Kapitel 1 – Gwen
Ein Kondenstropfen perlte das Wasserglas hinab. Als er meine Finger erreichte, erschauderte ich. Seufzend trank ich einen weiteren Schluck und legte meine Füße auf dem Couchtisch hoch. Ich schloss erschöpft die Augen. Endlich Wochenende.
„Mom!“ Entsetzen lag in Livys Stimme, und mit einem Satz sprang ich vom Sofa auf, um nach dem Rechten zu sehen. Alle Gliedmaßen waren noch dran. Keine offensichtlichen blutenden Wunden. Auch große, haarige Spinnen konnte ich nirgends entdecken.
„Was ist denn los?“
„Ich habe keine Bücher mehr!“
Ich schnaubte. „Und deswegen schreist du so rum? Was ist denn mit denen?“, fragte ich und deutete auf das überfüllte Bücherregal neben ihrem Bett.
„Aber Mom, die sind doch alle für Babys.“
„Olivia“, setzte ich an, bremste mich jedoch schnell. Was hatte ich da gerade tun wollen? Warum war mein erster Instinkt, sie daran zu erinnern, dass sie erst vor wenigen Wochen zu ihrem siebten Geburtstag einen ganzen Stapel Bücher bekommen hatte? Ich hatte eine Vielleserin großgezogen, und das bedeutete nun einmal nicht nur zahlreiche Möglichkeiten, mit ihr anzugeben, sondern eben auch die Verantwortung, sie mit ausreichend Nachschub zu versorgen.
„Können wir in die Bücherei? Bitte!“ Das letzte Wort zog Livy flehend in die Länge und sie sah mich aus ihren großen haselnussbraunen Augen an, die bereits verdächtig schimmerten. Nicht mehr lange und es würden Tränen folgen.
„Muss das jetzt wirklich noch sein? Ich wollte bald mit dem Kochen anfangen. Und bist du nicht müde von der Schule?“ Halt suchend lehnte ich mich gegen den Türrahmen. Ich war seit dem frühen Morgen auf den Beinen und hatte mich darauf gefreut, mich endlich ein wenig ausruhen zu können.
„Am Wochenende hat sie doch zu! Und außerdem holen mich Dad und Zoe morgen nach dem Frühstück ab …“ Livys Unterlippe bebte, und ich wusste, dass ich nachgeben würde. Bleierne Schwere in meinen Beinen hin oder her. Wie könnte ich auch nicht? Sie war eine Leseratte, weil sie es sich bei mir abgeschaut hatte, und im Gegensatz zu mir konnte sie sich nicht einfach Nachschub auf ihren E-Reader laden, sondern war auf Büchereien und Buchgeschenke angewiesen.
„Okay, okay.“ Ich lenkte ein. Livy sprang auf, verwandelte sich vom trotzigen Häuflein Elend in einen quirligen Tornado. „Danke“, quietschte sie, stürmte auf mich zu und schlang ihre Arme um mich.
Schmunzelnd löste ich den kleinen Klammeraffen von mir. „Mach dich fertig, ich zieh mich in der Zwischenzeit um, ja?“ Livy nickte nur rasch, ehe sie auch schon zu ihrem Rucksack flitzte, den sie immer für die Wochenenden bei ihrem Vater benutzte.
Im Schlafzimmer schlüpfte ich aus dem knielangen Rock und der gemusterten Bluse, die ich für meinen Dienst im Blumenladen getragen hatte. Jetzt brauchte ich etwas Bequemeres. Missmutig starrte ich in den Kleiderschrank. Die Auswahl war mickrig. Zu oft hatte ich Livys Sachen vorgezogen, wenn ich nur Zeit für eine einzige Ladung Wäsche gehabt hatte.
Ich griff nach meiner Lieblingsjeans, die über einem Sessel hing, und schnüffelte daran. Tragbar. Dazu schnappte ich mir ein verwaschenes Bandshirt, das definitiv schon bessere Zeiten gesehen hatte, und zog beides an.
Rasch wusch ich mir im Badezimmer noch das Gesicht mit eiskaltem Wasser und hoffte, dadurch meinen Lebensgeistern zumindest eine kleine Energiereserve entlocken zu können. Mein welliges kastanienbraunes Haar band ich zu einem Pferdeschwanz, ehe ich in den Flur trat, wo meine Tochter ungeduldig auf mich wartete.
Das abgetragene Paar roter Converse besänftigte meine Füße, die lieber schuhfrei geblieben wären, und als wir das Haus verließen, strich mir eine frische Brise um die Nase. Ich atmete tief durch. Es war ein warmer Tag, aber ich meinte anstatt des allgegenwärtigen Dufts von Lavendel während der Sommermonate bereits die ersten Vorboten des Herbsts zu erschnuppern. Oder lag da etwas anderes in der Luft? Ich strich über die Härchen, die sich auf meinen Armen aufgestellt hatten.
„Wollen wir dir nicht lieber deine Jacke holen?“
Livy schüttelte ungeduldig den Kopf und zerrte an meiner Hand. „Nein, mir ist nicht kalt, ich brauche nur Bücher.“
Ich gab mir Mühe, mit Livys Tempo mitzuhalten. Trotz ihrer kurzen Beine konnte meine Tochter verflixt schnell sein, wenn sie es darauf anlegte. Nur gelegentlich hatte ich Zeit, meinen Blick ein wenig schweifen zu lassen, zu schnell verging unser kleiner Streifzug durch Lavender Grove. Ich lebte bereits seit knapp sieben Jahren hier und dennoch entdeckte ich stets etwas Neues. Wie das heimelig anmutende Café, das halb verborgen zwischen den üppig bepflanzten Vorgärten lag. Es fiel mir nicht zum ersten Mal auf, aber ich betrachtete es mit anderen Augen seit Zoe mir neulich erklärt hatte, dass es als Geheimtipp galt, wenn es einmal im Monat lokalen Musikern und Poeten eine Bühne bot.
Als wir in die nächste Gasse einbogen und ich die Fassade der Bibliothek erspähte, wurde Livy unerwartet langsamer und sah zu mir auf. „Was machst du eigentlich am Wochenende, Mom?“
„Dich vermissen natürlich“, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen.
Meine Tochter verdrehte die Augen. „Das meine ich nicht. Du sollst etwas machen, das haben auch Dad und Zoe gesagt.“
Ich nahm mir einen Moment, um tief durchzuatmen. Das hatte mir gerade noch gefehlt. „Was genau haben dein Dad und Zoe gesagt?“
„Dass du nie jemanden kennenlernen wirst, wenn du immer nur arbeitest oder mich im Schlepptau hast.“
Fast hätte ich aufgelacht, aber Livy sah mit ernster Miene zu mir auf. Ich würde definitiv ein ernstes Wörtchen mit Blake und Zoe reden müssen. Mein miserables Liebesleben war einzig und allein meine Sache, und nichts, worüber sich andere oder gar meine Tochter den Kopf zerbrechen sollten.
Sanft drückte ich Livys Hand. „Mach dir um mich keine Sorgen, ich habe Pläne fürs Wochenende. Das kannst du deinem Dad und Zoe gern sagen.“
„Okay.“ Für Livy schien das Thema damit erledigt zu sein. „Und jetzt komm, ich hör die Bücher nach mir rufen!“
Kurz darauf hielt ich ihr grinsend die Tür auf und Livy stürmte an mir vorbei ins Innere der Bibliothek. Während sie zwischen den Regalen verschwand, begrüßte ich die Bibliothekarin hinter ihrem Tresen. Helen nickte mir lächelnd zu, ehe ich weiterging.
Ich hatte Pläne, das war nicht einmal gelogen gewesen. Die Tatsache, dass es sich dabei hauptsächlich um Hausarbeit handelte, musste ich ja niemandem unter die Nase reiben, oder? Ich wusste genau, was Blake und Zoe dazu sagen würden. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit ermutigten sie mich, etwas zu unternehmen, und viel zu oft hatte ich abgelehnt, wenn sie mich in Pläne involvieren oder mir gar jemanden hatten vorstellen wollen. Wie sonst sollte ich je jemanden kennenlernen? Und sie hatten ja recht … Meine letzte Beziehung war mit Blake gewesen und hatte noch vor Livys erstem Geburtstag geendet. Jetzt war sie sieben.
Ich verzog das Gesicht. Wie sollte ich überhaupt Zeit für eine Beziehung finden? Ich arbeitete Teilzeit im Blumenladen und die restliche Zeit verbrachte ich entweder mit Schlafen oder mit Livy. Meine Tochter war meine oberste Priorität und darauf war ich stolz. Mir fehlte doch gar nichts, ich war glücklich.
In der Kinderabteilung stand Livy mit kritisch suchendem Blick vor einem der Regale. Sie hielt einen ganzen Stapel Bücher und ich runzelte die Stirn. „Bist du etwa schon fertig?“
„Äh, nein?“ Livy starrte mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Sie schleppte die Bücher zu einem der farbenfrohen Sitzsäcke und stellte sie auf dem Boden ab. Dann ließ sie sich mit einem übertriebenen Seufzen, das sie sich definitiv von mir abgeschaut hatte, in den Sitzsack fallen und griff nach dem obersten Buch. „Erst muss ich reinlesen, ob sie mir auch wirklich gefallen. Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher.“ Ohne Umschweife begann Livy zu schmökern.
Nur mühsam konnte ich mir ein Lachen verkneifen. Blake hatte recht, unsere Tochter wurde mir wirklich von Tag zu Tag ähnlicher. „Lass dir nicht zu viel Zeit, ja?“
Livy nickte. Hatte sie mich wirklich gehört? Ich überlegte, nachzuhaken und ihr ein Zeitlimit von einer Viertelstunde zu geben, als mich lautes Donnergrollen davon abhielt.
„Uh, perfektes Lesewetter“, murmelte Livy und kuschelte sich noch tiefer in ihren Sitzsack.
Ich sah mich um und eilte auf das nächstgelegene Fenster zu. Noch ehe ich es erreichte, donnerte es erneut. Dunkelgraue Wolken dominierten den Himmel. Waren sie so schnell aufgezogen oder wie hatten sie mir vorhin entgehen können? Vielleicht würden wir noch trocken nach Hause kommen … Nein, der Regen prasselte bereits lautstark auf den Asphalt.
Missmutig verzog ich das Gesicht. Wenn ich nicht wollte, dass wir völlig durchnässt zu Hause ankamen, würde uns nichts anderes übrig bleiben, als abzuwarten, bis der Regen vorbei war. Was wiederum bedeutete, dass ich meine Pläne fürs Abendessen nicht umsetzen konnte.
Das Trommeln des Regens gegen die Fensterscheiben war geradezu hypnotisch, erst nach einer Weile konnte ich mich losreißen und zu Livy zurückgehen. Eine sanfte Wärme erfüllte mich, als ich sie so vertieft in ihre Bücher sah. Es war gar nicht schlimm, hier eine Weile festzusitzen. Immerhin konnte Livy in Ruhe ihre Bücher auswählen, und wenn für alles andere die Zeit fehlte, würde es zum Abendessen eben nur Sandwiches geben.
Es war kein Weltuntergang, ganz gleich, wie sehr sich der Regen und der dröhnende Donner bemühten, es danach klingen zu lassen. Meine Chance, mich nach einer eigenen, ablenkenden Lektüre umzusehen.
Kapitel 2 – Mae
Einschüchternd, anders konnte ich es nicht beschreiben. Ich war nicht gerade klein und dennoch fühlte ich mich zwischen den Regalen, die sich schier bis zur Decke erstreckten, regelrecht winzig. Mit jedem Schritt schienen die Gänge zwischen ihnen noch schmaler zu werden. Ich schluckte. Fast war es, als würden die Bücher einen näheren Blick auf mich werfen und nicht andersherum. Immerhin waren sie hier zu Hause und fühlten sich bestimmt nicht dermaßen fehl am Platz wie ich.
Frustriert fuhr ich mir durch die Haare und hielt im Nacken inne. Ich hätte Eden vor meiner Abreise darum bitten sollen, noch einmal nachzurasieren. Allein traute ich mir das nicht zu und so musste ich die nächsten Monate wohl oder übel mit dem ungewohnten Nachwuchs leben.
Okay, ein letzter Versuch. Entschlossen ließ ich meinen Blick schweifen. Kleine Messingschilder an den Regalen schienen den Weg weisen zu wollen, aber ich wurde aus ihnen einfach nicht schlau. Ob ich vielleicht doch um Hilfe bitten sollte? Als ich die Bücherei vor etwa einer halben Stunde betreten hatte, war ich an einer vereinzelten Bibliothekarin vorbeigeeilt. Sie hatte mich durch ihre dicke, auffällig verzierte Brille hindurch angesehen. Als wüsste sie genau, dass ich hier nichts zu suchen hatte. Mein Herz raste erneut. Nein, lieber würde ich weiter ziellos umherirren, bevor ich ernsthaft mit dem Gedanken spielte, sie zu fragen, wo ich die richtige Lektüre fand.
Zu Hause hätte ich das Buch online kaufen und schon am nächsten Tag geliefert haben können. Das war einer der unerwarteten Unterschiede, mit denen mich die Kleinstadt gelegentlich überforderte.
Brauchte ich das Buch wirklich? Ich verzog das Gesicht, als ich in einen weiteren Gang trat und mich ratlos umsah. Wären YouTube-Videos nicht ausreichend? Natürlich, in den Weiten des Internets würde ich mehr als genug Informationen finden, dennoch widerstrebte es mir. Ich wollte etwas Handfestes. Ein Buch. Ein Projekt. Etwas, worauf ich mich während meiner Zeit in Lavender Grove konzentrieren konnte.
Die Wahl war mir überraschend leichtgefallen. Eden fehlte mir, was also lag näher, als mich endlich mit jenen Pflanzen zu beschäftigen, die uns beide faszinierten, denen es in unserer kleinen Wohnung allerdings nicht nur an Platz, sondern vor allem an Sonnenlicht mangeln würde? Aber ergab das wirklich Sinn? Pflanzen aus Samen zu ziehen, mit denen ich in spätestens ein paar Monaten erst recht wieder nichts anfangen konnte?
Ich wusste genau, was Eden dazu sagen würde. Kaum war ich räumlich von meinen Freunden, von meiner Community getrennt, versuchte ich sie zu ersetzen. In diesem Fall mit Pflanzen, die ich umhegen und denen ich meine Liebe und Aufmerksamkeit schenken wollte. Eden würde es pathologisch nennen und mir raten, zu üben, mit mir und meinen Gedanken allein zu sein. Und sier hatte ja recht …
Frustriert rieb ich mir das Gesicht, ließ noch ein letztes Mal meinen Blick wandern. Nein, es war Zeit, aufzugeben. Nichts wie raus hier! Ich setzte mich in Bewegung. Keuchend nahm ich eine enge Kurve um ein weiteres Regal, und – verdammt! Beinahe wäre ich mit jemandem kollidiert.
„Oh, Entschuldigung!“ Die Frau machte erschrocken einen Schritt nach hinten, brachte Abstand zwischen uns.
„Kein Problem“, murmelte ich und trat von einem Fuß auf den anderen. Die junge Frau nickte nur und ging zielstrebig an mir vorbei, zu einem Regal und holte ein Buch heraus. Sie schien sich offenbar auszukennen. Ob sie wohl hier arbeitete? Prüfend betrachtete ich sie. Abgetragene Schuhe, eine gut sitzende Jeans und ein eng anliegendes Bandshirt, das vor Jahren wohl mal schwarz gewesen war. Sie entsprach definitiv nicht meinem Bild einer typischen Bibliothekarin.
„Brauchst du Hilfe?“
Ertappt sah ich auf. Rötlich braunes zusammengebundenes Haar. Ein herzförmiges Gesicht. Grünbraune Augen. Zart geschwungene Lippen … Moment, hatte sie mir nicht eine Frage gestellt? „Wie bitte?“
„Suchst du ein bestimmtes Buch?“ Ihre Stimme war so sanft. So freundlich und beruhigend, dass mein Fluchtreflex für den Moment außer Gefecht gesetzt war. Überrumpelt nannte ich ihr den Titel.
„Hmm“, machte sie und kräuselte die Nase. Vielleicht hielt sie nichts von meiner Wahl, oder ich würde gleich erklären müssen, warum ich ausgerechnet ein Buch über Heil- und Ritualpflanzen wollte.
Sie ließ mich stehen und steuerte schnurstracks auf das Ende des Gangs zu. Ich hatte sie verschreckt. Aber möglicherweise war das besser so – in Wahrheit wollte ich ohnehin nur hier raus.
„Kommst du?“ Sie war stehen geblieben und sah mich über die Schulter hinweg an. Abwartend.
„Äh ja“, stammelte ich und biss mir auf die Zunge. Ich wollte das Buch längst nicht mehr. Warum also folgte ich ihr durch den Irrgarten aus hohen Regalen, in dem sie sich verstörend gut zurechtfand? Sie war hilfsbereit, und ich wollte sie nicht vor den Kopf stoßen. Das war es und nichts anderes, definitiv nicht die Tatsache, wie gut ihr Hintern in dieser Jeans aussah. Verdammt, ich musste mich wirklich zusammenreißen!
Kurz darauf blieb sie vor einem Regal stehen. Konzentriert kaute sie auf ihrer Unterlippe und schob sich eine widerspenstige Haarsträhne hinters Ohr, als sie auch schon das von mir gesuchte Buch in der Hand hielt. Es war Zauberei, anders konnte ich es mir beim besten Willen nicht erklären.
Ich nahm das Buch entgegen, wollte ihr nicht sagen, dass ich es mir anders überlegt hatte, es nicht länger wollte.
Die junge Frau lächelte mich an, und ein aufgeregtes Flattern machte sich in meinem Inneren bemerkbar. Ich musste hier raus. Oder mich zusammenreißen. Im Idealfall beides.
„Im Grunde ist es recht einfach“, erklärte sie. Wovon redete sie? Wie man Pflanzen aufzog? Ja, ich konnte sie mir gut mit einer Gießkanne und einem Spaten vorstellen … irritiert runzelte ich die Stirn und schob den Gedanken beiseite.
Anstatt über die richtige Erde und Aussaatzeiten zu sprechen, deutete sie auf eines der Messingschilder, denen sie so viel mehr Informationen entnahm, als sich mir je erschlossen hätten. Das Ordnungssystem der Bibliothek interessierte mich nicht im Geringsten, und dennoch hing ich wie gebannt an ihren Lippen. Wie weich sie wohl waren?
Stille. Wann hatte sie zu sprechen aufgehört? Ich räusperte mich, lenkte meinen Blick von ihrem Mund auf das Buch in meiner Hand. „Danke.“
„Gern.“
Als ich aufsah, belohnte sie mich mit einem freundlichen Lächeln. Augenblicklich wurden meine Knie weich und ich konnte Eden in meiner Vorstellung lachen hören.
„Und entschuldige bitte, dass ich deine Zeit in Anspruch genommen habe.“
Sie winkte mit leicht geröteten Wangen ab. „Kein Problem, ich will sowieso warten, bis der Regen vorbei ist.“
„Das könnte dauern.“ Selbst hier zwischen den Regalen konnte ich es unablässig prasseln hören.
„Eben. Im Grunde sollte ich dir also danken, dass du mich ein wenig abgelenkt hast.“ Wieder dieses Lächeln. Für einige Momente hielten wir den Blickkontakt aufrecht und ich glaubte, in ihren Augen zu versinken. Wow. Anders konnte ich es nicht beschreiben. Und doch war Edens Ratschlag fest in meinem Hinterkopf verankert. Verlieb dich nicht. Manchmal kannte sier mich besser als ich mich selbst.
„Danke noch mal.“ Nur mühsam gelang es mir, mich von ihrem Anblick zu lösen. Lag da ein Hauch von Enttäuschung auf ihrem Gesicht? Auch wenn ich diesem Verdacht am liebsten auf den Grund gegangen wäre, wandte ich mich ab. Es widerstrebte mir zutiefst, sie hier stehen zu lassen, ohne zumindest zu versuchen, so viel wie möglich über sie in Erfahrung zu bringen. Aber genau das war der Grund, warum ich nicht bleiben konnte.
Ich setzte mich in Bewegung und ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Ich musste hier raus, ehe ich es mir anders überlegte. Meine Schritte wurden schneller, bald hatte ich das Ende des Gangs erreicht. Jetzt nur nicht stolpern.
„Willst du nicht lieber warten, bis der Regen zumindest etwas schwächer wird?“
Ihre Worte ließen mich erstarren, dann schüttelte ich den Kopf. „Mir macht so ein bisschen Regen nichts aus.“ Mein Herz raste. Wenn sie noch ein weiteres Mal nachfragen, mich erneut zurückhalten würde … Im Laufschritt eilte ich die Gänge entlang Richtung Ausgang. Zumindest hoffte ich, dass mich die nahezu identischen Regale nicht in die Irre führten.
Sobald ich außer Sicht war, legte ich das Buch auf die nächstbeste freie Oberfläche, bevor ich weiterhetzte. Erneut spürte ich im Eingangsbereich die Blicke der Bibliothekarin auf mir. Verhielt ich mich verdächtig? Ging sie womöglich davon aus, dass ich versuchte, etwas zu stehlen? Jeden Moment rechnete ich damit, dass mich eine strenge Stimme auffordern würde, stehen zu bleiben – aber niemand hielt mich davon ab, die Tür aufzustoßen.
Ich taumelte regelrecht in den Regen. Nach wenigen Sekunden war ich schon völlig durchnässt. Anstatt Schutz zu suchen, verharrte ich, hieß die Kälte auf meiner glühenden Haut willkommen. Langsam beruhigte sich mein Atem wieder und das Rasen in meiner Brust ließ nach.
Triefend ließ ich mich wenig später auf den Fahrersitz meines Jeeps sinken und schlüpfte aus dem tropfnassen Hemd, das sich wie eine klamme zweite Haut an meinen Körper schmiegte. Ich startete den Motor, aber selbst die Scheibenwischer konnten gegen die Sturzbäche auf der Windschutzscheibe nichts ausrichten. Es wäre zu gefährlich, unter diesen Umständen zu fahren. Ich würde warten müssen, bis der Regen nachließ.
Hätte ich in der Bibliothek bleiben sollen? Die junge Frau hatte mich praktisch dazu eingeladen, die Wartezeit mit ihr zu verbringen. Das hatte ich mir definitiv nicht eingebildet. Aber das bedeutete noch lange nicht, dass sie mit mir geflirtet hatte, sie hatte doch selbst gesagt, dass sie froh über die Ablenkung war. Und wie hoch standen die Chancen, in einem kleinen Kaff wie Lavender Grove einer queeren Person über den Weg zu laufen? Ganz zu schweigen einer, die so hübsch war …
Mit einem frustrierten Seufzen vergrub ich das Gesicht in meinen Händen. Wie immer, wenn ich mit meinen Gedanken allein war und sie ungebremst Achterbahn in meinem Verstand fuhren, dauerte es nicht lange, bis ich glaubte, Edens Stimme vernehmen zu können. Und sier hatte ja recht, ich interpretierte viel zu viel in das Verhalten anderer Menschen hinein. Ein tiefer Blick. Ein Lächeln. Mehr brauchte es oft gar nicht und schon malte ich mir die mögliche Zukunft mit einer Frau aus.
Und war das nicht einer der Gründe gewesen, warum ich nach Kenneths Anruf nicht lange gezögert hatte? Etwas Abstand zu gewinnen, für einige Monate in einer Kleinstadt, während der ich keinerlei Gedanken an eine Beziehung verschwendete, ehe es zurück in mein richtiges Leben in Portland ging.