Kapitel 1
Fassungslos sah Svenja zu, wie ihr Freund Tim seinen Rucksack öffnete, wahllos einige Kleidungsstücke aus dem Schrank nahm und hineinstopfte. T-Shirts, Socken, Unterhosen verschwanden zusammen mit ihrer Hoffnung auf ein gemeinsames Wochenende zu zweit.
„Du meinst das wirklich ernst, oder?“ Sie wusste nicht, ob sie ihn vor Zorn anschreien oder vor Verzweiflung in Tränen ausbrechen sollte. „Dieser Angelausflug mit deinen Kumpels ist dir wichtiger, als mal wieder in aller Ruhe etwas mit mir zu unternehmen? Es ist eine Ewigkeit her, dass nur wir beide …“
Endlich richtete er sich auf und sah sie an. „Wie sich das anhört! Du übertreibst wie immer maßlos. Sonntagabend bin ich zurück, und dann gehen wir gemeinsam richtig schön essen, okay?“
Aufgewühlt fuhr sich Svenja durchs Haar. „Und wie immer scheinst du nicht zu verstehen, was ich meine. Es geht mir nicht um einen Restaurantbesuch, sondern um gemeinsame Zeit nur für uns. Merkst du nicht, dass unsere Beziehung den Bach runtergeht, Tim? Wenn du nicht arbeitest, bist du nur noch mit deinen Freunden unterwegs. Zum Angeln oder weiß der Teufel, wo.“
Empört fuhr Tim auf. „Was soll das denn schon wieder heißen? Ich habe dir schon …“
Mit einer Handbewegung brachte Svenja ihn zum Schweigen. „Ich möchte dir dein Hobby überhaupt nicht nehmen. Aber es ist wichtig, dass wir uns auch Zeit für uns nehmen. Als Paar. Vielleicht eine Reise …“
„Das machen wir auch noch. Dafür muss ich aber erst einmal Urlaub bekommen, das weißt du doch. Wir sind auf Monate ausgebucht, unser Meister gibt momentan niemandem frei.“ Tim arbeitete als Kfz-Mechatroniker in einer Autowerkstatt. „Und deshalb sind diese kleinen Auszeiten für mich so wichtig. Einfach Ausspannen mit meinen Freunden. Weder über die Arbeit noch über Konflikte nachdenken müssen.“
„Das möchte ich doch auch“, warf Svenja ein. „Zusammen mit dir!“
Tim seufzte hörbar genervt. „Ich weiß ganz genau, dass du dann bald wieder damit anfängst, irgendwelche Probleme zu wälzen. Das machst du jedes Mal. Darauf hab ich echt keinen Bock!“
„Wir leben aneinander vorbei, Tim. Ich wünsche mir, dass wir wieder so glücklich werden, wie wir es damals waren.“ Svenja lief hinter Tim her, während er durchs Zimmer ging und restliche Sachen in seinen Rucksack legte. Warum verstand er bloß nicht, was sie meinte? Wie wichtig es ihr war?
Er richtete sich auf und sah sie an, mit unbewegter Mimik. „Svenja, wir sind seit über zehn Jahren zusammen. Da ist keine Beziehung mehr taufrisch. Und jeder braucht einen gewissen Freiraum. Hör zu, ich muss jetzt los. Wir reden, wenn ich wieder zurück bin, okay?“
Verstimmt hob sie die Schultern. „Mal sehen, ob ich dann noch Lust dazu habe.“
Es war Freitagabend. Somit dauerte es volle zwei Tage, bis Tim zurückkam. Wieder einmal lag ein – abgesehen von ihrer Arbeit – einsames Wochenende vor ihr. Das passierte seit Monaten auffallend häufig.
„Sei nicht sauer.“ Tim warf ihr einen knappen Blick zu, ehe er sich erneut seinem Gepäck widmete. „Ich brauche dieses Wochenende für mich.“ Damit warf er sich seinen Rucksack über die Schulter.
„Und ich brauche dich!“ Mit einer Mischung aus Ärger und Sorge betrachtete Svenja ihren Lebensgefährten.
„Das müssen wir aber nicht ausgerechnet jetzt klären!“, entgegnete er scharf. „Die anderen warten. Du arbeitest ohnehin das ganze Wochenende. Da bekommst du kaum mit, dass ich weg bin, und ehe du dich versiehst, bin ich wieder zurück. Bitte mach daraus kein Drama!“ Mit jedem Wort klang er ungeduldiger.
„Nimm jetzt nicht meinen Job als Ausrede“, konterte sie ebenso heftig. „Du weißt selbst, dass ich erst ab dem frühen Nachmittag arbeite.“ Sie atmete durch und sprach ruhiger weiter. „Wir hätten die Vormittage ganz für uns, könnten gemütlich im Bett frühstücken …“
Tim warf einen Blick auf die Uhr. „Ich muss los. Wir sehen uns Sonntagabend.“ Dann verschwand er aus dem Zimmer, ohne sie zu umarmen oder ihr einen Kuss zu geben. Ohne auf ihr lockendes Angebot einzugehen, wie sie gehofft hatte.
Tim war gerade neunundzwanzig geworden und somit zwei Jahre jünger als sie. Sie war seine erste feste Freundin. Als sie ihn damals auf der Tanzfläche gesehen hatte, war es sofort um sie geschehen. Mit seinem dunklen Haar und seinen braunen vor Vergnügen blitzenden Augen hatte sie sich auf der Stelle in ihn verliebt. Auch der Altersunterschied zu dem Küken, wie ihre Freundinnen Tim damals nannten, hatte sie nicht abschrecken können, zumal er inzwischen längst keine Rolle mehr spielte.
Svenja sank auf die Bettkante und bekämpfte mühsam den Impuls, loszuheulen. Warum ignorierte Tim seit Monaten ihre Versuche, über ihre Beziehung zu sprechen? Immer wieder fand er Ausreden oder verschwand, bevor sie etwas sagen konnte. Bedeutete sie ihm denn gar nichts mehr? Und war er wirklich immer nur beim Angeln, wie er sagte? Ausschließlich mit seinen Kumpels?
Sie atmete tief durch, bis ihre aufgewühlten Emotionen sich etwas beruhigten. Was sie jetzt brauchte, war Ablenkung. Sonst würde sie wahrscheinlich den ganzen Abend über Tim und die Gründe für sein abweisendes Verhalten grübeln. Aufs Lesen, was sie sehr liebte und üblicherweise in jeder freien Minute machte, konnte sie sich gerade nicht konzentrieren. Sie ging gedanklich ihre Freundinnen durch, welche spontan Zeit haben könnte. Inka war gerade mit ihrem Freund Jan auf dem Weg in den Urlaub. Alea konnte ihrer beiden Kinder wegen nicht weg, weil ihr Mann Heiko ausnahmsweise bei einem Freund war, und Bekki, die zugleich ihre Chefin war, brauchte Svenja gar nicht erst zu fragen. Sie war frisch verliebt in Malte und verbrachte jede freie Sekunde mit ihm. Dann waren da noch ihre ehemaligen Kolleginnen Finja und Annette aus ihrer Zeit im Hotel. Doch die beiden tratschten gern und hingen davon abgesehen ständig zusammen wie Honig am Löffel.
Und ihre Eltern? Ob sie bei Mama oder Papa anrufen sollte? Svenja hing sehr an den beiden, auch wenn es gelegentlich Diskussionen bezüglich ihrer Zukunft gab. Ihre Beziehung zu Tim zum Beispiel sahen beide völlig unterschiedlich. Mama meinte, dass sie endlich heiraten und eine Familie gründen sollten, damit Tim wieder fokussierter auf sie als Frau wäre. Papa hingegen behauptete genau das Gegenteil – nämlich, dass Tim mehr Freiraum benötigte. Mit ihrem Drängen nach mehr Nähe und einem Baby, das sie sich seit einiger Zeit wünschte, würde sie ihn nur vertreiben. Momentan schien es, als hätte Papa recht damit.
Mittlerweile war sich Svenja nicht mehr sicher, ob sie wirklich Kinder mit Tim wollte. Was, wenn die Vaterschaft ihn nicht verändern und häuslicher machen, sondern er sich weiterhin herumtreiben und die ganze Arbeit an ihr hängen bleiben würde? Nein, auf diesbezügliche Ratschläge oder Vorhaltungen hatte sie gerade keine Lust.
Kurzentschlossen wählte sie die Nummer ihrer Kollegin Gesa. Sie hatte sie erst während ihres Jobs im Café vor knapp einem Jahr kennengelernt und eigentlich nicht allzu viel mit ihr zu tun, aber gerade war Gesa die Einzige, die ihr einfiel. Und vielleicht war es gut, ihr Problem mal vor einer neutralen Person zu erörtern.
Tatsächlich ging ihre Kollegin ans Telefon.
„Hallo, Gesa, hier ist Svenja.“
„Oh, hi. Das ist ja eine Überraschung.“ Gesa klang erfreut.
„Du, ich wollte dich fragen, ob du heute Abend vielleicht Zeit und Lust hast. Das Wetter ist so schön, wir könnten in die Strandbar gehen. Was meinst du?“
„Lust hätte ich auf jeden Fall. Ich komme hier ja kaum raus.“
Gesa arbeitete an den Vormittagen als Reinigungskraft für Ferienhäuser, bevor es nachmittags im Café weiterging. „Dann wäre es doch besonders schön!“
Gesa schien zu überlegen. „Weißt du was? Ich rufe schnell bei meiner Mutter an, ob sie Colin für zwei Stunden nehmen würde. Kann ich dich gleich zurückrufen?“
„Natürlich, sehr gern!“ Svenja legte auf und wartete. Klar, sie könnte auch allein in die Strandbar oder woanders hingehen, Möglichkeiten dazu gab es in Sankt Peter-Ording mehr als genug. Allerdings war sie nicht gern ohne Begleitung unterwegs.
Schon klingelte das Telefon. „Es klappt!“, rief Gesa und klang ganz aufgeregt.
„Wirklich? Das ist fantastisch!“
„Meine Mutter hat sich sogar gefreut, als ich anrief“, erzählte Gesa. „Meine Eltern hängen so an dem Kleinen, weißt du? Pass auf, ich fahre ihn schnell rüber zu ihnen. Wenn du willst, können wir uns direkt an der Strandbar treffen.“
„Super Idee! So machen wir das.“
Aufgeregt legte Svenja auf, tauschte ihr T-Shirt gegen ein Top und zog etwas Mascara nach. Was sollte sie mit ihrem Haar machen? Sie entschied sich für einen lockeren Pferdeschwanz, der ihre blonden Wellen gut zur Geltung brachte, betrachtete sich im Spiegel und war zufrieden.
Dann setzte sie sich aufs Fahrrad und fuhr an den Strand. Dort stellte sie ihr Rad an einem Ständer ab und schlenderte über den Sandstrand zur Bar, einem sehr beliebten Treffpunkt.
Gesa war noch nicht da. So hatte Svenja Muße, sich umzusehen, ob sie vielleicht das ein oder andere bekannte Gesicht entdecken konnte. Tatsächlich schienen heute jedoch in erster Linie Touristen hier zu sein. Die begehrten Liegestühle mit Meerblick waren alle bereits besetzt, aber Svenja hatte Glück. Sie entdeckte einen freien Tisch auf der Terrasse und nahm ihn gleich in Beschlag, ehe ihr jemand zuvorkam.
Als sie Gesa über den Strand kommen sah, winkte Svenja. Ihre Kollegin entdeckte sie. Wenig später lächelte sie erleichtert und setzte sich ebenfalls an den Tisch.
„Schön, dass du da bist, Gesa.“
Gesa lächelte, aber sie wirkte abgekämpft. „Zum Glück sind meine Eltern heute zu Hause. Und nicht nur das: Sie haben sogar angeboten, dass Colin bei ihnen übernachten kann. Sie verbringen gern jede freie Minute mit dem Lütten.“
„Super, dass es geklappt hat und du sogar länger Zeit hast“, freute sich Svenja. „Sorry übrigens, dass mein Vorschlag so kurzfristig kam. Es war sozusagen ein absolut spontaner Einfall.“
Gesa lachte und wirkte gleich ein wenig frischer. „Das sind ja oft die besten Ideen. Hast du schon etwas bestellt?“
„Nein, ich wollte auf dich warten.“ Svenja nahm eine der Karten und studierte das Angebot.
Als die Bedienung kam, bestellte sie einen Hugo, Gesa nahm ein Wasser.
„Im Ernst?“, fragte Svenja. „Da hast du endlich mal einen Abend lang Ausgang und trinkst Wasser? Das kannst du doch zu Hause auch machen.“
Abwartend sah die Bedienung zwischen ihnen hin und her und lächelte. „Überlegen Sie es sich in Ruhe. Ich komme gleich wieder.“ Damit ging sie zum Nebentisch hinüber.
Gesa wurde rot. „Hier ist alles so teuer. Wasser ist noch am günstigsten“, presste sie leise heraus.
„Weißt du was? Ich lade dich ein“, schlug Svenja vor. „Immerhin kam die Idee von mir.“
Gesa schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht annehmen. Du musst auch mit deinem Geld haushalten.“
„Im Gegensatz zu dir teile ich mir die laufenden Kosten mit meinem Freund. Komm schon, für mich ist das vollkommen in Ordnung. Ich würde dich wirklich gern einladen als Dank dafür, dass du dir so kurzfristig Zeit für mich genommen hast.“
„Na ja, dann … Ich hätte ebenfalls gern einen Hugo. Aber nur, wenn es wirklich …“
Lächelnd wandte sich Svenja an die gerade wieder erschienene Bedienung. „Wir nehmen zwei Hugo, bitte, aber dafür kein Wasser.“
„Geht klar. Kommt sofort.“ Die junge Frau wandte sich ab und verschwand im Gewühl.
„Danke“, sagte Gesa und lehnte sich mit einem Seufzer zurück.
Svenja ließ ihre Blicke schweifen. Vor der Terrasse erstreckte sich der endlos lange Sandstrand, dahinter glitzerten die Wellen der Nordsee in der Abendsonne. „Wie schön es hier ist.“
Gesa nickte. „In Momenten wie diesen fällt mir wieder auf, wie selten ich das genießen darf. Sonst hetze ich von einem Job zum nächsten, kümmere mich um Colin, koche, kaufe ein, putze die Wohnung … Aber ich will gar nicht jammern. Mir geht’s ja gut, und den Kleinen würde ich für kein Geld der Welt mehr hergeben.“
„Und sein Vater?“, erkundigte sich Svenja. Privat wusste sie bisher kaum etwas von ihrer Kollegin. Bei der Arbeit erzählte Gesa fast nie von sich. „Was ist mit dem?“
Gesa schüttelte den Kopf und wirkte plötzlich zornig. „Nichts. Der hat sich kurz nach Colins Geburt aus dem Staub gemacht. Dem Unterhalt muss ich ständig hinterherlaufen, weil Sebastian andauernd seine Jobs wechselt oder auch öfter gar keinen hat.“
„Ach, du meine Güte, das klingt übel. Das ist bestimmt hart für dich.“ Fast schämte sich Svenja. Im Vergleich zu ihrer Kollegin ging es ihr ja richtig gut. Und etwas Stress nach über zehn Jahren Beziehung war völlig normal.
„Tja, als ich schwanger war, hatte ich mir das alles tatsächlich anders vorgestellt“, gestand Gesa. „Eine glückliche, heile Familie, in der Colin sorgenfrei aufwachsen kann. Aber es kommt wohl immer anders, als man denkt.“
Erst einmal kamen ihre Drinks. Sie stießen miteinander an, die Eiswürfel in den Gläsern klirrten verlockend.
„Ja, das habe ich auch schon bemerkt“, nahm Svenja den Faden wieder auf und sog am Strohhalm. „Du weißt ja, dass ich seit meiner Ausbildung in einem großen Hotel hier in Sankt Peter-Ording gearbeitet hatte. Meinen Job an der Rezeption habe ich geliebt. Ich hatte ständig mit anderen Leuten zu tun, aus aller Herren Länder, es gab immer wieder neue Aufgabenstellungen und Probleme, die es zu lösen galt … und dann wechselte der Besitzer. Der neue Inhaber versuchte regelrecht, uns rauszuekeln, die Arbeit wurde zur Hölle. Ich ging dann, bevor ich mich dort völlig kaputtmache.“
„Das muss sehr schlimm für dich gewesen sein. Wirklich heftig.“
„Ja, es war keine schöne Zeit. Umso besser, dass ich dann den Job bei Bekki im Café bekam. Ich arbeite sehr gerne dort.“
Gesa strahlte. „Ich auch. Ich liebe das Hildchens. Auch wenn meine Jobs beide echt stressig sind, möchte ich auf das Café nicht verzichten. Und Bekki ist eine tolle Chefin.“
„Ja, das ist sie. Ich bin ihr sehr dankbar für die Möglichkeit, bei ihr zu arbeiten.“ Svenja trank einen Schluck und betrachtete die klare Flüssigkeit im Glas. Es war feucht vom Kondenswasser. „Hm, der ist wirklich gut.“
„Stimmt. Sehr lecker.“ Auch Gesa nippte am Drink. „Es ist schon eine Ewigkeit her, dass ich einen Hugo getrunken habe. Und überhaupt, dass ich so gemütlich in einer Bar gesessen habe. Und dann noch mit diesem paradiesischen Ausblick. Deine Idee herzukommen, war wirklich fantastisch! Ich fühle mich ja fast wie im Urlaub!“
Svenja lächelte. „Freut mich. Ich bin auch sehr gern hier, obwohl es mitunter völlig überlaufen ist.“
„Wollte denn dein Freund nicht mit?“, fragte Gesa und sprach damit das Thema an, das Svenja unter den Nägeln brannte. „Es ist Freitagabend, das Wochenende steht vor der Tür. Da verbringt man seine Zeit doch am liebsten zu zweit, oder?“
Svenja schüttelte den Kopf. „Tim zog es vor, mit seinen Freunden angeln zu gehen. Das läuft schon seit einiger Zeit so. Momentan scheint unsere Beziehung für ihn keine Priorität zu haben. Irgendwie ist gerade gewaltig der Wurm drin.“ Es gelang ihr nicht, den Ärger aus ihrer Stimme zu verbannen.
„Oh, das, äh … tut mir leid“, sagte Gesa vorsichtig. „Ich dachte immer, ihr beide wärt ein Traumpaar.“
„Das hatte ich auch gedacht. Und jahrelang war es auch so. Tim war der beste Freund, den ich mir wünschen konnte. Treu, fürsorglich, attraktiv … Aber momentan scheint er mit allem unzufrieden zu sein. Er hat gerade unheimlich viel Arbeit in der Autowerkstatt und dadurch viel Stress. Jedenfalls behauptet er das.“
„Glaubst du ihm nicht? Meinst du, es steckt etwas anderes dahinter?“
Ratlos hob Svenja die Schultern. „Ich weiß langsam nicht mehr, was ich glauben soll. Eigentlich traue ich ihm nicht zu, dass er fremdgeht. Allerdings wäre ich kaum die erste Frau, die aus allen Wolken fällt, was das betrifft, oder? Aber viel schlimmer finde ich, dass wir nicht mehr miteinander reden können. Ich spüre, dass Tim unzufrieden ist, dass ihm irgendetwas nicht passt. Aber er sagt nichts. Stattdessen treibt er sich mit seinen Kumpels rum und fängt Fische. Ich habe ihm bereits mehrfach einen gemeinsamen Urlaub vorgeschlagen, damit wir mal Zeit und Ruhe für uns haben.“
„Eine ausgezeichnete Idee!“, rief Gesa.
„Die sich leider nur realisieren lässt, wenn er sich endlich einen Ruck gibt und damit befasst. Geht angeblich wegen der vielen Aufträge nicht. Aber Zeit zum Angeln ist immer genug da.“ Aufgebracht sog Svenja am Strohhalm.
„Das ist wirklich seltsam.“
„Ja, oder? Meine Mutter meint, wir sollten endlich heiraten und eine Familie gründen, dann wird alles wieder gut.“
Gesa lachte bitter. „Davon kann ich dir unter der jetzigen Situation nur abraten. Viele denken, ein Kind könnte eine Beziehung retten. Tja, du siehst ja an mir, dass leider allzu oft genau das Gegenteil eintritt. Versteh mich nicht falsch, ich liebe Colin über alles und könnte mir ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Aber mitunter wäre es schön, etwas Unterstützung an der Seite zu haben.“
„Das glaube ich dir sofort. Es muss schwer sein, für alles allein die Verantwortung zu tragen.“
„Manchmal schon. Aber ich möchte mich nicht beklagen. Ich drück dir die Daumen, dass ihr das schnell wieder hinbekommt.“ Gesa lächelte aufmunternd.
„Danke! Langsam habe ich wirklich die Nase voll davon, ständig zu streiten. Ich mag das nicht, weißt du? Ich bin sehr friedliebend und kann diesen Ärger gar nicht gebrauchen. Aber Tim braust momentan verdammt schnell auf. So war er doch damals nicht.“ Nachdenklich rührte Svenja in ihrem Glas und trank einen Schluck. „Aber weißt du was? Von Männern, über die wir uns ärgern müssen, lassen wir uns den Abend nicht länger vermiesen, oder? Im Gegenteil. Lass ihn uns lieber genießen und nicht mehr darüber nachdenken.“
Gesa schmunzelte. „Das machen wir. Wann habe ich schon die folgende Nacht frei und für mich?“
„Genau!“, stimmte Svenja zu. „Das müssen wir feiern. Zum Glück können wir beide morgen ausschlafen und müssen nicht wie die arme Bekki schon früh aus den Federn.“
„Auf Bekki und unsere wunderbaren Jobs im Café“, sagte Gesa.
„Und auf einen herrlichen Abend mit einem paradiesischen Sonnenuntergang nur für uns“, erwiderte Svenja.
„Aber beim nächsten Mal lade ich dich ein. Darauf bestehe ich.“
„Meinetwegen sehr gern.“ Svenja lächelte.
Gerade verliehen die letzten Sonnenstrahlen der Nordsee einen rot goldenen Schimmer. Die Aussicht wirkte wie eine kitschige, aber wunderschöne Postkarte.
Sie leerten ihre Gläser und Svenja bestellte die nächste Runde.
Kapitel 2
„Na, war wohl gestern eine lange Nacht, was?“ Bekki bedachte Svenja am nächsten Tag mit einem belustigten Blick.
Gespielt gequält fasste sich Svenja an den Kopf, bevor sie nach ihrer Schürze griff. „Erinnere mich bitte nicht daran! Ich wusste gar nicht, dass man von so harmlosem Zeugs wie Hugo einen derartigen Schädel bekommen kann. Zum Glück ist mir wenigstens nicht mehr schlecht. Das sah heute Morgen noch ganz anders aus.“
„Oje! Klingt trotzdem nach einem tollen Abend. Wo wart ihr denn?“, erkundigte sich Bekki neugierig.
„In der Strandbar. Es war ein fantastischer Abend! Wären nur die Nachwirkungen nicht.“
„Und dann musst du Ärmste heute auch noch arbeiten. Wie geht’s Tim? Hat er es besser überstanden?“
Svenja zuckte die Schultern. „Keine Ahnung, was mit dem ist.“
„Habt ihr etwa schon wieder Ärger?“ Ihre Chefin musterte sie besorgt. „Das mit euch klingt momentan ja nicht gut.“
„Nee, ist es auch nicht. Tim war gar nicht dabei. Ich war mit Gesa unterwegs.“
„Oh! Ich meine, das freut mich für Gesa. Sie kommt sonst ja kaum raus. Hoffentlich geht es ihr heute nicht auch so mies wie dir.“
„Ich glaube nicht. Sie war viel vernünftiger und hat nach zwei Hugos nur noch Wasser getrunken.“
„Sehr schlau.“ Bekki grinste. „Aber wo hat Tim denn schon wieder gesteckt?“
Natürlich hatte Svenja ihrer Freundin Bekki schon häufiger von ihren Problemen mit ihrem Freund erzählt. „Wieder mal mit seinen Kumpels beim Angeln. Und nicht nur gestern Abend, sondern das ganze Wochenende! Ich bin echt stinksauer.“ Heftig zog sie die Schleife des Bindebands zu.
„Das ist absolut verständlich! Komm, setz dich für einen Augenblick.“ Bekki wies auf einen Stuhl. „Zeit für einen Kaffee muss noch sein, bevor wir loslegen. Das macht Tim in letzter Zeit ja öfter, oder?“ Sie schenkte Kaffee in zwei Tassen und stellte sie auf den Tisch.
Svenja nahm Platz und nickte erbost, während sie nach der Zuckerdose griff. „Ich komme einfach nicht mehr an ihn ran. Langsam habe ich das Gefühl, dass ihm unsere Beziehung gleichgültig geworden ist. Was ich auch vorschlage, er blockt es ab. Ein gemeinsamer Urlaub, um einmal ausreichend Gelegenheit für Gespräche zu haben, ein gemütliches Wochenende nur für uns, frühstücken im Bett … Es kommt mir vor, als würde ihn das alles überhaupt nicht mehr interessieren.“
„Das klingt gar nicht gut. Tut mir echt leid. Meinst du, dass eine andere Frau dahintersteckt?“ Bekki gab einen Schuss Milch in ihren Kaffee.
„Bisher hatte ich ihm so etwas nie zugetraut.“ Svenja rührte nachdenklich in ihrer Tasse. „Im Grunde glaube ich das auch nicht. Aber bei seinem merkwürdig abweisenden Verhalten bin ich mir inzwischen nicht mehr sicher.“
„Vielleicht belastet ihn etwas?“ Bekki nippte an ihrem Kaffee.
Svenja nickte heftig. „Und morgen Abend, wenn er zurückkommt, wird er mir verraten müssen, was das ist. Diese Ungewissheit und ständig schlechte Stimmung zwischen uns macht mich fertig. So wie jetzt kann es jedenfalls nicht weitergehen.“
„Das verstehe ich. Ich drück dir die Daumen, dass alles gut geht!“
„Danke!“ Svenja trank ihren Kaffee und stand auf. „Und jetzt werde ich loslegen. Arbeit lenkt mich am besten ab.“
„Das verstehe ich. Und ich denke, dass du heute reichlich abgelenkt wirst. Es ist Samstag und das Wetter ist traumhaft. Ich fürchte, die Gäste werden uns wieder einmal die Bude einrennen.“
Ihre Chefin sollte recht behalten. Es war so viel zu tun, dass Svenja einige Stunden lang nicht zum Nachdenken kam. Wie üblich bedienten Bekki und Gesa die Gäste, während Svenja den Abwasch erledigte und die Getränke zubereitete. Zwischendurch wischte sie Tische ab, wenn Bekki oder Gesa gerade bedienten oder abkassierten. Auch Bekkis Freund und Geschäftspartner Malte, der sich um die Buchhaltung kümmerte, gönnte sich zwischendurch einen Kaffee. Die Zeit verging wie im Flug.
Der Abend zu Hause jedoch zog sich wie Kaugummi. Svenja schaltete den Fernseher ein und versuchte, sich mit einem Krimi abzulenken. Es war Wochenende und traumhaftes Wetter. Draußen liefen die Pärchen Hand in Hand am Strand entlang, trafen sich mit ihren gemeinsamen Freunden in Restaurants oder Bars. Und sie hockte hier allein herum, während ihr Freund sich wer weiß wo herumtrieb und womöglich etwas machte, das sie sich nicht einmal ausmalen wollte.
Nein, so konnte es nicht weitergehen. Morgen Abend würde sie Tim die Pistole auf die Brust setzen müssen. Er musste ihr sagen, was mit ihm oder zwischen ihnen nicht stimmte, wenn sie nicht verrückt werden wollte.
Und was war eigentlich mit ihr? Seit sie den Job im Hotel verloren hatte, fühlte sie sich wie in der Schwebe. Von Anfang an war klar gewesen, dass ihre Arbeit bei Bekki im Café nur eine Übergangslösung war, nichts Endgültiges. Wäre nicht jetzt, wo ohnehin alles so unsicher schien, der ideale Zeitpunkt, sich Gedanken über ihre Zukunft zu machen? Wie sollte alles weitergehen? Als ausgebildete Hotelfachfrau und Rezeptionistin wollte sie nicht für den Rest ihres Lebens Geschirr spülen, obwohl ihr die Arbeit bei Bekki großen Spaß machte.
Der Krimi war vorbei, ohne dass Svenja viel von der Handlung mitbekommen hatte. Sie schnappte sich das Buch, das sie gerade las, einen historischen Roman, versank für eine Weile in der spannenden Handlung und legte sich schließlich schlafen.
Auch der Sonntag ging irgendwie vorbei. Svenja machte einen Spaziergang zum Strand, nahm ihr Buch mit und las dort. Aber je näher der Abend rückte, desto nervöser fühlte sie sich. Fast kam es ihr vor, als hätte sie Angst. Das war doch totaler Blödsinn. Oder? Sie wollte lediglich ein ganz normales Gespräch mit ihrem Freund führen.
Als Tim die Wohnungstür aufschloss, klopfte ihr Herz vor Anspannung so heftig, dass ihr fast schlecht wurde. Sie verstand selbst nicht, was mit ihr los war.
„Hallo!“, rief Tim, machte die Tür zu und betrat die Wohnung. „Ich bin wieder da.“
Zögernd verließ Svenja das Wohnzimmer und ging zu ihm. Gut sah er aus. Sein dunkles Haar war zerzaust, seine Haut war sonnengebräunt. Er brachte den Duft nach frischer Luft mit. Sobald sein Blick sie traf, spürte Svenja wieder, wie sehr sie ihn liebte. Eigentlich hatte sie vorgehabt, das Thema ihrer Schwierigkeiten sofort anzusprechen. Nun jedoch, als sein Lächeln sie streichelte, war sie nicht mehr sicher, ob das wirklich eine gute Idee war. Er schien guter Stimmung zu sein. Wäre schade, wenn sie das gleich wieder zerstörte.
„Schön.“ Sie erwiderte sein Lächeln und gab ihm einen Begrüßungskuss. „Wie war es denn?“
„Super! Ich habe zwei Tage lang fast ausschließlich Forellen gegessen. Wir haben viel gefangen und sie anschließend gleich frisch auf den Grill geworfen. Hier, ich habe dir auch welche mitgebracht.“ Er ging an ihr vorbei und verschwand in die Küche, wo er eine Kühltasche auf den Tisch stellte und ein in Zeitungspapier eingewickeltes Päckchen herausholte. „Die sind von heute, also ganz frisch.“
„Danke! Ich freu mich. Die sind bestimmt lecker.“
„Und wie! Willst du sie dir gleich schmecken lassen? Sie sind allein für dich. Ich habe für einige Zeit erst einmal genug von Forellen.“ Tim lachte, seine Augen leuchteten.
Erneut spürte Svenja, wie viel er ihr bedeutete. Deshalb verschob sie kurz entschlossen ihr Problemgespräch auf ein anderes Mal. Dafür war die Stimmung gerade einfach zu schön.
„Nein, ich werde sie morgen Mittag genießen.“ Svenja öffnete den Kühlschrank und legte die Fische hinein. „Hast du denn schon etwas zu Abend gegessen?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein. Wir hatten heute Nachmittag noch einmal gegrillt. Seitdem hab ich nichts mehr gegessen. Ich wollte erst abwarten. Vorgestern hatte ich dir ja vorgeschlagen, dass wir heute Abend essen gehen könnten. Was meinst du, hast du Lust?“
Freude flutete Svenja wie warmer Sonnenschein. „Klar! Sehr gern sogar. Ich hab einen Mordshunger.“
„Hört sich super an! Ich auch. Lass mich nur schnell duschen, ja? Dann gehöre ich ganz dir.“
Während sich Tim ins Bad verzog, suchte Svenja in ihrem Kleiderschrank nach etwas Hübschem zum Anziehen. Sie entschied sich für ein leichtes Sommerkleid, weil sie wusste, dass Tim so etwas gern an ihr sah. Doch als er das Bad verließ und an ihr vorbei zum Schrank ging, äußerte er sich nicht dazu. Kein Kompliment, kein nettes Wort. Hatte er sie überhaupt richtig wahrgenommen? Er schlüpfe wortlos in eine Jeans und ein T-Shirt. Enttäuschung machte sich in ihr breit, aber Svenja beschloss sich davon den Abend nicht verderben zu lassen.
„Wollen wir los?“, fragte Tim. Er wirkte ungeduldig.
„Ich bin bereit“, gab sie zurück. Sie hatte fast den Eindruck, als wollte er es schnell hinter sich bringen. Hätte er ihr auch vorgeschlagen, gemeinsam essen zu gehen, wenn er es vorgestern nicht erwähnt hätte? Handelte er nur aus einem Pflichtgefühl heraus? Oder ging es ihm wirklich darum, gemeinsam einen schönen Abend zu verbringen? Die erneuten Zweifel brachten ihre Anspannung zurück.
„Wollen wir zum Italiener?“, schlug er vor und fuhr sich vor dem Spiegel mit den Fingern durch sein Haar. „Ich hatte tagelang so viel Fisch, dass mir nach einer Pizza ist. Mit Schinken und viel Salami.“
„Meinetwegen gern.“ Eigentlich hatte sich Svenja auf das Steakhouse gefreut, wo es diese leckeren Burger gab. Aber Tim zuliebe verschob sie es auf ein anderes Mal.
Die kurze Fahrt zum Restaurant verlief schweigend. Wollte er ihr gar nicht erzählen, was er mit seinen Freunden außer Angeln alles gemacht hatte? Oder sich erkundigen, wie ihr Wochenende gewesen war?
Svenja wartete, bis sie ihre Bestellungen aufgegeben hatten.
„Hab ich einen Hunger“, sagte Tim und lehnte sich zurück.
Sie musterte ihn. Er ließ seine Blicke durch das Restaurant schweifen, betrachtete die Kerze auf dem Tisch. Überall sah er hin – nur nicht zu ihr. Sie beschloss, die Initiative zu ergreifen und das Thema, das sie schon so lange belastete, doch heute anzusprechen, ehe die Ungewissheit sie noch völlig verrückt machte. Zumindest was sie betraf, war die kurzzeitig schöne Stimmung nach seiner Rückkehr durch sein offenkundiges Desinteresse zerstört.
„War es nicht langweilig, die ganze Zeit nur zu angeln?“, begann sie vorsichtig.
Er wurde rot. Eindeutig. Zu seinem Glück erschien gerade der Kellner mit den Getränken. Sobald das Bier vor ihm stand, trank Tim einen großen Schluck, ohne auf sie zu warten.
„Wir haben ja auch gegrillt“, erklärte er schließlich und stellte das Glas auf den Tisch. „Die Fische ausgenommen und vorbereitet, den Grill angeschmissen, für Getränke gesorgt …“
„Zwei Tage lang … Und sonst so? Was habt ihr außerdem gemacht?“
Er starrte sie an. „Was soll das jetzt, Svenja?“
„Was meinst du? Das ist eine ganz normale Frage.“ Sie nippte an ihrer Weißweinschorle.
„In einem ganz seltsamen Tonfall.“ Er runzelte die Stirn. „Ich dachte, wir wollten uns einen schönen Abend zusammen machen. Das hast du dir doch schon die ganze Zeit gewünscht.“
„Ich habe mir gewünscht, dass wir miteinander reden, Tim. Über alles, was momentan zwischen uns zu stehen scheint. Damit wir es aus der Welt schaffen und wieder zueinanderfinden können.“
„Wovon redest du, zum Teufel?“ Mit jedem Wort wurde er lauter. Eine Frau am Nebentisch sah vorwurfsvoll zu ihnen hinüber.
„Siehst du? Genau das meine ich“, entgegnete Svenja so ruhig, wie es ihr unter diesen Umständen möglich war. Der Appetit war ihr vergangen, ihr Bauch fühlte sich an wie ein harter Klumpen. Ärger war ihr schon immer auf den Magen geschlagen.
Nach einem raschen Blick zu der Frau zog Tim den Kopf zwischen die Schultern. „Sorry“, sagte er kleinlaut. „Ich dachte, dass ich dir mit diesem Abend eine Freude mache.“
„Das machst du ja. Aber dazu gehört, dass wir uns unterhalten. Ganz in Ruhe, ohne Vorwürfe oder Geschrei. Ich will dir doch nichts Böses, verstehst du das denn nicht? Im Gegenteil, ich möchte gern wissen, was dich belastet.“
„Gar nichts belastet mich! Es ist alles in Ordnung!“ Schon wieder sprach er viel zu laut und trank erneut von seinem Bier.
„Und warum pampst du mich dann so an?“
„Das mache ich gar nicht! Du nervst mich nur mit diesem ständigen Gebohre. Kannst du nicht einfach damit aufhören und mich in Ruhe lassen?“
Betroffen starrte sie ihn an. Er begriff es einfach nicht. Oder wollte er es nicht verstehen? Er musste doch ebenfalls spüren, dass sie sich inzwischen fühlte, als säße sie auf einem Pulverfass. Und dass es so nicht weitergehen konnte. Auf diese Weise wollte sie keine Beziehung führen.
Der Kellner brachte ihre Bestellungen und enthob sie einer Entgegnung – vorläufig. Tims Pizza mit Schinken und Salami und ihre Pasta mit Champignons dufteten wunderbar.
Trotzdem musste sich Svenja zwingen, zur Gabel zu greifen und den ersten Bissen zu essen.
Auch Tim aß wortlos. Von seinem erwähnten Hunger war nichts zu spüren. Er wirkte eher vollkommen lustlos und kaute auf seiner Pizza herum, als wäre sie aus Pappe. Und er entschuldigte sich auch nicht für seine harschen Worte.
Plötzlich kämpfte Svenja mit den Tränen. Sie liebte ihn. Sein kaltes Verhalten tat ihr unglaublich weh. Ihr Teller war noch halb voll, aber sie ließ die Gabel sinken.
„Lass uns nicht streiten“, sagte er unerwartet. Hatte er Angst, dass sie ihm mitten im Restaurant eine Szene machte?
„Das will ich ja auch nicht“, erwiderte sie leise.
Über den Tisch hinweg griff Tim nach ihrer Hand. „Ich bin nur etwas gereizt. Das Wochenende war so schön und der Gedanke, dass ich morgen wieder in die Werkstatt muss, höchstwahrscheinlich erneut etliche Überstunden, ein gestresster Chef und begriffsstutzige Kunden auf mich warten, geht mir einfach auf die Nerven, verstehst du?“
Erleichterung durchfuhr Svenja. Seine miese Stimmung hatte also nichts mit ihr oder ihrer Beziehung zu tun. „Natürlich, was denkst du denn?“, erwiderte sie. „Ich weiß, dass du es gerade nicht leicht hast. Deshalb mache ich mir ja Sorgen. Kannst du dir nicht demnächst Urlaub nehmen? Eine oder sogar zwei Wochen. Wir fahren irgendwo hin, wo es schön ist, und spannen einfach mal richtig aus.“
Zweifelnd hob er die Schultern. „Es geht auf die Hauptsaison zu. Ich fürchte, daraus wird so schnell nichts. Der Chef dreht jetzt schon ständig am Rad. Wie soll das werden, wenn ich plötzlich Urlaub haben will?“
„Der dir zusteht“, ergänzte Svenja.
„Das schon. Aber ich kann ihn schlecht zwingen, mir freizugeben.“ Er zog seine Hand zurück.
„Dann vielleicht nur zwei oder drei Tage?“
„Svenja, das geht nicht so einfach, wie du anscheinend denkst. Nicht jeder arbeitet ganz entspannt für ein paar Stunden bei seiner Freundin.“ Seine Stimme klang hart.
Die Worte trafen Svenja wie eine Ohrfeige, sie war schockiert. „Was soll das denn heißen?“
Tim schob seinen Teller mit dem letzten Pizzastück zurück. „Dass du dir vielleicht alles nur einbildest. Also, dass es angeblich Probleme zwischen uns gibt oder ich welche hätte. Vielleicht liegt es ja an dir. Hast du darüber mal nachgedacht?“
„Tim, was …“ Meinte er das gerade ernst?
„Seit du nicht mehr im Hotel arbeitest, hast du viel freie Zeit. Vielleicht zu viel? Seitdem grübelst du ständig über alle möglichen Dinge nach und malst den Teufel an die Wand.“
Svenja legte ihr Besteck auf ihren Teller. „Vielleicht ist es eher so, dass mir einige Dinge erst seitdem auffallen. Vorher war ich wie du beinahe pausenlos im Hotel. Wir hatten kaum Zeit miteinander. Falls da bereits etwas nicht stimmte, fiel es nicht auf oder merkte ich es nicht. Aber jetzt …“
„Svenja, tu mir einen Gefallen und such dir wieder eine richtige Arbeit, ja? Hier gibt es überall so viele Hotels. Es tut dir nicht gut, so viel Zeit mit deiner Freundin zu verbringen. Sie bringt dich nur auf dumme Gedanken, auf die du vorher nicht gekommen wärst. Allein schon dieser blödsinnige Kinderwunsch. Du weißt, dass ich noch nicht bereit dafür bin. Sicher quatscht ihr bei der Arbeit jeden Tag stundenlang, hab ich recht? Und dabei setzt man dir jede Menge Flöhe ins Ohr.“
Mit jedem seiner Worte fühlte sich Svenja verletzter. Wie konnte er das nur sagen? „Nein, so ist es nicht“, gab sie scharf zurück. „Und selbst wenn es so wäre … Bist du mal auf die Idee gekommen, dass wirklich du das Problem bist? Weil du dich nämlich verändert hast, Tim. Der Mann, den ich jahrelang kannte und liebte, hätte zum Beispiel bemerkt, dass ich heute extra für ihn eines seiner Lieblingskleider angezogen habe.“
Erschrocken riss er die Augen auf und musterte sie.
„Ich weiß, dass ich mir das nicht einbilde“, fuhr sie rasch fort, ehe er etwas einwenden konnte. „Etwas stimmt nicht mit dir, und du brauchst es gar nicht abzustreiten. Der Tim von früher hätte alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Urlaub zu bekommen und ihn mit mir zu verbringen. Er hätte niemals fast jedes Wochenende mit seinen Kumpels verbracht und mir anschließend nur Bruchstücke davon erzählt.“
Er fuhr auf. „Ich hab dir …“
Svenja ließ ihn nicht ausreden. „Damals haben wir über alles miteinander geredet, erinnerst du dich? Wir haben zusammen gelacht oder geschimpft. Und wenn wir anderer Meinung waren, haben wir darüber gesprochen, bis wir einander verstanden hatten. Aber so etwas wie jetzt, dass du ganz offensichtlich Geheimnisse vor mir hast und nichts davon sagst, hat es noch nie gegeben. Und jetzt sag mir nicht noch einmal, dass ich mir alles nur einbilde, denn dann schreie ich!“
Tim war ganz still geworden. Mehr als alles andere war dies für Svenja ein Beweis dafür, dass sie recht hatte. Er griff nach seiner Serviette, wischte sich die Finger ab und warf sie auf den Teller. „Am besten sage ich gar nichts mehr. Du verdrehst mir ja ohnehin jedes Wort im Mund. Lass uns zahlen und von hier verschwinden, ehe sämtliche Gäste unseren Streit mitbekommen.“ Damit hob er die Hand und winkte dem Kellner.
Kurz darauf standen sie wieder draußen. Rings um sie her schlenderten glückliche Paare oder Familien die Straße entlang, plauderten fröhlich miteinander, lachten. Die Abendsonne verbreitete angenehme Wärme und wunderbares Licht.
In Svenja jedoch war plötzlich alles ganz kalt geworden. Leer und dunkel. Denn der Mann, den sie seit vielen Jahren liebte und zu kennen geglaubt hatte, war ihr mit einem Mal fremd geworden. Nein, nicht mit einem Mal. Vielmehr war es ein schleichender Prozess gewesen, der schon vor Monaten begonnen hatte. Tim hatte sich verändert, das war für sie sonnenklar.
Das Problem war nur, dass er selbst das nicht so sah. Oder nicht zugeben wollte.