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Tag 1
April 2017
Auch nach zwei vollen Schulhalbjahren an seiner neuen Schule war Danny noch immer begeistert. Die Atmosphäre und das große, moderne Gebäude faszinierten ihn nach wie vor, ebenso wie der volle Stundenplan mit Fächern, die für ihn neu waren, wie Sprachen, Chemie und Physik. An diesem Morgen hatten sie Französischunterricht bei Mr Armand gehabt, einem echten Franzosen, dessen Unterricht Spaß machte. Er erzählte ihnen, dass sein Name deutschen Ursprungs sei und „mutig“ oder „kühn“ bedeute, und die ganze Klasse lachte, als er sich wie ein Kraftprotz in Pose warf. Danny überlegte, ob er neben Französisch auch Deutsch belegen sollte, denn sein Vater sagte immer, dass Sprachen einen weiterbringen können.
Danny fand St. Bede’s beeindruckend, da es mindestens fünfmal so viele Schüler hatte wie die Grundschule, die er zuvor besucht hatte. Er wurde langsam erwachsen, und sogar seine Eltern behandelten ihn anders. Er besaß nun sein erstes Mobiltelefon und durfte allein zur Schule und zurück gehen, eine Strecke von fast einer halben Stunde – bei schlechtem Wetter zwar lästig, aber dennoch aufregend. Danny war auch stolzer Besitzer eines Haustürschlüssels, sodass er sich selbst die Tür öffnen und zu Hause warten konnte, bis seine Mutter von der Arbeit kam, anstatt in den Hausaufgabenclub gehen zu müssen. Zwar nur für etwa eine Stunde, aber Danny freute sich, dass seine Eltern ihm vertrauten, allein zu Hause zu sein.
Als Danny am Montagnachmittag auf dem Heimweg war, senkte er den Kopf gegen den strömenden Regen, wobei die Kapuze seines Parkas seine Sicht einschränkte und er nichts außer dem Bürgersteig vor sich sehen konnte. Er hörte ein Fahrzeug in der Nähe anhalten, dachte sich jedoch nichts dabei, bis er von hinten gepackt wurde.
Sich windend und strampelnd versuchte Danny, sich zu befreien, aber wer auch immer ihn festhielt, war sehr stark. Als er in den Transporter gehoben wurde, schlugen die Türen hinter ihm zu und ihm wurde eine Art Kapuze über den Kopf gezogen – er konnte nichts mehr sehen.
Danny hörte sein Herz wie eine Trommel in seinen Ohren pochen. Er flehte darum, freigelassen zu werden, aber diese Forderung brachte ihm lediglich einen Schlag auf den Kopf ein, und eine Männerstimme befahl ihm, still zu sein. Dann wurden seine Hände grob an seine Seiten gebunden, sodass er seine Arme nicht bewegen und sich die Kapuze nicht vom Kopf ziehen konnte.
Danny begann zu weinen. Er konnte nichts dagegen tun – dann spürte er, wie eine warme Feuchtigkeit seine Beine hinunterlief, und ihm wurde klar, dass er sich in die Hose gemacht hatte. Zitternd und schluchzend überkam ihn ein Gefühl der völligen Hilflosigkeit, und er schämte sich dafür, dass er sich von dem Mann hatte greifen lassen, ohne sich stärker zu wehren.
Der Transporter schien ewig zu fahren, obwohl es wahrscheinlich kaum mehr als eine Stunde war. Die Straße wurde holprig und Danny wurde im hinteren Teil des Transporters hin und her geworfen, zusammengekrümmt, nass, frierend und wimmernd. Da seine Arme an seinen Seiten gefesselt waren, konnte er nichts dagegen tun, dass er auf dem schmutzigen Boden des Transporters herumrollte, gelegentlich gegen den Mann prallte und dann einen Stoß bekam. Der Geruch von Öl und verbranntem Gummi verursachte ihm Übelkeit, aber er wusste, dass es sein Unbehagen nur noch verstärken würde, wenn er sich übergeben würde. Danny hatte noch nie zuvor solche Angst gehabt und sehnte sich nach seinen Eltern und der Geborgenheit seines Zuhauses.
Schließlich wurde der Motor abgestellt, und als der Fahrer aus dem Wagen stieg und zur Hecktür kam, lösten die Geräusche erneut Angst in Danny aus. Mit flachem Atem drückte er sich in die Ecke des Lieferwagens und versuchte, sich so klein wie möglich zu machen, in der vergeblichen Hoffnung, dass wer auch immer diese Leute waren wieder gehen und ihn vergessen würde.
Doch das taten sie nicht. Der Mann, der mit ihm hinten saß, zog Danny zur Tür und warf ihn sich über die Schulter, als wäre er federleicht. Sein Strampeln mit den Beinen war zwecklos und brachte ihm nur einen weiteren, noch härteren Schlag auf den Kopf ein.
Für einen Moment wurde Danny übel und schwindelig. Dann ließ er seinen Körper erschlaffen – es schien sinnlos, sich gegen diesen großen, starken Mann zu wehren. Es war frustrierend und beängstigend, seine Umgebung nicht sehen zu können, aber Danny konzentrierte sich auf Laute, die ihm einen Hinweis darauf geben könnten, wo sie sich befanden. Es war still, nur ganz leise hörte er Fahrzeuge in der Ferne und das fröhliche Zwitschern der Vögel, die unbeschwert von Baum zu Baum flogen. Der Regen fiel immer noch, und die Stiefel der Männer schmatzten beim Gehen, als würden sie durch Schlamm stapfen. Vielleicht waren sie bei einem Bauernhof oder einem Cottage irgendwo auf dem Land?
Danny wurde eine Treppe hinaufgetragen und dann auf den harten Boden geworfen, wobei ein stechender Schmerz durch seine Hüfte und sein rechtes Bein schoss. Dann hörte Danny, wie der Mann den Raum verließ, die Tür fest hinter sich schloss und Bolzen in ihre Verriegelung glitten – zwei Bolzen, die ihn einsperrten – und wie der Mann die Treppe hinunterstapfte. Eine Minute lang blieb Danny still liegen und lauschte. Unten waren Stimmen zu hören, dieselben beiden Männer, aber es war unmöglich zu verstehen, was sie sagten.
Als er sich möglichst sicher war, dass er allein im Raum war, befreite Danny seine Arme aus den losen Fesseln und zog die Kapuze ab, um sich umzusehen. Er befand sich in einem quadratischen Raum mit einem kleinen Fenster, blanken Bodendielen und nichts anderem als einer schmutzigen Matratze in einer Ecke und einem Eimer in einer anderen. An einem Ende der Matratze lagen ein paar Decken.
Die Wände waren halb mit sich lösender Tapete bedeckt, und Stockflecken breiteten sich bis zu den verrottenden Fußleisten aus. Es war so anders als sein Schlafzimmer zu Hause. Kurz fragte er sich, ob er jemals wieder dorthin zurückkehren würde. Danny fiel sein Rucksack mit seinem Handy ein, aber ihm wurde klar, dass er ihn wohl fallen gelassen haben musste, als der Mann ihn gepackt hatte. Vielleicht würde jemand ihn finden und dann wissen, dass er entführt worden war?
Danny zog seinen Mantel und dann seine nassen Hosen aus und trocknete sich die Beine mit einer der Decken ab, während ihm die Scham, dass er sich nicht unter Kontrolle gehabt hatte, die Röte ins Gesicht trieb. Er hängte die Hose zum Trocknen an den Türgriff. Aber es war so kalt im Zimmer, dass er zitterte und mit den Zähnen klapperte. Danny zog seinen Mantel wieder an, setzte sich auf die Matratze und wickelte die Beine in die andere Decke. Erneut stiegen ihm die Tränen in die Augen. Er rollte sich auf die Seite und weinte bitterlich.
3
Tag 1
Schließlich trockneten Dannys Tränen. Er wischte sich über die Augen, schnäuzte sich und dachte ernsthaft über seine Situation nach. Es war offensichtlich, dass er entführt worden war, und es lag an ihm, es war seine Pflicht, sein Bestes zu tun, um zu entkommen.
Danny stand auf, wickelte sich die Decke um die Beine und schlurfte zum Fenster. Das schmutzige Glas war zerbrochen, der Rahmen verzogen, und jemand hatte den Fensterrahmen an den Stock genagelt, damit es sich nicht öffnen ließ. Ein schweres Gitter war von außen angebracht, sodass es schwierig, aber nicht unmöglich war, hinauszusehen. Das Gitter sollte ihn vermutlich davon abhalten, aus dem Fenster zu klettern.
Danny kniff die Augen zusammen und spähte in die Ferne – hinter ein paar Feldern war eine Hauptstraße zu sehen. Links vom Haus befand sich ein Waldstück, das nicht besonders dicht war, durch das aber ein Weg führte, was darauf hindeuten könnte, dass jemand dort regelmäßig spazieren ging. Der Verkehrslärm war von hier aus nicht zu hören.
Neben dem Haus stand eine große Scheune, oder das, was davon übrig war. Das Dach bestand aus mehr Löchern als Schindeln, und nur eine Torhälfte schwang wackelig an einem großen, rostigen Scharnier.
Ein Transporter stand vor dem Haus, aber zu dicht, um mehr als nur das Dach zu sehen und gewiss nicht das Kennzeichen. Aber er erkannte, dass es sich um einen Ford Transit handelte.
Danny seufzte und setzte sich wieder auf die schmutzige Matratze, um nachzudenken. Wahrscheinlich war seine Mutter zu Hause und wunderte sich, wo er blieb. Was würde sie als Erstes tun? Vermutlich bei Ethan anrufen und fragen, ob er bei ihm war.
Ethan wohnte ein paar Blocks entfernt von ihnen, und die beiden Jungen waren seit der Grundschule befreundet. Danny war froh, dass beide an der St. Bede’s waren, wenn auch in verschiedenen Klassen. Beide Jungs hatten neue Freunde, sahen sich aber oft, besonders während der Schulferien.
Wenn Danny nur gewartet und mit Ethan nach Hause gegangen wäre, dann wäre das hier vielleicht nicht passiert.
Was würde Dannys Mutter tun, wenn sie erfuhr, dass er nicht bei Ethan war? Sie war nicht leicht aus der Fassung zu bringen, aber er wusste, dass sie sich sorgen würde, wenn er nicht zu Hause war. Er trug noch seine Uhr, es war 17:30 Uhr. Er fragte sich, ob sie bereits die Polizei verständigt hatte.
Die Haustür schlug zu und Danny sprang auf und rannte zum Fenster. Anscheinend verließen beide Männer das Haus. Er konnte sie durch das trübe Glas nur schemenhaft erkennen, aber er hörte, wie zwei Autotüren zugeschlagen wurden. Danny hatte recht gehabt. Der Transporter war ein Ford Transit, und er beobachtete, wie er die holprige Straße entlangfuhr, die sie genommen hatten, um hierher zu gelangen, nach links abbog und schließlich aus seinem Blickfeld verschwand.
Vermutlich war Danny nun allein, es sei denn, es befand sich noch jemand anderes im Haus, der auf ihre Rückkehr wartete. Sollte er es wagen, zu rufen? Der Wunsch, aus diesem kargen Raum herauszukommen, war größer als seine Angst, dass noch eine dritte Person anwesend sein könnte. Daher rief er so laut er konnte und hämmerte an die Tür, bis seine Hände schmerzten. Es kam keine Antwort, was vermutlich bedeutete, dass er allein war.
Danny musterte den Raum erneut und suchte nach einem möglichen Fluchtweg. Die Tür war alt, aber solide, und er wusste, dass sie von außen verriegelt war. Das Fenster ließ sich nicht öffnen – er hatte die Nägel gesehen, und selbst wenn er die Scheibe einschlagen würde, bliebe noch das Problem mit dem Gitter vor dem Fenster, das ziemlich stabil aussah und wahrscheinlich wie der Fensterrahmen festgenagelt war.
In einem so kargen Raum und ohne einen Fluchtweg spürte Danny erneut Tränen aufsteigen. Er schniefte, wischte sich die Nase am Ärmel seines Parkas ab und schluckte schwer, um nicht zu weinen. Eine nackte Glühbirne hing von der Decke, und als er den Schalter umlegte, war er erleichtert, dass sie funktionierte. Es war schon schlimm genug, hier zu sein, aber die Dunkelheit würde sein Elend nur noch verstärken.
***
Um 19:30 Uhr war es draußen stockdunkel, und Danny war seit über zwei Stunden allein. Nachdem er keinen Fluchtplan ausarbeiten konnte, setzte er sich schließlich auf die Matratze und beobachtete eine Spinne, die in einer Ecke des Fensters ihr Netz webte. Danny musste den Eimer als Toilette benutzen, da er annahm, dass er dafür da war. Ihm war kalt, und hungrig war er auch.
Plötzlich tanzten Scheinwerfer über die Wand, und das Geräusch eines Motors in der Einfahrt verriet ihm, dass seine Entführer zurückkehrten. Sollte er erleichtert sein? Nein, er war verängstigt, sein Herz schlug wild. Allein zu sein war so viel besser, als diese Männer im Haus zu wissen. Würden sie ihm wehtun?
Danny blinzelte die Tränen weg und hörte, wie die Türen des Lieferwagens geöffnet und dann zugeschlagen wurden. Er merkte, dass er den Atem anhielt und lauschte, aber die Stimmen waren nur Geräusche, die Worte nicht zu unterscheiden. Danny hatte den Eindruck, dass eine der Stimmen weiblich klang. Er hörte, wie sie das Haus betraten, und fragte sich, ob sie nach oben kommen würden, um nach ihm zu sehen – er befürchtete es, aber gleichzeitig wollte er mehr über seine Entführer erfahren, um ihnen ins Gesicht sehen und einschätzen zu können, welches Schicksal ihn erwarten würde.
Danny lauschte über eine Stunde lang gespannt, aber es kam niemand. Im Zimmer direkt unter ihm waren der Fernseher und Stimmen zu hören, aber sonst nichts. Schließlich sprang der Motor des Transporters wieder an, zwei Türen schlugen zu, und sie fuhren davon. Der Fernseher unten dröhnte immer noch, also war wahrscheinlich noch jemand im Haus geblieben.
Wenige Minuten später hörte er Schritte auf der Treppe, die Riegel wurden geöffnet, und die Tür quietschte. Danny bereitete sich darauf vor, einen der Männer zu sehen, hatte Angst, wollte sich aber nichts anmerken lassen. Er stand mit geballten Fäusten und zusammengebissenen Zähnen da, entspannte sich jedoch, als er sah, wer in der offenen Tür stand – ein schmächtiger Junge in seinem Alter.
Der Junge schaute ihn an und grinste. „Du bist also der fette, reiche Junge?“ Er zeigte eine Reihe abgebrochener und schiefer Zähne und trug alte, schmutzige Jeans und einen Pullover, der ihm mindestens zwei Nummern zu klein war und an den Ärmeln ausfranste.
Da Danny erwartet hatte, einen seiner Entführer zu sehen, war dieser Junge ein Schock für ihn, und erst als er hineingegangen war und die Tür geschlossen hatte, wurde ihm klar, dass er eine Gelegenheit zur Flucht verpasst hatte.
Als hätte der Junge seine Gedanken gelesen, starrte er Danny an. „Denk nicht einmal daran, zu fliehen. Die haben Waffen.“
War das die Wahrheit? Danny war sich unsicher. Er dachte immer, nur Londoner Gangmitglieder würden Waffen bei sich tragen.
Der Junge beäugte den Eimer in der Ecke, den Danny vorhin widerwillig benutzt hatte. „Mann, hier stinkt es ja wie in einer Kloake.“
„Es gibt hier kein Badezimmer.“ Dannys Stimme klang heiser und schwach.
„Doch, gibt es, aber du darfst das Zimmer nicht verlassen“, sagte der Junge mit vorgerecktem Kinn, als würde er hier die Regeln machen.
„Wer bist du? Warum bin ich hier?“
„Nenn mich einfach Lewis.“
„Ist das dein Vor- oder dein Nachname?“
„Spielt keine Rolle. Nur Lewis.“
Danny wollte weitere Fragen stellen, war sich aber bei diesem Burschen nicht sicher. Sie musterten sich gegenseitig, dann wiederholte Danny: „Warum bin ich hier?“
„Was glaubst du denn, du Trottel? Du wurdest entführt, und deine reichen Eltern müssen zahlen, wenn sie dich zurückhaben wollen.“
„Aber sie sind nicht besonders reich. Warum habt ihr uns ausgewählt?“
„Natürlich sind sie reich, du gehst doch auf diese schicke Schule und wohnst in einem großen Haus und so?“
Danny wusste nicht, was er antworten sollte. Reich zu sein, war wohl relativ. „Du bist also einer der Entführer?“
Bei der Frage lachte Lewis. „Ja, das bin ich wohl. Meine Ma und ich passen auf dich auf, für einen Anteil des Lösegeldes natürlich. Wenn du nicht versuchst abzuhauen, ist es viel einfacher, und wir lassen dich vielleicht sogar das Bad benutzen.“ Lewis nickte Richtung Eimer und runzelte die Nase. „Vielleicht bekommst du auch was zu essen.“
Danny war hungrig – er hatte zu Mittag nur ein Sandwich gehabt, aber gleichzeitig war ihm schlecht – vermutlich aus Angst. Plötzlich hörten sie eine wütende Stimme von unten. Lewis drehte sich schnell um und verließ den Raum. Er schob die beiden Riegel vor, bevor er nach unten ging.
Danny sah den ganzen Abend niemanden sonst. Obwohl er Stimmen und Geräusche unten hörte, blieb die Tür zu seinem Schlafzimmer fest verschlossen. Lewis brachte kein Essen und keine Getränke, wie er angedeutet hatte, und Dannys Magen knurrte vor Hunger. Als er über seine missliche Lage nachdachte, kam er zu dem Schluss, dass es viel schlimmer war, nicht zu wissen, wer seine Entführer waren und ihre Gesichter nicht zu sehen, als wenn er sie gesehen hätte. Schließlich schlief Danny ein, eingewickelt in seine Kleidung und die beiden schmutzigen Decken, die nach Schimmel rochen. Dannys Schlaf war unruhig und voller böser Träume, während er sich in der dunklen Dunkelheit seines Gefängnisses hin und her wälzte.
4
Tag 2
Martha saß am Küchentisch, die Ellbogen auf der Holzoberfläche, den Kopf niedergeschlagen in den Händen. Im Haus war es still, das einzige Geräusch kam aus dem Badezimmer im Obergeschoss, wo ihr Mann Richard gerade duschte.
Keiner von ihnen hatte in der vorangegangenen Nacht geschlafen. Danny wurde vermisst – ihr Sohn, ihr einziges Kind, war irgendwo da draußen, verängstigt, vermutlich allein, vielleicht verletzt. Während der endlosen Stunden der Nacht hatte Martha sich selbst gequält, indem sie jedes erdenkliche Szenario in ihrem Kopf wieder und wieder durchspielte. Draußen lichtete sich jedoch die Decke der Dunkelheit, und die nassen Straßen würden bald mit den morgendlichen Pendlern belebt werden. Ausnahmsweise gehörte sie nicht zu ihnen.
Bitte Gott, lass das nicht wahr sein; lass mich aufwachen und meine Welt wieder in Ordnung sein.
Die Demütigung des vergangenen Abends brannte noch immer in ihrem Gedächtnis, obwohl Martha verstand, dass die Polizei genaue Vorschriften befolgen musste. Innerhalb einer halben Stunde, nachdem sie ihren Sohn als vermisst gemeldet hatten, wimmelte es in ihrem Haus von Polizisten, die jeden Zentimeter ihres Zuhauses durchsuchten. Es war ein großes Haus für drei Personen, und die Polizisten waren gründlich und überprüften jeden Küchenschrank, jeden Kleiderschrank und jeden Raum, der groß genug war, um ein Kind zu verstecken oder, wie Martha dachte, die Leiche eines Kindes. Innerlich schrie Martha wegen dieser Verschwendung wertvoller Zeit, und sie konnte die Anspannung in Richards Gesicht sehen. Er war sichtlich gekränkt, dass die Polizei sie verdächtigte, ihrem Kind etwas angetan zu haben, doch beide waren sich leider bewusst, dass so etwas tatsächlich vorkommt.
Sie bewahrten Ruhe, da sie wussten, dass die Suche abgeschlossen sein musste, bevor die Polizei damit beginnen konnte, an anderen Orten nach Danny zu suchen. Martha konnte es nicht ertragen, zuzusehen, wie fremde Hände jeden Winkel ihres Hauses durchsuchten, sogar unter den Betten sahen sie nach. Am liebsten wäre sie den Beamten gefolgt, um jede Tür und jeden Schrank, den sie angefasst hatten, zu reinigen, aber das tat sie natürlich nicht. Der ganze Ablauf hinterließ bei ihr das unbehagliche Gefühl, missbraucht worden zu sein. Sie hätten genauso gut auch ihren Körper durchsuchen können.
Jeder Quadratmeter des Gartens wurde abgesucht, die Garage, der Schuppen und das Gewächshaus. Als Martha sie vom Fenster aus beobachtete, sah sie, wie uniformierte Beamte mit Stöcken in den Blumenbeeten herumstocherten und nach frisch aufgewühlter Erde suchten. Ein eifriger Polizeihund, bei der Arbeit mit seinem Hundeführer, schnüffelte schwanzwedelnd überall herum. Ihr Herz pochte wild, während sie sich nur wünschte, dass die Polizisten endlich mit der Durchsuchung ihres Hauses fertig würden und sich auf die Suche nach ihrem Sohn machten.
Es wurde noch unangenehmer, als die Polizei Richard und Martha fragte, wo sie sich von 16:00 Uhr bis zur Meldung des Verschwindens ihres Sohnes fast zwei Stunden später aufgehalten hatten, und sie zugaben, dass sie an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen gewesen waren. Danny war allein nach Hause gegangen. Ein junger Polizist hob abschätzig eine Augenbraue, sagte aber nichts.
Martha hatte Dutzende Male versucht, Danny auf seinem Handy anzurufen, aber jedes Mal wurde sie zur Voicemail weitergeleitet. Das allein war schon beunruhigend, denn Danny ging immer ran, wenn sein Handy an war, und nach der Schule schaltete er es immer ein.
Sie war eine äußerst pragmatische Person. Als Inhaberin einer erfolgreichen Personalvermittlungsagentur war Martha Stone eine viel beschäftigte berufstätige Mutter, die jede Minute ihres Tages produktiv nutzte. Martha war dreiundvierzig Jahre alt, hatte aschblondes Haar, das sie meist ordentlich mit einer Spange im Nacken zurückband, und graugrüne Augen – dieselbe Augenfarbe wie ihr Sohn. Sie war 1,68 Meter groß und schlank, was eher auf ihre Gene als auf regelmäßigen Sport zurückzuführen war – für solchen Luxus hatte Martha keine Zeit.
Auch Richard arbeitete als Anwalt mehr, als gesund für ihn war, und ihr elfjähriger Sohn Danny hatte seinen eigenen Zeitplan, den er pflichtbewusst einhielt. Die Stones liebten ihr einziges Kind, hatten aber weder die Zeit noch die Neigung, es zu verhätscheln. Die kleine Familie war zufrieden in ihrer Welt, in der die Zahnräder des Alltags reibungslos ineinandergriffen.
Vor vier Jahren war die Familie an ihren jetzigen Wohnort in Bristol gezogen, in der Hoffnung, dass Danny einen Platz an der St. Bede’s School bekommen würde, einer renommierten Privatschule, die durchweg für hervorragende schulische Leistungen sorgte. Ihr Sohn war ein kluger Junge, und obwohl er erst elf Jahre alt war, genoss er immer mehr Freiheiten, insbesondere, seit er die Grundschule hinter sich gelassen hatte. Er ging allein zur Schule und zurück, und seine Eltern machten sich keine Sorgen um seine Sicherheit, da sie in einer angesehenen, grünen Gegend am Stadtrand wohnten. An einem solchen Ort konnte ein Junge doch ohne Gefahr zur Schule und zurücklaufen, oder?
Martha hatte das Sprichwort „sein Kind in Watte packen“ für eine alberne Redewendung gehalten, aber das war, bevor Danny verschwunden war. Wenn sie ihn nur zurückhaben könnte, würde sie sich viel besser um ihn kümmern und ihn so umsorgen, wie er es verdient hatte. Die ganze Nacht lang stellte Martha sich immer wieder die gleichen Fragen: Bin ich eine schlechte Mutter? Habe ich diesen Albtraum irgendwie verdient? Könnte dies die Strafe für das sein, was ich in der Vergangenheit getan habe – ist das der Preis, den ich zahlen muss?
Aber unter diesen Umständen waren die Antworten irrelevant, und Martha wusste, dass sie sich unabhängig vom Ausgang ihrer gegenwärtigen Tortur immer Vorwürfe für ihre Versäumnisse als Mutter machen würde.
Die Logik sagte ihr, dass sie keine Schuld trug, dass sie nur ein Mensch war, aus Fleisch und Blut wie alle anderen auch. Aber sie konnte nicht umhin, sich zu fragen, ob sie selbst die Schuld daran trug. Die Fragen quälten Martha, ohne eine einzige positive Antwort, die die wachsende Panik in ihr mildern konnte. Vielleicht war es nicht der richtige Zeitpunkt für solche Selbstreflexionen, doch ihre Gedanken rasten. Danny war verschwunden, und sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte.
Um 6:00 Uhr morgens waren vierzehn Stunden vergangen, seit Danny zuletzt gesehen worden war. Vierzehn Stunden, in denen Martha weder geschlafen noch gegessen hatte. Vierzehn Stunden, in denen sie bitterlich geweint, ihren Mann und die Polizei angeschrien und entgegen aller Ratschläge und gegen jede Vernunft zu einer vergeblichen Suche aufgebrochen und durch die nächtlichen Straßen gelaufen war. Es war klar, dass keine dieser Maßnahmen auch nur im Geringsten geholfen hatte. Stattdessen hatten sie sie nur erschöpft und denjenigen, die ihr helfen wollten, unnötige Sorgen bereitet.
Auf der Treppe waren Schritte zu hören, und Richard betrat die Küche. Martha hob den Kopf und musste feststellen, dass er schlecht aussah. Seine braunen Augen, die sein Gesicht normalerweise zum Strahlen brachten, lagen tief in ihren Höhlen, und die dunklen Ringe darunter ließen ihn krank erscheinen. Sein kurzes sandfarbenes Haar stand in alle Richtungen ab, wo er es mit einem Handtuch getrocknet hatte und aus Verzweiflung mit den Fingern durchgefahren war. Richard schien innerhalb weniger Stunden um zehn Jahre gealtert zu sein. Sie saßen schweigend zusammen, erschöpft, hilflos und verängstigt; vollkommen und zutiefst verängstigt.
5
Tag 2
Es war früh am Morgen, als die Polizei das Haus der Stones endlich verließ. Sie stellten eine Frage nach der anderen, während sie die Suche nach Danny von ihrem Wohnzimmer aus leiteten. Martha sehnte sich verzweifelt nach dem kleinsten Funken Hoffnung, an den sie sich klammern konnte, und stellte daher Fragen, die die Polizei unmöglich beantworten konnte. Wenn es doch nur ein festes Schema für solche Fälle gäbe, Schritt eins, zwei und drei – aber so etwas existiert nicht. Es gibt keine Regeln und Vorschriften, an die sich die Ermittler beim Verschwinden eines Kindes halten müssen.
Die Polizei war sich immer noch nicht sicher, ob Danny entführt oder verschleppt worden war (aus Gründen, an die seine Eltern nicht denken wollten) oder ob das Kind einfach weggelaufen war oder sich verirrt hatte. Die beiden letzteren Möglichkeiten hielt Martha für unwahrscheinlich. Sie kannte ihren Sohn und wusste, dass er nicht alleine durch die Gegend streifen würde. Wenn er sich irgendwo verirrt hätte, was ebenfalls höchst unwahrscheinlich schien, würde Danny sein Handy benutzen oder zumindest so klug sein, an geeigneter Stelle Hilfe zu suchen.
Martha und Richard wurden unerbittlich zu ihrer Beziehung zu Danny und seinem aktuellen Gemütszustand befragt. Detective Inspector Alex Radford, der sich als leitender Ermittlungsbeamter vorgestellt hatte, versuchte, ihnen zu versichern, dass sich die meisten Fälle von vermissten Kindern als Ausreißversuche herausstellten. Also hörten sie sich seine Fragen zu Familienstreitigkeiten, jüngsten Meinungsverschiedenheiten und übermäßiger Disziplin an, gegen die Danny möglicherweise rebellierte. Aber ihnen fiel nichts ein, was ihn zu einer solchen Handlung veranlasst haben könnte, sodass nur zwei Möglichkeiten übrig blieben: Entführung oder Verschleppung.
Bislang war keine Lösegeldforderung eingegangen, was eine gezielte Entführung unwahrscheinlich erscheinen ließ. Der Gedanke, dass es sich um eine willkürliche Verschleppung handeln könnte, erschreckte Martha. Sie musste nicht fragen, warum Kinder verschleppt wurden, sie las Zeitung und sah sich die Fernsehnachrichten an. Gedanken an Kinderhandel, sexuellen Missbrauch und alle Arten von Gewalt schwirrten ungehindert durch Marthas Kopf und, wie sie vermutete, auch durch Richards – er war Rechtsanwalt und sich der unvorstellbaren, schrecklichen Verbrechen nur allzu bewusst. Der Versuch, solche Schrecken aus ihrem Kopf zu verdrängen und sich auf etwas Konstruktives zu konzentrieren, war vergeblich.
Wo war Danny? Hatte er überhaupt geschlafen? Es war unmöglich, sich vorzustellen, dass er etwas anderes als Angst empfinden würde. Martha konnte sich kein Szenario vorstellen, das für ihren Sohn nicht traumatisch gewesen wäre. Selbst wenn er jetzt unversehrt gefunden würde, könnte er bereits psychische Schäden davongetragen haben. Danny war ein elfjähriger Junge, intelligent und vernünftig, ja, aber keineswegs in der Lage, mit dieser grausamen und möglicherweise auch gewaltsamen Trennung von seiner Familie fertigzuwerden. Welches Grauen er gerade auch immer erlebte, es würde mit ziemlicher Sicherheit irreparable Schäden hinterlassen. Wenn sie ihn zurückbekommen würden, dachte Martha, würde sie ihn auf jeden Fall in Watte packen und nie wieder aus den Augen lassen.
Das Geräusch der Klappe des Briefschlitzes ließ Martha aufschrecken, aber es war nur der Zeitungsjunge auf seiner Runde, der nichts von dem Albtraum ahnte, der sich hinter der Haustür abspielte, die er jeden Tag ansteuerte. Richard ging in den Flur, um die Zeitung zu holen, und sah dann beim Geräusch eines vorfahrenden Autos zum Fenster hinaus. Er ließ die Zeitung, ohne einen Blick darauf zu werfen, auf den Küchentisch fallen. Martha stand auf, um zu ihm zu gehen, und er legte ihr tröstend den Arm um die Schultern.
Aus zwei Autos stiegen fünf Polizisten aus und gingen zur Haustür der Stones. Das grauenhafte Theater begann von Neuem. Ein Schluchzen stieg in Marthas Brust auf, und sie hielt sich die Hand vor den Mund, um es zu unterdrücken.
Suni Heywood, eine junge Polizistin, betrat als Erste das Haus. Sie sah aus wie ein Kind, hatte ein junges Gesicht und war bemüht zu helfen. Martha fragte sich, ob dies ihr erster Fall war. Suni war Familienbeauftragte (Family Liaison Officer, kurz FLO) und würde ihre Zeit meist bei den Stones verbringen. Nachdem sie Hallo gesagt hatte, Guten Morgen schien unpassend, ging Suni in die Küche, um Kaffee zu kochen, eine Aufgabe, die sie am Vorabend fast stündlich wiederholt hatte. Sie trug einen großen Karton Milch mit sich, eine aufmerksame Geste, da Martha sich auf nichts Praktisches konzentrieren konnte.
Hinter Suni folgten DI Alex Radford, der leitende Ermittler, DS Graham Foster und zwei ihr unbekannte Beamte. Die beiden wurden ihnen zwar vorgestellt, aber Martha vergaß die Namen fast sofort wieder. Den Gesichtern aller Besucher war anzusehen, dass es keine Neuigkeiten gab, weder gute noch schlechte. Martha fand, dass DI Radford ziemlich mitgenommen aussah. Er war groß, vielleicht im gleichen Alter wie Richard oder etwas älter, hatte ein langes Gesicht mit dunklen, tief liegenden Augen und eine unergründliche Miene. Seine erste Frage des Tages war, ob jemand eine Lösegeldforderung gestellt habe.
„Aber Sie hören doch die Telefone ab; Sie wissen also, dass wir nichts gehört haben.“ Martha konnte nicht klar denken.
„Ja, aber es besteht eine, wenn auch geringe Chance, dass Sie persönlich oder per Brief kontaktiert worden sind“, fügte Radford hinzu.
„Natürlich. Entschuldigung.“ Martha kam sich dumm vor. Richard teilte dem DI mit, dass sie nichts gehört hatten, obwohl keiner von beiden geschlafen hatte.
„Es ist erst halb sieben, also ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir heute noch etwas hören.“ Sie hatten sich inzwischen im Wohnzimmer versammelt, wo Radford saß und eine ziemlich ramponierte alte Aktentasche öffnete. Er holte eine Handvoll Flugblätter heraus und reichte Richard eines davon, damit er es sich ansehen konnte. Dannys Gesicht lächelte seinem Vater vom Papier entgegen. Es war ihr neuestes Foto, aufgenommen bei einem seltenen Besuch im Haus seiner Großeltern. In Fettdruck stand die Frage darauf: Haben Sie dieses Kind gesehen? Darunter waren die Kontaktdaten der Polizei zu lesen.
„Die Flugblätter wurden an alle Polizeidienststellen des Landes geschickt und vor Ort weitflächig ausgehängt. Unsere Beamten werden in Kürze mit den Hausbesuchen fortfahren und dieses Bild vorzeigen. Der für die Gemeinde zuständige Beamte wird heute Vormittag Dannys Schule besuchen, um bei der Schulversammlung zu sprechen und seine Klassenkameraden zu befragen.“
Suni erschien mit einem Tablett mit dampfenden Tassen, die sie alle entgegennahmen, ob sie nun etwas trinken wollten oder nicht. Sie trug die Morgenzeitung unter dem Arm und legte sie auf den Couchtisch.
„Wird die Presse davon erfahren?“, fragte Martha, unsicher, ob das gut oder schlecht wäre.
„Sie wird es zwangsläufig mitbekommen; diese Flyer und die Hausbesuche werden dafür sorgen. Ich würde gerne eine Pressekonferenz abhalten, damit wir etwas Kontrolle darüber behalten, was die Presse druckt, und hoffentlich hilft uns die Publicity, Danny zu finden“, erklärte Radford. Er hob die Zeitung auf und ein weißer Umschlag fiel auf den Tisch. Alle Augen richteten sich darauf, aber niemand machte Anstalten, ihn aufzuheben.
„Ist die heute Morgen gekommen?“, fragte Radford und wedelte mit der Zeitung in der Luft herum.
„Ja, der Zeitungsjunge hat sie kurz vor Ihrer Ankunft gebracht“, sagte Richard.
Alex Radford zog ein Paar Latexhandschuhe aus seiner Tasche, hob den Umschlag vorsichtig hoch, öffnete ihn und zog den Brief heraus. Allen Anwesenden war klar, worum es sich handeln musste. Würde er aus ausgeschnittenen Wörtern aus Zeitschriften zusammengesetzt sein, fragte sich Martha, oder gab es das nur in alten Filmen? Ihr Herz raste, sie war sich sicher, dass die anderen im Raum es hören konnten. Der Detective schien ewig zu brauchen, um den Brief zu lesen, und sein Gesicht verriet nichts.
„Sie wollen dreihunderttausend Pfund“, sagte Radford ernst.
6
Tag 2
Martha sah, wie Richard nach dem Brief griff, aber Radford zog ihn weg und ließ ihn in einen Beweismittelbeutel fallen, den Graham Foster offenhielt.
„Tut mir leid, Sir, aber wir müssen ihn für die Forensik konservieren.“ Radford sprach dann zu den beiden neuen Beamten und wies sie an, den Zeitungsjungen zu finden und herauszufinden, wie er zu dem Brief gekommen war. Sie gingen sofort los.
„Ist das nicht eine gute Nachricht?“, fragte Richard. „Zumindest wissen wir, dass Danny noch lebt.“
Martha schnappte nach Luft, als sie seine Worte hörte. War er bereits davon ausgegangen, dass ihr Sohn tot war?
„Ja, das ist es.“ Radford versuchte zu lächeln, was jedoch eher unbeholfen wirkte. Dann entschuldigte er sich und ging in die Küche, um zu telefonieren. Graham folgte seinem Chef, während Suni bei Martha und Richard blieb. Sie fragte, ob sie überhaupt geschlafen hätten, woraufhin beide den Kopf schüttelten. Es war kaum der richtige Zeitpunkt für Small Talk, und die drei verfielen in unangenehmes Schweigen.
Richard bemühte sich, zu hören, was die Detectives in seiner Küche besprachen, aber die Tür war geschlossen und sie sprachen leise. Martha ließ ihren Kopf auf die Sofalehne zurückfallen und schloss die Augen; sie wusste, dass sie nicht einschlafen würde, aber ihre Augen fühlten sich schwer und trocken an, und zumindest würde sie so von Sunis gut gemeinten Versuchen, ein Gespräch anzufangen, verschont bleiben.
Jede Minute fühlte sich wie eine Stunde an, und um 8:30 Uhr schien der Tag schon unendlich lang zu sein. Radford telefonierte erneut, und als er das Gespräch beendet hatte, setzte er sich, um mit den Stones zu sprechen.
„Das war der Beamte, der gerade Dannys Schule besucht. Er ist jetzt beim Schulleiter, und sie haben Dannys Rucksack. Jemand hat ihn gefunden und gestern Abend gegen 18:00 Uhr zur Schule zurückgebracht.“
Martha wurde blass. „Wo wurde er gefunden?“
„Anscheinend nicht weit von der Schule entfernt, unter einem Busch in jemandes Vorgarten. Das gibt uns einen ungefähren Anhaltspunkt, um nach Zeugen zu suchen, die vielleicht gesehen haben, was passiert ist. Leider war Dannys Handy im Rucksack.“
Tränen stiegen Martha in die Augen. Sie hatte verzweifelt gehofft, dass Danny vielleicht einen Anruf tätigen könnte, eine schwache Hoffnung, die nun plötzlich zunichte war. Richard nahm die Hand seiner Frau, sprach aber weiter mit DI Radford.
„Was stand in dem Brief? Ich verstehe, warum wir ihn nicht in die Hand nehmen konnten, aber Sie haben uns nur gesagt, dass sie dreihunderttausend Pfund wollen. Haben sie uns irgendwelche Anweisungen gegeben, einen Zeitpunkt und einen Ort für die Übergabe?“
Radford war nicht sehr gesprächig. „Nein, sie haben nur gesagt, was sie wollen, also können wir davon ausgehen, dass wir bald wieder von ihnen hören werden.“
„Wir können das Geld zusammenbekommen. Dann geben wir es ihnen und holen Danny nach Hause. Sie können sie doch aufspüren, sobald er sicher zu Hause ist, oder?“ sagte Martha. Für sie schien die Sache klar zu sein, und sie wusste, dass das Geld kein Problem darstellte. Selbst, wenn sie es nicht zurückbekommen würden, war es ein geringer Preis für das Leben ihres Sohnes. Doch noch während sie sprach, wurde ihr klar, dass es nicht so einfach war.
„Das ist nicht ganz so einfach, Martha“, sagte Radford mit sanfter Stimme. „Wenn sie das Geld zu leicht bekommen, verlangen sie vielleicht mehr, und selbst dann ist die Sicherheit Ihres Sohnes nicht garantiert. Wenn Sie das Geld jedoch zusammenbekommen, können wir einen Dialog mit den Entführern aufnehmen. Natürlich brauchen wir einen Beweis dafür, dass Danny in Sicherheit ist, bevor wir es übergeben.“
Martha seufzte und wandte sich vom Detective ab, die Arme vor der Brust gekreuzt, als würde sie ein Kind halten, das nicht da war.
„Es wird Zeit brauchen, das Geld zusammenzubekommen“, sagte Richard. Seine Frau warf ihm einen wütenden Blick zu.
„Nein, wird es nicht. Mit unseren Ersparnissen und Dannys Studiengeld haben wir es sofort zusammen. Die Bank wird uns sicher auch helfen.“
Richard fuhr sich mit den Fingern durch die Haare. „So einfach ist das nicht, Martha.“
„Dann solltest du besser anfangen, dich darum zu kümmern. Verpfände das Haus oder was auch immer, wenn es sein muss, aber wir können das Geld doch sicher zusammenbekommen?“
„Ich gehe hoch ins Arbeitszimmer und mache ein paar Anrufe.“ Richard verließ den Raum. Alex Radford und Graham Foster verließen kurz darauf das Haus und versicherten Martha, dass sie sie über den Fortschritt der Ermittlungen auf dem Laufenden halten würden.
„Soll ich Kaffee kochen?“, fragte Suni.
„Für mich nicht. Ich gehe nach oben.“ Martha wollte mit ihrem Mann sprechen, ohne dass Suni ihr Gespräch mithörte, und ging ins Arbeitszimmer.
Martha kniff die Augen zusammen, als sie ihren Mann zur Rede stellte. „Warum hast du gesagt, wir könnten das Geld nicht auftreiben? Wir sollten doch locker dreihunderttausend Pfund zusammenbekommen.“
„Ich möchte nicht, dass sie unsere gesamten Finanzen kennen, und wir haben auch nicht besonders viel Geld auf einem Konto liegen, wo es uns nichts bringt. Ich habe kürzlich einen Teil unserer Ersparnisse investiert und kann das Geld nicht ohne Weiteres zurückholen.“
„Was für Investitionen? Das höre ich zum ersten Mal – wie viel hast du angelegt?“
„Ich weiß nicht genau.“
„Wo ist es angelegt?“
„Bei einer Firma, die Jamie mir empfohlen hat.“
„Jamie, aus der Kanzlei? Seit wann lässt du dich von deinem Angestellten in Finanzfragen beraten?“
„Vor ein paar Monaten ergab sich für ihn eine Investitionsmöglichkeit, und er erzählte mir davon.“
Martha merkte, dass Richard ihr auswich.
„Okay, mach deine Anrufe, aber wir müssen die Summe schnell zusammenbekommen. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass Danny länger als nötig in den Händen der Entführer ist.“
Martha schleppte sich zurück nach unten und fühlte sich sehr einsam. Mit Richard zu streiten, war das Letzte, was sie wollte, aber sie konnte seine Einstellung zu dem Geld nicht verstehen. Ein Anruf bei der Bank war alles, was nötig war. Unter den gegebenen Umständen war sie zuversichtlich, dass sie auf die übliche Kündigungsfrist verzichten würden.
Suni las auf ihrem Handy. „Eine Nachricht von dem Polizisten, der den Rucksack zurückverfolgt. Er hat mit der Frau gesprochen, die ihn gefunden hat, aber sie hat nichts gesehen. Er lag halb unter einem Strauch in ihrem Garten in der Green Street. Sie organisieren eine Suche von Haus zu Haus in der unmittelbaren Umgebung. Vielleicht hat jemand etwas Ungewöhnliches bemerkt.“
Martha hatte auf eine bessere Nachricht gehofft, aber es war wenigstens eine weitere Spur, der sie nachgehen konnten. Obwohl, wenn jemand gesehen hätte, wie ihr Sohn entführt wurde, hätte die Person es wahrscheinlich der Polizei gemeldet. Sie dankte Suni und setzte sich dann wieder mit geschlossenen Augen hin. Ob offen oder geschlossen, das Bild eines verzweifelten Danny war immer noch da, und sie hatte sich noch nie in ihrem Leben so machtlos gefühlt.
„Ich fahre zur Bank und dann zu meinen Eltern. Sie sollten es von mir erfahren und nicht aus den Medien. Vielleicht solltest du auch deine Mutter anrufen.“ Richard gab Martha einen flüchtigen Kuss und ging. Natürlich hatte er recht, und Martha ging wieder nach oben, wo Suni sie nicht hören konnte, um diesmal ihre Mutter anzurufen.
Es war, wie zu erwarten, ein emotionales Gespräch. Marthas Mutter lebte in Carlisle, daher gab es keine einfachere Möglichkeit, es ihr zu sagen, als per Telefon, und sie lebte allein; ihr Mann war vor über zwanzig Jahren gestorben, als Martha noch an der Universität war.
Elaine Perry bot sofort an, zu ihrer Tochter zu fahren und bei ihr zu bleiben, aber Martha hielt sie davon ab und versuchte, hoffnungsvoll zu klingen, als sie sagte, dass sie davon ausgingen, dass die Angelegenheit schnell gelöst werden würde. Sie fühlte sich schrecklich, aber sich um ihre Mutter kümmern zu müssen, würde den Stresspegel im Haus nicht gerade senken. Elaine und Richard verstanden sich nicht gut. Das Gespräch endete mit dem Versprechen, sie zu informieren, sobald es Neuigkeiten gab, und Martha legte den Hörer auf. Sie fühlte sich schuldig, weil sie das Angebot ihrer Mutter, zu ihr zu kommen und bei ihr zu wohnen, abgelehnt hatte. Obwohl Elaine ihren Enkel nicht oft sah, wusste Martha, dass sie ihn liebte und ihre Besorgnis aufrichtig war.
Viel mehr konnte Martha nicht tun. Sie erwog, ein paar enge Freunde anzurufen, aber warum sollte sie sie beunruhigen, wenn sie zuversichtlich war, dass Danny bald zu ihnen zurückkehren würde? Außerdem glaubte sie nicht, dass sie mit ihrem Mitgefühl und ihren Plattitüden umgehen könnte. Zum ersten Mal, seit sie denken konnte, hatte Martha das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, und sie hatte keine Ahnung, was sie tun sollte.
7
Tag 2
Martha hatte nur wenige freie Tage – und das aus eigener Entscheidung, und in Gedanken war sie immer im Büro. Heute war es anders. Sie verspürte nicht den geringsten Wunsch, dort anzurufen und sich zu erkundigen, wie sie ohne sie zurechtkamen. Am Vorabend hatte Martha eine kurze E-Mail an Kathy, ihre Assistentin, geschrieben, in der sie kurz erklärte, dass sie in den nächsten Tagen nicht kommen würde. Als Grund hatte sie lediglich einen familiären Notfall angegeben. Das Team würde zurechtkommen, und in den nächsten Tagen gab es nichts, was ihre Anwesenheit erforderte.
Marthas Gedanken kreisten nur um Danny, nicht um die Arbeit, und sie wurde unruhig. Da sie es nicht gewohnt war, untätig zu sein oder sich machtlos zu fühlen, wollte und musste sie etwas tun. Unsicher, wie es für Richard bei der Bank laufen würde, beschloss Martha, sich selbst dem finanziellen Problem zu widmen.
Richards Arbeitszimmer lag neben ihrem Schlafzimmer, während Martha den Abstellraum neben Dannys Zimmer als Arbeitszimmer nutzte. Sie hielt sich nicht oft dort auf, da sie es vorzog, im Büro an der Spitze des florierenden Unternehmens zu sein. Als sie ihren Laptop einschaltete und darauf wartete, dass er hochfuhr, griff Martha nach einem Notizblock und einem Stift, um die Vermögenswerte der Familie aufzulisten, doch bevor sie anfangen konnte, klingelte das Telefon. Martha starrte es eine gefühlte Ewigkeit lang an und wagte kaum, abzunehmen. Die Polizei würde mithören, und wenn es die Entführer waren, sollte sie sie so lange wie möglich am Telefon halten.
Martha nahm den Hörer ab, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Hallo?“
„Martha, hier ist Kathy. Ist alles in Ordnung?“
„Ähm, ja … nein, nicht wirklich. Was willst du?“ Martha wollte so schnell wie möglich auflegen.
„Es ist nur so, dass ein Polizist hier war und nach dir gefragt hat. Er wollte wissen, wann du gestern das Büro verlassen hast. Ist alles in Ordnung?“
Martha schniefte und holte tief Luft. „Nein, Kathy, ist es nicht … Danny wurde entführt.“
„Entführt? Was? Wie in gekidnappt?“
„Ja. Du kannst es genauso gut gleich erfahren, denn ich glaube, es wird nachher in den Zeitungen zu lesen sein. Ich werde eine Weile nicht ins Büro kommen, ich kann dir noch nicht sagen, wie lange. Wirst du alles am Laufen halten können?“
„Natürlich, kein Problem. Es tut mir so leid, Martha, und natürlich kannst du mich jederzeit anrufen, wenn ich irgendetwas für dich tun kann.“
Nach dem Telefonat dachte Martha nur noch kurz an die Arbeit. Zwar war es ihr peinlich, dass die Polizei sie überprüfte, aber sie erinnerte sich daran, dass sie gesagt hatten, sie würden ihre Angaben mit dem Büro abgleichen. Bei Richard würde es das Gleiche sein; die Polizei würde die Kanzlei kontaktieren, um sich bestätigen zu lassen, dass seine Angaben zu seiner Anwesenheit stimmten. Martha rieb sich die Augen; sie fühlten sich immer noch schwer und trocken an, aber es gab Arbeit zu erledigen, und sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Geldproblem zu.
Marthas Personalvermittlungsagentur hatte selten große Summen auf dem Konto liegen, und da sie kürzlich ihre Büros renoviert hatten, war sogar noch weniger als sonst vorhanden. Mehrere Zahlungen von Kunden waren demnächst fällig, und das Geld würde mit ziemlicher Sicherheit eingehen, aber wahrscheinlich erst am Ende des Monats, also in ein paar Wochen. Selbst ihre Stammkunden warteten bis zur letzten Minute, bevor sie ihre Rechnungen bezahlten, was die Agentur gelegentlich in Liquiditätsprobleme brachte. Martha tippte mit zitternden Händen auf die Tastatur. Was, wenn Richard recht hatte und sie das Geld nicht sofort aufbringen konnten? Würden die Entführer warten oder würden sie das Schlimmste tun? Es war ein erschreckender Gedanke, aber einer, der sie zwang, sich zu konzentrieren.
Das Geschäftskonto wies derzeit einen Betrag von etwas mehr als fünfzigtausend Pfund auf, auf den sofort zugegriffen werden konnte. Einige Rechnungen sollten über dieses Konto beglichen werden, aber das musste warten, wie es bei Marthas Unternehmen oft der Fall war. Sie notierte sich den Betrag und schrieb daneben „Geschäftskonto“. Nach ein paar weiteren Klicks mit der Maus hatte sie das Abschreibungskonto des Unternehmens vor sich, das für die Renovierung verwendet wurde und einen Saldo von nur zehntausend Pfund aufwies. Sie konnten dennoch darauf zugreifen, also notierte sie sich auch diesen Betrag.
Dann rief Martha ihre persönlichen Konten auf. Richard kümmerte sich immer um die Finanzen, aber sie wusste, dass es ein gut gefülltes gemeinsames Konto bei der Bank gab, Konten auf beide Namen und ein Sparkonto für Dannys Studium. Ein gemeinsames Bausparkonto enthielt den Großteil ihrer Ersparnisse und konnte ebenfalls in die Rechnung einbezogen werden. Martha war schockiert, als sie nur einen Bruchteil dessen sah, was sie erwartet hatte. Es waren keine fünfzehntausend Pfund auf dem Konto, ein Betrag, der Marthas Überzeugung nach falsch sein musste. Sowohl sie als auch Richard benutzten eine Debitkarte, um ihre täglichen Ausgaben zu bezahlen: Lebensmittel, Essen gehen, andere Einkäufe und Ähnliches. Aber es war ihr Mann, der alle Kontoauszüge überprüfte – sie hätte nie gedacht, dass der Kontostand so niedrig sein würde.
Martha kam der Gedanke, dass Richard vielleicht schon bei der Bank gewesen war und den Betrag abgehoben hatte, den sie erwartet hatte, zu sehen. Sie konnte dies überprüfen, indem sie im Schreibtisch ihres Mannes nach den letzten Kontoauszügen suchte. Obwohl Richard es vorzog, seine Bankgeschäfte online zu erledigen, erhielt er dennoch jeden Monat einen gedruckten Kontoauszug. Ihre ISA-Konten beliefen sich auf insgesamt fünfundneunzigtausend Pfund, was Martha auf ihrer Liste notierte, bevor sie nach weiteren Details suchte.
Martha betrat Richards Arbeitszimmer nur selten. Er betrachtete es als seinen persönlichen Rückzugsort, und sie gönnte ihm diese Privatsphäre. Es war ein sehr maskulin eingerichteter Raum mit einem großen, schweren Holzschreibtisch und einem passenden Drehstuhl. Eine Wand war mit Bücherregalen bedeckt, die vollgestellt waren mit juristischen Fachbüchern und einigen Romanen von Thrillerautoren, deren Werke Richard gerne las. Ein großes Erkerfenster sorgte für viel Tageslicht – es war ein aufgeräumter, gut organisierter Raum.
Ein paar Ablagefächer auf dem Schreibtisch waren für Martha wahrscheinlich der beste Ausgangspunkt, also setzte sie sich auf den Drehstuhl. Sie schob einen Stapel Quittungen beiseite, der mit einer Büroklammer zusammengeheftet war, und blätterte durch die Papiere, die hauptsächlich die Haushaltsausgaben betrafen. Es waren Rechnungen von der Werkstatt für die Wartung ihrer Autos, Versicherungsangebote für den Hausrat – alltägliche Kleinigkeiten, die sie Richard gerne überließ.
Nachdem Martha die Papiere durchgesehen, aber die Auszüge nicht gefunden hatte, durchsuchte sie die Schreibtischschubladen. In der obersten Schublade befanden sich verschiedene Schreibwaren, in der zweiten Umschläge und Druckerpapier. Die dritte Schublade war verschlossen, was ihr nicht ungewöhnlich erschien; das Paar beschäftigte eine Haushaltshilfe, und Richard wollte seine persönlichen Finanzdaten wohl vor Blicken geschützt aufbewahren.
Martha sah sich nach einem Schlüssel um und überlegte, wo sie einen aufbewahren würde, wenn dies ihr Arbeitszimmer wäre. Sie fand ihn an der zweiten Stelle, die sie überprüfte: in einer Holzschachtel, in der vorgeblich Schreibzeug aufbewahrt wurde. Die Schachtel hatte unten eine kleine Schublade, in der sich mehrere Schlüssel befanden. Vielleicht war es kein besonders cleveres Versteck, aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass die Haushaltshilfe alle Schachteln durchwühlen würde, um den Schreibtischschlüssel zu finden, und vermutlich dachte Richard genauso.
Die Schublade war schnell geöffnet und enthielt, wie erwartet, ihre Kontoauszüge und Bausparbücher. Martha sah sich die Unterlagen genau an. Die Auszüge waren ordentlich sortiert und mit einer Büroklammer zusammengehalten, typisch für Richards organisierten Verstand, aber als sie sich jeden einzelnen ansah, wurde sie blass. Die Einzahlungen auf die Konten, hauptsächlich ihre Gehälter, entsprachen den Erwartungen, aber mehrere große Abhebungen überraschten sie.
Martha ließ sich in Richards Stuhl zurückfallen und runzelte die Stirn. Sie konnte sich die Abhebungen nicht erklären, sie hatten in letzter Zeit keine größeren Ausgaben gehabt. Der Saldo auf dem neuesten Kontoauszug belief sich auf knapp fünfzehntausend Pfund, was mit dem Online-Betrag übereinstimmte. Martha war schockiert. Ein so geringer Saldo konnte nicht stimmen.
In ihrem Bausparbuch war es genauso: Die zweihunderttausend Pfund oder mehr, die Martha erwartet hatte, waren verschwunden, und das Konto wies weniger als zwanzigtausend Pfund auf. Das Geld, das sie bereitwillig ausgehändigt hätte, um Dannys Freilassung zu sichern, fehlte, und kalte Angst umklammerte ihr Herz. Welche Investitionen hatte Richard getätigt, die ihre Konten so erschöpft hatten? Einen Moment lang fragte sich Martha, ob er vielleicht spielte und sich nicht traute, es zuzugeben. Oder waren die Investitionen, die er angeblich getätigt hatte, ein Glücksspiel an sich, das ihre Finanzen aufgezehrt hatte? Es war beunruhigend, dass Richard so viel in ein möglicherweise riskantes Geschäft investiert hatte, ohne sich die Mühe zu machen, es mit ihr zu besprechen. Wenn er nach Hause kam, würde Martha darauf bestehen, dass er ihr genau erzählte, was los war.