KAPITEL EINS
WINSTON
Seit meiner Geburtstagsfeier.
So lange hat mein nutzloses Dienstmädchen, mein schmutziges Spielzeug, meine Cinderelliott mir dieses Geheimnis verschwiegen. Und nicht bloß irgendein Geheimnis, sondern Gespräche hinter meinem Rücken mit Leo, dem verfickten Morelli, über Gott weiß was.
Ich bin angewidert. Wütend. Und eine ganze Palette anderer Gefühle, für die ich gerade keine Worte habe.
Noch eine Träne rollt Ashs rosafarbene Wange hinab, der vorigen nachjagend.
Eins. Zwei. Drei. So viele Tränen, jede einzelne eine Erinnerung daran, warum ich das nicht mache. Warum ich mein Herz kalt und unzugänglich halte. Denn egal wie gut etwas mit der perfekten Frau zu sein scheint, alles kann mit nur ein paar salzigen Tränen in sich zusammenfallen.
Verrat ist nicht immer ein Wasserfall voller Scheiße, wie es bei Meredith war. Manchmal ist es ein Tropf, Tropf, Tropf, und ich hätte es verdammt noch mal besser wissen müssen.
Ich wusste es.
Ich wusste, dass dies ein mögliches Ergebnis sein könnte.
Nicht was auch immer gerade zwischen Ash und Morelli vor sich geht.
Sondern die Geheimnisse. Die Lügen. Der zwielichtige Scheiß.
So ist es gelaufen mit Meredith. Ich hatte mir geschworen, dass mir so etwas nie wieder passieren würde, und da haben wir es nun. Nate und Mutter haben mir die Warnungen praktisch eingetrichtert, aber ich war so abgelenkt davon, Spielchen mit Ash zu spielen, dass ich nicht bemerkt habe, dass sie ihr eigenes Spielchen treibt.
Mehr Tränen.
Mein Dienstmädchen ist hübsch, wenn sie weint. Zu verdammt hübsch. Es ist beinahe irritierend genug, um meine Aufmerksamkeit von dem Grund wegzulenken, warum sie weint. Nicht, weil wir einen Deal gemacht haben und ich sie demütige. Nicht, weil ich ihr ein wenig Schmerz mit Vergnügen verabreiche. Nicht die üblichen Gründe.
Nein.
Sie weint, weil sie etwas vor mir geheim gehalten und mir im Grunde ins Gesicht gelogen hat. Dass sich ihre Lügen um einen Morelli drehen, macht es unentschuldbar. Sie weiß, dass sie verkackt hat.
Königlich.
„Win“, beginnt sie, aber ich stoppe sie, indem ich zwei meiner Finger vom Tisch anhebe.
„Schhhh!“, murmele ich. „Lass mich dich noch eine Weile so betrachten.“
Gebrochen. Vernichtet. Auf frischer Tat ertappt. Die Demütigung und Reue, die in ihren Augen glänzen, hat sie dieses Mal ganz allein hinbekommen. Ich habe das nicht getan. Ich habe sie nicht dafür bezahlt. Das hat sie sich selbst zugefügt.
Ihr Handy vibriert weiter, aber sie ignoriert es und fleht mich nur mit ihren triefenden, haselnussbraunen Augen und ihren Schmolllippen an.
Die Sekunden ticken. Keiner von uns sieht weg.
„Wirst … wirst du mich hier bei ihm lassen?“
Denn ich bin das Monster hier. Diese Frage tut viel mehr weh, als ich zugeben will. Noch eine Erinnerung daran, warum ich Leute nicht an mich heranlasse. Ich mag es nicht, verletzt zu werden. Nicht einmal ein bisschen. Kalte, harte Mauern von Scheiß drauf sind das, was mich bisher durchs Leben gebracht hat. Und genau diese Mauern werden mich auch diesmal retten.
„Das kommt drauf an.“ Ein grausames Lachen entweicht mir, als sie bei meinen Worten zusammenzuckt. „Willst du, dass ich das tue?“
Die Verzweiflung in ihrem Gesicht verwandelt sich in Gereiztheit, und der feuchte Schimmer in ihren braunen Augen lässt sie beinahe leuchten. „Sei nicht so ein Arsch.“
„Zu spät dafür, Miss Elliott. So wurde ich geboren.“
Sie rollt tatsächlich mit den Augen, und für einen Augenblick sind es nur ich und Ash. Meine freche Cinderelliott. Das Mädchen, von dem ich besessen bin. Ich bin enttäuscht von mir selbst. So leicht habe ich mir von einer verdammten Teenagerin den Kopf verdrehen lassen.
Mein frostiges Auftreten treibt ihr schnell die Frechheit aus, und sie windet sich auf ihrem Stuhl. Ihre Brüste wippen leicht, so verdammt köstlich in ihrem Kleid, aber ich weigere mich, sie zu beachten, und starre weiter auf ihr Gesicht.
„Er hat mir gesagt, ich darf es dir nicht sagen“, flüstert sie, und Scham schleicht sich in einer purpurroten Flut über ihre Wangen. „Ich hatte Angst und …“
Meine Augenbraue hebt sich, als ich sie mit gelangweilter Miene betrachte.
„Bitte fahr fort“, dränge ich in flachem Ton. „Erklär mir bitte, warum du dachtest, es wäre besser, auf diese Ratte zu hören, als mit mir zu sprechen. Mir – demselben Mann, der dich vor deinen ekelhaften Stiefbrüdern gerettet hat und mehr Geld hat als Gott. Demselben Mann, der das gesamte Morelli-Imperium zertreten könnte, wenn er provoziert wird. Ich bin ganz Ohr.“
Ich klinge erbärmlich.
Traurig.
Verärgert.
Bin ich aber nicht.
Lügner.
„Ich …“ Sie schluckt schwer und schließt die Augen. „Die Bilder von uns. Die Videos. Die Nachrichten. Er hat alles. Ich wollte ihm nicht helfen, aber er sagte, wenn ich es nicht tue oder wenn ich es dir sage, würde er …“
„Er würde was?“, frage ich kühl. „Sie an die Paparazzi schicken? Mich in Verlegenheit bringen, indem er es meinen Freunden zeigt? Es meiner Mami erzählen?“
Und was zum Teufel heißt hier überhaupt ihm helfen?
Der Gedanke, Morelli könnte mein Spielzeug gegen mich verwenden, bringt mein Blut zum Kochen.
„Win …“ Ihr Kinn zittert.
Ich winke ab. „Verdammt noch mal, reiß dich zusammen.“
Feuer blitzt in ihrem Gesicht auf. Gut. Sie ist besser als Zicke statt als winselndes Opfer.
„Hör zu, Kleine“, sage ich und lehne mich zu ihr vor, damit sie mich gut hören kann. „Ich bin hierhergekommen, weil ich etwas zu tun hatte. Diese Sache mit dir und Morelli ist für mich heute Abend lediglich ein unerwartetes Entertainment am Rande.“
Ein Stirnrunzeln verunstaltet ihr tränenverhangenes Gesicht.
„Win …“
„Ich bin noch nicht fertig mit Reden“, schneide ich ihr das Wort ab, „und du bist noch nicht fertig mit Zuhören. Du kannst dein Schluchzkonzert veranstalten, wenn du alleine bist. Nicht, während du mit mir unterwegs bist. Was auch immer Leo zu tun gedenkt, lass ihn. Mir ist scheißegal, was seine Drohungen sind.“
Sie presst die Lippen zusammen, als würde sie sich nicht streiten wollen.
Mitleid. Ich ziehe es vor, wenn das Kätzchen die Krallen ausfährt und versucht, mich zu kratzen. Dieses schüchterne, gebrochene, klägliche Schauspiel steht ihr nicht.
„Das wird jetzt so laufen“, erkläre ich und lasse meinen Blick durch das volle Restaurant schweifen. „Du wirst dir meine geplante Show ansehen, die Rolle der willigen Komplizin spielen und zur Tür hinausgehen, als ob dir Morelli scheißegal wäre.“
„Okay.“ Verdacht durchzieht das gemurmelte Wort.
„Du steigst mit mir ins Auto und wir fahren weg.“
„Und dann?“
Hoffnung glitzert in ihren Augen. Das können wir jetzt nicht gebrauchen, oder?
„Nicht so vorschnell, Miss Elliott.“
Bevor sie antworten kann, winke ich den Kellner heran. „Bitte lassen Sie Mr Stevens wissen, dass ich bereit bin, unser Geschäft abzuschließen.“
Der Kellner eilt davon, um die Nachricht an den Restaurantbesitzer weiterzugeben. Ich ignoriere Ashs flehentlichen Blick, während ich warte. Als ich zum Morelli-Tisch hinübersehe, bemerke ich, wie angespannt Leo ist, während sein älterer Bruder Lucian entspannt wirkt, bereit, ein saftiges Filet in einem der besten Steakhäuser der Stadt zu genießen.
Während ich auf Mr Stevens warte, schreibe ich Deborah wegen einer Aufgabe, die sofortige Aufmerksamkeit erfordert. Sie wird ihr den neuen Lexus einbringen, auf den sie schon eine ganze Weile anspielt. Meine Angestellten lieben nun mal einen guten Bonus. Dann schreibe ich meinem Portier, denn Teamwork macht den Traum wahr.
Mr Stevens tritt aus dem Hinterzimmer, ein nervöses Lächeln auf dem Gesicht, als er sich unserem Tisch nähert. Ich erhebe mich und reiche ihm die Hand.
„Schön, Geschäfte mit Ihnen zu machen.“ Ich schüttele seine Hand. „Schauen Sie morgen früh bei Anthonys Büro vorbei. Er wird alle Unterlagen für Sie vorbereitet haben.“
„Danke, Mr Constantine. Das ist unglaublich großzügig von Ihnen.“ Er lacht, doch sein Lachen stirbt sofort, als er zu den Morellis hinübersieht. „Wenn auch ein wenig bösartig, wenn Sie mich fragen.“
„Ich denke, ich habe genug bezahlt, um Sie nicht fragen zu müssen.“
Unter der Warnung meines Blickes schrumpft er zusammen und nickt hastig. „Sie haben völlig recht, Sir. Guten Abend.“
Dann, genau wie ich es bestellt hatte, als wäre es ein Gericht auf einer sehr teuren Speisekarte, beginnt der Besitzer mit seinem Personal in einer Prozession von schürzenbewehrten Soldaten durch die Vordertür hinauszumarschieren – in einem Kampf, den ich schon längst gewonnen habe.
„Win“, krächzt Ash.
Ich antworte ihr nicht, denn mein Blick ruht auf dem Morelli-Tisch. Keine drei Sekunden dauert es, bis ihnen klar wird, was ich getan habe, und jeder von ihnen spannt sich fast gleichzeitig voller Wut an. Ja, ihr Arschlöcher, ich habe euch euer schickes kleines Steakhouse abgekauft und fürstlich dafür bezahlt, dass jeder verdammte Angestellte hinausmarschiert, bevor ihr überhaupt bestellen konntet. Sieht ganz so aus, als gäbe es heute Abend chinesisches Take-out statt Steak.
„Ich würde gerne für das Feuerwerk bleiben, aber ich habe morgen früh zu tun. Noch heute, Miss Elliott.“ Ich biete ihr meinen Arm an. „Zeit zu gehen.“
Sie steht auf, wirft ihr Handy in die Handtasche, reißt diese vom Tisch und hakt sich bei mir ein. Ihr Duft neckt und verspottet mich. Ich bin genervt, dass sie so gut riecht. Im Moment will ich sie nicht riechen. Zur Hölle, ich kann sie kaum ansehen.
Das Restaurant ist noch immer voller Gäste. All die Gesichter sind ein Meer der Verwirrung, während sie sich fragen, warum die Angestellten gegangen sind. Aber nicht die Morellis. Sie wissen, dass sie öffentlich gefickt wurden, und jetzt werden sie den Walk of Shame antreten müssen.
Ich bleibe vor ihrem Tisch stehen und blitze sie mit einem wolfsähnlichen Grinsen an.
„Ahh, wenn das nicht die berüchtigten Morellis sind. Zufall, euch alle hier zu treffen.“
„Unwahrscheinlich“, sagt Lucian, der Ekel steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Nichts ist je Zufall, wenn es um die Constantines geht. Besonders bei dir.“
„Du gibst mir viel zu viel Anerkennung“, erwidere ich in glattem Tonfall. „Ich muss dich jedoch warnen. Es sieht nicht so aus, als würdet ihr heute Abend hier speisen.“
Wenn Blicke töten könnten, wäre ich ein toter Motherfucker. Zum Glück prallt ihr Hass ohne Wirkung an mir ab. Leo jedoch schäumt vor Wut. Das Biest von Bishop’s Landing. Sie nennen ihn so aus gutem Grund. Ashs Griff um meinen Arm wird fester, und obwohl ich wütend auf sie bin, werde ich trotzdem nicht zulassen, dass dieses Arschloch ihr auch nur ein einziges Haar krümmt.
„Habt ihr es nicht gehört?“, fahre ich fort und hebe die Braue. „Das Gebäude wurde von Ratten überrannt. Das können wir nicht haben, oder? Ein bisschen Schädlingsbekämpfung ist notwendig, bevor wir dieses Gebäude wieder in Ordnung bringen können.“
Lucian erhebt sich und funkelt mich an. Sein dunkles Haar sitzt perfekt, sein Anzug ist tadellos. Aber Ratten in Tom Ford sind trotzdem immer noch Ratten. Sie befallen die Stadt, als ob Geld sie zu Königen machen würde.
„Drohst du uns etwa?“, fragt Lucian mit tiefem Knurren.
„Gentlemen müssen nicht zu Drohungen greifen.“ Ich fixiere Leo mit einem gezielten Blick. „Mein Vater hat mich besser erzogen.“
Leo schnaubt. „Und was ist mit deiner Mutter? Die ist echt ein Fall für sich. Wie hat die dich denn erzogen?“
„Du Wichser.“
Lucians Kiefer spannt sich an vor Wut. „Du fängst etwas an, das du nicht beenden kannst.“
Sie haben damit angefangen, als sie meinen Vater getötet haben. Ich kann es zwar nicht beweisen, aber ich glaube es. Wer sonst hätte solch eine Vendetta gegen meine Familie? Unabhängig davon, was zuvor passiert ist, hat Leo diesen Scheiß losgetreten, als er dachte, es wäre in Ordnung, etwas von mir zu bedrohen. Ich habe ihm dieses Gebäude nicht verkauft, um Ash zu beschützen. Ich habe es verkauft, weil, wenn er spielen wollte, ich bereit war, verdammt noch mal mitzuspielen. Ich fange gerade erst an.
„Ich glaube, dein Bruder hat das begonnen, als er unsere vertragliche Vereinbarung gebrochen hat“, sage ich zu Lucian. „Halt dein Biest an der Leine.“
Auch Leo erhebt sich von seinem Sitz, die Wut strömt in heftigen Wellen aus ihm heraus. Ash zuckt zusammen, doch ich bleibe unbeeindruckt. „Das endet nicht gut für dich“, faucht Leo mich an und zeigt dann mit dem Finger auf sie, „oder für dich, Prinzessin.“
Ash schnappt scharf nach Luft. Ich kann die Angst, die von ihr ausgeht, beinahe schmecken. Das arme Mädchen ist verängstigt. Es ist Zeit, dass sie die Welt begreift, in der sie spielt.
Das hier ist kein Märchen.
Es ist Krieg …
Und nur die Constantines gewinnen solche.
***
Sobald wir quietschend aus der Tiefgarage herausfahren und auf die belebte Straße gelangen, schalte ich Perrys blöde Classic-Rock-Station an, um alles zu übertönen, was Ash vielleicht sagen könnte. Es ist besser, wenn sie jetzt überhaupt nichts sagt.
Ich muss nachdenken.
Leo Morelli hat unser Abkommen ignoriert. Er hätte Ash in Ruhe lassen sollen im Tausch gegen das Recht, das Baldridge-Gebäude zu kaufen. Es steht in einem verdammten rechtlichen Dokument.
Er hat sich nicht daran gehalten.
Hat sich trotzdem dafür entschieden, sie zu terrorisieren.
Sie war aufgewühlt und verängstigt, nachdem er sie mit seinen Drohungen eingeschüchtert hat, damit sie gehorcht. Ich werde jedes Detail herausfinden, was vor sich geht. Und wenn ich das getan habe, werden sie bezahlen … und zwar alle Beteiligten.
Nach einer Stunde im dichten Verkehr fahren wir vor ihrem Haus vor. Klugerweise schweigt sie. Ich schalte den Motor ab und steige aus. Es fällt mir schwer, den Blick von ihren glatten Beinen abzuwenden, aber es gelingt mir, meinen Schwanz dieses Mal in der Hose zu lassen. Die Fahrt in den zwölften Stock verläuft still. Ash zappelt so, als wolle sie sprechen, tut es aber letztlich nicht. Ich warte, bis sie ihre Schlüssel aus der Handtasche fischt und die Wohnungstür aufschließt.
„Willst du reinkommen, damit wir reden können?“ Sie knabbert an ihrer pinken Schmolllippe, die immer so verdammt ablenkend ist.
„Reden?“ Ein dunkles Kichern entweicht mir. „Ich bezahle dich nicht fürs Reden, Cinderelliott. Ich bezahle dich, um mein schmutziges Spielzeug zu sein.“ Ich deute auf das Innere der Wohnung. „Deshalb das Hurenapartment.“
Ihr ganzer Körper zuckt, als hätte ich sie körperlich verletzt. Ich hingegen fühle nichts. Sie ist eine sexuelle Investition, nicht meine Freundin. Das hier ist ein schmutziges Spiel, keine Beziehung.
„Mach dir keine Sorgen. Ich sage dir Bescheid, wenn ich wieder meinen Schwanz gelutscht haben will“, sage ich scharf und drehe mich auf dem Absatz um, damit ich den Herzschmerz in ihren Augen nicht sehen muss. Es berührt mich nicht. Ich habe sie gewarnt. „Gute Nacht.“
Die Tür klickt fast lautlos hinter mir zu. Es schmerzt tief zu wissen, dass sie wegen dem, was heute Abend passiert ist, die Nacht in dieser Wohnung verbringen wird, aber es tut mir nicht so weh, wie es sie offensichtlich verletzt. Das nagende Gefühl, das ich bis in die Knochen spüre, ist der vernünftige Teil in mir, der mich daran erinnert, warum ich Menschen nicht zu nahe kommen lasse. Am Ende ficken sie dich immer. Ich hatte mir geschworen, mein Herz niemals wieder für Schmerz zu öffnen.
Man kann doch nichts kaputtmachen, das nicht existiert, oder?
Wenn ich nur den tiefen, auslaugenden Schmerz in meiner Brust erklären könnte.
Ich glaube, das nennt man … Bedauern.
KAPITEL ZWEI
ASH
Tschirp.
Ich liebe meinen Vogel. Shrimp ist der beste kleine Piepmatz auf dem Planeten. Aber das einzige Geräusch, das er macht, ist kein zufriedenes. Es ist wütend. Verletzt. Verängstigt. Das ist, mehr als alles andere, was heute Abend passiert ist, das Beunruhigendste. Ich habe Winston im Stich gelassen. Und verdammt noch mal, ich habe meinen Vogel im Stich gelassen.
Dumm, dass ich mich in das kleine Märchen habe hineinziehen lassen, das ich mir ausgemalt hatte, in dem ich ein Dienstmädchen war, das zur Prinzessin wurde und perfekt in die Geschichte ihres schmutzigen Prinzen passte. Winston, milliardenschwerer CEO und der heißeste Junggeselle der Welt, war eine Fantasie, keine Realität. Er bot mir eine Welt aus Glas. Ich bin in diese neuen Schuhe geschlüpft, geblendet vom Glanz, begierig darauf, sein kleines Spielzeug zu sein.
Aber nun ist alles am Bröckeln.
Beim ersten Anzeichen von Problemen fühlt sich alles so an, als würde es zu meinen Füßen zersplittern.
Kein Märchenprinz wird mich diesmal in seine Arme schließen.
Ich beiße mir auf die Lippe, um nicht zu weinen. Ich bin es leid zu weinen. Emotional erschöpft. Mir ist schlecht davon. Den engen Schmerz in meinem Hals hinunterschluckend, schließe ich die Wohnungstür ab und drehe mich dann zu meinem Vogel um.
„Shrimp“, sage ich mit heiserer, zitternder Stimme, während ich meine Handtasche auf die Chaiselongue werfe und meine High Heels wegkicke. „Willkommen zu Hause.“
In der Hurenwohnung.
In seinem Käfig schlägt er wütend mit den Flügeln. Ich bin beunruhigt und frage mich, wie er überhaupt hierhergekommen ist. Winston hat das offenbar während des ganzen Chaos beim Abendessen geregelt, als er jemandem schrieb.
Es ist nicht nur mein Vogel.
Auf meinem Bett liegen meine Kosmetiktasche, mein Rucksack und ein Kleidersack, der definitiv nicht mir gehört. Ich muss ihn nicht aufzippen, um zu wissen, dass er mit Outfits gefüllt ist, die früher einmal in meinem Zimmer bei Winston hingen.
„Nicht weinen, nicht weinen, nicht weinen“, murmele ich, während mir trotzdem heiße, frische Tränen über die Wangen laufen.
Ich öffne Shrimps Käfigtür, damit er etwas Platz hat. Anstatt in meine wartende Hand zu hüpfen, flattert er an mir vorbei und schwirrt durch den kleinen Raum. Er zwitschert scharfe, hohe Laute, die anzeigen, dass ihm seine Umgebung nicht zusagt. Der arme Vogel vermisst seinen Kronleuchter-Spielplatz, die hohen Decken und die großen Fenster.
„Ich hab‘s vermasselt“, erkläre ich ihm mit einer hilflosen Handbewegung. „Ich kann mir nicht einmal vorstellen, welche Folgen das alles haben wird.“
Und das kann ich wirklich nicht.
Winston war nicht sonderlich gesprächig. Ich weiß nicht, ob Schluss mit uns ist oder ob er erwartet, dass ich morgen zur Arbeit komme. Ich weiß nicht, ob er mich noch wegen Leo ausfragen will. Jetzt, wo ich Leo eindeutig verärgert habe, bin ich sicher, dass mein Sexleben durch den Dreck gezogen wird und überall in den sozialen Medien landet, während ich hier in Selbstmitleid vergehe.
Ich stöhne, als ich an die Videos denke, in denen Winston all die schmutzigen Dinge mit mir tut und die für alle sichtbar sein werden. Winston macht sich vielleicht keine Sorgen um seinen Ruf, aber ich will nicht im Herbst mein Studium mit einem Sexskandal im Gepäck beginnen. Ganz zu schweigen davon, dass Dad wahrscheinlich sterben würde, wenn er Wind davon bekäme.
Jeder, den ich kenne, wird es sehen.
Meine Feinde. Die wenigen Freunde, die mir geblieben sind. Die Constantines.
Bei der Vorstellung von Keaton, Tinsley und Perry, wie sie sich das Video ansehen – jeder auf seine eigene Weise schockiert und enttäuscht –, dreht sich mir der Magen um.
Und seine Mutter?
Gott.
Ich fühle mich wie ein Idiot. Leo hat nur darauf gewartet, dass ich einen Fehler mache, begierig darauf, diese Informationen in die Welt hinauszublasen. Ich habe mich von ihm manipulieren lassen, weil ich davor Angst hatte, was die Leute über mich und Win erfahren würden.
Dass er mich für kranke, schmutzige Spielchen bezahlt.
Ach ja, und er bezahlt mich gut.
Ekel vor mir selbst steigt in meinem Magen hoch. Ich wette, die perfekte Meredith sitzt in ihrer Villa mit ihrem dummen Ehemann und grinst wie eine böse Hexe über den Skandal. Wahrscheinlich wartet sie nur darauf, hereinzustürzen, um den Prinzen vor dem Verrat seiner Hure zu retten.
Shrimp landet auf dem Kleidersack und pickt daran. Er ist immer noch sauer, aber zum Glück legt sich das. Dieser Vogel liebt mich, selbst wenn ich mein Leben völlig gegen die Wand fahre. Aus einer halb geöffneten Tasche ragt ein Zettel heraus. Ich ziehe ihn heraus, erschrecke dabei Shrimp, und falte ihn auf, um zu lesen.
Miss Elliott,
Wenn Ihnen irgendwelche Ihrer Sachen aus Mr Constantines Residenz fehlen, kontaktieren Sie mich bitte per E-Mail mit einer Liste. Ich werde dafür sorgen, dass alles zusammengesucht wird, was eventuell übersehen wurde, und dass fehlende Gegenstände ersetzt werden.
Mit freundlichen Grüßen
Deborah
Ich knülle den Zettel zusammen und werfe ihn auf den Boden. Ich bin mir sicher, Deborah war nur allzu begierig darauf, alles stehen und liegen zu lassen, um zu Winston zu hetzen und mich und meinen Vogel rauszuschmeißen.
Wut breitet sich in meinem Magen aus. Das ist lächerlich. Winston hat mir nicht einmal erlaubt, mich vollständig zu erklären oder zu versuchen, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Während das Feuer noch in mir lodert, greife ich nach meinem Handy, um ihm zu schreiben. Ich ignoriere die vielen Nachrichten von Leo, die auf mich warten, und öffne Wins Kontakt.
Ich: Für jemanden, dem alles egal ist, bist du erstaunlich angepisst wegen der ganzen Sache.
Ich drücke auf Senden und brodele vor mich hin, während ich auf seine Antwort warte.
Win: Wenn das ein Versuch einer Entschuldigung ist, ist er mies. Hat dir dein Daddy keine Manieren beigebracht?
Ich: Du weißt, dass es mir leidtut, dass ich dir nicht gesagt habe, dass Leo mich gestalkt hat, aber ich bereue nicht, versucht zu haben, unsere privaten Momente aus den Medien herauszuhalten. Ich habe uns beschützt.
Win: Mit deinem Wachvogel? Ich bin sicher, die Morellis hatten schreckliche Angst.
Obwohl sein Ausweichen in der Sache mit Leo wie ein Stachel sitzt, gibt mir seine Bereitschaft, sich verbal mit mir zu streiten – selbst wenn er wütend genug ist, mich und meinen Vogel aus seinem Haus zu werfen –, Hoffnung, dass es zwischen uns noch nicht vorbei ist. Das hier ist bloß ein Schluckauf. Ein kleines Hindernis auf dem Weg. Wir werden das hinter uns lassen. Ich weiß es einfach.
Ich: Halt Shrimp da raus. Er wird dir nicht so bald verzeihen, dass du ihn von dieser Hexe aus seinem Zuhause entführen lassen hast.
Win: Sein Zuhause ist bei seiner Vogelmama. Außerdem warte ich auf glühenden Kohlen, bis dieser laute Vogel mir verzeiht. Ohhh, stimmt ja. Tu ich gar nicht.
Ich: Du kannst froh sein, dass er nicht lesen kann.
Win: Wenn du mit deinem kindischen Wutanfall fertig bist, gehe ich duschen und dann ins Bett. Ach, ich weiß nicht, ob ich es erwähnt habe, aber ich habe keinen Handtuchwärmer.
Ich starre verwirrt auf seine Nachricht.
Ich: ???
Er antwortet nicht mehr. Arschloch. Ich überlege, Perry anzurufen, um mit ihm über das zu reden, was heute Nacht passiert ist, aber er ist Wins Bruder. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Ablehnung ertragen könnte, wenn Perry mich abblitzen lässt.
Mein Handy vibriert mit einer weiteren eingehenden Nachricht, aber es ist nicht Winston.
Dad: Bei allen dreien müssen sie operieren. Manda und ich sind im Krankenhaus und warten, um mit ihnen zu sprechen. Ich weiß, es interessiert dich wahrscheinlich nicht, aber Manda ist völlig fertig und sorgt sich sehr.
Schuld kriecht durch mich hindurch, was nervt. Sie haben alles verdient, was sie bekommen haben. Wenn Win sie nicht aufgehalten hätte … ich kann gar nicht daran denken, was Scout getan hätte in der Nacht, als sie versucht haben, sich an mir zu rächen, weil sie Harvard verloren haben. Ich bin sicher, das hätte mich unumkehrbar verändert und gebrochen.
Ich: Halte mich auf dem Laufenden.
Weil ich mich gern an ihrem Schmerz ergötze.
Ich: Und, Dad … Falls irgendwas über mich in den Nachrichten kommt, schau es dir nicht an.
Dad: Was soll das denn heißen???
Ich: Vielleicht nichts. Vielleicht mache ich mir nur Sorgen.
Dad: Was ist los? Bist du in Schwierigkeiten? Hat dieser Mann dir etwas angetan?
Dieser Mann.
Winston Constantine ist so viel mehr als nur dieser Mann. Er ist ein Gott unter Sterblichen. Mächtig, reich, berechnend. Ein böser Prinz. Die Dinge, die er mir angetan hat, sind genau das, wovor ich Angst habe. Das sind Dinge, die kein normaler Mensch wollen sollte, und trotzdem bettele ich in einem Video darum.
Dad: Ash, Liebling, sprich mit mir. Soll ich Mandas Anwalt anrufen?
Es ist die Schuld ihrer Söhne, dass diese Bilder und Videos überhaupt in Leo Morellis Hände gelangt sind. Nein, danke.
Ich: Ich regel das, Dad. Wollte dich nur warnen.
Ich habe das überhaupt nicht unter Kontrolle, aber ich werde auf keinen Fall zulassen, dass mein Vater mich retten muss. Das ist mein Schlamassel, also muss ich ihn selbst aufräumen.
Jetzt, da die Tränen getrocknet sind und Entschlossenheit eingezogen ist, fange ich an, meine Sachen auszupacken. Die Wohnung ist zugegeben süß, und insgeheim bin ich dankbar, dass ich einen Ort habe, um mich zurückzuziehen. Weg von allen. Nur ich und mein Vogel. Ich weiß nicht, wie lange ich hier bleiben darf, besonders wenn Win mich wegen dieser Sache aus seinem Leben drängt, aber ich habe sie, wenn ich sie am meisten brauche, und das ist alles, was zählt.
Nach einer heißen Dusche, bei der ich den beschissenen Tag von mir wasche, mache ich das Licht aus, werfe Shrimps Decke über seinen Käfig und krieche dann ins Bett. Es ist nicht so weich wie das, auf dem ich bei Win schlafe, aber es ist trotzdem schön. Eine Weile suche ich auf meinem Handy online nach einem Entschuldigungs-Geschenk. Sobald ich es gekauft habe, ändere ich die Ausrichtung meiner Suche. Auf mich und Win.
Bisher … kein Sexskandal, der überall im Internet verbreitet wurde.
Das hilft meiner Angst überhaupt nicht. Es fühlt sich einfach an wie eine Bombe, die darauf wartet zu explodieren. Die Erwartung ist schlimmer als die Explosion.
Ich stelle mir eine riesige Version von Winston vor, wie er mich in den Arsch fickt auf einer der Werbetafeln am Times Square. Okay, also ist die Explosion doch schlimmer als die Erwartung. Uff.
Sosehr ich auch darüber nachgrüble, was Leo tun könnte oder nicht, versuche ich, meine Gedanken woandershin zu lenken. Mein Kopf driftet zu einem einfacheren Leben, als Tate noch mein Freund war. Damals war nicht alles so stressig. Langweilig, ja, aber sicher.
Nichts an meinem Leben ist jetzt sicher.
Ich bin mit einem Löwen ins Bett gegangen und nun wird mir klar, dass ich nur eine kleine Maus bin.
Ich bin hier völlig überfordert.
Einsamkeit bringt mich dazu, jemanden zu kontaktieren, auf den ich früher zählen konnte. Tate. Bis die Drillinge ihn vertrieben haben, jedenfalls. Ich sehne mich nach unserer einfachen Freundschaft und seinen ruhigen Worten. Da seine Nummer nicht in meinem neuen Handy gespeichert ist, schreibe ich ihm auf Facebook.
Ich: Das Leben ist heutzutage verrückt. Es gibt so viel, das ich dir erzählen möchte. Wir sollten uns bald auf einen Kaffee treffen und alles nachholen.
Ich wünschte, wir wären Freunde geblieben, aber das ist eine weitere Sache, die die Terror-Drillinge in meinem Leben ruiniert haben. Es ist Zeit, mir mein Leben zurückzuholen. Ich kann klein anfangen. Tate ist nicht wie all die anderen Männer, mit denen ich zu tun hatte. Er ist ein guter Mensch. Ich kenne ihn. Er wird mir seine Schulter zum Ausweinen anbieten und mir dann die Motivation geben, die ich brauche, um mich aus dem Dreck zu ziehen.
Und genau das werde ich auch tun. Aufstehen. Schmutz abklopfen. Weitermachen.
Die Alternative ist, mich von Leo Morelli kleinkriegen zu lassen. Pech für ihn, ich habe zu viel Zeit mit den Constantines verbracht. Wenn ich bisher etwas von dieser Familie gelernt habe, dann das: Man lässt dem Feind niemals das letzte Wort. Das hier ist nicht vorbei.
Das werde ich nicht zulassen.