Kapitel 1
Liv
@LivItUp: Over and Out. Ich bin für die nächsten Tage – oder Wochen – offline und werde mich zu gegebener Zeit bei euch melden.
Eure Liv.
29.11.2026
Das Wort »gedankenverloren« hatte für mich nie wirklich Sinn gemacht. Für mich implizierte es, dass der Kopf leergefegt war, dass man sich in seinen Gedanken verlor und keinen eindeutigen mehr zu fassen bekam. Eine Form der Freiheit. Dass man – wie in den meisten Filmen –, von einer traurigen Schönheit überzogen, aus dem Auto starrte, während ein Elternteil einen ans andere Ende des Landes fuhr.
Aber dieses romantisierte gedankenverloren war ich nicht.
Meine Augen waren rot und angeschwollen. Und mein Kopf war nicht leer, denn Gedanken und Sorgen wirbelten unaufhaltsam umher. Zu laut. Zu viel. Während sich Tausende Meter unter mir eine Schneelandschaft ausbreitete.
Die frostbedeckte Scheibe kühlte meine Wangen, als ich mich dagegen lehnte. Hunderte Facetten von Weiß zogen sich ab Helsinki das Land hinauf. Ich wischte die schwitzigen Hände an meiner Jeans ab und schluckte den trockenen Kloß in meiner Kehle hinunter. Meine Sorgen schmeckten bitter.
Das monotone Brummen des Flugzeugmotors tat sein Übriges, um mich in einen Dämmerzustand zu hypnotisieren. Ich berührte das Fensterglas, als könnte ich direkt meine Hand in den Schnee tauchen. Unter mir erstreckten sich die verschneiten Weiten Finnlands und grenzten an Wälder, die mir endlos erschienen. Weiß und Grün und Braun. Als hätte jemand diesen Teil der Erde mit einem Pinsel betupft und sich auf diese Farbnuancen beschränkt, die so ausgewogen miteinander harmonierten. Hin und wieder glaubte ich, Hütten zu erkennen, und fragte mich, wie es war, so abgeschottet zu leben. Die Einsamkeit hier stand im Gegensatz zu der dichten Bevölkerung in der Hauptstadt Englands.
Ich drehte eine Haarspitze um meinen Finger.
Gedankenverloren war ich nicht. Im Gegenteil. Zittrig holte ich Luft und versuchte, mich auf die Vogelperspektive zu konzentrieren, um die aufkommende Angst im Keim zu ersticken. Schluckte dabei die bitteren Was-wäre-wenns hinunter.
Vereinzelt tauchten Seenplatten auf. Vor meinem inneren Auge stellte ich mir zugefrorene Seen vor, auf denen die Menschen Schlittschuh laufen konnten, und verherrlichte die Vorstellung. Ich seufzte und lehnte mich tiefer in den Sitz. Meine Gedankenspirale trieb mich in einen aushaltbaren Zustand und ich entfloh somit kurzzeitig der Realität, die ich krampfhaft versuchte, hinter mir zu lassen.
Rovaniemi.
Obwohl der Name in meinem Kopf fremd klang, hallte das Echo eines Neuanfangs in den Silben mit. Oder zumindest das Echo einer Auszeit. Genau die brauchte ich.
Lappland schien so weit entfernt von London. Hier würde mich mit hoher Wahrscheinlichkeit niemand erkennen. Ich hatte bei Google Maps einen Ort ausgewählt, der erstens in Europa lag, zweitens, dessen Einwohnende Englisch verstanden, und drittens, nichts gemein hatte mit der Metropole. Die Abgeschiedenheit Rovaniemis war ein weiterer Pluspunkt auf meiner Liste. Mitten in der arktischen Kälte Lapplands würde ich hoffentlich zur Ruhe kommen.
Dort würden keine verurteilenden Blicke oder Beleidigungen mein Herz zum Krampfen bringen. Stattdessen warteten Saunagänge und die Nordlichter auf mich.
Und die Romantasy-Bücher, die ich mir vor Abflug am Flughafen Heathrow gekauft hatte.
Wenn ich ganz viel Glück hatte, würde ich nicht einmal ein Handynetz finden.
Ich gähnte und schloss für einen Moment die Augen. Hinter meinen Lidern flackerten die Worte, die man mir an den Kopf geworfen hatte. Die sich in meine Netzhaut – und in mein Herz – eingebrannt hatten.
Du Heuchlerin. Hoffentlich tut man dir das Gleiche an.
Glaubst du eigentlich selbst noch, was du laberst?
Stirb einfach.
Ich hatte mich entschuldigt. Mehrmals und unter Tränen. Doch alles, was ich sagte, wurde in der Luft zerrissen. Das Internet vergaß nie. Und die Zielscheibe, die man nach einem Shitstorm auf dem Rücken trug, haftete wie Sekundenkleber. Vielleicht sogar besser.
Was die ganzen Laras und Maddies, aber auch die Howards und Johns nicht davon abgehalten hatte, mich zu beleidigen. Mir teilweise Morddrohungen zu schicken oder mir im echten Leben nachzustellen. Wegen eines Fehlers – eines Skandals –, den ich unbewusst auf Social Media geteilt hatte.
Ich war Übeltäterin und Opfer. Beinahe hätte ich aufgelacht bei dieser Doppelrolle.
Reue zerfraß mich von innen heraus. Der Kloß in meinem Hals schnürte mir die Kehle zu. Ich schluckte mehrmals, ehe Luft in meine Lunge strömte. Ich ließ das Haarband an meinem Handgelenk gegen die Haut schnippen. Emotional hatte ich mich in den vergangenen Wochen mehrere Jahre zurückentwickelt.
»Liv? Hörst du mir überhaupt zu?«
Ich blinzelte und drehte mich zu Macy. Weg, von der kühlen Fensterscheibe, weg von der schneebedeckten Landschaft Lapplands.
Meine Managerin saß neben mir, ihr iPad auf dem Schoß. Es war eingeschaltet. Natürlich war es eingeschaltet!
Sie tippte mit ihrem dunkelroten Fingernagel rhythmisch-abwartend auf das Display und musterte mich mit gerunzelter Stirn. Ich kannte diesen Ausdruck zu gut. Ihr würde ich nichts vormachen können.
»Nein, sorry. Was hattest du gesagt?« Selbst in meinen Ohren klang meine Stimme brüchig, als hätte ich sie tagelang nicht benutzt.
Macy hob eine Braue, strich sich eine Strähne ihres roten Haars hinter die Ohren und betrachtete mich eingehend. Sie legte für wenige Herzschläge ihre Hand auf meine, sodass ich das Haargummi losließ. »Hey, in zwei Wochen wird sich niemand mehr daran erinnern. Okay? Dann sind die Leute im Weihnachtsstress und die Geschenke zählen.«
Ehrlich gesagt, bezweifelte ich das, murmelte ein bloßes »Ja, du hast recht« und glaubte der Lüge.
Als hätten diese kraftlosen Worte ihr Gemüt besänftigt, wandte sie sich wieder ihrem iPad zu. Macy war ganz in ihrem Element und nahm den Faden wieder auf. »Ich sagte vorhin, ich habe überlegt, welche Locations sich für die nächsten Kooperationen eignen. In dem Chalet können wir definitiv einiges fotografieren. Ich habe vorhin noch diesen See hier gefunden, ich kann den Namen nur nicht aussprechen.« Sie hielt mir das iPad unter die Nase. Ich ignorierte die Fingerabdrücke auf dem Display. Sie scrollte durch ein Pinterest-Board und tippte auf ein Foto. Revontulijärvi. Ich versuchte erst gar nicht, das laut auszusprechen. Meine Zunge hätte sich verknotet.
»Der See würde sich für die Fotos für Aurora Outfitters eignen. Glaub, das wird Wahnsinn. Und in Rovaniemi bekommen wir wunderbare Shots hin, das ist Winterwonderland-Vibe pur.« Sie holte kurz Luft, bevor sie fortfuhr: »Ehe du dich versiehst, wird sich niemand mehr an–«
Ich hob die Hand und sie verstummte. »Wage es nicht, den Namen zu sagen.«
Sie tat, als verschließe sie ihre Lippen und flüsterte: »Die-deren-Namen-wir-nicht-nennen erinnern.« Ein triumphierendes Lächeln huschte über ihre Züge.
Beinahe verschwand die Anspannung, die sich in meinen Muskeln ausgebreitet hatte. Ich nickte und versuchte, Zuversicht in die Worte zu legen. »Klingt nach einem Plan.« Ich wusste, dass es in diesem Moment keine Rolle spielte, was ich antwortete. Macy war meine Managerin – die beste, die ich mir hätte vorstellen können –, und wenn sie eines mit Bravour meisterte, dann war es, Pläne durchzuziehen und die traumhaftesten Locations für Fotos herauszusuchen. Ich war ihr dankbar, denn im Alltag bedeutete das weniger Stress für mich.
Dennoch, die Traurigkeit der vergangenen Woche ließ mich nicht los. Sie klammerte sich verbissen an mir fest und versetzte meinen Verstand in Selbstzweifel. Säte Angst und Unsicherheit. War ich nicht gut genug? Hätte ich mich vorher besser informieren sollen?
Ich lehnte mich in den Sitz und streckte meine Beine aus. Die Beinfreiheit verdankte ich dem Businessabteil – und Macy, die die Flüge gebucht hatte.
Ich massierte mir die pochenden Schläfen. In mir tobte ein Wesen, das mit scharfen Krallen gegen Kopf und Herz kratzte.
Der knarzende Ton einer sich ankündigenden Durchsage tönte durch die Boxen und eine Stewardess der Finnair verkündete: »Wir setzen zum Landeanflug auf Rovaniemi an. Die Außentemperatur bei Landung beträgt minus fünf Grad. Bitte schnallen Sie sich an und bringen Ihre Sitze in eine aufrechte Position. Wir bedanken uns bei allen Reisenden und wünschen einen angenehmen Aufenthalt in Lappland. Kiitos!«
***
Warme, abgestandene Luft schlug mir entgegen, als ich durch die Glastüren in die Gepäckhalle trat. Teppichgeruch gepaart mit dem würzigen Duft nach Schweiß und Deo. Lecker!
Welche Person hielt es für eine bahnbrechende Idee, in Gebäuden, in denen sich viele Menschen versammelten, Teppichböden zu legen? Egal ob Hotels, Flughäfen oder Museen!
Suchend glitt mein Blick über die Anzeigen der Gepäckbänder, um das richtige zu finden. Sobald wir unsere Koffer hatten und den Flughafen verließen, würde ich entspannter sein. Ich liebte das Reisen und dank meines Jobs flog ich oft um die Welt, aber die An- und Abreise bedeuteten Stress. Ich konzentrierte mich auf die Displays über den Laufbändern.
Dublin. Fast.
Reykjavik. Nope, da war ich letztes Jahr im Mai.
Venedig. Ganz falsche Richtung.
»Ich glaub, da hinten ist es«, flötete Macy und lief in geschäftigem Tempo voran.
Ich zog meinen Wintermantel enger um mich, als könnte ich damit die Nervosität abschirmen, die in jeder Pore vibrierte. In meiner Polène kramte ich nach einer Sonnenbrille, hielt aber abrupt inne.
Erstens war es ziemlich albern, in Finnland mitten im Winter mit einer Sonnenbrille herumzulaufen, und zweitens waren die Passagiere damit beschäftigt, ihre Koffer zu suchen und von den Bändern zu hieven. Niemand interessierte sich für mich. Erleichtert ließ ich die angehaltene Luft entweichen und die Sonnenbrille blieb, wo sie war. In den Tiefen meiner Tasche.
»London, Ausgabe zehn. Hier sind wir richtig.« Aufmunternd lächelte Macy mir zu.
Die Menschen aus unserem Flugzeug drängten sich bereits um das Band, das zu rotieren begann. Das Stimmengewirr schwoll zu einem undurchdringlichen Murmeln an. Ich erkannte die unterschiedlichsten Sprachen. Ich biss mir auf die Unterlippe und überprüfte die Anzeige erneut nach Flugnummer, Abgangsknoten und Bandnummer. Alles stimmte.
Die ersten Koffer kämpften sich aus den Tiefen der Verladebahnen und die Menschen drängten sich noch dichter an das Gepäckband, sodass niemand in den hinteren Reihen auch nur den Hauch einer Chance bekam, das Gepäck zu sichten.
Das Verhalten war bescheuert und in jedem Land gleich. Als kämen die Koffer schneller, je näher man am Band stand. Ich verdrehte die Augen.
Macy verschränkte die Arme vor der Brust. »Wenn das so weitergeht, stehen wir noch Stunden hier.« Sie pustete sich eine Strähne aus der Stirn und ihre Wangen waren gerötet.
»Na ja, irgendwann sind wir schon an der Reihe.« Dieses ›irgendwann‹ dehnte sich wie eine halbe Ewigkeit und mit jeder weiteren Minute trat ich nervös von einem Bein auf das andere. Unruhig trommelte ich mit den Fingerspitzen gegen mein Handy, das ich hervorgeholt hatte, um meinen Eltern zu schreiben, dass ich gelandet war. Ich hatte es nicht zurückgesteckt und behielt die Uhrzeit im Auge. Im Geiste sah ich den Inhalt meines Koffers samt Victoria’s-Secret-Unterwäsche auf dem Rollfeld umherwirbeln.
»Ist alles in Ordnung bei dir?«, erkundigte sich Macy und scannte mich mit ihrem Laserblick.
»Es geht mir gut«, versicherte ich ihr. Fernab von London zu sein und mich auf die kommende Zeit zu fokussieren, half mir aus meinen tristen Gedanken. »Wäre da nicht die Warterei«, fügte ich kleinlaut hinzu und entlockte ihr ein Schnauben.
Ich hasste es, zu warten, und gab zu, dass Geduld nicht zu meinen Stärken zählte. Einige Koffer fuhren die dritte Runde auf dem Band und mit jedem neuen Objekt keimte Hoffnung in mir auf, nur um einen Wimpernschlag später zu ersticken. Ich streckte mich auf die Zehenspitzen und versuchte, einen besseren Blick auf die rotierenden Gepäckstücke zu erhaschen, als ich zwischen fremden Ellenbogen und Schultern einen hellbeigen Koffer aufblitzen sah.
Na endlich!
Am liebsten hätte ich laut aufgeschrien. »Unsere Reise ist gerettet!« Ich kämpfte mich durch die Menge, um das Gepäck herauszuheben. Ich murmelte ein »Entschuldigung, sorry«, aber die meisten Menschen nahmen das nicht wahr und blieben weiterhin stur auf ihren Plätzen.
Mein Koffer rollte näher. Die Vorstellung, die nächsten Tage ohne dicke Winterkleidung zu verbringen, ließ mich frösteln. Parallel hatte Macy ihren Reisekoffer herausgezogen, der mit Stickern der verschiedensten Orte beklebt war, die sie bereist hatte.
Ich griff an den Henkel und zog mit einem Ächzen an dem überladenen Koffer, der polternd auf den Boden aufschlug. Ein Mann sprang rechtzeitig zur Seite, vermutlich hätte das Gewicht ihm sonst den Fuß gebrochen.
»Entschuldigung«, sagte ich und warf ihm ein entschuldigendes Lächeln zu, doch der Mann schüttelte genervt den Kopf.
»Man hätte ja auch helfen oder zur Seite gehen können«, knurrte ich und zog meine Errungenschaft zurück. Menschen!
»Sehr gut, da ist ein Teil der Kooperationssachen drin. Bleibt noch dein anderer mit den Hygieneartikeln und Alltagsklamotten.« Macy legte den Kopf schief. »Hoffentlich kommt der bald. Unser Taxi wartet draußen.«
»Ich hoffe auch. Beim nächsten Mal schmeiße ich einen AirTag rein.« Ich stellte meine Polène auf den Reisekoffer.
Macy zückte ihr Handy und tippte. »Ich hab’s auf die To-do gesetzt. Vielleicht finden wir ja einen Store, der die verkauft.« Fragend sah sie zu mir auf. »Wobei, eher nicht.«
»Ich denke auch nicht. In Rovaniemi geht es um Weihnachten.« Das letzte Wort sagte ich trällernd.
Unter anderen Umständen hätte ich eine Story hochgeladen, dass ich sicher gelandet war und mein Gepäck hatte. Heute jedoch vermied ich es, die Social-Media-Apps zu öffnen, obwohl mir das Teilen mit meiner Community fehlte. Mein innerer Schutzwall entschied sich gegen die Beleidigungen, die regelmäßig in meinen Nachrichten auftauchten und mir jeglichen Spaß an Social Media raubten.
Wir warteten eine weitere halbe Stunde, doch der zweite Koffer blieb verschwunden. Der Strom an glücklichen Menschen samt ihrem Gepäck ebbte ab, bis wir allein zurückblieben. Und dann kam das Band zum Stillstand und die Anzeige neutralisierte sich auf ein endgültiges Schwarz.
»Das ist ja wohl ein Scherz!« Mein Magen zog sich zusammen und ich kniff mir in die Nasenwurzel.
»Ich kläre das. Gib mir zehn Minuten.« Entschlossen marschierte Macy zum Schalter der Gepäckermittlung und ich rief ihr ein »Go, Macy!« hinterher. Wenn sie etwas klärte, gab es eine neunundneunzigprozentige Chance, dass es zu ihrer – unserer – Zufriedenheit verlief. Genau deshalb hatte ich sie vor zwei Jahren als meine persönliche Assistentin und Managerin eingestellt. Sie plante Kooperationen, handelte Verträge mit Kooperationspartnern aus und half mir bei der Erstellung der Fotos.
Der Großteil der Menschheit belächelte den Job als Influencerin und glaubte, ich hielte ein Kosmetikprodukt in die Kamera, lächelte dazu breit, während ich zeitgleich verspräche, dass man fünf Kilo pro Woche abnahm. Die wenigsten sahen die Steuerformulare, die Rechnungen, die ich ausstellte, die Fotobearbeitung, das Beantworten der Nachrichten, die Erstellung von Content-Plänen und den täglichen Kampf mit einem Algorithmus, der launischer ist als das Wetter in London.
Das leere Gepäckband machte den Eindruck, als wollte es mich verspotten. Beinahe hätte ich ihm einen Mittelfinger gezeigt.
Nach geschlagenen sieben Minuten kam Macy zurück, ihren Mund zu einer schmalen Linie zusammengepresst. O nein!
»Also, wir haben ein Problem.« Sie holte tief Luft. »Es gibt eine gute Nachricht und eine schlechte«, fuhr sie unbeirrt fort und als sie vor mir stehen blieb, erkannte ich, dass ihre Augenbrauen leicht durcheinandergebracht waren, als hätte sie sich durchs Gesicht gefahren.
»Der zweite Koffer ist auf einem Flug nach Los Angeles gescannt worden und wird vermutlich in drei Tagen nachgeliefert. Aber«, sie machte eine theatralische Pause, »ich habe einen Gutschein erhalten, mit dem du dir neue Sachen kaufen kannst.«
Ich konnte nicht anders, als hysterisch zu lachen. Das war einer dieser Augenblicke, in dem ich das Gefühl hatte, die ganze Welt habe sich gegen mich verschworen.
»Du machst mir Angst, Olivia!«
»Selbst mein Koffer hatte keine Lust auf die Kälte in Lappland«, presste ich zwischen einzelnen Lachern hervor. Das war so typisch für mich. Irgendwas musste schiefgehen!
»Du brauchst dringend eine Abkühlung!« Macy zog den Griff ihres Koffers hoch und hakte sich bei mir unter. »Na komm, lass uns raus hier und im Hotel einchecken.«
»Nichts lieber als das.«
Wir verließen den Flughafen und ich stockte beinahe bei dem Temperaturunterschied.
Macy zog einen Schal aus ihrer Tasche und wickelte ihn sich um den Hals. »Du weißt, ich folge dir überall hin, aber kannst du beim nächsten Mal einen wärmeren Ort aussuchen?« Bei ihren Worten krampfte mein Herz und ihre Züge wurden weicher. »Sorry«, murmelte sie verlegen.
»Schon gut. Außerdem wollte ich immer die Nordlichter sehen.« Als würden diese sich ankündigen, schaute ich in den Himmel, der sich gerade dunkel färbte. Es war erst halb zwei Uhr nachmittags und die ersten Schlieren von Orange und Rosa zeichneten sich bereits in der Ferne ab. Das wäre ein perfektes Instagram-Bild. »Das nächste Mal suchen wir uns die Seychellen aus, als Wiedergutmachung.«
Ich zog meinen Mantel enger um mich und zupfte einige meiner dunkelbraunen Haare aus dem Reißverschluss, die sich dort verfangen hatten.
»Da vorn stehen die Taxen!« Macy deutete in die Richtung.
Ich folgte ihr und fragte mich insgeheim, wie sie es schaffte, zeitgleich auf das Display und auf den Gehweg zu achten.
»Da ist unsers«, trällerte sie und winkte dem Fahrer zu.
Ein Mann mit ergrauten Schläfen und blondem Haar nahm uns die Koffer ab und wir quetschten uns nebeneinander auf die Rückbank.
Der Volvo wackelte, als der Fahrer das Gepäck in den Kofferraum wuchtete und sich wenige Sekunden später hinter das Lenkrad setzte.
»Willkommen in Finnland. Ihr wollt zu den Northern Chalets, richtig?«
»Ja, genau«, gab Macy zurück.
Er startete den Motor und lenkte das Auto aus der Parklücke. »Die Fahrt führt euch direkt durch Rovaniemi. Seid ihr das erste Mal hier?«
»Ja«, antwortete ich. »Wir wollen die Vorweihnachtszeit genießen.«
Was ich nicht sagte, war: Ich brauchte Abstand. Ich brauchte Zeit, um den Skandal auszusitzen. Ich brauchte einen Ort, an dem mich niemand vermutete.
»Dann wird euch unsere Stadt gefallen. Ihr müsst dem Dorf vom Weihnachtsmann unbedingt einen Besuch abstatten.«
Zuversicht erfüllte mein Herz, während verschneite Straßen an mir vorbeisausten. Ein Grinsen stahl sich auf meine Lippen, als ich die typisch skandinavischen Häuser betrachtete. Schlichte weinrote Holzbauten, weiße Fensterrahmen, schneebedeckte Dächer und Fenster, aus denen Licht strahlte. Augenblicklich dachte ich an Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga – auch wenn diese aus Schweden stammten –, aber das waren Astrid-Lindgren-Vibes. Weihnachtslichter und Girlanden funkelten an den Fassaden und ich strich die Lindgren-Vibes und tauschte diese gegen das Winterwonderland.
»Rovaniemi ist bekannt als das Dorf von Santa Claus. Hier ist das ganze Jahr über Weihnachten.« Der Fahrer schien mein Interesse zu bemerken, vermutlich hatte ich mit offenem Mund durch die Scheibe gestarrt. War das etwa ein Nasenabdruck von mir?
»Wow«, hauchte ich und wischte im gleichen Moment über die beschlagene Fensterscheibe.
»Wird das nicht irgendwann zu viel Weihnachten?«, fragte Macy eher gelangweilt.
Der Fahrer lachte. »Oh ja, hier sind überwiegend Touristen. Die richtigen Finnen wohnen nicht direkt im Weihnachtsmanndorf.«
Über London vermochte ich das nicht zu sagen.
Nach etwa zwanzig Minuten hielt unser Taxi vor einer Hotelanlage, die wie aus einer Schneekugel entsprungen zu sein schien. Ich öffnete die Tür, begrüßte die Kälte und drehte mich um die eigene Achse.
Macy legte mir einen Arm um die Schultern. »Gerade liebe ich dich für deine Idee, hierher zu kommen.«
Ich quiekte auf. »Das wird so genial!« Vorfreude brodelte in mir. Ja, vielleicht war das wirklich eine gute Idee.
Der Taxifahrer entlud unser Gepäck und verkündete: »Ich bring euch das rein.«
»Vielen Dank«, meinte Macy und wir stapften durch den Schnee zum Haupthaus.
Der Empfangsbereich der Chalets war eine Holzhütte mit dicken Balken. Durch die Fenster strömte warmes Licht. Drei Treppenstufen führten auf eine Veranda hinauf in die Lobby. Beim Anblick pfiff ich. Zu meiner Rechten loderte ein Feuer in einem steinernen Kamin, ein Cordsofa lud zum Entspannen ein, doch das Highlight war ein zwei Meter hoher Nadelbaum, an dem rote und goldene Kugeln baumelten. Durch meine Recherche wusste ich, dass es Tannenbäume in Lappland nicht gab, weshalb ich vermutete, dass es sich bei diesem Exemplar um eine Kiefer oder Fichte handeln musste.
Das Deckenlicht spiegelte und brach sich in ihnen. Der Geruch nach Holz, gemischt mit einer süßlichen Note, vielleicht Glühwein oder Zimtgebäck, untermauerte meine weihnachtliche Stimmung.
»Wow! Wow!« Mein Wortschatz schien auf dieses Wort zusammengeschrumpft zu sein. Ich holte mein Handy hervor und fotografierte die Ansicht. Genauso schnell ließ ich es in der Tasche verschwinden.
An der gegenüberliegenden Seite dominierte eine rustikale Theke und vier Hotelangestellte empfingen die Besuchenden.
»Hyvää päivää! Willkommen in den Northern Chalets. Wollt ihr einchecken?« Eine blonde Frau begrüßte uns mit strahlendem Gesicht.
Verstohlen schauten Macy und ich uns an und beinahe wären wir in Gelächter ausgebrochen. Wir waren wahrhaftig in einem Wintertraum.
»Na komm!«, forderte sie mich auf und wir gingen an den Empfangstresen.
»Macy O'Hare und Olivia Miles«, grüßte uns die Dame, nachdem sie in unsere Pässe geschaut hatte.
Hatte sie bei meinem Namen die Augen zusammengekniffen? Mein Herz stolperte. Nein. Ich bildete mir das ein. Mein Grinsen erstarb, während ich über ihre vermeintliche Gesichtsregung grübelte.
Die Frau tippte auf die Tastatur des Laptops. »Hier hab ich euch. Vier Wochen, ist das richtig?«
»Genau!«
»Danke. Ihr habt ein Luxus-Chalet gebucht, wir müssten lediglich noch die Kaution abbuchen.«
Ich zückte meine Visa und reichte sie ihr. »Klar!«
»Danke schön. Das Frühstück wird euch morgens gebracht. Die Einweisung zur Anwendung der eigenen Sauna gibt es in zehn Sprachen. Hier sind die Schlüsselkarten.« Die Frau überreichte uns jeweils eine Karte. »Und wenn ihr Fragen habt, könnt ihr euch jederzeit an uns wenden. Ich wünsche euch einen wunderschönen Aufenthalt in Rovaniemi.«
***
Das Innere unseres Chalets war noch schöner, als ich es mir vorgestellt hatte, und die Bilder auf der Website kamen der Realität nicht im Entferntesten nahe. Unsere Unterkunft war eine von zwanzig modernen Hütten, die sich in das verschneite Gelände schmiegten und deren Glasfronten einen Ausblick auf die Weiten Lapplands boten.
»Wow!« Ich drehte mich um die eigene Achse, um alles in Augenschein zu nehmen.
Wie im Haupthaus begrüßten uns Holztöne, die mit zeitlosen Akzenten um die Wette glänzten. Eine beige Vase stand auf einer dunklen Holzkommode. Eine Standleuchte spendete warmes Licht und die hellen Vorhänge vor der riesigen Glasfront waren aufgezogen, sodass es aussah, als umrahmten sie die Aussicht.
»Ich hoffe, die vier Wochen gehen nicht wie im Flug vorbei.«
»Mal schauen, ob du die Kälte nicht vorher satthast.« Macy legte ihre Handtasche auf die Kommode.
»Ich denke nicht.«
Zwei Portiers stellten unser Gepäck ab und verließen das Chalet.
»Zumindest lässt sich die Kälte hier aushalten. Schau mal, vor der Fensterfront können wir eine Bilderserie fotografieren. Du hast einen Becher heißer Schokolade in der Hand, gemütliche Kleidung …« Macy überlegte und dämpfte meinen Enthusiasmus.
»Lass uns für zehn Minuten nicht an die Arbeit denken und das hier genießen.« Ich machte eine ausladende Bewegung. Der Gedanke an die kommenden Shootings trübte meine Vorfreude dezent. Vor meinem inneren Auge sah ich mich eingekuschelt und lesend vor dem Kamin. Cozy Vibes Only!
»Na gut, heute haben wir frei«, meinte Macy und zeigte auf eine Flasche Champagner, die neben zwei Gläsern auf einem Beistelltisch im Wohnzimmer stand. »Dafür stoßen wir jetzt aber an.«
»Deal!« Das musste sie mir nicht zweimal sagen. Die Sonne war fast untergegangen und in der Ferne sah ich die funkelnden Lichter einer Stadt.
»Ist das etwa Rovaniemi?« Ein See trennte den Außenbezirk der Hotelanlage von der Stadt. Ich trat näher an das Fenster und ignorierte den knallenden Korken. Von unserem höher gelegenen Chalet hatten wir einen Ausblick auf die Hauptstadt Lapplands. Der See spiegelte die goldenen Lichtflecken und nur schwerfällig riss ich mich davon los und nahm die Champagnerflöte entgegen, die Macy mir unter die Nase hielt.
Mein Herz schlug schneller. Es fühlte sich alles surreal an. So weit weg von London, von den Menschen und … dem Skandal.
»Auf die nächsten vier Wochen. Danach strahlt LivItUp wieder am Himmel.« Das Klirren der Gläser erschien in diesem Moment ohrenbetäubend.
»Auf die nächsten vier Wochen«, echote ich monoton und schluckte das sprudelnde, trockene Getränk hinunter. Es kribbelte, als es meine Kehle hinabrutschte. »Das ist unglaublich schön hier«, flüsterte ich mehr zu mir selbst als zu Macy, doch sie stimmte mir zu.
»Komm, lass uns den Rundgang beenden«, forderte sie mich auf und ich stellte das Glas ab.
Das Chalet besaß zwei getrennte Schlafzimmer mit Kingsize-Betten, auf denen sich Kissen und kuschelige Decken stapelten. Sie schrien mich förmlich an, mich darin einzukuscheln und in meine Bücher zu versinken.
Aber das war nicht das Highlight.
Das Highlight war das Dach der Schlafräume. Ein Teil davon bestand aus einer Glaskuppel, sodass man vom Bett aus den Nachthimmel – und hoffentlich die Nordlichter – beobachten konnte. Einschlafen unter dem Sternenzelt – das war ein Traum.
»Auch hier können wir tolle Bilder für das Hotel schießen.«
Ich lachte auf und gab ihr einen freundschaftlichen Stoß. »Ich glaube, die zehn Minuten sind noch nicht vorbei.«
»Es ist eine Berufskrankheit!«
»Schau mal«, sagte ich und öffnete die Terrassentür. Klirrende Luft empfing mich und ich folgte dem Balkon entlang zur privaten Sauna. »Ich will hier nie wieder weg«, schmollte ich.
Macy lugte in die Kabine hinein, indem sie die Handflächen zu einem Guckloch formte und ihr Gesicht dagegen lehnte. »Das schreit nach Beauty- und Wohlfühlabenden«, himmelte sie. »Apropos. Wollen wir gleich ins Dorf, uns umsehen und dort ein paar Sachen kaufen?« Sie löste sich von der dunklen Glasscheibe der Saunakabine.
Stimmt! Mein Koffer mit den Hygieneartikeln lungerte ja in Los Angeles herum. Zwar wollte ich die traumhafte Kulisse nicht verlassen, aber ich benötigte definitiv eine Zahnbürste. Und Unterwäsche.
»Na gut! Ich packe noch den Rest aus und mache mich frisch.«
»Und dann nehmen wir die Finnen unter die Lupe.« Sie warf mir ein kokettes Lächeln zu.
Ich verdrehte die Augen. Innerlich gestand ich mir, dass ich ebenfalls neugierig auf die Männerwelt im Norden war.
Kapitel 2
Liv
@LivItUp: Heute ist so eine tolle E-Mail eingetroffen und ich kann es kaum abwarten, euch davon mehr zu erzählen. Ich kann euch sagen: Es wird super!
Jetzt genieße ich noch den vorletzten Tag am Strand von Uluwatu und trinke meine Kokosmilch.
Eure Liv!
30.09.2026
Schnee knirschte unter meinen Moonboots, als wir dem Pfad hinunter in das Weihnachtsmanndorf folgten. Mittlerweile war es nach vier Uhr am Nachmittag und die Sonne vollständig verschwunden. Laternen, die den Weg säumten, spendeten Licht und in der Ferne sah ich die verschiedensten Lichtquellen in Rovaniemi strahlen. Meine Lunge brannte beim Einatmen der klirrenden Kälte und ich war mir sicher, dass meine Wangen mehr als nur gerötet waren.
»Ich bin dafür, dass wir uns einen Saunagang definitiv verdient haben«, sagte ich und zog mir den Schal enger um den Hals.
»Wenn ich bis dahin nicht erfroren bin, ja«, bibberte Macy.
»Wenn wir angekommen sind, wärmen wir uns mit einer heißen Schokolade auf, okay?«
Macy drehte sich im Gehen um. »Die Abendplanung ist gerettet. Shoppen, Essen, Sauna.«
Ich reckte beide Daumen in die Höhe und fragte mich insgeheim, ob sie unter den Handschuhen blau angelaufen waren.
Der Pfad führte uns zwischen zwei Holzhütten zum Dorfplatz. Abrupt blieb ich stehen. Macy rannte in mich hinein.
O. Mein. Gott.
»Kannst du mich kneifen?« Ich blinzelte mehrmals und vergewisserte mich, dass mein Mund nicht weit offenstand. »Bitte sag mir, dass es dir auch so geht«, meinte ich zu ihr und drehte mich im Kreis.
Selbst Macys Augen leuchteten und sie ließ die Eindrücke auf sich wirken. Dass sie ihr iPhone nicht umgehend gezückt hatte, um Hunderte Fotos zu schießen, unterstrich ihre Begeisterung.
Wow. Mein Wortschatz schrumpfte binnen Sekunden auf dieses Wort. Wowwowow.
Um uns herum erstreckte sich das Weihnachtsdorf Rovaniemi und ich hatte das Gefühl, mich mitten in einem kitschigen Weihnachtsfilm zu befinden.
Festlich dekorierte Holzhütten reihten sich aneinander, Lichterketten schmückten Fenster und spannten sich über unseren Köpfen zu einem Netz aus funkelnden Lichtern. Der Duft von gebrannten Mandeln und Anis kitzelte in meiner Nase. Aus irgendwelchen Boxen drangen Glockenläuten und das typische Schschsch, das man immer zu Weihnachten hörte, als würde der Schlitten des Weihnachtsmanns durch die Nacht fliegen.
Touristen posierten für Fotos, Kinder lachten und rannten durch die Gegend. Eine Frau, die wie eine Weihnachtselfe aussah, lief an mir vorbei.
Langsam nahm ich die Szenerie in mich auf, ehe ich den Kopf in den Nacken legte, um das Ausmaß zu erfassen.
In der Mitte des Dorfplatzes ragte eine riesige geschmückte Tanne in die Höhe. In einem Stall davor döste eine Herde Rentiere. Ein paar der Tiere standen am Zaun und ließen sich die Köpfe kraulen.
Nun zückte Macy doch ihr Handy und filmte eine 360-Grad-Sicht. »Ich bin im Himmel. Jeder Winkel ist ein Fotospot. Vor dem Weihnachtsbaum mit den Tieren wäre eine perfekte Location für die Kampagne für Outwear Avenue. Von denen haben wir nur ein Outfit dabei.« Meine Managerin war komplett in ihrem Element versunken und ich konnte es ihr nicht verübeln. Das hier war eine atemberaubende Kulisse.
Während sie Notizen in ihr Handy tippte, drehte ich mich ein weiteres Mal im Kreis und nahm alles in Augenschein. Diesmal genauer, weil ich nicht in der Lage war, die Schönheit in ihrer Gesamtheit einzufangen. Ich hatte das Bedürfnis, alles einzusaugen, damit ich mich in den nächsten Monaten immer wieder an diesen einen magischen Moment erinnern konnte.
Die verschiedenen Holzhütten waren Läden, die von Spielzeug über Süßigkeiten bis hin zu Andenken und Mode sämtliche Waren anboten. Selbst einen Supermarkt erkannte ich. In den Hausreihen dahinter vermutete ich Wohnhäuser, denn sie besaßen keinen überladenen Weihnachtskitsch, sondern normale Eingänge und vor allem keine Ladenschilder über den Türen.
»Schau mal!« Ich deutete auf einen Verkaufsstand, der heißen Glögi verkaufte. Dank meiner Recherche wusste ich, dass es sich hierbei um Beerenwein handelte.
Macy folgte meinem Fingerzeig. »Das kommt wie gerufen, mir ist nämlich arschkalt.« Sie rieb sich die gerötete Nase.
Vermutlich sah ich nicht besser aus. Ich kaufte uns zwei Glögi und ehe ich davon nippte, sog ich den beerigen Duft ein. »Auf die Nordlichter und vier Wochen Schnee.« Ich hob die Tasse an.
»Auf erfolgreiche Kampagnen und exklusive Fotoshootings.«
Auch wenn ich meine Vorstellung von diesem Ausflug eher vertrat, stieß ich mit ihr an.
Ich trank einen Schluck. Der süße Wein rann mir die Kehle hinab und Wärme breitete sich in meinem Bauch aus. »Also, was stand morgen nochmal an?«
Macy hatte mir ein ausführliches Briefing zugesendet, mit möglichen Plätzen für Shootings und einer Auflistung aller Kampagnen, die wir in den kommenden vier Wochen shooten würden. Aufregung kribbelte in meinem Bauch, da ich die Umgebung erkunden würde. Mit oder ohne Begleitung einer Kamera war mir in diesem Moment egal. Hauptsache, ich durfte die verschneite Gegend in mich aufsaugen.
»Morgen machen wir eine Wanderung zum Auttiköngäs. Aurora Outfitters hat dir zwei Sets an Skihosen und passenden Jacken zugeschickt und an diesem Spot können wir eins davon fotografieren.«
»Darauf freue ich mich.«
»Ich habe uns eine Route ausgesucht, bei der wir am Wasserfall vorbeikommen. Das wird gigantisch.« Macys Augen leuchteten und ich wusste, dass sie sich auf den Tag freute. Sie schoss die meisten Fotos der Kooperationen, bearbeitete einen Teil und schickte eine Auswahl zur Freigabe an die Kooperationspartner.
Seitdem ich sie als Managerin eingestellt hatte, hatte ich kaum Bilder direkt von der Handykamera auf Instagram gepostet. Macy editierte sämtliche Aufnahmen und legte einen für meinen Account kreierten Filter darauf, sodass mein Feed einheitlich aussah. Das zog neue Interessenten an und irgendwie liebte ich den ästhetischen Moody-Instagram-Kanal von mir.
Zwischendurch ärgerte ich mich, dass ich alltägliche Bilder – lustige, spontane Momente – nicht posten durfte, aber der Instagram-Account von @LivItUp war mein Beruf. Auch wenn die ältere Generation »Fotos machen und hochladen« definitiv nicht als solchen ansah. Ich wurde belächelt. So oft, dass mir dieses bestimmte Lächeln mittlerweile egal war. Innerhalb von zwei Jahren waren mir über eine Million Follower und Followerinnen gefolgt. Das ermöglichte es mir, von überall auf der Welt aus zu arbeiten und die wunderschönsten Orte zu bereisen.
Ich liebte diesen Job, ich nahm ihn vor allem ernst und war dankbar für das, was die Reichweite möglich machte.
Bis zu deinem Skandal, echote eine Stimme in meinem Kopf und holte mich in die knallharte Wirklichkeit zurück.
»… die Tage ein Paket für dich am Empfang. Ach ja, und Luna Loungewear schickt dir ein Set, dafür würde sich unser Chalet hervorragend eignen.«
»Das klingt nach einem straffen Terminplan«, gab ich zu bedenken, obwohl ich einen Teil nicht gehört hatte. Mit einem Mal kamen mir die vier Wochen zu kurz vor. Panik überzog meine Gedanken wie ein schwarzer Schleier. Hatte ich genug Zeit für mich? Würde ich die Zeit finden, um vor dem Kamin zu lesen? Schneewanderungen ohne Kamera zu unternehmen?
»Du kennst mich.« Macy zwinkerte mir zu.
Ich trank einen weiteren Schluck und imitierte in ihrem Tonfall: »Es bleibt immer genug Zeit für Freizeit.«
»Hast du Instagram mittlerweile wieder geöffnet? Ich will dich nicht drängen, aber …«, Macy hielt kurz inne und ein mitfühlender Ausdruck trat auf ihre Züge, »die Kooperationspartner wollen, dass du was postest.«
Ich schluckte. Hart. Der Druck legte sich auf meine Brust und erschwerte mir das Atmen.
Ich hatte Instagram geöffnet. Und jeden verdammten Tag stieg die Anzeige der ungelesenen Nachrichten. Ich öffnete keine mehr von denen, doch die Anzahl brannte sich in meine Netzhaut. Ich musste keine einzige lesen, um herauszufinden, was ein Großteil über mich dachte.
Du verfluchte Schlampe. Wie kann man so herzlos sein.
Ich hoffe, dir passiert genau das wie mit den armen Tieren.
Kannst du überhaupt noch in den Spiegel gucken?
Fragend legte Macy den Kopf schief und ich räusperte mich.
»Ja, habe ich.« Ich stellte die leere Tasse zurück auf den Tresen und hoffte, dass sie mein Zittern nicht bemerkte.
»Ich weiß, wir haben ausgemacht, dass du die ersten Tage nichts postest. Und daran halte ich mich. Aber gegen Ende der Woche müssen die Bilder hochgeladen werden und vielleicht wäre eine Story gut. Zeig deiner Community, dass du dich nicht unterkriegen lässt. Wir markieren selbstverständlich keine Orte. Du könntest theoretisch überall sein, wo es schneit. Wales. Island. Kanada. In Alaska oder am Nordpol.«
Eiseskälte kroch durch meine Venen und ich nickte mechanisch.
Beruf.
Das war mein Beruf. Und ich hatte noch viele Menschen, die mir gern folgten. Ich atmete aus und straffte die Schultern. »Ich bekomme das hin.« Das auszusprechen, vermittelte mir in diesem Moment das trügerische Gefühl, dass ich das wirklich konnte.
»Das hab ich mir gedacht.« Macy leerte ihren Becher in einem Zug und stellte ihn auf die Theke. »Kiitos«, sagte sie zu dem Verkäufer mit hellblondem Haar, der errötete.
»Seit wann sprichst du Finnisch?«, flüsterte ich ihr zu.
»Glaub mir, bei der Anzahl an Buchstaben wird das das einzige Wort bleiben. Na komm!« Entschlossen drehte sie sich zu den umliegenden Holzhütten. »Schau mal, da vorn ist ein Laden, der Kosmetik verkauft. Solang dein Koffer noch um die Welt jettet, kannst du da notdürftig was holen.«
Ein Schild mit der türkisen Aufschrift Ruohonjuuri prangte über dem Eingang.
Beim Eintreten schlug mir die warme Luft entgegen und Touristen und Touristinnen schlenderten mit Einkaufskörben durch die Gänge. Erleichtert stellte ich fest, dass die Beschilderung der Produkte – neben Finnisch – auch auf Englisch war. Zwischen Mitbringseln und Hygieneartikeln in Reisegröße bot der Laden alles, was man an Pflegeprodukten brauchte.
»Ich glaube, hier finden wir nur Naturkosmetik«, flüsterte Macy, die kein Fan davon war. Sie bevorzugte eher die gehypten Brands, wofür ich sie nicht verurteilte.
»Das ist gut, denn wir gehen ja für mich shoppen. Denkst du, ich sollte vielleicht …« Ich hielt inne, schüttelte den Kopf und verwarf den Gedanken im selben Moment. Jetzt eine Story zu drehen, wäre erstens heuchlerisch und zweitens würde es wegen der finnischen Markennamen meinen Aufenthaltsort verraten. Und genau das versuchte ich, um jeden Preis zu verheimlichen.
Traurig lächelte Macy, als schien sie zu erraten, was in mir vorging. Sie legte eine Hand auf meine Schulter und schob mich durch einen Gang. »Also, wir brauchen Duschgel, Cremes, Shampoo …«, zählte sie auf und wechselte damit das Thema.
Ich dankte ihr innerlich, warf eine Zahnbürste und Zahnpasta in meinen Korb, griff nach einem veganen Haarshampoo und einer Feuchtigkeitscreme. Kein Mikroplastik und vor allem keine Tierversuche. Als ob mein Leben nicht schon genug auseinandergefallen wäre, wollte ich es mir nicht leisten, noch mehr Fehler zu begehen. Ich ernährte mich seit Jahren vegan und verzichtete auf Marken, die Tierversuche durchführten. Bei der Auswahl an Kooperationspartnern war das ein wesentliches Kriterium.
Weshalb der Shitstorm mir brutal ins Gesicht geschlagen hatte und ich gedacht hatte, das wäre das Ende von @LivItUp.
Unwissentlich hatte ich für die Modemarke Viéma geworben, die zwar angegeben hatte, dass die Produkte aus Kunstpelz bestanden, aber die Wahrheit sah anders aus.
Bitterer.
Tierschützende hatten ein Video geleakt und die Marke damit auseinandergenommen. Die Videos hatten sich mir ins Gedächtnis gebrannt. Zu kleine Käfige. Hilflose Tiere. Blut. So viel Blut und Leid. Ich hatte geweint, geschrien … Und wurde aufgrund der Kooperation zur Übeltäterin. Zum Aushängeschild des Skandals, als hätte ich persönlich Schuld daran. Dabei wurde ich genauso getäuscht wie der Großteil der Menschen.
»Hey«, murmelte Macy.
Ich wischte mir eine heiße Träne von der Wange und hatte nicht bemerkt, dass sie sich aus meinen Wimpern gelöst hatte. Macy hielt mir ein Taschentuch vor das Gesicht, das ich ihr dankbar abnahm und mir nicht ganz ladylike die Nase putzte.
»Die hier riecht nach Vanille«, meinte sie und warf eine Handcreme in den Korb.
Mechanisch nickte ich und folgte meiner Managerin durch die Gänge. Wir reihten uns in die Schlange zur Kasse und als ich mein iPhone zum Bezahlen herausholte, wedelte Macy mit einem Gutschein vom Flughafen. »Schon vergessen? Du hast einen Voucher bekommen, um dir die Artikel zu holen.«
Ich steckte das Handy wieder weg. »Wenn ich dich nicht hätte«, stieß ich dankbar aus, während die Verkäuferin die Sachen einpackte.
»Höre ich da etwa eine Gehaltserhöhung?« Macy legte ihre Hand ans Ohr.
Ich lachte. »Mal sehen.«
Wir traten hinaus in die Kälte. Ich gewann den Eindruck, dass noch mehr Menschen unterwegs waren als vorhin. Ich widerstand dem Drang, mir die Kapuze aufzuziehen, kuschelte mich aber tiefer in meinen Schal.
»Nächster Stopp: Notfallunterwäsche«, flötete Macy. »Mal sehen, was die Finnen für einen Modegeschmack haben.« Sie zog mich zu einem Laden auf der gegenüberliegenden Seite.
Ein Mann begrüßte uns mit: »Willkommen bei Sokos.« Er überreichte uns eine Einkaufstasche. »Wenn ihr Fragen habt, findet ihr mich hier.« Dabei deutete er auf seine Position am Eingang.
»Danke dir«, sagte ich und verschaffte mir einen Überblick im Ladeninneren. Ich würde behaupten, dass dies der geschäftigste Laden im Dorf war, denn überall wuselten Menschen durch die Gänge.
Macy fand die Unterwäscheabteilung und wir stöberten zwischen Spitzenslips und Feinstricksocken.
»Wow«, brummte ich sarkastisch und hielt ein Set elfenbeinweißer Baumwollunterwäsche hoch.
»Sehr sexy«, kicherte Macy.
Wenn ich das Wort Schlüpfer hörte, war damit automatisch das Ding gemeint, das ich vor mir hatte und vermutlich aus dem prähistorischen Zeitalter stammte. Ich betrachtete es aus mir unerfindlichen Gründen genauer. »Na ja, niemand wird bei den Lagen an Klamotten meine Unterwäsche sehen.« Ich kräuselte die Lippen.
Macy legte mir einen Arm über die Schultern. »Und wenn du jemanden kennenlernen solltest?« Sie wackelte mit den Augenbrauen.
»Pah«, rief ich aus und beschloss, ihren Arbeitseifer gegen sie selbst einzusetzen. »Ich bin zum Arbeiten hier. Wobei, diese Unterhose würde mein neues Image unterstreichen. Bodenständig und skandalfrei.«
Macy warf den Kopf in den Nacken und lachte lauthals. Ein paar der Einkaufenden musterten uns skeptisch und mit Mühe konnte ich einen Lachanfall unterdrücken. Es war befreiend und ich beförderte das Set dieser Schlüpfer in den Einkaufskorb. Ich schnappte mir weitere Basics, darunter dicke Wollsocken und Thermounterwäsche.
Macy begutachtete die Auswahl. »Ich vermisse die Oxford Street.«
»Na komm, so schlimm ist das nicht.«
»Doch.« Sie schmollte, aber ein Lächeln zupfte an ihrem Mundwinkel.
Ich zog sie mit in Richtung der Kassen und wollte mich gerade in die Schlange einreihen, als Macy abrupt stehen blieb.
»Der ist perfekt!«
Eine Auswahl an typisch finnischen Zopfstrickpullovern hing an einer Verkaufswand. Die sehen kratzig aus, dachte ich und fuhr mit dem Finger über den dunkelgrünen Stoff, der sich überraschend weich anfühlte.
Macy zog einen Pullover vom Bügel und hielt ihn an mich gedrückt. »Der wird auf Fotos super aussehen. Das Grün passt zu deinen grauen Augen und den dunkelbraunen Haaren. O mein Gott, der ist perfekt!«
Eigentlich symbolisierte er genau das, was ich mir unter einem Winterurlaub vorgestellt hatte – nur war dieser Aufenthalt nie als Urlaub geplant. Aber: Dieser Pullover sah wirklich toll aus.
»Warum nicht.« Ich zuckte mit den Schultern und lief zur Kasse.
Mit einer Tüte voller neuer Klamotten verließen wir den Laden. Dicke Schneeflocken fielen vom Himmel und ich unterdrückte den Impuls, die Zunge herauszustrecken, damit sie darauf landeten. Der Weihnachtszauber stieg auf ein neues Level an, als die Flocken mein Gesicht berührten. Der Schneefall war wie ein Willkommensgeschenk. Eine Begrüßung. Ein Zeichen dafür, dass wir uns im Herzen eines Weihnachtstraums befanden.
»Santa Claus ist da«, jubelte ich und deutete auf eine Gruppe Kinder, die vor dem Nadelbaum im Zentrum den Weihnachtsmann belagerten. Ich erkannte eine rote Zipfelmütze und einen langen weißen Bart.
Macy strich sich eine Strähne unter der Mütze zurecht. »Rührend«, grummelte sie.
Ich verdrehte die Augen. »Ich hatte vergessen, dass du vom Grinch abstammst.« Wann hatte ich mich das letzte Mal so sorglos gefühlt wie die Kinder? Mit Vorfreude im Herzen statt Sorgen und Ängsten?
Macy holte ihr iPhone heraus und knipste Bilder. »Man weiß ja nie.«
Innerlich betete ich, dass sie nicht auf die Idee kam, dass ich mich auf den Schoß vom Weihnachtsmann setzte. Fotos und Kooperationen hin oder her, ich besaß noch einen Rest Würde.