dem kleinen Mädchen ein Foto auf ihrem Handy zu zeigen. „Findest du rosa Blumen oder lila Blumen schöner?“

Paislee trat auf Sandi zu, aber Drake McNichols, dessen breite Schultern und tiefe Stimme Autorität ausstrahlten, ging dazwischen. „Sandi.“ Paislee blieb überrascht stehen, als der Koordinator aus dem Juryzelt neben dem Eingang kam und um den Erste-Hilfe-Tisch herum auf die Schwerathletin und Joseph zulief. „Auf ein Wort, jetzt?“

Sandis rosige Wangen wurden bleich, als sie bemerkte, dass sie Zuschauer hatte. Joseph bürstete sich übertrieben die Brust ab. Er war stämmig gebaut, mit kurz geschorenen braunen Haaren und wütendem Blick. „Pass bloß auf, Sandi.“ Er stolzierte davon.

„Alles okay, Sandi?“, fragte Paislee.

Der Koordinator wandte sich zu Paislee und Blaise um. Drake nickte Paislee und Lydia leicht zu, die er vom Komitee erkannte. „Ladys!“

Paislee hatte Sorge, dass Sandi in Schwierigkeiten stecken könnte, und griff eilig ein. „Ich wollte mit Sandi sprechen. Sandi, das ist Blaise O’Connor, sie kann dir bei dem Kinderwettlauf helfen.“

Der Koordinator erkannte, dass sein Gespräch (seine Verwarnung?) warten musste, und zog sich wieder ins Juryzelt zurück.

„Danke, Paislee. Entschuldigt – das war Joseph Whittle.“ Sandi nahm die pinke Sonnenbrille vom Kopf und setzte sie auf, um ihre feuchten Augen zu verbergen.

„Verwandt mit Artie Whittle?“, fragte Paislee. Artie war größer und blond.

„Du kennst ihn?“, fragte Sandi.

Lydia kam wieder mit Suz zurück, jetzt wo die Auseinandersetzung vorbei war. „Er ist mit einer Smythe-Cousine zusammen, Rhona.“

„Ich kenne Rhona – sie tanzt heute den Highland Fling.“ Sandi sammelte sich und stieß zur Beruhigung den Atem aus. „Danke für eure Hilfe.“ Sie lächelte Suz an, die nicht mitbekommen hatte, dass etwas nicht stimmte. „Hey, du hübsches Mädchen. Tanzt du heute auch?“

„Nee, ich helfe Mum dabei, auf die Kinder aufzupassen.“

Paislees Handy piepste. Brody war mit Corbin am Smythe-Zelt. Sie sah auf und sagte: „Wäre es in Ordnung, wenn wir zum Smythe-Pavillon gehen?“

Blaise, Suz und Sandi nickten.

Blaise sagte zu Sandi: „Suz hat noch nicht mit dem Tanzen angefangen, aber sie darf, wenn sie möchte.“

„Juhu!“ Suzannah klatschte in die Hände und wippte auf den Zehen.

„Noch ein Kind, was in Spitzenschuhe und Strumpfhosen gesteckt wird“, meinte Lydia zu Paislee, während sie losgingen.

Paislee und Lydia hatten beide in ihrer Grundschulzeit verschiedene Tanzkurse besucht, aber keiner von ihnen hatte es genug gefallen, um es wie Rhona und ihre beste Freundin Aibreann weiterzuverfolgen.

Als sie den Stand erreichten, reichte Corbin Brody gerade eine Dose Irn-Bru. „Hallo!“, sagte Paislee zu den Leuten, die auf Stühlen saßen oder an den Tischen mit Snacks standen. Sie sah weder Rhona noch ihre Eltern. „Wie läuft’s, mein Sohn?“

„Schrecklich. Mir tun die Knochen weh.“ Es war jetzt zehn Uhr, und Brody musste erst um eins antreten. Der Umzug würde bald wieder da sein, und Lord Cawdor, zusammen mit Drake und Simon, würde die Spiele um elf offiziell beginnen lassen.

Paislees Blick fiel auf die Länge des Kilts, den sie für Brody gemacht hatte, da er aus dem vom letzten Jahr rausgewachsen war – dieser passte ihm perfekt. Er trug ein dunkelblaues Nairn Highland Games T-Shirt. „Deine Tante Lydia ist praktisch über Nacht in die Höhe geschossen, weißt du noch, Lyd?“

„Ja, das weiß ich noch.“ Lydia stand neben Brody, der jetzt auch größer als sie war. „Das war eine Quälerei.“

„Wirklich?“ Brody musterte Lydia in einem ganz anderen Licht – sie war eins zweiundsiebzig, während Paislee eins zweiundsechzig war.

„Deine Mum hat dir Bäder mit Bittersalz gemacht, damit du dich besser fühlst“, sagte Paislee.

„Es hat funktioniert“, sagte Lydia. „Wenn auch nur kurzfristig. Nach einer Stunde haben meine Knochen wieder angefangen wehzutun. Ich habe mir oft gewünscht, dass wir einen Whirlpool hätten.“

„Ich simuliere nicht“, sagte Brody und schaute zu Paislee.

„Das habe ich auch nie behauptet!“, rief Paislee aus.

„Ich verstehe dich komplett“, sagte Lydia.

„Ich glaube dir, Brody!“, sagte Paislee. „Ich will dir helfen.“

„Dann zwing mich nicht, heute zu laufen! Ich weiß, dass du denkst, dass ich das sollte, aber ich will nicht“, sagte Brody. „Wenn ich beim Sprint hinfalle, blamiere ich mich vor meinem Trainer. Dann will er mich nicht im Team haben.“

„Darüber habe ich auch nachgedacht.“ Paislee hielt seinen Blick fest. „Ich vertraue dir, dass du das tust, was für dich und deinen Körper das Richtige ist.“

Brodys Miene hellte sich auf, da er einen Streit erwartet hatte. „Wirklich?“

„Ja.“ Wie kamen sie aus der Nummer jetzt wieder raus? Sie nickte Lydia unmerklich zu. „Ich werde Artie und Rhona suchen, und ihn nach seinem Dad, Joseph, fragen. Vielleicht seine Version der Geschichte hören, was mit Sandi passiert ist. Ihr könnt euch hier eine Weile aufhalten, ich bin gleich zurück.“

Sie hoffte, dass ihre beste Freundin die Botschaft in dem Blick entschlüsseln würde, den sie ihr zuwarf. Eine kleine Notlüge, nur dieses eine Mal. Brody nörgelte selten, und er hatte gute Gründe, um abzusagen – er konnte seinen Beinen und Füßen nicht trauen. Die Pubertät war ein berechtigter Grund, der nicht auf einen Wertungsbogen passte. Oh, das Drama, wenn man dreizehn war.

„Artie und Rhona sind losgegangen, um den Umzug in Empfang zu nehmen“, sagte Corbin. Lydias Mann hatte die gleichen ebenholzfarbenen Haare und dunkelbraunen Augen wie der Rest des Smythe-Clans und trug ebenfalls einen Kilt mit einem engen schwarzen T-Shirt. Er war so hübsch wie er freundlich war, und er liebte Lydia von ganzem Herzen. Nach einer schrecklichen Verwechslung hatte sich das Paar entschieden, ihre Nachnamen zusammenzuführen: Lydia und Corbin Barron-Smythe.

Paislee verließ den Pavillon und lief zum Feld, wo der Umzug ankommen würde, wobei sie nach Rhonas dunklem Haar und Arties großer, dünner Figur mit dem dichten blonden Haar Ausschau hielt. Bevor sie sie finden konnte, hörte sie, wie zwei junge Stimmen ihren Namen riefen – die Mulholland-Zwillinge!

Sie drehte sich um und grinste. Sie könnten nicht niedlicher sein. Sie trugen beide Flechtzöpfe und Kostüme, Ionas (die etwas größer war) in Lila und Annas in Pink. Sie sprühten vor Aufregung. Sie waren jetzt zehn, bald elf Jahre alt. Mary Beth und Arran standen hinter ihren Töchtern.

„Paislee“, sagte Arran. „Sie haben sich so darauf gefreut, heute zu tanzen, dass sie viel zu früh wach waren.“

„Was hieß, dass wir ebenso viel zu früh wach waren“, sagte Mary Beth. Ihre Augen funkelten verschmitzt, in genau dem gleichen Kornblumenblau wie das ihrer Töchter.

„Um wieviel Uhr tretet ihr auf?“, fragte Paislee.

„Um zwei. Guckst du uns zu?“, fragte Anna.

„Na klar – ich werde euch anfeuern!“

„Juhu!“

„Warum seid ihr nicht beim Umzug mitgelaufen?“, fragte Paislee.

„Daddy wollte nicht“, sagte Anna. „Er hat gesagt, dass wir später eine extra Runde Karussell fahren dürfen, wenn wir ihn nicht zwingen.“

Mary Beth kicherte. „Erwischt, Arran.“ Sie betrachtete ihren Mann voller Liebe. Paislee konnte nachvollziehen, dass man als Eltern für gutes Benehmen Kompromisse schloss und Belohnungen versprach. Scheinbar durften die Mädchen später mehr Spaß haben, solange Arran nicht beim Umzug mitlaufen musste.

Der dröhnende Klang der Fahrgeschäfte vermischte sich mit den Trommeln und Dudelsäcken, als der Umzug zum Feld zurückkehrte.

Es war jetzt zehn Minuten vor elf.

„Habt ihr Rhona und Artie gesehen?“, fragte Paislee.

„Ja, am Eingang“, sagte Mary Beth. „Sie hat den Mädchen Hals- und Beinbruch gewünscht, und wir mussten ihnen erklären, dass es viel Gück bedeuten soll und Rhona es nicht böse meinte. Sie treten zum ersten Mal an.“

„Ihr Auftritt ist um halb zwölf“, sagte Paislee. „An der Strandbühne.“ Sie zeigte auf den Moray Firth.

„Wie viele Bühnen gibt es?“, fragte Arran.

Paislee zog einen Tagesplan aus ihrem Klemmbrett und gab ihn ihnen. „Bitte. Wir haben zwei Bühnen und die Heavy Events finden auf dem Feld statt. Die Zeiten stehen hier – Lord Cawdor hält seine Rede um elf, am Musikpavillon.“

„Wir kommen wieder, aber wir haben den Mädchen eine Limonade versprochen“, sagte Mary Beth. „Bis gleich!“

Paislee eilte zum Eingang, während sie die Leute mit einem freundlichen Lächeln willkommen hieß und dankbar für das Klemmbrett war, das ihr eine gewisse Wichtigkeit verlieh, während sie an den Leuten in Kostümen vorbeischritt, die auf Lord Cawdors Eröffnungsrede warteten.

Neil Masterson, Tambourmajor, war mit seinen Umzugsteilnehmern angekommen, und alle waren bester Laune.

Rhona und Artie standen bei Joseph und einer Frau, die Paislee nicht kannte, aber von Bildern als Arties Mutter erkannte, Gemma Whittle. Ein bildhübscher Mann von etwa fünfunddreißig Jahren stand bei ihnen und unterhielt sich ernst mit dem jungen Paar.

Sie würde sie nicht stören.

„Paislee!“ Als sie sich bei dem verzweifelten Ruf ihres Namens umdrehte, sah sie Freya vor sich.

„Hi! Was ist los?“

„Jerry hat sich beim Umzug den Rücken verrenkt, diese Great Highland Bagpipes sind wirklich nicht einfach zum Marschieren. Ich habe Angst, dass er ins Krankenhaus muss, aber er weigert sich.“ Freyas Augen waren voller Sorge.

„Viel Glück dabei“, sagte Paislee. „Der schottische Stolz erlaubt nicht mehr als ein oder zwei Schlucke Whisky, um die Schmerzen zu übertünchen“, fügte sie halb im Scherz hinzu.

„Davon wird es mehr als genug geben, da bin ich sicher“, sagte Freya. „Ich habe angeboten, ihn zu fahren, aber er will nicht. Wir haben uns gestritten. Ich hasse es, ihn zu verärgern.“ Sie blinzelte sich Tränen aus den Augen. „Ich schätze, ich hatte gehofft, dass du ihn umstimmen würdest, aber vielleicht habe ich mir doch zu viele Sorgen gemacht.“

Das war süß, dachte Paislee. Für beide war es ihre erste große Liebe, was bewies, dass Amor in jedem Alter zuschlagen konnte. „Wir haben eine Erste-Hilfe-Station hier“, schlug Paislee vor. „Vielleicht können sie euch beraten?“

„Paislee, Freya.“ Jerry kam auf sie zu, die Lippen unter seinem dichten Schnurrbart grimmig zusammengepresst, als er bei jedem Schritt zusammenzuckte. „Ich habe den Dudelsack in den Wagen geladen.“

„Gut!“ Freya musterte ihn. „Krankenhaus?“

„Es ist nur eine Zerrung. Whisky“, erwiderte Jerry.

Freya streckte die Hand aus. „Schlüssel.“

Sie starrten einander an, bevor Jerry sie schließlich überreichte und sagte: „Wir haben noch Zeit. Der Hütehund-Wettbewerb fängt erst um halb eins an.“

„Ich habe ein paar der Hunde kennengelernt, und sie sind großartig“, sagte Freya. „Nur ein Teilnehmer hat sich noch nicht angemeldet, aber ich habe die anderen vier Trainer getroffen. Sie freuen sich riesig, mit den Hunden zu trainieren, und haben sich nicht über die Teilnahmegebühren beschwert.“

„Das sind großartige Infos. Danke nochmal, dass du uns hilfst“, sagte Paislee.

„Ist sie nicht toll?“, fragte Jerry.

„Das ist sie!“

Das Pärchen hakte sich unter und schlenderte zum Whiskyzelt. Es würde erst nach Lord Cawdors Rede öffnen, die jetzt gerade stattfand. Sie hasste es, zu spät zu kommen!