Leseprobe Leiche Macchiato | Der humorvolle Cosy Krimi mit Kaffee, Kleinstadt und einer cleveren Ermittlerin

Erstes Kapitel

In der verträumten kleinen Stadt Magnolia Grove begann abseits der Main Street ein neues Kapitel - und zwar mit einer feierlichen Eröffnung. Ich nestelte an dem langen roten Band herum, das über dem Eingang meines erst kürzlich fertiggestellten Cafés verlief, und mein Herz machte einen Sprung. Es war so weit, der große Tag war gekommen. Das hier war meine Chance, zu beweisen, dass ich nicht den Verstand verloren hatte, als ich mich gegen meinen True-Crime-Podcast und stattdessen für ein malerisches Café entschieden hatte.

Es war einige Monate her, seit ich mein Mikrofon und das Großstadtleben gegen eine Espressomaschine und die Kleinstadt getauscht hatte. Statt meinen Adrenalinkick im Nachjagen von Hinweisen zu suchen, war ich dem stillen Reiz des Muffinbackens erlegen. Der permanente Stress, den die Recherchen zu grausigen Verbrechen verursacht hatten - ganz zu schweigen von einem übereifrigen Fan, der sich zu einem Stalker entwickelt hatte -, führte schließlich dazu, dass ich mich nach einem ruhigeren Leben sehnte.

Das beschauliche Magnolia Grove mit seinen von Bäumen gesäumten Straßen schien der perfekte Ort für einen Neuanfang zu sein. Eine Stadt, in der die wichtigste Frage war, welche Marmelade einen Preis auf dem Landjahrmarkt gewinnen könnte, und nicht, welcher Verdächtige ein Serienkiller war. Na ja, zumindest, bis vor Kurzem der Mord in der Beauregard-Villa geschehen war. Aber über diesen kleinen Störfaktor während meiner Suche nach einem ruhigen Leben in der Kleinstadt mochte ich nicht weiter nachdenken. Dennoch, als ich an diesem sonnigen Herbsttag so dastand und beobachtete, wie die Bewohner der Stadt eintrudelten, um der großen Eröffnungszeremonie beizuwohnen, fragte ich mich, ob meine Entscheidung richtig gewesen war. Würde Parker Hayes, die ehemalige Moderatorin des erfolgreichen Podcasts Criminally Yours, statt Fälle zu lösen, wirklich ihre Erfüllung im Servieren von Cappuccinos finden?

Nach dem Mord an Tate Beauregard, den ich unlängst aufgeklärt hatte, schien die Stadt zusammengewachsen zu sein; wie ein gebrochener Knochen, der nach der Heilung an der Bruchstelle stärker ist. Die Bewohner waren zusammengekommen, hatten einander geholfen, den Schock und den Kummer zu verarbeiten und schienen enger miteinander verbunden zu sein als vorher.

„Kann ich irgendwas tun?“, fragte Whit, der Stadthistoriker, als er auf mich zuschritt.

Das Morgenlicht ließ sein dunkles Haar schimmern, das an den Schläfen von feinem Silber durchzogen war, und ein unwiderstehliches Grinsen lag auf seinem schönen Gesicht. Wie immer war es ihm mühelos gelungen, in seinem lockeren Button-down-Hemd und den ausgetragenen Jeans einfach nur gut auszusehen.

Ich zeigte zum Eingang des Cafés. „Wenn es dir auf magische Weise gelingt, dass das Eröffnungsband keine Faxen macht, und du mir zusichern kannst, dass mein Kaffee bei niemandem einen Herzinfarkt auslöst, dann ist alles in Ordnung.“

Er kicherte und rückte das Eröffnungsband gerade. „Du schaffst das, Parker. Und wenn überhaupt, dann weckt dein Kaffee eher die Toten auf, als dass er jemanden umbringt.“

„Hach, danke. Das ist genau das, was man als Cafébesitzerin hören möchte.“

Während wir miteinander herumalberten, versammelten sich die Bewohner auf dem Gehweg und auf der Straße. Ein kleiner Bereich der Main Street war wegen der Eröffnungsfeier vorübergehend abgesperrt worden. Es sah aus wie in einem wahrgewordenen Hallmark-Film, doch abzüglich der Romanze; wobei, mit Whit an meiner Seite konnte man nie wissen.

Ich machte einen letzten Kontrollgang durch das Café und war erstaunt, wie sehr es sich verändert hatte. Der abbruchreife Zustand von einst war nur noch eine verblasste Erinnerung und hatte einem gemütlichen, einladenden Ort Platz gemacht, den ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Die ermutigenden Worte, die Clyde am Tag unseres Kennenlernens ausgesprochen hatte, gingen mir durch den Kopf: „Das lässt sich beheben, Parker!“ Ich war bereit gewesen, die Reißleine zu ziehen und in ein anderes Land zu flüchten, doch sein unerschütterliches Vertrauen hatte mir Halt gegeben.

Ich ließ den Blick über die polierte Theke, die glänzende Espressomaschine und die freiliegenden Backsteinwände wandern. Das reichhaltige Aroma frisch gemahlener Kaffeebohnen lag in der Luft. Bunt zusammengewürfelte Vintagemöbel aus Emmett Bennetts Räumungsverkauf verliehen jedem Winkel einen ganz eigenen Charakter. Kunstvolle viktorianische Stühle waren um Tische aus den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts herum platziert. Sie versprühten einen abwechslungsreichen Charme, der eher an ein schrulliges Café erinnerte, als dass es den Anschein machte, ich hätte mir keine zueinander passenden Möbel leisten können.

Hinter der Theke befand sich ein antiker Apothekerschrank, in dem meine umfangreiche Teesammlung untergebracht war. Die winzigen Schubfächer eigneten sich hervorragend für die Aufbewahrung exotischer Mischungen. Jedes Möbelstück hatte eine eigene Geschichte, so wie die schillernden Persönlichkeiten von Magnolia Grove. Mein Lieblingsstück war der gesprenkelte Antikspiegel, der an der Wand hinter der handgefertigten Eichentheke und den Holzhockern befestigt war.

Ein Lächeln lag auf meinen Lippen, als ich alles auf mich wirken ließ. Clyde hatte nicht nur recht behalten, sondern er hatte Wunder vollbracht. Dieser Ort war alles, was ich mir erhofft hatte und noch viel mehr. Eine perfekte Mischung aus Alt und Neu, ebenso wie meine Verwandlung von einer knallharten Podcasterin in eine Kleinstadtbarista.

Clyde gesellte sich zu mir. Er hatte seinen Bart, der normalerweise aussah wie der des Weihnachtsmanns, extra für den Anlass ordentlich getrimmt, und statt seines farbbeklecksten Arbeitsanzugs trug er eine glatt gebügelte Khakihose. Unter dem Schirm seiner verwaschenen Baseballkappe strahlten seine Augen vor Zufriedenheit. Zu seinen Füßen wedelte sein kleiner, schwarz-weißer Hund Major aufgeregt mit dem Schwanz. Offenbar wartete er darauf, den ein oder anderen Gebäckkrümel ergattern zu können. Clyde hatte seinem kleinen Freund zur Feier des Tages eine Schleife umgebunden.

„Hier sieht es echt spitze aus, oder?“, sagte Clyde und ließ die Hand nach unten wandern, um Major hinter den Ohren zu kraulen. „Aus der alten Bruchbude haben wir wirklich etwas gemacht.“

„Es ist perfekt, Clyde. Falls jemand von den Behörden fragen sollte, haben wir natürlich keinen Schwarzgebrannten aus der Prohibitionszeit hinter den Wänden gefunden.“

Clyde gluckste. „Und wenn wir schon dabei sind, auch keine anderen Überraschungen wie das Ungeziefer, das sich oben eingenistet hat. Jetzt ist alles blitzsauber.“

Ich nickte und verdrängte die Erinnerung an die weniger schönen Entdeckungen, die wir während der Sanierung gemacht hatten. Manche Dinge blieben besser in der Vergangenheit.

Ich wandte mich an meinen aufgeregten vierbeinigen Kumpel: „Nein, Major, diese Leckerlis sind nicht für dich bestimmt. Wenn du brav bist, habe ich hinten vielleicht noch einen Hundekeks für dich.“

Bei der Erwähnung des Wortes „Leckerlis“ begann Major noch heftiger mit dem Schwanz zu wedeln, und Clyde kicherte: „Darauf hat er sich schon die ganze Woche gefreut. Ich glaube, er hofft darauf, dein neuer Vorkoster zu werden.“

„Ich setze ihn auf die Gehaltsliste.“

***

Wieder draußen, ließ Mayor Camden sein politisches Charisma spielen, um die Menge in Stimmung zu bringen. Er klopfte gegen das Mikrofon, und ich zuckte ob der darauffolgenden Rückkopplung zusammen.

„Test, Test“, sprach er ins Mikrofon, und seine Stimme dröhnte bis hinüber zum Marktplatz. „Könnt ihr mich hören?“ Das perfekt frisierte, silbergraue Haar des Bürgermeisters blieb trotz der sanften Brise an Ort und Stelle, und ich fragte mich kurz, ob es mit Schellack überzogen war.

Er räusperte sich und begann mit seiner Rede, mit der er jedes erdenkliche Klischee der Kleinstadtpolitik bediente. Während Mayor Camden die Vorteile des Unternehmertums und des Fortschritts herunterleierte, nutzte ich den Moment, um zu sehen, wer alles zu diesem bedeutsamen Ereignis gekommen war.

Bekannte Gesichter stachen aus der Menge heraus, und jedes einzelne wurde mehr und mehr zu einem Teil von dem, was ich mittlerweile als meine Wahlfamilie betrachtete. Maggie Thomas, die Inhaberin der Boutique Chic, strahlte den Bürgermeister an, während ihre wilden roten Locken bei jeder Kopfbewegung auf und ab hüpften. Dr. Rufus Delacroix, der pensionierte Archäologieprofessor, hatte seine Erkundungen vorübergehend unterbrochen und war aus den Tunneln unterhalb der Stadt aufgetaucht. Seine über die Glatze gekämmten, grauen Haarsträhnen fielen leicht zur Seite, als er auf seine Armbanduhr blickte.

Miss Pattie, die warmherzige Inhaberin von Miss Pattie’s Breakfast Pantry, deren rundes, freundliches Gesicht vor Freude leuchtete, war auch hier. Sie hatte mir netterweise erlaubt, ihre legendären Lavendel-Shortbread-Cookies in meinem Café zu verkaufen - Cookies, die so gut waren, dass sie regelrecht auf der Zunge zergingen. Ihre sechs Enkel hampelten um sie herum wie ein quirliger Verband von Bärenkindern, doch Miss Pattie schien unbeeindruckt von dem Durcheinander. Die Gelassenheit, die sie ausstrahlte, ließ die Versammlung gleich ein bisschen heimeliger wirken. Und da standen sie, strahlend vor Wonne - meine Eltern, die extra für diesen Anlass in die Stadt gekommen waren. Meine Mom, die prächtig aussah in ihrem Lieblingskleid, plauderte lebhaft mit Nellie Pritchett, der geschwätzigen Verwaltungsbeamtin, während mein Dad, der leicht überfordert, doch glücklich wirkte, neben ihr stand und ab und an nickte. Ich beobachtete Nellie dabei, wie sie meine Eltern im Handumdrehen für sich gewann. Wer weiß, dachte ich, vielleicht würde sie die beiden dazu überreden können, herzuziehen. Man wird ja noch träumen dürfen, oder? Als ich die Leute betrachtete, die mittlerweile mehr als nur Nachbarn für mich waren, machte sich Freude in meinem Herzen breit.

Dann sah ich zu Jackson Beauregard, der berechnend dreinblickte. Der Immobilienmogul stach in seinem maßgeschneiderten Anzug aus der Menge heraus und sah mehr nach Wall Street aus als nach Main Street. Neben ihm hielt sich ein Mann auf, den ich nicht kannte. Er hatte ein schmales, kantiges Gesicht mit herabhängenden Mundwinkeln und stand mit gerecktem Kinn da. Sein kahler Oberkopf glänzte im Licht, was durch die wenigen grauen Haare an den Schläfen noch betont wurde. Meine Aufmerksamkeit war insbesondere geweckt, als ich seine kleinen, dunklen Knopfaugen bemerkte, mit denen er die Menge scannte. Als wäre er auf der Jagd nach Beute. Er hatte frappierende Ähnlichkeit mit einem Bussard, der seine nächste Mahlzeit ins Auge fasste. Er trug einen Anzug aus Seersucker, zudem eine Fliege und weiße Wildlederschuhe, die anscheinend noch nie mit Schmutz in Berührung gekommen waren.

Der Bussardmann lehnte sich zu Jackson hinüber, um ihm etwas zuzuflüstern, und Jackson nickte knapp. Ich nahm mir vor, Whit später zu dem Mann zu befragen. Wenn man eine Person in Magnolia Grove nicht kannte, war das so ähnlich, als stünde man vor einem Büffet, ohne Appetit zu haben - also fast schon ein Verbrechen.

Dann entdeckte ich ihn. Dylan Reeves. Er hatte tatsächlich sein Versprechen, oder seine Drohung, wahr gemacht und war in der Stadt aufgetaucht. Dylan Reeves, ein Starpodcaster, der mir ein Dorn im Auge war. Er schlich am Rande der Menge mit seinem Mobiltelefon in der Hand herum, um sich für eine Aufzeichnung in Szene zu setzen. Großartig. Genau das, was ich am Tag der Eröffnung brauchte - die Personifizierung meiner Vergangenheit.

Dylan entdeckte mich und kam zu mir herüberspaziert. Seine ausgefallenen, knallgelben Designersneaker und sein lässig gestyltes Haar schrien geradezu nach: „Ich bin zu gut für diese Stadt.“

„Parker, Schätzchen“, sagte er in jenem affektierten und sarkastischen Ton, den bestimmte Leute aus der Großstadt anschlugen, wenn sie sich über die ländliche Bevölkerung lustig machten. Er ließ ein großspuriges Grinsen aufblitzen, bei dem ich ihm am liebsten einen Caffè Latte über den Kopf geschüttet hätte. „Na, dass ich dich hier treffe, hätte ich nicht gedacht.“

Ich zuckte zusammen. „Dylan. Wie ich sehe, belästigst du mich jetzt nicht mehr nur telefonisch, sondern kreuzt auch noch persönlich auf. Du lässt wohl nicht locker, was?“

Er lachte leise, tippte auf seinem Handy und legte den aufgesetzten Akzent ab. „Na ja, wenn jemand meine Anrufe, Textnachrichten und E-Mails wochenlang ignoriert, muss ich die Angelegenheit eben selbst in die Hand nehmen. Also, bist du bereit, mit mir an der größten Story deiner Karriere zu arbeiten?“

„Zum hundertsten Mal, Dylan, nein. Ich habe dieses Leben hinter mir gelassen.“

„Ach, komm schon, Parks. Um der alten Zeiten willen.“ Er lehnte sich zu mir, und sein Parfum war fast so überwältigend wie sein Ego. „Ich habe eine Story, die uns beide zurück an die Spitze bringen wird. Deshalb habe ich versucht, dich zu erreichen. Die Sache ist zu groß, um darüber am Telefon zu reden.“

„Dylan, selbst wenn du außerirdisches Leben in Magnolia Grove entdeckt hättest, würde es mich nicht interessieren. Die Antwort lautet immer noch: Nein.“

Er zuckte die Achseln, doch ich bekam ein ungutes Gefühl, als ich das Funkeln in seinen Augen sah. „Dein Pech, Süße. Aber vergiss nicht, ich hab’s dir vorgeschlagen. Wenn diese Sache hohe Wellen schlägt, wird sie selbst deine größte Enthüllungsstory in den Schatten stellen. Du wirst darum betteln, Co-Host zu sein.“

Er stolzierte davon. Ich wurde das Gefühl nicht los, dass Dylans Beharrlichkeit mir noch Kopfschmerzen bereiten würde. Doch mit diesem Problem sollte sich die Zukunfts-Parker auseinandersetzen. Die Parker der Gegenwart musste ein Eröffnungsband durchtrennen und Kaffee servieren.

Als Nächstes war Pastor Jasper, der warm und freundlich lächelte, an der Reihe. Er räusperte sich und richtete das Wort an die Menge: „Ich schätze, dass ich als Pastor einen Vers aufsagen sollte … Doch ich fasse mich kurz, schließlich warten Gebäck und Kaffee auf uns.“

Die Menge kicherte, und Pastor Jasper fuhr fort: „Im Buch der Sprüche heißt es: ,Ein großzügiger Mensch wird reichlich beschenkt. Wer anderen Erfrischung gibt, wird selbst erfrischt.‘ Möge dieses Café ein Ort sein, an dem Großzügigkeit gelebt wird und für das leibliche Wohl der Gemeinde gesorgt ist.“

Er drehte sich zu mir. „Und Parker, möge Ihr Kaffee sein wie die Wasser von Meriba - eine Quelle der Kraft und Erneuerung für unsere Stadt.“ Er hielt inne, ließ den Blick über so manches verdutzte Gesicht schweifen und fügte hinzu: „Keine Sorge, wenn ihr nicht wisst, woher diese Worte stammen. Sie sind aus einem recht unbekannten Buch, das sich Bibel nennt. Vielleicht habt ihr schon einmal davon gehört.“

Ein Lachen ging durch die Menge. Pastor Jasper grinste und war sichtlich erfreut. „So lassen Sie uns hoffen, Parker, dass Ihre Kunden nicht so quengelig sind wie die Israeliten. Und vergessen Sie nicht, meine Tür steht Ihnen immer offen, falls Ihnen der Sinn nach einem anderen Gebräu steht. Den Heiligen Geist gibt es ja bei mir bekanntlich gratis.“

Das musste man Pastor Jasper lassen, er verstand sich gut darauf, die perfekte Balance zu finden zwischen spiritueller Weisheit und ansprechendem Humor, dem er nur eine Prise Sarkasmus beifügte.

„Na dann, auf gut Glück“, murmelte ich und hantierte mit der Riesenschere herum.

Ich durchschnitt das Band, und die Menge jubelte, als es zu Boden flatterte. Und mit einem Mal war das Catch You Latte offiziell eröffnet. Von allen Seiten hagelte es Gratulationswünsche, und auf meinem Weg nach drinnen schüttelte ich die gierigen Hände von Koffeinfanatikern und Gebäckliebhabern.

Für die nächsten Stunden herrschte hektische Betriebsamkeit, und ich war zum einen Barista und zum anderen Gastgeberin. Meine Spezialmischungen kamen sehr gut an, und der Duft von warmen Zimtschnecken, Cookies und Muffins erfüllte die Luft. Ich erwischte die alte Mrs. Pumpling dabei, wie sie bei ihrem ersten Schluck Kaffee das Gesicht verzog, was sich allerdings schnell änderte, als sie eine meiner Zimtschnecken probierte, die mit einer Extraportion Glasur versehen waren.

Mein Dad hatte in der Nähe der Espressomaschine Stellung bezogen und servierte den Gästen Kaffee, nicht ohne die für ihn typischen Flachwitze zu reißen wie: „Hey, wie kam es, dass eine Tasse Kaffee für einen Polizeieinsatz sorgte? Sie hatte einen zu viel gebechert!“ Ich stöhnte innerlich auf, lächelte aber, als ich sah, dass die Gäste gutmütig kicherten.

Mom schwirrte währenddessen durch das Café und filmte alles mit ihrer Handykamera. Das Gerät schien regelrecht an ihrer Hand festgeklebt zu sein. „Oh, mein Schatz, stell dich gleich hierhin. Das Licht ist perfekt“, rief sie alle paar Minuten, was unweigerlich dazu führte, dass sie mich entweder aufnahm, wenn ich einen komischen Ausdruck auf dem Gesicht hatte oder während ich gerade Kaffee einschenkte.

Whit besetzte die Kasse, während sein Charme Überstunden machte. „Weißt du was?“, sagte er, als gerade nichts los war und er nach einer Zimtschnecke griff. „Ich glaube, die halbe Stadt ist deshalb hier, weil sie alle neugierig sind und wissen wollen, wie ein Großstadtmädel mit einem Kleinstadtgeschäft klarkommt.“

„Und die andere Hälfte?“, fragte ich und drückte Espressopulver in den Siebträger.

„Ist natürlich hier, weil du eine schillernde Persönlichkeit bist.“ Und wieder blitzte dieses Grinsen auf, von dem ich jedes Mal ein Kribbeln im Bauch bekam. „Und vielleicht wegen dieser süchtig machenden Leckereien. Mal ernsthaft, was hast du da reingemacht?“

„Bloß eine Prise Kleinstadtcharme und ein Quäntchen Großstadtflair. Zusätzlich zu der Liebe meiner Großmutter. Und jetzt hör auf, alles wegzuessen.“ Ich schnappte mir ein Gebäckstück und biss hinein. Der weiche Teig schmolz in meinem Mund, und die Wärme setzte den aromatischen Geschmack von Zimt, braunem Zucker und der Geheimzutat meiner Großmutter frei - Kardamom. Die feine, exotische Würznote verlieh dem Gebäck eine überraschende Tiefe und harmonierte prächtig mit der Spur Vanille, die der Frischkäseglasur zugesetzt war. Die Zimtschnecke wirkte auf mich wie eine tröstende Umarmung und erinnerte mich an die gemütlichen Sonntagmorgen, die ich in der Küche meiner Großmutter verbracht hatte.

„Wow“, sagte ich, als ich das Aroma voll und ganz auskostete. „Ich denke, mit diesen hast du dich selbst übertroffen, Grandma.“

Whit schüttelte den Kopf. „Wie war das noch mal mit dem Wegessen des Gebäcks?“

„Ist nur eine Qualitätskontrolle.“

Mein Dad spähte von der Küchenecke aus zu uns nach hinten. „Da ihr gerade von den Zimtrollen deiner Großmutter redet … Habe ich dir je erzählt, dass sie den Backwettbewerb auf dem Landjahrmarkt gewonnen hat? Sie hat wirklich etwas ins Rollen gebracht!“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause. „Versteht ihr? Ins Rollen gebracht.“

Ich brummte missbilligend. „Dad, der war furchtbar.“

Whit grinste. „Der war gut, Mr Hayes. Großmutters Plan ging also auf, genauso wie ihr Teig.“

Mein Dad brach in schallendes Gelächter aus. „Hahaha! Ja, Whit, so war es. Hast du das gehört, Beth?“

Mom ließ die Hand, in der sie das Handy hielt, lange genug sinken, dass ich ein warmes Lächeln auf ihren Lippen erkennen konnte. „Ja, Daniel, ich habe es gehört. Es sieht so aus, als könne Whit dir in Sachen Witze den Rang ablaufen.“ Sie hob das Mobiltelefon wieder an und machte ein zweifellos schiefes Foto von Dad und Whit, die beide grinsten.

Ich starrte zu Whit und wusste nicht, ob ich lachen oder ungläubig den Kopf schütteln sollte. „Nicht du auch noch! Ich bin umzingelt von Witzbolden.“

Ich reichte einem Kunden seinen Mokka und eine der berüchtigten Zimtschnecken, als mir auffiel, dass Dylan sich in der Nähe der Kuchentheke herumdruckste und meine Chocolate-Chip-Cookies begutachtete. Unsere Blicke kreuzten sich, und gleich darauf schlenderte er mit seinem Telefon in der Hand zu mir herüber.

„Parker, Schätzchen“, sagte er, affektiert wie immer. „Wollen wir jetzt reden? Ich habe ein paar interessante Infos zu-“

„Ich bin nicht interessiert, Dylan“, fiel ich ihm ins Wort. „Es sei denn, deine ,interessanten Infos‘ beziehen sich auf günstige Buttermanufakturen in Magnolia Grove.“

Er lehnte sich zu mir und senkte die Stimme. „Vertrau mir, denn das, was ich herausgefunden habe, wird die ganze Stadt auffliegen lassen. Das solltest du besser nicht verpassen.“

Ich spürte, dass Whit, der neben mir stand, sich anspannte. Sein normalerweise gelassenes Auftreten wandelte sich für einen kurzen Moment, als er ein Tablett mit Miss Patties Lavendel-Shortbread-Cookies geräuschvoll abstellte.

„Dylan“, sagte ich. „Ich habe es dir mehrmals gesagt … Mein Podcasterinnendasein habe ich hinter mir gelassen. Ab sofort serviere ich nur noch Kaffee und Backwaren und lebe ein ruhiges Leben. Wenn du mir weiterhin auf die Nerven gehst, wird dein nächster Caffè Latte so viel Espresso enthalten, dass du einen Herzinfarkt bekommst.“

Einige Kunden reckten die Köpfe wegen meines kleinen Ausbruchs.

Dylan zuckte mit den Schultern, doch irgendetwas in seinem Blick beunruhigte mich.

„Du weißt, dass ich ein Nein nicht gelten lasse, oder? Kann ich einen von diesen Cookies haben?“

„Bitte schön, geht aufs Haus“, sagte ich und drückte ihm einen Chocolate-Chip-Cookie in die freie Hand.

Er biss hinein. „Wow, die sind sensationell. Fast so sensationell, dass ich die Story vergessen könnte. Aber nur fast.“

Und dann schritt er davon.

Whit wandte sich mir zu. „Ein Freund von dir?“

„Eher so was wie ein ständiges Ärgernis“, sagte ich und richtete die Cookies an. „Nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest.“

Doch als ich es aussprach, wusste ich, dass Dylans Anwesenheit in Magnolia Grove mehr Ärger bedeuten würde als alles andere.

***

Der Rest des Tages zog wie in einem Nebel aus Koffein und Zucker an mir vorbei. Ungefähr eine Stunde vor Ladenschluss traten meine Eltern an die Theke. Sie sahen erschöpft aus, aber schienen glücklich zu sein.

„Schatz, wir machen uns auf den Weg zum Garden Inn. Vor der langen Fahrt zum Flughafen müssen wir uns noch ein wenig frischmachen.“ Meine Mom unterdrückte ein Gähnen. „Das war heute vielleicht ein Tag.“

Dads Augen wirkten müde. „Jep, es ist Zeit, die alten Batterien aufzuladen. Mit euch Jungspunden kann ich nicht mehr mithalten.“

Ich lachte. „In Ordnung. Ich hole euch ab, wenn ich hier fertig bin.“

„Hört sich gut an, mein Schatz“, sagte meine Mom und drückte mich kurz.

Dad wandte sich zu Whit um, der den nächstgelegenen Tisch abwischte. „Whit, mein Junge, es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen. Sie passen gut auf unser Mädchen auf, oder?“

Whit grinste. „Wird gemacht, Sir. Es war mir eine Freude, Sie beide kennenzulernen.“

„Oh, die Freude ist ganz auf unserer Seite.“ Mom strahlte. „Ihr zwei gebt so ein bezauberndes-“

„Okay, Mom“, unterbrach ich sie und spürte, wie mir die Hitze in die Wangen stieg. „Wir sehen uns gleich.“

Als meine Eltern das Café verließen, sah Whit mich an und zwinkerte mir zu, was dafür sorgte, dass mir noch mehr Röte in die Wangen stieg.

***

Kurz vor Ladenschluss schwang die Tür auf. Nellie eilte in ihrem wehenden Blümchenkleid herein.

„Parker, meine Liebe, ich habe wundervolle Neuigkeiten für dich“, sagte sie und wippte auf ihren Zehen.

Ihre Begeisterung gefiel mir. „Was gibt’s, Nellie?“

„Erinnerst du dich an dieses Drei-Städte-Treffen, das nächste Woche stattfinden soll? Das, auf dem wir das neue, gemeinschaftlich genutzte Wasserreservoir besprechen wollen?“ Sie wartete erst gar nicht auf meine Antwort, sondern sprach weiter: „Die Geschäftsstelle des Caterers wurde überflutet - ist das zu glauben? Ich habe Mayor Camden vorgeschlagen, den Auftrag an das Catch You Latte zu vergeben, und er hat zugestimmt. Er will mit dem neuesten Geschäft der Stadt angeben und deshalb Snacks und Getränke bei dir bestellen. Ist das nicht fabelhaft?“

„Tatsächlich? Ich habe doch gerade erst aufgemacht. Niemand außer mir arbeitet hier.“

Nellie winkte ab. „Ach, mach dir darum keine Sorgen. Ich habe Mayor Camden gesagt, dass du das packst. Es nicht zu tun, wäre ein unglücklicher Fehler. Du schaffst das doch, oder, meine Liebe?“

Ich atmete tief ein und dachte über die Machbarkeit nach. Hier bot sich mir eine große Möglichkeit, auch wenn es kurzfristig war. „Selbstverständlich, Nellie. Wir kriegen das hin. Was benötigst du genau?“

„Das ist die richtige Einstellung! Dann will ich dir mal sagen, was wir alles brauchen …“

Nellie holte eine lange Liste aus ihrer Tasche heraus. „Schauen wir mal … Wir hätten gerne deine Kaffeespezialmischung für rund fünfundsiebzig Leute. Die Bürgermeister von Oakville und Pine Ridge kommen mit ihrer Entourage. Oh, und Mayor Camden selbst möchte mindestens drei Dutzend deiner Blaubeermuffins haben.“

Ich schrieb mir alles auf. „Drei Dutzend Muffins, ist notiert.“

„Und vergiss die Zimtschnecken nicht. Mit extra viel Glasur. Davon sollten wir besser vier Dutzend nehmen. Camden sagt, sie sind ein ,Beweis für Magnolia Groves erlesenen Geschmack‘. Oh, und für die Frühstückspause brauchen wir eine Auswahl an Cookies.“

Nellies Liste wurde länger und länger. Es würde tatsächlich eine große Bestellung werden.

„Nellie, das ist … wow. Bist du sicher, dass euer Budget all das hergibt?“

Sie zwinkerte mir zu. „Keine Sorge, Liebes. Mayor Camden zieht diesmal alle Register. Er sagte, ich zitiere: ,Wir müssen den anderen Städten zeigen, was echte Südstaaten-Gastfreundschaft bedeutet! Die Rechnung geht an mich.‘“ Sie winkte und verließ den Laden.

Als ich die Kosten für die Bestellung zusammenrechnete, wurde mir warm ums Herz. Wegen Momenten wie diesem - hier in meinem eigenen Café, wo der Duft von Kaffee und süßem Gebäck in der Luft lag, und ich den ganzen Tag umgeben war von meinen miteinander plaudernden Gästen - hatte ich mein altes Leben hinter mir gelassen. Keine Tatorte oder Stalker, sondern lediglich die pure Freude daran, etwas zu kreieren, das gut bei den Leuten ankam. Ich wusste, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte.

„Ein erfolgreicher Tag, findest du nicht auch?“, fragte Whit, während er die Tische säuberte und nebenbei an einem Chocolate-Chip-Cookie knabberte.

„Wenn Erfolg in Koffeinschocks, Gebäckkrümeln und einer Riesenbestellung gemessen wird, dann ja, absolut.“

Wir räumten noch die letzten Sachen weg, und ich ging zum Hintereingang und trug den Abfall nach draußen zum Müllcontainer. Mir fiel auf, dass Dylans eleganter Tesla Model S immer noch auf dem Parkplatz hinter meinem Haus stand. Seltsam. Ich dachte, er wäre bereits vor Stunden gegangen.

Ein ungutes Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus, und das kam nicht bloß von zu viel Kaffee und den Probierhäppchen, die ich mir gegönnt hatte. Irgendetwas stimmte nicht, ich konnte aber nicht sagen, was.

Zweites Kapitel

Ich ließ mich auf das Bett in Clydes Gästehaus fallen, meinem gemütlichen, vorübergehenden Zuhause, in dem ich untergekommen war, solange ich auf die Fertigstellung meines Apartments oberhalb des Cafés wartete. Nach der anstrengenden feierlichen Eröffnung des Catch You Latte und dem bittersüßen Abschied von meinen Eltern fand ich endlich die Zeit, um zu entspannen.

Ich hatte nach Feierabend eine zweistündige Autofahrt hinter mich gebracht, einmal zum Flughafen und wieder zurück. Während der Fahrt ließ ich den einwöchigen Besuch meiner Eltern Revue passieren. Entgegen meiner Befürchtungen hatten sie sich gänzlich begeistert von Magnolia Grove gezeigt. Dad hatte sich gefreut, eine neue Zuhörerschaft für seine schlechten Witze gefunden zu haben, wohingegen Mom mindestens zwei Speicherkarten mit ihren schrägen Fotos gefüllt hatte. Und was das Beste an allem war? Es gab keine Raubüberfälle und Morde - was ein großer Unterschied zum letzten Mal war, als sie mich in der Großstadt besucht hatten.

Endlich konnte ich abschalten und mich ausruhen. Im Gästehaus duftete es nach frisch gewaschener Wäsche, gemischt mit dem warmen Aroma von gerösteten Pekannüssen und karamellisiertem braunen Zucker, den Clydes berühmter Pekannusskuchen verströmte, den ich, ganz nebenbei, im Café verkaufen würde. Clydes energiegeladener, kleiner Hund - ich war mir mittlerweile ziemlich sicher, dass er mich als seinen Menschen angenommen hatte - machte es sich an meinen Füßen gemütlich und klopfte mit seinem Schwänzchen gegen die Bettdecke. Clyde fand unser abendliches Ritual überaus lustig. „Dieser Hund ist mittlerweile mehr deiner als meiner“, sagte er morgens immer kichernd und machte keinen Hehl daraus, dass er nichts dagegen hatte, dass der Hund und ich ein eingespieltes Team wurden.

Ich nahm mein Telefon zur Hand und entschied, mich nach meinen lieben Eltern zu erkundigen, ehe ich mich Schlafen legte.

Und wie aufs Stichwort erklang ein Signalton. Eine Nachricht von meiner Mom:

Sind im Flugzeug. Dad schnarcht bereits. Waren so froh, dich zu sehen! Das Café wird phantastisch laufen. Magnolia Grove ist bezaubernd - vielleicht sollten wir uns dort zur Ruhe setzen. Wir lieben dich!

Ja, die Stadt wusste, wie sie sich klammheimlich in jemandes Herz schlich.

Ich schrieb zurück:

Ich liebe euch auch! Wünsche euch einen guten Flug. Ich kontaktiere dann mal einen Immobilienmakler. Lol.

Als Nächstes schickte ich Clyde eine Nachricht:

Vielen Dank noch mal für alles. Ohne dich wäre das nicht möglich gewesen.

Seine Antwort kam unmittelbar darauf:

Für dich doch immer, Parker!

Nun schrieb ich eine Mitteilung an Whit:

Danke für deine Hilfe heute. Entschuldige, falls ich dich mit meinem Gerede über Gebäckkombinationen zugetextet haben sollte.

Einen Augenblick später vibrierte mein Handy.

Machst du Witze? Was Gebäckkombinationen angeht, bin ich jetzt eine wandelnde Enzyklopädie. Schlaf gut, Parker. Du hast es dir verdient … Apropos, ich habe mich gefreut, dass ich diese Woche deine Eltern kennenlernen durfte. Sie sind wunderbare Menschen. Die Witze deines Vaters mögen vielleicht totaler Käse sein, doch sie setzen dem Kuchen das Sahnehäubchen auf … ha ha.

Whits charmanter Versuch, Dads Wortspiele zu imitieren, war wirklich reizend. Dass er sich so gut mit meinen Eltern verstand, fand ich sehr süß, auch wenn das bedeutete, dass ich, was die schlechten Witze betraf, nun auf verlorenem Posten stand.

Ich schmiegte mich in mein Kissen und rechnete damit, nach einem so langen Tag sofort einzuschlafen. Major rollte sich neben mir zusammen, und die Wärme, die er ausstrahlte, reichte für gewöhnlich aus, um mich in den Schlaf zu lullen.

Eine Dreiviertelstunde später war ich immer noch wach und starrte zur Decke. In Gedanken ging ich den Tag mit all seinen winzigen Details noch mal durch. Hatte ich den Ofen abgeschaltet? Die Hintertür abgeschlossen? Plötzlich wurde ich von der unbegründeten Angst gepackt, etwas im Café nicht ausgeschaltet zu haben. Nachdem ich das Café geschlossen hatte, war ich ziemlich in Eile gewesen, um sicherzugehen, dass ich meine Eltern rechtzeitig am Flughafen abliefern konnte.

Ich wandte mich Major zu, dessen Augen in dem gedämpften Licht schimmerten. „Was denkst du, Kumpel, steigere ich mich in etwas hinein, oder sollten wir nachschauen gehen?“

Majors Schwanz klopfte gegen das Bett, und er neigte den Kopf zur Seite, als ob er über meine Frage nachdächte.

„Du hast recht“, sagte ich, da ich seinen Blick als Zustimmung deutete. „Es kann nicht schaden, auf Nummer sicher zu gehen. Davon abgesehen werde ich bestimmt innerlich zur Ruhe kommen, wenn wir noch einmal Gassi gehen.“

Bei dem Wort „Gassi“ spitzte Major die Ohren, ehe er vom Bett sprang und mit dem Schwanz wedelte.

„Ich deute das als ein Ja.“

Ich schälte mich aus meinem Pyjama und schlüpfte in eine Jogginghose und einen Kapuzenpulli, dann zog ich mir meine Schuhe an.

Nachdem ich Major angeleint hatte, traten wir hinaus in die angenehme Herbstnacht. Auf den Straßen von Magnolia Grove war alles ruhig, und unser Weg war nur hier und da von Außenleuchten beschienen. Der Weg zum Café war von Clydes Gästehaus aus nicht weit, keine zehn Minuten, doch ich hatte währenddessen genug Zeit, um die Friedlichkeit des kleinen Ortskerns zu würdigen.

Als wir um die Ecke auf die Main Street bogen, sah ich es - das Licht, das in einem Fenster oberhalb des Cafés brannte, besser gesagt in meinem noch nicht fertig renovierten Apartment.

„Siehst du, Major?“, flüsterte ich. „Ich wusste es! Ich habe vergessen, es auszuschalten, nachdem ich Whit gezeigt habe, wie weit wir mit der Renovierung sind.“

Wir betraten das Café durch die Vordertür. Majors Krallen klackten auf dem Holzboden, als wir zur Hintertreppe in der Küche gingen. Ich trat die Stufen hinauf, entriegelte die Tür zum Apartment, schaltete das vergessene Licht aus und seufzte erleichtert.

Als ich mich umdrehte, um wieder nach unten zu gehen, spitzte Major die Ohren. Und da hörte ich sie - Stimmen hinter dem Haus. Neugierig ging ich die Treppe hinunter und schlich zur Hintertür, Major trabte leise neben mir her.

Ich spähte durch das kleine Türfenster und konnte zwei Gestalten auf dem Parkplatz hinter dem Haus ausmachen. Eine von ihnen war eindeutig Dylan. Seine gelben Designersneaker waren im gedämpften Hoflicht gut zu erkennen. Wer die andere Person war, konnte ich nicht sehen. Dylan wirkte unsicher auf den Beinen, so als ob er getrunken hätte. Er stand nach vorn gebeugt da und hielt die Hände auf die Knie gestützt, sodass es den Anschein machte, als müsse er sich übergeben. Die andere Person befand sich im Dunkeln. Ich versuchte, zu verstehen, was die beiden sagten, doch die massive Tür dämpfte die Stimmen.

„Hast dir ordentlich die Kante gegeben, Dylan, nicht wahr?“, flüsterte ich.

Und urplötzlich, als hätten sie gespürt, dass ich sie beobachtete, wirbelten die beiden in Richtung des Gebäudes herum. Ich schrak zurück und duckte mich mit wild klopfendem Herzen. Wenige Augenblicke später hörte ich, wie eine Autotür zuschlug, dann eine weitere, und dann vernahm ich ein laut grollendes Motorgeräusch, das nach und nach leiser wurde.

Ich blickte wieder nach draußen. Auf dem Parkplatz war es zwar leerer geworden, aber Dylans Tesla stand immer noch da.

„Nun, Major“, wisperte ich dem Hund zu und kraulte ihn hinter den Ohren, „es sieht so aus, als würde Dylan wieder etwas aushecken. Doch mit diesem Rätsel können wir uns ein anderes Mal beschäftigen.“

Wir schlüpften aus der Vordertür, und ich schloss hinter uns ab. Während Major und ich zurück zum Gästehaus trotteten, wehte eine leichte Brise durch das Geäst der Magnolienbäume. Meine Gedanken überschlugen sich. Einerseits fragte ich mich, was ich da gerade eben beobachtet hatte, doch andererseits war ich einfach zu erschöpft.

Als wir in Clydes Gästehaus ankamen, fielen mir fast die Augen zu. Ich hatte kaum noch genügend Energie, um meine Schuhe auszuziehen und in meinen Pyjama zu schlüpfen, ehe ich mich ins Bett fallen ließ. Major legte sich neben mich und spendete mir wohlige Wärme.

„Was denkst du, Kumpel? Glaubst du, Dylan plant eine Überraschungsparty für meine Wenigkeit?“

Major antwortete mit einem leisen Schnarchen. Lächelnd schloss ich meine Augen, und die Fragen über Dylans nächtliches Treffen lösten sich in Luft auf, als ich schließlich einschlief.

***

Ich schreckte aus dem Schlaf auf, als Majors Gebell wie ein Alarmgeräusch aus der Ferne zu mir durchdrang. Vollkommen übernächtigt tastete ich auf dem Nachttisch nach meinem Handy, das ohne Unterlass surrte, weil verpasste Anrufe und Textnachrichten eingegangen waren.

Ehe ich mir all das erklären konnte, klopfte es laut an der Tür. „Parker“, rief Clyde mit eindringlicher Stimme. „Bist du wach?“

Ich stolperte mit Major dicht an meinen Fersen zur Tür und riss sie auf. Clyde stand vor mir, und anstelle seiner ansonsten heiteren Miene war ihm nun die Besorgnis ins Gesicht geschrieben. „Irgendetwas geht im Hinterhof des Cafés vor sich.“

„Wie bitte?“ Ich blinzelte und versuchte, die Müdigkeit zu vertreiben. „Was meinst du damit?“

Clyde schüttelte den Kopf. „Ich weiß nichts Genaues, aber es hört sich nicht gut an. Lass uns Bertha nehmen und hinfahren.“ Übrigens, Bertha war der Name seines alten Kombis.

Ich zog nicht einmal meinen Schlafanzug aus, sondern schnappte mir meinen Kapuzenpulli und schlüpfte in meine Sneaker. Als wir aufbrachen, fiepte Major leise. Offensichtlich wollte er uns begleiten, doch wir hatten keine Zeit mehr.

Die Fahrt zum Café schien eine Ewigkeit zu dauern, obwohl es tatsächlich nur wenige Minuten waren. Als wir in die Main Street einbogen, klappte mir die Kinnlade herunter. Es sah aus, als parkten alle Einsatzfahrzeuge des Countys im Hinterhof des Catch You Latte. Polizeiwagen, ein Krankenwagen und sogar ein Feuerwehrauto färbten den Morgenhimmel in blinkendes Rot-Blau.

„Was ist hier nur passiert?“, flüsterte ich Clyde zu, als das Auto zum Stehen kam.

Wir stiegen aus und wurden auch schon von gelbem Polizeiabsperrband begrüßt, das im Wind flatterte und den Zutritt zum gesamten Hinterhof des Cafés versperrte. Ich bewegte mich näher an den Schauplatz heran, und ein hagerer, müde dreinblickender Deputy trat mir entgegen und hob abwehrend die Hände.

„Miss Hayes, Ma’am, Sie müssen hinter dem Flatterband stehen bleiben“, sagte er und musterte meinen Hundeprintpyjama.

„Das ist mein Café“, sagte ich und blickte an ihm vorbei. „Was geht hier vor sich?“

„Lassen Sie sie durch, Colton.“

Sheriff Amelia Sinclair trat näher. Mit ihrer Größe von ungefähr eins achtzig war sie nicht zu übersehen. Als sie mich prüfend aus ihren stechend blauen Augen ansah, war die Kälte in ihrem Blick beinahe spürbar. Seit ich den Beauregard-Fall gelöst hatte, verstanden wir uns etwas besser, doch wir würden zweifellos keine besten Freundinnen werden.

„Morgen, Parker“, sagte sie, und ihre Stimme wirkte so steif wie ihre beige Uniform. „Ein ziemliches Spektakel an Ihrem zweiten Arbeitstag, was?“

Ich duckte mich unter dem Flatterband hindurch und ging einige Schritte in Richtung des Getöses. „Was ist geschehen?“

Sheriff Sinclair versperrte mir nachdrücklich die Sicht. „Wir haben eine Leiche gefunden. Das ist alles, was ich zum jetzigen Zeitpunkt sagen kann.“

„Eine Leiche?“

„Parker?“, rief Whit, der hinter dem gelben Absperrband stand. Sheriff Sinclair nickte Deputy Colton zu. Whit schlüpfte unter dem Band durch und näherte sich uns. „Ich habe Sirenen gehört, und der alte Earnhardt sagte, sie kämen aus der Richtung deines Cafés. Geht es dir gut?“

Bevor ich antworten konnte, wurde der Rand einer schwarzen Plane von einer Windböe angehoben. Mir blieb die Luft weg, als ich einen Blick auf ein Paar gelbe Designersneaker erhaschen konnte.

„Oh nein“, flüsterte ich. „Es ist Dylan, nicht wahr?“

Sinclair schnaubte. „Woher wissen Sie das?“

„Die Sneaker. Ich habe ihn gekannt.“

Als mich die Realität einholte, war mir, als würde meine Welt aus den Angeln gehoben werden. Dylan Reeves - der andauernde Störfaktor, die Verbindung zu meinem alten Leben - war tot. Und seine Leiche lag auf meinem Parkplatz. Der Anblick seines Schuhs und die Tatsache, dass sein lebloser Körper unter dieser Plane lag, bereitete mir unerwarteterweise großen Kummer. Trotz unserer Differenzen war er ein wesentlicher Teil meiner Vergangenheit gewesen, das Bindeglied zu einem Leben, von dem ich dachte, ich hätte es hinter mir gelassen. Und jetzt suchte mich diese Vergangenheit im wahrsten Sinne des Wortes heim.

Ich war vor Schock ganz benommen und hielt auf dem Parkplatz Ausschau nach Hinweisen oder einer möglichen Mordwaffe. Über den Asphalt verstreut lagen ein paar Ziegelsteine, Zigarettenstummel, ein leerer Plastikbecher, ein Lotterielos … Mein Blick wanderte in Richtung eines kleinen Gummirings, der in der Nähe des Müllcontainers lag. Er sah aus wie ein Sanitärartikel - ein Dichtungsring oder eine Gummischeibe - und war wohl nach der Sanierung liegen geblieben.

Sinclair unterbrach meine diskrete Überprüfung des Tatorts. „Sie werden mir alles, was Sie über Dylan Reeves wissen, erzählen müssen, angefangen mit der Frage, wieso er hier in Magnolia Grove war.“

Die Morgensonne stieg am Horizont empor und warf lange Schatten über den Tatort. Mein ruhiges neues Leben war soeben noch komplizierter geworden. Wieder einmal.

Whit tastete nach meiner Hand und drückte sie. Ich atmete tief ein, während Sinclairs Blick auf mir ruhte.

Als ich den Mund zu einer Antwort öffnete, wurde mir das Ausmaß der Situation richtig bewusst. Dylan war tot. Am vergangenen Abend war er noch in meinem Café gewesen. Und jetzt stand ich hier in meinem albernen Schlafanzug und würde gleich vom Sheriff gegrillt werden.

Doch was das Schlimmste von allem war: Eine leise Stimme in meinem Hinterkopf raunte mir zu, dass das hier - der Fall selbst, die Gefahr, der Nervenkitzel bei der Verknüpfung von Hinweisen - sich mehr wie ein Nachhausekommen anfühlte, als es mir nach meinem Umzug nach Magnolia Grove vorgekommen war.

Was sagte das über mich aus?