Leseprobe Komplizen und Krokusse

Kapitel 1

Ein paar für die Jahreszeit ungewöhnlich warme Tage hatten den Schnee von Anfang Januar geschmolzen, und Ströme eiskalten Wassers schossen durch die Rinnsteine der Harbor Lane in Richtung Küste. Die klare Morgenluft brachte mich trotzdem dazu, den Mantelkragen höher zu schlagen und über die Ohren zu ziehen. Normalerweise hätte die Kälte Kingston veranlasst, rasch zur Tür des Blumenladens zu trippeln, doch Elsies neuestes Projekt, ein Sitzbereich für Leute mit Hunden, lockte meinen allzeit hungrigen Vogel zur Bäckerei. Bei einer ausgedehnten winterlichen Joggingrunde durch die Stadt war Elsie eine neue, gewagte Idee gekommen. (Sie bestand darauf, dass sie beim Laufen immer ihre besten Einfälle hatte. Ich sagte ihr, ich würde ihre Theorie gern überprüfen, solange ich dafür nicht tatsächlich laufen musste.) Ihr genialer neuer Plan, ausgebrütet im Endorphinrausch, bestand darin, Hundekekse zu backen. Natürlich waren die Erdnussbutterkekse für Vierbeiner, wie alles, was Elsie kreierte, ein Riesenerfolg. Erst letzte Woche hatte Elsie beschlossen, dass ihre neuen pelzigen Kunden im Sitzbereich auf dem Gehweg einen Platz brauchten, an dem sie ihre Leckereien genießen konnten.

Elsie hatte ihre übertrieben eleganten Tische auf dem Gehweg enger zusammengerückt, um Platz für drei geschwungene, leuchtend blau gestrichene Bänke zu schaffen. Auf die Rückenlehnen jeder Bank waren von Hand verspielte gelbe Pfotenabdrücke schabloniert worden. Eine große Fläche Kunstrasen diente als Outdoor-Teppich unter den Bänken. Am Ende jeder Bank standen silberne Wassernäpfe, damit ihre neuesten Kunden den Erdnussbutterkeks hinunterspülen konnten.

Kingston hatte schnell entdeckt, dass der grüne Kunstrasenteppich der perfekte Fänger für Kekskrümel war. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, jeden Morgen dort ‚aufzuräumen‘. Sein scharfer schwarzer Schnabel verschwand zwischen den dünnen grünen Kunststoffhalmen, während er den Bereich in Windeseile von herumliegenden Krümeln befreite.

Elsie bemerkte, dass ich auf Kingston wartete. Sie trug eine blassgrüne Schürze, die mit etwas befleckt war, das nach Blaubeeren aussah, und eilte um den Tresen herum. Auf dem Weg zur Tür schnappte sie sich einen knochenförmigen Hundekeks. Als sie nach draußen trat, schwenkte sie ihn durch die Luft. Kingstons Kopf schoss hoch, und er trippelte eilig auf den Keks zu. Elsie beugte sich hinunter, um der Krähe ihre Leckerei anzubieten.

»Du bist so ein braver Junge. Du kommst jeden Morgen vorbei und räumst hinter diesen albernen, sabbernden Hunden auf. Dafür hast du eine Belohnung verdient«, säuselte sie Kingston mit einer hohen, comichaften Stimme zu, als spräche sie mit einem Baby. Elsie war nicht die erste große Liebe meiner Krähe – diesen ehrenvollen Titel trug Lola –, doch ihre neueste Marketingidee könnte ihr irgendwann die Krone einbringen. Ich fragte mich, wann ich sie wohl gewinnen würde, schließlich war ich diejenige, die ihm jeden Morgen Eier kochte und seine Sitzstange und seinen Käfig sauber hielt.

Elsie sah auf und lächelte. Ihr karamellfarbenes, grau gesträhntes Haar war zu einem ordentlichen Knoten zurückgebunden, was bedeutete, dass sie gerade ernsthaft am Backen war. Die Flecken auf ihrer Schürze bewiesen es ebenfalls. »Ich mache süße Kirsch- und Blaubeertörtchen mit einem Pekannuss-Mürbeteigboden. Komm doch später vorbei, wenn du sie probieren möchtest.«

Ich ging auf sie zu. »Du weißt doch, dass du mich das nur einmal fragen musst. Eigentlich musst du mich nicht mal fragen. Die Düfte, die durch die Wand meines Ladens ziehen, sind Einladung genug. Sind süße Kirschen nicht eine Sommerfrucht?«

Elsie presste verlegen die Lippen zusammen. »Ja. Verrat es niemandem, aber ich musste auf tiefgekühlte Kirschen zurückgreifen.«

Ich tat, als würde ich entsetzt nach Luft schnappen. »Skandalös. Aber dein Geheimnis ist bei mir sicher, vor allem, weil mein ungeschulter Gaumen frische Kirschen sowieso nicht von tiefgekühlten unterscheiden kann. Und weil ich alles mag, was aus deinem Ofen kommt.«

»Ich hatte keine Wahl, schließlich dauert es noch Monate, bis es wieder frische Kirschen gibt. Ich dachte einfach, wir könnten in diesem langen, trüben Winter ein bisschen sommerliche Süße gebrauchen.«

»Wie gesagt, ich bin nicht hier, um zu urteilen … nur um zu probieren.«

Kingston hatte seine Leckerei aufgefuttert und war damit beschäftigt, seine eigenen Krümel einzusammeln. »Danke, dass du meinen Vogel glücklich gemacht hast. Ich sollte wohl langsam den Laden aufmachen.« Ich drehte mich um und wollte zum Blumenladen gehen.

»Wenn du später Zeit hast«, sagte Elsie, »muss ich mit dir reden.« Ihr Gesicht verdüsterte sich, und sie deutete mit dem Kopf in Richtung Bäckerei. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, würden wir nicht über Backwaren sprechen. Elsies fünfundzwanzigjährige Nichte Britney war einige Monate zuvor in die Stadt gekommen. Sie war eine aufstrebende, äußerst talentierte Bäckerin. Sie war geschickt, fleißig und ausgesprochen hübsch. Außerdem hatte sie die Aufmerksamkeit des begehrtesten Junggesellen der Stadt auf sich gezogen: Dashwood Vanhouten, meinen Nachbarn und Freund.

»Oje, Ärger im Paradies?«, fragte ich.

Elsie verdrehte die Augen. »Und wie. Komm später vorbei. Dann sind auch ein paar von den Törtchen fertig.«

Es gelang mir, Kingston von den Tischen vor der Bäckerei wegzulocken. Im Laden flog Kingston auf seine Sitzstange am Fenster, und ich ging ins Büro. Ich hatte gerade erst meine Handtasche in der Schreibtischschublade verstaut, als die Glocke läutete. Der Duft nach Kaffee belebte mich, während ich nach vorn in den Laden ging. Lester lief auf und ab und umklammerte dabei einen Kaffeebecher. Sein Gesicht war verkniffen, was bedeutete, dass er entweder tief in Gedanken versunken oder beunruhigt war.

»Les, ist alles in Ordnung?«

Meine Stimme ließ ihn zusammenzucken, als hätte er nicht damit gerechnet, mich in meinem eigenen Laden zu sehen und zu hören. »Oh, ja, äh, hier.« Er kam mit dem Kaffee auf mich zu. »Haselnuss mit extra viel Schlagsahne. Dein Lieblingskaffee.«

Ich nahm den Becher und atmete den kräftigen, nussigen Duft ein. »Bei dir und Elsie werde ich bald zu breit sein, um noch durch meine Ladentür zu passen. Aber danke.« Ich nahm einen Schluck. Die zarte Sahne hatte die heiße, erdige Flüssigkeit gerade genug abgekühlt. »Der Himmel im Becher. Das war wirklich lieb von dir, Les.« In den wärmeren Monaten trug Les farbenfrohe Hawaiihemden und Sandalen. Trotz der weißen Haarwolke auf seinem Kopf ließ ihn sein dunkelblauer Winterpullover wesentlich ernster wirken. Seine gerunzelte Stirn verstärkte den ungewöhnlich trübsinnigen Eindruck nur noch.

»Was ist los, Les? Du wirkst gar nicht so fröhlich wie sonst.«

Sein weißer Haarschopf wackelte, als er den Kopf schüttelte. »Es geht um meine Schwester. Mit diesem Hundepark vor ihrer Bäckerei ist sie jetzt völlig übergeschnappt.«

Ich hätte mir denken können, dass seine schlechte Laune etwas mit dem zu tun hatte, was ich scherzhaft als den Großen Tischkrieg bezeichnete. Seit ich den Laden zwischen Elsies Bäckerei und Les’ Café bezogen hatte, lieferten die beiden sich einen erbitterten und kostspieligen Wettkampf darum, wer den schöneren Sitzbereich auf dem Gehweg hatte. Dank meiner Nachbarn beherbergte Port Danby einige der vornehmsten Außengastronomiebereiche des ganzen Landes. Monatelang hatten sie versucht, einander mit üppigen Sitzpolstern, Sprühnebelventilatoren, Heizstrahlern und kostenlosen Leckereien zu übertrumpfen. Ich hatte geglaubt, beide hätten ihre kreativen Ideen und ihre Geldbeutel ausgereizt, denn der Krieg schien sich auf gelegentliche Scharmützel reduziert zu haben. Doch Elsies neuer Vorstoß ins Geschäft mit Hundekeksen schien eine neue Schlacht entfacht zu haben.

Lester rieb sich die grauen Stoppeln am Kinn, während er sich auf einen Hocker am Tresen setzte. »Was soll ich denn auf meiner Seite anbieten, damit Hundebesitzer sich vor mein Café setzen?« Das Komischste an der ganzen Sache war – abgesehen von einem kurzen Skandal um einen Mr Darcy aus Pappe –, dass die Kunden sich in der Regel sowohl bei Les als auch bei Elsie etwas holten, wenn ihnen der Sinn nach einer Leckerei stand. Zu Elsies Backwaren passte nichts besser als einer von Lesters kräftigen, aromatischen Kaffees und umgekehrt. Beim Tischkrieg ging es weniger um Konkurrenz ums Geschäft als vielmehr um einen Beliebtheitswettbewerb. Wenn draußen Menschen saßen und die Tische und Stühle belegten, wirkte das Lokal beliebt. Doch so oft ich den beiden auch erklärte, dass sie beide allen Grund hatten, stolz auf ihre Läden zu sein, gegen die hartnäckige Mauer ihrer Geschwisterrivalität kam ich nicht an.

»Ich wünschte, ich hätte einen Vorschlag für dich, Les, aber ich glaube einfach nicht, dass Hunde auf Latte macchiato stehen. Meine Katze Nevermore würde allerdings gern bei der Schlagsahne helfen.« Ich nahm noch einen Schluck und leckte mir die Sahne von der Lippe. »Mmh. So lecker.« Ich sah, dass unser Gespräch seine Laune nicht besserte. »Hör zu, Les, falls es dich tröstet …« Ich beugte mich näher zu ihm. »Und das bleibt unter uns. Kein Wort zu deiner Schwester.«

Les’ blaugraue Augen funkelten erwartungsvoll. »Meine Lippen sind versiegelt.«

»Ich weiß nicht, wie lange Elsie es mit dem Hundebereich aushält. Gestern, als ich abschloss, hörte ich, wie sie dort drüben vor sich hin schimpfte, weil jemand seinen Hund an der Bank das Bein hatte heben lassen. Sie hat einen Eimer Wasser über die Bank geschüttet, um sie zu reinigen. Du weißt doch, wie penibel Elsie bei allem ist.«

Er lachte trocken. »Ich bin mit dieser Frau aufgewachsen. Ich weiß es nur zu gut.« Les sprang vom Hocker. »Vielleicht hast du recht, Lacey. An die möglichen Nachteile ihres Plans hatte ich gar nicht gedacht. Ich sollte wohl einfach zurück in meinen Laden gehen und das tun, was ich am besten kann: Kaffee kochen. Tut mir leid, dass ich dich gleich am Morgen mit meinem Unsinn aufgehalten habe.«

Ich hielt den Kaffeebecher hoch. »Ganz im Gegenteil, du hast mir den Morgen versüßt. Ich finde, das ist ein guter Anfang für eine Woche, die bestimmt wunderbar wird, und das nur, weil du hereingekommen bist und mir meinen Lieblings-Haselnusskaffee spendiert hast.«

Unter dem weißen Haarschopf erinnerten mich die Lachfältchen neben seinen blauen Augen an den Weihnachtsmann. Allerdings lag die Weihnachtszeit längst hinter uns, und Les hatte nie mehr als ein paar graue Stoppeln am Kinn.

Les ging zu Kingston und tätschelte ihm den Kopf. »Kommt es nur mir so vor, oder wird diese Krähe langsam dick?«

Ich räusperte mich. »Er bevorzugt den Ausdruck kräftig gebaut, und ja, das hat ebenfalls mit Elsies neuen Hundekeksen zu tun.«

Les schüttelte den Kopf. »Diese Frau«, murmelte er auf dem Weg zur Tür. »Jedes Mal, wenn ich glaube, dass sie es endlich etwas ruhiger angehen lässt, findet sie irgendwo noch mehr Energie.«

»Ich wünschte nur, sie würde einen Weg finden, diesen Zauber, den sie da benutzt, in Flaschen abzufüllen«, rief ich ihm nach. Zum Dank hob ich meinen Kaffee wie zu einem Trinkspruch, während Les winkte und hinausging.

Kapitel 2

»Ich glaube, ich habe eine neue Lieblingsblume«, verkündete ich Ryder, während ich den lilafarbenen Krokus in die weiße Vase steckte. Ich trat einen Schritt zurück, um das lockere Arrangement aus langstieligen Krokussen zu bewundern. Dicke, weiche Blütenblätter schmiegten sich um flaumige, leuchtend gelbe Narben und ließen sie wie die entspannteren, unbekümmerteren Verwandten der Tulpen aussehen. Ich strich mit den Fingern über die üppigen Blütenblätter einer leuchtend gelben Blüte. »Und ihre Farben erinnern mich an Ostereier. Genau das Richtige, um einen Kontrast zu der faden, einfarbigen Winterlandschaft zu schaffen.«

Ryder kam zur Arbeitsinsel herüber. »Sie sind umwerfend.« Er strich mit dem Finger über die Narbe einer violetten Blüte. »Crocus sativus. Von dieser Art stammt Safran.«

Ich nickte. »Das wusste ich tatsächlich … ausnahmsweise mal«, sagte ich aus dem Mundwinkel. Ryder war eine wahre Schatztruhe voller Wissen, vor allem, wenn es um Gartenbau ging. Ich hatte von meinem Assistenten eine Menge gelernt. »Ich habe noch nie mit Safran gekocht. Ich wüsste nicht einmal, was ich damit anfangen sollte. Außerdem macht ihn sein horrender Preis zu einer dieser Zutaten, von denen ich nur träumen kann – genau wie Kaviar und Trüffel. Wobei ich mit denen genauso wenig anzufangen wüsste.«

»Fischeier, unter der Erde wachsende Pilze und Blütennarben.« Ryder lachte. »Fast, als hätte irgendwann irgendwo jemand gesagt: ›Hey, seht euch diese schleimigen Fischeier an. Wir verpassen ihnen einen hohen Preis, und schon halten die Leute sie für etwas Besonderes, obwohl es in Wirklichkeit bloß Fischeier sind.‹«

»Meine Güte, wäre das nicht zum Schreien, wenn Kaviar die ganze Zeit nur ein riesiger Streich gewesen wäre, den uns jemand spielt?« Mein Handy meldete sich mit einer Nachricht. Ich nahm es von der Arbeitsplatte.

Die Kirschtörtchen sind fertig, falls du Lust hast.

Oh, ich habe Lust.

Ich schickte meine Antwort ab. »Elsie braucht dringend meine Fähigkeiten als Testesserin, und ich bringe es nicht übers Herz, sie zu enttäuschen. Also mache ich mich auf den Weg. Ich bringe dir ein Kirschtörtchen mit.«

»Ich halte hier die Stellung«, rief er mir nach, als ich zur Tür hinausging.

Der üppige Duft von Butter und braunem Zucker schlich sich zwischen das herbe, süße Aroma der Kirschen. »Das Thermometer würde mir zweifellos widersprechen, aber ich rieche Sommerluft«, sang ich beinahe, als ich die Bäckerei betrat.

Elsie kam mit einem Teller voller Törtchen aus ihrer Küche. Goldbraune, blättrige, mit Pekannussstückchen gesprenkelte Krusten betteten behutsam eine luftige Mischung aus dunkelroten und tiefvioletten Früchten.

»Siehst du, Pink, du verstehst mich. Mein Ziel war es, ein wenig Sonnenschein und Wärme in diese tristen Wintertage zu backen.« Elsie stellte den Teller mit den Törtchen auf ihre strahlend weiße Theke. Sie buk den ganzen Tag wie eine Verrückte und schaffte es trotzdem, ihre Bäckerei so sauber wie ein Krankenhaus zu halten. Das bestärkte mich nur noch mehr in dem, was ich Lester heute Morgen gesagt hatte, um ihm wegen der Hundebänke seine Sorgen zu nehmen.

Elsie legte ein Törtchen auf einen Teller und reichte es mir. Als ich es vorsichtig nahm, war es noch warm. Der duftende Dampf überwältigte meine Superkraftnase beinahe, doch das hielt mich nicht davon ab, gleich den ersten Bissen zu nehmen. Eine Explosion aus Aromen und Texturen erfüllte meinen Mund. Die heiße Fruchtfüllung war gerade sauer genug, um von der süßen Kruste wunderbar ergänzt zu werden.

»Mmm, meine Liebe, du hast es geschafft.« Ich hielt das Törtchen hoch. »Das hier ist ein Sommerpicknick auf einer grünen Wiese, vereint in vollendeter Gebäckform. Bis zu diesem Augenblick war mir gar nicht klar, wie dringend ich einen Vorgeschmack auf Sonnenschein brauchte.«

»Wunderbar. Ziel erreicht. Ich werde eine Sonne auf meine Kreidetafel draußen malen, und darunter schreibe ich: Kommt rein und gönnt euch einen Bissen Sommer.«

»Genial.« Ich nahm noch einen Bissen von dem Törtchen und war mir sicher, dass ich während einer einzigen ausgedehnten Geschmacksprobe jeden Krümel vertilgen würde. Ich war so vertieft in meinen Genuss, dass mir gar nicht auffiel, wie Elsies Miene etwas in sich zusammensackte. Sie reckte sich und blickte an mir vorbei aus dem Schaufenster.

»Erwartest du jemanden?«, fragte ich.

»Nur Britney. Ich habe sie zum Corner Market geschickt, um Zitronen zu holen. Ich wollte ein paar Minuten allein mit dir reden.« Obwohl wir vollkommen allein waren, schob sie die Törtchen beiseite und beugte sich näher zu mir. »Dash hat sie seit über einer Woche nicht angerufen. Sie hat ihm ein paar Nachrichten geschickt, aber nur knappe, abgehackte Antworten bekommen.« Eine dunkle Röte stieg ihr in die Wangen. »Ich wusste, dass er so ist. Ich hätte gar nicht erst zulassen dürfen, dass sie mit ihm ausgeht. Jetzt ist sie so abgelenkt, dass sie eine ganze Ladung Kekse wegwerfen musste, weil sie geistesabwesend zum Salz statt zum Zucker gegriffen hat.«

Bei dem Gedanken an diese unglückliche Verwechslung verzog ich die Nase. »Das ist nicht gut. Ich bin sicher, Dash hatte unten in der Marina einfach zu viel zu tun.« Ich hatte mehr als einmal befürchtet, dass ich irgendwie mitten in Britneys und Dashs Beziehung geraten würde. Ehrlich gesagt musste ich nicht auch noch bei einem weiteren chaotischen Paar zwischen den Stühlen sitzen. Schon jetzt war ich die widerwillige Schiedsrichterin, Vertraute und Behelfstherapeutin in Ryders und Lolas wackeliger Beziehung. Wobei das eher meine Schuld war, denn ich hatte ein gutes halbes Jahr damit verbracht, den beiden einzureden, dass sie ein tolles Paar abgeben würden. ‚Toll‘ hatte sich als kleine Fehleinschätzung meinerseits erwiesen. ‚Interessant‘ wäre vielleicht das passendere Adjektiv gewesen. In Ryders und Lolas Liebesleben wurde es jedenfalls nie langweilig. Aber ich glaubte einfach nicht, dass ich für noch ein Paar den Puffer oder Kummerkasten spielen konnte. Dash hatte das früh genug begriffen und erwähnte seine Beziehung mit Britney nie, wenn wir miteinander plauderten. Wir hielten unsere Gespräche meist locker, unverbindlich und weit weg von allem Ernsthaften, und genau so mochte ich es.

Elsie nahm ein weißes Tuch von dem Haken am Ende der Theke und begann, ihre Kasse abzuwischen. Wenn Elsie wütend war, neigte sie dazu, Dinge zu putzen und aufzuräumen, die es gar nicht nötig hatten. Ich führte diese Angewohnheit darauf zurück, dass sie vor Energie nur so strotzte und sie loswerden musste, sobald sich zu viel davon angestaut hatte. Wenn sie sich aufregte, musste sie ihrem Ärger sofort Luft machen. Sie polierte die verchromte Kasse, obwohl ich mein Spiegelbild schon darin erkennen konnte.

»Der Kerl hat vielleicht Nerven, dem Mädchen so den Kopf zu verdrehen. Britney hat hervorragende Arbeit geleistet. Ich dachte, ich hätte endlich eine Assistentin gefunden, die meinen Ansprüchen gerecht wird.« Sie schrubbte energisch über die Oberseite der Kasse und knöpfte sich anschließend den danebenliegenden Hefter vor.

Elsie hatte monatelang nach einer Assistentin gesucht, ohne je jemanden zu finden, der für die Aufgabe geeignet war. Als Britney voller Begeisterung und Talent aufgetaucht war, hatte Elsie befürchtet, Britney könnte sie in den Schatten stellen, doch die beiden hatten sich zu einem guten Team zusammengerauft. Endlich hatte Elsie die dringend benötigte Hilfe in der Bäckerei. Ich hoffte, dass Dash nicht alles ruiniert hatte.

»Vielleicht muss Britney ihm einfach ein bisschen Freiraum geben«, schlug ich wenig überzeugend vor. »Ich weiß, das ist ein Klischee«, fügte ich rasch hinzu, bevor Elsie eine Augenbraue hochziehen konnte. »Dash ist schon lange Junggeselle, und wir wissen beide, dass es noch nie an Frauen gemangelt hat, die ihn gern für sich gewinnen würden.«

Elsie lachte trocken. »Kate Yardley ist der beste Beweis dafür. Britney hat den Fehler gemacht, im Mod Frock einen Rock kaufen zu wollen. Kate war so unhöflich, dass Britney mit leeren Händen wieder gegangen ist.«

»Kate lässt wirklich jeden wissen, was sie denkt.« Ich aß den letzten Bissen meines Törtchens, doch das Gespräch dimmte meinen inneren Sonnenschein. Offensichtlich war ich Elsie keine besonders große Hilfe, wie sich daran zeigte, mit welcher Heftigkeit sie ihren Hefter polierte.

Ich griff hinüber, um ihrem manischen Anfall mit dem Staubtuch Einhalt zu gebieten. Meine Hand legte sich fest über ihre. Sie senkte den Hefter. »Tut mir leid. Du weißt ja, wie ich werde, wenn ich mich aufrege.«

»Ja, aber ich glaube, du musst die Sache einfach ihren Lauf nehmen lassen. Behalte nur das Salz im Auge und versuch, dir keine Sorgen zu machen, Elsie. Britney ist eine wunderschöne junge Frau, die so viel zu bieten hat. Und sie ist noch so jung.«

Elsie stieß laut die Luft aus. »Das ist sie. Bei allem anderen tritt sie so selbstbewusst auf, dass ich manchmal vergesse, dass sie erst Mitte zwanzig ist. Sie ist so talentiert. Ich wünschte nur, ich hätte auch so viel Talent.«

Ich legte den Kopf schief und zog eine Augenbraue hoch. »Im Ernst? Ich habe dieses Törtchen geradezu verschlungen, als hinge mein Leben davon ab, obwohl es noch ein paar Grad zu heiß war. Ich glaube, dein Talent ist in diesem Teil der Welt nach wie vor unangefochten.« Ich hatte überlegt, ob ich anbieten sollte, mit Dash zu reden, und wollte es gerade erwähnen, als Britney mit einer Tüte Zitronen die Bäckerei betrat.

Sie hatte sich ihr glänzend braunes Haar vor Kurzem stufig und mit einem langen Pony schneiden lassen. Die Frisur betonte ihre mandelförmigen braunen Augen und ließ sie noch hübscher aussehen, falls das überhaupt möglich war. »Hallo, Lacey«, sagte sie freundlich. »Tantchen, das war die letzte Tüte Zitronen.« Sie drückte eine davon zusammen. »Sie haben dünne Schalen, also müssten sie schön saftig sein. Soll ich mit den Zitronen-Lavendel-Cupcakes anfangen?«

»Ja, bitte.«

Britney lächelte höflich, bevor sie ihr Handy aus der Jacke zog. Sie starrte darauf, während sie mit den Früchten in der Küche verschwand. Sie war definitiv nicht sie selbst.

Ich sah Elsie fragend an. »Zitrone und Lavendel? Noch mehr Sommer?«

Elsie zuckte mit den Schultern. »Du weißt doch, wie das ist, wenn ich mich in etwas verrenne.«

»Von mir hörst du keine Beschwerden. Bei diesem Törtchen möchte ich nach Hause gehen und meinen Sonnenschirm und den Badeanzug hervorholen. Wie auch immer, ich muss zurück. Oh, und ich habe Ryder eins versprochen.« Ich nahm ein Törtchen. Der Gedanke, die Bäckerei satt und zufrieden von einem Sommertörtchen zu verlassen, während meine Freundin wegen ihrer Nichte und Dash noch immer völlig aufgewühlt war, gefiel mir nicht. Ohne weiter darüber nachzudenken, beugte ich mich zu ihr und senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Falls ich Dash sehe, frage ich ihn, wie es läuft, und versuche, etwas herauszufinden.«

Elsie formte lautlos das Wort »Danke«.

Ich wandte mich zum Gehen. Elsies Stimme nahm wieder ihre normale Lautstärke an. »Fast hätte ich es vergessen: Wie geht es denn deinem attraktiven Detective? In letzter Zeit war er gar nicht hier, um sich sein übliches Frühstücksgebäck zu holen.«

Ich lachte. »Er hat darauf bestanden, dass er von all den Backwaren einen kleinen Bauch über dem Gürtel bekommt. Aber mit meinem Detective ist alles bestens. Noch mal vielen Dank für die Törtchen, Elsie.«

Kapitel 3

Ryder half mir, die fünf anderen Krokussträuße fertigzustellen. Eine Kundin hatte sie für eine besondere Feier zum Ruhestand bestellt. Die lavendelfarbenen, gelben und weißen Blütenbüschel zauberten einen herrlichen Regenbogen in den Laden.

Ich drehte eine Vase herum, um sie von allen Seiten zu betrachten. »Ich bleibe bei meiner früheren Aussage. Krokusse sind meine neuen Lieblingsblumen.«

»Sie sind auf jeden Fall auffällig«, bemerkte Ryder. »Es gibt eine richtig tolle alte Krokussorte namens Pickwick, die sich hervorragend für Töpfe eignet.« Er holte sein Handy heraus und fand ein Bild von großen Blüten mit hellvioletten Blütenblättern, die von tief pflaumenfarbenen Streifen durchzogen waren.

»Oh wow«, schwärmte ich. »Die gefallen mir. Mit ein paar leuchtend gelben Rosen wären sie wunderschön.« Ich ging rasch zu dem Notizblock auf meinem Arbeitstisch und schrieb alte Sorte Pickwick crocus und gelbe Rosen auf. »Ich liebe sogar ihren Namen. Wenn ich mal etwas Zeit und ein bisschen Geld zum Experimentieren übrig habe, bestelle ich verschiedene Krokusarten und probiere ein paar Arrangements aus.«

»Klingt lustig. Ein bisschen wie eine Versuchsküche, nur ohne etwas Essbares. Wir könnten ein paar Fotos von den neuen Sträußen machen, damit du einen neuen Katalog mit Krokusarrangements erstellen kannst.«

»Ausgezeichnete Idee. Was für ein Team«, jubelte ich. Mein Handy vibrierte. Noch bevor ich darauf schaute, ahnte ich, dass es Briggs war. Er schrieb:

Wie wär’s mit einem Hotdog am Pier?

Ich antwortete:

Auf jeden Fall. In einer Stunde?

Klingt gut. Ich freue mich darauf, dich zu sehen.

Ich schickte ein Lippenpaar als virtuellen Kuss zurück. Unsere Beziehung war in der Emoji-Phase angekommen, in der ich ihm unbefangen kleine Symbole wie Küsse und Herzen schickte. Er neigte zwar nicht so sehr dazu, ein Smiley zu verschicken, schien aber nichts dagegen zu haben, meine zu bekommen.

Ich legte das Handy weg. »James und ich essen in einer Stunde am Pier zu Mittag. Willst du deine Pause gleich machen? Oder wartest du auf Lola?«

Ryder blickte durch das Schaufenster über die Straße zu Lola’s Antiques. »Lola ist auf irgendeiner geheimen Mission, zumindest hat sie es so genannt, als ich sie wegen des Mittagessens gefragt habe.« Er legte die Spule mit dem weißen Band ab. »Weißt du zufällig etwas über diese geheime Mission?«

»Geheime Mission?«, fragte ich, unsicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte, obwohl er es zweimal gesagt hatte. »Davon habe ich überhaupt nichts gehört. Ich habe gestern Abend mit ihr gesprochen, aber von irgendetwas Geheimem war keine Rede.« Während ich sprach, entgleisten Ryders Gesichtszüge ein wenig. »Vielleicht kauft sie ein neues Rockstar-T-Shirt oder einen Hut?«, schlug ich wenig überzeugend vor. »Oder vielleicht kauft sie dir etwas Neues, und deshalb ist es geheim.«

Ryder wandte sich wieder seiner Arbeit zu. »Sie hält mich eben gern auf Trab.« Er schüttelte matt den Kopf.

»Du kennst Lola. Sie bringt gern ein bisschen Geheimnis in ihr Leben.« Ich nahm den Besen, um die Blumenreste zusammenzukehren. »Vielleicht lässt sie sich tätowieren«, schlug ich vor. Langsam war ich selbst ein wenig gekränkt, weil sie die geheime Mission mir gegenüber nicht erwähnt hatte. Normalerweise erzählte sie mir alles.

Ich hatte den Besen gerade einmal über den Boden gezogen, als die Glocke schepperte und sich das Rätsel um Lolas geheime Mission löste. Lola strich sich über ihr frisch geglättetes Haar. Ein langer roter Pony hing über ihre Stirn. Abgesehen von der Haarfarbe ähnelte der ganze Look verdächtig stark Britneys neuer Frisur. Lola war angesichts Britneys natürlicher Schönheit auf der Stelle grün vor Neid geworden. Und ganz nach Lola-Manier hatte sie sofort beschlossen, dass Ryder sich in Britney verlieben und nie wieder zurückblicken würde. Natürlich irrte sie sich, aber Lola war eine Expertin darin, an ihren Unsicherheiten festzuhalten.

»Was ist mit deinen Locken passiert?«, fragte Ryder und vergaß offenbar, die Enttäuschung in seiner Stimme zu verbergen. (Das würde bei der Sache mit der Unsicherheit nicht gerade helfen.)

Lola bemerkte es sofort. Sie hob das Kinn. »Ich habe es satt, Hüte zu tragen, um meine Clownslocken zu bändigen.«

Ich räusperte mich und tätschelte meine eigene bauschige Lockenwolke. »Deine Locken sehen viel weniger albern aus, und sie sind nicht rot«, fügte sie schnippisch hinzu.

»Aber du liebst diese Hüte.« Ryder legte die Blumen ab, die er in der Hand hielt, und ging zu ihr, schien seine Vorgehensweise jedoch noch einmal zu überdenken, als er sich ihr näherte. »Ich liebe diese Hüte. Sie sind sexy. Sie heben dich von allen anderen ab.« Seine Stimme wurde sanfter und leiser. Er hatte sich gegen den zuvor enttäuschten Ton und für die romantische Tour entschieden.

Ich lehnte meinen Besen an die Arbeitstheke. »Ich glaube, ich muss irgendwas am Computer erledigen oder so.« Ich verhaspelte mich, bevor ich endlich schlau genug war und den Mund hielt. Beinahe gelang mir die Flucht ins Büro.

»Oh nein, das wirst du nicht«, fuhr Lola mich an. »Komm zurück, du feige beste Freundin. Ich muss deine Meinung hören. Ich glaube, Ryder hat mir seine Einschätzung bereits gegeben. Ihm wäre es lieber, wenn ich weiter unter Hüten und Mützen und einer Wolke aus roten Locken verborgen bliebe.«

»So etwas habe ich nie gesagt.« Ryder wich ein paar Schritte zurück. »Du bist hier reingekommen, ohne mir vorher zu sagen, dass du deine Frisur änderst. Ich brauche ein paar Minuten, um mich daran zu gewöhnen. Es gefällt mir. Der Pony sieht toll aus.«

Ryder hatte noch immer nicht herausgefunden, wie man einem Streit am besten zuvorkam. Ich wusste, dass er das Falsche gesagt hatte, und man sah es Lola an. Sie schürzte die Lippen und bewegte das Kinn hin und her, während sie die Hände fest in die Hüften stemmte. »Entschuldige bitte, ich wusste nicht, dass ich deine Erlaubnis brauche, um meine Frisur zu ändern. Ich wollte vielleicht eine neue Lippenstiftfarbe ausprobieren. Soll ich dir ein Foto davon schicken, bevor ich sie auftrage?«

»Wie gesagt –« Ich deutete mit dem Daumen über meine Schulter. »– ich muss eben etwas am Computer erledigen. Eine große Sache. Eine wichtige Sache für den Laden.« Während ich meine Ausrede stotterte, wich ich rückwärts zurück.

»Bleib sofort stehen!«, sagte Lola scharf.

Ich blieb direkt hinter der Tür stehen und deutete auf meine Brust. »Wer, ich?«

»Nein, ich rede mit der Krähe«, sagte Lola und winkte in Kingstons Richtung. Dann blickten wir alle zu Kingstons Stange, und für einen Moment herrschte Waffenstillstand. Uns allen dämmerte gleichzeitig, dass Kingston nicht sein übliches Theater veranstaltet hatte – die gurrenden Laute und den Tanz auf der Stange, den er jedes Mal aufführte, wenn Lola, sein Schatz, zur Tür hereinkam. Stattdessen stand er auf dem Tablett unter seiner Stange und scharrte auf der Suche nach ungeöffneten Erdnüssen herum wie ein Huhn im Dreck.

Lola warf die Arme hoch. »Großartig, Kingston, mein einziger wahrer Verehrer erkennt mich ohne meine Locken nicht einmal.«

Ihre spitze Bemerkung, Kingston sei ihr einziger wahrer Verehrer, war alles, was Ryder hören musste.

»Hey, Chefin, du wolltest doch, dass ich meine Mittagspause mache, also gehe ich jetzt gleich los.« Er ging zum Kleiderhaken.

Lola sah mit gerunzelter Stirn zu, wie er seine Sachen zusammensuchte. Ihre Verwirrung wurde nur noch größer, als er wortlos an uns beiden vorbeirauschte und zur Tür hinausging.

Ihre braunen Augen wurden unter dem Vorhang aus Ponyfransen groß. »Was habe ich denn gesagt?«

»Im Ernst? Du hast gerade eine Krähe als deinen einzigen wahren Verehrer bezeichnet. Direkt vor dem Mann, der dich tatsächlich verehrt. Oder es zumindest tun würde, wenn du ihn ohne das ganze Drama ließest.«

»Wieso bin ich hier diejenige, die etwas falsch gemacht hat?« Lola warf ihr glattes Haar zurück. »Das wollte ich schon immer mal machen. Lockiges Haar kann man nicht zurückwerfen. Es wippt nur ein bisschen und bleibt dann an Ort und Stelle.«

»Noch mal, meine Liebe, du predigst hier einer Bekehrten. Ich bin heute Morgen nicht einfach mit diesem Berg aus Ringellocken aufgewacht. Die verfolgen mich so ziemlich, seit ich zwei bin. Aber wie um alles in der Welt ist dein Haar so glatt geblieben, nachdem du draußen in der Küstenluft unterwegs warst? Ich habe meine Sammlung aus Glätteisen und anderen mittelalterlichen Folterinstrumenten drei Wochen nach meinem Umzug nach Frizz Town, USA, im Secondhandladen abgegeben.«

Lola holte ihr Handy heraus, um die Kamera als Spiegel zu benutzen. Sie steckte eine Strähne hinter ihr Ohr und fuhr mit den Fingern über ihren glatten Pony. »Ich hatte eine Haarglättungsbehandlung. Sie hält ein paar Monate, aber ich muss trotzdem etwas dafür tun, damit es so glatt bleibt. Das solltest du auch probieren. Die Stylistin ist diese talentierte Frau namens Gina bei Coco’s Salon in Chesterton. Sie ist großartig.« Endlich hörte sie mit den Haarinformationen auf und blickte zur Tür. »Ich schätze, er ist wirklich sauer«, sagte sie mit einem niedergeschlagenen Seufzer. »Ich dachte nur, er würde sich mehr über meinen neuen Look freuen.« Ich fragte mich, wie viel Britney wohl mit Lolas neuem Look zu tun hatte. Da ich wusste, wie sehr Ryder Lola vergötterte, war es umso ärgerlicher, dass sie sich wegen Elsies Nichte überhaupt Sorgen machte. Lola runzelte die Stirn und sah ein wenig unglücklich aus.

Ich ging zu ihr und nahm ihre Hand. »Wenn dir dein neuer Look gefällt, ist das alles, was zählt, Lola. Er ist wunderschön. Wirklich. Das sage ich nicht nur so. Ich bin jemand, der von glattem Haar träumt.«

Lola grinste halb. »Heißt das etwa …«

»Ja, in meinen Träumen habe ich langes, üppiges, glattes Haar. So glatt, dass man sich darin spiegeln kann.«

»Du arme lockenköpfige Außenseiterin.« Lola umarmte mich kurz. »Ich sehe mal, ob ich ihn einhole und mich entschuldigen kann. Bis später. Sag einfach Bescheid, wenn du Ginas Nummer willst.« Sie warf demonstrativ ihre glatten Strähnen über die Schulter zurück und stolzierte zur Tür hinaus.

Kapitel 4

Nach der morgendlichen Törtchenverkostung meldete ich mich sofort freiwillig, zum Revier zu laufen, um Briggs zu treffen. Ich brauchte die Bewegung, und die frische, salzige Luft half mir, mich nach einem langen Vormittag voller Freundinnen-Therapie wieder zu beleben. Nach dem holprigen Start mit ihrem neuen Look schaffte Lola es, die Wogen zu glätten. Ryder war viel besser gelaunt, als er vom Mittagessen zurückkam.

Briggs trat gerade aus dem Revier, als ich dort ankam. Er hatte einen schwarzen Mantel angezogen und den blauen Schal, den ich ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. »Ich wollte dir entgegengehen, aber du musst heute ja regelrecht hierhergeschlittert sein.«

»Ich musste ein paar Kalorien verbrennen, deshalb bin ich zügig gelaufen. Meine neuen Stiefel sind superbequem. Darin möchte ich am liebsten wie eine Ballerina dahingleiten.« Ich griff hoch und richtete den Kragen seines Mantels. »Habe ich eigentlich schon erwähnt, wie sehr ich diesen schwarzen Mantel liebe? Darin siehst du besonders ernst und ein bisschen gefährlich aus.«

Seine braunen Augen blickten warm und er lächelte. »Du hast es schon ein paarmal erwähnt. Gefährlich war eigentlich nicht der Look, den ich anstrebte, aber wo du es jetzt sagst …« Er zupfte am Ärmel seines Mantels, um ihn glatt zu streichen. »Ich fühle mich irgendwie bedrohlich. Vielleicht muss ich ihn weiter tragen. Obwohl es darin im Sommer etwas warm werden könnte.«

Wir gingen los. Ich hakte mich bei ihm ein. »Du hattest heute also Lust auf Hotdogs?«, fragte ich.

»Wir können auch etwas anderes holen, wenn dir das lieber ist.«

»Nein, ein Spaziergang am Pier klingt schön. Der Himmel ist gerade blau genug, dass es sich wie Frühling oder Herbst anfühlt, meine liebsten Jahreszeiten.«

Er sah mich von der Seite an. »Was ist mit dem Sommer?«

»Ich liebe den Sommer, aber er ist nun mal weder Frühling noch Herbst. Übrigens, ich habe eine Frage.«

»Sommer«, antwortete er.

»Nein, nicht die. Aber der Sommer wird überbewertet. Darüber können wir ein andermal diskutieren.« Wir bogen um die Ecke auf den Pickford Way ein, die Straße, die parallel zum Strand verlief. Möwen waren über den Sand verteilt, duckten sich nahe am Wasser zusammen und versuchten, dem frischen Wind zu entgehen, während sie ihren morgendlichen Fang verdauten. Die Temperatur war um ein paar Grad gesunken, und ich kuschelte mich enger an ihn.

Er lachte leise. »Wie war das gerade damit, dass der Sommer überbewertet wird?«

»Ja, ein paar Grad mehr wären schön. Aber ich habe mich gefragt, was du davon halten würdest, wenn ich mir die Haare glätten ließe?«

»Glätten? Meine Mutter ist früher immer für eine Dauerwelle zum Friseur gegangen, damit ihre Haare lockig wurden. Mir war gar nicht klar, dass man auch das Gegenteil machen kann.«

»Die Wissenschaftler hatten eben etwas Zeit übrig. Sie hatten bereits einen Mann auf den Mond geschickt, herausgefunden, wie man menschliche Organe verpflanzt, und mit Glasfaserkabeln alle Menschen auf der Welt verbunden. Als Nächstes stand das Glätten lockiger Haare auf ihrer Liste.«

»Klugscheißerin«, murmelte Briggs.

»Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.« Ich blieb stehen und bauschte meine Locken zur Veranschaulichung auf. »Soll ich mich von diesem ganzen Wirrwarr verabschieden und mich für etwas Glattes und Glänzendes entscheiden?«

Briggs griff nach meiner Hand und zog mich an sich. »Du kannst dir einen Bürstenschnitt schneiden lassen und die Haare grün färben, solange ich dich weiter küssen darf.« Er besiegelte seine Erklärung mit einem Kuss, der mich wesentlich besser wärmte als mein dicker Wintermantel.

Nach einem kurzen, wunderbaren Kuscheln gingen wir weiter. »Grün ist nicht wirklich meine Farbe, aber mit einem Bürstenschnitt käme ich morgens viel schneller aus dem Haus.«

Wir erreichten den Pier. Es war ein Montag im Januar. Sämtliche glitzernden Verzierungen und Lichterketten der Feiertage waren abgebaut worden und ließen den kahlen Pier in seinem natürlichen, rustikalen Küstenzustand zurück. Im Winter wirkte er etwas trist und leblos, wenn die Leute lieber im Landesinneren blieben, statt sich an den Strand zu wagen. Ein paar hartgesottene Strandgutsammler wanderten über den Sand. Ansonsten war die Küste von Port Danby vom Pickford Lighthouse bis zu der Biegung verlassen, an der die Sandstrände steilen Felsen und zerklüfteten Buchten wichen.

Die Sonne war vorübergehend hinter einer Wolke verschwunden und warf einen kalten Schatten über der gesamten Marina. Ich ließ Briggs lange genug los, um meinen Mantelkragen höher über meine Ohren zu ziehen.

Briggs sah zu mir hinüber und lächelte. »Du siehst aus wie ein Bärenjunges, das in einem dicken Daunenmantel Winterschlaf halten will.«

»Am Wasser ist es kühl. Kein Wunder, dass die Möwen dort unten alle wie flauschige Bälle zusammengekauert sind. Habe ich dir erzählt, dass Kingston offenbar beschlossen hat, er wäre lieber eine Möwe als eine Krähe?«

Bei Briggs’ kurzem Lachen stieg ein weißes Wölkchen auf. »Ist er eines Morgens einfach aufgewacht und hat gesagt: Hey, ich glaube, ich wechsle die Spezies?«

»Nein, eigentlich glaube ich, dass er sich mehr Gedanken darüber gemacht hat. Statt in den Bäumen rund um den Laden oder auf dem Marktplatz herumzuhängen, wo all seine Artgenossen gern herumlungern, fliegt er neuerdings direkt zur Küste hinunter. Ich habe ihn dabei erwischt, wie er die Möwen mit großem Interesse beobachtet hat, als würde er sich im Geiste Notizen über ihr Verhalten machen. Es ist nur eine Theorie, und sie beruht allein auf dem Fachwissen, das ich durch das Zusammenleben mit meinem eingebildeten Vogel erworben habe, aber ich glaube, er zieht die frechen, selbstbewussten Möwen den ungehobelten Krähen von Port Danby vor.«

»Möwen sind selbstbewusst?«, fragte Briggs.

»Welches andere Tier marschiert ohne Weiteres direkt auf dein Strandhandtuch zu und schnappt sich eine Tüte Kartoffelchips?«

»Äh, mir fallen mindestens zwei ein. Der eingebildete Vogel, den du eben erwähnt hast, und ein großer, ungehobelter und offenbar ziemlich dreister Hund namens Bear.«

»Ja, aber die zählen nicht, weil sie verwöhnte Haustiere sind.«

Wir erreichten den Hot-Dog-Stand. Vor uns standen mehrere Leute in der Schlange, sodass ich Zeit hatte, mich für einen Belag zu entscheiden. Briggs und ich blickten zu dem blauen Schild über dem Bestellfenster hinauf. Während wir die Liste studierten, zog der intensive, erdige Geruch von Zigarrenrauch durch die sonst so salzige Meeresluft. Ich wedelte mit der Hand vor meinem Gesicht herum, um ihn zu vertreiben, aber der Zigarrenrauch war hartnäckig und aufdringlich. Mein Blick folgte dem dünnen Faden beißenden Rauchs bis zu seinem Ursprung. Auf einer Bank in der Nähe saß ein Mann, der sich in einem blauen Regenmantel zusammenkauerte. Sein Gesicht wurde größtenteils von einem olivgrünen Fischerhut verdeckt, den er tief ins Gesicht gezogen hatte. Seine Angelrute ragte bogenförmig über den Rand des Piers. Die Schnur verschwand im unruhigen Wasser darunter. Die dicke Zigarre ragte aus seinem Mundwinkel, und ihre rot glühende Spitze zischte im kalten Dunst.

»Welchen Belag möchtest du?«, fragte Briggs.

Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder der Liste zu. Der Tabakduft überwältigte meine Geruchssinne so sehr, dass nichts darauf verlockend klang. Ich rümpfte die Nase und hoffte, so etwas von dem Geruch loszuwerden. Keine Chance. Zigarrenrauch war eben so. Er setzte sich überall fest, sogar in den Nebenhöhlen.

»Was ist los? Möchtest du etwas anderes essen?«, fragte Briggs. Wir traten an den Tresen.

»Nein, ich kann nur nicht herausfinden, worauf meine Geschmacksnerven Lust haben, weil der Zigarrenrauch meine Zunge überzieht. Nimm für mich einfach Senf und Gurkenrelish. Heute halte ich es schlicht.«

»Senf und Gurkenrelish«, wiederholte Gracie, die unter der Woche den Stand betrieb, und hakte es auf ihrem Bestellblock ab. Sie trug ihr Haar immer in zwei langen Zöpfen. Ich fragte mich, ob sie unter demselben Lockenfluch litt wie Lola und ich. Die gelb-rot gestreifte Kappe auf ihrem Kopf passte zu der gelb-rot gestreiften Markise über dem Stand. Heute trug Gracie ihre violetten Kontaktlinsen, die immer ein wenig irritierend wirkten. Sie ließen ihre Augen beinahe leuchten.

»Für mich das Gleiche, aber mit einer Portion Chili«, sagte Briggs und holte seine Brieftasche hervor. Auch er rümpfte die Nase. »Dann essen wir die wohl auf der windabgewandten Seite dieser Zigarre.«

»Ist es nicht furchtbar?«, platzte Gracie heraus, während sie die Bestellung fertig notierte. Sie streckte den Kopf vor, um am Rand des Standes vorbeizusehen. »Ja, derselbe Kerl. Seit sieben Tagen ist er jeden Tag hier, raucht diese stinkenden Zigarren und wirft seine Schnur in die Wellen. Ich glaube, er hat nicht einmal einen einzigen Fisch gefangen.«

Briggs sah zu dem Mann auf der Bank hinüber. Sein Gesicht wurde noch immer größtenteils von Hut und Regenmantel verdeckt, aber er war ein stattlicher Kerl mit breiten Schultern und einem kräftigen Hals.

Briggs wandte sich wieder Gracie zu. »Ich kenne ihn nicht. Kommt er von hier?«

Gracies Zöpfe schwangen wie Pendel, als sie den Kopf schüttelte. »Ich habe ihn noch nie gesehen, aber ich wünschte wirklich, er würde sich weiter vom Stand entfernen. Der Geruch schreckt die Leute ab. Wenn sie hierherkommen, erwarten sie den Duft von Hotdogs, Ketchup und Zwiebeln. Keinen bitteren Zigarrenrauch.« Sie verzog das Gesicht. »Er erinnert mich an meinen Onkel Ralph, den Kerl, den niemand zu Thanksgiving einladen will, weil er eklige Zigarren raucht.«

»Soll ich ihn bitten, ein Stück weiter den Pier runterzugehen?«, fragte Briggs.

Gracie löffelte Chili auf einen Hotdog. »Nein, danke, Detective Briggs. Ich hoffe, dass er seine Jagd aufgibt und verschwindet, weil die Fische nicht anbeißen.« Sie reichte uns unsere Hotdogs. »Ich will keinen Ärger anfangen.«

Briggs nickte. »Dann hoffen wir um deinetwillen, dass er nichts fängt.«

Wir drehten uns um und suchten den Pier nach einem Platz ab, an dem wir außerhalb der Rauchfahne essen konnten. »Wir könnten uns an der Marina hinsetzen und all die Boote bewundern, die wir uns nicht leisten können«, schlug Briggs vor.

»Klingt gut.«