Leseprobe Meine perfekten Eltern | Ein nervenaufreibender Psychothriller

Prolog

Vorher

Alles war falsch. Durcheinander und aus dem Gleichgewicht. So hatte es nicht kommen sollen. Sie hatte einen Fehler gemacht. Einen schlimmen. Den schlimmsten. Sie hatte geglaubt, dass er sie liebte, dass sie etwas Besonderes verband, aber das war ein schwerwiegender Irrtum ihrerseits gewesen. Der schlimmste Fehler, den sie je begangen hatte. Und jetzt lag sie im Sterben. Das sah sie an dem Blut – so viel davon. Ein dicker, purpurroter Fleck auf dem Boden, der sich ausbreitete und eine Lache bildete, während es ihr aus ihrem Kopf sickerte. Sein fleischiger Geruch stieg ihr in die Nase. Sie würgte und legte die Finger vor den Mund, um das Erbrochene zurückzuhalten, das aus ihr herauszusprudeln drohte, ihr in die Speiseröhre stieg und ihre Kehle wie geschmolzene Lava verbrannte.

Die Wunde war schlimm. Sie musste sie nicht berühren, um zu spüren, wie schwer sie verletzt war. Wie kaputt sie war, innerlich und äußerlich. Die Übelkeit und die Benommenheit sagten ihr alles, was sie wissen musste. Wie vernebelt ihre Gedanken waren, wie der Boden unter ihr schwankte; das genügte. Sie stellte sich ein klaffendes Loch in ihrem Hinterkopf vor. Sie war gebrochen, ein Wrack. Und jetzt würde sie hier auf dem Boden seines Schlafzimmers verbluten. Alles wegen dieses einen schrecklichen, schrecklichen Fehlers. Des Fehlers zu glauben, dass er sie liebte, dass sie eine gemeinsame Zukunft hatten und sie für ihn mehr als nur eine vorübergehende Laune war. Eine bloße Liebschaft.

Es hatte keinen Sinn, sich zu bewegen. Ihr Körper war schwer wie Blei, ihre Adern leerten sich langsam. Sie hatte nicht mehr viel Zeit. Gedanken an ihre Familie erfüllten ihren Kopf: warme, glückliche Tage, Picknicks auf dem Rasen, die liebevolle Umarmung ihrer Mutter, das Lachen ihres Vaters. Und ihr Bruder. Ihr wunderbarer, fürsorglicher Bruder. Wenn sie sich bewegen könnte, wenn sie diesen Ort verlassen könnte, würde sie sie wiedersehen können, ihre lieben Stimmen hören, den honigsüßen Klang ihres Namens hören, wenn sie gerufen wurde. Sie würde wieder den süßen Duft der Blumen in ihrem Garten riechen können und voller Staunen den Efeu betrachten, der langsam an der Hauswand emporrankte, und die zartrosa Pfingstrosen, die in Büscheln entlang der breiten Beete wuchsen.

Plötzlich von dem Bedürfnis nach Flucht und der tiefen Sehnsucht, ihre Familie wiederzusehen, erfüllt, versuchte sie, sich über den Boden zu winden und sich aus der Lache klebrigen, übelriechenden Blutes zu ziehen. Wenn sie sich nur noch ein kleines Stückchen weiterbewegen, unter das Bett schlüpfen und eine Weile warten könnte, dann hätte sie vielleicht eine Chance, aber egal, wie sehr sie sich auch anstrengte, ihre Glieder wollten nicht so funktionieren, wie sie sollten, ihr Körper war träge und steif. Selbst das Atmen war eine enorme Anstrengung.

Also blieb sie still liegen, sparte die wenige Energie, die ihr noch blieb, und konzentrierte sich nur auf die nächsten Sekunden, darauf, sie zu überstehen. Das war alles, was nötig war, um diesem Ort zu entkommen, aus diesem Haus zu gelangen und Hilfe zu holen. Nur ein paar lebenswichtige Sekunden.

Dann, als wären ihre Gebete erhört worden, ließ der Schmerz in ihrem Kopf nach. Sie stieß einen leisen Seufzer aus, Tränen drohten ihr in die Augen zu steigen. Vielleicht würde doch noch alles gut werden. Ihre Arme und Beine fühlten sich leichter an, voller Luft. Sie war wie aus Seide, alles fließend und mühelos. Außer ihren Lidern. Sie waren bleiern, hingen herab, wie aus Stein, von der Schwerkraft nach unten gezogen. Schlaf, das war die Lösung. Sie würde ein kurzes Nickerchen machen, ihrem geschwächten Körper etwas Kraft zurückgeben, ihre Gedanken sammeln und dann aufstehen und diesem gottverlassenen Ort für immer entfliehen.

Es dauerte nur ein oder zwei Sekunden, bis sie in den tiefsten Schlaf fiel. Einen Schlaf, aus dem sie nie wieder erwachen würde …

Kapitel Eins

Die Eltern

Er zieht seine Jacke und seine Schuhe aus und legt sie neben sich auf den Boden. Sie tut es ihm gleich, beobachtet ihn, ahmt seine Bewegungen nach. Er hat keine Ahnung, warum sie Teile ihrer Kleidung ablegen. Es ist ein sinnloses Unterfangen. Sobald sie diese wenigen Schritte nach vorne machen, diesen Sprung in die Dunkelheit der Nacht wagen und unter die Wasseroberfläche sinken, spielt es keine Rolle mehr, was sie tragen. Er hatte den Fluss früher am Tag aufgesucht, bevor die Sonne langsam hinter den Hügeln verschwand, und konnte sehen, wie stark die Strömung war. Wie gefährlich sie war. Dort unten ist sie schnell. Und tief. Wochenlanger Regen hat den Fluss in einen reißenden Strom verwandelt. Trotzdem, Kleidungsstücke zurückzulassen ist ein Zeichen. Es zeigt allen, dass sie es tatsächlich getan haben, dass sie den Sprung gewagt und ihre Probleme weit hinter sich gelassen haben. Wenn ihre Leichen nicht gefunden werden, bleiben ihre Kleidungsstücke als Beweis zurück. Er will nicht an die Folgen denken: ihre aufgeblähten Leichen, ihre grauen, entstellten Gesichtszüge, wenn ihre Körper aus dem Wasser gezogen werden. Er will nicht darüber nachdenken, dass er keine Kontrolle mehr hat, wenn alles vorbei ist. Das war immer sein Ding – das Sagen zu haben. Aber es konnte nicht ewig so weitergehen. Nichts ist für immer. Besser, er beendet es jetzt, solange er noch die Oberhand hat.

Draußen ist es dunkel. Er starrt vor sich hin, blinzelt in die Nacht und wünscht sich, es wäre nicht so weit gekommen. Aber es ist so weit gekommen, und egal, wie sehr er sich auch bemüht, er sieht keinen anderen Ausweg. Sie haben die Entscheidung getroffen. Ein makabrer Pakt. Es gibt kein Umkehren mehr, keinen Weg zurück zu dem, wie es einmal war. Es sind nur noch sie beide, für alle Ewigkeit aneinander gefesselt. Ob das ein Trost oder eine Qual ist, darüber lässt sich streiten.

Der Wind frischt auf, wird stärker: eine heftige Böe drückt ihnen in den Rücken. „Komm“, sagt er, seine Stimme gerade laut genug, um über das Rauschen des Flusses und das Heulen des Windes, der ihnen um die Ohren peitscht, hinweg gehört zu werden. „Es ist Zeit.“

Sie antwortet nicht. Er nimmt ihre Hand, aber sie reißt sie weg und dreht sich zu ihm um, das Mondlicht schimmert silbern auf ihrem Gesicht, betont jede Kontur und Falte, ihre einst glatte, makellose Haut ist nun eine Landkarte aus Lach- und Sorgenfalten. Das Leben hat ihr das angetan. Ihnen. Er wollte nicht, dass es so endet, aber zumindest erspart es allen, das ertragen zu müssen, was als Nächstes gekommen wäre, hätten sie sich nicht zu diesem unorthodoxen Schritt entschlossen. Manchmal nimmt das Leben eine scharfe Wendung, die alle überrascht, und die Menschen müssen sich anpassen und akzeptieren, was als Nächstes kommt.

„Ich bin bereit“, sagt er und beobachtet sie aufmerksam. Sie sieht ihn an und nickt, ihre Augen sind dunkel, ihr Mund zu einer dünnen, straffen Linie verzogen. Gott, er liebte sie. Sie liebten sich. Das war früher. Bevor alles schiefging und ihre Welt zu zerfallen begann, zu Nichts zerbröckelte. Sie gibt ihm die Schuld, und vielleicht hat sie recht damit. Er hat Fehler gemacht. Viele davon. Aber letztendlich war es ihr Fehler, ihre Weigerung, das Richtige zu tun, die sie in die dunkelste Ecke ohne Ausweg gedrängt hat. Das hier – das kalte, tosende Wasser – ist das Einzige, was ihnen noch bleibt. Die einzige Fluchtmöglichkeit, die sie vor der brutalen Wahrheit ihres zerstörten Lebens haben. Früher waren sie jemand, sie beide zusammen, ihre Namen wurden mit Liebe und Ehrfurcht ausgesprochen. Mit der Zeit wird ihr Tod in Vergessenheit geraten. Die Menschen werden weitermachen. Nächstes Jahr um diese Zeit werden sie niemand mehr sein. Ein Paar vergessener verlorener Seelen. Wahrscheinlich ist es besser so. Besser vergessen zu werden, als dass mit Feindseligkeit und Bitterkeit über einen gesprochen wird.

Sie zeigt keine Emotion, ihre Augen sind gegen die heulenden Windböen zusammengekniffen, ihre Miene ist ausdruckslos, als sie beide auf die Metallbarriere klettern und ihre Beine über den Rand baumeln lassen. Ist sie nervös? Er kann es nicht sagen. Auf der Fahrt hierher war sie still, hat seine Fragen und sein belangloses Gerede mit leeren Blicken beantwortet. Kaum verwunderlich, wenn man bedenkt, was sie durchgemacht haben. Was sie gleich tun werden. Und jetzt, wo sie hier sind, schweigt sie immer noch. Distanziert und teilnahmslos. Das Leben, ihre Handlungen und die Entscheidungen, die sie getroffen haben, haben sie auseinandergetrieben. Jetzt zumindest werden sie diese Sache gemeinsam tun. Eine Zeit lang getrennt, aber am Ende zusammen. Dieser Gedanke gibt ihm Auftrieb und vertreibt die Ängste, die ihn zu quälen beginnen, kleine Fäden der Unruhe, die sich unter seine Haut graben. Angst ist ein Hindernis, etwas, das es zu vertreiben gilt. Es ist eine fremde Erfahrung für ihn und eine unwillkommene dazu. Selbstvertrauen war für ihn immer leicht zu erlangen gewesen. Nun ist es plötzlich verschwunden, gerade als er es am meisten braucht, und hinterlässt ein Gefühl der Verlorenheit und Verwirrung. Er klammert sich an das Geländer und schließt die Augen.

Hinter ihnen ist alles ruhig. Kaum Verkehr. Es ist früh am Morgen, alle sind zu Hause, sicher und warm in ihren Betten, während die beiden hier draußen dem Sturm trotzen, hoch über einem schnell fließenden Fluss, bereit, das zu tun, was getan werden muss. Mutig. Das sind sie. So möchte er, dass man sich an sie erinnert: als mutiges Paar, das dies getan hat, weil es das Richtige war. Nicht als Menschen, die einen schrecklichen Fehler begangen haben. Nicht als Mann, der ein ausschweifendes Leben führte, oder als Frau, die versuchte, ihn davon abzuhalten. Man spricht doch nicht schlecht über Tote, oder? Er hofft es zumindest. Er hofft, dass ihre Geheimnisse mit ihnen begraben werden. So wie es sein sollte.

„Ich zähle bis drei. Dann machen wir es, okay?“

Er öffnet die Augen und sieht sie an. Sie nickt, weigert sich, ihn anzusehen, weigert sich immer noch zu sprechen. Er versteht das. Sie ist aufgebracht und wütend und wahrscheinlich sehr verängstigt. Sie hat jedes Recht dazu. Das hier ist nicht normal. Was sie gleich tun werden, ist absurd und erschreckend und völlig abnormal. So hatten sie sich ihre Zukunft nicht vorgestellt. Aber jetzt ist es so weit. Es gibt kein Zurück mehr.

Das Metallgitter der Barriere fühlt sich kalt an, seine Finger krallen sich um die eisige Oberfläche. Er sieht nach unten, schluckt schwer und lauscht dem Rauschen des dunklen Wassers unter ihm. Sie tut es ihm gleich.

„Eins, zwei, drei …“

Er nimmt seine Finger vom Metall und berührt ihre Schulter, drückt langsam die obere Hälfte ihres Körpers nach vorne und senkt dann seine Hand, bis seine Finger fest in ihren Rücken gedrückt sind. Sie zuckt zusammen, aber er bewegt sich nicht weg. Sie kann nirgendwo hin. Außerdem müssen sie es tun. Sie weiß das. Sie haben es so vereinbart. Er versetzt ihr einen kräftigen Stoß, bevor er sich fallen lässt, der Wind peitscht gegen seinen Körper, das Gefühl der Schwerelosigkeit ist beeindruckend. Er schließt die Augen. Er muss den reißenden Fluss unter sich nicht sehen. Er muss die schäumende Strömung und die endlose Tiefe des eiskalten Wassers nicht sehen. Er weiß, was als Nächstes kommt, ist bereit, es anzunehmen, und bereitet sich stattdessen vor, hält den Atem an und spricht ein paar Worte zu einem Gott, an den er nicht glaubt, während er darauf wartet, dass die eisige Welle ihn verschlingt.

Es ist wie ein scharfer Schmerz, als würde ein Messer durch seinen Bauch schneiden, als er auf das Wasser trifft, und die kleinen Steine in seinen Taschen ziehen ihn immer tiefer. Und die Kälte, sie ist allumfassend, verlangsamt seine Bewegungen, trübt sein Denken. Er schnappt plötzlich nach Luft, seine Brust verkrampft sich, und dann zählt er bis drei, Sterne explodieren hinter seinen Augen, während er darauf wartet, dass der Tod ihn holt. 

Kapitel Zwei

Flo

Die Kirche ist voll. Bis unter das Dach gefüllt. So viele Menschen. So viele Freunde und Nachbarn und Bekannte, und dann sind da noch die Ghule, die gekommen sind, um sich das Spektakel anzusehen. Ich vermute, dass der Mann hinten in dem weißen Hemd und der schlecht sitzenden Hose von der Presse ist. Ich erkenne ihn nicht. Er ist wohl auf der Jagd nach einer Story, einem Informationsschnipsel, den er in etwas Nachrichtenwürdiges verwandeln kann. Meine Eltern waren so etwas wie der Landadel dieser Stadt. Nur dass sie es nicht waren. Landadel, meine ich. Wir lebten in einem Haus, das zwar sehr groß, aber nicht ganz so prächtig war wie einige der vornehmeren Herrenhäuser, die über North Yorkshire verstreut liegen. Es ist ein Gebäude im palladianischen Stil mit sechs Schlafzimmern, 1720 erbaut, und Gerüchten zufolge hat mein Ur-Ur-Urgroßvater es beim Kartenspiel gewonnen. Ich glaube nicht, dass wir je die Wahrheit erfahren werden, zumal meine Eltern mittlerweile beide tot sind. Oder vermutlich tot sind. Mein Vater liegt in diesem Sarg, das weiß ich, denn ich habe ihn identifiziert. Das Make-up, das der Bestatter aufgetragen hat, kann seine graue Blässe kaum verbergen, aber die Leiche meiner Mutter wurde nie gefunden. Wahrscheinlich treibt sie inzwischen irgendwo auf hoher See, und dieser Gedanke macht mich ziemlich krank. Ich unterdrücke ein Schaudern, ziehe meinen Kragen gegen die Kälte der schlecht beheizten Kirche hoch und blicke auf die Broschüre auf meinem Schoß.

In liebevoller Erinnerung an Jackson & Lydia Hemsworth

Zwei junge, lächelnde Menschen blicken mich an, ihre Gesichter voller Glück und Hoffnung. Wann ist dieses Glück verschwunden? Ich küsse meinen Finger und lege ihn auf den Mund meiner Mutter, voller Liebe und Sehnsucht. Ich konnte mich nicht von ihr verabschieden und vermisse sie so sehr. Ich vermisse diesen letzten Abschied. Er sitzt in mir wie ein gähnender Abgrund. Eine Lücke, die niemals gefüllt werden kann. An dem Tag, als ich es erfuhr, riss sie ein Loch in mein Leben. Das taten sie beide. Die Erinnerung an diese Zeit wird mich nie verlassen. Der Anblick der zwei Polizisten, die vor meiner Tür standen, fragten, ob sie hereinkommen dürften, mich zu einem Stuhl führten, bevor sie mir die Nachricht überbrachten: Meine Eltern waren von der Newport Bridge in das eiskalte Wasser darunter gesprungen und ums Leben gekommen. Alles, was nach dieser Nachricht geschah, ist verschwommen. Ich glaube, ich habe geschrien. Oder ein kehliges Brüllen ausgestoßen. Einer der Beamten ging in meine Küche, kam mit einem Glas Wasser zurück und reichte es mir mit geübter Präzision und Mitgefühl, daran erinnere ich mich noch genau. Ich glaube, ich habe vielleicht geflucht und bin ins Badezimmer gerannt, um mich zu übergeben. Selbst die Erinnerung daran löst eine weitere viszerale Reaktion aus, mein Magen verkrampft sich vor Ekel, als ob hundert Messer darin stecken und langsam meine Eingeweide zerhacken würden. Ich schlucke und verdränge den Gedanken.

Hinter mir schnieft jemand und räuspert sich. Das Rascheln, als die Person nach einem Taschentuch sucht, holt mich zurück in die Gegenwart, zurück zu einem Punkt in meinem Leben, den ich nie für möglich gehalten hätte. Oder vielleicht doch. Vielleicht haben meine Geschwister und ich es verdrängt, die Möglichkeit dessen, was passieren könnte, wenn wir von zu Hause weggehen würden. Es war nie einfach gewesen, aber nachdem wir ausgezogen waren und eigene Häuser hatten, wurde es ohne Zweifel noch schlimmer. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, wie viel unsere Mutter in unserer Abwesenheit ertragen musste.

Wir haben es als Gedenkfeier und nicht als Beerdigung angekündigt, obwohl der Leichnam unseres Vaters in seinem Sarg auf einem Sockel direkt neben meinem Platz liegt. Es erschien uns passender. Wie könnten wir für den einen eine Beerdigung abhalten und für den anderen nicht? Sie sind zusammen gestorben, und ihr Leben sollte so in Erinnerung bleiben, wie es war – als Paar. Nicht getrennt. Auch wenn sie enorme Unterschiede hatten. Auch diesen Gedanken verdränge ich. Mein Kopf scheint voller dunkler, schmerzlicher Erinnerungen an sie zu sein. Hier bei ihrer Beerdigung zu sitzen und mich darauf zu konzentrieren, wie unterschiedlich sie waren, fühlt sich nicht richtig an. Das Mindeste, was wir tun können, ist, so zu tun, als würden wir versuchen, sie zusammenzubringen, auch wenn das Drama, dass sie ihr Leben auf so unerklärlich schreckliche Weise beendet haben, uns anderen fast auseinandergerissen hätte.

Der Geräuschpegel in der Kirche wird leiser, als der Priester an das Rednerpult tritt. Wir hätten eine humanistische Trauerfeier haben sollen. Ich habe keine Ahnung, warum wir diese Kirche gewählt haben. Ich vermute, weil sie so nah ist und viele Menschen meine Eltern als Säulen der Gemeinde betrachteten, als das wohltätige Ehepaar, das wie schon ihre Eltern vor ihnen jahrzehntelang in Armett House gelebt hatte, und man erwartete, dass Ezra, Jessica und ich ihnen einen würdigen Abschied bereiten würden, eine unvergessliche Beerdigung, wie sie so angesehenen Menschen gebührt. Von manchen angesehen jedenfalls. Nicht von allen. Meine Eltern hatten das Talent, Menschen gleichermaßen zu helfen und zu verärgern. Zumindest mein Vater. Das war sein prägendes Merkmal. Seine Stärke. Alles, was Mutter tat, war, seine schäbigen Eigenheiten auszugleichen, indem sie immer da war und so viel Freundlichkeit wie möglich verbreitete, um sein schwieriges Verhalten zu kompensieren.

Die Orgel setzt zu ihrem donnernden Klang an, die Töne hallen um uns herum in einem wirbelnden, melodischen Brausen. Ich atme scharf ein und lausche den Stimmen um mich herum, wie sie „Amazing Grace“ singen, den Lieblingshymnus unserer Mutter. Für unseren Vater hatten wir keinen gewählt. Ich bin mir nicht mal sicher, ob er überhaupt einen hatte. Unser Vater tanzte nach seiner eigenen Melodie.

Ezra steht links von mir, seinen Blick auf einen Punkt hinter der Kanzel gerichtet. Jessica steht auf der anderen Seite von mir. Keiner von uns singt mit. Ich glaube, es ist uns egal, ob die Leute es seltsam und respektlos finden, dass wir nicht mitsingen. Bei Beerdigungen gibt es keine festen Regeln. Wir können tun und sagen, was wir wollen. Wenn wir gewollt hätten, hätten wir uns darauf einigen können, „Knees Up Mother Brown“ zu singen, und niemand hätte uns daran hindern können. Dies ist unsere Zeit zum Trauern, und Trauer kann viele Formen annehmen und ein breites Spektrum an Emotionen umfassen. Wenn Ezra, Jessica und ich schreien und brüllen wollen, dann soll es so sein, und wenn wir lieber mit gesenkten Schultern und ausdruckslos dastehen wollen, dann ist auch das völlig in Ordnung. Ich finde, unter den gegebenen Umständen halten wir uns bemerkenswert gut, wir stehen weiterhin aufrecht und liegen nicht zusammengesunken hinten in der Sakristei, neben uns der Priester, der ratlos die Hände ringt, während er überlegt, wie er uns wieder auf die Beine bringen und zurück in die Kirche führen kann, damit er einen halbwegs anständigen Gottesdienst abhalten kann. Aber ich schweife ab.

Die Musik ist für mich nichts weiter als weißes Rauschen in meinem Kopf. So sehr ich meine Mutter auch geliebt habe, ich kann es kaum erwarten, dass das hier vorbei ist. Mein Bruder, meine Schwester und ich haben eine Menge Arbeit vor uns: ein Haus muss aufgeräumt, Zimmer müssen entrümpelt werden. Ich denke an das Nähzimmer meiner Mutter und das Arbeitszimmer meines Vaters und fühle mich schwach und leicht überwältigt. So viele Sachen. Fünfzig Jahre Unordnung, die es zu bewältigen gilt. Aber vorher müssen wir die Beerdigung hinter uns bringen, Leute begrüßen, Hände schütteln. Eine Gemeinschaft versorgen. Ich wollte danach kein Beisammensein. Es erscheint mir unpassend. Tatsächlich widerte mich der Gedanke daran sogar an. Jessica war unentschlossen, aber Ezra bestand darauf, schon allein aus Respekt vor unserer Mutter, der Stütze unserer Familie. Sie war der Dreh- und Angelpunkt, der uns alle zusammenhielt. Nur tat sie das am Ende nicht mehr. Irgendwann gab der Dreh- und Angelpunkt nach und brach unter der Belastung zusammen. Die Vorstellung zu essen, zu trinken und zu plaudern, während die Leiche meiner Mutter noch unentdeckt ist, erscheint mir makaber und unhöflich. Zumindest liegt mein Vater in seinem Sarg, seine Überreste sind sauber und trocken. Meine Mutter ist derzeit Gott weiß wo, ihr armer, aufgeblähter Körper treibt irgendwo flussabwärts. Ein Teil von mir hofft, dass sie nie gefunden wird, dass sie in Frieden bleibt, wo immer sie auch ist, und doch möchte ein Teil von mir, dass sie nach Hause kommt, dorthin, wo sie hingehört. Zurück zu uns, ihrer Familie.

Es wird still, als die Musik und der Gesang verstummen. Wir warten darauf, dass der Priester spricht, jedes Rascheln der Kleidung, jeder Atemzug, jedes Flüstern und Seufzen hallt in meinem Kopf wider. Seine Worte spenden wenig oder gar keinen Trost. Wir waren keine religiöse Familie. Vielleicht hätten wir es sein sollen. Vielleicht hätten sich unsere Probleme lösen lassen, wenn wir uns Gott zugewandt und auf die Lehren der Bibel gehört hätten. Aber andererseits hätten die alten Worte einer unsichtbaren Gottheit wahrscheinlich wenig dazu beigetragen, unsere Probleme zu lindern. Sie helfen jedenfalls nicht dabei, die Leiche unserer Mutter zu finden. Ich würde alles geben, um sie zu finden. Das hat sie verdient, und noch viel mehr.

Ich höre, wie unsere Namen genannt werden: Jessica, Ezra und ich. Father McLeod, der Gemeindepriester, liest die Trauerrede vor, die wir ihm gegeben haben. Nur Worte auf einem Blatt Papier. Das ist alles, was sie sind. Sie repräsentieren nicht, wer wir jetzt sind oder wer wir einmal waren. Es ist lediglich ein Schnappschuss der schönsten Momente unserer Kindheit. Die Teile, bei denen wir nichts dagegen haben, dass alle davon erfahren. Die unvergesslichsten und glücklichsten Momente der Ehe unserer Eltern. Denn es gab einige, bevor der Verfall einsetzte und unser tägliches Leben verdarb. Nicht jeder hat das gesehen oder erkannt, was es war, nicht einmal Mitglieder meiner eigenen Familie. Wir alle haben unsere blinden Flecken, nicht wahr? Wir sehen, was wir sehen wollen, um unser Dasein erträglicher zu machen. Und wir alle haben unsere eigenen Wendepunkte, diesen entscheidenden Moment, in dem alles zusammenbricht und unser Leben ins Trudeln gerät. Einige von uns fallen schon seit vielen Jahren und warten auf den Moment, in dem wir mit einem schrecklichen Krachen auf dem Boden aufschlagen. Ich hoffe, dass die Nachricht vom Selbstmord meiner Eltern dieses schreckliche Krachen ist und dass nichts mehr kommt, aber man weiß ja nie. Nicht bei der Familie Hemsworth. Man weiß es einfach nie.

Es kehrt wieder Stille ein. Nebel wirbelt in meinem Kopf herum. Ich spüre einen Stoß in meine Seite und drehe mich um. Ezra beobachtet mich und bedeutet mir, aufzustehen. Es ist vorbei. Es ist Zeit zu gehen. Jessica steht da, starrt geradeaus, ihre Miene ist ausdruckslos, ihre Wangen trocken, ihre Augen ohne Tränen.

Ich atme tief durch und bereite mich auf den nächsten Teil vor. Die Beerdigung und dann die Zusammenkunft im örtlichen Gemeindezentrum. Ich fühle mich müde und benommen, noch bevor irgendetwas begonnen hat.

Amber, Ezras Partnerin, lächelt mich an und beugt sich zu mir herüber, um meine Hand zu drücken. Ich erwidere die Geste, weil es höflich ist, stehe von meinem Platz auf, meine Beine fühlen sich schwach an, und folge dann den anderen, die die Kirche verlassen und schweigend den Gang entlanggehen, hinter dem Sarg meines Vaters. Eine Menge Gesichter beobachten unsere Bewegungen, ihre Blicke sind gesenkt, als wir vorbeigehen, bevor sie langsam und leise von den Kirchenbänken aufstehen und hinter uns hergehen, eine Schlange stiller Trauernder, die die Kirche verlassen.

Es ist eine Beerdigung nur für die Familie. Ezra, Amber, Jessica und ich gehen zum hinteren Teil des Friedhofs und folgen den Sargträgern mit gesenkten Köpfen in stiller, respektvoller Ehrfurcht. Nicht, dass ich mich sonderlich respektvoll fühle. Ich tue nur, was von mir erwartet wird. Es wäre nicht angebracht, öffentlich Aufsehen zu erregen, oder? Nicht, wenn so viele dieser Leute denken, dass unsere Familie das Beste seit geschnitten Brot ist. Also werde ich das Richtige tun, mich wie eine pflichtbewusste, trauernde Tochter verhalten und dann, wenn alles vorbei ist, nach Hause gehen, mich im Bett zusammenrollen und dort bleiben, bis sich alles besser anfühlt. Weniger bedrückend. Weniger traumatisch. Und ich werde dort bleiben, bis sich das Leben wieder normal anfühlt. Was auch immer normal ist.

Der Regen prasselt nieder, während wir am Grab stehen, das klaffende, sarggroße Loch füllt sich mit Wasser und Schlamm. Ich schaue weg, während mein Vater in sein Grab gesenkt wird, und Gedanken an seine letzten Minuten füllen meinen Kopf – wie kalt ihm gewesen sein muss. Wie verängstigt er war. Und doch hat er es getan – sie beide haben es getan. Ich denke daran, wie sie in dieser wilden und stürmischen Nacht ihre Jacken und Schuhe auszogen und in den eiskalten, reißenden Fluss sprangen, und solange ich lebe, werde ich dieses Bild nie aus meinem Kopf bekommen: das schrecklich klare Bild, das ich vor Augen habe, von ihren erstarrten Gesichtszügen und ihren zappelnden Gliedmaßen, als sie diesen Sprung machten, das eisige Wasser, das sie verschluckte und sie in den unvermeidlichen Tod zog, und mich, Jessica und Ezra zurückließen, um die Scherben ihres zerbrochenen und verstörten Lebens aufzulesen. Ich frage mich, ob sie an uns gedacht haben. Haben sie überhaupt einen Gedanken an uns verschwendet, als sie diesen letzten Sprung in den Fluss wagten? Oder waren sie beide so sehr in ihrem eigenen Strudel des Elends gefangen, dass kein Platz für andere war?

Father McLeod spricht einen kurzen Segen, sobald der Sarg an seinem Platz steht. Ezra und Amber werfen eine einzelne rote Rose darauf. Jessica stößt ein leises Schluchzen aus. Ich wische mir mit meinem durchnässten, regengepeitschten Ärmel über das Gesicht, drehe mich dann um und gehe davon.