Kapitel 1
Robyn
Manche Momente sind für die Ewigkeit gemacht. Sie hallen stetig in dir nach, begleiten dich dein ganzes Leben lang und lassen dich nie vergessen.
Doch genau das will ich. Vergessen.
Es ist sein einnehmender Blick. Das endlose Strahlen seiner dunkelblauen Augen. Die kleine Furche, die sich an seiner Nasenwurzel bildet, sobald er schmunzelt. Und es sind seine schmalen Lippen, die jede Stelle meines Körpers mindestens eintausend Mal geküsst haben. Nichts an ihm hat mich je losgelassen.
Mit starrem Blick und leisem Seufzen betrachte ich das mittlerweile leicht verblichene Foto, auf dem wir nicht mehr als große Kinder waren – und dennoch liebten wir uns. Mehr als man jemandem in diesem Alter zutrauen mag. Wir waren eins. Verschmolzen, fest miteinander verbunden. Wir dachten, wir hätten die Ewigkeit für uns gepachtet.
Doch irgendwann wurden wir dieser schönen, kindlichen Träumerei entrissen und mussten feststellen, dass unser Pachtvertrag ausgelaufen war. Für immer. Nicht mehr zu verlängern, da bereits ein anderes glücklicheres Paar unseren Platz eingenommen hat.
„Robyn! Wo bleibst du denn?“ Die liebevolle, aber bestimmt klingende Stimme meiner Mutter lässt meine kreisenden Gedanken augenblicklich enden.
Ich werfe einen letzten Blick auf das Foto aus einer Phase meines Lebens, in der ich noch dachte, es würde nur ihn und mich geben, ehe ich es in meine kleine, bunt bemalte Schatzkiste zurücklege.
Der Schuhkarton war ein Kunstprojekt in der vierten Klasse. Ms. Richards war der Ansicht, dass jeder Mensch eine kleine Schatzkiste bräuchte, in der er seine persönlichen Träume und Wünsche aufbewahren kann. Ich habe sie bis heute in Ehren gehalten.
Leise seufzend schließe ich den Deckel über meinen Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen und stelle sie zurück in mein Versteck: Eine lose Diele im Boden unter meinem Bett bewahrt seit Jahrzehnten all meine Geheimnisse.
Ehe ich mich wieder erhebe, lasse ich meinen Blick noch einmal durch den Raum schweifen. Die alten, dunklen, rustikalen Holzmöbel werden mir fehlen.
Seit ich denken kann, habe ich dieses Zimmer bewohnt. Es fällt mir schwer, es für längere Zeit zu verlassen. Während meiner Zeit am College habe ich mich zwar bereits daran gewöhnt, doch diesmal fühlt sich dieser Abschied nicht nur wie ein „auf Wiedersehen“ an, sondern wie ein „Lebe wohl“.
Vielleicht liegt das aber an der Tatsache, dass ich den Bundesstaat Alabama zum ersten Mal in meinem Leben verlasse.
Mit einem Kribbeln im Bauch stehe ich auf, nehme meinen dunkelroten Hartschalenkoffer und mache mich auf den Weg nach unten. Mein Elternhaus, das mein Dad fast vollständig allein gebaut hat, hat einen besonderen Geruch. Das Holz arbeitet. Es verbindet sich mit der wunderschönen Natur, lässt dadurch einen ganz besonderen Duft entstehen.
Während ich die Holztreppe ins Erdgeschoss hinuntersteige, versuche ich noch, so viel wie möglich davon aufzunehmen. Mein neues Zuhause wird ein Steinbunker sein, und dass die nicht annähernd so gut riechen, weiß ich seit meiner Zeit im Studentenwohnheim.
„Da bist du ja endlich, du lahme Schildkröte.“ Lou sieht mich gestresst an. „Zeit ist Geld, meine Liebe.“
Die hübsche Südstaatlerin ist meine Freundin, seit ich denken kann. Lou ist groß, schlank und hat langes, braunes Haar. Ihr Blick ist zumeist verbissen. Sie wird oft als mürrisch abgestempelt. Ich habe das nie so gesehen. So ist Lou eben, war sie schon immer.
„Wir haben noch ewig Zeit.“ Ich winke ab. „Der Flieger geht erst in drei Stunden.“
Sie tippt auf ihre Armbanduhr. „Du vielleicht, aber ich nicht.“
Lou ist immer im Stress. Was kein Wunder ist, ist sie doch bereits dreifache Mutter. Meine beste Freundin hat sich dieses Leben gewünscht. Sie wollte schon immer einen stämmigen Mann aus Mentone heiraten, mit ihm Kinder bekommen und in diesem kleinen Bergdorf in der Einöde in Alabama alt werden. Lou ist der Meinung, dass nur Männer aus der Region es wirklich bringen würden. Ich muss jedes mal darüber lachen, wenn sie das sagt, aber in ihrem Fall sollte sie recht behalten. Christopher Bradford ist einer dieser Männer. Er hat ihr ihren Traum ermöglicht. Kurz nach Abschluss der Highschool wurde Lou schwanger, und nur zwei Jahre später kamen ihre Zwillinge zur Welt. Lou und Christopher sind glücklich verheiratet und lieben alles, was sie sich gemeinsam aufgebaut haben.
Ein leises Schluchzen hinter mir veranlasst Lou dazu, sich meinen Koffer zu schnappen. Sie kann Emotionsausbrüche nicht leiden.
„Ich warte im Wagen“, sagt sie hektisch und flüchtet durch die offenstehende Tür.
Ich wende mich dem leidenden Geräusch zu.
„Es wird alles gut gehen“, sage ich in dem Versuch, meine Mutter zu beruhigen.
„Ich weiß nicht, ob das wirklich das Richtige für dich ist“, schluchzt sie. Sie wischt sich mit einem Stofftaschentuch die Tränen aus dem Gesicht.
Mein Vater lächelt zuversichtlich. „Du packst das. Es wird Zeit, dass du endlich hier rauskommst. Ein Leben, wie Lou es führt, wäre nichts für dich gewesen.“
Meine Mutter straft ihren Mann mit einem bitterbösen Blick. Genau das wollte sie nicht hören. Aber mein Vater hat recht. Die Wahrheit tut nur eben manchmal weh.
„Schon gut. Ich sehe das mittlerweile so wie Dad.“ Ich quetsche mich zwischen die beiden und schlinge meine Arme um sie. „Ihr werdet mir fehlen.“
„Du uns auch, Schatz“, murmelt mein Vater.
„Aber an Hollys großem Tag bist du wieder hier. Es ist also nur eine Frage der Zeit“, flüstert meine Mutter und klingt dabei, als würde sie sich selbst beruhigen wollen.
„Ja, das bin ich“, stimme ich ihr zu.
Meine kleine Schwester steckt mitten in den Hochzeitsvorbereitungen mit Cliff. Auch so ein regionales Exemplar. Sie wird Lous Weg einschlagen. Heiraten, Kinder bekommen und in Mentone alt werden. Vor einigen Jahren dachte ich, dass dieser Weg auch für mich der richtige wäre. Doch ich habe mich geirrt. Für meine kleine Schwester kann ich nur hoffen, dass sie sich ihrer Sache sicher ist.
„Jetzt muss ich aber wirklich los, sonst reißt Lou mir noch den Kopf ab.“
Ich verabschiede mich von beiden mit einem Küsschen und eile dann zum blauen Pick-up. Der Motor läuft bereits, und Lou tippt ungeduldig mit den Fingern auf das Lenkrad.
„Du tust das Richtige. Dein Großvater ist nicht umsonst hier aufgetaucht. Das war ein Zeichen“, sagt sie, ehe sie losfährt.
„Bestimmt“, antworte ich knapp.
„Du zweifelst doch nicht etwa an deiner Entscheidung?“, hakt sie nach, als sie auf die Bundesstraße Richtung Flughafen abbiegt.
„Meinst du die Tatsache, dass ich ab sofort in New York leben werde, oder den Fakt, dass ich die Geschäfte meines Großvaters übernehme, den ich erst seit fünf Jahren kenne?“
Lou wirft mir einen kurzen, vielsagenden Blick zu. „Keiner von euch trägt Schuld daran, dass ihr euch erst so spät kennengelernt habt. Maximal deine Großmutter. Aber man soll ja niemals schlecht über Tote reden. Also lassen wir das lieber. Und würde er dir das nicht zutrauen, hätte er niemals dein Studium finanziert. Darum geht es also nicht. Allerdings – und das muss ich zugeben – bin ich ziemlich skeptisch, was die Großstadt betrifft.“ Sie macht eine lange Pause, ehe sie weiterspricht. „Ich meine, wir sind die totalen Landeier – und dann New York? Also, ich weiß nicht so recht.“ Lou tätschelt meinen Oberschenkel. „Aber du wirst das schon packen.“
Ja, danke. Das war genau die Art von Zuspruch, die sie sich hätte verkneifen sollen. Nun sind meine Zweifel nur noch größer.
***
Es ist später Nachmittag, als ich das Stadthaus meines Großvaters erreiche. Es liegt in Manhattan. Teure, exklusive Lage. Etwas anderes habe ich nicht erwartet. Es passt ins Klischee des reichen, alten Mannes, der nicht weiß, was er mit seinem Vermögen anstellen soll.
Den Kopf in den Nacken gelegt, betrachte ich das Gebäude, in dem ich nun vorerst leben werde. Es ist ganz anders als alles, was ich gewohnt bin. Mir wird leicht flau im Magen.
Die kühle Fassade in Backsteinoptik und die vielen auf mich einprasselnden Geräusche der Großstadt verunsichern mich. Das hier hat rein gar nichts mehr mit meinem alten Leben zu tun.
In mir hallen die Worte meiner verstorbenen Granny wider: „Veränderungen sind oft furchteinflößend.“ Wie recht sie doch hatte.
Ich schließe für einen kurzen Moment die Augen und atme noch einmal tief durch, ehe ich mich dazu durchringe, den Klingelknopf zu betätigen.
Als hätte mein Großvater bereits hinter der Tür auf mich gewartet, wird sie nur Sekunden später geöffnet.
„Da bist du ja.“ Der bereits vollständig ergraute Mann lächelt.
Ich hauche ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange, ehe ich eintrete. „Hallo, John.“
Für mich fühlt es sich immer noch komisch an, ihn Grandpa zu nennen. Wie er in unser aller Leben gestolpert ist, war aber auch beinahe filmreif. Denn meine Großmutter mütterlicherseits hat ihrer Tochter erst am Sterbebett von ihrem leiblichen Vater erzählt.
John war die heimliche Jugendliebe meiner Großmutter. Sie verbrachten einen Sommer zusammen, zwei wunderbare Monate, doch ihre Liebe endete jäh, als Grannys Eltern von der unchristlichen Verbindung Wind bekamen. Sie jagten John davon. Wie sich das damals genau abgespielt hat, weiß ich bis heute nicht, aber ich habe mir vorgenommen, John irgendwann danach zu fragen.
Als sich wenig später herausstellte, dass meine Großmutter schwanger war, haben meine Urgroßeltern keine Mühen gescheut, sie dennoch schnell an den Mann zu bringen. Und sie haben ihn gefunden – in dem Mann, den ich viele Jahre für meinen leiblichen Großvater gehalten habe. Leider ist er bereits vor zehn Jahren von uns gegangen, aber er war ein guter Mann. Er hat meine Großmutter geliebt, und sie hat ihn geliebt. Und obwohl er wusste, dass wir nicht blutsverwandt waren, ist er meiner Mutter stets ein wunderbarer Vater und meiner Schwester und mir ein toller Großvater gewesen.
Er hat seine Rolle eingenommen und sie bis zum Ende seines Lebens perfekt gespielt. Genauso wie meine Großmutter. Was sie letztendlich dazu bewegt hat, dieses pikante Lebensgeheimnis kurz vor ihrem Tod doch noch preiszugeben, wird wohl immer ein Rätsel bleiben.
Meine Mutter konnte mit dieser Enthüllung anfangs schlecht umgehen. Sie wollte nicht wahrhaben, dass der Mann, der sie großgezogen hatte, nicht ihr leiblicher Vater war. Noch schwieriger wurde die Situation allerdings, als John vor unserer Tür stand und sich diesen Titel an die Brust heftete.
Nach einem Vaterschaftstest, auf den meine Mutter bestand, folgte ein nervenaufreibendes halbes Jahr. In dieser Phase war ich oft der Meinung, dass die beiden niemals zueinanderfinden würden, trotz Johns unermüdlicher Versuche, seiner Tochter näher zu kommen. Er ist ein guter Mensch. Hätte er von ihrer Existenz gewusst, wäre er Mentone niemals für immer ferngeblieben.
John hat außer meiner Mutter keine weiteren Kinder. Er war auch niemals verheiratet. Für ihn zählte immer nur die Arbeit. Dass man sich von Geld allerdings nicht alles kaufen kann, wurde ihm erst klar, als er von unserer Existenz erfuhr.
Vor allem meinem Vater war es anfangs unangenehm, dass John so wohlhabend ist. Finanziell spielt er in einer ganz anderen Liga. Dass dies aber auch von Vorteil sein kann, durfte ich vor drei Jahren erfahren.
Nachdem wir uns alle etwas besser kennengelernt hatten, war es John, der auf mich zukam und mir den Vorschlag machte, mir ein Studium zu finanzieren, wenn ich später in seine Fußstapfen trete.
John ist Vorsitzender in einem Medienkonzern. Die Colorful Media Corporation ist ein Medienunternehmen, das sich mehrheitlich im Besitz meines Großvaters befindet. Es hält Beteiligungen an Fernsehsendern, Zeitungen und Filmstudios. Das Unternehmen wird in Form von mehreren Tracking Stocks an der Börse gehandelt. Ich werde also in sehr große Schuhe schlüpfen.
John wäre es zwar lieber gewesen, wenn ich direkt zu ihm nach New York City gezogen wäre, aber damals war ich noch nicht bereit dazu, und er stimmte meinem Wunsch zu, möglichst nahe bei meiner Familie zu bleiben. Deshalb konnte ich meinen Master of Science im Studienfach Operations Management an der Manderson Graduate School of Business in Alabama ablegen.
Ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, das Richtige zu tun. Das Studium hat mich gefordert und gefördert. Ich konnte zum ersten Mal in meinem Leben alles aus mir herausholen, und nun fühle ich mich bereit dazu, einen neuen Weg zu bestreiten.
„Du siehst müde und geschafft aus“, stellt John nun fest.
Ich unterdrücke ein Gähnen. „Alles halb so schlimm.“
Er winkt mich mit sich. „Das ist gut, denn in weniger als einer Stunde erwarten wir Besuch.“
„Heute noch?“, frage ich, ohne nachzudenken. Ich schäme mich umgehend dafür.
John lächelt nachsichtig. „War dir nicht klar, dass du in deinem neuen Leben eine 80- bis 100-Stunden-Woche hast? Von nichts kommt nichts.“
Eigentlich wäre schon genug da. John ist mehrfacher Milliardär. Nach Angaben des Forbes-Magazine gehört er zu den reichsten Männern unseres Landes. Er könnte es also durchaus etwas langsamer angehen. Aber den Kommentar verkneife ich mir lieber und überspiele meine Unsicherheit mit einem falschen Grinsen.
„Ich zeig dir erst mal dein Zimmer und wo du dich frischmachen kannst.“
John führt mich durch das opulente Haus, das ich heute nicht mehr ausreichend würdigen kann. Mir stecken die Müdigkeit und die Aufregung viel zu sehr in den Knochen, als dass ich mich auf meine Umgebung konzentrieren könnte.
Im dritten Stockwerk bleibt er stehen und deutet auf die weiße Tür, die gleich gegenüber der Treppe liegt. „Dort ist dein Zimmer. Ein eigenes Bad ist innenliegend.“ Er legt seine Hand auf meine Schulter. „Das wird schon alles. Nur keine Sorge. Und das Essen heute Abend mit dem CEO des Konzerns wird ein Kinderspiel. Versprochen.“
Ich presse die Lippen aufeinander. „Danke für alles. Dann werde ich mich mal …“ Ich unterbreche mich selbst, da mir auffällt, dass mein Koffer noch neben der Eingangstür steht.
John scheint meine Gedanken lesen zu können. „James bringt ihn dir gleich.“
„Wer ist James?“, hake ich irritiert nach.
„Er gehört zum Hauspersonal“, antwortet er.
„Du hast Hauspersonal?“ In diesem Augenblick wird mir wieder bewusst, wie wenig ich doch über John weiß.
„Ich schaffe Arbeitsplätze.“ Er tätschelt mir die Wange. „Eine neue Welt, Liebes. Aber du lebst dich schon ein.“
Ich werde mich sicher an vieles gewöhnen können, aber nicht an Hauspersonal. Dennoch nicke ich und ziehe mich anschließend in mein neues Zimmer zurück.
Ein Geschäftsessen. Noch heute Abend. Prima. John fährt auf der Überholspur, während ich noch damit beschäftigt bin, die Auffahrt zu finden.
Dayton
Das anstehende private Abendessen bei John Mahon gibt mir zu denken. Ich konnte bis zur jetzigen Minute nicht herausfinden, was er wohl von mir will. Vor gut einem Jahr wurde ich zum CEO der Colorful Media Corporation benannt und leite seither den Konzern in enger Zusammenarbeit mit ihm. Dass er mich deshalb allerdings zu sich in sein Haus einlädt, ist bisher noch nicht vorgekommen. Und da es meiner Meinung nach auch keinen besonderen Anlass gibt, bleibt es spannend, was mich gleich erwarten wird.
Ich ziehe meinen Krawattenknoten noch etwas enger und schließe den oberen Knopf meines dunklen, mit Nadelstreifen versetzten Jacketts, ehe ich klingele.
John öffnet nur Sekunden später die Tür. Es kommt mir so vor, als hätte er die Klinke bereits in der Hand gehalten.
„Komm rein.“ Er gibt mir mit seiner etwas steifen Art den Weg frei und bedeutet mir, nach rechts zu gehen.
Das Stadthaus in bester Lage ist nicht seine einzige Immobilie. Wie oft er wohl hier ist?
John führt mich durch einen Salon mit Spiegelwänden und antikem Mobiliar hinaus auf die Terrasse, die von hohen Backsteinmauern und gepflanztem Grünzeug umgeben ist. Die Geräusche der Großstadt und das abgeschiedene Flair passen meiner Meinung nach perfekt zusammen. Ich liebe so etwas.
„Nimm Platz, wo immer du willst.“ John deutet auf den bereits gedeckten Tisch.
Es gibt vier Stühle und drei Gedecke. Das heißt also, dass wir nicht allein sein werden. Will er mir vielleicht jemanden vorstellen? Grübelnd setze ich mich auf den nahegelegensten Platz.
„Wir speisen nicht allein“, stelle ich fest.
John setzt sich mir gegenüber. „Nein, das werden wir nicht. Ich habe dich heute zu mir bestellt, um dir mitzuteilen, dass ich vorhabe, meinen Vorsitz und meine Mehrheitsanteile abzugeben.“
Mir schießen augenblicklich Tausende Fragen durch den Kopf. Wenn er nicht weiß, wohin damit, halte ich gern die Hände auf. Immerhin reiße ich mir für den Konzern den Arsch auf. John schätzt mich und meine Arbeit. Doch würde er so weit gehen, mir alles zu überlassen? Warum eigentlich nicht? Ich kann mir partout niemanden vorstellen, wer den alten Mann würdig vertreten könnte. Oder eher noch würdig wäre, sein ganzes Leben zu übernehmen.
„Du willst dich zur Ruhe setzen. Das verstehe ich. Und welchen Plan verfolgst du nun?“, hake ich interessiert nach.
Ich strecke den Rücken und beuge mich etwas nach vorn, um ihm meine volle Aufmerksamkeit zu demonstrieren.
John lehnt sich tief ausatmend zurück. „Meine Enkelin wird zu gegebener Zeit meinen Platz einnehmen.“
Er hat eine Enkelin? Wo hat er die denn her? Bis eben war ich noch der Meinung, John Mahon hätte sich niemals fortgepflanzt.
Ich muss mich räuspern.
„Aber du musst keine Sorge haben“, fährt John fort. „Im Konzern wird sich dadurch nichts ändern. Nicht für dich. Du bist ein guter Mann, Dayton. Und ich werde dafür sorgen, dass du deinen Platz behältst.“ Er nickt mir zuversichtlich zu.
Das ist wohl das Mindeste. Es fällt mir unheimlich schwer, die Kontenance zu bewahren. Ich kann den alten Mann gut leiden, aber was er mir da eben mitgeteilt hat, passt mir gar nicht. Enkelin? Dass ich nicht lache. Wie alt wird die sein? 12? Welche Erfahrung hat die schon?
Gott im Himmel! Ich sehe das Chaos bereits jetzt bildlich vor mir. Mein Traumjob als CEO wird sich in einen Albtraum verwandeln. Vielleicht sollte ich noch schnell das Weite suchen, ehe ich mit dem sinkenden Schiff untergehe.
John scheint meine Skepsis zu bemerken.
„Ich weiß, was ich tue“, teilt John mir mit mürrischem Blick mit.
Ich zwinge mir ein Lächeln auf die Lippen. „Natürlich. Du weißt immer, was Du tust, und deshalb bin ich schon sehr gespannt darauf, deine Enkelin kennenzulernen.“
Das ist eine glatte Lüge, aber hoffentlich eine überzeugende.
John neigt sich leicht nach rechts, um an mir vorbeisehen zu können. „Sie sollte in den nächsten fünf Minuten hier auftauchen.“
Sein leicht genervter Ton kommt nicht von ungefähr. Wenn man ihn gut kennt, weiß man, dass John Unpünktlichkeit hasst und Überpünktlichkeit umso mehr schätzt. Aus diesem Grund bin ich 15 Minuten zu früh gekommen. Wie also kann es sein, dass seine Enkelin noch nicht da ist?
„Ich hoffe, ich werde jetzt nicht zu indiskret, aber …“
„Du willst wissen, wie ich zu einer Enkelin komme, obwohl die ganze Welt der Meinung ist, ich sei alleinstehend“, fällt er mir ins Wort.
Ich winke abwehrend mit den Händen. „So hätte ich es nicht ausgedrückt.“
„Ich war nie verheiratet und auch nie gebunden, aber ich habe dennoch eine wundervolle Tochter gezeugt. Solche Dinge passieren. Und das bisher niemand von meiner Familie weiß, liegt nicht nur daran, dass ich deren Existenz bisher wie einen Schatz gehütet habe, sondern auch an der Tatsache, dass wir uns erst seit fünf Jahren kennen.“
Okay, das wird immer besser. Er hat mir soeben mitgeteilt, dass er dem entsprungenen Nachkommen einer Affäre alles, was er sich zeit seines Lebens hart erarbeitet hat, vermachen will. Ich fasse es nicht! Hoffentlich gibt es einen DNA-Test. Für naiv halte ich John Mahon nicht, also wird es einen geben. Das ändert aber dennoch nichts an der Tatsache, dass er den Menschen, dem er alles übergibt, kaum besser kennt als mich. Meine Zweifel werden immer stärker. Ich glaube nicht, dass er weiß, was er tut. Wer weiß, womit es zusammenhängt, dass er erst so kurz um die Existenz seiner Familie weiß. Vielleicht ist diese Idee auch nur auf seinem schlechten Gewissen gewachsen. Womöglich versucht er damit, etwas wieder gutzumachen. Ich kann nur hoffen, dass dem nicht so ist, denn sonst wäre das fatal für das Unternehmen.
„Da bist du ja.“ Johns markantes, immer leicht angespanntes Gesicht hellt sich auf. So habe ich ihn noch nie gesehen. Es ist Liebe. Verdammt. Also ist das Ganze doch ein Akt der Wiedergutmachung …
„Darf ich vorstellen … das ist Robyn, meine Enkelin.“
Als der Name fällt, jagt mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Er erinnert mich an eine Zeit in meinem Leben, an die ich nicht mehr erinnert werden will, und es kostet mich viel Selbstbeherrschung, mich nicht zu schütteln.
Mich räuspernd stehe ich auf und halte Mahons Enkelin noch in der Drehung meine Hand hin. Als ich jedoch erkenne, wer da vor mir steht, ziehe ich meinen Arm abrupt zurück. Robyn! Sie ist es.
Was zum Teufel soll das hier? Wo bin ich hier reingeraten? Ist hier eine versteckte Kamera? Was wird hier gespielt?
Kapitel 2
Robyn
Stille.
Taubheit.
Kribbeln.
Stechender Schmerz.
Brennen im Herzen.
Das Gefühl, ohnmächtig zu werden.
All diese Emotionen strömen im Bruchteil einer Sekunde auf mich ein. Verzweifelt suche ich nach einer Erklärung für das, was hier geschieht, doch ich kann sie nicht finden. Nicht in mir, nicht in seinem Gesicht und auch nicht im verdutzten Blick meines Großvaters, der uns skeptisch mustert.
Wie kann es sein, dass er hier ist?
Das muss ein übler Scherz sein. Eine Fata Morgana. Ein Tagtraum. Oder es liegt einfach nur an meiner Übermüdung. Ich bilde mir das ein. Ja, so muss es sein.
Für eine Sekunde schließe ich die Augen und versuche, meine Verwirrung zu verarbeiten. Wenn ich meine Lider wieder öffne, ist er verschwunden. Er hat sich in Luft aufgelöst. So wie ich es bereits einmal schmerzhaft miterleben musste. Sicher gaukelt mein müdes Hirn mir nur etwas vor, da ich heute die Fotografie in den Händen gehalten habe.
Ein letzter, tiefer Atemzug, ein zaghafter Blick, und ich muss feststellen, dass Dayton immer noch vor mir steht.
Mein Herz zieht sich krampfhaft zusammen. Mein Magen ebenso. Um meinen Hals bildet sich eine Schlinge, die sich immer weiter zuzieht. Meine Knie werden weich. Ich kann mich kaum noch auf den Beinen halten. Und meine Hände zittern.
Dass ich Dayton noch einmal in diesem Leben gegenüberstehen werde, hatte ich nicht für möglich gehalten. Dennoch hatte ich diesen Augenblick akribisch vorbereitet. Ich weiß seit Jahren, was ich ihm sagen und wie ich auf ihn reagieren würde, würde ich ihm wieder begegnen. Doch nun, da es tatsächlich so weit ist, habe ich alles vergessen. Als hätte ich mir eingeredet, ich hätte mich gut auf eine Prüfung vorbereitet, obwohl ich nur fünf Minuten für sie gelernt habe, und nun liegen die Aufgaben vor mir und ich schaffe es nicht einmal, den Stift zu nehmen, da ich maximal ein Strichmännchen auf das weiße Blatt Papier kritzeln könnte. Die Zeichnung würde denjenigen, der die Prüfung korrigiert, nur zum Lachen bringen. Und genau so sieht es aktuell in mir aus. Was ich Dayton zu sagen hätte, wäre nur eine Aneinanderreihung krakeliger Strichmännchen. Deshalb schlucke ich den zusammenhanglosen, nicht unserem Alter entsprechenden Wortbrei lieber wieder hinunter und hülle mich in Schweigen.
„Robyn.“ Mein Name kommt ihm mit einer so dunklen Stimme über seine schmalen Lippen, dass sich in meinem Nacken augenblicklich Gänsehaut bildet.
Daytons Stimme hat sich geändert. Es ist nicht mehr jene, mit der er mich verlassen hat. Der Klang ist rauer und noch tiefer geworden. Männlicher. Und das ist nicht das Einzige, was sich an ihm verändert hat. Auch seine Körperform hat es. Er war zwar schon immer sehr sportlich, dennoch glaube ich, unter dem feinen Zwirn, den er trägt, ein wenig mehr Muskeln zu erkennen. Und dann erst sein Kopf … Die braunen Haare trägt er nun modisch geschnitten, und zu meiner Überraschung erkenne ich bereits die ersten grauen Ansätze an den Seiten, obwohl er erst 28 Jahre alt ist. Ich kenne Daytons Familie gut und weiß daher, dass dieses Phänomen des frühzeitigen Ergrauens nicht in der Familie liegt.
Ob das wohl an der allgemeinen Verbitterung liegt, die sich auch in seinem Gesicht widerspiegelt? Denn alles, was mich früher so mitgerissen und fasziniert hat, was ich so gern angesehen habe – sein immer noch makelloses Gesicht mit den strahlenden, dunkelblauen Augen –, wirkt nur noch leer und eiskalt. Ich kann keinen Funken Freundlichkeit mehr darin erkennen.
Dayton ist erwachsener und älter geworden. Leider hat ihn das, so wie es aussieht, nicht angenehmer werden lassen. Ganz im Gegenteil.
„Dayton.“ Meine Lippen fangen Feuer, als ich seinen Namen ausspreche.
Ihm zunickend flüchte ich mich an die Seite meines Großvaters.
Dayton lässt sich etwas zögerlich zurück auf seinen Stuhl sinken.
„So, wie ich das verstehe, kennt ihr euch.“ John sieht mich fragend an.
Ich lächele verbissen. „Wie klein die Welt doch ist.“
Auf keinen Fall will ich mit ihm über unsere gemeinsame Vergangenheit sprechen. Und auch mit niemandem sonst.
Dayton räuspert sich.
„Und Robyn ist deine Enkelin“, stellt er skeptisch fest.
John schenkt mir ein warmes und zufriedenes Lächeln. „Ja, das ist sie. Ich bin unheimlich stolz auf sie. Und es schmerzt mich, dass es uns nicht vergönnt war, uns früher kennenzulernen.“
John meint das ernst. Jedes einzelne Wort. Das schätze ich an ihm. Bei ihm muss ich mir niemals Gedanken darüber machen, ob er mir gerade die Wahrheit sagt oder vielleicht etwas nur beschönigt. Nein, John ist ein sehr geradliniger Mann. Er sagt, was er denkt, und spricht dabei aus tiefstem Herzen.
„Zufälle gibt’s“, nuschelt Dayton in seinen sehr kurz getrimmten Bart hinein.
„Wenn aus der Liebe zweier Menschen ein Kind entsteht, ist das kein Zufall, sondern ein Wunder“, kontere ich spitz.
Das dunkle Blau in seinen Augen wirkt, als würde es auf der Stelle gefrieren. Er lehnt sich schwer schluckend zurück und behält seine Meinung dazu glücklicherweise für sich. Wie habe ich diese Verstocktheit früher an ihm gehasst! Dayton hat sich immer alles aus der Nase ziehen lassen. Und selbst in den schlimmsten Stunden meines Lebens, in denen ich ihn mir als nervenstarken Partner an meiner Seite gewünscht hätte, hat er einfach nur das getan, was er jetzt auch tut: schweigen.
Ich kann damit bis heute nicht umgehen.
„Wollt ihr mir nicht sagen, woher ihr euch kennt?“ John sieht neugierig zwischen uns hin und her.
„Lass uns doch lieber über das Geschäft reden“, antworte ich hastig.
Dayton nickt zustimmend.
„Also gut. Wie ihr wollt“, meint mein Großvater.
„Darf ich fragen, welche Referenzen deine Enkelin mitbringt?“ Dayton konzentriert sich nun nur noch auf John, der ihm vis-à-vis gegenübersitzt, und ignoriert mich.
Das ist auch nicht neu. Dayton ist sehr gut darin, unangenehme Dinge nicht nur totzuschweigen, sondern völlig auszublenden. Er tut so, als hätten sie niemals stattgefunden. Vielleicht ist das seine Strategie, mit Schmerz umzugehen. Meiner Meinung nach ist das jedoch nicht die gesündeste.
„Robyn hat an der Manderson Graduate School of Business in Alabama ihren Master of Science in Operations Management abgelegt. Sie hat mit Auszeichnung und als Jahrgangsbeste abgeschlossen“, erklärt John.
Dayton atmet hörbar aus.
In diesem Moment schießt mir eine wichtige Frage durch den Kopf. Warum bin ich nur so blauäugig in meine Zukunft gerannt, ohne mich auch nur einmal näher mit dem Konzern meines Großvaters zu beschäftigen?
Meine Gedankenschleife führt mich wieder zum Bild der verpatzten Prüfung zurück. Ich habe mir eingebildet, ich hätte genügend recherchiert, doch in Wirklichkeit habe ich es nicht einmal geschafft, mich mit den Menschen zu beschäftigen, die ganz nah mit John zusammenarbeiten. Denn hätte ich das getan, dann wäre ich mit Sicherheit sofort auf Dayton gestoßen. Immerhin ist er der CEO. Damit wäre meine Karriere zwar beendet gewesen, bevor sie überhaupt begonnen hat, aber immerhin hätte ich daheim in Alabama in meinem Kinderzimmer vor mich hin leiden können.
Wieso bin ich diese Sache nur so naiv angegangen? Die einzige Erklärung ist, dass dies mein Wesen ist. Ich bin so. Ich gehe oft euphorisch an Dinge heran und denke mir, dass schon alles so kommen wird, wie es soll. Ich mache mir vorher nicht viele Gedanken darüber. Das mag einem das Leben zwar oft erleichtern, aber in diesem Fall wäre es definitiv besser gewesen, einmal anders vorzugehen.
„Und ich freue mich sehr auf die neue Herausforderung“, füge ich zur Lobeshymne meines Großvaters hinzu.
Nun schnellt Daytons Kopf doch kurz in meine Richtung. Sein Blick ist mörderisch. Ich kenne ihn und weiß, was er bedeutet. Er wird das hier nicht akzeptieren. Doch das wird er müssen. Es wird ihm aber sicher erst in den nächsten Tagen klar werden, dass er keine Befugnis hat, hier mitzubestimmen. Das wird ihn wurmen.
„Dayton hat in der Zeit, in der er bei uns ist, viel für den Konzern getan, und deshalb wurde er nur zu Recht zum CEO berufen, als Oliver seinen Posten räumte“, erklärt John. „Dayton hat es in seinem Alter bereits weit gebracht. Er ist ein strebsamer, hart arbeitender Mann, und ich möchte, dass ihr eine Einheit werdet.“ Mein Großvater sieht mich ernst an.
Strebsam war Dayton schon immer. Bereits als Jugendlicher träumte er davon, später einmal der Chef einer großen Firma zu sein und in einem Wolkenkratzer zu arbeiten. Und wie man sieht, hat er das geschafft. Das will ich ihm nicht streitig machen. Dayton hat sein Lebensziel erreicht, noch bevor er das dreißigste Lebensjahr erreicht hat. Wie viele können das wohl schon von sich behaupten?
Was mich an der Aussage meines Großvaters allerdings sprachlos zurücklässt, ist, dass wir eine Einheit werden sollen.
Das wird nicht funktionieren. Niemals. Und es wäre an der Zeit, dass Dayton endlich den Mund aufmacht und ein Veto einlegt.
Wie beide waren einst eine Einheit. Viele Jahre. Doch das ist eine Geschichte mit tragischem Ende – zumindest für mich. Ich werde den Teufel tun, mich noch einmal auf Dayton einzulassen.
In keiner Weise.
Zu schmerzvoll ist allein die Erinnerung. Ich wäre unter meinem Kummer beinahe qualvoll verendet. Hatte sogar Phasen, in denen ich mir das Leben nehmen wollte. So etwas will ich nie wieder erleben. Ich bin froh, dass ich diese Zeit meines Lebens hinter mir gelassen habe, und ich will auf keinen Fall riskieren, dass ich noch einmal in dieses tiefe Loch falle.
Als mein Ex sich allerdings weiter ausschweigt, bleibt mir nichts anderes übrig, als die Karten auf den Tisch zu legen. Sie werden John nicht gefallen. Aber das ist mir in diesem Fall egal. Er wird sich entscheiden müssen. Dayton oder ich. Uns beide zusammen gibt es nicht. Nicht mit mir. Und sicher sieht Dayton das nicht anders. Nur ist dieser Affenarsch wieder einmal nicht bereit dazu, seinen Mann zu stehen und zu sagen, was er denkt. Stattdessen zieht er lieber den Schwanz ein und tut so, als hätte er damit keinerlei Probleme. Unglaublich.
Dayton will sich vor meinem Großvater nicht die Blöße geben. Doch die Zeiten, in denen ich ihn vor allem und jedem in Schutz genommen habe, sind vorbei. Ich werde John sagen, dass ich nicht mit Dayton arbeiten kann. Und wenn er mich nach dem Warum fragt, werde ich keine Sekunde zögern, ihm die Wahrheit zu sagen, auch wenn die John nicht gefallen wird. So gut kann ich ihn mittlerweile einschätzen, um zu wissen, dass er nach meiner Offenbarung ein gänzlich anderes Bild von seinem ach so tollen CEO haben wird.
Dayton
Ich sehe es Robyn an, dass sie gleich etwas tun wird, das mir das Genick brechen könnte. Das darf ich nicht zulassen. Sie wird mir nicht mein Leben ruinieren. Nicht noch einmal. Das kann sie vergessen.
„Gibt es ein Problem zwischen euch beiden, von dem ich wissen sollte?“ John Mahon sieht zuerst seine Enkelin an, dann mich.
Als Robyn den Mund öffnet und ich erkenne, dass sie gleich die Bombe platzen lässt, komme ich ihr zuvor.
„Nein. Zwischen uns ist nichts vorgefallen, was mir noch in irgendeiner Weise nachhängt. Robyn und ich haben nur zufällig die gleiche Schule besucht.“
Während meiner Ex auf der Stelle sämtliche Gesichtszüge entgleisen, sieht John mich überrascht an. „Du stammst aus Mentone, Alabama?“
„Ja“, antworte ich knapp.
Diesen Teil meines Lebens habe ich bereits vor Jahren beerdigt, und ich dachte auch nicht, dass er jemals wieder zur Sprache kommen würde. Wie man sich doch irren kann.
„Die Welt ist wirklich klein“, findet John.
Ich zwinge mich zu einem Lächeln. „Das ist sie wohl.“
Ganz offensichtlich viel zu klein. Niemals hätte ich es für möglich gehalten, Robyn noch einmal über den Weg zu laufen. Erst recht nicht hier in New York.
John winkt und nur Sekunden später taucht ein schlanker, großer Mann mit graumeliertem Haar und Frack auf, um uns das Essen zu servieren. Es gibt Hummer. Ich hasse Meerestiere, weiß aber genau, wer sie mag. Robyn. Somit wird es mir gleich noch viel weniger schmecken. Um mir aber keine Blöße zu geben, bewahre ich die Haltung, anstatt auf den Teller zu kotzen.
Als der freundlich lächelnde Butler uns Weißwein einschenkt, wäre mir danach, ihm die Flasche aus der Hand zu reißen und sie über meiner Ex zu leeren. Stattdessen nehme ich mein Glas und nippe lediglich daran.
Ich bräuchte dringend mehr Alkohol.
Während des Essens spricht John über das weitere Vorgehen im Konzern. Normalerweise gibt es in meinem Leben nur den Konzern. Ich lebe dafür. Meine komplette Aufmerksamkeit gilt der Colorful Media Corporation. Nur heute schaffe ich es nicht, ihm zu folgen.
Robyns Aura hat mich schon immer in den Bann gezogen. Bereits bei unserem ersten Aufeinandertreffen in der Schule war es um mich geschehen. Sie war damals blutjunge 15 Jahre alt gewesen, ich 16. Damals hielt ich mich für sehr erwachsen. Heute weiß ich, dass wir nicht mehr als Kinder waren.
Nach nur einem gemeinsamen Eisbecher wurden wir ein Paar. Für eine sehr lange Zeit. Wir verbrachten unsere komplette Jugend miteinander. Unsere Familien und auch unsere Freunde dachten, unsere Beziehung wäre für die Ewigkeit gemacht. Und wenn ich ehrlich bin, dann war ich auch dieser Meinung. Heute bin ich mir allerdings nicht mehr sicher, ob ich selbst so empfunden habe, oder ob ich mich nicht doch nur von der Euphorie unserer Umgebung anstecken ließ.
Fast sechs Jahre. Das ist eine unfassbar lange Zeit. Die Zeitspanne, in der wir uns seitdem nicht mehr gesehen haben, ist in etwa genau so lang. Für meinen Geschmack nur nicht lange genug. Mir wäre der Rest meines Lebens lieber gewesen.
Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich Robyn anstarre. Sie war schon immer unglaublich schön. Doch jetzt, nachdem ich sie einige Jahre nicht gesehen habe, raubt mir ihre Schönheit beinahe völlig den Verstand. Sie hat sich kaum verändert. Ihr makelloser Teint ist geblieben. Ebenso der Glanz in ihren grünen Augen. Nur trägt sie jetzt Make-up, was sie früher verteufelt hat. Ihre vollen Lippen leuchten hellrosa, und auf ihren Wangenknochen schimmert Rouge. Ihr hellbraunes, seidig schimmerndes Haar ist immer noch so lang, jetzt aber mit blonden Strähnen versetzt.
Robyn ist zur Frau geworden. Ganz ohne mich. Allerdings hat sie einige Kilo weniger auf den Rippen. Für meinen Geschmack fast schon zu wenig. Ich mochte ihre süßen Pausbacken und ihre weiblichen Rundungen, die bereits als Teenager stark ausgeprägt waren. Davon scheint heute nicht mehr viel übrig zu sein. Zumindest soweit sich das unter dem schwarzen Businesskostüm erahnen lässt.
So wie es aussieht, scheint sie aber immer noch den mir bekannten guten Hunger zu haben. Vielleicht spielt sie aber John auch einfach nur was vor und geht gleich auf die Toilette, um sich zu übergeben.
„Da du dich nicht dazu äußerst, nehme ich an, dass du damit einverstanden bist?“, fragt John an mich gewandt und beendet damit abrupt mein Gedankenkarussell.
Da ich keine Ahnung habe, worauf diese Frage bezogen ist, nicke ich nur stumm und hoffe, mir damit nicht selbst zu schaden. Als mich kurz darauf allerdings ein bitterböser Blick aus Robyns Richtung trifft, weiß ich, dass ich falsch reagiert habe.
„Siehst du. Ich hatte doch recht.“ John tätschelt Robyns Hand, die regungslos neben dem Weinglas liegt, beugt sich zu ihr und haucht ihr ein Küsschen auf die Wange.
Der Anblick ist für mich immer noch so surreal, dass ich nicht wegsehen kann, obwohl ich es will. John Mahon küsst meine Ex. Er ist ihr Großvater. Sie sind blutsverwandt. Dagegen werde ich niemals ankommen.
Als John aufsteht, will ich mich ebenfalls erheben, stoppe aber abrupt in meiner Bewegung, als ich erkenne, dass Mr. Mahon die Nase kraust.
„Dann werde ich euch beide mal allein lassen und mich zurückziehen.“ Er schenkt Robyn ein Lächeln und nickt mir zum Abschied zu. „Wir sehen uns morgen.“
Mit Johns für mich unerwartetem Abgang steigt meine Anspannung. Wie konnte das nun schon wieder passieren? Ich muss nicht lange über diese Frage nachdenken, bis mir klar wird, dass ich selbst daran schuld sein muss. John hat mich etwas gefragt, und ich habe zugestimmt. Allem Anschein nach einem privaten Plausch mit Robyn. Oh nein. Das wird nicht passieren. Eher friert die Hölle zu.
Robyn hält den Kopf gesenkt. Sie sieht mich nicht an. Sicher wartet sie nur darauf, dass ich das Weite suche. Ich sehe über die Schulter, und als ich der Meinung bin, dass die Luft rein ist, um möglichst zügig und ohne großes Aufsehen aus Mr. Mahons Haus zu verschwinden, stehe ich ruckartig auf.
„Das ist wieder typisch für dich. Das Einzige, was du kannst, ist flüchten“, höre ich Robyn sagen.
In mir bäumt sich Wut auf. So viel wie schon seit Jahren nicht mehr.
„Deine haltlosen Anschuldigungen kannst du für dich behalten“, fahre ich sie an. „Die ziehen bei mir nicht mehr. Du kannst mir kein schlechtes Gewissen mehr machen!“
Nun sieht sie doch zu mir auf. „Du hast dich kein Stück verändert.“
Ich nehme eine abwehrende Haltung ein. „Das musste ich auch nicht, denn mit mir war schon immer alles okay.“ Ich stütze mich auf dem Tisch ab und beuge mich in ihre Richtung. „Dir hätte es allerdings nicht geschadet, wenn du dich verändert hättest.“
Ich kann ihr ansehen, wie sehr meine Worte sie treffen. Ja, das war hart. Aber es war die Wahrheit. Genau jene, die ich ihr nie ins Gesicht sagen konnte, weil ich sie nicht noch mehr verletzten wollte, als sie es ohnehin schon war. Aber da mich ihre Gefühle schon lange nichts mehr angehen, war jetzt genau der richtige Zeitpunkt, endlich mal einen klaren Standpunkt zu beziehen.
Das Grün ihrer Augen funkelt grell auf. „Das ist also deine Meinung zu allem, was zwischen uns passiert ist?“
Ich richte mich wieder auf, lasse hörbar Luft durch die Nase entweichen. „Ja. Und dieser Meinung war ich schon immer.“
Sie verschränkt die Arme vor der Brust. „Du bist einfach nur unfassbar.“
Ich winke entnervt ab. „Nein, Robyn. Das, was hier heute Abend passiert ist, ist unfassbar.“
Sie verengt die Augen. „Ich hätte mir auch nichts Schlimmeres vorstellen können, als dir noch einmal gegenüberzutreten.“
Robyn scheint das ernst zu meinen. Früher war sie ein sehr zerbrechliches Wesen, das man nur mit Samthandschuhen anfassen durfte, doch ihre Reaktion und ihr kühler Blick suggerieren mir, dass sie sich verändert hat. Sie ist innerlich gewachsen. Stärker geworden. Sie wirkt sogar ein wenig kaltschnäuzig auf mich.
Diese Tatsache bringt mich aus dem Konzept. Wenn ich mit meiner Annahme recht behalte, dann wird die Zusammenarbeit mit ihr noch viel schwieriger.
„Dito“, antworte ich knapp und wende mich im selben Zug zum Gehen.
„Wieso hast du nicht den Arsch in der Hose gehabt, meinem Großvater zu sagen, dass du keine Lust darauf hast, dich mit mir zu unterhalten?“, fragt sie.
Ich drehe mich wieder zu ihr um. „Das hätte ich, hätte ich …“ Ich beende meinen Satz vorzeitig, da ich nicht weiß, ob Robyn nicht sofort zu ihrem Großvater rennen würde, um zu petzten, dass ich ihm nicht zugehört habe. „Nein, weißt du was? Vergiss es einfach. Ich werde, wie du es immer so schön ausdrückst, die Flucht ergreifen.“
Ihr huscht ein abwertendes Grinsen über die Lippen. „Tu dir keinen Zwang an. Ich habe auch nichts anderes von dir erwartet.“
Ihre Reaktion erschreckt mich. Das ist nicht mehr die Robyn, die ich einst kannte.
Ohne sie noch eines weiteren Blickes zu würdigen, verlasse ich das Haus, so schnell es geht.
Ich hatte mir insgeheim einiges von diesem Abend versprochen. Sogar noch ein wenig mehr erhofft. Doch was mich tatsächlich erwartet hat, war schlimmer als jede Wurzelbehandlung beim Zahnarzt. Ich stelle mir sogar einen offenen Beinbruch schöner vor, als noch ein weiteres Mal auf Robyn treffen zu müssen.
Doch sie ist jetzt in der Stadt, und ab morgen werde ich sie täglich um mich haben. Das ist mein persönlicher Albtraum, der nur in einer Katastrophe enden kann. Was für ein Scheiß.