Prolog
Antonella
Santo cielo! Was habe ich da bloß angestellt? Ganz ehrlich, ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich mich in so einen Schlamassel bringen konnte. Gerade jetzt, wo alles genau so gekommen ist, wie ich es mir immer erträumt hatte. Jetzt, wo sich all die harte Arbeit, die ganzen Überstunden, die vielen Verzichte bezahlt machen … Und was tue ich? Ich setze alles aufs Spiel!
Das sieht mir so gar nicht ähnlich. Ich bin doch die Vernünftige in der Familie, die Folgsame, die studiert hat, immer nur Bestnoten geschrieben hat. Mein Abi habe ich sogar mit Auszeichnung bestanden. Warum stelle ich mich jetzt nur so an?
Völlig außer Atem streiche ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Igitt, wie das pappt. Einfach alles ist klebrig: meine Hände, die Kleidung, ja sogar meine Haare. Warum schaut das bei den anderen so mühelos aus? Der einzige Pluspunkt: Es riecht fantastisch.
»Pass besser auf! Jetzt ist der Stiel zu lang.«
Was will er schon wieder? Zum Glück für ihn hat er etwas zu meckern gefunden.
»Das ist Absicht. Ich kann ihn immer noch kürzen.« Trotzig mache ich mich erneut an die Arbeit.
Aber was zum Teufel soll das werden? Eine Vom Tellerwäscher zum Millionär-Geschichte, nur umgekehrt? Ich muss mir ein Grinsen verkneifen, so dämlich ist das Ganze.
Es ist heiß, mein Rücken schmerzt, und ich habe nicht die geringste Ahnung, was ich hier tue. Während die Profis zügig und geschickt einen Baum nach dem anderen abernten, verzweifle ich an jeder einzelnen Frucht. Bei denen sieht es aus, als würden die Orangen von alleine in ihre Umhängetaschen wandern. Warum fällt mir das nur so schwer?
Weil du hier fehl am Platz bist, flüstert ein leises Stimmchen in meinem Kopf. Ja, das ist ohne Zweifel richtig. Aber warum gehe ich dann nicht einfach? Warum sage ich nicht die Wahrheit, packe meine Habseligkeiten zusammen und fahre nach Hause?
Weil es dir hier gefällt, flüstert die Stimme in meinem Kopf erneut.
Auch das stimmt. Es ist ein wunderbarer Ort, so friedlich. Rings um mich herum nichts als Bäume voller Zitrusfrüchte. Orangen, Zitronen und Mandarinen wachsen hier.
Sanft rascheln die Blätter in der warmen Brise, die vom Gardasee heraufweht. Vögel zwitschern, und über allem liegt dieser süße Duft, dieses betörende Aroma von Orangen und Zitronen, die reif und verlockend an den Zweigen hängen. Ein Ort, der einen runterkommen lässt. Ich kann kaum glauben, dass mein eigentliches Leben nur eine Seebreite entfernt liegt.
Ob sie inzwischen schon angerufen haben? Das werde ich nie erfahren, wenn ich mein Handy nicht wieder einschalte. Aber ich kann nicht. Ich will mich nicht damit beschäftigen. Noch nicht. Nur noch einen Tag, vierundzwanzig Stunden Frieden. Um zu verstehen, warum ich das überhaupt getan habe. Ich kann es mir selbst noch immer nicht erklären. Warum bekommt man Panik, wenn alle Träume in Erfüllung gehen? Man müsste doch vor Freude platzen und nicht völlig verrückt werden.
Am liebsten würde ich jetzt meine Schwester anrufen und um Rat bitten, aber dafür müsste ich das Handy einschalten. Lange halte ich es sicher nicht mehr aus, schließlich ist Giulia nicht nur meine Schwester, sondern die beste Freundin, die man sich wünschen kann. Sicher macht sie sich schon furchtbare Sorgen. Aber ich traue mich nicht, dieses blöde Telefon anzustellen, denn dann wird der ganze Wahnsinn plötzlich Realität, und die kann getrost noch etwas auf mich warten.
»Antonella, pass auf!« Unsanft lande ich auf dem Rücken. Überschwänglich versucht der quirlige Maremano-Mischling, mir mein Gesicht abzulecken, was ich gerade so verhindern kann.
»Nicht, Milo. Stopp!«
Der Rüde hält augenblicklich inne und setzt sich brav neben mich. Keine Ahnung, was dieser Hund an mir findet. Luisa, die Schwester des Plantagen-Besitzers, meint, er könne normalerweise Fremde so gar nicht leiden. Doch mich verfolgt er schon, seit ich hier angekommen bin. Dabei hatte ich nie einen Hund, nicht mal als Kind. Ich kenne mich deshalb so gar nicht mit ihnen aus. Aber dieses stattliche Exemplar hat aus irgendeinem Grund einen Narren an mir gefressen. Soll mir recht sein. Tiere sind zumindest ehrlich und offen Nicht so wie Menschen, wie sein Besitzer, dieser Pietro. Der könnte einfach mal ein bisschen freundlicher sein, statt immer nur zu nörgeln.
Ich stehe auf und streichle Milo sanft über sein cremefarbenes Köpfchen. Er wedelt glücklich mit seinem Schwanz und folgt mir zum nächsten Baum.
Vielleicht sollte ich es heute mit meinen Gedanken so wie mit dem Handy machen: einfach ausschalten. Es hilft ja nicht, wenn ich mich verrückt mache. Am besten, ich konzentriere mich erst mal nur auf die Aufgabe, die vor mir liegt. Schön eine Orange nach der anderen. Am Ende wird auch dieser Baum abgeerntet sein. So wie sich auch alle anderen Dinge regeln werden …
Der Traum von Beförderung Antonella
Ein paar Tage zuvor
Die ausgiebige Dusche hat mir gutgetan. Nur noch vierzehn Stunden, und es ist so weit. Ich kann es gar nicht glauben. Nach all der Arbeit, nach all der Energie, die ich in meine Karriere gesteckt habe, bekomme ich morgen endlich den Lohn dafür. Ich werde gleichberechtigte Partnerin sein. Aus Romano und Marino wird Romano, Marino und Rossi. Das klingt verdammt gut.
Meine Eltern werden sich überschlagen. Auch wenn ich eigentlich fast keinen Kontakt mehr zu ihnen habe, so war ihnen meine Karriere immer wichtig. »Mach etwas aus deinem Leben« oder »Nur wer studiert, hat Erfolg«, waren nur ein paar der Sätze, die ich in meiner Jugend fast täglich zu hören bekam. Inzwischen ist das besser geworden. Schließlich wohne ich immer noch in Lazise, während sich meine Eltern in Südtirol zur Ruhe gesetzt haben.
Als hätte mein Chef meine Gedanken gelesen, klingelt plötzlich mein Handy.
»Buonasera, Signore Romano, was kann ich für Sie tun?«
»Buonasera, Signora Rossi. Entschuldigen Sie die späte Störung an einem Sonntag. Ich wollte nur abklären, ob für morgen alles klar ist.«
»Ja. Wir treffen uns um zehn Uhr im Konferenzraum.«
»Genau. Ich hoffe, Sie haben eine Rede vorbereitet. Schließlich wird das ein großer Tag für Sie.«
»Natürlich. Ich bin mir dessen sehr wohl bewusst.«
»Das dachte ich mir schon. Dann noch einen erholsamen Abend und bis morgen.«
»Vielen Dank. Ihnen auch einen schönen Restsonntag.«
Morgen um die Mittagszeit wird alles anders sein. Hoffentlich reiben meine Eltern ihren Stolz meiner Schwester nicht sofort unter die Nase. Nicht dass sie sich nicht für mich freuen wird, aber meine Eltern tun immer so, als wäre Giulias Job weniger wert. Sie ist schließlich »nur« eine Barista. In ihren Augen ein Totalversagen. Doch die Wahrheit ist, sie liebt ihre Arbeit und ist Inhaberin einer Cocktailbar direkt am Strand von Lazise. Ich finde, sie tut genau das Richtige. Sie freut sich jeden Tag auf ihren Job und wirkt nie ausgebrannt oder ziellos. Meine Eltern liegen komplett falsch.
Mit nassen Haaren setze ich mich auf den Balkon. Meine Wohnung im vierten Stock ist geräumig und modern. Die große Glasfront lässt viel Licht in die Wohnräume, und die helle Einrichtung verleiht den achtzig Quadratmetern Eleganz und Stil. Ich bin mir bewusst, dass sich so eine Immobilie nur die wenigsten leisten können. Das ist einer der Vorteile, wenn man Tag und Nacht arbeitet. Der Nachteil ist allerdings, dass man dadurch nicht wirklich viel von seinen eigenen vier Wänden hat.
Der kleine Loungebereich, den ich mir auf dem Balkon eingerichtet habe, beinhaltet eine Couch und einen Tisch. Als ich die Garnitur gekauft habe, hatte ich mir ausgemalt, wie ich darauf jeden Tag im Sommer frühstücken werde. Wenn ich es mir jedoch recht überlege, habe ich das noch kein einziges Mal getan. Meistens frühstücke ich überhaupt nicht. Ich fülle mir meinen Kaffee in den To-go-Becher und starte in die Arbeit. Wenn man immer die Erste im Büro sein will, geht das eben nicht anders. Alles hat seinen Preis. Dafür gibt es morgen die große Belohnung ‒ die Krönung der vielen Anstrengungen.
Ein seltsames Ziehen durchfährt mich. Wo kommen auf einmal diese stechenden Bauchschmerzen her? Meine Periode hatte ich erst vor zwei Wochen. Vielleicht habe ich etwas Falsches gegessen. Wundern würde mich das nicht. Meine Ernährung ist nicht gerade die gesündeste. Hauptsächlich besteht sie aus Panini und Müsliriegeln. Aber wer bitte hat schon Zeit zum Kochen? Die Hauptsache ist ein voller Magen.
Ich setzte mich auf meine Outdoor-Couch und wende mein Gesicht dem Gardasee und der abendlichen Sonne zu. Es ist Ewigkeiten her, dass ich mir Zeit genommen habe, einen Sonnenuntergang zu genießen. Doch heute brauche ich ein bisschen Entspannung. Schließlich will ich morgen frisch und energiegeladen aussehen, wenn ich vor die versammelte Belegschaft treten muss.
Die Sonne wärmt mein Gesicht. Selbst für Lazise ist es schon ungewöhnlich warm. Wir haben ja erst April. Die letzten Strahlen lassen das Wasser, das nur wenige Meter unter meinem Balkon glitzert, in den verschiedensten Orange- und Rottönen erstrahlen. Der See ist so nah, dass ich sogar das Rauschen der Wellen hören kann. Die Luft ist erfüllt vom Duft der abendlichen Speisen, die in der kleinen Trattoria, nur wenige Meter östlich, angeboten werden. In der Gasse direkt unter mir ist das Leben in vollem Gange. Man hört Kinder spielen, Pärchen machen einen Abendspaziergang, und eine Gruppe älterer Herrschaften hat es sich bei einem Kartenspiel gemütlich gemacht.
Wann bin ich eigentlich das letzte Mal einfach so durch Lazise spaziert? Das muss vorletzten Sommer gewesen sein, während meiner Kurzzeitbeziehung zu Luca. Wieder so ein Prinz, der sich als Frosch herausgestellt hatte. Aber wenn ich ehrlich bin, hatte es damals auch an mir gelegen. Schließlich hatte ich kaum Zeit für ihn gehabt.
Schon wieder durchfährt mich ein stechender Schmerz. Hoffentlich ist da keine Magen-Darm-Grippe im Anmarsch. Die kann ich gerade so gar nicht gebrauchen. Ich will doch nicht schon am ersten Tag als Partnerin krank werden.
Ein Piepen reißt mich aus den Gedanken. Der Blick auf mein Handy verrät mir, dass es sich um eine Nachricht meiner Schwester handelt.
Hey, Nella! Wie geht`s? Bist du schon aufgeregt?
Nur meine Schwester nennt mich Nella. Genau wie ich sie immer Giu statt Giulia nenne.
Hey, Giu! Ein bisschen schon. Aber ich freue mich auch.
Natürlich! Du hast dir diese Beförderung auch wirklich verdient. Das Wichtigste ist, dass du glücklich bist.
Mein Blick huscht über den Gardasee. Was ist eigentlich Glück? Wenn sich alles so ergibt, wie man es sich immer erträumt hat? Oder wenn man mit dem zufrieden ist, was man hat? Ich habe keine Ahnung. Trotzdem schreibe ich meiner Schwester:
Genau. Dann bin ich es.
Sofort erscheinen die drei Pünktchen, die mir zeigen, dass Giulia zurückschreibt.
Ich hoffe doch, dass du jetzt nicht noch mehr arbeiten musst und dich endlich etwas auf deinen Lorbeeren ausruhen kannst.
Schön wär‘s. Doch so ist es sicher nicht. Denn gerade in der Anfangsphase werde ich mich beweisen müssen. Das bedeutet noch mehr Überstunden und noch mehr Einsatz. Wobei ich, wenn ich ehrlich bin, keine Ahnung habe, wie das möglich sein soll. Ich arbeite bereits jetzt quasi Tag und Nacht. Ich bin morgens meist schon um sieben da und verlasse die Kanzlei nie vor zehn Uhr abends. Nix Dolce Vita. Aber das muss meine Schwester ja nicht wissen. Sonst hält sie mir nur wieder einen Vortrag.
Genau. Sicher wird jetzt alles geregelter.
Das freut mich. Melde dich morgen, wenn alles vorbei ist. Du musst mir unbedingt haarklein erzählen, wie es gelaufen ist. Hab dich lieb!
Ich schicke ihr ein Daumen hoch-Emoji.
Hab dich auch lieb.
Anschließend lege ich das Handy zur Seite. Das Stechen in meinem Bauch ist schlimmer geworden. Ich werde zusehen, nicht zu spät ins Bett zu kommen, dann bin ich sicher wieder fit. Zuerst muss ich jedoch noch einmal meine Rede überarbeiten. Sie soll schließlich perfekt sein. Ich hole den Laptop und öffne die entsprechende Seite. Doch mein Kopf ist vollkommen leer. Ich starre auf die Wörter, aber sie verschwimmen vor meinen Augen. Warum kann ich mich nicht konzentrieren? Sicher ist es die Aufregung. Oder ich bin einfach zu müde. Am besten, ich lenke mich kurz mit etwas anderem ab, dann wird es mir danach sicher viel leichter von der Hand gehen.
Ich öffne den Ordner mit der Aufschrift Morgenbuch und lege dort ein Dokument mit dem Namen 7_April an, auch wenn heute der sechste ist. Ungewöhnlich, aber das ist meine persönliche Art des Tagebuchschreibens. Als ich mit dem Studium begonnen hatte, war ich irgendwann an einen Punkt gekommen, an dem ich mich nur schwer zum Lernen hatte motivieren können. Es war kräftezehrend gewesen, und anders als meine Eltern immer dachten, waren mir die guten Noten nicht einfach so zugeflogen. Ich hatte für jede einzelne hart arbeiten müssen. Eines Tages, als ich wieder im Lernstress gewesen war, hatte ich zufällig eine Dokumentation über positive Affirmationen gesehen. Also hatte auch ich mich morgens vor den Spiegel gestellt und Sätze zu mir gesagt wie: Du schaffst das und Das Lernen fällt dir leicht. Aber ganz ehrlich, ich kam mir dabei total dämlich vor. Das war nicht mein Weg. Doch dann war mir diese Idee mit dem Morgenbuch gekommen. Seitdem setze ich mich jeden Abend an den Computer und schreibe ein paar Sätze, wie mein Morgen aussehen soll. Also kein Tagebuch, das zusammenfasst, was passiert ist, sondern eine Motivation, wie ich mir den nächsten Tag vorstelle. Und ich muss sagen, das hilft mir meist sehr. So habe ich meine Ziele im Auge. Deshalb mache ich das auch heute, schließlich weiß ich genau, wie mein Tag morgen ablaufen soll.
Liebes Morgenbuch!
Morgen werde ich energiegeladen und ohne Bauchschmerzen in die Kanzlei kommen. Ich werde zuerst ein paar meiner Aufgaben erledigen, bevor ich mich um zehn Uhr in den Sitzungssaal begebe. Dort werden Signore Romano und Signore Marino mich wohlwollend empfangen. Sobald die gesamte Belegschaft eintrifft, werden die Herren meine Partnerschaft mit lobenden Worten verkünden. Voller Selbstvertrauen werde ich mich vor meine Kollegen stellen und eine mitreißende Rede halten. Am Ende gibt es Applaus, und wir stoßen mit einem Glas Prosecco an. Dann werden die Partner mich in mein neues Büro begleiten, und wir werden über die nächsten Schritte sprechen. Ich werde mich stolz, zufrieden und vor allem glücklich fühlen. In der Mittagspause nutze ich die neu gewonnene Energie, um im firmeneigenen Fitnessraum zu trainieren. Sollte ich es abends nicht allzu spät aus der Kanzlei schaffen, werde ich bei Giulia in der Bar vorbeischauen und zusammen mit ihr auf meine Beförderung anstoßen.
So, das klingt doch gut. Ich glaube, genau so könnte der Tag morgen ablaufen. Ich muss diese Abfolge nur visualisieren, dann wird es sicher klappen.
Aber jetzt muss ich mich um die Rede kümmern. Inzwischen ist die Sonne hinter den Hügeln auf der gegenüberliegenden Seite des Gardasees verschwunden, und es ist doch etwas frisch geworden. Daher gehe ich ins Wohnzimmer. Konzentriert setzte ich mich an den Computer. Morgen ist es endlich so weit. Mein neues Leben beginnt.