Kapitel 1 – Willa
Lautstark plaudernd verließen meine Schülerinnen und Schüler den Handarbeitsraum. Bis auf Abigail. Mein Blick schweifte zu dem Mädchen, das augenscheinlich mit den Tränen kämpfte.
Ich wusste, dass der Grund dafür vor ihr auf dem Tisch lag.
„Bist du nicht fertig geworden?“ Ich trat zu ihr und lächelte sie aufmunternd an.
Abigail hielt den Kopf gesenkt, schüttelte ihn stumm.
„Darf ich?“ Ich wartete auf ihr Nicken und rückte meine Brille zurecht, ehe ich nach dem Federmäppchen griff.
„Ich weiß, dass wir spätestens heute abgeben müssen …“ Abigail schluckte. Ihre Stimme brach und mir zog es schmerzhaft das Herz zusammen.
„Was würdest du verbessern wollen, wenn du mehr Zeit hättest?“
Für einen Moment sah Abigail mich ausdruckslos an, ehe sie mit den Schultern zuckte. „Ich habe von Anfang an gewusst, dass es mir nicht gelingen wird, ich hätte etwas anderes versuchen sollen …“ Ihre Finger krallten sich in das über Wochen mühsam entworfene und genähte Kunstwerk. Es stimmte, ihre Zweifel waren von Beginn an spürbar gewesen.
„Die Naht hier ist etwas schief geworden“, sagte ich und deutete auf die entsprechende Stelle. Abigail zog scharf die Luft ein, aber ich ließ mich davon nicht beirren, fuhr fort. „Es liegt daran, dass du die Dicke des Jeansstoffs unterschätzt hast, nicht wahr? Erst bei der nächsten Naht hast du die passende Nadel gewählt.“ Erneut wartete ich, bis sie nickte. „Weißt du, was ich sehe?“
„Eine schiefe Naht.“ Abigails Stimme glich mehr einem erstickten Schluchzen, und für einen Moment fürchtete ich, zu weit gegangen zu sein.
„Nein, ich sehe eine Naht, die dir eine gute Lehre war. Das nächste Mal, wenn du mit Denim arbeitest, wirst du dich daran erinnern und den Fehler nicht wiederholen. Das Projekt hat dir etwas beigebracht, und glaub mir, ich selbst habe das Nähen mehr aus Fehlern gelernt als aus Anleitungen oder von Lehrkräften.“
Abigail biss sich auf die Unterlippe, schien von meinen Worten nicht überzeugt.
„Du kannst es gern übers Wochenende mit nach Hause nehmen, wenn du meinst, dass du es verbessern kannst“, fuhr ich fort, und die nervöse Anspannung wich von ihrem Gesicht. „Aber eigentlich glaube ich nicht, dass es notwendig ist. Du hast es dir alles andere als leicht gemacht, zusätzlich eine alte Jeans als Material verwendet und ihr dadurch ein neues Leben geschenkt. Ich finde, du kannst stolz auf dein Upcycling sein.“ Je länger Abigail mich auf eine Antwort warten ließ, desto schwerer fiel es mir, sie weiter anzulächeln.
„Ich gebe es am Montag ab“, versprach sie und ihre Finger schlossen sich um das Kunstwerk aus Stoff, als hätte sie Angst, ich könne mein Angebot zurückziehen. Ich nickte, ließ sie ihre Sachen zusammenpacken. Abigail war perfektionistisch und ein Gespräch wie dieses war weder das erste noch würde es das letzte bleiben. Sie war talentiert, tendierte aber dazu, sich von ihren Selbstzweifeln lähmen zu lassen.
„Danke, Miss Jacobson“, murmelte Abigail, als sie den Handarbeitsraum verließ, und ich konnte nur hoffen, dass sie nicht mit einem neuen Stück Denim von vorne anfangen würde.
Seufzend holte ich meine Handtasche unter dem Pult hervor und hängte sie mir über die Schulter. Immerhin ahnte Abigail nicht, dass sich ihre Lehrerin oft nicht an die eigenen Ratschläge hielt. Ich dachte an den Blazer, der zu Hause darauf wartete, von mir beendet zu werden. Der Gedanke daran reichte aus, um meinen Widerwillen zu wecken. Lieber hätte ich den halb fertigen Blazer weiterhin wochenlang ignoriert. Ich rieb mir über das Gesicht und rückte im Anschluss meine Brille zurecht, ehe ich das Licht löschte und hinter mir abschloss. Endlich war die Schulwoche vorbei.
„Hey, schönes Wochenende!“
Verdutzt sah ich mich um und entdeckte Zoe Collins, die Vertrauenslehrerin der Highschool.
„Danke, gleichfalls“, antwortete ich. Zoe war die einzige Kollegin, mit der ich mehr als ein paar flüchtige Worte wechselte.
„Hast du besondere Pläne?“ Zoe lächelte mich an und ich schüttelte den Kopf, senkte den Blick. Im Gegensatz zum restlichen Kollegium hatte sie es immer noch nicht aufgegeben, mir Fragen zu stellen, ganz gleich, wie ausweichend ich stets antwortete, und war jedes Mal, wenn wir uns sahen, ausgesprochen freundlich zu mir. Das lag wohl daran, dass ich ihr letzten Herbst bei einem Halloweenkostüm für ihre Bonustochter geholfen hatte. So nannte sie die Tochter ihres Partners aus dessen vorheriger Beziehung.
Obwohl ich bereits seit Oktober des vergangenen Jahres an der Schule war, wusste kaum jemand etwas über mich. Die anfänglichen neugierigen Fragen waren zu viel für mich gewesen, ich hatte nicht erklären wollen, weshalb ich meine alte Schule so überstürzt verlassen hatte. Es war nie mein Plan gewesen, in einer Kleinstadt wie Lavender Grove zu leben, aber angesichts des mangelnden Angebots offener Stellen hatte ich nicht wählerisch sein können. Und länger in Portland zu bleiben, war keine Option gewesen. Die Stadt, die ich dank der gemeinsamen Jahre so sehr mit ihm verband. All die Erinnerungen und die gemeinsamen Orte, die er mittlerweile bestimmt mit ihr besuchte.
Nachdem ich mich von Zoe verabschiedet und meinen Weg fortgesetzt hatte, verdrehte ich genervt die Augen. Wie weit müsste ich noch weglaufen, damit er sich nicht mehr in meine Gedanken drängen konnte? Ich sollte aufhören, mir Szenarien auszumalen, in denen ich unserem gemeinsamen Freundeskreis mit hocherhobenem Kopf die Wahrheit über die Trennung erzählte, anstatt mich erst zurückzuziehen und dann aus der Stadt zu flüchten.
Tief in Gedanken trat ich aus dem Schulgebäude. Das sonnige Maiwetter gab sein Bestes, mich aufzumuntern, erinnerte mich aber umso mehr daran, dass der erste Sommer ohne ihn vor der Tür stand. Der erste Sommer, den ich nicht mit einer Reise verbrachte, die mein Budget sprengte, um nicht vorgeworfen zu bekommen, dass wir nie miteinander verreisten. Ich ballte die Hände zu Fäusten, versuchte, mich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Es war Freitag, und damit Zeit, meine aktuelle Lage zumindest für eine Nacht zu vergessen.
***
Zufrieden nickte ich, als ich mich im Spiegel kaum wiedererkannte. Bei der Arbeit trug ich gern bequeme und farbenfrohe Kleidung, doch für heute Abend hatte ich etwas gänzlich anderes im Sinn. Andächtig strich ich über den dunkelvioletten Velours, der meine Kurven betonte. Ich widerstand dem Drang, mich vor dem Spiegel zu drehen, um mich von allen Seiten betrachten und sichergehen zu können, dass das Kleid nicht zu eng war. Er war nicht hier, konnte nicht mit einem einzelnen gezielten Kommentar mein Selbstbewusstsein verjagen. Die Brille hatte ich gegen Kontaktlinsen getauscht und mein Make-up war makellos, wenn auch ungewohnt. Jahrelang war es mein Ziel gewesen, auszusehen, als hätte meine Haut keinerlei Schminke nötig. Perfekt und gleichzeitig mühelos, das war seine Erwartung an mich gewesen. Nach der Trennung hatte es mich Überwindung gekostet, wieder mehr Farbe zu bekennen. Aus Trotz und um die Erinnerung an ihn zu vertreiben, tupfte ich zusätzlich etwas Glitzer um meine äußeren Augenwinkel.
***
Die letzten Monate war die zweistündige Zugfahrt zur Routine geworden. Ich betrat den Club in Downtown Portland und meine Persona schmiegte sich an mich wie mein maßgeschneidertes Kleid. Housemusik pulsierte aus den Lautsprechern, das Licht war gedimmt. Ich bahnte mir meinen Weg zur L-förmigen Bar, lehnte mich mit dem Rücken dagegen und ließ meinen Blick schweifen. Suchend.
„Hey. Was möchtest du trinken?“
Ein Lächeln legte sich auf meine Lippen, noch ehe ich den Kopf zur Seite drehte, um den Mann neben mir in Augenschein zu nehmen.
„Wodka Tonic.“
Er nickte, rief dem Barkeeper die Bestellung zu und reichte mir wenig später ein Glas. „Ethan.“ Abwartend sah er mich an.
„Willow“, erwiderte ich. Männern wie ihm nannte ich nie meinen richtigen Namen. Solche Nächte fielen mir leichter, wenn ich eine Rolle spielte. Ich trank einen Schluck. Der Wodka brannte trotz des Tonics angenehm in meiner Kehle und eine wohlige Wärme breitete sich in meiner Körpermitte aus.
„Was machst du? Ich bin im Bankwesen.“ Natürlich, als hätten der Anzug und die Krawatte es nicht längst verraten.
„Modedesignerin.“ Beeindruckt hob er eine Braue. „Im Moment bin ich auf einem persönlichen Sabbatical. Etwas Abstand, Zeit für andere Hobbys und um Inspiration für meine nächste Kollektion zu sammeln.“
Ethan hielt mir sein Glas entgegen und wir stießen miteinander an. Ein gieriger Schluck half mir dabei, die letzten Reste von Willa in den Hintergrund zu drängen. Willa, die sich ungern als Handarbeitslehrerin vorstellte, weil ihr Ex stets betont hatte, dass sein Mathematikunterricht einen Lehrer aus ihm machte. Ich hingegen war für ihn eine handwerklich halbwegs talentierte Kinderbetreuerin, deren Doppelstunden den Schülerinnen und Schülern die nötige Erholung zwischen den wirklich wichtigen Unterrichtsfächern bot.
Zwei weitere Schlucke später stellte ich mein leeres Glas schwungvoll auf der Bar ab.
„Noch einen?“
Ich schüttelte den Kopf, warf Ethan nur einen flüchtigen Blick zu, als ich mich von der Bar abstieß. „Später vielleicht, erst möchte ich tanzen.“ Tanzen, Blicke auf mich ziehen und entscheiden, mit wem ich diese Nacht verbringen wollte.
Ich bewegte mich im Rhythmus der elektronischen Musik, senkte gelegentlich die Lider, um unauffällig zwischen meinen Wimpern hindurch die anwesenden Männer zu betrachten. Ethan verharrte an der Bar, spähte in meine Richtung, überlegte wohl, ob er mein Desinteresse ignorieren und mir Gesellschaft leisten sollte. Ich hoffte, dass er darauf verzichten und den Wodka Tonic als kalkulierten Verlust verbuchen würde. Investitionen, die ins Nichts liefen, waren ihm bestimmt nicht fremd.
Da. Am Rand der Tanzfläche. Dunkelbraunes, leicht verwuscheltes Haar. Ein locker sitzendes, gemustertes Hemd. Eine Bierflasche in der Hand. Nach außen hin war ich vollkommen vertieft in meinen Tanz, während ich mich mit jedem Schwung, jeder Drehung, gezielt auf ihn zubewegte. Das Lied endete. Ich hob den Kopf, öffnete die Augen und weitete sie in gespielter Überraschung, als hätte mich die Trance der Musik direkt zu ihm geführt. Ein Gedanke, der ihm gefiel, wie sein erfreutes Grinsen verriet.
„Ich wollte mir eben Nachschub holen“, sagte er und hob die fast leere Bierflasche, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Darf ich dir etwas mitbringen?“
Ich nickte und begleitete ihn zur Bar. Nicht nur, um sicherzugehen, dass er mir nichts untermischte, sondern auch, um ihm näherzukommen. Wenig später reichte er mir meinen Wein und ich strich ihm lächelnd über den Unterarm. Meine Wahl war getroffen. Nach diesem Drink würde ich den Vorschlag machen, zu ihm zu gehen. Er würde nicht Nein sagen zu einer Nacht mit mir. Und mehr als das war es nie.
Kapitel 2 – Jules
„Hältst du das wirklich für eine gute Idee? Du bist im Moment schon verletzlich genug …“ Robin sah mich skeptisch an.
Ich zuckte mit den Schultern, hoffte, zuversichtlicher zu wirken, als ich mich tatsächlich fühlte. „Ich kann mich nicht ewig davor drücken, in meine Heimat zu fahren. Diese Gelegenheit bietet sich so schnell nicht wieder.“
„Das ist wahr. Ich kann dir nicht versprechen, meine Frau erneut zu schwängern, wenn du das nächste Mal eine Pause brauchst.“
Grinsend verdrehte ich die Augen. Sophies Schwangerschaft war der Auslöser für die Auszeit der Band gewesen, und die Aussicht, die nächsten Monate weder zu touren noch aufzunehmen oder zu proben, war definitiv ungewohnt. Immerhin würde ich dadurch die regelmäßigen Fragen darüber vermeiden können, wie es mit dem Material für das nächste Album voranging. Ich sollte mich auf die positiven Aspekte konzentrieren, mich freuen, dass der Abstand mir helfen würde, meinen neuen Lebensstil zu festigen. Ich vertraute meinen Bandkollegen, und doch hatte ich stets gefürchtet, dass mir jemand aus alter Gewohnheit ein Bier anbieten würde. Zwar fühlte ich mich in meiner Abstinenz mittlerweile etwas sicherer, ganz hatten sich die Zweifel aber noch nicht abschütteln lassen. Mehr als ein Jahrzehnt lang waren Alkohol und Musik für mich untrennbar miteinander verbunden gewesen.
„Vergiss nicht, dass du jederzeit zurückkommen kannst, wenn es dir zu viel wird.“ Robin musste meinen Vater nicht erwähnen, es war auch so klar, was er meinte. Mein bester Freund machte sich bereits jetzt so viele Sorgen um mich, ich konnte ihm unmöglich auch noch gestehen, dass ich seit meinem Abschied vom Alkohol keine einzige Note oder Songzeile geschrieben hatte. „Ich habe mit Sophie gesprochen, du könntest bei uns im Gästezimmer schlafen, wenn du nicht allein sein willst.“
Verblüfft sah ich ihn an. Ahnte er etwa, dass mich alles in meiner Wohnung an jene produktiveren Zeiten erinnerte, als ich mit Unterstützung einer Flasche Whiskey an einem einzigen Abend mehrere Songs geschrieben hatte?
„Danke“, murmelte ich, würde aber nur im äußersten Notfall auf das Angebot zurückkommen. Robin zog mich in eine lange Umarmung, ehe wir uns verabschiedeten, ich in mein Auto stieg und die Fahrt antrat.
***
Lavender Grove kam immer näher, doch ich wartete vergebens auf ein Gefühl des Heimkommens. Die Idee eines Zuhauses war mir über die Jahre fremd geworden, zu sehr war ich es gewohnt, wie eine Nomadin umherzuziehen. Auf Tour hatten wir oft jeden Abend eine andere Stadt bespielt. Jahrelang hatte ich meine alte Heimat gemieden, erst jetzt hatte ich dank meiner eigenen Hintergedanken dem Drängen meiner Mutter nachgegeben, war bereit, mich meinen Anfängen zu stellen. In Lavender Grove hatte meine Liebe zur Musik begonnen. Ein flüchtiges Lächeln stahl sich auf meine Lippen, ehe weniger positive Gedanken überhandnahmen.
Ursprünglich hatte meine Mutter vorgeschlagen, dass ich in meinem alten Kinderzimmer schlafen könnte, das hatte ich ihr zum Glück erfolgreich ausgeredet. Ich brauchte einen Rückzugsort, besonders da ich es länger als ein paar Tage dort aushalten musste. Wenn ich auch nur die geringste Chance haben wollte, zu meinen musikalischen Wurzeln zurückzufinden, zu jener Zeit, als ich noch nicht auf die Hilfe von Alkohol angewiesen war, durfte ich mich nicht wie früher von meinem Vater sabotieren lassen.
Geplagt von Erinnerungen, umklammerte ich das Lenkrad fester. Ich würde meinem Vater gegenübertreten, mich bestmöglich gegen seine abfälligen Kommentare wappnen und im Anschluss in der Abgeschiedenheit meines Pensionszimmers der Wut auf ihn freien Lauf lassen. Wut, die während meiner Jugend unzählige Songs inspiriert hatte, die meinen Trotz angefacht und mir das notwendige Durchhaltevermögen beschert hatte.
Jeden Tag nach der Schule hatte ich mir stundenlang YouTube-Videos angesehen, mir die Theorie der verschiedenen Grifftechniken angeeignet. Unablässig hatte ich geübt, den Lohn meiner Gelegenheitsjobs angespart, bis ich erst genug für einen gebrauchten Bass und dann für einen kleinen Verstärker gehabt hatte. Den E-Bass hatte ich über den Amp mit Kopfhörern verbunden, um meine Musik endlich in voller Pracht und Lautstärke genießen zu können. Ein Abtauchen in meine eigene Welt, ohne andere zu stören. Aber diese Rechnung hatte ich ohne meinen Vater gemacht. Er musste auf dem Flur vor meinem Zimmer gelauscht haben, anders konnte ich mir nicht erklären, wie ihn das dumpfe, unverstärkte Zupfen der Saiten derartig hatte reizen können. Seine Ablehnung war immer deutlicher geworden, er hatte sogar versucht, mir zu verbieten, mich einer Band älterer Schüler anzuschließen, obwohl ich dadurch in den Genuss eines improvisierten Probenraums gekommen war und seltener zu Hause gespielt hatte.
Die anderen Bandmitglieder hatten mich als Notlösung gesehen, da hatte ich mir keinerlei Illusionen gemacht. Ihr ursprünglicher Bassist war weggezogen, und ich war mehr als bereit gewesen, die Lücke zu füllen. Ich hatte mein Bestes gegeben, ihren Ansprüchen zu genügen, hatte zu ihnen aufgesehen und sie nicht nur um ihre tiefe Freundschaft beneidet, sondern auch um ihr Selbstbewusstsein, von dem ich damals nicht einmal zu träumen gewagt hatte.
Mit Grauen erinnerte ich mich an jenen Nachmittag, an dem ich aufgeregt ins Wohnzimmer gestürzt war, um zu verkünden, dass die Band einen Auftritt hatte und ich zum ersten Mal auf einer Bühne stehen würde. Meine Mutter hatte mich umarmt, sich für mich gefreut. Die Tatsache, dass der Auftritt lediglich im Partykeller eines Restaurants war, hatte weder ihre noch meine Freude trüben können.
Ein Schnauben meines Vaters hatte mich aus meinem Höhenflug gerissen. „Wie viel zahlen sie euch?“
Verwirrt hatte ich ihn angesehen. Wir waren eine Schülerband, euphorisch, überhaupt auf einer Feier spielen zu dürfen. Er hatte mein Schweigen richtig gedeutet und sich mit einem Augenrollen wieder seinem Footballspiel zugewandt. „Gib Bescheid, falls du mit diesem Unsinn irgendwann Geld verdienst.“
Selbst jetzt brannten mir bei dieser Erinnerung Tränen in den Augen. Ich wusste, dass es nicht fair war, meinem Vater die ganze Schuld an meiner ungesunden Beziehung mit Alkohol zu geben. Ich war es gewesen, die damals nicht Nein gesagt hatte, als ein Bandkollege mir vor unserem ersten Auftritt einen Schluck von seinem Bier anbot. Um die Nerven zu beruhigen. Um auszublenden, dass nur meine Mutter gekommen war, um mich zu unterstützen. Mittlerweile bestritt ich seit fast einem Jahrzehnt meinen Lebensunterhalt ausschließlich mit Musik, und dennoch hatte mein Vater kein einziges meiner Konzerte besucht. Bestimmt dachte er, dass ich ihm dankbar sein sollte, immerhin war ich nur ihm zum Trotz erfolgreich geworden.
***
Es war später Nachmittag, als ich das Ortsschild passierte und meinen Wagen durch die Straßen der Kleinstadt lenkte. Lavender Grove erschien mir fremder als erwartet. Unbehagen machte sich in mir breit. Vielleicht hatte ich mich meiner ehemaligen Heimat zu sehr entfremdet.
Ich parkte vor der kleinen Pension und schnappte mir mein Gepäck. Die ältere Dame am Empfang sah mich verwundert an. Hatte sie mich etwa erkannt? Hastig versuchte ich, sie einzuordnen, mich zu erinnern, ob sie mit einem ehemaligen Mitschüler verwandt oder eine Bekannte meiner Eltern war.
„Verzeihen Sie bitte, ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie so jung sind. In der Vorsaison sind die meisten Gäste eher in meinem Alter.“ Lachend deutete sie auf ihr von Falten geziertes Gesicht. „Darf ich fragen, was Sie nach Lavender Grove bringt?“
Ich stellte meine Basstasche ab, nutzte den Moment der Geschäftigkeit, um mich ein wenig zu sammeln. „Ich möchte die Lavendelfelder sehen“, antwortete ich vage.
„Die sind einen Besuch wahrlich wert und sollten bald in voller Blüte stehen“, stimmte die Dame mir strahlend zu. „Wenn Sie Tipps brauchen, was sonst noch sehenswert ist …“
„Nein danke“, sagte ich freundlich.
Die alte Dame tippte auf ihrer Computertastatur herum, ehe sie mir einen Schlüssel aushändigte, den ich verwundert entgegennahm und überlegte, wann ich zuletzt in einer Unterkunft genächtigt hatte, die keine digitalen Schlüsselkarten verwendete. Es musste zu Beginn meiner Karriere gewesen sein, als ich mit meiner damaligen Band zwischen Gigs in den billigsten Motels untergekommen war, die wir hatten finden können.
Ich bedankte mich und ging den Flur entlang, bis ich die richtige Zimmernummer fand. Als ich die Tür hinter mir geschlossen und mein Gepäck abgestellt hatte, schlüpfte ich aus meinen Schuhen und legte mich aufs Bett, um die Matratze zu testen. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, machte sich Unruhe in mir bemerkbar.
Ich war hier, aber das reichte nicht. Sollte ich, ähnlich wie auf Tour, erst mal einen Spaziergang machen? Selbst nach kürzeren Fahrten hatte ich stets das Gefühl gehabt, mich akklimatisieren zu müssen. Oft hatte mich der ein oder andere Bandkollege begleitet, und nicht selten hatte es uns ins nächstgelegene Pub gezogen. Ich war der Überzeugung gewesen, dass mit Einheimischen zu trinken der beste und schnellste Weg war, Stadt und Leute kennenzulernen.
Schnaubend erhob ich mich vom Bett und machte mich in dem kleinen Badezimmer mit den altmodisch geblümten Fliesen frisch, ehe ich wieder in meine Schuhe schlüpfte und die Pension verließ.
Auf der Straße atmete ich tief durch und verharrte erst mal, wartete, ob sich die innere Unruhe legen oder intensivieren würde. Ich gab meinem Körper Zeit, mir eindeutige Signale zu senden, dass meine Rückkehr nach Lavender Grove ein Fehler gewesen war. Als diese, zumindest vorerst, ausblieben, setzte ich mich langsam in Bewegung, schlenderte ziellos durch die Straßen. Es war seltsam, wieder hier zu sein. Anstatt Ausschau nach Dingen zu halten, die mir bekannt erschienen und die womöglich Erinnerungen in mir wecken könnten, konzentrierte ich mich auf alles, das mir neu war. Meine bewusste Reise in die Vergangenheit würde ich noch früh genug antreten.
Der Geruch frisch gemahlenen Kaffees drang an meine Nase, und ich sah mich verwirrt um. Verborgen zwischen den Einfamilienhäusern, die mich umgaben, entdeckte ich ein Geschäftslokal. Brew & Bloom stand auf einem Schild über dem Eingang und verriet, dass es sich wohl um ein Café handelte. Der Wunsch nach Koffein ließ mich zielstrebig darauf zugehen.
Vor der Tür verharrte ich kurz und bereitete mich auf den unwahrscheinlichen Fall vor, dass mich jemand erkennen könnte. Längst sah ich nicht mehr wie die Siebzehnjährige aus, die Lavender Grove verlassen hatte, um dem Unsinn mit der Musik eine ernsthafte Chance zu geben. Selbst jene, die meine Musik hörten, würden mich eher nicht als die Bassistin erkennen, die seit Jahren auf Bühnen stand, Albumcover und Bandshirts zierte. Die Jules, die ich meinen Fans zeigte, war eine Persona. Eine Illusion, ein Trugbild. Die Frau im Rampenlicht war nie echt gewesen. Das Selbstbewusstsein und die Energie, vor der sie nur so strotzte, hatte ich im Anschluss mühsam wieder aufladen müssen. Nach jedem Konzert waren meine sozialen Batterien leer, und es hatte kalkulierte Einsamkeit gebraucht, um am nächsten Abend, auf der nächsten Bühne erneut eine Show abliefern zu können. Es war ermüdend gewesen, und doch wesentlich leichter, als ich selbst zu sein. Und war das nicht einer der Gründe, weshalb ich hier war? Um zu mir selbst zurückzufinden, zu jener Jules, die Songs noch ohne ungesunde Hilfsmittel schreiben konnte? Ohne die Maske einer Persona, ohne Alkohol als hochprozentige Muse. Ich war hier, um mich daran zu erinnern, wer ich damals gewesen war. Vor dem Ruhm. Vor den verlockenden Abkürzungen, die mich mit jedem Glas Wein, jedem Whiskey mehr im Griff gehabt hatten.
Ich betrat das Café und sah mich verwundert um, da es wesentlich größer war, als die unscheinbare Fassade mich hatte vermuten lassen. Über einem Tresen und entlang der türkis gestrichenen Wände hingen Topfpflanzen von der Decke.
„Hi, was darf es für dich sein?“, fragte mich die Barista mit dem langen kupferfarbenen Haar, deren Namensschild sie als Celine vorstellte.
„Hi“, erwiderte ich und ließ meinen Blick über die von Hand beschriebenen Tafeln streifen, auf denen die Specials der Woche angepriesen wurden. Hunger hatte ich eigentlich keinen, als ich ein als vegan deklariertes Sandwich entdeckte, bestellte ich es aus Prinzip trotzdem. „Und einen großen Milchkaffee bitte.“
„Wir haben heute leider nur Hafermilch“, teilte Celine mir mit.
„Das passt hervorragend, ich hätte ihn notfalls auch schwarz getrunken.“
„Schlecht geschlafen?“ Sie hob fragend eine Augenbraue.
„Ich bin eher ein Nachtvogel, für meinen Geschmack hat der Tag zu früh begonnen.“
Celine nickte verständnisvoll und strich sich eine Strähne hinters Ohr. „Als was arbeitet ein Nachtvogel? Wie eine Nachtwächterin siehst du mir zumindest nicht aus.“ Sie musterte mich neugierig, was ein unangenehmes Kribbeln in mir auslöste.
„Nichts Außergewöhnliches. Arbeit, die mit unserer Zeitzone nicht immer vereinbar ist.“ Verdammt, bestimmt hatte ich mit dieser vagen Antwort erst recht ihr Interesse geweckt.
„Sag bloß, du bist Spionin.“ Celine grinste breit und stellte den Teller mit dem Sandwich vor mir auf den Tresen. „Den Kaffee bringe ich dir gleich, such dir in der Zwischenzeit einen Platz.“
Ich dankte ihr und schnappte mir den Teller. Obwohl das Café im Moment nur spärlich besucht war, suchte ich mir einen freien Tisch in einer abgeschiedenen Ecke.
Der erste Bissen vom Sandwich ließ mich genüsslich seufzen. Als mein Milchkaffee kam, nippte ich daran und sah mich um. Das Café wirkte gemütlich, was zum Teil bestimmt am kunterbunt gemischten Mobiliar lag. Kein einziger der kleinen Tische oder Stühle schien einen Zwilling zu haben. Als ob die zahlreichen Topfpflanzen nicht ausreichen würden, stand auf jedem der Tische ein hohes wassergefülltes Glas mit einem Steckling, der erste Wurzeln schlug. Ich entspannte mich in der heimeligen Atmosphäre. Zumindest bis ich erneut den Blick der Barista auf mir spürte. Erst hielt ich es für einen Irrtum, ein unauffälliges Schielen in ihre Richtung bestätigte es allerdings. Hatte sie nichts Besseres zu tun?
Wieder erfasste mich das unangenehme Kribbeln, nicht einmal ein großer Schluck Kaffee konnte mich davon ablenken. Am liebsten hätte ich die Tasse geleert und mit dem Rest des Sandwichs die Flucht vor der ungewollten Aufmerksamkeit ergriffen, doch ich sah mich stattdessen weiter um. Eine der Wände war mit Postern und Zetteln bestückt, und ich stand auf, schlenderte mit meiner Tasse darauf zu. An meinem Kaffee nippend, betrachtete ich die verschiedenen Aushänge. Jemand bot Nachhilfe in Mathematik und Physik an. Ein anderer wollte Babysitter-Erfahrung sammeln, und eine Pensionistin suchte nach einem Hund, mit dem sie gelegentlich spazieren gehen konnte. Neben einem Flyer, der für den monatlichen Buchclub warb, zog die Grafik eines Mikrofons auf leicht glänzendem Papier meine Aufmerksamkeit auf sich.
„Bist du interessiert?“
Erschrocken zuckte ich zusammen. Mein Puls raste. Ich hatte Celine nicht kommen hören. Überrumpelt starrte ich sie an, woraufhin sie mir einen identischen Flyer entgegenhielt. Open Mic stand in roter Schrift darauf geschrieben.
„Wieso?“ Meine Stimme glich mehr einem Krächzen. Hatte sie mich etwa doch erkannt?
„Comedy? Poesie? Oder singst du?“
Ein plötzliches Zittern erfasste meine Hände und ich war froh, dass meine Tasse beinahe leer war und ich nicht Gefahr lief, etwas zu verschütten.
„Wir freuen uns immer über neue Gesichter“, fuhr Celine unbeirrt fort. Noch immer hielt sie mir den Flyer entgegen, und ich griff nun doch danach, betrachtete ihn genauer.
„Und das ist morgen Abend?“
Sie nickte und deutete ans andere Ende des Cafés. „Siehst du die kleine Erhöhung dort hinten? Das ist unsere Bühne. Wir stellen die Tische natürlich um, sodass man bessere Sicht hat. Also?“ Abwartend sah sie mich an. Verwirrt runzelte ich die Stirn. „Spielst du ein Instrument?“, fragte sie neugierig.
„Nicht mehr“, log ich und wollte ihr den Flyer zurückgeben.
„Behalte ihn“, bat sie. „Ich freue mich auch über neue Gesichter im Publikum.“
„Okay“, murmelte ich und trank den letzten Schluck meines Kaffees. „Danke für die Einladung, aber ich glaube nicht, dass das etwas für mich ist.“ Ich lächelte flüchtig, und da sie keinerlei Anstalten machte, zum Tresen zurückzugehen, setzte eben ich mich in Bewegung und stellte die Tasse neben den Rest des Sandwichs auf den Tisch.
Mein Herz raste. Verdammt, ich sollte mittlerweile besser darin sein, mit Fremden zu sprechen. Erst als ich aus dem Café und an die frische Luft trat, gelang es mir, mich langsam zu entspannen.
***
Zurück auf dem Pensionszimmer ließ ich mich mit meinem Bass auf das Bett sinken. Versuchsweise strich ich mit den Fingern über das Nylon der Tasche, in der sich das Instrument verbarg. Ich wartete auf etwas, aber worauf? Auf ein aufgeregtes Kribbeln, das mich daran erinnerte, wie sehr es mir fehlte, zu spielen? Ich entnahm der Vordertasche Notizbuch und Stift, legte beides aus Gewohnheit auf den Nachttisch. Schon viel zu lange war ich nicht mehr mit einem Geistesblitz aus dem Schlaf hochgeschreckt.
Ich betrachtete den Flyer, überflog ihn erneut, ehe ich ihn losließ und zusah, wie er zu Boden segelte. Seufzend schloss ich die Augen, versuchte, mich auf das Wichtigste zu besinnen. Ich war hier. Reichte das nicht für den Anfang?