Kapitel 1 – Gwen
Ein Kondenstropfen perlte das Wasserglas hinab. Als er meine Finger erreichte, erschauderte ich. Seufzend trank ich einen weiteren Schluck und legte meine Füße auf dem Couchtisch hoch. Ich schloss erschöpft die Augen. Endlich Wochenende.
„Mom!“ Entsetzen lag in Livys Stimme, und mit einem Satz sprang ich vom Sofa auf, um nach dem Rechten zu sehen. Alle Gliedmaßen waren noch dran. Keine offensichtlichen blutenden Wunden. Auch große, haarige Spinnen konnte ich nirgends entdecken.
„Was ist denn los?“
„Ich habe keine Bücher mehr!“
Ich schnaubte. „Und deswegen schreist du so rum? Was ist denn mit denen?“, fragte ich und deutete auf das überfüllte Bücherregal neben ihrem Bett.
„Aber Mom, die sind doch alle für Babys.“
„Olivia“, setzte ich an, bremste mich jedoch schnell. Was hatte ich da gerade tun wollen? Warum war mein erster Instinkt, sie daran zu erinnern, dass sie erst vor wenigen Wochen zu ihrem siebten Geburtstag einen ganzen Stapel Bücher bekommen hatte? Ich hatte eine Vielleserin großgezogen, und das bedeutete nun einmal nicht nur zahlreiche Möglichkeiten, mit ihr anzugeben, sondern eben auch die Verantwortung, sie mit ausreichend Nachschub zu versorgen.
„Können wir in die Bücherei? Bitte!“ Das letzte Wort zog Livy flehend in die Länge und sie sah mich aus ihren großen haselnussbraunen Augen an, die bereits verdächtig schimmerten. Nicht mehr lange und es würden Tränen folgen.
„Muss das jetzt wirklich noch sein? Ich wollte bald mit dem Kochen anfangen. Und bist du nicht müde von der Schule?“ Halt suchend lehnte ich mich gegen den Türrahmen. Ich war seit dem frühen Morgen auf den Beinen und hatte mich darauf gefreut, mich endlich ein wenig ausruhen zu können.
„Am Wochenende hat sie doch zu! Und außerdem holen mich Dad und Zoe morgen nach dem Frühstück ab …“ Livys Unterlippe bebte, und ich wusste, dass ich nachgeben würde. Bleierne Schwere in meinen Beinen hin oder her. Wie könnte ich auch nicht? Sie war eine Leseratte, weil sie es sich bei mir abgeschaut hatte, und im Gegensatz zu mir konnte sie sich nicht einfach Nachschub auf ihren E-Reader laden, sondern war auf Büchereien und Buchgeschenke angewiesen.
„Okay, okay.“ Ich lenkte ein. Livy sprang auf, verwandelte sich vom trotzigen Häuflein Elend in einen quirligen Tornado. „Danke“, quietschte sie, stürmte auf mich zu und schlang ihre Arme um mich.
Schmunzelnd löste ich den kleinen Klammeraffen von mir. „Mach dich fertig, ich zieh mich in der Zwischenzeit um, ja?“ Livy nickte nur rasch, ehe sie auch schon zu ihrem Rucksack flitzte, den sie immer für die Wochenenden bei ihrem Vater benutzte.
Im Schlafzimmer schlüpfte ich aus dem knielangen Rock und der gemusterten Bluse, die ich für meinen Dienst im Blumenladen getragen hatte. Jetzt brauchte ich etwas Bequemeres. Missmutig starrte ich in den Kleiderschrank. Die Auswahl war mickrig. Zu oft hatte ich Livys Sachen vorgezogen, wenn ich nur Zeit für eine einzige Ladung Wäsche gehabt hatte.
Ich griff nach meiner Lieblingsjeans, die über einem Sessel hing, und schnüffelte daran. Tragbar. Dazu schnappte ich mir ein verwaschenes Bandshirt, das definitiv schon bessere Zeiten gesehen hatte, und zog beides an.
Rasch wusch ich mir im Badezimmer noch das Gesicht mit eiskaltem Wasser und hoffte, dadurch meinen Lebensgeistern zumindest eine kleine Energiereserve entlocken zu können. Mein welliges kastanienbraunes Haar band ich zu einem Pferdeschwanz, ehe ich in den Flur trat, wo meine Tochter ungeduldig auf mich wartete.
Das abgetragene Paar roter Converse besänftigte meine Füße, die lieber schuhfrei geblieben wären, und als wir das Haus verließen, strich mir eine frische Brise um die Nase. Ich atmete tief durch. Es war ein warmer Tag, aber ich meinte anstatt des allgegenwärtigen Dufts von Lavendel während der Sommermonate bereits die ersten Vorboten des Herbsts zu erschnuppern. Oder lag da etwas anderes in der Luft? Ich strich über die Härchen, die sich auf meinen Armen aufgestellt hatten.
„Wollen wir dir nicht lieber deine Jacke holen?“
Livy schüttelte ungeduldig den Kopf und zerrte an meiner Hand. „Nein, mir ist nicht kalt, ich brauche nur Bücher.“
Ich gab mir Mühe, mit Livys Tempo mitzuhalten. Trotz ihrer kurzen Beine konnte meine Tochter verflixt schnell sein, wenn sie es darauf anlegte. Nur gelegentlich hatte ich Zeit, meinen Blick ein wenig schweifen zu lassen, zu schnell verging unser kleiner Streifzug durch Lavender Grove. Ich lebte bereits seit knapp sieben Jahren hier und dennoch entdeckte ich stets etwas Neues. Wie das heimelig anmutende Café, das halb verborgen zwischen den üppig bepflanzten Vorgärten lag. Es fiel mir nicht zum ersten Mal auf, aber ich betrachtete es mit anderen Augen seit Zoe mir neulich erklärt hatte, dass es als Geheimtipp galt, wenn es einmal im Monat lokalen Musikern und Poeten eine Bühne bot.
Als wir in die nächste Gasse einbogen und ich die Fassade der Bibliothek erspähte, wurde Livy unerwartet langsamer und sah zu mir auf. „Was machst du eigentlich am Wochenende, Mom?“
„Dich vermissen natürlich“, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen.
Meine Tochter verdrehte die Augen. „Das meine ich nicht. Du sollst etwas machen, das haben auch Dad und Zoe gesagt.“
Ich nahm mir einen Moment, um tief durchzuatmen. Das hatte mir gerade noch gefehlt. „Was genau haben dein Dad und Zoe gesagt?“
„Dass du nie jemanden kennenlernen wirst, wenn du immer nur arbeitest oder mich im Schlepptau hast.“
Fast hätte ich aufgelacht, aber Livy sah mit ernster Miene zu mir auf. Ich würde definitiv ein ernstes Wörtchen mit Blake und Zoe reden müssen. Mein miserables Liebesleben war einzig und allein meine Sache, und nichts, worüber sich andere oder gar meine Tochter den Kopf zerbrechen sollten.
Sanft drückte ich Livys Hand. „Mach dir um mich keine Sorgen, ich habe Pläne fürs Wochenende. Das kannst du deinem Dad und Zoe gern sagen.“
„Okay.“ Für Livy schien das Thema damit erledigt zu sein. „Und jetzt komm, ich hör die Bücher nach mir rufen!“
Kurz darauf hielt ich ihr grinsend die Tür auf und Livy stürmte an mir vorbei ins Innere der Bibliothek. Während sie zwischen den Regalen verschwand, begrüßte ich die Bibliothekarin hinter ihrem Tresen. Helen nickte mir lächelnd zu, ehe ich weiterging.
Ich hatte Pläne, das war nicht einmal gelogen gewesen. Die Tatsache, dass es sich dabei hauptsächlich um Hausarbeit handelte, musste ich ja niemandem unter die Nase reiben, oder? Ich wusste genau, was Blake und Zoe dazu sagen würden. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit ermutigten sie mich, etwas zu unternehmen, und viel zu oft hatte ich abgelehnt, wenn sie mich in Pläne involvieren oder mir gar jemanden hatten vorstellen wollen. Wie sonst sollte ich je jemanden kennenlernen? Und sie hatten ja recht … Meine letzte Beziehung war mit Blake gewesen und hatte noch vor Livys erstem Geburtstag geendet. Jetzt war sie sieben.
Ich verzog das Gesicht. Wie sollte ich überhaupt Zeit für eine Beziehung finden? Ich arbeitete Teilzeit im Blumenladen und die restliche Zeit verbrachte ich entweder mit Schlafen oder mit Livy. Meine Tochter war meine oberste Priorität und darauf war ich stolz. Mir fehlte doch gar nichts, ich war glücklich.
In der Kinderabteilung stand Livy mit kritisch suchendem Blick vor einem der Regale. Sie hielt einen ganzen Stapel Bücher und ich runzelte die Stirn. „Bist du etwa schon fertig?“
„Äh, nein?“ Livy starrte mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Sie schleppte die Bücher zu einem der farbenfrohen Sitzsäcke und stellte sie auf dem Boden ab. Dann ließ sie sich mit einem übertriebenen Seufzen, das sie sich definitiv von mir abgeschaut hatte, in den Sitzsack fallen und griff nach dem obersten Buch. „Erst muss ich reinlesen, ob sie mir auch wirklich gefallen. Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher.“ Ohne Umschweife begann Livy zu schmökern.
Nur mühsam konnte ich mir ein Lachen verkneifen. Blake hatte recht, unsere Tochter wurde mir wirklich von Tag zu Tag ähnlicher. „Lass dir nicht zu viel Zeit, ja?“
Livy nickte. Hatte sie mich wirklich gehört? Ich überlegte, nachzuhaken und ihr ein Zeitlimit von einer Viertelstunde zu geben, als mich lautes Donnergrollen davon abhielt.
„Uh, perfektes Lesewetter“, murmelte Livy und kuschelte sich noch tiefer in ihren Sitzsack.
Ich sah mich um und eilte auf das nächstgelegene Fenster zu. Noch ehe ich es erreichte, donnerte es erneut. Dunkelgraue Wolken dominierten den Himmel. Waren sie so schnell aufgezogen oder wie hatten sie mir vorhin entgehen können? Vielleicht würden wir noch trocken nach Hause kommen … Nein, der Regen prasselte bereits lautstark auf den Asphalt.
Missmutig verzog ich das Gesicht. Wenn ich nicht wollte, dass wir völlig durchnässt zu Hause ankamen, würde uns nichts anderes übrig bleiben, als abzuwarten, bis der Regen vorbei war. Was wiederum bedeutete, dass ich meine Pläne fürs Abendessen nicht umsetzen konnte.
Das Trommeln des Regens gegen die Fensterscheiben war geradezu hypnotisch, erst nach einer Weile konnte ich mich losreißen und zu Livy zurückgehen. Eine sanfte Wärme erfüllte mich, als ich sie so vertieft in ihre Bücher sah. Es war gar nicht schlimm, hier eine Weile festzusitzen. Immerhin konnte Livy in Ruhe ihre Bücher auswählen, und wenn für alles andere die Zeit fehlte, würde es zum Abendessen eben nur Sandwiches geben.
Es war kein Weltuntergang, ganz gleich, wie sehr sich der Regen und der dröhnende Donner bemühten, es danach klingen zu lassen. Meine Chance, mich nach einer eigenen, ablenkenden Lektüre umzusehen.
Kapitel 2 – Mae
Einschüchternd, anders konnte ich es nicht beschreiben. Ich war nicht gerade klein und dennoch fühlte ich mich zwischen den Regalen, die sich schier bis zur Decke erstreckten, regelrecht winzig. Mit jedem Schritt schienen die Gänge zwischen ihnen noch schmaler zu werden. Ich schluckte. Fast war es, als würden die Bücher einen näheren Blick auf mich werfen und nicht andersherum. Immerhin waren sie hier zu Hause und fühlten sich bestimmt nicht dermaßen fehl am Platz wie ich.
Frustriert fuhr ich mir durch die Haare und hielt im Nacken inne. Ich hätte Eden vor meiner Abreise darum bitten sollen, noch einmal nachzurasieren. Allein traute ich mir das nicht zu und so musste ich die nächsten Monate wohl oder übel mit dem ungewohnten Nachwuchs leben.
Okay, ein letzter Versuch. Entschlossen ließ ich meinen Blick schweifen. Kleine Messingschilder an den Regalen schienen den Weg weisen zu wollen, aber ich wurde aus ihnen einfach nicht schlau. Ob ich vielleicht doch um Hilfe bitten sollte? Als ich die Bücherei vor etwa einer halben Stunde betreten hatte, war ich an einer vereinzelten Bibliothekarin vorbeigeeilt. Sie hatte mich durch ihre dicke, auffällig verzierte Brille hindurch angesehen. Als wüsste sie genau, dass ich hier nichts zu suchen hatte. Mein Herz raste erneut. Nein, lieber würde ich weiter ziellos umherirren, bevor ich ernsthaft mit dem Gedanken spielte, sie zu fragen, wo ich die richtige Lektüre fand.
Zu Hause hätte ich das Buch online kaufen und schon am nächsten Tag geliefert haben können. Das war einer der unerwarteten Unterschiede, mit denen mich die Kleinstadt gelegentlich überforderte.
Brauchte ich das Buch wirklich? Ich verzog das Gesicht, als ich in einen weiteren Gang trat und mich ratlos umsah. Wären YouTube-Videos nicht ausreichend? Natürlich, in den Weiten des Internets würde ich mehr als genug Informationen finden, dennoch widerstrebte es mir. Ich wollte etwas Handfestes. Ein Buch. Ein Projekt. Etwas, worauf ich mich während meiner Zeit in Lavender Grove konzentrieren konnte.
Die Wahl war mir überraschend leichtgefallen. Eden fehlte mir, was also lag näher, als mich endlich mit jenen Pflanzen zu beschäftigen, die uns beide faszinierten, denen es in unserer kleinen Wohnung allerdings nicht nur an Platz, sondern vor allem an Sonnenlicht mangeln würde? Aber ergab das wirklich Sinn? Pflanzen aus Samen zu ziehen, mit denen ich in spätestens ein paar Monaten erst recht wieder nichts anfangen konnte?
Ich wusste genau, was Eden dazu sagen würde. Kaum war ich räumlich von meinen Freunden, von meiner Community getrennt, versuchte ich sie zu ersetzen. In diesem Fall mit Pflanzen, die ich umhegen und denen ich meine Liebe und Aufmerksamkeit schenken wollte. Eden würde es pathologisch nennen und mir raten, zu üben, mit mir und meinen Gedanken allein zu sein. Und sier hatte ja recht …
Frustriert rieb ich mir das Gesicht, ließ noch ein letztes Mal meinen Blick wandern. Nein, es war Zeit, aufzugeben. Nichts wie raus hier! Ich setzte mich in Bewegung. Keuchend nahm ich eine enge Kurve um ein weiteres Regal, und – verdammt! Beinahe wäre ich mit jemandem kollidiert.
„Oh, Entschuldigung!“ Die Frau machte erschrocken einen Schritt nach hinten, brachte Abstand zwischen uns.
„Kein Problem“, murmelte ich und trat von einem Fuß auf den anderen. Die junge Frau nickte nur und ging zielstrebig an mir vorbei, zu einem Regal und holte ein Buch heraus. Sie schien sich offenbar auszukennen. Ob sie wohl hier arbeitete? Prüfend betrachtete ich sie. Abgetragene Schuhe, eine gut sitzende Jeans und ein eng anliegendes Bandshirt, das vor Jahren wohl mal schwarz gewesen war. Sie entsprach definitiv nicht meinem Bild einer typischen Bibliothekarin.
„Brauchst du Hilfe?“
Ertappt sah ich auf. Rötlich braunes zusammengebundenes Haar. Ein herzförmiges Gesicht. Grünbraune Augen. Zart geschwungene Lippen … Moment, hatte sie mir nicht eine Frage gestellt? „Wie bitte?“
„Suchst du ein bestimmtes Buch?“ Ihre Stimme war so sanft. So freundlich und beruhigend, dass mein Fluchtreflex für den Moment außer Gefecht gesetzt war. Überrumpelt nannte ich ihr den Titel.
„Hmm“, machte sie und kräuselte die Nase. Vielleicht hielt sie nichts von meiner Wahl, oder ich würde gleich erklären müssen, warum ich ausgerechnet ein Buch über Heil- und Ritualpflanzen wollte.
Sie ließ mich stehen und steuerte schnurstracks auf das Ende des Gangs zu. Ich hatte sie verschreckt. Aber möglicherweise war das besser so – in Wahrheit wollte ich ohnehin nur hier raus.
„Kommst du?“ Sie war stehen geblieben und sah mich über die Schulter hinweg an. Abwartend.
„Äh ja“, stammelte ich und biss mir auf die Zunge. Ich wollte das Buch längst nicht mehr. Warum also folgte ich ihr durch den Irrgarten aus hohen Regalen, in dem sie sich verstörend gut zurechtfand? Sie war hilfsbereit, und ich wollte sie nicht vor den Kopf stoßen. Das war es und nichts anderes, definitiv nicht die Tatsache, wie gut ihr Hintern in dieser Jeans aussah. Verdammt, ich musste mich wirklich zusammenreißen!
Kurz darauf blieb sie vor einem Regal stehen. Konzentriert kaute sie auf ihrer Unterlippe und schob sich eine widerspenstige Haarsträhne hinters Ohr, als sie auch schon das von mir gesuchte Buch in der Hand hielt. Es war Zauberei, anders konnte ich es mir beim besten Willen nicht erklären.
Ich nahm das Buch entgegen, wollte ihr nicht sagen, dass ich es mir anders überlegt hatte, es nicht länger wollte.
Die junge Frau lächelte mich an, und ein aufgeregtes Flattern machte sich in meinem Inneren bemerkbar. Ich musste hier raus. Oder mich zusammenreißen. Im Idealfall beides.
„Im Grunde ist es recht einfach“, erklärte sie. Wovon redete sie? Wie man Pflanzen aufzog? Ja, ich konnte sie mir gut mit einer Gießkanne und einem Spaten vorstellen … irritiert runzelte ich die Stirn und schob den Gedanken beiseite.
Anstatt über die richtige Erde und Aussaatzeiten zu sprechen, deutete sie auf eines der Messingschilder, denen sie so viel mehr Informationen entnahm, als sich mir je erschlossen hätten. Das Ordnungssystem der Bibliothek interessierte mich nicht im Geringsten, und dennoch hing ich wie gebannt an ihren Lippen. Wie weich sie wohl waren?
Stille. Wann hatte sie zu sprechen aufgehört? Ich räusperte mich, lenkte meinen Blick von ihrem Mund auf das Buch in meiner Hand. „Danke.“
„Gern.“
Als ich aufsah, belohnte sie mich mit einem freundlichen Lächeln. Augenblicklich wurden meine Knie weich und ich konnte Eden in meiner Vorstellung lachen hören.
„Und entschuldige bitte, dass ich deine Zeit in Anspruch genommen habe.“
Sie winkte mit leicht geröteten Wangen ab. „Kein Problem, ich will sowieso warten, bis der Regen vorbei ist.“
„Das könnte dauern.“ Selbst hier zwischen den Regalen konnte ich es unablässig prasseln hören.
„Eben. Im Grunde sollte ich dir also danken, dass du mich ein wenig abgelenkt hast.“ Wieder dieses Lächeln. Für einige Momente hielten wir den Blickkontakt aufrecht und ich glaubte, in ihren Augen zu versinken. Wow. Anders konnte ich es nicht beschreiben. Und doch war Edens Ratschlag fest in meinem Hinterkopf verankert. Verlieb dich nicht. Manchmal kannte sier mich besser als ich mich selbst.
„Danke noch mal.“ Nur mühsam gelang es mir, mich von ihrem Anblick zu lösen. Lag da ein Hauch von Enttäuschung auf ihrem Gesicht? Auch wenn ich diesem Verdacht am liebsten auf den Grund gegangen wäre, wandte ich mich ab. Es widerstrebte mir zutiefst, sie hier stehen zu lassen, ohne zumindest zu versuchen, so viel wie möglich über sie in Erfahrung zu bringen. Aber genau das war der Grund, warum ich nicht bleiben konnte.
Ich setzte mich in Bewegung und ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Ich musste hier raus, ehe ich es mir anders überlegte. Meine Schritte wurden schneller, bald hatte ich das Ende des Gangs erreicht. Jetzt nur nicht stolpern.
„Willst du nicht lieber warten, bis der Regen zumindest etwas schwächer wird?“
Ihre Worte ließen mich erstarren, dann schüttelte ich den Kopf. „Mir macht so ein bisschen Regen nichts aus.“ Mein Herz raste. Wenn sie noch ein weiteres Mal nachfragen, mich erneut zurückhalten würde … Im Laufschritt eilte ich die Gänge entlang Richtung Ausgang. Zumindest hoffte ich, dass mich die nahezu identischen Regale nicht in die Irre führten.
Sobald ich außer Sicht war, legte ich das Buch auf die nächstbeste freie Oberfläche, bevor ich weiterhetzte. Erneut spürte ich im Eingangsbereich die Blicke der Bibliothekarin auf mir. Verhielt ich mich verdächtig? Ging sie womöglich davon aus, dass ich versuchte, etwas zu stehlen? Jeden Moment rechnete ich damit, dass mich eine strenge Stimme auffordern würde, stehen zu bleiben – aber niemand hielt mich davon ab, die Tür aufzustoßen.
Ich taumelte regelrecht in den Regen. Nach wenigen Sekunden war ich schon völlig durchnässt. Anstatt Schutz zu suchen, verharrte ich, hieß die Kälte auf meiner glühenden Haut willkommen. Langsam beruhigte sich mein Atem wieder und das Rasen in meiner Brust ließ nach.
Triefend ließ ich mich wenig später auf den Fahrersitz meines Jeeps sinken und schlüpfte aus dem tropfnassen Hemd, das sich wie eine klamme zweite Haut an meinen Körper schmiegte. Ich startete den Motor, aber selbst die Scheibenwischer konnten gegen die Sturzbäche auf der Windschutzscheibe nichts ausrichten. Es wäre zu gefährlich, unter diesen Umständen zu fahren. Ich würde warten müssen, bis der Regen nachließ.
Hätte ich in der Bibliothek bleiben sollen? Die junge Frau hatte mich praktisch dazu eingeladen, die Wartezeit mit ihr zu verbringen. Das hatte ich mir definitiv nicht eingebildet. Aber das bedeutete noch lange nicht, dass sie mit mir geflirtet hatte, sie hatte doch selbst gesagt, dass sie froh über die Ablenkung war. Und wie hoch standen die Chancen, in einem kleinen Kaff wie Lavender Grove einer queeren Person über den Weg zu laufen? Ganz zu schweigen einer, die so hübsch war …
Mit einem frustrierten Seufzen vergrub ich das Gesicht in meinen Händen. Wie immer, wenn ich mit meinen Gedanken allein war und sie ungebremst Achterbahn in meinem Verstand fuhren, dauerte es nicht lange, bis ich glaubte, Edens Stimme vernehmen zu können. Und sier hatte ja recht, ich interpretierte viel zu viel in das Verhalten anderer Menschen hinein. Ein tiefer Blick. Ein Lächeln. Mehr brauchte es oft gar nicht und schon malte ich mir die mögliche Zukunft mit einer Frau aus.
Und war das nicht einer der Gründe gewesen, warum ich nach Kenneths Anruf nicht lange gezögert hatte? Etwas Abstand zu gewinnen, für einige Monate in einer Kleinstadt, während der ich keinerlei Gedanken an eine Beziehung verschwendete, ehe es zurück in mein richtiges Leben in Portland ging.
Kapitel 5 – Gwen
Vogelgezwitscher weckte mich. Verschlafen blinzelte ich in das sanfte Morgenlicht. Ein Blick auf mein Handy verriet mir, dass es kurz vor halb sieben war. Ich streckte mich. Mein erster Instinkt war es, aufzustehen, bis ich mich erinnerte, dass ich allein war. Livy war eine absolute Frühaufsteherin, las an den Wochenenden meist schon eine ganze Weile, wenn ich nach ihr sah. Andere Eltern wären bestimmt neidisch, wenn sie das hörten. Sie würden es als Einladung sehen, auszuschlafen, aber mir kam dieser Gedanke nur ausgesprochen selten. Zu sehr liebte ich die Zeit mit meiner Tochter, wollte sie gegen nichts eintauschen, nicht einmal gegen Schlaf.
Ich trank einen Schluck Wasser, um meine trockene Kehle zu befeuchten, und kuschelte mich wieder unter meine Decke, um es mir gemütlich zu machen. Lächelnd betrachtete ich das Spiel der morgendlichen Sonnenstrahlen an der Zimmerdecke und lauschte dem fröhlichen Gesang der Vögel.
Bereits wenige Minuten später wurde ich wieder rastlos, wurde das Gefühl nicht los, wertvolle Zeit zu verschwenden. Ich stand auf, schlüpfte in meinen Morgenmantel und nach einem kurzen Zwischenstopp auf der Toilette führte mich mein nächster Weg in die Küche und zur Kaffeemaschine.
Mit der dampfenden Tasse in der Hand schlenderte ich durchs Haus. Für gewöhnlich redete ich mir ein, dass ich gern in Bewegung blieb, um meinem Körper und Verstand dabei zu helfen, endgültig aufzuwachen. Meist steckte in Wahrheit innere Unruhe dahinter. Auch jetzt ertappte ich mich dabei, dass ich auf der Suche war nach Dingen, die es zu erledigen galt. Aufgaben, die ich auf meine To-do-Liste setzen konnte, um untätige Momente zu vermeiden und den höhnischen Stimmen möglichst Einhalt zu gebieten.
Verblüfft sah ich mich um. Nichts stach mir auf den ersten Blick ins Auge, ich musste am Vortag fleißiger gewesen sein, als gedacht. Kein Wunder, dass ich so erschöpft gewesen war. Ich nippte an meinem Kaffee, sollte stolz auf mich sein, zufrieden mit meiner Arbeit, und dennoch machte sich das nagende Gefühl der Untätigkeit bemerkbar. Unzulänglich. Meine Standards waren zu niedrig. Für meine Mutter wäre offensichtlich, was noch alles zu erledigen und putzen war.
Nein. Energisch schüttelte ich den Kopf und leerte meine Tasse in großen Schlucken, als würde mich das Koffein beruhigen und nicht zusätzlich die knisternde Unruhe in meinem Inneren anheizen. Zurück in der Küche öffnete ich den Kühlschrank und mehrere der Küchenschänke, aber nichts schien an diesem Morgen meinen Appetit zu wecken. Nichts zu essen war allerdings keine Option, besonders nicht, wenn ich in Gedanken bereits bei meinem nächsten Kaffee war.
Ob ich in Kenneths Bäckerei vorbeischauen sollte? Das neue Sortiment, das es laut Zoe gab, klang verlockend, und ein Besuch dort könnte gleich mehrere Zwecke erfüllen: Ich würde Zoes Ratschlag folgen, meine Frühstückswahl auslagern und mich außerdem nach Kenneths Wohlergehen erkundigen. Er hatte nie Angestellte gehabt, war immer stolz darauf gewesen, selbst im fortgeschrittenen Alter noch alles allein zu schaffen. Hatte sein Stolz – seine Sturheit – vielleicht dazu geführt, dass er gesundheitliche Probleme zu lange ignoriert hat? Ich nickte, der Plan gefiel mir.
***
In Jeans und Kapuzenpullover trat ich aus dem Haus und in die angenehm kühle Morgenluft. In gemütlichem Tempo machte ich mich auf den Weg, und erneut wanderten meine Gedanken zu Kenneth. Ich kaufte nicht oft bei ihm ein, konnte es mir finanziell nur zu besonderen Anlässen erlauben. Vor einigen Wochen etwa hatte ich die Torte für Livys siebten Geburtstag bei ihm in Auftrag gegeben, und ich konnte mich gut daran erinnern, wie viel Zeit er sich genommen hatte, um den Wünschen meiner Tochter gerecht zu werden. Ob es ihm schon damals nicht gut gegangen war? Hatte es Anzeichen gegeben, die ich übersehen hatte, oder waren die gesundheitlichen Probleme unerwartet aufgetreten?
Als ich in die Maple Street einbog, drang ein verlockender Duft in meine Nase. Ich schnüffelte. Süßlich, ohne penetrant zu sein. Das Wasser lief mir im Mund zusammen.
Die cremefarbene Fassade der Bäckerei war so unscheinbar wie jeher, keinerlei Schaufenster boten Einblick. Kenneth war der Überzeugung, dass Kundschaft ihn auch ohne ein großes Ladenschild, finden würde. Eine Annahme, die sich wahrscheinlich nur jemand erlauben durfte, dessen angebotene Waren derart himmlisch dufteten. Ich öffnete die schlichte Tür und ein Glöckchen über dem Eingang bimmelte hell. Schlagartig war der Geruch um ein Vielfaches intensiver, als ich den leeren Verkaufsbereich betrat. Vanille? Definitiv Zimt. Kardamom vielleicht?
Ich ging zu den Vitrinen, schloss für einen Moment die Augen und konzentrierte mich ganz auf die Gerüche, die in der Luft lagen. Schokolade. Etwas Fruchtiges. Butter. Ich musste die Auswahl gar nicht sehen, um zu wissen, dass mir die Entscheidung schwerfallen würde.
Ich fuhr mit einer Hand unter meinen Pulli, zupfte am Bund meiner Hose. War sie enger geworden oder wollte mich das der in der Luft hängende Zucker nur glauben lassen? Egal. Ich ließ meinen Blick über die farbenprächtig gefüllten Vitrinen schweifen. Neben diversen Brotsorten gab es eine schier unendliche Auswahl an süßen Backwaren. Ein Schild verriet, dass das gesamte Sortiment vegan war und man sich nicht scheuen sollte, nachzufragen, wenn man Allergien oder Unverträglichkeiten hatte.
„Einen Moment bitte!“ Aus dem hinteren Teil der Bäckerei ertönte eine Stimme, ehe sich auch schon Schritte näherten.
„Guten Morgen, was darf’s denn sein?“
Ehe ich den Gruß erwidern konnte, gefror mein Lächeln. Sie sah anders aus und doch genauso, wie sie mir in Erinnerung geblieben war. An diesem Morgen hielt ihr ein Bandana das kurze fransige Haar aus dem Gesicht und ihre Wangen schimmerten rosa. Das lag bestimmt an der Wärme der Backstube, rief ich mir ins Bewusstsein, nicht an meiner Anwesenheit. Beim letzten Mal hatte sie ein weites Karohemd getragen, heute steckte sie stattdessen in einem dunkelgrauen, locker geschnittenen Shirt, dessen kurze Ärmel sie bis zu den Schultern hochgerollt hatte. Ich schluckte und lenkte meinen Fokus schnell auf die weiße Schürze, die einen ungewöhnlichen Kontrast bildete.
Überrascht starrte mich die junge Frau an. „Oh hi, wir kennen uns aus der Bibliothek, oder?“
Mein Gehirn verfiel in eine Art Schockstarre. Mühsam nickte ich.
„Was spricht dich denn an?“
„Hmm?“
Sie lachte auf. Es klang angenehm rau und zu meiner Überraschung glaubten nicht einmal die höhnischen Stimmen in meinem Hinterkopf, dass sie mich auslachte.
„Worauf hast du Appetit? Alles ist vegan, falls das für dich eine Rolle spielt.“
Jetzt verstand ich. Erneut betrachtete ich den Inhalt der Vitrine. Es schien alles zu geben, von Croissants über Zimtschnecken bis hin zu Cupcakes, Muffins und unzähligen verschiedenen Keksen. Die Auswahl war mannigfaltig. „Wow“, brach es aus mir hervor, als wäre ich zum allerersten Mal in einer Bäckerei.
„Ich heiße übrigens Mae.“
„Gwen.“ Ich wollte mehr sagen, verstummte jedoch schlagartig, als ich von einem glitzernden Cupcake aufsah und in ihre graublauen Augen blickte. Lediglich die Theke trennte uns. Wir waren einander so nahe, dass ich die stahlfarbenen Sprenkel rund um ihre Pupillen problemlos erkennen konnte.
Ich räusperte mich, senkte den Kopf und spürte, wie mir heiße Röte in die Wangen stieg. Das Backwerk war verlockend, dennoch hätte ich lieber weiter Mae angesehen. Ein rascher Seitenblick verriet mir, dass ein Lächeln auf ihren Lippen lag, was mich nur noch mehr aus dem Konzept brachte.
„Das sieht alles gut aus, wie soll man sich da denn entscheiden können?“ Ein nervöses Lachen. Mist, klang es etwa immer so schrill?
„Das kommt ganz darauf an …“ Wenn Mae irritiert von mir war, ließ sie es sich nicht anmerken. Sie strahlte eine routinierte Gelassenheit aus, offenbar half sie schon länger in der Bäckerei aus.
„Ich habe gehört, Kenneth ist im Krankenhaus?“ Die Frage platzte regelrecht aus mir heraus. Wie immer, wenn ich nervös war, hatte ich kaum unter Kontrolle, was mir über die Lippen kam.
„Ja, er ist die Treppe von der Wohnung in die Backstube hinuntergestürzt.“ Das Lächeln war von Maes Gesicht verschwunden. „Er hat einen komplizierten Oberschenkelhalsbruch erlitten, mittlerweile ist er in Reha. Ihm geht es den Umständen entsprechend gut, meines Wissens hält er die Pflegefachkräfte ordentlich auf Trab.“
Ich schmunzelte. Das konnte ich mir nur allzu gut vorstellen.
„Und wie du vielleicht weißt, hat Kenneth keine Familie, jedenfalls keine, zu der er Kontakt hat.“ Ich nickte und Mae fuhr fort. „Aber er ist mit meinen Großeltern befreundet, und ich habe in seiner Backstube als Kind meine allerersten Backversuche gemacht. Er wusste, dass ich zu Hause für ein Café backe, also …“, sie breitete die Arme aus, „ist das hier vorerst mein Reich.“
„Und zu Hause ist wo?“ Mist, das Herz klopfte mir bis zum Hals. Es war doch eine ganz normale Frage.
„Portland.“
Ich schluckte. „Oh wow, Lavender Grove muss für dich ein extremer Kontrast sein, oder? Von der Metropole in unsere Kleinstadtidylle.“
Wieder lachte Mae und mir fiel ein Grübchen auf, das sich in ihrer linken Wange abzeichnete. „Das stimmt, es ist wirklich ungewohnt, vor allem sehr ruhig. Ruhiger als ich es in Erinnerung hatte, ehrlich gesagt. Aber für ein paar Monate mal eine willkommene Abwechslung.“
Einige Momente lächelten wir uns an und von mir aus hätte es ewig andauern können. Zu meiner Enttäuschung zuckte Mae mit den Schultern und deutete auf die Vitrinen. Oh Gott, hatte ich zu offensichtlich gestarrt und war es ihr unangenehm geworden? Die Hitze in meinen Wangen breiteten sich weiter aus. Am liebsten hätte ich das Gesicht hinter meinen Händen versteckt. Mühsam riss ich mich zusammen und lenkte meinen Blick ebenfalls auf das Backwerk. Ich war schließlich nicht zum Starren hier, sondern um etwas zu kaufen! Rasch etwas auswählen und zurück an die kühle Luft. Das war der Plan, leider keiner, den ich auch umsetzen konnte. Die Auswahl war zu groß und ich überfordert.
„Okay, versuchen wir es einzuschränken.“ Zu meiner Erleichterung klang Mae weiterhin nicht genervt. „Bist du auf der süßen Seite oder eher weniger?“
„Süß.“
„Dachte ich mir.“
Wie bitte? Verdutzt sah ich von den Backwaren auf und Mae an. Der Hauch eines Lächelns lag in ihrem Mundwinkel. Vielleicht bildete ich mir das aber nur ein. Mein Herz raste und ein kribbelndes Gefühl breitete sich in meinem Körper aus. Lächerlich, sie hatte sicherlich nicht gemeint, dass ich süß war!
„Kaufst du nur für dich oder wartet zu Hause noch jemand auf Frühstück?“
Kurz überlegte ich. Sollte ich etwas für Livy mitbringen und riskieren, dass es am Abend gar nicht mehr so gut schmeckte? Nein. Besser, ich testete Maes Kreationen allein. Livy könnte sich beim nächsten Mal selbst etwas aussuchen, ich verwöhnte sie ohnehin viel zu selten.
„Nein, nur für mich.“
Da war es wieder, dieses schwache Lächeln in ihrem Mundwinkel. Dieses Mal bildete ich es mir garantiert nicht ein.
„Dann würde ich entweder zu einer kleinen Auswahl an Keksen raten“, Mae setzte ihr Verkaufsgespräch fort, „oder vielleicht zu einem Muffin oder Cupcake? Der hier hat einen Kern aus selbst gemachtem Karamell.“ Sie deutete auf einen Cupcake, der dekadent golden schimmerte.
Nach kurzem Hin und Her entschied ich mich für einen saftig wirkenden Himbeer-Muffin. Die Früchte machten ihn zu einem halbwegs gesunden Frühstück, fand ich.
„Lass es dir schmecken.“ Lächelnd reichte mir Mae die Papiertüte mit dem Muffin und mein Wechselgeld.
„Danke“, erwiderte ich nur und verließ die Bäckerei. Die Morgenluft war mittlerweile wärmer geworden. Ich schob die Ärmel meines Kapuzenpullis hoch, fühlte mich dadurch an Maes Shirt erinnert. Mist … Was, wenn sie dachte, dass ich gestarrt hatte, weil sie so anders aussah und mit ihren kurzen Haaren und den rasierten Stellen nicht in das typische Bild einer Kleinstadt passte? Ich verzog das Gesicht, brach ein Stück des Muffins ab und steckte es mir in den Mund. Frustriert kaute ich, ließ mich für einen Moment von der fruchtigen Süße ablenken.
Wie ich wohl auf Mae gewirkt hatte? Ich wusste, dass man mir meine Queerness nicht ansah; was also, wenn sie mich für eine neugierige Hetero gehalten hatte? Auch ein weiteres Stück Muffin konnte mir keine Gewissheit geben.
Kapitel 6 – Gwen
„Gwendolyn …“ Innerlich verkrampfte ich. Außer ihr nannten mich nur meine Eltern bei meinem vollen Namen.
„Ich habe den Termin schon zu Semesterbeginn angekündigt und Sie gestern noch einmal dran erinnert. Ich verspreche, ich bin in spätestens zwei Stunden wieder da“, versicherte ich meiner Chefin und zwang mich zu einem entschuldigenden Lächeln. Sie verzog missmutig das Gesicht, als hätte ich Einfluss auf den Stundenplan meiner Tochter, geschweige denn darauf, wann ich sie wegen einer Lehrerkonferenz früher als sonst von der Schule abholen musste.
Ich schluckte meinen Ärger herunter und nickte freundlich einer Kundin zu, die den Blumenladen betrat, ehe ich ihn verließ. An der nächsten Straßenecke hielt ich kurz inne und versuchte, das Brodeln in meinem Inneren unter Kontrolle zu bekommen. Bestimmt wäre es ihr nicht lieber gewesen, wenn ich mir stattdessen den ganzen Tag freigenommen hätte.
Frustriert rieb ich mir die Stelle zwischen den Augenbrauen. Blake hatte ich gar nicht erst gefragt, ob er einspringen konnte. Unter der Woche steckte er als Art Director und Grafikdesigner immer bis zum Hals in Arbeit, weshalb ich es ihm immens hoch anrechnete, dass er nie auch nur ein einziges Wochenende mit Livy abgesagt hatte. Seine Zeit mit ihr war ihm heilig und neben Zoe einer der Gründe, wie er sein Arbeitspensum überhaupt aushielt, ohne daran kaputtzugehen. Seine Eltern hatte ich ebenso wenig um Hilfe bitten wollen. Ich hatte ihnen schon viel zu viel zu verdanken, abgesehen davon, dass ich keine Lust hatte, ihnen zu erklären, warum es so schwierig war, mir ein paar Stunden freizunehmen.
Seufzend fuhr ich mir mit einer Hand durchs Haar. Einmal hatte ich nach einem Glas Wein anklingen lassen, wie unzufrieden ich mit meiner Chefin war und danach bei jeder Gelegenheit Ratschläge bekommen. Sie meinten es gut, das wusste ich, dennoch half es nicht, zu versprechen, mich nicht ausnutzen zu lassen. Ich nickte stets brav und biss mir auf die Zunge. Ich wollte weder undankbar sein, schließlich verdankte ich Blakes Eltern das Dach über dem Kopf, noch wollte ich sie daran erinnern, dass meine Umstände mit ihren nicht zu vergleichen waren. Sie hatten jede Möglichkeit, für ihre Rechte einzutreten. Aber ich konnte mich glücklich schätzen, den Job im Blumenladen überhaupt zu haben.
Ich sah auf die Uhr und augenblicklich schnellte mein Puls wieder in die Höhe. Was stand ich hier so unnütz rum, ich sollte mich lieber beeilen.
Im Laufschritt machte ich mich auf den Weg. Nicht weil ich fürchtete, dass Livy sich sorgen könnte, wenn ich sie nicht pünktlich abholte. Nein, es waren ihre Klassenlehrerin und die anderen Eltern, deren mahnende, abschätzige Blicke ich mir lieber ersparen wollte. Ich zog als junge, alleinerziehende Mutter schon genug Aufmerksamkeit auf mich.
Hastig bog ich um die Ecke und die Traube wartender Eltern vor dem kleinen Schulhaus verriet, dass die Glocke noch nicht geläutet hatte. Mit etwas Abstand gesellte ich mich dazu und betrachtete den Efeu, der an einigen Stellen der Fassade rankte.
Kurz darauf öffnete sich das Schultor. Anstatt der erwarteten Kinderschar trat eine einzelne Person aus dem Gebäude. Zoe legte den Kopf in den Nacken und ließ sich die Sonne aufs Gesicht scheinen. Als sie damit fertig war und mich in der Menge entdeckte, breitete sich ein Lächeln auf ihren Lippen aus. Ich ahnte, dass sie am liebsten auf mich zugestürzt wäre, um mich zu umarmen, stattdessen siegte ihre Professionalität vor den anderen Eltern. Hier war sie nicht meine gute Freundin Zoe, sondern Ms. Collins, die Vertrauenslehrerin.
Ruhigen Schrittes kam sie auf mich zu, erwiderte Grüße der Eltern. Jeder in Lavender Grove mit einem Kind im Schulalter kannte Zoe, da sie nicht nur an der Grundschule, sondern auch an der örtlichen Highschool arbeitete. Seit ich sie kannte, kämpfte Zoe um Unterstützung. Bisher hatte sie mit ihren Forderungen, einen weiteren Guidance Counselor einzustellen, allerdings auf Granit gebissen. So oft hatte sie sich bei einem unserer Mädelsabende darüber beschwert, um ihren Job dann doch voller Freude und Engagement zu machen. Wie sagte sie immer? Das mangelnde Budget war nicht die Schuld der Schülerinnen und Schüler.
„Hey“, begrüßte sie mich. „Bleibt es bei unserem Plan? Bringst du Livy nachher zur Highschool?“
„Selber hey, und ja, es bleibt dabei. Danke noch mal für deine Hilfe“, antwortete ich lächelnd.
„Gar kein Problem, ich habe es jetzt leider eilig. Wir reden später, okay?“
Ich nickte, ehe mich Zoe nun doch in eine rasche Umarmung zog und davoneilte. Wie viel Kaffee sie wohl täglich trank, um trotz des Stresses so energiegeladen zu sein?
Kurz darauf strömte die erste Kinderschar aus der Schule. Livy sah sich suchend nach mir um und winkte, als sie mich entdeckte. Sie eilte auf mich zu und griff nach meiner Hand, woraufhin sich meine Brust unerwartet zusammen zog. Wie lange ich wohl noch hatte, ehe sie sich vor ihren Freunden dafür schämte, meine Hand zu halten? Ich atmete tief ein. Momente wie diesen musste man genießen, solange sie sich einem noch boten.
***
„Wohin gehen wir?“ Verwirrt sah Livy zu mir auf, als ich nicht den üblichen Heimweg einschlug.
„Ich habe Sandwiches dabei“, erklärte ich und deutete auf meine Umhängetasche. „Ich dachte, wir nutzen das schöne Wetter und essen im Park. Von dort haben wir es dann auch nicht weit zur Highschool.“
Livy legte die Stirn in Falten, und ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Es bestand kein Zweifel, sie erinnerte sich nicht an unsere Pläne. „Zoe passt den restlichen Nachmittag auf dich auf, damit ich zurück zur Arbeit kann. Weißt du das nicht mehr?“
„Hmm, vielleicht?“ Livy zuckte nur mit den Schultern. Eines musste ich meiner Tochter lassen: Sie ließ sich nur schwer aus dem Konzept bringen. Das hatte sie definitiv von ihrem Vater geerbt.
***
„Zoeeee!“ Quietschend umarmte Livy die Freundin ihres Vaters, als hätte sie sie seit Wochen nicht mehr gesehen. „Weißt du schon, was wir nachher machen? Ich habe auch nicht viele Hausaufgaben.“ Livy wippte auf ihren Fußballen, man könnte fast meinen, ihr Mittagessen hätte nicht aus einem Sandwich und Gemüsesticks, sondern aus einem Kilo Zucker bestanden.
„Mal sehen.“ Zoe strich ihr lachend übers Haar. „Ich will kurz mit deiner Mom reden. Was hältst du davon, wenn du in der Zwischenzeit mit deinen Aufgaben anfängst?“ Anstatt zu antworten, zog Livy prompt eines ihrer Schulbücher hervor.
„Also nur wenn ich dich damit nicht aufhalte?“ Zoe war mein Blick auf die Uhr nicht entgangen. Ich wollte die angekündigten zwei Stunden lieber nicht voll ausreizen und meine Chefin dadurch noch mehr verärgern.
„Ein paar Minuten habe ich“, entschied ich und bemühte mich, eine Ruhe auszustrahlen, die ich gar nicht empfand. „Du springst ein und kümmerst dich um Livy, da ist das doch das Mindeste.“
Zoes Lächeln verschwand und für einen Moment sah es aus, als wollte sie etwas erwidern. Stattdessen schob sie mich ein Stück von der Stelle weg, an der Livy sich auf den Boden gesetzt hatte und mit zusammengezogenen Augenbrauen über einem Lückentext brütete.
„Ich hatte es vorhin so eilig, weil ich ein paar Schülern versprochen hatte, mich vor meiner Nachmittagssprechstunde mit ihnen zusammenzusetzen.“
Was wollte sie mir damit sagen?
„Sie haben mich um meine Meinung gebeten und auch gefragt, ob ich Interesse hätte, ihnen bei ihrem Vorhaben zu helfen.“
Unauffällig schielte ich auf meine Uhr. Wenn Zoe nicht bald zum Punkt kam …
„Sie haben vor, eine Art Queer-Treff zu organisieren.“ Zoe sprach jetzt schneller, hatte meine Ungeduld wohl gespürt. „Ich habe ihnen vorgeschlagen, einen Club an der Schule zu gründen, einige von ihnen haben sich aber noch nicht offiziell geoutet und würden lieber unter sich bleiben. Was wiederum bedeutet, dass sie sich im Alleingang um alles kümmern müssten.“
„Das klingt nach viel Aufwand“, sagte ich bewundernd. „Großartig, dass sie so viel Initiative zeigen! Ich wünschte, es hätte einen Queer-Treff gegeben, als ich damals zur Schule gegangen bin.“ Kurz verzog ich das Gesicht. Ich wollte mich weder an meine Schulzeit erinnern noch an die einzige andere queere Person, die ich damals gekannt hatte.
„Wie gesagt, sie haben mich um Hilfe gebeten, und ich bin zwar ein Ally, aber meinst du nicht auch, dass eine queere Erwachsene eine bessere Wahl wäre?“
Ich runzelte die Stirn und blinzelte sie an. „Woher willst du …“ Oh. Oh! Warum schlug sie mir das vor? Sie wusste doch, dass ich für so was gar keine Zeit hätte. Ganz gleich, wie sehr ich mir damals gewünscht hätte, mit jemandem über meine Gefühle und Selbstzweifel reden zu können. Aber was, wenn ich tatsächlich einen Unterschied machen, jemandem das offene Ohr leihen könnte, das mir während meiner Jugend verwehrt geblieben war?
„Okay“, sagte ich und überraschte damit nicht nur Zoe.
„Wirklich?“ Verdutzt sah sie mich an.
„Wirklich“, beharrte ich. „Hätte ich damals die Chance gehabt, mich mit anderen queeren Leuten auszutauschen, hätte Pia nicht so ein leichtes Spiel mit mir gehabt.“ Ich schluckte, senkte den Blick und starrte auf meine Schuhe, bis klar war, dass Zoe nicht versuchen würde, mehr über meine Ex-Freundin herauszufinden. Ich wusste, dass sie neugierig war auf meine erste und einzige Beziehung vor Blake.
Zu meiner Erleichterung sagte Zoe nichts, drückte lediglich sanft meinen Arm. „Lass es dir durch den Kopf gehen, und wir reden bei Gelegenheit noch mal darüber, okay?“
Ich nickte und lächelte meine Freundin dankbar an.
„Und jetzt zurück in die Arbeit mit dir, damit Livy und ich endlich unseren Spaß haben können.“
Kapitel 7 – Gwen
Mein Handy vibrierte in meiner Rocktasche. Ehe ich es hervorzog, sah ich mich rasch um. Meine Chefin war gerade im Kühlraum zugange, also konnte ich es wagen. Zoes Name auf dem Display verriet, das sie mir eine Nachricht geschickt hatte.
Hey, wegen des Queer-Treffs: Es gibt Neuigkeiten. Hast du es dir anders überlegt? Ansonsten komm ich heute Abend vorbei und gebe dir ein Update.
Unruhig kaute ich auf meiner Unterlippe. Natürlich hatte ich es mir nicht anders überlegt, aber ein Teil von mir hatte gehofft, mein Versprechen nicht wirklich einhalten zu müssen.
Ich hörte, wie die Schiebetür des Kühlraums geöffnet wurde. Schnell steckte ich mein Handy weg und begann Ordnung in meinem ohnehin schon tadellosen Arbeitsbereich zu schaffen. Mühsam setzte ich ein Lächeln auf. Denn ganz gleich wie leer der Blumenladen im Moment auch war, man wusste nie, ob nicht gerade ein potenzieller Kunde durch die Schaufenster hereinsah. Niemand will von einem griesgrämigen Gesicht verschreckt werden. Das hatte ich mir seit meiner ersten Arbeitswoche unzählige Male anhören müssen.
„Ich bin kurz auf dem WC“, informierte ich meine Chefin, die daraufhin nur schnaubte. Ich sperrte die Tür hinter mir zu, ließ mich auf der Toilette nieder und atmete einige Male tief durch. Ich wollte wirklich dankbar für meinen Job und das damit verbundene Gehalt sein, aber in Momenten wie diesem fiel es mir ausgesprochen schwer.
Okay, schreib mir, wenn du auf dem Weg bist,
tippte ich an Zoe.
Unzulänglich. Und hatte die Stimme in diesem Fall nicht sogar recht? Ich müsste mir das Verhalten meiner Chefin nicht gefallen lassen, wenn ich Alternativen hätte. Wenn ich nicht wegen der Schwangerschaft die Highschool abgebrochen hätte. Unzulänglich. Ich presste mir die Hände auf die Ohren. Vergebens. Blakes Eltern hatten mir angeboten, mich darin zu unterstützen, meinen Abschluss nach Livys Geburt nachzuholen. Aber mir hatte die Energie gefehlt, konfrontiert mit Schlafmangel und meiner neuen Realität als Mutter. Und später hatte ich andere Prioritäten gehabt. Ich hatte Geld gebraucht, um Livy und mich über Wasser halten zu können. Und dann war es irgendwann normal geworden. Unzulänglich. Ich hatte nicht nur den einzigen Job, den ich gefunden hatte, sondern genau den, den ich verdiente.
***
„Gwendolyn, hast du wieder meine Zange genommen?“
Verwirrt sah ich zu meiner Chefin und deren stets unordentlichen Arbeitsplatz.
„Gwendolyn? Würdest du die Kundin bitte nicht unnötig warten lassen?“
Schnurstracks marschierte ich zu meinem Tisch, auf dem sich lediglich eine Zange befand – meine. Dennoch brachte ich sie meiner Chefin. Ich wusste es besser, als vor Kundschaft darauf hinzuweisen, dass sie ihre eigene selbst verlegt hatte.
„Frag das nächste Mal, anstatt sie einfach zu nehmen.“
Ich nicke. Atmete tief durch. Nur noch ein paar Stunden bis Feierabend, die es durchzustehen galt.
***
„Kann ich bitte aufbleiben, bis Zoe da ist? Ich will, dass sie mir gute Nacht sagt!“, flehte Livy und sah mich aus weit aufgerissenen Augen an. Ein Blick, dem ich erfahrungsgemäß selten widerstehen konnte.
„Nur wenn du jetzt schon alles für morgen herrichtest, deinen Pyjama anziehst und Zähne putzt. Dann vielleicht, kommt ganz darauf an, wie spät es wird.“
„Okay.“ Livy schnellte herum und verschwand in ihrem Zimmer, um ihre Schultasche zu packen und ihre Kleidung für den nächsten Tag rauszusuchen. Seit ihrem ersten Schultag bestand sie darauf, alles selbst zu machen. Kontrollieren durfte ich immerhin.
In der Zwischenzeit räumte ich den Tisch ab und wusch das Geschirr. Als ich meine Kräuterschere abtrocknete und an ihren angestammten Platz zurücklegte, erinnerte ich mich an den Zwischenfall mit meiner Chefin und verzog das Gesicht. Nachdem ich die Arbeitsflächen geputzt hatte, nahm ich zwei Weingläser aus einem der Küchenschränke. Zoe würde es mir bestimmt nicht übel nehmen, wenn ich ohne sie anfing.
Ich goss einen großzügigen Schluck Weißwein in mein Glas. Normalerweise trank ich nur ungern, wenn Livy noch wach war und mich dabei sehen könnte, aber an diesem Abend hatte ich das Gefühl, es mir verdient zu haben. Trotzdem ließ ich das Glas nach einem hastigen Schluck in der Küche stehen und ging bei Livy nach dem Rechten sehen. Sie trug längst ihren flauschigen Pyjama mit Katzenmotiv und putzte sich die Zähne.
„Und, wackelt einer?“
Livy schüttelte den Kopf, spuckte den Schaum aus und zeigte dem Spiegel die Zähne mit den zwei Lücken, die sie noch schelmischer aussehen ließen als sonst.
„Deine Schultasche ist gepackt? Kann ich kontrollieren gehen?“
Livy nickte und während sie noch ihren Mund ausspülte und ihr Zahnputzzeug wegräumte, betrat ich ihr Zimmer. Als Erstes warf ich einen Blick auf die Kleidung, die auf der Kommode bereit lag, und ergänzte sie um einen Cardigan für den Fall, dass es am Morgen kühl sein würde. Die erste Septemberhälfte war bisher angenehm warm gewesen, aber es würde nicht mehr allzu lange dauern, ehe wir uns endgültig vom Spätsommer verabschieden mussten. Als Nächstes prüfte ich den Stundenplan und ob sie auch alle wichtigen Hefte und Arbeitsbücher eingepackt hatte.
„Hat Zoe geschrieben, wann sie kommt?“ Livy ließ sich auf ihr Bett fallen und schnappte sich das große Plüscheinhorn, das sie von ihrem Dad zum Geburtstag bekommen und auf den Namen Steve getauft hatte.
„Ich gehe nachschauen, mein Handy liegt in der Küche.“ Bei der Gelegenheit könnte ich einen weiteren Schluck Wein trinken. Kaum hatte ich nach meinem Smartphone gegriffen, klopfte es bereits.
„Zoe!“, quietschte Livy und eilte aus ihrem Zimmer in den Flur. Sie kam mir zuvor, öffnete die Tür und ließ Zoe herein.
„Hey, Livy. Freut mich, dass du noch wach bist. Ich hatte befürchtet, dass ich dich verpasse.“
Die beiden umarmten sich und mir wurde ganz warm ums Herz. Ich liebte es, dass Blake unsere kleine Familie mit Zoe erweitert hatte.
„Ich bring die Kleine ins Bett und danach reden wir, ja?“
Verdutzt nickte ich, als Zoe aus ihren Schuhen schlüpfte und sich Livys Hand schnappte.
„Gute Nacht, Mom“, rief meine Tochter mir über die Schulter zu, ehe sie in ihrem Zimmer verschwanden. Ob ich mich irgendwann daran gewöhnen würde, dass ich nicht immer alles allein schaffen musste?
***
Mein Glas war leer und ich wollte eben nachfüllen, als Zoe in die Küche kam. Sie griff nach dem zweiten Glas und ich schenkte uns beiden ein. Einige Minuten plauderten wir, nippten an unserem Wein und lauschten gelegentlich, ob sich Livy aus ihrem Zimmer schlich, um mehr Zeit mit uns zu verbringen. Es blieb still im Flur und die beruhigende Wirkung des Weins gab mir zum ersten Mal an diesem Tag ein Gefühl der Leichtigkeit.
„Also, warum ich eigentlich hier bin“, begann Zoe und stellte ihr Weinglas ab. „Meine Schüler haben leider noch immer keinen Veranstaltungsort für den Queer-Treff gefunden, dafür haben sie einen Sponsor aufgetrieben, der bereit ist, für die Verpflegung zu sorgen. Ich hatte eigentlich befürchtet, dass sie sich komplett übernommen hätten, aber sie haben sich richtig festgebissen. Ich bin sicher, dass sie auch noch einen geeigneten Ort auftreiben werden.“ Zoe lächelte, wirkte unfassbar stolz auf ihre Schülerinnen und Schüler.
„Also, was sagst du?“
„Hmm?“ Verwirrt sah ich erst mein leeres Weinglas an und dann sie. Ich hatte wohl getrunken, anstatt ihr zuzuhören. Was wollte sie von mir?
„Hast du wirklich Interesse, zu helfen? Die Schüler würden sich freuen, etwas Verantwortung an einen Erwachsenen abgeben zu können. Und wenn es nur darum geht, Gespräche zu starten und für einen reibungslosen Ablauf zu sorgen.“
Zoe sah mich abwartend an. War es Überforderung oder doch der Wein, der meinen Verstand zum Kreisen brachte? „Äh, so engagiert, wie du sie beschreibst, klingen sie nicht wirklich, als würden sie Hilfe brauchen.“ Ganz besonders nicht von jemandem wie mir. Den Teil sprach ich lieber nicht laut aus. Bestimmt hatte die Hälfte der Jugendlichen mehr Erfahrung mit der queeren Szene als ich. Ich würde mich doch nur lächerlich machen …
Zoe runzelte die Stirn. „Versuchst du dich gerade rauszureden? Und wenn ja: aus Unsicherheit oder weil du es wirklich nicht für eine gute Idee hältst?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich hätte sowieso keine Zeit. Du hast doch gesehen, was für ein Chaos schon eine Lehrerkonferenz bei mir anrichtet.“ Erneut griff ich nach meinem Glas, stellte fest, dass es leer war. Zoe deutete auf die Flasche, die in ihrer Reichweite stand. Ich schüttelte den Kopf, für heute Abend hatte ich mehr als genug.
„Also erstens“, Zoe hob demonstrativ einen Finger, „war es kein Chaos, du hast mich um Hilfe gebeten. Das ist kein Zeichen von Schwäche, ganz im Gegenteil: Es zeugt von Stärke, wenn man andere um Unterstützung bittet.“
Ich wollte etwas erwidern, woraufhin Zoe mahnend ihre Augenbrauen und einen weiteren Finger hob. „Zweitens freue ich mich jedes Mal, wenn ich Zeit allein mit Livy verbringen kann. Ja, sie ist jedes zweite Wochenende bei Blake, aber ich möchte, dass sie mich nicht nur als Freundin ihres Dads sieht. Besonders jetzt, wenn …“ Sie stockte und ihr Blick schweifte von mir ab. War sie etwa nervös?
Ich streckte meine Hand nach ihr aus, drückte sanft ihren Arm. „Was meinst du mit besonders jetzt?“
Ein zaghaftes Lächeln breitete sich auf Zoes Lippen aus und Erleichterung machte sich in mir breit. Es war nichts Schlimmes, dennoch zögerte sie, es mir zu sagen. Oh. Aufregung flatterte in meiner Brust. „Hat er dich endlich gefragt, ob du bei ihm einziehst?“
Die Röte auf Zoes Wangen verriet, dass ich ins Schwarze getroffen hatte. Warum hatte sie diese großartige Neuigkeit nicht gleich verkündet?
„Wurde wirklich Zeit!“ Ich stand auf und zog Zoe in eine Umarmung, spürte, wie sie sich in meinen Armen langsam entspannte.
„Ist es auch wirklich okay für dich?“ Ihre Worte waren so leise, dass ich für einen Moment glaubte, mich verhört zu haben. Verwirrt löste ich die Umarmung und sah meine Freundin an.
„Was meinst du? Warum sollte es nicht okay sein?“
„Weil … Na ja, wegen Blake und dir …“
Mein überraschtes Lachen war so laut, dass ich mir erschrocken die Hand vor den Mund schlug. „Entschuldige“, nuschelte ich zwischen meinen Fingern hervor. „Blake und ich sind doch seit Jahren nur noch Freunde. Und ich könnte mir niemand Besseren an seiner Seite vorstellen als dich.“
Die Falte zwischen Zoes Augenbrauen verriet, dass sie immer noch Zweifel hatte. „Oh Zoe, ganz ehrlich, ich freue mich für euch.“
„Okay.“ Zoe senkte den Blick. „Kannst du es bitte als Gefallen für mich sehen und mir die Chance geben, mehr Zeit allein mit Livy zu verbringen, bevor ich einziehe? Ich würde liebend gern ein paar besondere Nachmittage mit ihr haben, bevor wir ihr von unseren Plänen erzählen.“
Moment. Zoes Mundwinkel zuckte. Hatte sie mich etwa reingelegt?
„Ich weiß, dass du davon ausgehst, keine große Hilfe zu sein, aber glaub mir, du bist ein Vorbild. Du bist von deiner eigenen Familie nicht akzeptiert worden, und sieh dich jetzt an – der wandelnde Beweis dafür, dass man sich seine Blutsverwandtschaft nicht aussuchen kann, sehr wohl aber seine wahre Familie.“
Tränen stiegen mir in die Augen. Wenn Zoe versucht hatte, mich zu manipulieren, war es ihr gelungen.
„Lass es dir durch den Kopf gehen. Sie treffen sich immer freitags am späten Nachmittag, da hat der Blumenladen doch geschlossen, nicht wahr?“
Ich nickte, rang noch immer mit meinen Emotionen. Wie für viele andere Geschäftsleute in Lavender Grove fing auch für meine Chefin das Wochenende bereits Freitagmittag an.
„Nein.“
Zoe starrte mich an, sichtlich verwirrt.
„Nein, du willst doch nicht?“
Ich schüttelte nur den Kopf.
„Schlaf eine Nacht drüber, du müsstest ja nicht schon diesen Freitag dabei sein.“
„Nein“, wiederholte ich und hob eine Hand, um deutlich zu machen, dass ich noch nicht fertig war. „Nein, ich werde es mir nicht durch den Kopf gehen lassen oder eine Nacht darüber schlafen. Ich will helfen. Einen Unterschied machen. Und du weißt ja, dass ich gern vor Dingen zurückschrecke, die mir eigentlich wichtig sind.“
Zoe nickte, schwieg aber, wofür ich ihr dankbar war.
„Ich bin überzeugt, dass ich es bereuen würde, wenn ich meine Ängste und Zweifel in diesem Fall gewinnen lasse.“ Sofort machte sich Unruhe in meinem Inneren bemerkbar, die am Freitag sicherlich noch um ein Vielfaches stärker sein würde.
„Es ist völlig okay, aufgeregt zu sein.“ Zoe griff nach meiner Hand. „Angelegenheiten, die einen derartig nervös machen, sind es oft ganz besonders wert. Du wirst danach so stolz auf dich sein!“ Sie strahlte eine Zuversicht aus, die mir selbst vollkommen fremd war.