Kapitel 1
Jetzt
Dezember
Nicht er auch noch.
Die Worte schossen durch meinen Kopf, bevor ich sie aufhalten konnte. Nichts war mehr wie früher. Es konnte nicht sein. Und doch raste mein Herz, als ich auf den leeren Platz im Kleiderschrank sah, an dem Callums Sachen neben meinen gehangen hatten. Heute Morgen waren sie noch da gewesen, als ich zur Arbeit aufbrach. Er war noch da gewesen.
Wir sehen uns heute Abend, erinnerte ich mich an seine letzten Worte. Ich liebe dich, das weißt du, oder?
Ich hatte genickt. Ich wusste es. Diese Tatsache war das Wichtigste, was ich in den letzten Jahren wirklich wusste.
Ich liebe dich auch, hatte ich ihm geantwortet.
Diese vier kleinen Worte zu sagen und sie wirklich zu fühlen, waren so lange völlig unmöglich für mich. Doch die letzten fünf Monate hatten das geändert. Er hatte das geändert.
Und jetzt starrte ich in einen halb leeren Kleiderschank und Callum war nirgendwo zu finden.
Eine Welle der Verzweiflung rollte durch meinen Körper und setzte mich unter Strom. Ich riss Schublade um Schublade auf und suchte nach seinen Sachen.
Sie mussten irgendwo sein. Sie mussten einfach.
Und doch waren sie es nicht.
Mir gingen die Schubladen aus und alles, was ich gefunden hatte, war gähnende Leere.
Ich tigerte hilflos im Kreis und scannte das Zimmer, so als würden die Sachen plötzlich wieder auftauchen. Als hätte ich sie einfach übersehen und sie materialisierten sich plötzlich aus der Luft, wenn ich nur verbissen genug suchte oder lange genug hinsah. So wie es mein Autoschlüssel oft tat, wenn ich in Eile war.
Nur dass ich es jetzt nicht war und Callums Bekleidung viel schwieriger zu verlegen war als ein Autoschlüssel.
Außerdem war die Wohnung beileibe nicht so voll, dass ich all seine Sachen übersehen könnte.
Mein Blick driftete in eine Ecke des Zimmers. Sie war zu Callums inoffiziellem Wäschekorb geworden, da die Existenz eines physischen Wäschekorbs im Badezimmer sich seiner Realität entzog. Ich konnte mich nicht an das letzte Mal erinnern, an dem man den Teppich unter einem Berg von Bekleidungsstücken hatte erkennen können.
Bis jetzt.
Tatsächlich war das Zimmer so penibel aufgeräumt, wie es, bevor er hier einzog, immer gewesen war. Jedes Teil hat seinen Platz, hallte die Stimme meiner Mutter in meinen Ohren. Es war eine ihrer Regeln gewesen, die ich mit der Zeit verinnerlicht hatte. Sorge dafür, dass alles ordentlich ist. Kontrolliert. Vorhersehbar. Als wären unsere Leben hier Teil eines Plans.
Callums Ankunft hatte die Fassade ins Wanken gebracht. Er war definitiv nicht Teil des Plans gewesen. Und dieses eine Mal hatte es mich nicht gekümmert.
Dann benutzte er den Wäschekorb eben nicht. Seine Wäsche war trotzdem säuberlich nach schwarz und weiß getrennt aufgeschichtet. Er hatte sein eigenes System, das war alles.
Es lehnte sich gegen die gewohnten Strukturen auf, was aber auf eine absurde Weise tröstlich war. Eine Erinnerung daran, dass es jetzt nur uns beide gab.
Ich hielt inne. Dass es uns beide gegeben hatte.
Tränen brannten in meinen Augen, doch ich blinzelte sie fort. Ich durfte jetzt nicht zusammenbrechen, sondern musste stark bleiben. Musste der Sache auf den Grund gehen.
Besser als jeder andere wusste ich, dass die Dinge oft nicht so waren, wie sie zu sein schienen. Und obwohl alles danach aussah, war ich nicht bereit, zu akzeptieren, dass Callum mich verlassen hatte. Ich konnte nicht. Denn das würde bedeuten, dass ich allein war. Wieder.
Ich schüttelte entschieden den Kopf, um meine Gedanken zu stoppen. Ich musste stark bleiben. Fokussiert. Es musste eine andere Erklärung geben. Eine bessere Erklärung.
Er hatte keinen Grund, mich zu verlassen.
Zumindest keinen, von dem ich wusste.
Ich zog mein Handy aus der Tasche und suchte nach Callums Namen in der Kontaktliste. Es gab einen Weg, herauszufinden, was hier los war. Ich presste das Telefon ans Ohr und wartete auf das Freizeichen.
„Die gewählte Rufnummer ist nicht vergeben“, informierte mich eine roboterhafte Frauenstimme ohne einen Funken Mitleid für die Ernsthaftigkeit der Information, die sie übermittelte.
Ich schüttelte den Kopf. Nein, das konnte nicht stimmen. Heute Morgen hatte seine Nummer noch funktioniert.
Er hatte mir eine WhatsApp geschrieben, als die sonntäglichen Brunch-Gänger immer weniger wurden. Wie immer.
Wir schrieben uns oft kleine Höflichkeiten. Fragten nach dem Tag des anderen. Sendeten Emojis, die zu Abkürzungen und Insidern geworden waren. Liebevoll und persönlich.
Ich wischte über den Bildschirm und drückte instinktiv auf das WhatsApp-Symbol, um ihm eine Nachricht zu schicken.
Plötzlich erstarrte ich. Mein Blick erfasste eine kleine rote Benachrichtigung.
Eine ungelesene Nachricht.
Callum?
Hoffnung durchflutete mich, als ich eilig auf den Bildschirm tippte.
Ich werde dir alles erklären. Ich werde das wieder hinkriegen, versprochen. Ich liebe dich. Mehr, als du ahnst.
Ich las die Nachricht wieder und wieder.
Was wieder hinkriegen?
Kopfschüttelnd tippte ich die Frage ein, die mir momentan viel wichtiger erschien:
Wo bist du?
Ich drückte auf Senden und ein einzelnes Häkchen erschien neben der Nachricht. Nur eins.
Ich starrte es an, als wollte ich das Erscheinen des zweiten Häkchens mit bloßer Willenskraft erzwingen. Denn das würde bedeuten, dass meine Nachricht angekommen war.
Aber sie war es nicht.
Meine Hand zitterte, als ich das Handy sinken ließ. Automatisch fand mein Blick die Wand gegenüber dem Bett. Bittere Galle stieg in mir auf, während das Handy aus meiner Hand glitt und mit einem dumpfen Geräusch auf dem Teppich landete.
Blinzelnd versuchte ich die weiße Wand vor mir zu fokussieren.
Sie war leer, bis auf einen einzigen kleinen Nagel, der aus der Wand ragte. Er störte mich nicht. Was mich störte, war das Fehlen des Gegenstandes, der dort gehangen hatte. Ein gerahmtes Foto. Das einzige, das ich in meiner Wohnung aufgehangen hatte.
Von uns.
Kapitel 2
Drei Monate zuvor
September
Das Glöckchen über der Tür klingelte erneut, doch ich hatte nicht einmal Zeit, aufzusehen.
„Flat White, extra heiß.“
„Latte mit Hafermilch.“
„Espresso, bitte.“
Die Bestellungen verschwammen, als ich vom Tresen zur Kaffeemaschine hetzte. Ich konnte kaum Atem schöpfen, bevor ich zurück zur Kasse hastete, Preise eintippte und dem nächsten Kunden ein künstliches Lächeln schenkte.
„Das macht dann drei Dollar und neunzig Cent.“
Die Frau drückte mir eine Fünf-Dollar-Note in die Hand und ich kramte hastig nach Wechselgeld, bevor ich zurück zur Kaffeemaschine schoss.
Dann wechselte ich den Filter und schüttete den Kaffeesatz in den Mülleimer.
Klopf, klopf, klopf.
Der Klang vibrierte durch meinen schmerzenden Kopf, als der gepresste schwarze Puck auf dem Boden des Mülleimers aufschlug. Ich fummelte den Filter wieder in die Mühle und drückte auf den Knopf, damit er sich mit frisch gemahlenem Kaffeepulver füllen würde. Der metallische Klang ließ die sanfte Rockmusik im Radio verstummen und ich stöhnte auf.
Der vollmundige bittere Geruch strömte durch das Café, als ich nach dem Stopfer griff und ihn routiniert auf das Pulver presste. Dann schob ich den Filter zurück in die Maschine und drückte auf den Knopf, damit der Shot zubereitet werden würde.
„Espresso“, rief ich wenig später und stellte die Tasse auf die Theke. Neben ihr stand ein herrenloser Flat White, der noch nicht abgeholt worden war. Ich sah auf und versuchte mich im dicht besetzten Café an den Herrn zu erinnern, der ihn bestellt hatte.
Die Türglocke ertönte erneut, und als ich aufsah, entdeckte ich einen Mann, der draußen vor dem großen Fenster stand und ein Handy ans Ohr gepresst hielt.
War es seiner?
Meine Augen pressten sich zusammen in dem Versuch, mich zu erinnern, doch ich sah die Kunden oft kaum an, wenn es so voll war wie heute. Alles, was ich hörte, waren ihre Stimmen. Ihre Bestellungen.
„Cappuccino mit Haselnusssirup, bitte.“ Eine weitere Bestellung unterbrach meine Gedanken und ich atmete tief ein, während ich nickend den Kaffeewunsch eintippte.
Ich hatte zu viel zu tun, um mir über einen Kunden Gedanken zu machen, der seine Bestellung nicht abholte. Das war sein Problem.
Schnell fiel ich in einen angenehmen Rhythmus – mahlen, pressen, einspannen, kochen, aufschäumen, einschenken – wieder und wieder.
„Der hier ist kalt!“, schnauzte mich eine Männerstimme hinter mir an. Ich drehte mich um, als er seine Tasse auf den Tresen knallte. „Du wirst mir noch einen machen müssen.“
Ich hielt mitten im Einschenken inne, meine Finger verkrampften sich um das Milchkännchen.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Meine Stimme war angespannt, doch ich ließ ihn den Unmut nicht sehen, der in mir brodelte, als ich den einsamen Flat White erkannte.
„Ich habe ihn extra heiß bestellt“, versetzte er. „Dann musste ich telefonieren. Sie haben ihn stehen lassen und jetzt ist er kalt.“
Sein Ton war so scharf, dass sich mein Magen zusammenzog.
„Er ist ungenießbar!“, bellte er und schob mir grob die Tasse entgegen. Kaffee schwappte über und lief auf den Tresen.
Verdutzt starrte ich die Flüssigkeit an. Der Kaffee hatte noch nicht lange genug auf dem Tresen gestanden, um eiskalt zu sein.
Ich konnte spüren, dass die anderen Kunden mich anstarrten. Warteten.
Meine Brust zog sich zusammen und eine altbekannte Panik breitete sich in meinem Inneren aus.
Es gab eine Zeit, in der ich es geliebt hatte, im Rampenlicht zu stehen. Die Aufmerksamkeit aller einzusaugen. Doch das war so lange her, dass es sich mittlerweile wie ein anderes Leben anfühlte.
***
Meine Finger flogen über die Tasten, mein Atem floss im Gleichklang mit der Melodie, als würde sie ein Teil von mir sein.
Endlich hob ich die Hände, die letzten Noten verklangen in der Stille. Für einen Moment war es, als wäre die Zeit stehen geblieben. Eine Millisekunde, in der sich nichts bewegte. Nichts atmete. Nicht einmal ich.
Und dann, wie eine Welle, brandete der Applaus im Zuschauerraum auf.
Ich atmete tief aus und stand langsam auf. Instinktiv suchten meine Augen in der Menge nach Daniel, der etwas abseits stand. Er strahlte mich an und ich konnte den Stolz in seinem Gesicht erkennen, als er sich verstohlen mit dem Handrücken über die Augen fuhr.
Er hatte mir mal gesagt, dass ich die Gabe hätte, die Zuschauer mit mir in die Musik zu ziehen. Sie hörten es nicht nur, sie fühlten es. Durch mich.
Das Publikum zog meine Aufmerksamkeit auf sich, als die Menschen nun langsam aufstanden. Sie klatschten, nickten und lachten noch immer, als hätten wir eine unsichtbare Verbindung. Als würde ich zu ihnen gehören. Stolz reckte ich das Kinn und versuchte den Moment in mich aufzunehmen, bevor ich mich mit geübter Anmut verbeugte und mein breites Grinsen nun nicht mehr verbergen konnte.
***
Die Erinnerung hatte mich völlig unvorbereitet getroffen. Es war ein anderes Leben. Eines, das ich endgültig begraben hatte. Ich presste die Lippen zusammen. „Lassen Sie mich eben den Cappuccino hier fertig machen und dann …“
Er schnaubte und schüttelte den Kopf. „Ihr wollt hier fast vier Dollar für einen Kaffee und dann könnt ihr nicht mal die Temperatur richtig hinbekommen?“
„Ich werde Ihnen einen neuen machen“, entgegnete ich und kämpfte darum, meine Stimme ruhig zu halten. „Ich muss nur eben erst diese Bestellung hier fertig machen.“
Doch er hörte mir nicht zu. „Absolut lächerlich“, fuhr er fort und wurde immer lauter. „Ich verschwende meine gesamte Mittagspause in einer Schlange, weil ihr immer unterbesetzt seid, nur damit mir dann eine inkompetente Bedienung einen überteuerten und kalten Kaffee macht.“ Er schnaubte. „Mach mir einen neuen Flat White, extra heiß, oder ich erzähle überall, dass dieser Laden überteuert und langsam ist, außerdem kalten Kaffee serviert.“
Meine Hände zitterten, als ich eilig den Espresso zubereitete.
Eine schlechte Bewertung könnte das Café ruinieren. Sogar diese Szene hier war vielleicht genug, um Kunden zu vertreiben. Der Laden hielt sich nur mit Mühe und Not über Wasser.
Ich konnte es mir nicht leisten, noch einen weiteren Kunden zu enttäuschen.
„Hey, ich verstehe es“, sagte der Mann, der auf seinen Cappuccino wartete. „Niemand mag lauwarmen Kaffee.“
Mir wurde flau im Magen. Nun war es zu spät. Er war ebenfalls genervt.
Ich wappnete mich für eine weitere Beschwerde, eine weitere Person, die den Stapel an Problemen noch vergrößern würde.
Doch stattdessen drehte sich der Mann zu dem wütenden Kunden um und hob beschwichtigend die Hände.
Sein Tonfall war versöhnlich und beruhigend: „Aber Sie hat Ihnen einen heißen Kaffee gemacht. Sie haben ihn kaltwerden lassen, nicht ihre Bedienung.“
Der Kunde blies verächtlich die Luft aus. „Sie hätte es wissen müssen. Ich wurde angerufen.“
Der Mann lachte. Ein weicher, warmer Klang. „Sie ist eine Kellnerin, Kumpel. Keine Hellseherin.“
Nun knurrte der Kunde. „Sie …“
„Sie haben es selbst gesagt“, fuhr der Mann fort. Seine Stimme war noch immer warm und er wirkte, als hätte er die Kontrolle über die Situation. „Sie hat hier viel zu tun und muss sich um eine lange Schlange kümmern. Es ist völlig unmöglich, dass sie sich dabei auch noch merkt, welcher Kunde wann wohin läuft. Und das ist auch nicht ihre Aufgabe.“
Zustimmendes Gemurmel breitete sich im Café aus und ließ einen Funken Hoffnung in mir aufkeimen.
„Aber …“
„Sie hat Ihnen bereits angeboten, ein neues Getränk zuzubereiten“, unterbrach der Mann gekonnt. „Was, wenn man bedenkt, dass sie beim ersten Mal schon nichts falsch gemacht hat, eigentlich wirklich guter Kundenservice ist. Also vielleicht …“, er legte den Kopf schief, seine Stimme war noch immer warm, bekam jetzt aber einen strengen Unterton, „… möchten Sie sich bei ihr bedanken, anstatt sich zu beschweren und hier eine Szene zu machen?“
Plötzlich war es totenstill im Café.
Die Lippen des Kunden öffneten sich und ich wappnete mich für den nächsten Ausbruch. Doch er blieb stumm. Seine Schultern versteiften sich leicht und dann presste er seine Lippen fest zusammen. Er atmete scharf aus. „In Ordnung“, murmelte er. „Ich würde den Kaffee gerne mitnehmen.“ Die Anweisung hatte ihre Schärfe verloren. „Danke“, fügte er leise murmelnd hinzu.
Wie abgesprochen setzten die Unterhaltungen im Raum wieder ein und der übliche Lärm des Cafés schien plötzlich ohrenbetäubend laut.
Ich atmete tief durch und stellte den Cappuccino auf den Tresen. Meine Finger zitterten noch immer.
Dann sah ich den Mann an, der vor der Theke stand „Vielen Dank“, murmelte ich und hatte nicht das Gefühl, meiner Dankbarkeit dadurch genug Ausdruck verleihen zu können.
Er lächelte mich warm und offen an. „Kein Problem“, meinte er mit einem Schulterzucken, als wäre es für ihn Alltag, sich mit wütenden Kunden anzulegen. Dann griff er nach dem Cappuccino, sah mir in die Augen und sagte: „Und danke hierfür.“
Bevor ich antworten konnte, lief er mit der Tasse bereits zu einem leeren Tisch in der Ecke.
Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen, während ich mich an den nächsten Kunden wandte. „Ich bin sofort bei Ihnen“, versicherte ich, bevor ich mich zur Kaffeemaschine umdrehte und mit der Zubereitung des Getränks begann.
„Flat White“, rief ich wenig später und stellte den kochend heißen Pappbecher auf die Theke, bevor ich einen Deckel auf die Öffnung drückte.
Der wütende Kunde riss das Getränk wortlos an sich und nickte mir knapp zu.
Das sollte wohl Waffenstillstand bedeuten.
Ich atmete aus, als er den Raum verließ, und für einige Sekunden stahlen sich meine Augen zum Tisch in der Ecke.
Der Cappuccino-Mann hatte seinen Laptop geöffnet, doch er schaute nicht hinein. Er beobachtete mich. Nein, er beobachtete den wütenden Kunden, um sicherzugehen, dass er nicht noch mal einschreiten musste.
„Was kann ich für Sie tun?“, fragte ich derweil den nächsten Kunden und versuchte das seltsame Gefühl abzuschütteln, dass sich in meiner Brust ausbreitete. Eine Mischung aus Dankbarkeit und Empörung.
„Americano, schwarz.“
Ich tippte die Bestellung ein und drehte mich zur Kaffeemaschine um. Meine Hände bewegten sich wie auf Autopilot.
Einerseits war es nett, jemanden auf meiner Seite zu wissen. Jemanden, der bereit war, mich zu unterstützen, wenn ein Kunde eine Grenze überschritt. Das war ich nicht gewohnt. Andererseits hatte ich bereits viele aufgebrachte Kunden beruhigt. Ich hätte auch mit diesem fertig werden können. Dass der Cappuccino-Mann sich einmischte, fühlte sich so an, als dachte er, dass ich Rettung benötigen würde.
Und vielleicht war es das, was mich an der Situation am meisten störte. Denn ich hatte gelernt, mich auf niemanden zu verlassen, außer auf mich selbst. Am Ende des Tages gab es nur eine Person, auf die ich zählen konnte. Mich.
Ich stellte den Americano ab und lächelte höflich, nachdem ich „Americano“ in den Raum gerufen hatte. Der Kunde nahm ihn an sich und ich drehte mich um, um mit der nächsten Bestellung weiterzumachen. Doch bevor ich das tat, linste ich verstohlen zum Tisch in der Ecke.
Der Cappuccino-Mann hatte seine Aufmerksamkeit dem Laptop zugewandt und schien ganz in das vertieft, was er auf dem Bildschirm sah.
Eine Welle der Enttäuschung erfasste mich und ich runzelte verwirrt die Stirn.