Leseprobe Lady Ambervale und der Mord am Regent’s Canal | Ein viktorianischer Krimi

PROLOG

Regen fiel auf sein Gesicht. Der Mann in dem einfachen Mantel lag auf dem Rücken, seine Fersen gruben sich in den Matsch, während seine Beine versuchten zu laufen. In zuckenden unkontrollierten Bewegungen gruben sie sich in den Schlamm, der seine Kleidung durchtränkte, zusammen mit der rötlichen Flüssigkeit, die sich aus der Wunde in seiner Brust ergoss, in Stößen, wieder und wieder. Seine Augen starrten in den grauen mit Wolken überzogenen Himmel.

Der Mann im Anzug betrachtete ihn, sein kalkig weißes Gesicht, die blassen Lippen, die immerzu ein Wort formten und dennoch niemals aussprechen würden. Er war wie gebannt von dem Anblick, konnte nicht wegsehen. Er biss sich auf die Lippen, sah das Loch, die pumpenden Stöße, und seine Finger zitterten. Das Messer in seiner Hand funkelte, und er blickte sich um, doch um diese Tageszeit war niemand mehr in der Nähe der Baustellen. Er klappte die Klinge zurück in den Griff und schob das Messer in die Tasche. Er würde es irgendwo entsorgen müssen. Vielleicht unten an den Docks, wo das Wasser tief genug war.

Schade drum, dachte er. Er hatte dieses Messer immer gemocht. Der Mann, der vor ihm lag, hatte aufgehört zu zucken, die Pumpstöße waren schwächer geworden. Er besann sich, kniete sich neben ihn, wollte nach ihm greifen und zögerte, als könne sein regloses Gegenüber jederzeit wieder zum Leben erwachen, ihn packen und mit sich ins Verderben reißen.

Nun lachst du nicht mehr, dachte er und war zugleich erstaunt darüber, mit welcher Ruhe ihm diese Gedanken durch den Kopf glitten. Mit welcher Endgültigkeit. Dann fasste er in dessen Jacke, durchsuchte Weste und Hose, förderte eine Handvoll Münzen und eine Klammer mit Scheinen zutage, die er in seine eigenen Taschen stopfte. Noch wenige Sekunden zuvor war alles anders gewesen. Sie hatten miteinander gesprochen.

„Hättest du nur bloß nicht gelacht.“ Wieder fühlte er die brennende Scham. Er stellte den Kragen seiner Jacke hoch, vergrub das Gesicht darin. Sein Blick fiel auf die Hand des Mannes, jetzt mit dunklen und roten Schlieren überzogen, doch davor mit einem blassen Band um den Finger, dort, wo vor Kurzem noch ein Ring gesessen haben musste. „Das hast du dir alles selbst zuzuschreiben.“

Doch sein Gegenüber konnte die Worte, die er sagte, nicht mehr hören. Der Mann auf dem blutdurchtränkten matschigen Boden war tot. Seine Augen fixierten einen Punkt am Himmel, der längst weitergezogen war. Der sanfte Regen prasselte ringsum, gerade laut genug, um alle anderen Geräusche zu übertönen. So als würde der Himmel selbst gutheißen, was sich wenige Momente zuvor zugetragen hatte. Der Mann erhob sich, betrachtete den morastigen Untergrund, der sich über eine weite und immer weitere Fläche rot färbte. Er trat einen Schritt zurück, ehe das Rot ihn erreichen konnte. Dann einen weiteren. Der Tote vor ihm verschwamm mehr und mehr mit der Dunkelheit, die ihn umgab. Und dann war es beinahe so, als wäre all dies nie geschehen. Der Mann kehrte ihm den Rücken und lief davon.

- 1 -

Lord Robert Blackwell

Zwei Wochen zuvor

„Ist es nicht sonderbar?“, fragte Lady Ambervale, während sich die Kutsche mit quälender Langsamkeit durch die Londoner Innenstadt schob. Die Straßen und Gassen waren überfüllt mit anderen Fuhrwerken, mit Fußgängern, Straßenhändlern, Bettlern, Dienstboten, Zeitungsjungen. Endlose Massen.

„Was meinst du, meine Liebe?“, fragte Lord Calvert, ohne von den Papieren aufzublicken. Er hatte sein graues, ansonsten so widerspenstiges Haar ordentlich gekämmt, einen festlichen Gehrock übergeworfen und duftete nach Parfum. Lady Ambervale trug, was sie an festlichen Kleidern hatte finden können, und hatte sich ihr blondes Haar von ihrer Haushälterin, Miss Delagore, die ihre einzige Angestellte war, zu einer schicken Frisur stecken lassen und eine Halskette ihrer Mutter angelegt. Parfum aufzutragen hatte sie jedoch vergessen.

„All diese Menschen“, sagte sie, während die Kutsche wieder einige Meter vorwärtsrollte. „Was wollen sie nur hier?“

„Die meisten von ihnen sind wohl auf dem Weg nach Hause, nehme ich an. Oder zur Arbeit, je nachdem.“

„Ich meine, warum sind sie hier – in dieser Stadt? Es gibt so wundervolle Orte auf dieser Welt, viele, die wir auf unserer Reise besucht haben, sind tausendmal reizvoller als London. Warum drängen sich all diese Menschen hier zusammen, an diesem grauen und trostlosen Ort? Das East End droht in Armut, Leid und Krankheit zu versinken, und der Fluss stinkt wie eine Kloake. Dennoch strömen jeden Tag mehr von ihnen in die Stadt – aus aller Herren Länder, von Irland über den europäischen Kontinent bis hin zu den ostindischen Kolonien. Was hat dieser Ort nur an sich?“

Die Adelige reckte den Kopf. Sie waren erst vor Kurzem von einer mehrmonatigen Reise – ein Vorschlag Lord Calverts, dem Lady Ambervale überraschend zugestimmt hatte – zurückgekehrt. Sie waren der englischen Kälte entflohen und hatten die Wintermonate im deutlich milderen Süden Europas verbracht. Lady Ambervale hatte zum ersten Mal in ihrem Leben Städte wie Neapel, Florenz und Athen besucht, hatte Spaziergänge an entlegenen Stränden unternommen und ferne Fischerboote beobachtet – sie hatte Zeit gefunden, an der Seite ihres Begleiters zu heilen und sich von den Schrecken der Ereignisse rund um den Tod eines Dienstmädchens und Freundin ihrer Haushälterin zu erholen. Eine Tragödie, deren Verstrickungen bis weit in die Reihen des Londoner Adels gereicht und mehrere Todesopfer zur Folge gehabt hatten. Gelegentlich sah Lady Ambervale noch das Bild jener Frau vor Augen, die in ihren Armen gestorben war – oder träumte von ihr, von der Blutlache, die sich unter ihr ausbreitete wie rote Flügel, und dem warmen, klebrigen Gefühl zwischen ihren Fingern. Mit der Zeit waren die Albträume weniger geworden, und Lord Calvert, ein alter Freund ihres verstorbenen Vaters, hatte ihr in seiner geduldigen und gütigen Art zur Seite gestanden, ebenso wie Miss Delagore, die die Reise mit ihnen angetreten hatte.

Seit wenigen Wochen waren sie nun zurück im hektischen Treiben der Großstadt, und Lady Ambervale sehnte sich nach jenen einfacheren und ruhigeren Tagen – nach den endlosen Weiten des Ozeans, dem Rauschen der Wellen, die im Sand versiegten, nach ihrem Flüstern, das Ruhe und Vergessen versprach.

„Ich gebe zu, es mag ansprechendere Orte geben“, antwortete Lord Calvert. „Aber die Stadt ist nun mal hier entstanden – aus Gründen, die vielleicht niemand mehr so genau kennt. Und mittlerweile ist sie zum Zentrum der modernen Welt geworden.“

„Ich hatte beinahe vergessen, wie sie sich anfühlt.“

„Wie fühlt sie sich denn an?“

„Einsam. Wie eine endlose Aneinanderreihung winzig kleiner Leben, eines nach dem anderen, nebeneinander, übereinander, sodass kein einzelnes davon mehr von Bedeutung ist. Es würde einem leichtfallen, sich zwischen all den anderen zu verlieren, und … niemanden würde es kümmern.“

Der Lord hob den Blick von den Entwürfen zu den neuen Geschäftsverträgen und musterte sie.

„Mich würde es kümmern. Und all die Leben … keines davon wäre möglich ohne die anderen. London ist die größte und fortschrittlichste Stadt der Welt. Die wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften, die hier in diesem Moment entstehen, werden noch Jahrhunderte nach uns beeinflussen.“

„Aber ist alles davon wirklich zum Besseren?“, fragte Lady Ambervale, während sie an einer weiteren Gruppe Obdachloser vorüberrollten.

Lord Calvert legte die Papiere zur Seite und nahm ihre Hand.

„Nein. Bestimmt nicht alles. Aber hoffentlich das meiste davon. Erinnere dich an die Weltausstellung im Crystal Palace vor einigen Jahren. Die Fortschritte in der Technik, die Eisenbahn, die modernen Dampfschiffe. Wir fertigen die mächtigsten Schiffe, die die Welt je gesehen hat. Die Fabriken, all dies hätte vor wenigen Jahren noch Hunderte von Arbeitskräften benötigt und Jahrzehnte an Bauzeit verschlungen – ganz zu schweigen von den Kosten –, was heute eine Sache von lediglich einigen Monaten ist. Und wer hätte gedacht, dass unter der Themse einmal ein Tunnel hindurchführen würde? Wir erforschen Heilmittel, von denen die Welt bisher nur träumen konnte.“

„Vielleicht hast du recht, ich sollte nicht alles schwarzmalen.“ Lady Ambervale wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich an einem Lächeln zu versuchen. Richard hätte sie sofort durchschaut.

„Das macht nichts“, antwortete er und strich die fein gearbeitete Weste über seinem rundlichen Bauch zurecht. „Wenn jemand …“

„Lass es – bitte.“

„Lydia …“

„Ich habe nicht mehr Grund schwarzzumalen als irgendwer sonst. Lass uns einfach … einen schönen Abend verbringen, einverstanden?“

Er nickte. „Einverstanden.“

„Haben wir eine Verabredung?“

„Keine Verabredung. Allerdings soll Lord Blackwell bei der Vorführung zugegen sein.“

„Sind wir deswegen hier?“

„Nein. Ich dachte mir, etwas Abwechslung würde uns guttun. Und das Stück soll sehr gelungen sein. Viele feiern den Intendanten bereits als neuen Macready.“

Lady Ambervale blickte ihn fragend an. Sie kannte keine der berühmten Opern oder Theaterstücke ihrer Zeit, und der Name Macready war ihr genauso fremd wie das Her Majesty’s Theatre, zu dem sie unterwegs waren.

„Ich nehme an, das ist etwas Gutes?“, fragte sie, und Lord Calvert grinste.

„Allerdings. Es ist ein großes Lob.“

 

Als sie an ihrem Ziel angekommen waren, erstrahlte das prunkvolle Gebäude vor ihnen in hellem Glanz.

Lord Calvert hielt die Nase in die Luft und lachte. „In einem Punkt hast du leider recht. Die Luft in London ist wahrlich nicht die beste. Kannst du dich an den Großen Gestank vom Sommer 1858 erinnern? Die Miasmen waren so stark, dass man sogar darüber nachdachte, das Parlamentsgebäude zu schließen, aus Angst, die Abgeordneten könnten krank werden und die Regierungsarbeit zum Erliegen kommen.“

„Erinnere mich bloß nicht daran. Es ist beinahe so, als wäre diese Stadt zu groß für sich selbst geworden. Wie ein gestrandeter Wal, der nun langsam an seinem eigenen Körpergewicht erstickt und verfaulend zugrunde geht.“ Lady Ambervale fröstelte. „Wie ist dieser Lord Blackwell so?“, fragte sie, um auf andere Gedanken zu kommen.

„Ich kenne ihn nicht persönlich. Man sagt, er soll ein tüchtiger und geschickter Geschäftsmann sein.“

Lord Calvert hatte die Papiere in der Kutsche zurückgelassen, und sie spazierten zu dem Theatergebäude mit der Dachkuppel und den hohen Säulen über dem Eingang. Ein etwas kleinerer, älterer Lord mit weißem Backenbart und eine jüngere attraktive Lady mit blond gelocktem Haar, die sich bei ihm eingehakt hatte.

Lady Ambervale stockte, als sie das Gebäude sah.

„Ich war nicht mehr im Theater seit … dem Tod meines Vaters. Und selbst davor waren wir hier kaum. Ich muss wohl noch ein junges Mädchen gewesen sein.“

Lord Calvert blieb stehen. „Es tut mir leid, das wusste ich nicht.“

„Es ist in Ordnung … ich möchte es gerne. Ich kann mich nicht ewig verstecken. Wie heißt das Stück?“

„Sie spielen ‚La traviata‘, eine italienische Oper, die seit einigen Jahren in aller Munde ist. Die Hauptfigur ist eine Kurtisane.“

„Tatsächlich?“

„Ja. Ich dachte, wir könnten uns einen unterhaltsamen Abend machen.“ Er hielt inne und betrachtete sie. „Aber wir können auch etwas anderes unternehmen, einen Spaziergang vielleicht oder ein Dinner?“

„Richard, es geht mir gut.“

„Wir brauchen Lord Blackwell nicht zu treffen, selbst wenn er hier ist. Es wird andere Gelegenheiten geben.“

Lady Ambervale lächelte. „Ich weiß, dass du es ernst meinst, aber wenn es der Zufall so will, dass wir am selben Ort sind, solltest du die Gelegenheit nicht ungenutzt lassen, ihn kennenzulernen.“

„Wir werden sehen. Aber jetzt“, sie traten durch den hohen Torbogen in die strahlend erleuchtete Eingangshalle, „lass uns den Abend genießen.“

 

Die Loge war eine der bestgelegenen im ganzen Saal und bot einen direkten Blick auf die Bühne, und die Sänger und Statisten wirkten durch ihr Opernglas so nah, als könne Lady Ambervale sie jederzeit berühren, wenn sie nur die Hand nach ihnen ausstreckte. Zu den Melodien des Orchesters, die sie von Akt zu Akt der unglücklichen Liebesgeschichte trugen, liefen ihr mehrfach Tränen die Wangen hinab, und Lord Calvert bot ihr an, sie nach draußen an die frische Luft zu begleiten, doch Lady Ambervale verneinte. Wie gebannt folgte sie dem Schauspiel bis zum tragischen Ende der Hauptfigur, einer Kurtisane, die sich aus Liebe zu einem Mann von diesem trennte, um seinen Ruf nicht zu schädigen. Sie weinte erneut, ohne jedoch den Versuch zu unternehmen, es vor Lord Calvert zu verstecken.

Als der Vorhang gefallen war und der Applaus immer noch in vollem Gange, trat Lord Calvert vor sie hin und sagte: „Es tut mir leid. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Er berührte ihre Wange und wischte eine Träne fort. „Ich denke wohl, ich nahm an, es …“

„Es ist gut“, versicherte Lady Ambervale. „Es war ein wundervolles Stück. Bewegend und tragisch … aber auch schön. Die Liebe, die sie füreinander empfanden – trotz aller Widrigkeiten.“

„Ich hoffte, es würde dir gefallen.“ Er wischte sich über die Stirn. „Es war ein größeres Wagnis, als mir bewusst war.“

Lady Ambervale lächelte. „Ich bin froh, dass du es eingegangen bist.“

 

Sie traten aus der Loge auf den Gang hinaus, wo sie nach wenigen Schritten ein groß gewachsener, dunkelhaariger Lord begrüßte, mit weißer Hose und breiter Brust.

„Bitte verzeiht mir“, sagte er. „Ihr müsst Lord Calvert sein, nicht wahr?“

„Der bin ich.“

„Ich bin Lord Robert Blackwell. Ich danke Euch für Euer Schreiben und muss mich zugleich entschuldigen, dass ich bisher keine Gelegenheit fand …“ Er betrachtete Lady Ambervale. „Ihr … habt Ihr Zeit für ein Gespräch? Bei einem Spaziergang möglicherweise oder einem Glas Brandy? Wir können uns natürlich auch vertagen, wenn ein anderer Termin passender für Euch wäre.“

Lady Ambervale antwortete, ehe Lord Calvert ablehnen konnte. „Oh, nein, bitte, geht nur. Ich bin ohnehin noch recht aufgewühlt von dem Stück. Ich werde vielleicht ebenfalls einen kurzen Spaziergang machen.“

Sie nickte Lord Calvert zu, und dieser hauchte einen Kuss auf ihren Handrücken.

„Wir sehen uns später, ja?“

„Mach dir um mich keine Sorgen, ich werde eine Droschke nehmen. Wir sehen uns morgen.“

„Danke, Lydia“, flüsterte er. „Gib gut auf dich acht.“

Sie lächelte kurz. „Geh schon.“

 

„Eine außergewöhnliche Schönheit“, sagte Lord Blackwell, als Lady Ambervale außer Sichtweite war. „Wenn auch ein wenig über das beste Alter hinaus, aber dennoch recht ansehnlich.“

Lord Calvert betrachtete den Lord, der gerade selbst sein fünftes Jahrzehnt durchlaufen musste, und bemühte sich, sein geschäftsmäßiges Lächeln aufrechtzuerhalten. „Sie ist die Tochter von Lord Montgomery Ambervale. Wir sind alte Freunde.“

„Natürlich, ich verstehe.“ Lord Blackwell begleitete ihn nach draußen. „Nun, Lord Calvert, ich bin froh, dass sich unsere Wege endlich kreuzen. Ich habe viel Gutes über Euch gehört. Lasst uns ein Stück gehen, damit unsere müden Knochen in Schwung kommen. Ich würde Euch gerne mehr über einige Geschäftsideen erzählen, an denen ich derzeit mit meinen Partnern arbeite.“

„Es wäre mir eine große Freude. Ich hörte von Euren Erfolgen beim Ausbau der Eisenbahnstrecke nach Manchester.“

„Manchester war erst der Anfang, mein Freund. Sagt mir, was wisst Ihr über das Geschäft des Kohletransports?“

„Entlang der Eisenbahnstrecken?“, fragte Lord Calvert, und sein Gegenüber nickte. „Nicht allzu viel, muss ich gestehen.“

„Dann lasst mich Euch das Konzept ein wenig erörtern. Bereits in weniger als einem Jahrzehnt werden wir die traditionellen Kanäle allesamt durch unsere modernen Bahnen abgelöst haben.“

„Das klingt geradezu unglaublich.“

„Ihr werdet es sehen, mein Freund. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Aber sagt mir, Lord Calvert, wie kommt es …?“

Die Worte der beiden Männer verliefen sich zwischen den Stimmen der anderen Gäste, die ihre Plätze ebenfalls verlassen hatten und nach und nach aus dem Theater strömten.

- 2 -

Mister Ian Lockwood

Für unzählige Minuten folgte Lady Ambervale ihren Füßen, ohne darauf zu achten, wohin ihre Schritte sie trugen. Sie war wie gefangen von den Eindrücken des Bühnenstücks, vermischt mit Erinnerungen und blassen Fragmenten aus ihrer Kindheit. Das schemenhafte Gesicht ihrer Mutter, die sich über sie beugte, um sie hochzuheben – im Hintergrund das Lachen ihres Vaters –, und sosehr sie sich auch bemühte, sie konnte sich an keine Einzelheiten ihrer Gesichtszüge erinnern, lediglich an den Geruch ihres dunklen Haars – den für immer verlorenen Duft der Geborgenheit. Dann sah sie wieder die Hauptfigur auf der Bühne, die blutige, grauenvolle Schwindsucht, die sie auf ihrem Krankenbett dahinraffte. Gefolgt von der sterbenden Frau in ihren Armen im Herbst des letzten Jahres, die nichts mehr gewollt hatte, als eine Mutter zu sein – das blutverschmierte Lächeln auf den Lippen. Ihre Gedanken flogen zu ihrem eigenen Leben. Sie war nun knapp über dreißig. Was sollte aus ihr werden? Wollte sie selbst Kinder haben? Und Lord Calvert? Sie hatte nie mit ihm darüber gesprochen, wusste noch nicht einmal mit Sicherheit zu sagen, welcher Art ihre Verbindung war. Betrachtete er sie als Paar? Betrachtete sie selbst sie als Paar? Bisher hatte sie ihn als treuen Freund und Gefährten gesehen, der sich aus Verbundenheit mit ihrem Vater in letzter Zeit vermehrt um sie gekümmert hatte, was sie manchmal mehr und manchmal weniger störte. Sie brauchte weder irgendjemandes Schutz noch Mitleid. Aber er war treu und aufrichtig. Sie wusste, dass er niemals etwas tun könnte, das ihr schaden würde. Dennoch ärgerte sie seine Fürsorge, die gelegentlich an Ängstlichkeit grenzte. Und Mitleid war schließlich auch der Grund dafür gewesen, warum sie nach dem Tod ihres Vaters alle Angestellten aus ihren Diensten entlassen hatte. Sie hatte deren Gesichtsausdruck nicht länger ertragen können. Die sorgenvollen Blicke. Ihre Haushälterin, Miss Delagore, hatte sie erst viel später in ihre Dienste genommen und ihr ihre Verpflichtungen sehr genau klargemacht. Miss Delagore kümmerte sich um das Haus, den Haushalt, die Mahlzeiten, nichts weiter. Und die junge Frau hatte rasch verstanden, sie nicht zu bemuttern oder gar ihr Mitleid auszudrücken.

 

Die Oper hatte eine Kaskade von Gefühlen in Lady Ambervale ausgelöst, und ihre Gedanken flogen erneut zu der sterbenden Frau auf der Bühne, der sterbenden Frau in ihren Armen, dem Blut und dem intensiven Geruch nach Eisen, der ihr die Sinne vernebelte. All dieses Blut.

„Achtung!“, hörte sie eine Stimme rufen und ignorierte sie. Wen auch immer die Warnung anging, sie konnte es nicht sein, denn wovor sollte sie sich schon …?

Plötzlich sank der Boden unter ihren Füßen davon, und sie stürzte – bis eine Hand sie in letzter Sekunde am Arm packte. Ihr linkes Bein schwebte drei Meter über dem Abgrund – wie festgefroren in Raum und Zeit. Ein weiterer Arm packte sie.

„Und jetzt … lehnen Sie sich nach hinten“, keuchte die Stimme eines jungen Mannes – wie zum Zerreißen gespannt. „Langsam! Jetzt. Ziehen Sie!“

Lady Ambervale musste sich zwingen, den Abgrund nicht dankend anzunehmen. Für eine mehrere Sekunden andauernde Ewigkeit hing sie da. Dann tat sie, wie ihr geheißen und zog sich nach oben.

 

„Das war knapp!“, rief der Mann, ehe er ihren Arm losließ und sich schnaufend auf die Knie stützte – auf dem Gesicht ein breites Grinsen.

„Was haben Sie sich nur dabei gedacht?“

„Ich … war in Gedanken.“

„Das will ich wohl meinen, Miss …“

„Lady. Ambervale.“

„Mylady? Wie … konntet Ihr diesen Graben nur übersehen?“

Lady Ambervale blickte sich um. Sie war geradewegs in eine lang gestreckte Baustelle von enormen Ausmaßen gelaufen. Ein tiefer Graben, der sich über hundert Meter in beide Richtungen längs der Straße erstreckte – umgeben von Absperrungen, Aushub, stapelweise Ziegeln und anderem Baumaterial.

„Ich weiß es nicht“, keuchte sie und bemerkte, dass ihre Beine zitterten, weil jemand ihre Knochen durch Gelee ersetzt hatte, und sank zu Boden.

„Geht es Euch gut? Seid Ihr verletzt? Soll ich einen Arzt herbeirufen?“

„Nein. Keinen Arzt. Es ist nur …“ Sie saß etwa einen Meter von dem langen Baugraben entfernt und zitterte und fühlte, wie zugleich an allen Stellen ihres Körpers der Schweiß ausbrach. „Ich muss nur kurz hier sitzen. Was ist das? Was … wird hier gebaut?“

„Gefällt es Euch?“, fragte der Mann und setzte sich ebenfalls auf die gepflasterte Straße.

„Das kann ich nicht gerade behaupten, denke ich. Was wird daraus?“

„Abwasserkanäle. Für sich allein mögen sie nach nicht viel aussehen, aber insgesamt werden sie das größte und wunderbarste Bauwerk, das die Stadt – oder irgendeine Stadt der Welt – je gesehen hat. Es wird das Leben aller zwei Komma sechs Millionen, die hier leben, mit einem Schlag verbessern.“

„Dieser Graben?“

„Zwei Gräben, um genau zu sein. Wenn Ihr genauer hinseht …“

„Also wenn Sie mich fragen, sind das einfach nur zwei Furchen. Zugegeben, zwei lange.“

„Diese Furchen werden Tausende, vielleicht sogar Millionen von Leben retten.“

„Wissen Sie das mit Sicherheit? Denn meines hätten sie um ein Haar fast beendet.“

Der junge Mann in dem schlichten Mantel lachte. „Nun ja, nicht nur Eures, um ehrlich zu sein. Ich war wohl ebenfalls nahe dran.“ Seine blauen Augen funkelten.

Lady Ambervale schmunzelte. „Ich habe Ihnen noch gar nicht für meine Rettung gedankt, Mister …“

„Lockwood“, entgegnete der Mann und streckte ihr die Hand hin. „Ian Lockwood ist mein Name, persönlicher Assistent von Mister Paul Rochester, dem Leiter des Metropolitan Board of Works, der städtischen Baubehörde. Wir … wir leiten dieses Projekt.“

Lady Ambervale war von der Geste so überrascht, da sie es zeitlebens gewohnt war, ihrerseits den Handrücken anzubieten, um einen angedeuteten Kuss darauf zu empfangen, dass sie loslachte. Sie ergriff trotzdem seine Hand. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie eine Hand schüttelte, und die Geste kam ihr reichlich albern vor.

„Und, war das Ihr Plan?“, fragte sie immer noch amüsiert. „Eine Schlucht in die Straße zu schlagen, um hineinstürzende Damen davor zu retten? Was kommt als Nächstes?“

„Nur die hübschen“, entgegnete Mister Lockwood lachend. „Wärt Ihr eine alte Schachtel gewesen, hätte ich für nichts garantieren können.“

Lady Ambervale, die sich noch vor wenigen Minuten einem Anfall tiefster Traurigkeit nahe gefühlt hatte, lachte so laut auf, dass sich einige Passanten nach ihnen umdrehten. Sie schlug sich die Hand vor den Mund und betrachtete Mister Lockwood, als wäre er ein Wesen aus einer anderen Welt, und ihre plötzliche Ausgelassenheit grenzte an Übermut.

Dann fing sie sich und betrachtete ihn zum ersten Mal genauer. Er mochte gut sieben bis acht Jahre jünger sein als sie. Sein roter Haarschopf hing ihm in die Stirn, und sein Gesicht war ebenmäßig und sprühte geradezu vor wilder Lebensfreude.

Lady Ambervale fühlte die Kräfte in ihre Beine zurückkehren, rappelte sich hoch und hielt dem Angestellten nun ihrerseits die Hand hin.

„Kommen Sie, Mister Lockwood. Erzählen Sie mir mehr von Ihrer fabelhaften Baustelle.“

 

„Nun, ich …“, der junge Mann wirkte plötzlich verlegen und rieb sich den Nacken. „Sehr gerne. Ich werde für Euch einen Termin mit Mister Rochester vereinbaren. Es wird ihm eine große Freude und Ehre sein, Euch im Namen des London Metropolitan Board of Works bei einer Besichtigung alles zu zeigen, Mylady.“

„Natürlich. Oder Sie zeigen mir die Baustelle selbst – und erzählen mir alles Wissenswerte.“

„Oh, Mister Rochester ist der Leiter der Behörde. Ich kann ihn in dieser Sache unmöglich umgehen.“

„Ich verstehe“, sagte Lady Ambervale und lächelte. „Nun, vielleicht haben Sie recht. Bei der Gelegenheit kann ich ihn dann ausführlich darüber in Kenntnis setzen, dass Sie beinahe mein Leben auf dem Gewissen hätten.“

„Wie? Aber ich …“

„Selbstverständlich. Nur durch eine Fügung des Schicksals konnten Sie mich in letzter Sekunde vor dem Schlimmsten bewahren. Es war reines Glück. Ihre Baustelle ist nicht ausreichend gesichert oder gar gekennzeichnet.“ Sie streckte in einer ausladenden Bewegung die Arme und deutete auf die Hunderte Meter langen Gräben. „Sie können nicht erwarten, dass eine Lady das sieht.“

„Nicht?“ Er errötete. „Nein, natürlich nicht, Mylady. Ich bitte Euch um Entschuldigung und werde gerne einen Termin …“

„Aber ich fürchte, Ihr Vorgesetzter kann mir nicht sagen, was ich wissen will.“

„Kann er nicht?“

„Nein. Erzählen Sie mir, warum Sie von diesem Projekt so begeistert sind, Mister Lockwood. Und erklären Sie mir, wie es funktioniert – bitte.“

Wieder trat ihm die Schamröte ins Gesicht. „Selbstverständlich, Mylady. Nur bitte, erzählt Mister Rochester nichts davon.“

„Wovon? Dass Sie mich beinahe ins Jenseits befördert hätten oder dass Sie einer Adeligen an seiner Stelle eine Führung geben?“

Mister Lockwoods Mund blieb offen stehen, und Lady Ambervale prustete los. Sie hielt sich den Bauch vor Lachen, sodass sie erneut neugierige Blicke auf sich zogen.

„Nun gut“, keuchte der Angestellte und bot Ihr seinen Arm an. „Ich zeige Euch ja alles, aber bitte hört auf zu lachen.“

Lady Ambervale presste die Lippen aufeinander und grinste. „Ich denke, wir fangen am besten hier drüben an.“

Mister Lockwood wischte sich über die Stirn und führte sie einige Schritte zu einem Stapel Ziegel.

„Wir verwenden gewöhnliche Mauerziegel, aber das Geheimnis liegt im Mörtel. Mit der Hilfe von neuartigem Zement können wir ein stabiles und resistentes Mauerwerk schaffen, das selbst unter schwierigsten Bedingungen Jahrhunderte überdauern wird.“

„Das klingt bemerkenswert. Und wie viele Meter haben Sie vor zu bauen?“

„Oh, es werden wohl eher Kilometer werden, Mylady.“

Sie begannen, neben den Baugräben, deren Seiten von massiven Holzbalken gestützt wurden, herzulaufen.

„Wir arbeiten derzeit an sechs großen Hauptabwasserleitungen. Aber wenn man auch alle kleineren Kanäle hinzurechnet, ergeben unsere aktuellen Schätzungen eine insgesamte Länge von ungefähr fünfzehn- bis zwanzigtausend Kilometern an Rohrleitungen und vier neue Pumpwerke.“

„Und all diese Kanäle planen Sie unterhalb der Stadt zu errichten? Dieser ungeheure Aufwand ist nahezu unvorstellbar. Wozu das alles?“

„Wie ich schon sagte, wir planen, die Gesundheit aller Menschen grundlegend zu verbessern, indem wir die Miasmen und krankheitserregenden Gerüche aus ganz London verbannen. Die Ursache dafür sind die Abwässer. Das bestehende System von Leitungen und Kanälen ist für eine viel kleinere Stadt konzipiert und kann mit dem Wachstum der Bevölkerung nicht Schritt halten. Und die neumodischen Wassertoiletten verschlimmern das Problem sogar noch. Viele Sickergruben sind überfüllt. Allerorts steigen die Gerüche auf und verursachen Krankheiten wie die Cholera. Sogar die Themse selbst stinkt wie eine Kloake. Durch unsere neuen Kanäle werden die Abwässer unterirdisch aus der Stadt geleitet und weiter flussabwärts in die Themse übergeführt. Wenn alles fertig ist, wird es keine schlechten Gerüche mehr geben.“

„Sagten Sie Cholera?“

„Ja. Cholera, die Ruhr, Typhus und möglicherweise sogar die Schwindsucht selbst.“

„Das klingt zu schön, um wahr zu sein.“ Lady Ambervale erinnerte sich wieder an das duftende Haar ihrer Mutter und musste schlucken. „Und all das nur wegen der Gerüche?“ Sie hatte sie zuvor nicht bemerkt, doch jetzt wischte sie die Träne fort, die sich aus ihrem Augenwinkel gelöst hatte und an der Seite ihres Nasenbeins herabgekrochen war, wie eine üble Verräterin. Lady Ambervale hatte bereits früher von der gängigen Theorie der Miasmen gehört, und tatsächlich hatte sie sich über die Jahre mit unzähligen Theorien und Untersuchungen über die Entstehung von Krankheiten befasst, aber an irgendeinem Punkt hatte sie als junge Erwachsene entschieden, dass keine davon die Antworten lieferte, nach denen sie suchte.

„Und … seit wann weiß man davon? Ich meine vom Zusammenhang zwischen den Gerüchen und den Krankheiten? Wurde dieses Konzept wissenschaftlich bewiesen?“

„Das weiß ich leider nicht, Mylady. Aber ich weiß, dass es seit Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten, Überlegungen und Konzepte gibt, die Kanalisation auszubauen. Aus Kostengründen wurden sie jedoch stets verworfen.“

„Aus Kostengründen.“

Lady Ambervale starrte ins Leere. Sie wusste nicht, was sie erwartet hatte. Dennoch traf die Nachricht einen Punkt in ihrem Inneren, als hätte sie die Saite einer Violine berührt, die ihren gesamten Körper zum Vibrieren brachte.

„Ja. Und dann kam der Sommer 1858. Es war ein ungewöhnlich heißes Jahr, und die Themse bewegte sich kaum von der Stelle. Die Abwässer blieben im Flussbett gefangen und verbreiteten ihren Gestank über die ganze Stadt bis hinein in den neu errichteten Westminsterpalast, das Parlamentsgebäude, das direkt am Nordufer des Flusses sitzt. Man hatte große Sorge vor einem erneuten Choleraausbruch. Die rasche Geschwindigkeit, mit der sich die Krankheit verbreitet, und die hohe Sterblichkeitsrate machten den Menschen Angst. Viele der Parlamentarier waren bereits aus der Stadt geflohen. Und so entschied man schließlich, den Ausbau zu bewilligen – und wir konnten unsere Arbeit aufnehmen.“

Sie hatten eine Stelle erreicht, an der mehrere Gräben zusammenliefen und sie trotz der späten Stunde noch einen guten Blick über die Bauarbeiten hatten, die von der Straßenbeleuchtung erhellt wurden.

„Ich denke, von hier aus sollten wir nicht näher herangehen. Die Baustellen sind matschig, und Ihr würdet Eure Schuhe beschmutzen.“ Mister Lockwood strich sein Haar zurecht und bemerkte etwas in Lady Ambervales Gesichtsausdruck. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob Euch all das im Detail tatsächlich interessiert?“

„Ja“, sagte Lady Ambervale, und ihr Mund war nicht mehr als eine schmale, zusammengepresste Linie. „Es interessiert mich sogar sehr.“

- 3 -

Mister George Bowland

Der Morgen war kalt und dunkel, und der Nebel, der über den Straßen der Stadt hing, malte Regentropfen an die Fenster. Lady Ambervale saß beim Frühstück, während Holzscheite im Kamin knackten, und sehnte sich nach den kristallklaren Sonnenaufgängen Mittelitaliens. Sie kaute an einem Stück ihres Gebäcks.

„Ich vermisse das Meer“, sagte sie. „Die Weite. Die Klarheit. Alles hier fühlt sich so klein an, so von Menschen gemacht. Die Tage vergehen nicht, sie kriechen dahin. Schweigsam und trostlos wie Geister.“

Miss Delagore lächelte. Sie hatte in der Zeit, seit sie in Lady Ambervales Diensten stand, gelernt, mit deren Launen umzugehen. Oder zumindest hoffte sie das.

„Erinnert Ihr Euch an den Karneval in Rom?“, fragte sie, und Lady Ambervale musste schmunzeln. „Die Kostüme? Die Musik und die Ausgelassenheit?“

„Ja. Alle tanzten. Sogar die Kinder. Die Menschen feierten in den Straßen oder gaben zumindest vor, einen Grund dafür zu haben.“

„Oh, den hatten sie, Mylady. Ich denke, sie feierten das Leben. Und all das, wofür sie dankbar sind.“

„Dankbarkeit, die jedes Jahr auf den exakt selben Zeitpunkt fällt, erscheint mir nicht gerade aufrichtig. Wohl eher wie ein Vorwand.“

„Vielleicht brauchen die Menschen ab und zu einen kleinen Vorwand, um sich aufzuraffen.“

„Ja. Kaum zu glauben, dass es erst zwei Monate her ist.“ Lady Ambervale sah sich selbst, wie sie zwischen den Kindern, deren Sprache sie nicht verstand, ebenfalls zu tanzen begonnen hatte. Ein kleiner, schwarz gelockter Junge hatte sie an der Hand genommen und mit wilden Gesten aufgefordert, und sie hatte lachend angenommen. Wie weit diese Erinnerung doch zurückzuliegen schien.

„Mandy, ich danke dir für deine Worte, aber … diese Stadt um uns herum sieht deswegen kein bisschen fröhlicher aus. Alles hier wirkt so außerordentlich kalt und geschäftsmäßig.“

Miss Delagore errötete, weil sie bei dem Versuch, ihre Herrin aufzuheitern, ertappt worden war, und Lady Ambervale musste plötzlich schmunzeln, während sie mit dem Löffel in ihren Bohnen stocherte. Sie musste an Ian Lockwood denken. Hatte in seinen Augen nicht dieselbe Lebensfreude geleuchtet wie in den Augen des kleinen, italienischen Jungen? Er war aufgeweckt und charmant gewesen und witzig und so begeistert von seiner Aufgabe, an diesem Projekt mitzuwirken – und ausgerechnet eines, das sich mit Abwässern und den Ausscheidungen der Menschen befasste. Was für eine kuriose Beschäftigung.

„Aber weißt du, vielleicht hast du recht.“ Sie schob einen Löffel ihrer Baked Beans in den Mund. „Vielleicht gibt es auch hier Menschen, die nicht nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind. Die an etwas Größeres glauben als nur ihren eigenen Profit. Wenngleich sie auch deutlich schwerer zu finden sind.“

„Ja, vielleicht“, sagte Miss Delagore und lächelte in sich hinein. „Wisst Ihr, ob wir Lord Calvert heute zum Lunch erwarten dürfen?“

Lady Ambervale ließ ihren Gedankengang fallen.

„Nein, ich denke nicht.“ Sie grübelte. „Wobei wir nichts Konkretes besprochen haben, also vielleicht. Bitte, sei so gut und bereite alles vor.“

„Sehr wohl, Mylady. Ich hatte für heute an einen Braten gedacht. Vielleicht Lamm?“

Lady Ambervale war sich ihrer privilegierten Stellung durchaus bewusst, und dennoch dienten ihr viele Mahlzeiten lediglich als ein Mittel zur Nahrungsaufnahme. Sie aß, wenn sie hungrig war, und beachtete selten die Nuancen der jeweiligen Speise, ob es sich nun um einen gediegenen Braten oder einen einfachen Eintopf handelte, obgleich sie wusste, dass Miss Delagore eine ausgezeichnete Köchin war. Falls Lord Calvert tatsächlich zu Besuch käme, würde er sich über einen von Mandys Braten bestimmt freuen.

„Lamm wäre schön. Danke, Mandy“, antwortete sie schließlich, und Miss Delagore nickte, bevor sie sich zurückzog und an die Arbeit machte.

***

„Und dann erzählte er mir von den Errungenschaften im Ausbau der Bahnstrecken und den neuen Möglichkeiten, die sich daraus ergeben.“

Lord Calvert war tatsächlich zu Besuch gekommen und genoss jeden einzelnen Bissen des schmackhaften Bratens.

„Ich liebe deine Haushälterin.“

„Ja, Mandy ist etwas ganz Besonderes. Ich werde ihr erzählen, welche Freude du hattest. Das heißt also, deine Gespräche mit Lord Blackwell waren erfolgreich?“

„Sie sind ein Anfang. Er erzählte mir über einige seiner Projekte und Gesellschaften, an denen er beteiligt ist, und über Pläne, das Eisenbahnnetz über die gesamten britischen Inseln auszubauen. Er sprach von den nie da gewesenen Möglichkeiten, die dadurch für die Industrie und die Menschen geschaffen würden.“

Lady Ambervale rümpfte die Nase. „Er will vermutlich Geld.“

Lord Calvert blickte kauend auf. „Er sucht nach Investoren, ja. Und er hat gute Argumente. Je schneller der Ausbau voranschreitet, desto eher lassen sich über Transportverträge Profite erwirtschaften. Die Eisenbahn wird schnellere und günstigere Möglichkeiten bieten, Güter über das ganze Land zu transportieren, als jemals zuvor. Lord Blackwell hat dabei vor allem den Transport von gewaltigen Mengen Kohle im Sinn, die die Industrie dringend braucht. Jede einzelne Maschine verfügt über einen Kessel, der befeuert werden will. Der herkömmliche Transport über Kanäle ist langsam und teuer.“

„Du klingst schon wie sein Vertreter.“

Lord Calvert hielt inne. „Es tut mir leid, wenn ich dich verärgert habe. Ich hätte dich gestern Abend begleiten sollen. Bitte verzeih mir.“

„Ich bin nicht verärgert. Ich komme sehr gut allein zurecht.“

„Das weiß ich doch. Ich hoffe, du hattest dennoch einen schönen Abend?“

„Ja. Ich habe einen Spaziergang gemacht und bin dann nach Hause gefahren. Das Stück war … sehr schön. Ich habe viel darüber nachgedacht.“

Lady Ambervale wusste nicht, warum sie ihm ihre Begegnung mit Ian Lockwood verschwieg. Nun, eigentlich wusste sie es sehr genau, sie wollte Lord Calvert nichts von ihrem Beinahe-Sturz in den Baugraben erzählen, weil er sich dann wieder Sorgen um sie gemacht hätte, und sie hasste beinahe nichts so sehr, wie wenn sich jemand um sie sorgte. Es gab ihr das Gefühl, wieder ein kleines Mädchen zu sein, dem man nichts zutraute. Und darüber hinaus stand es ihm nicht zu, sich um sie zu sorgen. Das hätte ausschließlich ihren Eltern zugestanden, aber ihre Mutter war verstorben, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war, und ihr Vater hatte sie allein großgezogen, bis er vor wenigen Jahren ebenfalls verstorben war. Ihr Vater hätte ihr niemals das Gefühl gegeben, ihr nichts zuzutrauen. Im Gegenteil. Er war stets ihr größter Unterstützer gewesen, hatte ihr beigebracht, ihre eigenen Ziele zu verfolgen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen und sich die Dinge, die sie interessierten, selbst anzueignen – aus Büchern oder eigenen Studien, egal, ob man sie an Universitäten zulassen würde oder nicht. Für Lady Ambervale waren diese Institutionen keine Bildungseinrichtungen, sie waren ein Mittel, sie zu kontrollieren, ihr Dinge zu verwehren, allein aus dem Grund, weil sie eine Frau war.

„Das freut mich“, brabbelte Lord Calvert ungeachtet ihrer Gedankengänge, von denen er nichts mitbekam.

„Ja. Mich auch“, sagte sie, ohne zu wissen, was ihn freute, und beschloss, das Thema zu wechseln. „Und wie geht es nun weiter? Du wolltest ihn treffen, und nun habt ihr euch ausgetauscht.“

„Lord Blackwell hat angeboten, mir einige der neu errichteten Streckenabschnitte persönlich zu zeigen. Wir besichtigen neue Transportgarnituren, die Verladestellen … Vieles davon befindet sich erst in der Entstehung oder im Umbau. Diese Aufbruchsstimmung ist höchst inspirierend. Stell dir nur vor, was damit …“

Lady Ambervales Gedanken begannen erneut zu ihren Gesprächen mit Mister Lockwood abzudriften und klammerten sich an etwas, das er gesagt hatte. „Allerorts steigen die Gerüche auf und verursachen Krankheiten wie die Cholera.“ Erneut schnürte sich Lady Ambervale die Kehle zu, die Gabel mit dem Stück Lammbraten darauf musste sie zurück auf den Teller legen.

„Lydia? Ist alles in Ordnung?“

„Ja.“ Sie nickte. „Ich … habe nur zu schnell gegessen, das ist alles.“ Sie hasste es, zu lügen, hasste es, zu heucheln, hasste es, in diese Situation gebracht worden zu sein, durch seine bloße Gegenwart.

„Das heißt, ich werde einige Tage nicht in der Stadt sein. Aber wenn du mich hier brauchst …“

„Nein.“ Sie biss sich auf die Lippen. „Nein, es ist gut. Sieh dir die Dinge an und …“

„Möchtest du mich begleiten?“

„Richard, ich denke nicht, dass … ich denke, ich wäre nur eine unnötige Ablenkung. Und es wird mir guttun, ein wenig allein zu sein – ohne all die Menschen da draußen. Kümmere dich um deine Geschäfte, und wenn du zurück bist, erfreue ich mich an deinen Erzählungen davon.“

Lord Calvert nickte und lächelte. Lady Ambervale wusste nicht, mit welcher Antwort er gerechnet hatte, aber ihre Zustimmung war ihm offenbar wichtig gewesen.

„Ich freue mich bereits auf meine Rückkehr“, sagte er.

„Ja. Ich mich auch.“

***

„Die Cholera.“ Die Worte drehten sich in ihrem Kopf, verbanden sich zu etwas Grauenerregendem. Zu etwas, das Kindern ihre Mütter raubte und sie nie wieder fortließ. Als kleines Mädchen hatte sie oft versucht, dieses undefinierbare, unsichtbare Monster zu zeichnen, ihm ein Gesicht zu geben, und zeit ihres Lebens hatte dieses Monster viele Gesichter gehabt. Aber keines davon hatte jemals so gewirkt, als hätten einfache Menschen eine Chance, dagegen anzukämpfen. Übermächtig und gefühllos war es gewesen und labte sich am Schmerz der zurückgelassenen Kinder und Väter. Und dann hatte da plötzlich ein junger Mann gestanden, an ihrer Seite, und ihr seine Hand hingestreckt.

„Kommst du, Lydia?“

Sie blickte zu seinem lächelnden Gesicht hoch und nahm seine Hand.

„Weißt du, gemeinsam können wir es besiegen. Wir tilgen es vom Antlitz dieser Welt, auf dass nie wieder Kinder ohne ihre Mütter aufwachsen müssen.“

„Tatsächlich?“

Lydia blickte auf die schrecklichen Zeichnungen zu ihren Füßen, die an manchen Stellen von getrockneten Kindertränen gewellt waren.

„Ja“, sagte sie und wischte sich über die Augen. „Wir werden es fortjagen.“

Der Mann mit dem roten Haarschopf nickte und schritt mit ihr voran, und sie konnte das Lächeln ihrer Mutter über ihnen fühlen wie die Strahlen der Sonne auf ihrer Haut.

 

Lady Ambervale erwachte mit einem Ruck. In ihrem Zimmer herrschte tiefschwarze Nacht. Die Läden waren geschlossen und die Vorhänge zugezogen. Sie wollte weder die Geräusche noch die Lichter der Stadt in ihre Räume dringen lassen, nicht auch noch nachts. Sie betastete ihr Gesicht und ihr Kissen, und beides war nass von einer Mischung aus Schweiß und Tränen. Ihre Augen brannten, und sie fror, obwohl sie schwitzte.

Lady Ambervale setzte sich aufrecht hin, trocknete ihre Wangen und zog die Decke hoch bis zum Hals. Sie wusste nicht, wie spät es war, fühlte sich zugleich erschöpft und aufgekratzt. Lange schon hatte sie nicht mehr wegen ihrer Eltern geweint. Sie hatte früh gelernt, diese Gefühle zu unterdrücken. Wenn man sie zeigte, wurden die Menschen um einen herum anstrengend – neugierig und aufdringlich. Sie hefteten sich an einen in ihrem Drang, nützlich sein zu wollen, überschütteten einen mit ihren eigenen Bedürfnissen, heischten nach Bestätigung, dass ihre ach so guten Taten etwas bewirkten und hilfreich waren. Aber das waren sie nicht. Sie waren eine Belastung. Der Einzige, der möglicherweise etwas bewirken konnte, war Ian Lockwood mit seinem Projekt, das eigentlich nicht sein Projekt war, sondern das der Londoner Baubehörde. Aber in ihren Gedanken war es seines. Sie nahm sich vor, es besser zu verstehen und es möglicherweise finanziell zu unterstützen, falls nötig. Sie wollte dabei sein, wollte dem Monster ins Gesicht schauen und zusehen, wie es unterging, wie es in den Wassern der Themse fortgespült wurde. Sie wollte seine Augen sehen, wenn es begriff, dass es verloren hatte.

Lady Ambervale rappelte sich hoch, machte Licht an und kritzelte einige Notizen auf ein Blatt Papier, das auf ihrer Kommode lag. Auch auf ihrem Schminktisch lagen Papiere und Bücher verstreut sowie einige Bücher auf ihrem Nachttisch. Man hätte meinen können, sie mochte keine leeren Oberflächen. Aber dem war nicht so. Sie mochte lediglich Bücher mehr.

***

Mister George Bowland war ein stattlicher Mann in seinen mittleren Vierzigern, glatt rasiert – mit der Ausnahme seiner buschigen Koteletten – und mit einer angenehmen, nicht übertriebenen Note von Parfum. Sein Haar war frisch gekämmt, und auf seiner Nase saß eine Brille mit halben Gläsern, über deren Rand hinweg er sie sogleich erspähte.

„Guten Tag, Lady Ambervale. Wie schön, dass Ihr uns wieder beehrt.“

„Mister Bowland.“

„Was kann ich Gutes für Euch tun? Benötigt Ihr frische Lektüre? Die neuesten wissenschaftlichen Abhandlungen? Wie gefiel Euch Darwin? Ich hätte da ein anderes sehr populäres Werk, das Euch interessieren könnte, eine Übersetzung aus der Feder von Mary Somerville, eine Abhandlung über die Himmelsmechanik von Laplace. Wusstet ihr, dass sie eine der wenigen Frauen ist, die in die Royal Astronomical Society aufgenommen wurde?“

Lady Ambervale, die die geschäftsmäßige Freundlichkeit des Mannes als angenehm empfand, weil sie die nötige Distanz wahrte, war froh über die Gelegenheit, sich über ihre Leidenschaft für Bücher und die Wissenschaft austauschen zu können, ohne Gefahr zu laufen, persönliche Fragen beantworten zu müssen. In einer Runde mit anderen Ladys des Londoner Adels wäre dies niemals möglich gewesen – weshalb sie deren Gesellschaft mied und auch ihre gelegentlichen Einladungen, die sie lediglich aus geheuchelter Höflichkeit sandten, geflissentlich ignorierte.

„Nein, das wusste ich nicht. Darwins Buch war erfrischend und neu, und seine Sichtweisen über die Evolution und die Entstehung der Arten aufwühlend. Ich verstehe, warum manche Menschen darüber in Streit geraten und ihn sogar als Ketzer brandmarken, obwohl ich selbst nicht so empfinde – im Gegenteil. Ich bewundere seinen Mut. Ich habe es mehrmals von vorn bis hinten gelesen, und immer wieder muss ich meine Gedanken darüber zu Papier bringen und bestimmte Passagen erneut lesen.“

Mister Bowland gluckste. „Oh, da würde es Euch mit Laplace bestimmt ganz ähnlich gehen, Mylady. Es ist ein überaus anspruchsvolles Buch – in fünf Bänden. Und auch ihm unterstellt man einen gewissen Atheismus.“

„Tut man das nicht immer, wenn die Wissenschaft Fortschritte macht?“

Der Buchhändler schmunzelte. „Das mag sein.“

 

Lady Ambervale suchte den kleinen Buchladen an der Piccadilly seit vielen Jahren nahezu wöchentlich auf. Schon als kleines Mädchen hatte sie ihren Vater oft hierher begleitet. Damals hatte noch Mister Joseph Bowland die Buchhandlung betrieben, Georges’ Vater, bevor sein Sohn Jahre später das Geschäft übernommen hatte. So waren sie sozusagen beinahe zusammen aufgewachsen, auch wenn er gut zehn Jahre älter war als sie. Lady Ambervale betrachtete den Laden fast wie einen Teil ihres Zuhauses. Vielleicht lag es an den Erinnerungen an die gemeinsamen Besuche mit ihrem Vater, dass sie so gerne hier war. Sie mochte das dunkle Holz der Regale, von denen jedes seine eigene Geschichte erzählte und in denen die Bücher in Reihen standen und in schier endlosen Stapeln übereinanderlagen. Sie liebte den Geruch des Papiers und sogar die Schaufenster, die von zahlreichen Holzleisten in immer kleinere und kleinste Rechtecke geteilt wurden. Als Kind hatte sie durch jede einzelne dieser Scheiben hindurchschauen müssen, weil sie sich ständig fragte, was es wohl hinter der nächsten zu entdecken gab.

Es hatte sie immer fasziniert, wie Mister Bowland in all dem Durcheinander an Büchern den Überblick bewahrte, denn jede noch so kleine Ecke des Ladens war mit Druckwerken ausgefüllt.

„Oh, es ist nur für denjenigen ein Durcheinander, der die innere Ordnung nicht versteht.“ Er hatte an seinen Koteletten gezupft. „Aber da ich zu einem großen Teil der Verursacher des Übels bin, finde ich mich ganz gut darin zurecht – die meiste Zeit jedenfalls.“

Sie hatten beide gelacht.

 

„Nein, ich denke, Laplace ist nicht das, wonach ich gerade suche“, sagte Lady Ambervale. „Auch wenn es durchaus spannend klingt. Haben Sie vielleicht neuere Studien über die Cholera?“

Der Mann warf die Stirn in Falten und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

„Ihr meint medizinische Abhandlungen?“

„Ja, über die Epidemien der letzten Jahrzehnte, die Ursachen, Miasmen oder das Abwassersystem?“

„Lady Ambervale, ich bin mir nicht sicher, ob ich Euer Anliegen verstehe, aber seid versichert, dass ich jedes Buch für Euch beschaffen werde, das man in London nur finden kann.“

„Ich suche nach Büchern, die die Zusammenhänge erkunden.“

Mister Bowland hatte angefangen, sich Notizen zu machen, und sie sah ihm an, dass er zeitgleich darüber nachdachte, welche passenden Werke er in seinem Laden haben könnte. Er schob seine Brille zurück auf den Nasenrücken.

„Nun, Mylady, ich muss zugeben, dass wir derlei Anfragen nicht gerade oft in unserem Laden haben.“ Er grinste. „Aber meine Neugier ist geweckt.“

Sie schaute ihn an und musste ebenfalls lächeln, bis sie sich an jene Phase wilder Verliebtheit erinnerte, die sie als Dreizehn- oder Vierzehnjährige für den damals jungen Mann empfunden hatte, der von demselben Entdeckergeist beseelt war wie sie. Der gebildet, intelligent und stets höflich und zuvorkommend war und dieselbe Leidenschaft teilte. Der sich mit ihr durch den zweistöckigen Dschungel aus Büchern und Abhandlungen kämpfte wie ein Tropenforscher, bis er mit an der Stirn klebenden Haarsträhnen und halb aus der Hose gerutschtem Hemd einige Werke zu dem gewünschten Thema präsentieren konnte, schwer atmend und mit leuchtenden Augen.

Lady Ambervale errötete bei der Erinnerung daran und an die Briefe, die sie ihm zu jener Zeit heimlich geschrieben, aber niemals überreicht hatte. Sie hatte jeden einzelnen davon bestimmt Hunderte Male gelesen, bevor sie sie jedes Mal weinend in den Kamin geworfen hatte. Auch damals war ihr bereits klar gewesen, dass der junge Mister Bowland in einer völlig anderen Welt lebte als sie. Er war weder Adeliger, noch genoss er sonst irgendwelches Ansehen. Er war ein einfacher Buchhändler und würde es auch immer bleiben – unerreichbar hinter einer jener unsichtbaren Barrieren, die ihre Welt bestimmten. Sie lebte in einem Gefängnis aus unsichtbaren Gitterstäben.

„Gebt mir ein paar Tage“, sagte der Buchhändler, als er von seinen Notizen aufblickte. „Ich werde sehen, was ich für Euch finden kann.“

- 4 -

Doktor John Snow

Wenige Tage später fand Lady Ambervale ein in braunes Papier gewickeltes Päckchen auf dem Schreibtisch ihres Arbeitszimmers, das Miss Delagore zusammen mit der Post hereingebracht haben musste.

„Mandy.“

„Ja, Mylady?“

„Weißt du, was das hier ist?“

„Nein, Mylady. Ein Herr hat es heute Morgen für Euch abgegeben. Er sagte, er habe es unbedingt selbst bringen wollen, um keine Zeit durch den Postversand zu verlieren.“

„Und du hast ihn nicht gefragt, was es ist?“

„Nein, Mylady. Ich fand, dass es mich nichts angeht. Ich bitte Euch um Verzeihung, falls das falsch war.“

„Nein, Mandy, es ist gut, danke.“

Lady Ambervale öffnete das Päckchen und fand darin drei Bücher sowie eine beigelegte Karte.

„Mit den allerbesten Grüßen, G. B.“

Sie überflog die Titel der Abhandlungen, darunter die eines Arztes – eines gewissen Doktor John Snow –, der die Choleraausbrüche im Londoner Stadtteil Soho vor einigen Jahren zum Thema hatte. Lady Ambervale biss sich auf die Lippe.

„Mandy, wir werden Tee brauchen. Viel Tee.“

„Sehr wohl, Mylady.“

Sie setzte sich in den Polsterstuhl vor ihrem Kamin, legte einige Blätter Papier und ihre Feder zurecht und schlug das Buch auf.

 

Als sie aus den Tiefen ihrer Arbeit wieder auftauchte und sich die Augen rieb, war es bereits später Abend. Lady Ambervale erkannte es an dem donnernden Rauschen der Stadt, das bei Dämmerung zu einem Murmeln und nachts endlich zu einem Flüstern verkümmerte, nur stumm – völlig stumm – wurde es nie. Die Adelige streckte ihren Rücken und ihre Beine, während ihr Gehirn noch immer damit beschäftigt war, die Myriaden von Informationen zu verarbeiten in dem Versuch, jede einzelne Silbe abzuspeichern – in dem Bestreben, keine einzige davon zu verlieren. Der Prozess glich dem langsamen Erwachen aus einem Traum, der bis in die frühen Morgenstunden nachwirkte, mit manchen Bildern, die ihr noch vor Augen standen.

Lady Ambervale erhob sich, lief ein wenig im Zimmer auf und ab und wusste, dass sie mit ihrer Arbeit noch lange nicht fertig war. Sie wollte einen Brief an Mister Lockwood schreiben und einen an Mister Bowland, und für den Bruchteil einer Sekunde fragte sie sich, ob sie ihm diesen senden oder ihn doch wieder den Flammen überantworten würde – und das obwohl es sich um ein einfaches Dankesschreiben handelte. Lady Ambervale schüttelte den Kopf.

Sie hatte den gesamten Tag mit dem Studium der drei Abhandlungen verbracht, sich immer wieder Notizen gemacht und Passagen neu gelesen, hatte ihr Mittagessen kaum angerührt, und auch das Abendessen befand sich unangetastet unter einer Glocke. Vor ihrem großen Schreibtisch auf und ab marschierend, dachte sie über die Zeilen nach, die sie schreiben wollte, und las die wenigen, die sie bereits zu Papier gebracht hatte, erneut.

„Mandy?“

Sie lauschte in das finstere Haus. Vor den Fenstern ihres Arbeitszimmers war die Nacht hereingebrochen, und mit dem Verschwinden des Sonnenlichts war es kalt geworden, obwohl die Tage im April mittlerweile merkbar länger und wärmer geworden waren. Sie warf ein paar Holzscheite in den Kamin, doch im Haus blieb es still. Hatte Miss Delagore sich bereits auf den Heimweg gemacht? Hatte sie ihr nicht Bescheid gesagt? Lady Ambervale wusste es nicht. Sie verließ das Zimmer, ging in den Salon, in dem sie für gewöhnlich ihre Mahlzeiten zu sich nahm, spähte unter die Abdeckung und schob sich drei Löffel Stampfkartoffeln in den Mund. Sie waren kalt, aber das kümmerte sie nicht.

„Mandy?“

Lady Ambervale durchschritt das Haus, betrat die Küche und die Räume für die Bediensteten, die seit Jahren kaum genutzt wurden, da Miss Delagore mit Ausnahme des Gärtners und Handwerkers Mister O’Learey ihre einzige Angestellte war, und warf irgendwann im Flur einen Blick auf die Standuhr. Die kunstvoll gearbeiteten Messingzeiger zeigten halb drei morgens an, während das Pendel hin und her schwebte.

Lady Ambervale verspürte keine Müdigkeit, bemerkte aber nun, dass ihre Augen brannten und ihr Magen knurrte. Manchmal waren ihr ihre körperlichen Bedürfnisse, die sie in naturgewollte Bahnen zwangen, zuwider. Sie machte sich trotzdem auf den Weg zurück in den Salon, aß geschmorte Karotten und Stampfkartoffeln und setzte sich erneut an die Zeilen ihrer Briefe, während die Nacht vor den Fenstern die langersehnte Ruhe mit sich brachte.

***

Als Miss Delagore das Anwesen betrat, machte sie wie jeden Morgen im Herd der Küche Feuer an. Zum einen, um den Raum zu heizen, und zum anderen, weil sie nicht nur Lady Ambervales Haushälterin war, sondern zugleich auch ihre Köchin, ihr Dienstmädchen und gelegentlich auch ihre Vertraute. Sie war eine der wenigen Personen, deren regelmäßige Gesellschaft die Lady ertrug, ohne die Flucht ergreifen zu wollen. Und letzten Winter war sie sogar ihre Reisebegleiterin gewesen.

Während das Feuer im Herd zu knistern begann, erinnerte sich Miss Delagore an ihre fantastische Reise durch Mittel- und Südeuropa, von der sie zuvor nie zu träumen gewagt hätte. Sie lebte mit ihren Eltern und ihren jüngeren Geschwistern unter einfachsten Verhältnissen in einem kleinen gemieteten Zimmer im East End. Ihr täglicher Weg führte sie vorbei an Slums und Scheunen, die als Unterkünfte genutzt wurden, an Menschen, die in Gassen schliefen und dort nach Essensresten suchten, die weder ein Dach über dem Kopf noch sonst irgendwelchen Besitz hatten, abgesehen von ein paar Münzen in ihren Taschen – und manchmal nicht mal die. An Kindern, die an den Straßenecken Knöpfe, Stofftaschentücher und andere Dinge zu verkaufen versuchten, die sie bei ihren Streifzügen durch die Stadt gefunden hatten.

Miss Delagore wusste, wie das Leben in den Armenvierteln aussah und von welchen Orten sie sich nachts besser fernhielt. Und gerade deswegen kam ihr die Erinnerung an jene Reise vor wie ein absurder Traum. Sie hatte mit Lady Ambervale, Lord Calvert und einigen seiner Bediensteten Städte wie Paris, Florenz, Venedig und Rom besucht. Sie hatten längere Zeit in Neapel verbracht und Ausflüge ans Meer unternommen. Sie hatte abgelegene Fischerdörfer kennengelernt, war barfuß im Sand gelaufen, der selbst im Winter noch angenehm kühl, aber keineswegs kalt gewesen war. Sie hatte ihre Fußspitzen in die flüsternde Meeresbrandung gestreckt. Auf den Märkten hatten sie Trauben, Obst und Gemüse gekauft, Käse, Speck, Würste und Wein. Umso mehr schmerzte sie nun der Anblick jener Straßenkinder, die niemals wissen würden, wie Trauben schmeckten oder wie der Ozean rauschte, und die Tatsache, dass sie nichts tun konnte, um deren Leid zu mindern.

Ein Holzscheit im Ofen machte ein knallendes Geräusch, und Miss Delagore schreckte hoch. Sie sah die beiden Briefe auf dem Küchentisch und seufzte. Seit ihrer Rückkehr nach London hatte sich das Verhältnis zu ihrer Arbeitgeberin allmählich wieder geändert. Lady Ambervale hatte sich nach und nach zurückgezogen und wieder den einsamen Lebensstil angenommen, den sie in den Jahren davor gepflegt hatte. Manchmal fragte sich Miss Delagore, ob diese Stadt tatsächlich ein guter Ort für ihre Herrin war, und wusste zugleich, dass es ihr nicht zustand, sich darüber eine Meinung zu bilden oder sie gar darauf anzusprechen. Sie sah die lachende, beschwingte Adelige vor ihren Augen, die mit Lord Calvert über die Plätze und Märkte der italienischen Städte schlenderte und barfuß über Strände lief, und ihr Blick fiel erneut auf die beiden Schreiben. Miss Delagore verstand, dass Briefeschreiben die Art der Lady war, mit der Außenwelt zu kommunizieren und dabei den Kontakt so gering wie möglich zu halten. Es war ihre Methode, die Welt auf Abstand zu halten. Dieser Wandel war schneller vonstattengegangen, als Miss Delagore erwartet hatte. In Wahrheit hatte sie sogar gehofft, dass ihre Herrin vielleicht einen Weg gefunden hatte, ihren solitären Lebensstil gänzlich aufzugeben.

Die Haushälterin betrachtete die beiden Namen auf den Umschlägen und überlegte, ob sie sie zur Post tragen oder selbst überbringen sollte. Ein Spaziergang würde ihr guttun und die Gelegenheit geben, auf andere Gedanken zu kommen. Das erste Schreiben an einen gewissen Mister Lockwood war an die Adresse des Metropolitan Board of Works gerichtet, das zweite an Mister Bowland, einen Buchhändler ganz in der Nähe, den sie von gelegentlichen Botengängen kannte. Miss Delagore beschloss, die Briefe zur Post zu bringen und sich nicht weiter in die Angelegenheiten ihrer Herrin einzumischen. Die Tatsache, dass sie nicht die geringste Idee hatte, warum Lady Ambervale an die Londoner Baubehörde schreiben sollte, war nun sogar noch verwirrender als die allmähliche Rückkehr ihrer Herrin zu ihren alten Verhaltensweisen.

 

Später, nachdem Miss Delagore das Mittagessen in den Salon gebracht und Lady Ambervale Bescheid gesagt hatte, machte sie einen Spaziergang durch den Garten. Sie hatte selbst eine Kleinigkeit gegessen und hatte nun doch eine Idee gehabt, wen sie möglicherweise um Rat fragen konnte, wobei ihre Chancen, dabei auf Wohlwollen zu stoßen, verschwindend gering waren. Der Garten des Anwesens war weitläufig und bei all den Mühen, die der Gärtner Mister O’Learey in dessen Pflege steckte, dennoch nicht annähernd in dem Zustand, in dem er hätte sein können. Viele der Bäume und Sträucher waren verwildert, auf einigen Wiesen stand das Gras kniehoch, und Wildblumen wuchsen in den unterschiedlichsten Farben und Formen. Miss Delagore wusste, dass andere Adelige sich darüber empört hätten, wenn sie den Garten so gesehen hätten, sie selbst fand aber, dass er gerade durch seine Natürlichkeit zu einem ganz besonderen Ort wurde. Sie liebte es, die unterschiedlichen Pflanzen und Tiere darin zu bewundern. Schmetterlinge und Bienen flatterten von Blüte zu Blüte, während irgendwo in einem Baum ein Specht klopfte und zwei Enten ihre gemächlichen Bahnen über den Teich zogen. Es war ein Ort der Ruhe in dieser ansonsten so hektischen Millionenstadt, und dennoch war sie sich nicht sicher, ob Lady Ambervale hier tatsächlich Frieden fand.

Miss Delagore lief den Kiesweg entlang zu den Stallungen. „Mister O’Learey? Sind Sie da?“

Der gebückte Mann mit dem weißen Haarschopf und dem struppigen Backenbart füllte gerade eine Schubkarre mit Heu und wischte sich mit einem Tuch über die Stirn.

„Miss Delagore.“ Er kniff die Augen zusammen.

„Guten Tag“, sagte sie und lächelte. „Haben Sie heute schon zu Mittag gegessen?“

Als der Gärtner, der zugleich Stallbursche und Handwerker war, weiterhin schwieg und blinzelte, sprach Miss Delagore weiter.

„Ich habe noch ein Stück vom Braten, den ich gestern für die Lady gemacht habe. In letzter Zeit … Nun, ich denke, ich habe viel zu viel gekocht. Haben Sie Hunger?“

Der Alte brummte. „Hatte bereits ein Sandwich, danke.“

„Nun, ich kann es Ihnen für den Abend anrichten. Soll ich Ihnen eine Portion vorbeibringen?“

Mister O’Learey wirkte immer noch skeptisch. Er schien auf den Haken zu warten, auch wenn es nicht ungewöhnlich war, dass Miss Delagore ihm Essen vorbeibrachte, aber er erkannte wohl, dass sie etwas auf dem Herzen hatte – auch wenn sie nicht so recht schlau daraus wurde, wie ein mürrischer Mann wie er, der kein Interesse an anderen Menschen zu haben schien, überhaupt etwas davon bemerken konnte. Sie beschloss, dass sie ihn ebenso gut darauf ansprechen konnte.

„Wissen Sie, die Lady isst in letzter Zeit sehr wenig, und ich dachte mir … nun, vielleicht ist Ihnen in den letzten Tagen etwas an ihr aufgefallen? Eine Veränderung?“

Der Alte schwieg und musterte sie immer noch.

„Ich denke.“ Für eine lange Zeit schien es das Einzige zu sein, was er zu sagen hatte. „Sie müssen sich keine Sorgen um sie machen. Sie ist hier aufgewachsen. Und bis zu jener Reise war sie noch nie lange von hier fort. Vielleicht braucht sie nur etwas Zeit, um sich wieder einzuleben.“

„Ja, das kann sein.“

„Und ich denke, dass wir unsere Nasen nicht in die Angelegenheiten der Lady stecken sollten.“

„Ich weiß, ich weiß. Es ist nur … sie wirkt in letzter Zeit so abwesend. Und sie schreibt wieder Briefe.“

„Briefe, ja?“ Der Gärtner seufzte und wischte sich über die Stirn. „Hören Sie, ich glaube nicht, dass uns das etwas angeht. Und ich kann nun wirklich nichts Besorgniserregendes daran erkennen, dass sie Briefe schreibt.“

„Vielleicht haben Sie ja recht. Sie ist nur so – unnahbar.“

Mister O’Learey grunzte.

„Sollte mir etwas auffallen, sage ich Ihnen Bescheid.“

„Danke. Ich danke Ihnen.“

Sie machte sich wieder auf den Weg zurück zum Anwesen, als Mister O’Learey ihr hinterherrief.

„Miss Delagore.“

„Ja?“

„Achten Sie nur darauf, dass sie nichts davon merkt. Sie mag es nicht, wenn man sich um sie sorgt.“

„Ja, ich weiß.“

Der Gärtner hatte sich bereits wieder umgedreht, und Miss Delagore blickte erneut zu dem Anwesen hinüber. Ja, es würde schwer werden, sich nichts anmerken zu lassen, denn die Veränderung in ihrer Herrin beunruhigte sie zutiefst.