Leseprobe Mörderisch entspannt

Die Haut und die Jahreszeiten

„Yessas! Wie schau ich denn aus?“ Ilse von Karburg, noch etwas verschlafen und entsprechend leicht zerknautscht, betrachtete sich geradezu erschrocken im Spiegel des heimischen Badezimmers. Mit sorgenvoll gerunzelter Stirn zog sie vorsichtig an der Haut ihrer Wangen. „Spinnst! Des war aber schon einmal viel besser.“

Seufzend legte sie den Kopf schief und musterte erneut ihr Konterfei im dezent beschlagenen Spiegel. „Ja, altes Haus, das mag schon besser gewesen sein … vor dreißig Jahren.“ Sie tätschelte ihrem Spiegelbild tröstend die feuchte Wange, was dem Spiegel einen leichten Cremeschatten verpasste. Dann griff sie nach einem trockenen Handtuch in elegantem Pink und beseitigte die Spuren ihrer geistigen Entgleisung.

Nachdenklicher als an anderen Tagen schlüpfte sie in ihre schicken neuen Dessous, in die enge Designerjeans und in eine rose-weiß gestreifte Bluse. Prüfend begutachtete Ilse das Ergebnis und war einigermaßen zufrieden. „Passt!“

Die Uhr in der Küche zeigte gerade einmal halb acht. Draußen war es noch dämmrig, da sich der Himmel hinter grauen Wolken versteckte. Immerhin war von dem fröhlichen Kerl im Radio behauptet worden, dass sich das Wetter zum Mittag hin verbessern sollte. Das allein beruhigte die Lady bereits. Bis jetzt war es ein wunderschöner Spätsommer, noch keine Spur von Herbst. Ein Umstand, der sie aus diversen Gründen beruhigte. Nicht nur, da sie dunkles, regnerisches Wetter verabscheute. Nein, vor allem wegen ihres Neffen Phillip, der noch mit seiner neuen Flamme Manuela in den Alpen, Richtung Italien, herumradelte. Der brauchte schönes, trockenes Wetter.

Ilse musste unweigerlich grinsen. Herumradeln … Er hätte ihr wahrscheinlich einiges erzählt. Phillip fuhr in halsbrecherischer Geschwindigkeit mit seinem Hightech-Mountainbike über irgendwelche Pässe, die andere mühsam zu Fuß erklommen. Aber er war eben anders als andere Kinder. Was ihr gehörigen Respekt abnötigte, war der Umstand, dass Manuela offenbar dabei mithalten konnte. Die junge Kommissarin steckte voller Überraschungen. Das „Mädel“ wurde ihr immer sympathischer.

Ilse drückte an ihrer Kaffeemaschine auf den Knopf für „Latte macchiato“ und beobachtete voller Vorfreude das fauchend-dampfende Schauspiel. Sie angelte sich ein Vollkornbrötchen aus dem Brotkasten, dazu gab es Butter und die herrliche selbstgemachte Marillenmarmelade. Ihr Blick wanderte ein wenig traurig durch die leere Küche. Es war schön gewesen, Phillip hier zu beherbergen. In den letzten Tagen vor seiner Abreise war auch Manuela öfter mitgekommen und sie musste sich eingestehen, dass es schön war, die zwei jungen Leute hier zu haben. Nachdem Manuela sie während der Ermittlungen im Todesfall ihres Clubchefs eher auf dem Kieker gehabt hatte, da sie sich, sagen wir einmal vorsichtig, dezent immer wieder in die Ermittlungen einbrachte, war daraus eine angenehme Bekanntschaft geworden. Als Ilse damals im Krankenhaus zu sich gekommen war, war Manuela da gewesen. Sie hatte sich mit sehr besorgtem Blick über ihr Bett gebeugt und, als sich ihre Blicke dann trafen, war da mit einem Mal so etwas wie ein stilles Übereinkommen gewesen. Seit jenem Tag hatte Manuela einen festen Platz in Ilses Herz. Einmal drin, für immer drin! Insbesondere, da Phillip sie sichtlich liebgewonnen hatte.

„Liebgewonnen, mei, Ilse. Denk doch a bissl moderner. Echt wahr.“ Genervt biss sie in ihr knuspriges Frühstücksbrötchen. Von Lachsbrötchen mit Limettenschaum hatte sie, aus nachvollziehbaren Gründen, erst einmal genug.

Highway to Hell … Es dauerte etwas, ehe ihr bewusstwurde, dass das ihr Telefon war. Phillip, der verrückte Spaßvogel, hatte ihr den neuen Klingelton eingestellt. Damit du dich daran erinnerst, dass man ab und an auf sich aufpassen sollte, Tantchen. Sehr witzig! Nun erklang immer und überall der Welthit der Australier und sie wusste nicht, wie sie ihn wieder auf Satisfaction von den Stones ändern konnte. In ihrem biblischen Alter fand sie diesen Klingelton nicht so amüsant, wie Phillip sich das wahrscheinlich gedacht hatte. Sie stellte auf Lautsprecher.

„Ilse, meine liebe Lady. Wie geht es dir?“ Freundin Marga klang noch immer so besorgt wie vor drei Wochen im Krankenhaus. Das sollte sich langsam ändern, schließlich ging es ihr wieder gut … meistens.

„Mir geht’s prima. Ihr macht euch viel zu viele Sorgen. Mich haut so schnell nichts aus den Latschen.“ Ilse warf einen erneuten Blick zur Uhr. „Sag mal, wenn Tilde auch Zeit hat, hättet ihr Lust auf einen schönen Nachmittagstee? So gegen vier Uhr? Vorher muss ich wohl oder übel nochmal in die Klinik zum Bluttest.“

Sie hörte Marga kichern. „Aha, nimmst du dir jetzt den Rat des Mädels zu Herzen und begnügst dich mit Kaffeekränzchen? Eine beruhigende Entwicklung, meine Liebe.“

„Des konnst o‘hakln, mei Madl.“ Ilse schnaubte erbost ins Telefon.

„Äh, wie bitte?“ Marga klang verwirrt.

„Du lernst as a nimma, oda? Ich habe gesagt, das kannst du vergessen. Ich und Kaffeekränzchen, das mach ich mal, wenn ich alt bin.“

„Aaah, ja, dann haben wir ja noch so grob zehn Jahre, bis es so weit ist, nicht wahr? Aber ernsthaft, ich komme sehr gerne und Tilde hat auch Zeit, mit der habe ich schon telefoniert. Eigentlich wollten wir dich einladen, mit zum Tortenparadies zu gehen, aber ich könnt wetten, dass du deinen leckeren Apfelstrudel bäckst, stimmt’s?“

Ilse musste lächeln, als sie den erfreut-erwartungsvollen Unterton in Margas Stimme vernahm. „Ja, könnte durchaus sein, dass ich euch mit meinen Backkünsten erfreue. Dann sehen wir uns um vier Uhr hier bei mir, in Ordnung?“

***

Der charmante Chefarzt, der sie unter seine Fittiche genommen hatte, erwartete sie bereits, als Ilse in der Klinik eintraf.

„Pünktlich wie immer, liebe Frau von Karburg, schön, Sie so wohlauf zu sehen.“ Professor Schreiner drückte ihre Hand und musterte sie eingehend.

Ilse nickte. „Das ist so ein Ding meiner Generation. Wir haben noch Pünktlichkeit gelernt. Nix Handy und so, Sie verstehen? Abgesehen davon muss ich sagen, ich komme sehr gerne zu Ihnen. Ich fühl mich jedes Mal ein bisschen wie in einem Buch von Jane Austen.“

Professor Schreiner lachte auf. „Herrje, komme ich so alt rüber?“

„Unfug! Aber Sie haben so eine gewählte Ausdrucksweise. Ehrlich, den Ausdruck wohlauf, den kenn ich fast nur noch aus Stolz und Vorurteil.“

„Endlich! Wissen Sie, wie lange ich darauf warten musste?“

„Öhm, worauf, wenn ich fragen darf?“ Der Professor brachte sie ein wenig aus dem Konzept.

„Darauf, einmal in meinem Leben mit Mr. Darcy verglichen zu werden. Allein dafür werde ich Sie ewiglich lieben.“

Ilse genoss es, endlich wieder laut und herzlich zu lachen.

„Ihr Blutbild ist heute das einer Zwanzigjährigen, also, einer gesunden Zwanzigjährigen. Ich bin sehr zufrieden mit Ihnen.“ Der Professor legte den Ausdruck aus dem Labor auf seinen Schreibtisch. „Einmal würde ich Sie aber dennoch gerne sehen. Lediglich, um mich zu überzeugen, dass es keine Spätfolgen gibt. Passt es Ihnen in vier Wochen, liebe Frau von Karburg?“

Ilse nickte mit einem erfreuten Lächeln auf den Lippen. „Gerne, wenn Sie bis dahin den John Thornton draufhaben?“

Professor Schreiner wirkte sichtlich amüsiert, als er antwortete. „Elizabeth Gaskell mochte ich schon immer und North & South ist wundervoll.“

Seufzend drückte Ilse seine Hand. „Ich freu mich auf den Termin in vier Wochen, Herr Professor Schreiner. Vielleicht machen wir mal einen Lesekreis auf, mit Whiskey-Verkostung und so was in der Richtung. Richtig edel.“

„Führen Sie mich nicht in Versuchung. Erinnere dich an die Vergangenheit nur dann, wenn die Erinnerung daran Vergnügen bereitet.“ Lächelnd drückte er ihre Hand. „Sie sind ein Unikat, liebe Frau von Karburg.“

„Und Sie zitieren Austen so gut, dass es geradezu erotisch wirkt. Ich gehe jetzt und tue Dinge, die sich einer alten Dame geziemen.“

Sie hörte sein dröhnendes Lachen noch, als sie bereits auf dem Gang in Richtung Lift ging.

***

„Mädels, im Ernst. Als ich heute in der Früh vor dem Spiegel gestanden habe, dachte ich zuerst, ich hätte eine Zombie-Erscheinung.“

Tilde schüttelte entschlossen den Kopf. „So ein Blödsinn. Du warst eine Weile etwas grün um die hübsche Nase, aber inzwischen siehst du wieder aus wie das blühende Leben.“

„Pft! Wie das verblühende Leben, wolltest du wohl sagen. Das träfe es besser. So geht das nicht weiter. So ungern, wie ich es zugebe, aber vor einem gutaussehenden Anwalt zusammenzubrechen, war zwar sehr dramatisch, aber ich könnte mir dann doch einen anderen Verlauf bei einem Treffen mit Dr. Hübner vorstellen.“ Ilse schnitt ein großes Stück von ihrem noch warmen, mit Puderzucker bestäubten Strudel ab und legte es Marga auf den Teller. „Ich hab nachgedacht, meine Süßen. Wie wäre es mit ein bisschen Wellness?“

„Denkst du an den Spa-Bereich im Bayrischen Hof? Das wär mal wieder etwas.“ Tilde signalisierte erstes Interesse.

„Ich dachte an etwas Effektiveres, um bei der Wahrheit zu bleiben. Mein Spiegelbild sieht derzeit nicht nach Spätsommer, sondern eher nach Herbst, Tendenz Spätherbst aus. Das muss sich wieder ändern. So geht’s nun auch nicht.“

„Was genau möchtest du uns sagen, liebste Lady? Wir sind ganz Ohr.“ Marga kaute genussvoll.

„Mädels, so ein bisserl Gesichtsrestaurierung und Ganzkörpersanierung schadet uns sicher nicht.“ Ilse grinste die beiden der Reihe nach frech an. „Ich dachte an ein oder zwei Wöchelchen in einem schönen Wellnesshotel. Nicht zu weit weg, aber trotzdem ein Tapetenwechsel.“

„Die Idee gefällt mir. Sie gefällt mir sogar sehr gut. Ich wollte schon lange mal wieder ein paar Aromamassagen haben. Marcus und Klaus, die einzigen, von denen ich hier massiert werde, wehren sich leider vehement dagegen. Sie behaupten, das würde so glitschen.“ Tilde schob sich ein weiteres Stück des Gebäcks in den Mund. „Außerdem muss ich die ganzen Kalorien wieder abtrainieren.“

Ilse schüttelte mit todernster Miene den Kopf. „Kalorien? Ich weiß nicht, wovon du sprichst. Mein Strudel besteht aus banalem Blätterteig, einem Hauch Zimtzucker, einem mikroskopisch kleinen Anteil an Marillenmarmelade und sonst nur Äpfeln und einem Händchen voll Rosinen, also Dörrobst.“ Sie setzte die unschuldigste Miene auf, derer sie habhaft werden konnte. „Das ist eigentlich Diätgebäck.“

„Diät? Aha. Aber lassen wir das.“ Tilde warf einen zweifelnden Blick auf den verbleibenden halben Strudel. „Woran hast du denn gedacht? Ich könnte wetten, du hast schon etwas im Blick, so wie ich dich kenne.“

Ilse sprang wie auf Kommando auf und eilte in den Flur. Sie hatte den Prospekt schon vor zwei Tagen ausgedruckt. Strahlend kam sie zurück, setzte sich wieder und hielt den Freundinnen den Ausdruck vom Wellnesshotel „Tölzer Oase“ entgegen.

„Die haben verflixt gute Kritiken. Nur begeisterte Gäste und eine riesige Wellness-Landschaft. Deine Aromamassagen haben sie auch im Angebot, einen großen und schönen Poolbereich und Dampfbad, Aromasauna und so weiter. Mädels, wir werden aussehen wie neugeboren.“

Marga setzte sich ihre Lesebrille auf die Nase und studierte die Informationen eingehend. „Schaut echt gut aus. Nicht billig, aber sehr ansprechend. An welches Angebot dachtest du denn, Ilse?“

Ilse trank einen Schluck ihres köstlichen Tees, beugte sich nach vorn und tippte auf einen eingerahmten Kasten auf dem Prospekt. „Daran, lest es einfach einmal durch.“

Tilde zog den Ausdruck zu sich und las laut vor. „Jungbrunnen-Wochen. Gönnen Sie sich eine Woche Entspannung, Schönheitsbäder, wohltuende Massagen, Yogaeinheiten, Kosmetikbehandlungen und köstliche Leckereien. All dies in der luxuriösen und unvergleichlich angenehmen Atmosphäre der Wellness-Oase Bad Tölz.

Marga legte ihre Kuchengabel beiseite. „Meine Damen, ich denke, wir gönnen uns das. Ich freue mich schon darauf.“

Ilse fixierte mit großen Augen den Bildschirm ihres Laptops. Es war ihr gelungen, den nicht eben einfachen Buchungsvorgang für die „Tölzer Oase“ zu durchlaufen, und sie war nunmehr beim Button Jetzt Buchen angelangt. Eigentlich ein voller Erfolg, allerdings erstaunte sie das, was sie da schwarz auf weiß erblickte, ein klein wenig.

„Meine Damen, wie schaut’s denn derzeit so mit den finanziellen Gegebenheiten aus?“ Sie drehte sich zu Tilde und Marga um, die soeben ihre Teetassen neu befüllten.

Marga lächelte vielsagend. „Wird’s mal wieder etwas teurer?“

Ilse nickte, zog eine entschuldigende Grimasse und zeigte auf den Bildschirm. „A weng!“

„Was genau meinst du mit a weng?“ Tilde nippte mit verzückter Miene an ihrem duftenden Tee.

„Dreitausendfünfhundert Euro pro gepuderte Nase. Ein stolzer Betrag, allerdings ist da alles mit drin. Sogar eine Cleopatra-Beauty-Packung. Außerdem die bereits angesprochenen Aromamassagen, eine Bier-Gesichtsbehandlung und ein Hopfen-Aroma-Dampfbad.“ Ilses Kopf zuckte etwas weiter nach vorn. „Moment, lese ich das richtig? Bier im Gesicht? Also, ich trink des lieber.“

Tilde lachte schallend. „Das ist uns bekannt, meine liebste Lady Ilse. Aber betrachten wir es einmal so: Wir haben uns schon lange nichts mehr richtig Nobles gegönnt. Nachdem wir diesen kniffligen Mordfall gelöst haben, dürfen wir das jetzt wirklich wieder. Also buch es einfach, man lebt nur einmal.“

„Wir? Ah ja.“ Ilse lächelte nachsichtig. „Na gut, dann werde ich das anklicken und unsere Börsen um einige Talerchen erleichtern.“ Sie positionierte den Cursor über Jetzt Buchen und bestätigte ihre Beautywoche.

„Perfekt! Ich freu mich sehr. Das wird lustig und wir werden um zwanzig Jahre jünger heimkehren, wetten?“ Marga schien rundum zufrieden. Sie schielte, sichtlich angetan, auf den restlichen Apfelstrudel. „Liebe Ilse, gönnst du mir noch ein Stückchen davon?“

Ilse setzte eine sehr ernste Miene auf. „Des konst vagessn. Ab heid gibt’s de Rest von gestern. I muas jetz spoarsam sei, sunst konn i mia die Oase nimma leistn.“

„Ilse! Nicht dein Ernst.“

„Nein, natürlich nicht, aber mir war gerade danach.“ Lachend lud sie der Freundin ein großes Stück des Strudels auf deren Teller.

Gourmetrestaurants und alter Käse

Ilse war beeindruckt und offenbar war sie nicht allein. Das Restaurant war in das Licht von zahllosen Kerzen getaucht. An den Wänden verbreiteten gedimmte Leuchter warmes und angenehmes Licht. Sehr dezente Loungemusik erklang von irgendwoher und das Lautstärkelevel war mehr als angenehm. Es roch appetitanregend und prompt begann Ilses Magen zu knurren.

Marga schien es ähnlich zu ergehen. „Ich weiß, ich wiederhole mich, aber das ist wirklich großartig hier. Wenn das Essen dem Ambiente entspricht, dann haben wir alles richtig gemacht.“

Ehe sie zu einer Antwort ansetzen konnte, eilte Brauner persönlich auf die drei zu. „Meine Damen, da sind Sie ja. Ich hoffe, Ihre Zeit in unserer Wellness-Landschaft hat Ihre Erwartungen erfüllt?“

Ilse lächelte huldvoll. „Nicht nur erfüllt, ich glaube, ich spreche für uns alle, wenn ich sage, sie wurden übertroffen. Aber Sauna und Schwimmen machen hungrig. Darum freuen wir uns jetzt auf ein leckeres Essen.“

Brauner verbeugte sich leicht. „Selbstverständlich. Ich habe Ihnen den Tisch am Fenster mit Blick auf den Park reserviert. Im Augenblick ist der zwar wegen der Dunkelheit nicht so großartig, aber morgen früh werden Sie begeistert sein, versprochen. Allerdings habe ich eine kleine Bitte.“ Er bedeutete ihnen, ihm zu folgen. „Mein Restaurantchef hat das Lokal ausgerechnet heute überbucht. Es ist mir ausnehmend unangenehm. Bitte glauben Sie mir, er hat seine Rüge bekommen und das nicht zu knapp. Er hat den Zweiertisch neben Ihnen zweimal belegt. Ein sehr dummes Versehen, das wohl daran liegt, dass er momentan unter familiärem Druck steht.“ Sie kamen an einem großen, wirklich schönen Vierertisch an und Brauner rückte den ersten der Stühle für Ilse zurecht. „Daher würde ich Sie sehr herzlich bitten, Herrn De’Albray heute Abend Asyl an Ihrem Tisch zu gewähren, das wäre sehr freundlich.“

„Aber das ist doch selbstverständlich. Das tun wir sehr gerne, nicht wahr, ihr Lieben?“, antwortete Tilde.

Nanu, seit wann war die denn zur Spontanität in Person mutiert?

„Äh, ja natürlich, das ist kein Problem. Wenn er es mit uns aushält, sollte das gehen.“ Ilse warf Tilde ein anzügliches Grinsen zu, das diese lächelnd erwiderte.

Marga saß bereits und griff nach der in edles Leder gebundenen Speisekarte. „Egal, wer hier außer mir noch sitzt. Aber wenn ich nicht bald etwas Leckeres zu essen bekomme, werde ich ungemütlich und das will, denke ich, niemand, nicht wahr?“

„Ganz gewiss nicht, gnädige Frau.“ Der Hoteldirektor schob eilig noch Tildes Stuhl zurecht. „Ich werde in der Küche Anweisung geben, dass man Ihnen ein kleines Amuse-Gueule serviert, vielleicht kann Sie dies bereits etwas milde stimmen.“

Kurze Zeit später trat ein Kellner mit kleinen schwarzen Tellern an ihren Tisch. „Guten Abend, die Damen, darf ich Ihnen eine kleine Aufmerksamkeit aus der Küche servieren, während Sie auswählen?“

Er durfte. Drei schöne, geschickt aufgeschichtete Türmchen Lachstartar, verfeinert mit Honigmelone und Avocado, dazu hauchdünn geröstetes Roggenbrot.

„Ich mag dieses Restaurant und ich mag den Hotelchef. Allerdings schlägt ab sofort der Koch alle anderen um Längen.“ Marga strahlte regelrecht.

Sie wählten unter viel Gelächter und mit großer Sorgfalt ihre Speisenfolge aus, wobei Tilde, ihrem Versprechen gemäß, das Rinderfilet orderte. „Geben wir der Portwein-Sauce eine faire Chance.“

Als De’Albray durch das Restaurant auf die Drei zukam, fiel Ilse schnell auf, dass sie wohl in den Augen einiger der anwesenden Damen regelrecht privilegiert waren. Der Franzose verfügte offenbar über einen ansehnlichen Fanclub hier im Haus. Sein Auftreten hatte allerdings auch etwas Edles. Der Anzug, den er nun trug, war mit nur leicht glänzendem dunkelgrauem Stoff sehr ansprechend und harmonierte perfekt mit dem blauen Hemd und der blau-grauen Krawatte.

„Bitte vergeben Sie mir, meine Damen. Ich möchte nicht stören, aber der Direktor ließ mich wissen, ich dürfte Ihre Gastfreundschaft am heutigen Abend beanspruchen.“ Er verbeugte sich leicht und sehr elegant.

Ilse stieß zwar die angestrengt gewählte Ausdrucksweise ein wenig negativ auf, aber sie war gewillt, Nachsicht walten zu lassen. Schließlich war er ein „Fremdländer“ und da konnte man schon mal ein Auge zudrücken.

„Nun setzen Sie sich schon, stehen Sie nicht so ungemütlich herum. Sie sind uns willkommen, nicht wahr, meine Lieben?“ Ilse warf einen auffordernden Blick in die Runde.

„Aber gewiss. Wir lernen gerne interessante Menschen kennen.“ Tilde deutete auffordernd auf den noch leeren Stuhl.

Interessant war er durchaus. Marcel De’Albray kam ursprünglich, so erzählte er, aus der Normandie, wo auch heute noch der Hauptsitz der Familie zu finden sei. Da er schon als kleiner Junge die Welt kennenlernen wollte, lernte er Bankwesen, begann bei einer internationalen Großbank, arbeitete sich schnell hoch und war nunmehr seit vielen Jahren in der Aktienabteilung in leitender Position tätig. Ein, wie er erklärte, anspruchsvoller und zeitraubender Job. Nach Jahren in London, Lissabon und Madrid sei er nunmehr seit längerer Zeit bereits in Deutschland. Hier im Hauptsitz der Bank in Frankfurt. Allerdings, so berichtete er mit deutlichem Zögern, fordere ihm diese Position alles ab und beeinträchtige seit einer Weile seine Gesundheit. Dies sei der Grund, warum er derzeit eine kleine Auszeit nähme und sich für vorerst drei Wochen hier in Bad Tölz in die Oase zurückgezogen habe.

Ilse lauschte seinen Worten, wie sie das immer tat, sehr aufmerksam. Seine Erzählung gefiel ihr, daran war nichts auszusetzen und dennoch fühlte sie sich seltsam an. Sie konnte es nicht einmal an etwas Bestimmten festmachen. So ließ sie sich vorrangig ihren sehr guten Saibling in Zitronenbutter-Sauce schmecken, der ihre Erwartungen noch übertraf. Auch der Wein, den der Sommelier empfohlen hatte, war exzellent. Es hätte ihr noch besser geschmeckt, wenn De’Albray sie nicht immer wieder, scheinbar nur, um Konversation zu machen, nach ihren Lebensumständen ausgefragt hätte. Möglich, dass er sich nur höflich unterhalten wollte. Was aber gingen ihn ihre Vergangenheit und der Lebensweg von Franz-Josef an? Sehr überlegt und vorsichtig antwortete sie auf die Fragen des Franzosen. Sie liebte es, über Franz-Josefs nicht eben leichten Weg bis dahin, wo er endlich gelandet war, zu sprechen. Allerdings gelang es ihr, das beträchtliche Vermächtnis ihres verstorbenen Mannes elegant auszuklammern. Ihre finanziellen Verhältnisse gingen niemanden etwas an. Das hatte auch Phillip ihr nach Franz-Josefs Tod mehrmals nachdrücklich eingebläut. „Das Vermögen, das der Onkel dir hinterlassen hat, hat niemanden außerhalb der Familie zu interessieren, klar?“

Sonnenklar! Und darum würde auch der kommunikationsverliebte Franzose in dieser Richtung keine Antworten bekommen.

„Liebe Frau von Karburg, waren Sie schon öfter in diesem schönen Haus oder bevorzugen Sie andere Hotels hier oder in Ihrer ehemaligen Heimat Österreich?“

Sie antwortete spontan. „Das erste Mal. Wir haben gerade einen kniffligen Kriminalfall hinter uns. Der Chef unseres Tennisclubs wurde ermordet. Wie es sich ergab, war ausgerechnet ich es, die im Park über seinen Leichnam gefallen ist. Das ist typisch für mich. Ich zieh sowas an, wissen Sie? Davon müssen wir uns erst einmal erholen.“

Vielleicht schreckte ihn ihre Tendenz zum Chaos ja ein wenig ab?

„Das klingt ja schrecklich und spannend zugleich. Darf ich fragen, wie er zu Tode kam?“

Falsch gedacht.

„Interfamiliäre Verwicklungen. Ein tragischer Fall voller menschlicher Missverständnisse.“

„Man hat gar versucht, Ilse zu vergiften, die Ärmste, da sie dem Übeltäter auf die Schliche zu kommen drohte.“ Marga schüttelte noch immer fassungslos den Kopf. „Wie kann man so was tun?“

De’Albray schien erschrocken. „Frau von Karburg, haben Sie sich etwa in Gefahr begeben? Mutig, aber so etwas kann böse enden.“

„Oh, da machen Sie sich keine Sorge, Phillip passt schon gut auf seine Tante auf.“ Marga nickte nachdrücklich und zuckte dann mit schmerzhaft verzogenem Gesicht zusammen.

Ilse hatte sie unter dem Tisch kräftig auf den Fuß getreten.

„Mein Neffe kam sofort aus Österreich zu mir, um bei mir zu sein. Er ist einer meiner wenigen noch lebenden Verwandten, wissen Sie?“ Einer inneren Eingebung Folge leistend setzte sie hinzu. „Mein Erbe, wissen Sie. Um die Erbtante kümmert man sich dann schon mal etwas umsichtiger.“

Warum sie dem Franzosen Phillips Polizeikarriere verschwieg, wusste sie selbst nicht. Irgendwie schien es ihr eine gute Entscheidung zu sein.

Marga hatte das offenbar auch begriffen, denn sie schwenkte rasch um und wechselte das Thema. „Werden Sie nach der Kur wieder nach Frankfurt gehen?“

De’Albray nickte zögerlich. „Ja, voraussichtlich. Allerdings werde ich, da meine Ehe bereits vor einigen Jahren geschieden wurde und ich seither alleine bin, spätestens Ende November zu meiner Familie in die Normandie reisen und mich auch dort noch etwas erholen.“

Na, da hatte er aber seinen Single-Status elegant einfließen lassen. Ehe Ilse noch weiter nachsinnen konnte, kam er schon wieder auf das vorherige Thema zurück.

„Ihre Familie, sagen Sie, sei sehr klein, liebe Frau von Karburg. Ist das denn nicht traurig?“

Ilse grinste und sie wusste nicht genau, was über sie kam, als sie lächelnd antwortete: „Ach, wissen Sie, mit Gift müsste man einfach vorsichtiger umgehen und Pilze selbst sammeln sollte man ebenfalls unterlassen, wenn die Sehkraft nachlässt.“

Drei fassungslos dreinblickende Augenpaare ruhten nach dieser Aussage auf ihr.

„Hallo! Mit Ironie habt ihr es alle nicht so sehr, was? Das war ein Scherz, lieber Monsieur De’Albray. Aber trösten Sie sich, wenn Sie mich etwas länger kennen, kommen Sie zunehmend besser damit zurecht.“

Ilse widmete sich ihrem himmlischen Dessert und lachte in sich hinein. Das hatte gesessen. Der Herr war sichtlich verwirrt und schien, so hoffte sie, zu verstehen, dass sie nicht an einem Flirt mit ihm interessiert war. Ihr Schokoladenmousse an frischem Himbeersorbet beanspruchte derzeit sowieso ihre ganze Aufmerksamkeit.

Während sie die Köstlichkeit genoss, rekapitulierte sie die vergangene halbe Stunde. De’Albray war gewiss ein freundlicher, eloquenter und sehr höflicher Mann. Allerdings mangelte es ihm an Feingefühl. Fast die Hälfte seiner Fragen drehte sich um ihre Finanzen. Ilse schluckte und schmeckte der vanilligen Süße des letzten herrlichen Bissens nach. Andererseits, konnte es sein, dass sie zu empfindlich, zu misstrauisch war? Schließlich war der Mann im Bankenwesen tätig, also waren Finanzen sein Metier, das, worin er sich auskannte, und ein Thema, bei dem er sich wohlfühlte.

Sie lauschte so unauffällig wie möglich dem aktuellen Verlauf der Konversation. Derzeit war Marga an der Reihe. Die nun wiederum berichtete begeistert von verschiedenen Dachkonstruktionen quer durch Deutschland, wie die unterschiedlichen Regionen auf die Witterung reagieren mussten und vieles mehr. Der Franzose hingegen erzählte sehr interessant von den Gebäuden in der Normandie und dem dortigen Baustil. Er sprach von der Normandie voller Stolz als dem Land der Wikinger und Seefahrer. Davon, dass es ja eigentlich die Normannen waren, die England erobert hätten, und dass die Bauwerke in der Normandie oftmals die in England beeinflusst und ihnen ihren Stempel aufgedrückt hätten. Ilse vernahm zum ersten Mal in ihrem Leben den Ausdruck „normannische Gotik“. Zugegeben, er wusste viele Dinge, die wirklich spannend waren. Was ihr weniger gefiel, war das Dauerlächeln, das dem Guten ins Gesicht getackert zu sein schien. War das ein Grund, ihm zu misstrauen? In Asien hatte sie oft mit Argwohn den immer und überall lächelnden Menschen gegenübergestanden. Dieser Argwohn legte sich erst, nachdem Franz-Josef ihr eine Einführung in die asiatische Kultur hatte angedeihen lassen.

Hier waren sie aber nicht in Asien. Seufzend trank sie einen Schluck des exzellenten Dessertweines, den der freundliche Restaurantchef, der sich inzwischen fünf Mal für sein Missgeschick entschuldigt hatte, großzügig nachschenkte. Tatsächlich schien sie hier weit übers Ziel hinausgeschossen zu haben. Himmel, saß ihr denn die Sache mit dem „entzückenden“ Giftmörder derart in den Knochen? Früher war sie offen für alles und jeden gewesen, Vertrauen in die Menschen war eine Selbstverständlichkeit, was war daraus geworden? Es machte sie traurig, dass es so weit gekommen war. Daran musste sie dringendst arbeiten. So durfte es nicht weitergehen.

Sie konzentrierte sich wieder auf das aktuelle Geschehen am Tisch. Amüsiert beobachtete sie, dass Tilde mit nahezu anbetendem Blick an den Lippen De’Albrays hing. Zugegeben, er war ein ausgesprochen attraktiver Mann. Auch wenn sie ihn sich, notgedrungen, derzeit andauernd als Zweiten von rechts im Spot für den „Superperforator“ im Schuh des Manitu vorstellte. Schmunzelnd leerte sie ihr Weinglas.

Erst als die Aktien eines bestimmten Fonds erneut Gesprächsthema Nummer 1 wurden, reichte es ihr für diesen Abend mit jeglicher Konversation. Ilse stand auf, strich sich ihren schicken roten Rock glatt und blickte auffordernd in die Runde.

„Mädels, wir sollten langsam daran denken, dass wir unseren Schönheitsschlaf brauchen. Außerdem wartet morgen in aller Herrgottsfrüh die Kleopatra-Behandlung auf uns.“

Marga folgte ihrem Beispiel, streckte sich und nickte. „Recht hast du. Ach, Liebes, nur so am Rande. Du weißt schon, dass Kleopatra an Schlangengift gestorben ist?“

Grummelnd raffte sie ihre Handtasche an sich. „Ist mir egal, ich bin immun. Die könnten mir gar nichts mehr. Ich hab das Gegengift noch in den Adern. Das wirkt universell, jawoll!“ Sie bemerkte das breite Lächeln auf dem Gesicht der Freundin zu spät. „Nicht witzig! Kein bisschen!“

„Ach geh, ein klein wenig ja schon. Los, Ladies, lasst uns gehen. Gute Nacht, Herr De’Albray.“

Warum sie sich noch einmal umdrehte, das wusste sie selbst nicht so genau aber sie musste ihn einfach fragen.

„Ach, Monsieur De’Albray, ich bin neugierig. Ich kenne diverse köstliche Käsesorten unter dem Label D’Albray. Mit denen sind Sie nicht zufällig verwandt?“

Der Mann lächelte höflich und wehrte sofort ab. „Nein, das ist eine andere Familie. Mit Käse hatten wir noch nie zu tun.“

Ilse nickte. „Ich war nur neugierig. Gute Nacht, Monsieur.“

***

„Himmel! Kann ich dann bitte endlich schlafen? Dummes Hirn!“ Ilse war not amused. Ihre Gedanken tanzten jetzt, kurz vor Mitternacht, noch immer Salsa in ihrem Kopf. Am Bett lag es nicht. Die Matratze war vom Allerfeinsten und das Bett ausgesprochen bequem und mit angenehmer Bettwäsche überzogen. Nicht das steife, sich kalt anfühlende Zeug, das man von vielen teuren Hotels so gewöhnt war. Zu viel gegessen hatte sie auch nicht. Sehr ärgerlich. Sie rollte sich auf die Seite und knipste die Lampe neben ihrem Bett an. Selbst das Lampenlicht war hier angenehm.

„Ach, Ilse, jetzt reiß dich zam. Keiner will dich vergiften, alles ist wunderschön, Herrschaftszeiten, denk an was Schönes.“

Sie stand auf, ging über den weichen, champagnerfarbigen Teppich zu dem runden Tisch neben dem Fenster und goss sich ein Glas Mineralwasser ein. Ganz langsam schienen ihre Gedanken zur Ruhe zu kommen, warum, verflixt nochmal, witterte ihr dummes Hirn seit Neuestem überall Gefahr? Das musste aufhören und zwar schnell. Sie wusste, was helfen konnte. Eilig griff sie sich ihr Telefon. Sie rief den Chat mit Phillip auf und betrachtete erneut die traumhaften Fotos, die er und Manuela ihr heute geschickt hatten. Ein magisch schöner Sonnenuntergang in den Bergen, dazu zwei Selfies von den Beiden. Sie waren ein schönes Paar, soviel stand schon mal fest. Lächelnd legte sie das Handy zur Seite. Na also, schon besser. Wenn sie jetzt noch mit De’Albray warm werden konnte, sollte einem entspannt-erholsamen Urlaub nichts mehr im Wege stehen.

Ägyptische Königinnen und viele Fragen

„Ilse, wirklich. Du übertreibst es mit deinem Misstrauen. Die Welt ist nicht voller Mörder. Herr De’Albray wollte nur freundlich sein und Konversation betreiben.“ Tilde klang ein wenig verschnupft.

Um diese Zeit, also um sieben Uhr morgens, war der Frühstücksraum des Hotels nur spärlich besucht. Das Buffet jedoch wartete bereits mit jeglichen Leckereien auf, die das Herz begehrte. Ilse betrachtete sehr zufrieden den Teller, der vor ihr stand. Rührei, köstlich knuspriger Bacon, aromatische Kirschtomaten, zwei Scheiben hausgeräucherter Lachs mit frisch geriebenem Meerrettich und duftendes, noch warmes Roggenbrot. Dazu ein Pott Milchkaffee, der so richtig gut war. Außerdem frisch gepresster Orangensaft und auf dem Extrateller hausgemachte Walderdbeer-Marmelade, Butter vom Stück, eine schöne, frische Kaisersemmel und eine Scheibe zarter Butterkäse.

Sie lud sich Rührei auf die Gabel, steckte es sich in den Mund und war entzückt. „Ja, spinnst, is des leiwand!“

„Freut mich, dass es dir schmeckt, trotzdem hat der Mann dir nichts getan und will dir auch ganz gewiss nichts Böses, hörst du?“ Tilde erschien ihr heute sehr nachdrücklich.

Eilig schluckte sie. „Ja, ich weiß es selbst. Ich hab keine Ahnung, was in mich gefahren ist. Aber ich war gestern nicht unhöflich oder so. Ich war einfach ein wenig schweigsam und …“

„Du hast ihn mit deinem schwarzen Humor geängstigt. Du und deine böse Ironie, Ilse, ehrlich.“ Tilde war eindeutig im Team De’Albray.

„So ist sie immer, das weißt du. Und sie meint es nicht böse. Abgesehen davon hat er tatsächlich sehr viel über Geld geredet.“

Aha, Team Ilse bekam Zuwachs. Marga war schon mal nachsichtiger mit ihr.

„Ja, schon gut. Ich hatte beinahe Mitleid mit ihm. Da trifft man einen gutaussehenden, charmanten und höflichen Mann und was passiert? Die beste Freundin erzählt ihm was von giftigen Pilzgerichten, also wirklich.“ Selbst Tilde musste lächeln, während sie das erzählte.

Ilse, die gerade mit Bedacht Meerrettich in ein Scheibchen Lachs einrollte, hielt inne und legte ihre Hand auf Tildes Arm. „Ich werde mich um Besserung bemühen, versprochen.“

„Schon in Ordnung.“ Tilde schob ihren leeren Teller zurück und trank einen Schluck Multivitaminsaft. „Ähm, was ich sagen wollte. Ich mache bei der Kleopatra-Packung nicht mit. Ich habe in Erfahrung gebracht, dass man dazu in eine Art Sarkophag gelegt wird. Das ist nichts für meine Angst vor engen Räumen. Ich denke, ihr versteht das. Ich habe mir später eine Hot-Stone Rückenmassage dafür eintragen lassen.“

Marga schien begeistert. „Oh, wie spannend. Da wird die Kleopatra-Packung zur Abenteuer-Veranstaltung, ich freu mich. Ich mag sowas ja.“

Ilse nickte, während sie genussvoll in ihr Marmeladenbrötchen biss. „Lass uns Abenteuer erleben. Wie gesagt, wenn ich nach der Aktion wie die niedliche Ägypterin aussehe, dann passt das schon.“

***

Oh, wie aufmerksam. Ilse freute sich sehr über das winzige Fläschchen gut gekühlten Cava, welches sie auf ihrem Zimmer vorfand.

Liebe Frau von Karburg, dieses kühle Tröpfchen ist Bestandteil des auf Sie wartenden Kleopatra-Treatments.

Wir freuen uns im Spa-Bereich auf Sie. Susi und Marina.

Na, da freute sie sich aber auch. Sie genoss den edlen Tropfen und schlüpfte aus Jeans und Longsleeve, die sie zum Frühstück getragen hatte.

Unterwäsche und Bademantel, so lauteten die Anweisungen für das Treatment. In den kuschelig weichen Bademantel gehüllt, den extra für ihre Besuche im Spa- und Wellnessbereich zur Verfügung gestellten Korb über dem Arm, die Füße in den weichen, weißen Pantoffeln, strebte Ilse wenige Minuten später erwartungsvoll in Richtung Behandlungsräume.

Sie entdeckte die Beiden erst im allerletzten Augenblick. Sie hatten sich ans äußere Ende der Bar im Wellness-Bereich verzogen. Ilse versteckte sich, einer inneren Eingebung folgend, hinter dem Schild „Smoothie des TagesSellerie-Karotte-Apfel“, das auf dem Tresen aufgebaut war, und betrachtete erstaunt das Bild, welches sich ihr bot.

Da saß ihre Freundin Tilde, die mit schmachtendem Blick den sichtlich beredten Ausführungen ihres Gegenübers lauschte. Dabei zuzelte Tilde hingebungsvoll am Smoothie des Tages. Ihr Begleiter war kein geringerer als Marcel De’Albray. Soviel zu Tildes Klaustrophobie und deren Auswirkungen.

Da Ilse eh kein Wort verstand, machte sie sich schließlich, ziemlich besorgt, auf den Weg zu ihrer Behandlung. Das war schneller gegangen als befürchtet. Mochte sie sich auch dazu entschlossen haben, De’Albray freundlich und weniger misstrauisch zu begegnen, so trug das eben Gesehene nicht gerade dazu bei, sie aufgeschlossen und freundlich zu stimmen.

„Sie müssen Frau von Karburg sein. Ich freu mich, dass ich Sie heute behandeln darf.“

Ilse lächelte die nette junge Frau in ihrer weißen Hose und dem blütenweißen Kittel freundlich an, deren Schild sie als Susi auswies. „Und ich freu mich erst. Bin bereits sehr gespannt, was mich erwartet.“

Susi lächelte zurück. „Sie werden sich fühlen, als wären Sie neugeboren, und Ihre Haut wird um zehn Jahre jünger aussehen. Also wie knapp fünfzig, wenn ich das richtig sehe.“

„Sie bezaubernde kleine Schmeichlerin. Aber vielen Dank, man hört’s ja doch gerne.“

„Bitte ziehen Sie sich komplett aus. Dann werde ich sie zuerst mit einer Milchcreme einreiben. Danach legen Sie sich ganz entspannt auf diese Liege.“ Susi zeigte auf die sehr interessant aussehende Behandlungsliege, auf der schon jetzt dampfende Tücher ausgebreitet lagen. Ein recht monströses Teil, wie Ilse fand, aber bitte. Sie folgte den Anweisungen und Susi cremte sie mit extra angewärmten Händen am ganzen Körper ein. Danach half Susi ihr auf die Liege, die sich als warm und weich entpuppte. Sehr warm.

„Die Tücher sind alle mit Milch, Honig und Rosenöl getränkt. Ich werde Sie nun fest darin einwickeln. Auf ihr Gesicht streiche ich Ihnen eine Milch-Honig-Maske, das tut sehr gut. Die Wärme der Packung öffnet Ihre Poren und so können die Inhaltsstoffe eindringen und ihre Wirkung entfalten.“

Ilse, bereits wie eine ägyptische Mumie verpackt, hob fragend die Augenbrauen. „Öhm, Susi, wie warm wird das denn so ungefähr?“

„Die Liege hat immer so um die 40°C. Das ist die optimale Temperatur, um ein exzellentes Ergebnis zu erzielen.“

Da Susi nun auch noch eine Tuchmaske auf ihrem Gesicht platzierte, konnte sie nur noch leicht gepresst antworten. „Na dann, ich lass mich überraschen.“

Sie war nun offenbar komplett verpackt, denn Susi nickte nach einem prüfenden Blick sichtlich zufrieden. „So, das haben wir. Geht’s Ihnen gut?“

Ilse nickte, wenn auch leicht zaghaft.

„Wunderbar. Dann lass ich Sie jetzt in den Wasserbett-Wärmebereich runter. Genießen Sie Ihre Behandlung.“

Ehe sie richtig realisierte, was das Mädel da eben gesagt hatte, drückte diese einen Knopf und Ilse spürte, wie unter ihr die Liegefläche verschwand und sie samt Packung und Maske in einer Art wabbelndem Wasserbett landete. Aha, der Sarkophag, da hatte Tilde gar nicht so falsch gelegen.

Apropos Tilde.

Sie machte sich tatsächlich so ihre Gedanken. Wieso hatte die Freundin vorhin beim Frühstück keinen Ton verlauten lassen? War sie besorgt, dass sie und Marga es ihr ausreden könnten? Vor allem, wann bitte hatte sie diese Verabredung getroffen? Gestern Abend waren sie gemeinsam auf ihre Zimmer verschwunden und es wäre Ilse nicht entgangen, wenn der Franzose zuvor etwas mit Tilde besprochen hätte. Dubios, sehr dubios. Tilde war noch immer eine sehr schöne Frau. Klaus Berger hatte dafür gesorgt, dass seine Frau nach seinem Tod hervorragend versorgt sein würde. Das Vermögen, das er ihr zurückgelassen hatte, belief sich auf mehrere Millionen. Dank eines vertrauenswürdigen Anlagenberaters bei der Bank, auf den auch Klaus stets vertraut hatte, hatte sich dieses Vermögen sogar noch vergrößert. Tilde war noch niemals vertrauensselig gewesen. Irgendwie wollte ihr das alles gar nicht gefallen.

Der Franzose wusste schließlich genau, wer sie alle waren. Die von Karbach Stiftung und Franz-Josefs Lebensgeschichte waren kein Geheimnis und man fand sie im Internet. Klaus Berger hatte zu den weltweit besten Herzchirurgen gezählt, auch ihn und seine herausragenden Leistungen auf dem Gebiet der Herzchirurgie und die Geschichte seiner Klinik konnte man jederzeit nachlesen. Marga, die schlaue Frau, hatte nach dem Tod ihres Gatten dafür gesorgt, dass alles aus dem Netz verschwand, sofern das möglich war. Sie hatte nur noch ihre Ruhe gewollt … und den sympathischen Italiener, den sie regelmäßig in der Toskana besuchte. Ilse argwöhnte, dass sie eines schönen Tages für immer dortbleiben könnte. Ein Gedanke, der sie sehr traurig stimmte. Andererseits gönnte sie der Freundin das neue Glück von ganzem Herzen. Tildes Ansprüche in Sachen Männer waren stets verflixt hoch. Klaus war ein attraktiver, liebevoller und intelligenter Mann gewesen, der seine Frau angebetet hatte. Der ebenso gutaussehende De’Albray war der erste, dem es offenbar gelungen war, Tildes Interesse zu wecken.

Sacklzement, war das heiß in dieser königlichen Packung! Ilse versuchte, die Schweißtropfen wegzublinzeln, die ihr unter der Tuchmaske in die Augen rannen. Ein vergebliches Unterfangen, darum war es besser, die Augen einfach mal zuzulassen. So fühlte es sich also an, wenn ein Braten im Rohr bei etwa 50°C langsam gegart wurde. Immerhin, sie konnte atmen. Man tendierte in einigen Situationen zu spontaner Bescheidenheit.

Das änderte nichts an ihrer Sorge um Tilde. Was, wenn sie dem Kerl alles Mögliche erzählte, was ihn rein gar nichts anging? Aber was sollte sie tun? Tilde war nun einmal ein paar Jahre über achtzehn und sollte wissen, was sie tat. Alles, was ihr am Herz lag, war, die Freundin zu beschützen, nur wie? Vor allem aber, wovor? Noch stand nicht ansatzweise fest, dass De’Albray ein Schurke war. Im Gegenteil. Er wohnte in einem teuren Hotel, kannte sich in seinem Job sehr gut aus, wusste, wovon er sprach, wenn es um Anlagen ging, und er konnte sehr interessant erzählen, sobald es um seine Heimat ging. Was also konnte sie gegen ihn vorbringen?

Sie versuchte, sich in ihrem Wasserbad ein bisschen zu bewegen. Sinnlos. Es war verflixt heiß inzwischen und das Flüssige da in den Tüchern, das war ganz sicher nicht mehr nur Rosenöl und Milch. Langsam, ganz langsam beschlich sie ein böser Verdacht. Konnte es sein, dass die arme ägyptische Königin nicht an einem giftigen Schlangenbiss, sondern an einer heißen Milchpackung dahingeschieden war? Sie zog diese Möglichkeit mittlerweile in Betracht. Just, als sie gedachte, der Frau mir der hübschen Nase ihr Beileid kundzutun, hob sich die Liegefläche an und Ilse tauchte aus der Packung auf. Nachdem Susi ihr behutsam die Maske vom Gesicht genommen hatte, stellte sie fest, dass sie mit ihren Gedanken zum Braten gar nicht so falsch gelegen hatte. Sie dampfte regelrecht, irgendwie ähnelte sie gerade einem Hefezopf, der soeben auf dem Ofen befreit worden war. Sie dankte allen Göttern, die ihr einfielen, dass sie die Behandlung überlebt hatte.

Susi wickelte sie sorgfältig wieder aus den Tüchern aus. „Fein, Sie haben richtig gut geschwitzt. Ihre Poren sind alle frei und die Pflegeprodukte konnten ihre Wirkung entfalten.“

Was sich bei ihr gerade alles entfaltete, das behielt sie lieber für sich.

Allerdings war die anschließende wohltuende Massage mit kühlem Rosenöl dann durchaus angenehm. Wieder mit der durchgestandenen Beautybehandlung versöhnt, vor allem, da sie ein weiteres Glas Cava erhielt, wickelte sie sich in ihren Bademantel. Susi legte ihr dringend nahe, sich eine halbe Stunde hinzulegen und, wieder auf ihrem Zimmer, befolgte sie diese Anweisung gern. Wellness machte müde.

Eine gute Stunde später erwachte Ilse und fühlte sich, entgegen allen Befürchtungen, tatsächlich wie neugeboren. Ihre Haut strahlte regelrecht und fühlte sich seidenweich an. Ihre Gesichtszüge wirkten entspannt und deutlich faltenfreier. Respekt. Kleopatra wusste eindeutig, wie man sich etwas Gutes tat.

O ja, etwas Gutes gedachte sie auch zu tun und zwar für Tilde. Die durfte das nur niemals erfahren, sonst könnte das richtig Ärger geben.

Ilse schlug die Bettdecke zurück, ging ins Bad, duschte kurz, so wie Susi es ihr erklärt hatte, schlüpfte in ihren bequemen nachtblauen Overall und stylte sich die arg mitgenommene Frisur neu. Sie musterte ihr Handy fragend. Sollte sie oder sollte sie nicht? Wenn sie jetzt, im übertragenen Sinne, die Büchse der Pandora öffnete, verlor sie eventuell eine Freundin. Tat sie es aber nicht und der Franzmann entpuppte sich als Ganove, würde sie es sich selbst niemals verzeihen.

Entschlossen griff sie nach dem Telefon und wählte die ihr wohlbekannte Nummer. Nichts, nicht erreichbar. Da hatte der Bub tatsächlich sein Telefon ausgeschaltet. Ganz schön frech. Andererseits verstand sie ihn. Frisch verliebt, wie er war. Nun war guter Rat teuer. Sie starrte nachdenklich auf das Display. Zugegeben, der Gedanke, der ihr als nächster kam, war gewagt mit Tendenz zu richtig unverschämt. Was aber nutzten ihr die - wahrscheinlich - berechtigten Skrupel, wenn es um Tilde ging? Nichts!

So schickte sie eine winzige Entschuldigung ans Universum und auch gleich eine an Phillip und wählte die Nummer seiner Sondereinheit in Wien.

***

„Das hast du nicht getan, Ilse! Das ist nicht gut.“ Marga war von ihrer gewagten Aktion ein Mü weniger begeistert als erhofft. „Du kannst einen Menschen, den du kaum kennst, nicht von einer Spezialeinheit überprüfen lassen.“

„Kann ich wohl. Ja, schon gut, ich weiß ja selbst, dass das ein bisschen übergriffig ist. Aber der Anblick heute Morgen hat mich wirklich überrumpelt. So ist unsere Tilde doch nicht.“

„Schon richtig. Trotzdem darfst du nicht einfach die Bodentruppen in Bewegung setzen, wenn du nichts als ein unangenehmes Gefühl im Bauch hast. Ach, Lady, das geht nicht. Sowas ist sicher verboten. Was tun sie eigentlich da in Wien?“

Ilse zuckte ratlos die Schultern. „Ich hab mit diesem Andreas, Phillips Vorgesetzten, geredet. Der war sehr lieb und entgegenkommend. Zuerst hat er ein bissel gezögert, aber dann doch angebissen. Ich hab einfach die Wahrheit gesagt, nämlich, dass ich Angst um meine Freundin habe. Erinnerst du dich, als ich diesen Franzosen gestern nach der Käseherstellung und der Familie, die das macht, gefragt habe?“

„Ja, aber er macht eben in Aktien und nicht in Käse.“

„Richtig. Er hat uns doch allen seine Visitenkarte in die Hand gedrückt. Er schreibt sich Marcel De’Albray. Die D’Albrays, die den leckeren Käse herstellen, schreiben sich ohne das e vor dem Apostroph. Darum habe ich Andreas gebeten beide Namen zu durchleuchten. Wenn er nichts findet, dann können wir dem Techtelmechtel der zwei Turteltäubchen beruhigt zusehen.“

„Du bist unverbesserlich, warte, bis Phillip dir auf die Schliche kommt. Der macht dich einen Kopf kürzer.“ Marga schüttelte eindeutig ratlos den Kopf. „Was mach ich nur mit dir?“

Ilse gelang ein zuversichtliches Lächeln. „Vertrau mir einfach. Wenn ich komplett falsch liege, krieche ich bei allen zu Kreuze. Versprochen.“

„Habe ich eine andere Wahl? Im Augenblick allerdings würde ich es gutheißen, wenn wir unser leichtes Mittagessen einnehmen. Mal sehen, ob sie uns, verjüngt, wie wir sind, überhaupt im Speisesaal wiedererkennen.“

Der Hoteldirektor behielt recht. Lag am Morgen noch Nebel über dem schön angelegten Park, so hatten sie jetzt zur Mittagsstunde von ihrem Tisch aus einen herrlichen Blick über die weitläufigen Rasenflächen, die mit blauen und weißen Erika bepflanzten Beete und die schönen Rosenbögen, an denen sich letzte weiße und rote Exemplare der Herbstsonne entgegenreckten.

„Ich muss schon sagen, hier waren so einige Könner am Werk. Das Haus, der Park, der Spa-Bereich, einfach alles!“ Ilse setzte sich und ließ ihren Blick über den Garten schweifen. „Gefällt mir wirklich.“

Marga nickte zustimmend und sah sich gleichzeitig suchend um. „Sag mal, Tilde wollte doch nach ihrer Hot-Stone-Massage auch kommen. Wo steckt sie denn?“

„Weiß ich leider nicht. Vielleicht liegt sie noch unter Lavasteinen verbuddelt.“

„Ilse, also wirklich. Kann es sein, dass du ein geringfügig falsches Bild von dieser Massage-Praktik hast?“ Marga warf ihr einen tadelnden Blick zu.

„Möglich. Ich mag eben eine anständige Thaimassage am liebsten. Da weiß man, was man hat!“

Just in diesem Augenblick eilte Tilde auf den Tisch zu. „Es tut mir leid, dass ich so spät bin. Ich wollte noch rasch aufs Zimmer und mich frisch machen.“ Schnaufend ließ sie sich auf ihren Stuhl fallen.

„Waren die heißen Steine so schweißtreibend, oder was?“ Ilse musterte sie neugierig. Die zart rot gefärbten Wangen kamen ganz sicher nicht vom „Frischmachen“.

Tatsächlich kicherte Tilde leise. „Nein, keineswegs. Aber ich war mit Marcel noch ein paar Schritte im Park spazieren. Es blies ein leichter Wind, da wollte ich mir die Frisur richten, ehe ich zu euch stoße. Ich will euch schließlich keine Schande machen.“

„Marcel? Aha, sind wir schon beim Du?“

Tilde legte sich die Serviette auf den Schoss, nickte dem Kellner auffordernd zu, der ihr ein Glas Prosecco einschenken wollte, bedankte sich und wandte sich an Ilse. „Liebe Ilse, nun sei doch nicht so. Warst du es nicht immer, die uns beiden erklärt hat, dass man allen Menschen eine Chance geben sollte? Keine Vorurteile und somit auch keine Vorverurteilung, darf ich dich an deine eigenen Worte erinnern? Was ist denn nur los mit dir?“

Sie zuckte schuldbewusst zusammen. „Stimmt eigentlich. Ich kann es dir nicht sagen, woran es liegt. Ich hab so ein mieses Bauchgefühl bei dem Mann. Bitte glaub mir, es wäre mir lieber, wenn es anders wäre. Wenn ich, so wie du, sagen könnte, ein netter, höflicher und ansehnlicher Zeitgenosse, der durchaus einen zweiten Blick wert ist. Es tut mir leid, aber ich krieg es nicht hin.“

Marga, die nebenher das Speisenangebot am mittäglichen Gourmet-Büffet in Augenschein genommen hatte, setzte sich wieder zu ihnen und sah fragend von einer zur anderen. „Es geht um die Causa De’Albray, richtig? Können wir uns bitte darauf einigen, dass wir abwarten? War der Plan nicht, dass wir hier erholsame, entspannte Tage verbringen? Also, wenn ich bitten darf. Waffenstillstand in Sachen Bewohner Frankreichs und werft stattdessen lieber einen Blick auf dieses ausgesprochen schön gestaltete und reichhaltige Büffet. Los, jetzt macht schon, erholt euch gefälligst und esst etwas Vernünftiges. Hier muss endlich jemand ein Machtwort sprechen und das bin heute, man höre und staune, ich!“

Tilde schmunzelte, sichtlich erleichtert. „Mit der Abfolge kann ich leben. Ich hoffe, du auch, liebe Ilse?“

Sie holte tief Luft, sah zuerst zu Tilde und dann zu der höchst entschlossen aussehenden Marga, ehe sie antwortete. „Überredet. Seid mir nicht böse. Ich weiß selbst nicht, was in mich gefahren ist.“

Es wurde nun doch noch ein schönes und sehr reichhaltiges Mittagessen mit fröhlichen Gesprächen, ganz viel Gourmet-Salat, Kürbiscremesüppchen und Cassis-Sorbet mit frischen Früchten. Das Thema Monsieur De’Albray jedoch wurde tunlichst vermieden.

***

„Ladies, wie schaut’s aus? Wenn ich den Zeitplan richtig im Kopf habe, dann erwartet uns in einer Stunde bereits der nächste Schritt zur ewigen Jugend. Eine orientalische Aromamassage, was auch immer das sein mag. Sekunde, ich lese vor: Tauchen Sie ein in ein Märchen aus 1001 Nacht mit den Gerüchen und Gewürzen des Orients. Genießen Sie eine beruhigend-entspannende Behandlung mit kostbaren Ölen und einer Massage, wie sie sonst nur den Kalifen vorbehalten ist. Streifen Sie, im wahrsten Sinne des Wortes, den Alltag ab und lassen Sie ihn hinter sich. Also, wenn das nicht nach purem Genuss klingt. Ich bin neugierig, was sich die Kalifen so gönnen, da im fernen Orient.“ Ilse klappte grinsend den Prospekt zu. „Wetten, der Masseur heißt Johann oder sowas?“

„Ich halte dagegen. Ich setze auf Kurtl.“ Marga erhob sich ächzend von ihrem Sitzmöbel. „Eindeutig zu viel gegessen. Sagt einmal, sind wir eigentlich alle gleichzeitig dran? Geht das überhaupt?“

Ilse lächelte in die Runde. „Logisch geht das, wenn Johann und Kurtl vierhändig synchron massieren.“

„Du gspinnerte Urschl, ehrlich. Wart, ich schau schnell nach.“ Marga holte ihren Behandlungsplan aus der Handtasche und studierte ihn eingehend. „Von wegen gleichzeitig. Frau von Karburg und Frau Menzing werden um vierzehn Uhr dreißig in den Spa-Bereich gebeten, Frau Berger bitte um fünfzehn Uhr. Aber das passt, das ist nur eine halbe Stunde Versatz.“

Tilde nickte. „Alles in Ordnung. Ich wollte mich sowieso noch ein halbes Stündchen aufs Ohr legen. Diese Hot-Stone-Massage ist nicht ganz so entspannend, wie ich gehofft hatte. Wir sehen uns einfach vor dem Abendessen zu einem Aperitif. So gegen sechs? Da haben wir schön Zeit und der Barbereich ist sehr ansprechend und gemütlich.“

Alle nickten zustimmend und Tilde entschwand sogleich als erste auf ihr Zimmer.

Es dauerte eine Weile, ehe die ganze Botschaft bei Ilse angekommen war, und sie überrascht innehielt. „Augenblick, ich war in Mathe immer gut. Aber hier passt was nicht. Wir Zwei sind um fünfzehn Uhr dreißig fertig. Dann wahrscheinlich ein bisschen ruhen, damit die kostbaren Öle einziehen können, dann duschen und fertig. Das harmoniert nicht mit sechs Uhr. Korrigiere mich, wenn ich falsch liege.“

„Liegst du nicht. Keine Ahnung, was unsere Tilde heimlich nebenher plant, aber sie hat sich sehr geschickt eine gute Stunde herausgeholt. Ich habe da so eine Ahnung und die wird dir nicht gefallen.“

Ilse nickte mit grimmiger Miene. „Tut es tatsächlich nicht. Aber ich hab versprochen, mich nicht weiter einzumischen und dem Franzosen eine Chance zu geben. Wenn ich dabei nur nicht so ein seltsames Gefühl haben würde. Verflixt aber auch.“

Marga ergriff sachte ihren Arm und hakte sich bei ihr ein. „Nun komm schon. Es wird sicher nichts passieren. Sie ist ein großes Mädchen mit viel Lebenserfahrung. Klug ist sie auch, das wissen wir. Gönnen wir es ihr. Sie hat lange genug um Klaus getrauert. Keiner war gut genug, keiner kam an den einzigartigen Klaus Berger heran. Das ist das erste Mal seit seinem Tod, dass sie jemanden an sich ranlässt, also emotional, meine ich. Wir passen ein wenig auf sie auf, aber lassen ihr die Freude.“

Ilse nickte. „Klingt zwar ein bisschen mütterlich, aber ich glaub, das ist das Richtige. Du bist einfach eine kompetente und vernünftig denkende Frau, Marga Menzing. Ich bin sehr froh, dass du meine Freundin bist.“

Marga drückte ihren Arm. „So sehe ich das auch, liebe Lady Ilse. Was bin ich kompetent! Und darum streben wir nun frohen Mutes unserer orientalischen Massage zu, nachdem wir, unserem biblischen Alter entsprechend, eine kleine Siesta eingelegt haben. Ich hab dich lieb, das weißt du?“

***

Von wegen Kurtl oder Johann! Ilse war mal wieder „very amused“. Der durchtrainierte, sehr hübsche und ziemlich orientalisch aussehende Kerl mit den schwarzen, lockigen Haaren stellte sich als Achmad vor und war ausgebildeter Masseur.

„Und Sie haben sich auf orientalische Massagen spezialisiert?“ Ilse warf einen vorsichtigen Blick auf die muskulösen Arme des schönen Achmad. „Ich hätte eher auf medizinische Rückenmassage getippt.“

Achmad wies sie schmunzelnd an, sich ihres Oberteiles zu entledigen und sich auf dem Bauch auf die Liege zu legen. „Sogar medizinische Sportmassage, um es genau zu sagen. Aber das will und werde ich Ihnen nicht antun. Davon haben Sie ein paar Tage was und ich bin mir nicht sicher, dass Sie das wollen.“

Da sie sich ziemlich sicher war, es nicht zu wollen, nickte sie. „Sie haben gewonnen. Also dann eben orientalisch.“

Achmad lächelte vielsagend, während er eine Flasche mit einer goldfarbenen Flüssigkeit vom Tisch nahm. „Um ganz ehrlich zu sein, bekommen Sie jetzt von mir die gleiche Massage, die ich Ihnen im Hamam angedeihen lassen würde.“

Ilse legte sich auf der mit einem dicken, kupferroten Handtuch bedeckten Liege zurecht. „Also, das, was ein Kalif bekommen würde, wenn ich dem Prospekt glauben darf?“

Sie hörte ihn lachen. „Glauben Sie immer alles, was Sie lesen?“

„Schon aus Prinzip nicht. Aber ich lass mich überraschen. Ich bin ein optimistischer Mensch, wissen Sie?“

„Frau von Karburg, ich denke, ich mag Sie. Darum werde ich Sie nun mit diesem warmen und mit einem Hauch Vanilleessenz versetzten Arganöl massieren. Meine Spezialmischung, sogar der Name ist von mir. Blume von Marrakesch, okay, nicht ganz so einfallsreich, aber ich finde es schön. Sie werden sehen, danach fühlen Sie sich absolut entspannt und ziemlich glücklich.“

„Ah, und das war’s dann schon mit dem Orientalischen, oder was? Wie war das mit den Kalifen und so? Aber Blume von Marrakesch haben Sie wirklich sehr schön gewählt. Ein Mann mit solch blumiger Sprache, bemerkenswert!“ Sie grinste in ihr Handtuch.

„Ich sehe schon. Eine anspruchsvolle Patientin. Aber weil Sie es sind, passen Sie mal auf. Und ich möchte erwähnen, dass das jetzt eine Sonderbehandlung ist, also bitte keine große Propaganda, wenn Sie fertig sind, in Ordnung?“

Sie hörte, wie er zu dem langgezogenen Tisch ging, auf dem verschiedene Pflegeprodukte standen, es klapperte leise, dann erklang Musik. Sehr schöne und tatsächlich orientalische Musik.

„Nur für Sie, das ist mein privater Stick. Das sind junge marokkanische Musiker, die das zusammengestellt haben. Gefällt es Ihnen?“

Es gefiel ihr, es gefiel ihr sogar außerordentlich. „Stimmungsvoll, finde ich prima“, nuschelte sie in das weiche Tuch. „Und was riecht hier so gut?“

„Sonderbehandlung Numero Zwei. Eine Räuchermischung aus Gewürzen und richtig gutem Weihrauch.“

„Ah geh! Also nicht das Kirchenzeug, bei dem ich als Kind jedes Mal fast umgekippt bin, weil es so gestunken hat?“

Er hatte ein ansteckendes Lachen. „Nein, das gute Zeug.“

Sie spürte, wie er das warme Öl auf ihren Rücken träufelte und es dann behutsam verteilte. „So, jetzt wird es etwas anspruchsvoller, aber Sie wollen ja was davon haben, nicht wahr?“

Herrschaftszeiten. Das musste sie sich für die Zukunft merken. Wenn ein großer, kräftiger Masseur mit dem Namen Achmad sagte „anspruchsvoll“, dann war Vorsicht geboten. Sie spürte Muskelstränge, von denen sie zuvor gar nicht gewusst hatte, dass sie da waren. Allerdings war da, in dem Moment, in dem sie in ihren Körper hineinhorchte, ganz eindeutig ein unglaublich angenehmes Gefühl.

„Und, was sagen Sie? Ich weiß, es ist jetzt keine Streichelmassage, aber dafür effektiv. Ich hoffe, es hat Ihnen gutgetan?“ Sein Gesichtsausdruck barg einen Hauch an Besorgnis.

„Lieber Achmad, ich weiß noch nicht genau, wie ich es morgen beurteilen werde. Heute aber kann ich sagen, dass es richtig angenehm war. Da lerne ich auf meine alten Tage noch Teile meines Muskelapparates kennen, von denen ich keine Ahnung gehabt habe, also bis heute.“

Mit breitem Grinsen half Achmad ihr hoch. „Sagte ich es nicht vorhin schon? Ich mag Sie, Frau von Karburg.“

Kavaliere auf Abwegen

Bad Tölz im Spätsommer war schon immer einen Besuch wert. Heute war es besonders schön. Die Sonne strahlte von einem lediglich von wenigen weißen Wölkchen überzogenen Himmel. Überall färbten sich die Blätter von Laubbäumen und Büschen in den verschiedensten Rot- und Orangetönen und die kleinen Kanäle, die die Altstadt durchzogen, plätscherten melodisch vor sich hin. In den vielen traditionsreichen Läden fanden sich geschmackvolle Kleidung, aber auch sehr ansprechende Dekoartikel für die heimischen vier Wände. Ilse war entzückt. Die zwei bunten Steinguttassen für Tee und Kaffee fanden sofort ihre Zustimmung.

„Das sind endlich einmal wieder Tassen in vernünftiger Größe. Diese edlen Winzlings-Tassen sind gerade einmal für eine Puppenküche gut.“ Voller Freude drehte sie die beiden Tassen nacheinander in den Händen. „Außerdem sind das so schöne Farben. Da hol ich mir die Toskana direkt in die Küche. So mag ich das.“

Marga musterte die riesigen Pötte sichtlich amüsiert. „Ab welchem Fassungsvermögen beginnt denn bei dir eine vernünftige Tasse, Ilse?“

Sie zog eine nachdenkliche Grimasse. „Sagen wir mal so ab dreihundert Milliliter. Das ist dann schon vernünftig.“

„Deine Dimensionen sind beachtenswert, aber ich kann’s nachvollziehen.“

„Siehst du, sag ich doch.“ Ilse stellte die Tassen auf dem Tresen neben der Kasse ab und lächelte die nette Verkäuferin zufrieden an. „Die beiden kommen noch zu der Tischdecke und dem Teekessel dazu, ich schau noch ein bisserl. Vielleicht findet sich noch was.“

Die Dame nickte. „Lassen Sie sich alle Zeit der Welt. Ich bin bis um sechs da, Sie haben noch zwei Stunden.“

„Lieber nicht.“ Ilse seufzte mit Blick auf ihre bisherigen Errungenschaften, vor allem auf den knallroten Vintage-Teekessel. „Wenn ich so weitermache, muss ich anbauen. Aber was ganz Kleines, das ginge schon noch.“

Marga stand vor einem wunderbar erhaltenen Schild aus Emaille, auf dem eine sehr geschmackvolle, sehr alte Kaffeewerbung dargestellt war. „Was denkst du, Ilse, passt das in meine Küche?“

„Aber sicher. Das ist perfekt. Sowas findet man vor allem nicht alle Tage. Das ist ein schöner Hingucker.“

Marga kniff die Augen zusammen und spähte an ihr vorbei. „Weil wir gerade von Hingucker sprechen. Dreh dich mal um und wirf einen Blick aus dem Fenster.“

Erstaunt wandte sie den Kopf nach rechts und blickte zwischen einer antiken, kleinen Truhe und einem in Mosaik eingefassten runden Spiegel hinaus in die belebte Fußgängerzone. Zuerst sah sie nur Menschen, die entweder gemütlich an den Schaufenstern vorbei schlenderten, oder Leute, die eher eilig ihre Einkäufe zu erledigen schienen. Erst auf den zweiten Blick entdeckte sie, was Margas Aufmerksamkeit erregt hatte. Ein paar Meter die Straße hinunter, nahe an dem großen Brunnen in der Mitte, stand niemand anderes als der schöne Marcel. Die elegante, dunkelhaarige Dame, mit der er offenbar in ein angeregtes Gespräch vertieft war, schien sehr angetan von ihrer Begleitung zu sein. Zumindest erfüllte sie mit ihrem Lächeln, mit der Neigung des Kopfes, mit den entsprechenden Gesten wirklich alle Klischees des verliebten Teenagers. Wobei, realistisch betrachtet, diese Zeit bei ihr grob geschätzt mehr als dreißig Jahre zurückliegen dürfte. Was nicht heißen sollte, dass sie nicht ausnehmend attraktiv war. Das kastanienrote Haar leuchtete in der Sonne, sie war dezent gebräunt, groß, schlank und sehr geschmackvoll gekleidet.

„Also, das ist ganz sicher nicht unsere Tilde, er hingegen ist es hundertprozentig.“

Ilse wandte den Blick keine Sekunde von dem attraktiven Paar ab. „Schade, dass sie nicht hier ist. Sie sollte das sehen.“

De’Albray hatte gerade lächelnd seinen Arm um die Schultern der Dame gelegt und schien etwas höchst Amüsantes von sich gegeben zu haben, denn sie warf leicht den Kopf zurück und lachte herzlich.

Schade, Ilse hätte sie gern spontan gehasst, nur ging das nicht, denn die Frau schien tatsächlich sympathisch zu sein. De’Albray hingegen bekam ohne Umschweife den nächsten Minuspunkt auf seinem Sympathie-Konto verbucht.

„So ein falscher Fuffzger. Mit Tilde will er spazieren gehen und mit der Schönheit da draußen pussiert er herum.“ Sie war empört, und wenn es nur im Sinne der lieben Freundin war, die sie bereits aufs bösartigste getäuscht sah.

„Ilse, das wissen wir nicht. Wir wissen eigentlich gar nichts. Der Mann ist seit mehreren Tagen hier. Ist nur normal, dass er schon Leute kennt. Sei bitte ehrlich, so wie er aussieht, macht er sehr leicht Bekanntschaften. Im Ernst, nicht jeder schöne Mann ist auch gleich ein falscher Fuffzger, wie du so schön sagtest.“ Marga klang ziemlich überzeugend.

Widerstrebend lenkte sie ein. „Wahrscheinlich hast du recht. Aber Tilde soll trotzdem vorsichtig sein.“

„Nur weil er schön ist und Chancen bei den Frauen hat?“

„Nein, weil ich ihn nicht mag.“

Marga zog die rechte Augenbraue anklagend einen Hauch nach oben. „Na, wenn das kein triftiger Grund für eine Verurteilung ist, dann weiß ich aber auch nicht.“

Ilse grummelte eine leise Verwünschung und sah weiter stur nach draußen. Ihre Geduld wurde belohnt. Das Paar setzte sich langsam in Bewegung, wobei sich die Frau bei dem Franzosen untergehakt hatte, und schlenderte in Richtung des großen Gasthauses. Ilse dachte bereits, dass man sich wohl eine Jause gönnen wollte, als sie an der danebenliegenden Bank anhielten, De’Albray der Dame, ganz Kavalier alter Schule, die Tür öffnete und sie darin verschwanden.

„Ha, er hat sie in eine Bank gelockt.“

„Ui, das ist aber gefährlich. Sicherlich hilft der bösartige Verführer ihr dabei, Geld anzulegen, oder was weiß ich. Mein Gott, Ilse, der Mann ist Broker. Er ist Profi im Bankgeschäft, es ist so gut wie sicher, dass er sie nur beraten hat. Bitte, könntest du so gut sein und einen Gang zurückschalten? Das artet etwas aus, findest du nicht?“

Sie schwieg eine Weile. Marga lag richtig. Warum, zum Henker, hatte sie den Mann derart auf dem Kieker? Das war nicht mehr normal. Nichts gegen das eigene Bauchgefühl, aber warum verspürte sie eine solch starke Abneigung gegen De’Albray? „Ich hab versprochen, mich zurückzuhalten. Bitte glaub mir, Marga, ich versuche es. Allerdings fällt es mir unbeschreiblich schwer. Ich bin kein Mensch, der andere wegen irgendwas vorverurteilt. Und, bitte gib’s zu, ich bin nicht gehässig. Trotzdem stellen sich bei mir alle Nackenhaare auf, wenn ich ihn nur sehe. Außerdem …“

Sie hielt inne, als an der Bank die Tür von innen geöffnet wurden und De’Albray und die Dame herauskamen. Ebendiese hielt nunmehr ein Kuvert in den Händen und strahlte ihren Begleiter an. Sie schien, womit auch immer, sehr zufrieden zu sein.“

„Da schau hin.“ Marga deutete auffordernd auf das Paar. „Siehst du, wie aufgebracht und entsetzt die Dame wirkt?“

„Grundgütiger, schon gut. Ich bin ja schon still.“ Ilse griff nach dem wunderschönen Windlicht in Rot und Gold, das ihr bereits seit einer ganzen Weile in die Augen stach. Just, als sie sich ebenfalls abwenden wollte, um Marga zu folgen, sah sie es. De’Albray und die Fremde küssten sich. In aller Öffentlichkeit und augenscheinlich verliebt.

Sie stellte das Windlicht zu den bisherigen Einkäufen und ließ alles verpacken. Marga kaufte sich das hübsche Schild und sie verließen den bezaubernden Laden nur ungern.

Sie blickte sich suchend um. Endlich fand sie, wonach sie Ausschau gehalten hatte. „Komm mit, ich brauch jetzt einfach einen Bayernburger.“ Ilse ergriff die sichtlich überrumpelte Marga am Arm und zog sie kurzerhand mit sich, wenn auch liebevoll.

„Lady, du sprichst schon wieder in Rätseln. Was brauchst du?“

Sie schmunzelte ob des verwirrten Gesichtsausdruckes der Freundin. „Eine Leberkässemmel, meine Liebe. Mit Massen an Händlmaiers Hausmachersenf.“

„Wenn du meinst. Du weißt schon, dass es heute Abend ein Viergang-Gourmet-Menü gibt, ja?“

„Ich weiß, das harmoniert schon mit bayrischen Spezialitäten.“ Lachend strebten sie der Metzgerei Roidel zu, die ein umfangreiches Imbissangebot vorweisen konnte.

Vor der Metzgerei standen einige Stühle und Tische, wo man seine Brotzeit gemütlich und in Ruhe genießen konnte. Ilse blickte verzückt auf ihre Semmel, während sich Marga immerhin zu einer Butterbreze hatte aufraffen können.

Ilse kaute genüsslich und ließ ihren Blick über die schöne Fußgängerzone schweifen. „Schon schön hier. Wenn’s nicht so weit weg von euch wäre, hier könnt es mir gefallen.“

„Untersteh dich. Du bleibst bitte schön da, wo du bist. Dein Haus ist ein Traum und, sei ehrlich, du würdest es ja doch nie aufgeben. All das, was du dir mit Franz-Josef aufgebaut hast.“

Sie biss erneut in ihre knusprige und sehr wohlschmeckende Semmel. „Da hast du nun auch wieder recht. Schön ist es trotzdem. Allein die kleinen Bäckereien, die kuschligen Cafés und die alten Läden, die seit vielen Jahren von der gleichen Familie geführt werden. Da könnt ich glatt melancholisch werden.“ Sie stockte. „Oder ich könnte auch eine Erscheinung haben. Bitte, Marga, sag mir, dass du das da auch siehst.“ Sie zeigte auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo sich die Rathausgasse befand. „Ich glaub es nicht.“

„Das ist jetzt tatsächlich sehr interessant.“ Marga streckte sich etwas, um einen besseren Blick zu haben. „Komm, sie haben uns noch nicht entdeckt. Ich will wissen, wo sie hingehen.“

„Marga, ich bin erstaunt. Willst du sie wirklich … verfolgen? So krimimäßig?“

„Mit Krimi hat das nichts zu tun, Ilse. Das ist reine, bodenständige Neugierde. Vor allem nach dem, was wir vorhin mit der hübschen Dame beobachtet haben.“

Ehe sie es sich versah, stand Marga bereits auf, schnappte sich ihre Einkaufstüten und warf ihr einen auffordernden Blick zu. „Was ist los, Miss Marple, haben wir den Biss verloren?“

„Keineswegs. Aber ich gewöhn mich gerade noch an die Rollenverteilung.“

So unauffällig wie möglich und in gebührendem Abstand folgten sie den beiden Menschen vor ihnen in die Rathausgasse. Vor einem schon an der Fassade ausnehmend hübschen und romantisch gestalteten Café blieben die beiden stehen, der Mann beugte sich zu der Frau und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie nickte sichtlich angetan und der Mann öffnete die Tür, woraufhin beide im Innern verschwanden.

„Jetzt bist du dran. Irgendwelche unverfänglichen Erklärungen?“ Ilse musterte die Freundin fragend. Die hatte die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengekniffen. Etwas, das bei Margas vollen Lippen schwer war.

„Ich bin sprachlos. Vorsicht, nicht, dass sie uns sehen. Das wäre sehr unangenehm.“ Marga zog sei etwas beiseite.

Ilse konnte noch immer ins Innere des Lokals spähen. Ein bezauberndes Lokal, sehr stimmungsvoll, sehr besonders. Eine Umgebung, die ihrer beider Freundin Tilde, denn um niemand anderen handelte es sich bei seiner Begleitung, sichtlich gefiel. Zumindest wirkte sie gelöst und glücklich. Sie lachte, gestikulierte und genoss die Zweisamkeit mit ihrem Begleiter anscheinend sehr. Dass es sich dabei um Marcel De’Albray handelte, der noch vor einer halben Stunde eine andere Frau geküsst hatte, war für Ilse und offenbar auch für Marga eine enorme Überraschung.

„Sag ich nicht, dass man dem Froschschenkellutscher nicht über den Weg trauen kann? Marga, vor ein paar Minuten hat er die Fremde sogar geküsst und jetzt das?“

„Ilse!! Schäm dich, sowas ist unter deiner Würde. Wobei …“ Marga beugte sich nach vorn und warf einen erneuten Blick auf das scheinbar verliebte und ins Gespräch vertiefte Paar. „Was passiert hier? Ich bin, glaub ich, entweder zu altmodisch oder zu bodenständig. Immerhin wissen wir, wo Tilde gerade steckt. Hm, lass uns daher rekapitulieren. Heute am Morgen hat sie ihr erstes Treffen mit ihm. So wie es sich darstellt, haben sie da bereits diesen romantischen Ausflug geplant oder zumindest einen weiteren Spaziergang. Keine Stunde vorher hat der gute Marcel ein ebenso romantisches Tête-à-Tête mit einer schönen, attraktiven Fremden, die er sogar ungeniert in der Öffentlichkeit küsst. Langsam, ganz langsam schließe ich mich deiner Vorsicht an, wenn es um den schönen Marcel geht.“

Ilse atmete hörbar auf. „Gott sei Dank. Ich dachte schon, ich sehe Gespenster oder bin ungesund misstrauisch, nach all dem, was im Club passiert ist. Jetzt weiß ich, dass es wirklich wieder einmal nur mein Bauchgefühl war.“

„Es hilft niemandem, wenn wir hier draußen wie die Ölgötzen rumstehen. Lass uns zurück zum Hotel gehen und uns auf das Dinner vorbereiten. Ich bin sehr gespannt darauf, was Tilde heute Abend alles zu erzählen hat, wenn sie überhaupt etwas erzählt.“

„Das ist richtig.“ Ilse machte einen Schritt rückwärts. „Lass uns verschwinden, ehe sie uns sehen. Ich glaube, das wäre nicht so gut.“

Eilig strebten sie dem vorderen Ende der Rathausgasse zu und erreichten so den befahrenen Teil der Altstadt, von wo aus sie nach einem kurzen Fußmarsch wieder am Hotel ankommen würden. Es war nicht viel Verkehr und so achtete Ilse wahrscheinlich nicht gut genug auf die Autos. In dem Augenblick, als sie über einen schmalen Grünstreifen liefen und dazu eine Abbiegespur überqueren mussten, raste in – für Bad Tölz – halsbrecherischem Tempo ein Sportwagen heran. Ilse gelang es gerade noch, zurückzuspringen und auch Marga wieder auf den Grünstreifen zu ziehen, ehe der Wagen ungebremst an ihnen vorbeirauschte.

„Sag einmal, spinnt der denn? Hier ist eine Dreißiger-Zone. Das waren mindestens achtzig km/h. Was für ein rücksichtsloser Raser.“ Ilse hätte sich gern expliziter geäußert, war sich aber sicher, dass ihr Schimpfwortarsenal für den heutigen Tag ausgereizt war.

„Da stimme ich dir zu. Das hätte schiefgehen können. Dabei dürfen wir hier überqueren. Aber ein schönes Auto.“ Marga sah dem Wagen nach, dessen sattes Motorengeräusch noch immer zu hören war.

„Gesehen hat er uns auch, da wette ich mit dir. Unglaublich. Jetzt brauch ich dringend einen anständigen Hugo und zwar schnell.“ Verärgert schulterte Ilse ihre Einkaufstaschen wieder ordentlich, die bei dem Beinaheunfall etwas verrutscht waren. „Komm, gehen wir, für heut reicht’s mir.“