Leseprobe Meersalzküsse auf Sylt

Kapitel 1

Ungeduldig trommele ich mit den Fingern auf das Lenkrad. Das Geräusch geht jedoch im starken Regen unter, der gegen die Windschutzscheibe prasselt. Die Scheibenwischer kommen gegen diese Sturmflut nicht an, obwohl ich sie bereits auf die stärkste Stufe gestellt habe. Kaum wenige Minuten auf der Insel und ich bereue meinen Entschluss bereits, überhaupt hierhergefahren zu sein. Dass die Nacht beinahe dämmert, macht es nicht besser!

Der Regen wird stärker und ich spiele augenblicklich mit dem Gedanken, den Wagen zu wenden und zurück zum Bahnhof zu fahren, um den nächsten Autozug zurück nach Hamburg zu nehmen, ehe meine Schwester mitbekommt, dass ich längst hier bin. Vielleicht hätte ich ihr vor meiner Abreise keine Nachricht schicken sollen, dann müsste ich mich zumindest nicht rechtfertigen, wieso ich meine Meinung im letzten Moment doch noch geändert habe.

Es war eine Schnapsidee von mir, so plötzlich nach Sylt aufzubrechen, ohne meinen Aufenthalt hier auf der Insel vorher sorgsam zu planen. Ich habe nur einen Rucksack mit den nötigsten Dingen dabei und nicht einmal ein Hotelzimmer gebucht in der Hoffnung, die Sache möglichst schnell zu klären und dann wieder von hier zu verschwinden.

Seufzend setze ich den Blinker und fahre erneut auf die Hauptstraße. Es hilft ja doch nichts! Der nächste Autozug fährt erst am frühen Morgen, genau wie die Fähre, worüber ich mich schon vor meiner Abfahrt erkundigt habe. Entweder besuche ich jetzt meine Schwester, oder bleibe die ganze Nacht bei diesem Mistwetter im Auto sitzen, was mir wenig einladend erscheint. Außerdem habe ich Claudia und ihre Familie schon Jahre nicht mehr gesehen. Auch wenn wir nur wenig Kontakt zueinander haben, vermisse ich sie durchaus. Vor allem jetzt, wo ich wirklich dringend jemanden zum Reden bräuchte. Mein Leben ist in den letzten Wochen ziemlich aus dem Ruder gelaufen. Ein weiterer Grund, warum ich die nächstbeste Gelegenheit ergriffen habe, so überstürzt aus dem Alltag auszubrechen.

Kurz werfe ich einen Blick zum Beifahrersitz, auf den ich achtlos meinen Rucksack geworfen habe. Das Schreiben des Testamentsvollstreckers habe ich in die oberste Tasche gestopft. Nachdem ich diesen Brief heute nach Feierabend aus dem Briefkasten gezogen habe, bin ich direkt nach Westerland aufgebrochen. Ich kannte meinen Urgroßvater nicht und kann gut und gerne auf einen alten, baufälligen Leuchtturm verzichten, der mir aus heiterem Himmel in den Schoß gefallen ist. Leider muss ich jedoch persönlich mit dem Testamentsvollstrecker sprechen, um mein unfreiwilliges Erbe auszuschlagen.

Diese Insel ist mir jetzt schon unsympathisch, denn um mich herum geht gerade die Welt unter. Obwohl es nicht mal halb zehn am Abend ist, kann ich kaum fünf Meter weit sehen. Der Himmel ist stockfinster und der Regen erschwert mir die Sicht zusätzlich. Kein Wunder, dass ich Claudia bisher nicht in Westerland besucht habe, seitdem sie wegen der Arbeit mit ihrem Mann hierhergezogen ist. Die karge Landschaft samt rauer Nordsee sind einfach nichts für mich. Ich bin ein Großstadtmensch und nicht für diese idyllische Ruhe geschaffen, wie Claudia das Leben auf der Insel in der Vergangenheit während unserer wenigen Telefonate immer wieder beschrieben hatte.

Mit zusammengekniffenen Augen versuche ich, meinen Blick zu fokussieren, um die Fahrbahn besser erkennen zu können. Mein Handynavi schickt mich bereits seit einer halben Stunde im Kreis, was mich immer ungeduldiger werden lässt. Wo zur Hölle wohnt meine Schwester? Laut Navi sollte ich das Stadtzentrum längst erreicht haben, doch wenn ich mich umsehe, ist weit und breit nur Schwärze um mich herum auszumachen. Vermutlich wäre es klüger, irgendwo zu parken und sie anzurufen, statt noch weiter bei diesem Regen umherzuirren.

Ich will bereits mein Navi ausstellen, als ein Anruf eingeht. Zu meiner Erleichterung ist es Claudia, die sich vermutlich nach meinem Verbleib erkundigen will, weil meine Ankunft längst überfällig ist. schließlich habe ich ihr in meiner Nachricht die Daten des Autozuges durchgegeben, den ich von Hamburg aus genommen habe.

»Hey«, grüße ich sie, nachdem ich die Lautsprecherfunktion meines Smartphones aktiviert habe. »Sorry, ich müsste eigentlich gleich da sein.«

»Hatte der Zug Verspätung? Wir wohnen nur knapp zehn Minuten vom Bahnhof entfern«, meint meine Schwester nachdenklich. »Oder hast du dich trotz Navi verfahren? Ich hätte Dirk losschicken sollen, um dich abzuholen. Ich weiß doch genau, was für einen miserablen Orientierungssinn du hast.« Sie kichert, was mich genervt die Augen verdrehen lässt. Sie ist sechs Jahre älter als ich und deshalb immer der Meinung, mich belehren zu müssen, als wäre sie meine Mutter. Dabei reicht es mir wirklich, wenn Mama stets betont, wie enttäuscht sie immer noch über meine Entscheidung ist, anstelle von Medizin Grafikdesign studiert zu haben. Statt mich zu unterstützen, hat sie mir Claudias tollen Werdegang bei jeder Gelegenheit unter die Nase gerieben. Wie schön es doch ist, dass meine ältere Schwester einen befreundeten Arzt der Familie geheiratet und ihm gleich drei Kinder geboren hat. Dass sie selbst noch neben ihren Pflichten als Hausfrau und Mutter als Schulkrankenschwester arbeitet, und und und …

»Hör mal, ich bin doch nicht vollkommen blöd«, beschwere ich mich, weil ich ihre Unterstellung nicht ertrage. Mag sein, dass sie ihre Aussage nicht böse gemeint hat, doch im Moment bin ich einfach ein bisschen dünnhäutig, was sich eindeutig durch meine impulsive Art bemerkbar macht.

»Schon gut, Moni«, beschwichtigt mich Claudia direkt, doch selbst dieser Spitzname, den sie mir seit meiner Kindheit gegeben hat, ärgert mich gerade.

»Nenn mich nicht so. Schließlich bin ich nicht mehr zehn … Oh, verdammt!« Viel zu spät erkenne ich das Bremslicht des Wagens vor mir. Obwohl ich nicht schnell gefahren bin, versuche ich, das Schlimmste zu verhindern, indem ich augenblicklich die Bremse stark durchtrete. Das Quietschen der Reifen hallt unnatürlich laut in meinen Ohren, doch es ist bereits zu spät. Wegen der Dunkelheit um mich herum und der rutschigen Fahrbahn habe ich mein Auto nicht schnell genug unter Kontrolle. Die nächsten Sekunden laufen wie ein Film vor meinem inneren Auge ab, bis mich ein heftiger Knall aus meiner Schockstarre reißt. Mir entfährt ein Schrei. Vor Schreck kneife ich die Lider zusammen und ziehe instinktiv den Kopf zwischen meine Schultern, als könnte diese Geste den Aufprall irgendwie verhindern. Das Auto stoppt jäh.

Meine Atmung geht stoßweise und mein ganzer Körper zittert, während ich versuche, mich irgendwie zu beruhigen. Erst nach wenigen Minuten der Stille wage ich es, aufzuschauen. Mein Smartphone ist durch den Aufprall aus der Halterung herausgerutscht und liegt irgendwo unter dem Fahrersitz. Die plötzliche Stille im Wageninneren wird nur durch die prasselnden Regentropfen auf der Windschutzscheibe unterbrochen. Das Gespräch mit meiner Schwester ist abgerissen, was gerade meine geringste Sorge darstellt. Meine Hände zittern so stark und ich bin wie erstarrt, weshalb ich mich jetzt nicht um mein Smartphone kümmern kann. Erschrocken starre ich durch die Windschutzscheibe und versuche, bei dem heftigen Regen irgendetwas zu erkennen. Nach einigen weiteren Atemzügen, in denen mein Puls sich nur langsam normalisiert, klopft es heftig gegen die Fensterscheibe, ehe die Fahrertür mit einem energischen Ruck aufgerissen wird.

»Was zur Hölle …?! Jetzt steigen Sie aus und sehen Sie sich dieses Desaster an.« Eine wütende Männerstimme dringt dumpf zu mir hindurch. Ich reagiere erst, als ich am Oberarm gepackt werde. Der Fremde berührt mich zwar nur sacht, dennoch reiße ich mich instinktiv von ihm los und löse den Sicherheitsgurt, um endlich auszusteigen und mir selbst ein Bild von dem Schaden zu machen.

Glücklicherweise entfernt der Mann sich einen Schritt, als ich hinaus in den stürmischen Regen trete. Er hat längst sein Handy gezückt und wählt ungeduldig eine Nummer. Seinem leisen Fluchen nach zu urteilen, geht sein Gesprächspartner nicht ans Telefon. Immer noch zitternd, trete ich um mein Auto herum und begutachte den Schaden. Meine Motorhaube ist aufgesprungen, die Scheinwerfer aufgeplatzt und das Nummernschild komplett zerbeult.

»Haben Sie keine Augen im Kopf?«, schimpft der Mann erneut dicht hinter mir. »Haben Sie gar nicht gesehen, wie ich gebremst habe? Es ist verantwortungslos, bei so einem Sturm so schnell zu fahren.«

»Ich fuhr kaum fünfzig«, erwidere ich kleinlaut, völlig eingeschüchtert von der Situation. Bisher wurde ich noch nie in einen Unfall verwickelt, denn eigentlich bin ich eine sehr gute Autofahrerin. Dass ich gerade heute so ein Pech habe, will mir einfach nicht in den Kopf.

Der Mann sieht mich grimmig an. Regen tropft ihm von den Haarspitzen über das stoppelige Kinn. Sein dunkler Anzug ist bereits klitschnass und auch meine Klamotten kleben unangenehm feucht an meinem Körper. Ich habe nicht einmal eine Jacke dabei. Nun bin ich dankbar für die Dunkelheit, denn meine dünne Bluse würde in diesem Moment vermutlich mehr preisgeben als verhüllen.

»Sie können sich Ihre Ausreden sparen«, brummt er verstimmt und deutet mit einer harschen Handbewegung auf sein Auto. »Sehen Sie sich nur an, was Sie mit Ihrer Leichtsinnigkeit angerichtet haben. Der Wagen ist neu!«

Völlig verständnislos betrachte ich sein Auto, das im schwachen Licht meiner Scheinwerfer kaum einen Kratzer aufweist.

»Das wird ein Nachspiel haben, das garantiere ich. Ich werde den Unfall der Polizei melden, so leicht kommen Sie mir nicht davon.«

Zornig stemme ich die Hände in die Hüften. Dieser Kerl kann doch nicht ernsthaft die Polizei ins Spiel bringen wollen!

»Sie wollen mich ja wohl veräppeln!«, entgegne ich aufbrausend. »Mein Auto ist demoliert, während Ihr Wagen kaum einen Kratzer abbekommen hat. Uns beiden geht’s scheinbar gut, so wie ich das sehe. Immerhin können Sie sich über mein kleines Missgeschick aufregen. Falls es wirklich zu einem größeren Schaden gekommen ist, was wir vermutlich bei diesem Wetter und zu dieser späten Stunde nicht ausmachen können, wird meine Versicherung dafür ganz sicher aufkommen. Also beruhigen Sie sich und –« Ich schenke dem Mann ein versöhnliches Lächeln, auch wenn mir gerade alles andere als zum Lachen zumute ist. Der Typ verengt seine Lider zu Schlitzen und sieht mich argwöhnisch an. Na immerhin konnte ich ihn mit meinem Wortschwall davon abbringen, sein Handy erneut zu zücken, um die Polizei zu verständigen. Ich möchte keinen Ärger, und obwohl ich mich ruhig gebe, bin ich innerlich total aufgewühlt. Wenn jetzt auch noch die Polizei vorfährt, dann werde ich nur noch mit Mühe meine Fassung wahren können.

Ich gehe zurück zu meinem Wagen und beuge mich über Fahrersitz und Mittelkonsole, um nach meinem Rucksack zu angeln. Mit schnellen Handbewegungen ziehe ich den Reißverschluss auf und hole mein Portemonnaie heraus.

»Wollen Sie mich etwa mit Geld bestechen?«, fragt mich der Mann mit hochgezogenen Augenbrauen. Ich schüttele den Kopf und ziehe meine Visitenkarte heraus. Glücklicherweise habe ich immer einige von der Arbeit dabei, falls sich eine mögliche Kooperation ergibt. Es gab mal eine Zeit, in der Thomas stolz auf mich gewesen ist, wenn ich neue Kunden für die Agentur angeworben habe. Dann war ich ebenfalls glücklich, da mein Chef und gleichzeitiger Verlobter zufrieden mit mir war. Doch diese Phase scheint Jahre her zu sein. Damals war ich eine ganz andere Frau. Jemand, der kaum auf seine eigenen Wünsche gehört hat. Heute habe ich mich verändert – und das ist gut so!

»Sie können mich morgen früh anrufen, dann klären wir die Sache auf zivilisierte Art, statt bei Nacht und Nebel etwas zu überstürzen. Einverstanden?« Ich schenke ihm ein versöhnliches Lächeln, welches der Mann in der Dunkelheit womöglich sowieso nicht erkennt. Dennoch hoffe ich, dass er einlenkt. Tatsächlich zögert er nur einen Augenblick, ehe er meine Visitenkarte an sich nimmt und so tut, als würde er das Geschriebene darauf eingehend studieren.

»Ich werde mich melden«, brummt er und steckt das Kärtchen in die Brusttasche seines bereits völlig durchnässten Jacketts, ehe er sich grußlos abwendet und zu seinem Auto geht. Mir fällt ein Stein vom Herzen und ich stoße hörbar die Luft aus, als der Typ endlich wegfährt. Sämtliche Anspannung fällt von mir ab. Das anfängliche Zittern meiner Hände breitet sich nun auf meinen ganzen Körper aus. Ich schlinge meine Arme um den Oberkörper, versuche dadurch, das starke Frösteln zu vertreiben. Mittlerweile klebt meine Bluse unangenehm an meiner Haut. Bibbernd schließe ich die Motorhaube, setze mich wieder hinters Steuer und ziehe die Fahrertür zu, um mich so vorm heftigen Regenschauer zu schützen.

Jetzt nur nicht durchdrehen, mahne ich mich selbst zur Ruhe. Mit geschlossenen Lidern zähle ich bis zwanzig und atme dabei tief ein und aus. Es dauert eine ganze Weile, bis ich meinen Körper und meine Gedanken soweit unter Kontrolle habe, um endlich von hier zu verschwinden. Glücklicherweise hat niemand den Unfall beobachtet, zumindest wurden wir nicht angesprochen. Es wäre besser, wenn ich endlich von hier verschwinde. Claudia wird mich sowieso mit Fragen löchern, warum unser Gespräch urplötzlich abriss und wieso mein Auto total zerbeult ist.

Seufzend drehe ich den Schlüssel im Zündschloss. Der Motor heult auf – und verstummt. Na großartig! Jetzt springt der Wagen nicht mehr an. Hoffentlich wurde der Motor nicht beschädigt, denn dann bin ich vorerst an diese Insel gefesselt. Zwar könnte ich morgen früh mit dem Zug zurück nach Hamburg fahren, doch warum sollte ich das Auto hierlassen, um es dann wieder abholen zu müssen?

Um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, fasse ich mir ein Herz und wähle erneut die Nummer meiner Schwester. Es dauert nur wenige Sekunden, bis sie das Gespräch entgegennimmt. Gerade so, als habe sie mit dem Smartphone in der Hand auf meinen Rückruf gewartet.

»Moni, was zur Hölle ist passiert? Du warst plötzlich weg und –«, sprudelt es aus Claudia heraus.

»Ich hatte einen Unfall«, presse ich hervor und spüre dabei, wie die Tränen in mir aufsteigen. So gut, es geht, dränge ich sie zurück, um jetzt nicht komplett zusammenzubrechen. Es ist einfach zu viel auf einmal. Erst die Trennung von Thomas, die unerwartete Erbsache und nun auch noch ein blöder Auffahrunfall, durch den ich beinahe eine Anzeige kassiert hätte.

Claudia entfährt ein erstickter Schrei. »Um Himmels willen! Geht’s dir gut? Wo bist du?«

»Ich weiß es nicht«, murmele ich benommen. »Mein Auto springt nicht mehr an.«

»Mach dir keine Sorgen. Ich schicke Dirk gleich los, um dich abzuholen. Er nimmt die Abschleppstange mit und im Handumdrehen bist du bei uns. Übermittel mir deinen Standort.« Sie beendet das Gespräch, ehe ich etwas erwidern kann. Dieses Mal bin ich jedoch froh darüber, dass Claudia mir die Entscheidung abgenommen hat. Meine Finger zittern immer noch leicht, als ich meinen Standort mit ihr teile. Kurz darauf lehne ich mich im Sitz zurück und schließe die Augen.

Kapitel 2

»Gott, du siehst ja furchtbar aus!«, entfährt es meiner Schwester, als ich knappe dreißig Minuten später mit meinem Rucksack über der Schulter an der Türschwelle stehe. Dirk schiebt mich beherzt durch die offene Haustür weiter in den Flur hinein. Der Regen tropft mir aus den Haaren und rinnt über mein Kinn. Meine durchnässten Sandalen hinterlassen quietschende Geräusche auf den Fliesen, als ich einen Schritt auf Claudia zu mache.

»Danke«, brumme ich, weiß jedoch nicht, ob ich ihre Hilfe oder ihren sarkastischen Kommentar damit meine. Ich kann mir denken, wie mein Auftauchen hier wirken muss: völlig durchnässt und am Boden zerstört. Man muss mir meine Stimmung ansehen, denn Claudia verzieht bei meinem Anblick mitleidig das Gesicht und breitet die Arme aus.

»Was stehst du denn da wie ein begossener Pudel? Komm endlich her. Wir haben uns wirklich ewig nicht gesehen.«

»Ich werde dich ebenfalls durchnässen … Lass mich wenigstens vorher duschen und in neue Klamotten schlüpfen«, wende ich beschämt ein, denn es behagt mir nicht, in diesem Aufzug hier aufzutauchen. Hilfe anzunehmen, fiel mir schon immer schwer, auch wenn es sich um die meiner eigenen Familie handelt. Vermutlich liegt es an der Tatsache, dass ich so viel aus eigener Kraft schaffen musste. Schließlich waren meine Eltern stets unzufrieden mit meinen Entscheidungen, weshalb ich permanent dafür kämpfen musste, Anerkennung zu bekommen.

Claudia grinst schief und zieht mich an sich, ungeachtet der Tatsache, dass ich ihren Schlafanzug durchweiche.

»Ich kann doch wohl meine kleine Schwester ordentlich begrüßen, wenn sie nach Jahren vor mir steht, oder? Was macht da ein nasser Schlafanzug? Ich habe genug Reserve und kann mich gleich umziehen. Aber du hast recht, du musst dich aufwärmen, sonst erkältest du dich. Frische Handtücher liegen im Bad. Du kannst ruhig mein Duschgel nutzen. Ich suche dir noch etwas zum Anziehen heraus, falls du nichts Passendes dabeihast«, plappert Claudia drauflos, wobei sie mich mustert und auf meinen Kleidungsstil anspielt. Im Gegensatz zu ihr trage ich stets Stücke, in denen ich auf der Arbeit von Kollegen sowie auch Kunden bewundernde Blicke ernte. Einen Jogginganzug für Tage auf der Couch sucht man vergebens in meinem Kleiderschrank, weshalb ich natürlich nur ein weiteres Businessoutfit in meine Tasche gepackt habe.

»Fühl dich wie zu Hause, Moni«, meint meine Schwester und schiebt mich vor sich her durch den Flur zum Bad.

Sie schließt die Tür hinter mir und verschwindet. Erneut stoße ich erleichtert die Luft aus und verharre einige Herzschläge lang gegen die Badezimmertür gelehnt, ehe ich mich endlich aus den nassen Klamotten schäle. Claudia hat recht, ich friere bereits fürchterlich. Eine warme Dusche wird mir guttun und vielleicht den Schock der vergangenen Stunde aus mir vertreiben.

Bibbernd steige ich in die Duschwanne und drehe das warme Wasser auf. Sogleich entspanne ich mich ein wenig, schließe die Lider und lasse mich vom Wasser berieseln.

Eine halbe Stunde später sitze ich in einem von Claudias kuscheligen Schlafanzügen und mit einer warmen Decke um die Schultern auf ihrem Sofa im Wohnzimmer. Mein dünnes Nachthemd, das ich üblicherweise zum Schlafen trage, habe ich in meiner Tasche gelassen, denn dafür ist mir gerade viel zu kalt. Der Kaffeebecher in meinen Händen wärmt mich zusätzlich, genau wie das Koffein, das mich wieder ein wenig belebt.

Claudia sitzt mir gegenüber in einem bequemen Ohrensessel und hält eine Tasse Tee in den Händen. Meine Schwester hat sich noch nie für Kaffee begeistern können, während ich das Zeug seit meinem Studium gefühlt literweise in mich hineinkippe, um halbwegs auf der Höhe zu bleiben. Vor allem seit meinem Job in der Designagentur trinke ich viel zu viel Kaffee, weil ich mir nicht selten wegen der Arbeit die Nächte um die Ohren geschlagen habe, um tadellose Ergebnisse abzuliefern. Wäre ich nicht so eine Perfektionistin, hätte ich vermutlich ein ruhigeres Leben. Doch ich möchte vorankommen und mehr erreichen als meine Mutter und meine Schwester. Zu gerne würde ich im Job aufsteigen, vielleicht sogar meine eigene Designagentur gründen – doch dazu fehlte mir bisher der Mut. Mein Ex-Freund Thomas ist daran nicht ganz unschuldig, denn er war es immer, der meine außerordentlichen Fähigkeiten als Grafikdesignerin nicht zu schätzen wusste. Seinetwegen habe ich mich stets so bemüht, wollte ihm beweisen, wie viel Herzblut ich in die Arbeit stecke. Doch zu welchem Preis? Statt mir die Anerkennung zu schenken, die ich als seine Angestellte und Fast-Verlobte verdient hätte, vögelte er unsere neue Praktikantin, die fast zehn Jahre jünger ist als er. Ein Glück, dass es bis zur Hochzeit noch ein gutes Jahr hin war, sodass ich alles direkt abgeblasen habe, als ich von seiner Affäre Wind bekam.

Claudia mustert mich nachdenklich von oben bis unten.

»Ich weiß immer noch nicht so recht, warum du plötzlich hier auftauchst«, meint sie nach einer Weile des Schweigens. »Ich kenne dich. Du hast die Insel schon immer gehasst. Dich aus freien Stücken hier zu sehen, ist seltsam für mich.«

Ich zucke bloß mit den Schultern und nehme einen großen Schluck meines Kaffees.

»Ich habe einen Brief von einer Anwaltskanzlei bekommen. Es geht um das Erbe von Urgroßvater Herbert«, erkläre ich ihr, denn das ist zumindest meine offizielle Ausrede. Es kommt mir gelegen, dass ich mein lästiges Erbe vorschieben kann, um nicht zugeben zu müssen, dass ich eigentlich der Arbeit und vor allem Thomas fernbleiben will. Die vergangenen Monate nach unserer Trennung waren sehr schmerzhaft für mich und jeder Gang zur Arbeit war die reinste Qual. Vor allem weil der Kerl nach der Trennung so tat, als wäre nichts zwischen uns gewesen. Als gäbe es die gemeinsamen Jahre gar nicht. So, als sei ich eine gewöhnliche Angestellte. Dabei habe ich mit diesem Typen mehrere Jahre meines Lebens verbracht – und wir wollten sogar heiraten! Mittlerweile bin ich heilfroh, sein wahres Gesicht kennengelernt zu haben, bevor ich mit ihm vor den Traualtar getreten bin.

Meine Schwester runzelt irritiert die Stirn. »Aber Urgroßvater Herbert ist schon seit Jahren verstorben. Warum wird sein Erbe erst jetzt vollstreckt? Was steht in dem Brief?«

Ich bücke mich vor und krame in meinem Rucksack, der vor mir auf dem Boden steht, herum, um schlussendlich das Schreiben des Testamentsvollstreckers herauszuziehen, das ich an Claudia weiterreiche. In wenigen Sekunden überfliegt sie den kurzen Brief, dann faltet sie das Papier sorgsam und legt es auf den Couchtisch zwischen uns. Ein verkniffener Zug legt sich um ihren Mund.

»Urgroßvater Herbert mochte dich immer schon lieber als mich oder unseren Cousin Fabian«, meint sie schließlich und nimmt einen Schluck Tee. »Es wundert mich nicht, dass er dir seinen Leuchtturm vermacht hat. Vielleicht hat er dadurch gehofft, dass du endlich nach Sylt kommst – und auch hierbleibst. Zu seinen Lebzeiten hast du ihn nie besucht.«

Schuldbewusste senke ich den Kopf. Claudia hat recht, denn nachdem ich erwachsen geworden war und mit dem Studium angefangen hatte, habe ich meine Familie auf Sylt nicht mehr besucht. Claudia ist genau zu diesem Zeitpunkt hierhergezogen, nachdem sie Dirk geheiratet hat, der auf der Insel in einem Krankenhaus arbeitet. Das ist beinahe zehn Jahre her. Seitdem war Claudia mit ihrer Familie zwar oft genug bei unseren Eltern und mir in Hamburg zu Besuch, ich jedoch noch nie in ihrem Haus zugegen. Ein bisschen schäme ich mich dafür, dass ich in der Vergangenheit so wenig Interesse an meiner Familie gezeigt und nur mein eigenes Leben gelebt habe. Nun bin ich alleinige Erbin eines Leuchtturms hier auf Sylt, von dem ich nichts wissen will.

»Ich habe kein Interesse an einem Leuchtturm«, entgegne ich entschieden. »Was soll ich damit? Ich werde mich nicht auf Sylt niederlassen. Mein Leben spielt sich in Hamburg ab. Dort habe ich meine Freunde, meine Arbeit, meinen –« Der letzte Gedanke zuckt schmerzhaft durch mein Hirn und mir bleiben die Worte im Hals stecken. Beinahe hätte ich Thomas erwähnt – doch dieser Lebensabschnitt ist längst Geschichte.

Claudia merkt sofort, was mit mir los ist. Erneut schenkt sie mir einen mitleidigen Blick.

»Neue Arbeit gibt es überall. Du kannst dich doch nicht ernsthaft an einen Job klammern, bei dem du deinem Ex tagtäglich über den Weg läufst. Schlimmer noch, er ist dein Chef!« Sie schüttelt den Kopf und sieht mich missbilligend an, wie sie es so oft in unserer Kindheit getan hat, wenn ich ihrer Meinung nach einen Fehler gemacht habe.

»Oder hast du immer noch Hoffnung, erneut mit Thomas zusammenzukommen? Immerhin wart ihr bis vor Kurzem noch verlobt. Vielleicht wäre es besser, ihr würdet noch einmal über die Sache reden …«

»Der Kerl hat mich betrogen, Claudia. Was gibt’s da noch groß zu bereden? Es ist vorbei.«

»Aber … ihr wart doch so lange zusammen. Willst du es dir nicht noch einmal überlegen? Thomas ist ein guter Kerl – und zudem noch dein Chef. Wenn du dir keinen neuen Job suchen willst, musst du mit der Tatsache leben, dass er dich nicht mehr liebt. Kannst du das?«

»Gerade das ist ja das Schlimme an der Sache! Ich hätte mich niemals auf meinen Chef einlassen sollen. Egal, wie attraktiv und charmant er ist. Thomas weiß genau, wie er die Frauen um den Finger wickeln kann. Und ich blöde Kuh bin auf sein Gerede hereingefallen. Nun habe ich endlich gemerkt, dass ich nicht die einzige Dumme gewesen bin, der er das Blaue vom Himmel versprochen hat. Dabei habe ich mich stets verbogen, um es ihm recht zu machen. Sogar bei der Arbeit habe ich immer alles so gehandhabt, dass er zufrieden war, was nicht einmal gewürdigt wurde. Vermutlich hat er meinen Arbeitseifer als selbstverständlich angesehen, weil ich seine Freundin war. Damit ist jetzt Schluss. Ich werde nicht mehr machen als nötig. Und jetzt habe ich sowieso erst mal Urlaub!«, entgegne ich mit ernster Miene. Doch in Wahrheit stehe ich kurz davor, in Tränen auszubrechen. Auch wenn ich so tue, als wäre mir Thomas egal, schmerzt es mich höllisch, ihn täglich sehen zu müssen. Natürlich hätte ich einfach kündigen und mir eine neue Arbeit suchen können. In Hamburg gibt es haufenweise Designagenturen, die mich mit Kusshand nehmen würden. Dennoch hänge ich an meiner Arbeit, meinen Kollegen, meinen Kunden. Es ist nicht so einfach für mich, das alles hinter mir zu lassen und von vorne zu beginnen. Mit fast dreißig muss man sich eben überlegen, wo man im Leben stehen will. Ein Neuanfang macht mir Angst.

»Hat dir Thomas etwa so kurzfristig freigegeben?«

»Nun … nicht direkt«, gestehe ich kleinlaut und drehe dabei den Kaffeebecher in den Händen. Claudia sieht mich irritiert an.

»Heißt das, du bist einfach abgehauen?«

»So würde ich das nicht unbedingt nennen«, brumme ich, denn ihr amüsierter Tonfall gefällt mir nicht. »Sagen wir mal, ich habe spontanen Urlaub auf unbestimmte Zeit eingereicht. Schließlich habe ich noch massenhaft Überstunden, sodass es sogar für ein Sabbatjahr reichen würde.«

Claudia grinst mich an. »Oh, ich kann mir zu gut Thomas’ Gesicht vorstellen, wenn er morgen früh von deiner Abwesenheit erfährt. Du hast ihm doch wenigstens eine Nachricht hinterlassen?«

»Hab ihm eine Mail geschickt«, entgegne ich trocken, spüre jedoch den verräterischen Kloß im Hals drücken. Mit Thomas Schluss zu machen, ist mir nicht leichtgefallen, vor allem, weil ich meinen Job liebe und er mein Chef ist. Doch ich kann ihm das Fremdgehen und den damit einhergehenden Betrug einfach nicht verzeihen. Dies wird noch zusätzlich befeuert, weil er sich nach unserem Streit überhaupt nicht einsichtig gezeigt hat. Als wäre sein Seitensprung nicht von Bedeutung gewesen. Für mich war es jedoch ein Vertrauensbruch. Thomas war der Mann, mit dem ich mir zumindest ansatzweise eine Familie hätte vorstellen können. Obwohl er meine Arbeit nicht so wertschätzte, wie ich es gerne hätte, habe ich mir stets eingeredet, es könnte anders werden, sobald wir verheiratet sind. Immerhin war er permanent der Meinung, ich müsste mit unseren Kindern die erste Zeit zu Hause bleiben. Da bräuchte ich mich jetzt nicht so sehr in die Arbeit reinknien, wie ich es aktuell tue. Obwohl die Trennung schon ein paar Monate her ist, habe ich meine Trauer und die Enttäuschung darüber bisher gut verdrängt und nicht aufgearbeitet. Natürlich habe ich mit Freundinnen darüber gesprochen, vor allem mit meiner Kollegin Vera. Dennoch fühle ich mich immer noch so, als habe ich mit der Geschichte nicht richtig abgeschlossen …

Claudia schüttelt amüsiert den Kopf. »Ach, Moni. Du warst schon immer so –« Sie legt Daumen und Zeigefinger ans Kinn, als würde sie angestrengt nachdenken, um das passende Wort zu finden. »Rational? Würde es das beschreiben?« Sie grinst, woraufhin ich bloß die Augen verdrehe und meinen leeren Kaffeebecher auf den Couchtisch stelle. Dann erhebe ich mich vom Sofa und lege die flauschige Decke sorgsam zusammen.

»Ich werde schlafen gehen«, verkünde ich ruhig und lasse mir meine Anspannung nicht anmerken. Diese Situation bringt mich deutlich aus dem Gleichgewicht. »Hoffentlich kann ich die Sache mit meinem Auto morgen früh schnell regeln, damit ich euch nicht länger als nötig zur Last fallen muss.«

»Du fällst uns nicht zur Last, kleine Schwester«, entgegnet Claudia und ich glaube, in ihrer Stimme eine gewisse Sanftheit zu erkennen, die ich bisher kaum erlebt habe. Sie erhebt sich ebenfalls und tritt an mich heran. Ehe ich michs versehe, finde ich mich zum zweiten Mal am heutigen Abend in ihren Armen wieder.

»Ich freue mich wirklich, dass du hier bist. Auch wenn der Grund dafür weniger schön ist. Du darfst so lange hierbleiben, wie du willst.«

Ein bisschen beschämt löse ich mich von ihr, lächle jedoch zaghaft. So enger Kontakt zu meiner Schwester fühlt sich nach all den Jahren der Distanz eigenartig an. Dennoch nicke ich dankbar, ehe ich mich von ihr abwende, um im Gästezimmer zu verschwinden.

***

Am nächsten Morgen sieht die Welt schon wieder besser aus. Zumindest für Claudias Kinder, die ich bereits zu dieser frühen Stunde unten toben höre. Mein Handy verrät mir, dass es noch nicht einmal sieben Uhr ist. Mein Tag beginnt normalerweise erst um neun in der Designagentur.

Stöhnend quäle ich mich aus dem Bett. Natürlich konnte ich nach der ganzen Aufregung am Abend nicht so schnell einschlafen, weshalb ich mich jetzt wie gerädert fühle. Der Lärm aus dem Erdgeschoss sorgt nicht gerade dafür, meine Laune zu heben. Wenn ich daran denke, dass mein Wagen heute noch in die Werkstatt muss und ich auf unbestimmte Zeit auf Sylt festhänge, sinkt meine Begeisterung für diesen unfreiwilligen Urlaub gegen null.

Ehe ich meine Beine über die Bettkante schwingen kann, höre ich es bereits im Flur vor meinem Zimmer poltern. Nur wenige Sekunden später wird auch schon die Tür schwungvoll aufgerissen und ein kleiner blonder Wirbelwind stürmt mit lautem Geschrei herein, direkt zu mir ins Bett und in meine Arme.

»Tante Moni!«, quietscht mir das Mädchen im pinken Pyjama ins Ohr, ehe sie mir einen feuchten Kuss auf die Wange drückt und mir die Arme so fest um den Hals schlingt, dass ich glaube, keine Luft mehr zu bekommen. Ich blinzle mehrmals und schiebe meine Nichte ein Stück zur Seite, damit ich mich aufrichten kann. Sie strahlt mich fröhlich an. So viel Energie hätte ich auch gerne am frühen Morgen. Doch seit einiger Zeit fühle ich mich schlapp und ausgelaugt.

»Silke, du bist ja schon wach«, brumme ich verschlafen und streichle dem Mädchen durch die blonde, zerzauste Lockenmähne. Auch meine Locken muss ich jeden Morgen mit viel Haarspray und einem Glätteisen bändigen, damit sie mir nicht wild vom Kopf abstehen. Jetzt fällt mir ein, dass ich letzteres in meiner Eile zu Hause in Hamburg vergessen habe. Na hoffentlich kann mir Claudia weiterhelfen, damit ich nicht zu furchtbar aussehe.

»Klar«, entgegnet Silke lächelnd. »Schon seit halb sechs. Ich habe auch gefrühstückt. Es gibt leckere Pfannkuchen. Wenn du dich nicht beeilst, sind gleich keine mehr übrig.« Sie rutscht von meinem Schoß und setzt sich im Schneidersitz auf die Bettdecke, damit ich mich weiter aufrichten kann.

Gähnend streiche ich mir die wirren Haare aus dem Gesicht. Claudia muss echt Nerven haben, um so früh aufzustehen und den Kindern auch noch frische Pfannkuchen zu backen. Ich schaffe es am Morgen ja gerade mal, mir einen Kaffee zuzubereiten, da ist an ein ordentliches Frühstück noch lange nicht zu denken.

Meine Klamotten hat Claudia gestern Abend in den Trockner geschmissen, weil sie völlig durchnässt waren. Also angele ich nach meinem Rucksack am Fußende des Bettes und ziehe einen Rock und einen dünnen Rollkragenpullover heraus, die ich glücklicherweise als Ersatz eingesteckt habe. Viel habe ich in meiner Eile gar nicht eingepackt. Sollte ich länger hierbleiben, müsste ich entweder shoppen gehen oder mir Sachen von Claudia leihen.

»Tante Moni? Bist du es wirklich?«, kommt es von der Tür und ein blonder Junge steckt den Kopf ins Zimmer. Hinter ihm taucht ein weiterer Junge auf, der seinen Bruder beherzt ins Zimmer schiebt. Lächelnd nicke ich den Zwillingen zu.

»Ich bin’s wirklich, wer hätte das gedacht, was?«

Die Jungs zeigen mir beide wie auf Kommando ein breites Grinsen, bei dem sie stolz ihre Zahnlücken präsentieren.

»Ich habe mit Moritz gewettet, dass du dich nicht hierher traust«, meint einer der Zwillinge und hält seinem Bruder die offene Hand entgegen. »Der Euro gehört mir, Mann.« Brummend holt Moritz ein Geldstück aus der Hosentasche seiner Jeans hervor.

»Wer hätte auch ahnen können, dass du wirklich herkommst. Du hast uns noch nie besucht, das lässt nun mal Raum für Zweifel«, sagt Moritz mit einem vorwurfsvollen Blick in meine Richtung. Sein Bruder hingegen grinst bloß frech und steckt den Euro ein.

»Dürft ihr eigentlich schon um Geld wetten, Jungs?«, frage ich skeptisch. »Und müsstet ihr nicht längst … ähm … im Kindergarten sein?«

Moritz verzieht beleidigt das Gesicht, sein Bruder lacht laut auf und schüttelt den Kopf, sodass die blonden Locken umherfliegen. Claudias Kinder kommen mit ihrer Haarpracht ganz nach ihrer Mutter und mir. Zum Glück, denn Dirk besitzt nur noch lichtes Haar, obwohl er gerade mal Ende vierzig ist.

»Kindergarten ist etwas für Babys. Wir sind vergangenen Monat acht geworden und schon in der zweiten Klasse«, erklärt Max stolz, nachdem sein Lachen verklungen ist.

»Ich gehe aber noch in den Kindergarten«, murmelt Silke neben mir.

»Du bist ja auch noch ein Baby«, kichert Max.

»Max! Moritz! Kommt endlich runter, sonst kommt ihr zu spät in die Schule«, ruft Dirk von unten. »Und wenn du nicht im Schlafanzug in den Kindergarten willst, dann ab in dein Zimmer und anziehen, Fräulein!«

Silke hüpft kichernd vom Bett und saust auch schon aus dem Raum. Max und Moritz wenden sich ebenfalls zum Gehen. Moritz dreht sich jedoch an der Tür noch einmal zu mir um und lächelt zaghaft.

»Bist du denn noch da, wenn wir heute Nachmittag zurück sind? Ich möchte dir gerne meine Modelleisenbahn zeigen.«

»Klar, bin ich noch hier. Wie es scheint, bleibe ich noch eine Weile«, sage ich mit schiefem Grinsen.

»Super!« Sein Lächeln wird breiter, dann folgt er seinem Zwillingsbruder runter ins Erdgeschoss. Einen Moment lang sehe ich meinem Neffen nach. Keine Ahnung, wie man auf die Idee kommt, seine Kinder Max und Moritz zu nennen. Damit haben Claudia und Dirk den beiden keinen Gefallen getan. Ungläubig schüttele ich den Kopf. Verrückt, wie groß die Kinder schon sind. Silke ist fünf und geht nächsten Sommer ebenfalls in die Grundschule. Bei unserer letzten Begegnung konnte sie nicht einmal laufen. Kein Wunder, dass Moritz überrascht ist, mich hier zu sehen.

Endlich stehe ich auf und schlüpfe aus Claudias Schlafanzug, ehe ich mich anziehe und im Badezimmer verschwinde. Dort wasche ich mich, lege ein leichtes Make-up auf und bändige meine Haare notdürftig mit einem Zopfgummi, weil ich in Claudias Schränken kein Glätteisen finde.

»Da bist du ja endlich«, meint meine Schwester, als ich zu ihr in die Küche komme. Hier riecht es wunderbar nach frischem Kaffee und Pfannkuchen. Tatsächlich haben mir die Kinder etwas von ihrem Frühstück übrig gelassen. Ich setze mich an den Küchentisch, auf dem Claudia bereits einen Becher mit dampfendem Kaffee abgestellt hat.

»Danke, aber normalerweise frühstücke ich nicht so früh, weil ich immer erst in die Agentur fahre …«, erkläre ich ihr, als sie mir einen sauberen Teller für die Pfannkuchen reicht. »Kaffee genügt mir um diese Uhrzeit.«

Claudia schüttelt lächelnd den Kopf und setzt sich mir gegenüber. »In unserem Haus gilt das Frühstück als die wichtigste Mahlzeit des Tages. Ich stehe ja nicht umsonst so früh vor der Arbeit auf. Iss ordentlich, dann hast du mehr Energie.« Sie greift selbst nach einem Pfannkuchen, legt ihn auf ihren Teller und bestreicht ihn dick mit Nutella. Auch ich lange nach meinem Frühstück.

»Wäre mir viel zu aufwendig …«

»Warte nur ab, bis du erst eigene Kinder hast. Dann wirst du deine Meinung überdenken.«

Ja, vermutlich. Doch dafür bräuchte ich erst mal einen neuen Freund. Ob ich jemals wieder für eine neue Beziehung bereit sein werde? Meine Trennung ist noch gar nicht so lange her, als dass ich mir jetzt schon darüber Gedanken machen würde.

Eine Weile essen wir schweigend, bis Claudia ihr Besteck zur Seite legt und sich den Mund mit einer Serviette abputzt.

»Bist du sicher, dass du dir die Sache mit Thomas nicht noch einmal gründlich überlegen solltest? Immerhin wirst du bald dreißig. Deine biologische Uhr müsste längst ticken.«

Genervt verdrehe ich die Augen. Ernsthaft? Jetzt klingt sie schon wieder wie unsere Mutter. Das Leben besteht nicht nur aus Heiraten und Kinder kriegen. Vielleicht möchte ich ja noch Karriere machen und lasse mir Zeit mit der Familienplanung? Gerade nach der Trennung nimmt der Gedanke in meinem Kopf, endlich einen Schritt nach vorne zu machen und eine eigene Designagentur zu gründen, immer mehr Form an.

»Ich werde erst dreißig und nein, eigentlich gefällt mir mein Leben so, wie es jetzt ist«, entgegne ich patzig. Meine Schwester zuckt mit den Schultern.

»Wie du meinst. Ich muss jetzt langsam los zur Arbeit. Sobald Dirk zurück ist, fährt er dich und deinen Wagen zu Ben in die Werkstatt. Er hat sich heute spontan Urlaub im Krankenhaus genommen, um dir zu helfen. Schließlich kennst du dich nicht auf der Insel aus.« Sie lächelt mir noch einmal zu, dann verlässt sie die Küche. Kurze Zeit später höre ich die Tür ins Schloss fallen.

Kapitel 3

Irgendwie hatte ich nicht vermutet, dass Bens Werkstatt auch wirklich so heißt. Nicht gerade originell, aber vermutlich hat der Inhaber keine Ahnung von Marketing und Präsenz in der Öffentlichkeit. Da es sich anscheinend um die einzige größere Werkstatt auf Westerland handelt, hat er wohl einfach Glück. In Hamburg würde er mit diesem Namen nicht weit kommen.

Ich steige aus meinem Auto und schaue kurz zu Dirk rüber, der bereits die Abschleppstange löst und im Kofferraum seines Familienvans verstaut.

»Ich schaue mal nach, ob Ben gerade da ist«, sagt er an mich gewandt und verschwindet bereits im Inneren des Bürogebäudes, das an die Werkstatt angrenzt. Mit über der Brust verschränkten Armen mache ich einige Schritte auf das große, offene Garagentor zu, aus dem Lärm zu mir dringt. Ein Auto steht auf einer Hebebühne, unter dem zwei Füße in schwarzen Sicherheitsschuhen hervorlugen. Schmunzelnd betrachte ich eine Weile den Mann bei seiner Arbeit.

»Albert, gib mir mal eben den großen Schraubenschlüssel«, kommt es plötzlich von ihm. Erschrocken zucke ich zusammen und sehe mich um. Besagter Albert scheint nicht in der Werkstatt zu sein. Erneut lasse ich den Blick schweifen, dann nähere ich mich dem Mann unterm Auto. Mit einer Hand tastet er neben sich, ohne jedoch den gesuchten Gegenstand zu erreichen. Also tue ich ihm den Gefallen und trete näher, schiebe den Schraubenschlüssel mit meinem Schuh in seine Richtung, sodass er ihn ergreifen kann.

»Danke«, brummt er, seine tiefe Stimme hallt merkwürdig unter dem Auto. Bevor ich wieder zur Seite treten kann, schiebt sich der Mann auf einem Rollbrett unter dem Auto hervor. Es sieht aus wie in einem der Fast & the Furious Filme, die Thomas so gerne geschaut hat. Unsere Blicke treffen sich und er hebt überrascht die Augenbrauen.

»Hätte mich auch gewundert, wenn Albert solche Schuhe tragen würde«, meint er mit einem amüsierten Blick auf meine roten High Heels. Innerlich verfluche ich mich dafür, keine Ersatzschuhe eingepackt zu haben, zeige mein Unbehagen jedoch nicht und schenke dem Mechaniker ein freundliches Lächeln. Er erhebt sich umständlich vom Rollbrett und wischt sich die ölverschmierten Hände am Blaumann ab, ehe er auf mich zukommt und mir seine Hand entgegenstreckt. Zögernd ergreife ich sie, erwidere seinen festen Händedruck jedoch nur halbherzig, um mich nicht schmutzig zu machen.

»Hey, ich bin Ben. Kann ich Ihnen helfen?«, stellt er sich mir lächelnd vor. Auf seiner rechten Wange entdecke ich ein Grübchen, das ihn mir direkt sympathisch macht. Das ist also Ben, nach dem Dirk im Büro sucht. Wo mein Schwager wohl so lange steckt? Ihm muss doch längst aufgefallen sein, dass er den Mechaniker nicht in dem vermuteten Raum antreffen wird.

Ben lässt meine Hand wieder los und sieht sich in der Werkstatt um. »Wo steckt Albert wieder, wenn man ihn mal braucht?«

»War auf dem Klo«, murmelt der schlaksige Mann, der durch eine angrenzende Tür auf uns zukommt. Er ist jung und groß, der schmutzige Blaumann sitzt an ihm locker wie ein Sack, während Ben seinen perfekt ausfüllt. Mir entgeht nicht, dass sich das schwarze Shirt um seine Oberarme spannt, als er die Hände in die Seiten stemmt und Albert ansieht. Scheinbar ist der junge Mann ein Auszubildener, denn sein Blick wirkt reumütig.

»Klar. Und bist wieder mal auf TikTok unterwegs, habe ich recht?«, entgegnet Ben lachend. Dabei sitzt der Schalk in seinen Augen und statt sich über den Azubi zu beschweren, boxt er ihm kameradschaftlich gegen den Oberarm. Wow, hier herrscht ein sehr entspanntes Arbeitsklima. Ganz anders als bei mir im Büro, denn seit der Trennung kann ich die dicke Luft förmlich mit Händen greifen. Neugierig mustere ich den Mechaniker, der seinem Auszubildenden technische Anweisungen gibt, von denen ich nur die Hälfte verstehe. Er ist groß und muskulös, wovon Zweiteres wohl von der körperlichen Arbeit hier in der Werkstatt kommt. Das Shirt unter dem Blaumann schmiegt sich wie eine zweite Haut an seinen Oberkörper. Mit einer lässigen Geste fährt sich Ben durch das kurze Haar und grinst schief. Sein Dreitagebart lässt ihn dabei ein wenig verwegen aussehen, was mir völlig überraschend einen wohligen Schauer über den Rücken jagt. Sofort wende ich den Blick von ihm ab.

»Los, mach dich wieder an die Arbeit. Du wolltest doch längst die Reifen an Günthers Motorrad wechseln. Er kommt in einer Stunde, um die Maschine wieder abzuholen.«

Albert nickt und verzieht sich nach hinten in die Werkstatt und damit aus meinem Blickfeld. Erneut wendet sich Ben mir zu.

»Also, wie kann ich Ihnen helfen?«, wiederholt er seine Frage von vorhin, auf die ich ihm noch immer keine Antwort gegeben habe. »Sie sind doch nicht bloß hier, um mir bei der Arbeit zuzusehen? Vermutlich haben Sie sich verfahren, habe ich recht? Sie scheinen nicht von hier zu sein.«

»Also, eigentlich –«, unterbreche ich seinen Redeschwall, ehe Dirk hinzukommt.

»Ach, hier bist du. Ich habe dich gesucht«, sagt er zu Ben und klopft ihm auf die Schulter.

»Nun hast du mich ja gefunden«, entgegnet Ben grinsend.

»Ich frage mich, wo du ihn die ganze Zeit über gesucht hast. Die Werkstatt scheint mir nicht sonderlich groß zu sein«, meine ich mit gerunzelter Stirn. Dirk lacht auf, dann vollführt er eine wegwerfende Geste mit der Hand.

»Sorry, aber habe mich mit Gaby verquatscht. Sie hat mir von den neuen Hundewelpen erzählt, die sie –«

Ich räuspere mich und bringe Dirk damit zum Schweigen. »Dirk, wir sind nicht zum Quatschen hergekommen.«

»Ach, richtig. Ramona hatte gestern Abend einen Auffahrunfall und seitdem springt ihr Wagen nicht mehr an. Könntest du ihn dir ansehen?«

Ben sieht erst meinen Schwager, dann mich einen Augenblick lang an, ehe er nachdenklich die Stirn in Falten legt. Das freche Grübchen verschwindet wieder.

»Nun ja … eigentlich müsstet ihr erst einen Termin machen. Diese Woche bin ich verdammt voll, weil Dieter noch im Urlaub ist«, erklärt er. Seine Augen fixieren mich dabei ernst und abermals spüre ich dieses eigenartige Prickeln auf meiner Haut. Seine graublauen Iriden weisen eine gewisse Ähnlichkeit mit der rauen See auf, der ich rein gar nichts abgewinnen kann. Dennoch kann ich mich nicht abwenden und halte seinem prüfenden Blick stand.

»Es ist wirklich dringend«, sage ich mit Nachdruck. Ben schüttelt bedauernd den Kopf.

»Ich kann nicht helfen.«

Mist. Was mache ich denn jetzt? Schließlich kann ich hier keine Woche lang festsitzen! Dabei glaube ich nicht, dass sich mein Termin beim Testamentsvollstrecker über Tage hinziehen wird. Eigentlich wollte ich die Sache schnellstmöglich abhaken und in mein Leben zurückkehren. Dann muss ich wohl oder übel ohne mein Auto nach Hamburg begeben …

»Gibt’s denn keine andere Werkstatt hier?«, frage ich an Dirk gewandt, denn der Gedanke, so schnell wieder zurückzufahren, behagt mir ebenso wenig, wie hierzubleiben. Daran ist bloß Thomas schuld! Hätten wir uns nicht getrennt, müsste ich mich nicht mit solch widersprüchlichen Gefühlen herumplagen.

Mein Schwager zuckt mit den Schultern. »Schon, aber ich denke nicht, dass du dort mehr Glück haben wirst. Die Insel ist ein Dorf – und die wenigen Werkstätten hier ziemlich ausgelastet mit der Arbeit wegen der vielen Touristen in den Sommermonaten. Nicht nur du musst dich da in Geduld üben.«

»Doch wenn ihr schon mal hier seid, kann ich den Wagen ja auf die Warteliste für nächste Woche setzen«, meint Ben versöhnlich. »Soll ich mir den Schaden eben ansehen?«

Er wartet meine Antwort nicht ab, sondern geht an mir vorbei ins Freie zum Parkplatz, auf dem Dirk mein Auto notdürftig abgestellt hat. Wir folgen dem Mechaniker. Mit abschätzendem Blick läuft er langsam um mein Auto herum, begutachtet den äußeren Schaden von Frontscheinwerfern, Kühlergrill und Stoßstange, ehe er sich mir erneut zuwendet.

»So, wie ich das sehe, haben Sie einen ziemlichen Blechschaden.«

»Schlaumeier, das sehe ich selbst«, entfährt es mir patzig und sogleich beiße ich mir auf die Lippe, weil mir mein Kommentar peinlich ist. Normalerweise habe ich mich besser im Griff, doch gerade heute ist meine Zündschnur ziemlich kurz. Seitdem ich hier auf der Insel bin, scheine ich vom Pech verfolgt zu werden. Verärgert verschränke ich die Arme vor der Brust, recke das Kinn vor und sehe Ben herausfordernd an.

»Kriegst du das überhaupt hin, wenn der Schaden doch ach so enorm ist?«, frage ich in provozierendem Tonfall, um eine Reaktion aus ihm herauszukitzeln. Sein Grinsen vertieft sich.

»Sind wir also schon beim Du? Von mir aus.« Er macht einen Schritt auf mich zu und kommt mir dabei gefährlich nahe. Langsam hebe ich den Blick und sehe Ben an. Er ist circa einen Kopf größer als ich, obwohl ich nicht gerade klein bin. Überrascht erkenne ich aus der Nähe die dichten Wimpern, die seine graublauen Augen umrahmen. Einen Moment lang starre ich ihn stumm an und kann die widersprüchlichen Gefühle in meinem Inneren nicht kontrollieren. Einerseits möchte ich erneut etwas Freches erwidern, um ihn zu necken. Andererseits kann ich es kaum erwarten, dieser unangenehmen Situation so schnell wie möglich zu entfliehen, denn dieser Mann übt eine ganz seltsame Anziehungskraft auf mich aus, die mir nicht geheuer ist.

»Schlüssel.«

Ich blinzle irritiert. Ben streckt seine Hand aus.

»Schlüssel«, wiederholt er. Jetzt erst begreife ich, dass er die Autoschlüssel meint. Ich ziehe den gewünschten Gegenstand aus meiner Rocktasche und reiche ihn ihm. Dabei streifen seine Fingerkuppen kurz meine Handinnenfläche. Seine Haut ist rau und fühlt sich ganz ungewohnt an. Jedoch alles andere als unangenehm. Schnell verdränge ich dieses Gefühl und versuche, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren.

Schweigend geht der Mechaniker erneut zu meinem Auto und setzt sich hinters Steuer. Gespannt warte ich ab, bis etwas passiert, doch auch jetzt springt der Motor nicht an. Ich höre nicht einmal ein kleines Ruckeln, kein Quietschen – gar nichts. Ist das jetzt ein schlechtes Zeichen?

Ben steigt wieder aus und öffnet die Motorhaube, beugt sich tief über deren Inhalt. Dirk und ich gehen zu ihm und ich schaue neugierig ins Innere.

»So, wie es aussieht, hast du einen Motorschaden«, stellt Ben fest. Erschrocken reiße ich die Augen auf.

»Was? Nur wegen eines Auffahrunfalls? Das kann doch nicht sein!«, entfährt es mir entsetzt. Ben schließt die Motorhaube mit einem Knall, der mich zusammenzucken lässt. Dann lehnt er sich gegen mein Auto und verschränkt die Arme vor der Brust.

»So etwas kommt schleichend. Vermutlich war der Aufprall einfach der letzte Tropfen auf dem heißen Stein. Ist dir denn bisher nichts Ungewöhnliches aufgefallen? Fast jeder Motorschaden macht sich akustisch bemerkbar. Er kann verstärkt brummen, doch dieses Geräusch kann auch vom Auspuff kommen.« Er zieht nachdenklich die Augenbrauen zusammen. »Und wenn er quietscht, hat möglicherweise eine Materialermüdung am Keilriemen eingesetzt, dieser könnte demnächst reißen. Das ist jedoch bei dir nicht mehr der Fall. Bei gravierenden Motorschäden kann man den Motor überhaupt nicht mehr starten.«

Fassungslos blicke ich Ben an, dann zu meinem Auto. Das kann einfach nicht wahr sein! Dabei war dieser Unfall nicht einmal der Rede wert. Nun sitze ich buchstäblich fest. Verdammt!

»Was mache ich denn nun?«, sage ich mehr zu mir selbst als zu den beiden Männern. Dirk zuckt mit den Schultern.

»Du könntest erst mal bei uns unterkommen, bis wir eine Lösung gefunden haben. Oder musst du dringend zurück nach Hamburg?«

Die Falte auf Bens Stirn wird tiefer und etwas an seinem Gesichtsausdruck lässt mich stutzen. Er wirkt auf einmal verschlossen und unnahbar. Nichts von der offenen Ausstrahlung, mit der er mich noch vor wenigen Minuten begrüßt hat, ist mehr zu erkennen.

»Nein, ich denke nicht, dass ich so schnell zurückmuss«, wende ich zögernd ein, weil ich mir selbst noch nicht sicher bin. Bisher hat sich niemand von der Arbeit gemeldet. Normalerweise hätte Thomas auf meine Mail von gestern Abend antworten müssen, noch ist jedoch nichts in meinem Postfach angekommen, obwohl ich die Mails heute schon zweimal gecheckt habe.

»Nun, ich kann ja schauen, was ich noch für dich tun kann«, bietet mir Ben an und ein Lächeln kehrt auf sein Gesicht zurück. »Aber ich will dir nicht zu viel versprechen. Eine Reparatur lohnt sich nur in seltenen Fällen und ist außerdem sehr kostspielig. Es wäre fast schon sinnvoller, den Wagen zu verkaufen, gerade, wenn es sich um ein älteres Baujahr handelt. Aber an deiner Stelle würde ich erst mal mit der Versicherung sprechen. Vielleicht übernehmen sie die Reparaturkosten ja.«

»Wohl kaum, immerhin war ich am Unfall schuld. Ich bin ja schon froh, keine Anzeige bekommen zu haben«, entgegne ich mit einem Seufzen. Ben löst sich aus seiner Position und geht rüber zur Werkstatt.

»Albert, jag mir mal die Karre vom Bernd von der Hebebühne runter. Wir haben hier noch ein Problemkind, das Vorrang hat.« Er zwinkert mir zu, dann verschwindet er im Inneren der Werkstatt, meinen Autoschlüssel hält er dabei immer noch in der Hand.