Prolog
Freitag, 15. Oktober 2001
Kinder strömten aus den weit geöffneten Toren der Moryd-oer Grundschule. Sie schwärmten in die schwache Oktobersonne aus, ihre Stimmen schrill vor Aufregung, als sie in die Halbjahresferien aufbrachen.
Die meisten sprinteten in Richtung des Schulbusses oder der Autos ihrer Eltern, die sie nach Hause zu den außerhalb gelegenen Bauernhöfen und Gemeinden bringen würden, die das Einzugsgebiet der Schule umfassten.
Andere rannten wie entfesselt dem Spielplatz am Ende des Schulgeländes entgegen, sich schubsend, um ihre liebsten Spielgeräte als Erste zu erreichen.
Der leuchtend blaue Gummiboden mit dem sich windenden gelben Pfad war im Sommer verlegt worden, um dem Spielplatz einen neuen Anstrich zu geben.
Das Klettergerüst war jedoch entfernt worden, die Lehrer hatten diesen Schritt mit der Sorge um die Gesundheit und Sicherheit der Kinder begründet. Nicht dass eines von ihnen sich um diese gesorgt hätte. Der kleine Joshua Bailey hatte sich damals den Kopf angeschlagen und seine Mam einen höllischen Aufstand gemacht, während unter den aufgerissenen Augen der anderen Kinder Blut aus der Wunde strömte. „Hysterische Frau“, hatten die anderen Mams geflüstert, und: „Der arme Junge.“
Dennoch hatte Mrs Baileys geschickt inszenierte Hysterie der Grundschule einen nagelneuen Spielplatz eingebracht. Die Spielgeräte waren ausgetauscht und in bunten Farben angestrichen worden: zwei Doppelschaukeln, ein Karussell und ein neues Klettergerüst mit zwei Rutschen. Die Wippe war zwar groß, aber nicht leicht genug, um von weniger als drei Kindern auf jeder Seite bewegt zu werden. Nur Gott allein wusste, warum sich der Schulrat ausgerechnet für dieses Modell entschieden hatte, doch die Kinder schien es nicht zu stören.
Dylan Davies, der älteste und mit Abstand größte Schüler der Schule, rannte an der Spitze der auf den Spielplatz zustürmenden Kinder. Seine schlaksigen Beine trugen ihn den anderen Kindern davon, während er über den Schulhof in Richtung der Spielgeräte hetzte.
Während sich die Kinder wie Ameisen über die Spielgeräte hermachten, schob Dylan das sonnengelbe Karussell an. Er spannte die knochigen Schultern an, während andere Kinder auf die kreisrunde Plattform krabbelten.
Er stieß es ein letztes Mal an und riss dann den sechsjährigen Lloyd hoch in seine Arme, sprang mit ihm aufs Karussell und setzte ihn in die Mitte. Dylan klammerte sich an die hölzernen Stäbe, verlagerte das Gewicht nach außen und warf den Kopf zurück, während sich die Sonne durch den rot gefärbten Himmel brach.
Lloyd ließ sich auf das gestrichene Holz sinken und umschlang schützend die Knie mit den Armen.
Schwere schwarze Wolken zogen über die schneebedeckten Bergspitzen am Horizont. Einige wenige Sonnenstrahlen schafften es, sich ihren Weg durch die dichte Wolkendecke zu bahnen, bevor sie sich wieder schloss, um den Tag in ein ungewöhnlich trübes Licht zu tauchen.
Nicht dass das Wetter eines der Kinder interessiert hätte. Die Freiheit, die eine Woche ohne Schule versprach, war alles, woran sie momentan denken konnten. Ihre Stimmen schrillten über den Schulhof, während sie sich ein letztes Mal austobten, bevor sie den Heimweg antreten würden.
Caryn Peeke strich sich die dunkelbraunen Haare aus der Stirn und ließ sich auf die Schaukel sinken, auf deren Freiwerden sie eine halbe Ewigkeit gewartet hatte, bevor sie sich abstieß und zu schaukeln begann.
Leichter Sprühregen setzte ein und warf einen gräulichen Schleier über die violette Hügelkette in der Ferne.
Die Kälte kroch ihr in die Knochen und sandte eine Gänsehaut über ihren Körper. Sie seufzte und ihr Blick blieb für einige Momente an ihrem kleinen Bruder Lloyd hängen. Er war glücklich, zumindest für den Moment.
Dylan kletterte vom Karussell und schlenderte mit einigen unsicheren Schritten auf die Schaukel neben ihr zu.
„Gehst du heim?“
Sie presste die Augen zusammen und starrte zu Lloyd hinüber, der, ohne dass ihn eines der anderen Kinder zu bemerken schien, noch immer auf dem sich drehenden Karussell hockte. Sein Blick war nach oben in den stärker werdenden Regen gerichtet und sie sah, wie sich seine Lippen bewegten, während er stumm zählte.
Mit seinem Daumen berührte er nacheinander die Fingerkuppen der anderen Finger seiner linken Hand in gleichmäßigem Rhythmus.
Kleiner Finger, Ringfinger, Mittelfinger, Zeigefinger.
Unermüdliche Wiederholung.
Kleiner Finger, Ringfinger, Mittelfinger, Zeigefinger. „Noch nicht. Mam hat mich gebeten, mit Lloyd heut noch ein wenig länger draußen zu bleiben.“ Sie sah Dylan schräg von der Seite an und wusste, dass sie es ihm würde sagen können. „Sie hatte heute Morgen mal wieder starke Kopfschmerzen.“
Dylan nickte verständnisvoll und vergrub die Hände in den Taschen.
Sie erzählte ihm die meisten Dinge, hatte aber ein schlechtes Gewissen, ihm zu sagen, dass ihre Mam es heute Morgen nicht aus dem Bett geschafft hatte. Sie hatten sich selbst das Frühstück machen müssen, da ihr Dad bereits zur Arbeit aufgebrochen war. Er hatte früher anfangen müssen, hatte er gesagt.
Caryn wog ängstlich die Konsequenzen ihres Geheimnisses ab: Wenn sie es Dylan erzählte, würden es womöglich seine Eltern erfahren und sie war sich sicher, dass ihre Eltern darüber nicht glücklich sein würden. Sie waren etwas älter als die Eltern ihrer Freunde und darüber hinaus sehr zurückgezogene Menschen. Allen voran ihre Mam, der es in der letzten Zeit gar nicht gut gegangen war, da Müdigkeit sie plagte.
Dennoch fühlte sich Caryn schlecht, da sie ihrem besten Freund nicht die Wahrheit sagen konnte. Denn das war er. Sharon und Annie waren zwar auch gute Freundinnen, aber sie lebten viel zu weit weg, sodass es praktisch unmöglich war, außerhalb der Schule Zeit mit ihnen zu verbringen. Viele der anderen Mädchen waren genervt, wenn sie ihren kleinen Bruder zu gemeinsamen Verabredungen mitbrachte, sodass sie sich nach der Schule oft ohne Caryn trafen.
Nicht so Dylan. Als Einzelkind hatte er stets ein Auge auf ihren kleinen Bruder.
Sie hatte ihn im Kindergarten kennengelernt und von da an waren die beiden unzertrennlich. Ein Leben ohne ihn konnte sie sich nicht vorstellen. Er war der älteste Junge der Schule und trug diesen Fakt mit Stolz. Sie war die Jüngste, fast ein Jahr jünger als er und ob der Tatsache, dass ihr Geburtstag im August lag, gerade zehn Jahre alt.
Trotzdem würden sie zusammen zur weiterführenden Schule wechseln. Sie würden für immer zusammenbleiben.
Er gab ihrer Schaukel einen festen Stoß und ein helles Quieken entfuhr ihr, bevor er sich auf die Schaukel neben ihr schwang. Während sie den Oberkörper weit zurücklehnte, um noch höher zu schaukeln, sah sie ihren Freund kurz von der Seite an.
Sie würde ihn vermutlich eines Tages heiraten. Die Frau eines Bauern werden, Schafe hüten und Kühe melken. Es fühlte sich wie ein gutes Ziel an, und vielleicht würde sie so werden, wie seine Mam, die sie bewunderte.
Während die Schaukel immer langsamer wurde, zog Caryn die Kapuze über den Kopf. Durch ihre Ponyfransen warf sie einen Blick über den Spielplatz in die Dämmerung des sich dem Ende zuneigenden Oktobertages.
Die meisten Kinder waren schon zu Hause, nur Dylan, Lloyd und sie noch übrig.
„Lloyd, es wird Zeit, nach Hause zu gehen!“
Wenn sie es ihm früh genug sagte, würde sie ihn hoffentlich ohne viel Widerstand nach Hause locken können.
Er machte keine Anzeichen, sie gehört zu haben, also rief sie noch lauter: „Lloyd!“ Die Schaukel schwang aus und hielt an. Die metallene Kette war eiskalt und ihre Finger wurden steif.
„Ist heute nicht der Geburtstag deiner Mam?“
Caryn nickte leicht. „Dad hat Kuchen bei der Bäckerei bestellt. Er wird heute Nachmittag gebracht.“
Dylan sah sie ausdruckslos an, aber das konnte ihre Aufregung nicht trüben.
Seine Mam hatte vermutlich nie im Leben einen Kuchen gekauft, ihre hingegen hatte nicht viel fürs Selberbacken übrig. Dennoch liebte sie es, sich zu besonderen Anlässen einen Kuchen aus der Bäckerei zu gönnen. Caryn lief das Wasser im Mund zusammen, wenn sie an die reichhaltige, cremige Schokoladenganache auf dem weichen, klebrigen Biskuitboden dachte. Wenn sie es für einen Moment schaffen würde, Lloyds Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, würde sie ihn mit dem Versprechen von ebendiesem Kuchen nach Hause locken können. Sie hatte es bisher nicht gewagt, ihm zuvor davon zu erzählen. Unter keinen Umständen war er in der Lage, ein Geheimnis für sich zu behalten. Er würde sich vor Aufregung verplappern und die Überraschung wäre ruiniert.
Ihr selbst war es schwer genug gefallen, das Geheimnis eine ganze Woche zu hüten, seit ihr Dad ihr davon erzählt hatte. Ein ängstlicher Schwarm Fischlein flitzte durch ihren Magen, als sie voller Vorfreude an den Geburtstag ihrer Mam dachte.
„Wir werden alle zusammen für vier Tage nach Rhyl fahren.“ Sie grinste Dylan an. „Sag Lloyd nichts davon, ansonsten schläft er die ganze Nacht nicht, weil er so aufgeregt ist.“
Dylan nickte. Sie wusste, dass er sich wünschte, dass sie bleiben würde, um in den nächsten Tagen mit ihm zu spielen und zusammen die Kühe zu melken, aber die Aussicht auf den Strand mit seinem kräftigen Küstenwind war einfach zu verlockend.
„Es ist ein besonderer Geburtstag für Mam.“
„Besonders?“
„Sie wird fünfzig.“
Dylan fuhr herum und sah sie mit großen Augen an. „Fünfzig? Großer Gott, meine Granny ist erst fünfundvierzig – wann ist deine Mam so alt geworden?“ Caryn schürzte die Lippen und runzelte die Stirn. „Sie ist nicht alt.“ Doch das stimmte nicht ganz. Ihre Eltern waren deutlich älter als die ihrer Freunde. Dylan zuckte die Schultern und schwieg. Caryn spürte, dass er ein wenig neidisch war. Er wäre auch gerne nach Rhyl gefahren. Aber sie beschloss, sich davon nicht die Laune verderben zu lassen.
Sie konnte es kaum erwarten, die Überraschung im Gesicht ihrer Mam zu sehen. Ihr Dad hatte sie gewarnt, dass sie das Geheimnis würde bewahren müssen, bis Lloyd heute Abend im Bett liegen würde. Obwohl sie gewöhnlich weit vor ihm eingeschlafen war, da es ihrem jüngeren Bruder nie zu gelingen schien, den Kopf auszuschalten. Kein Wunder, dass ihre Mam ständig so erschöpft war.
Ihr Dad hatte auch gesagt, dass er heute Abend vermutlich eher von der Arbeit nach Hause kommen würde. Lloyd wäre begeistert. Sie hoffte, dass Dad auf dem Weg nach Hause einige Geburtstagskerzen kaufen würde. Fünfzig an der Zahl würden niemals auf den Kuchen passen. Würden sie es versuchen, würde er vermutlich schmelzen.
Sie sah zu Lloyd hinüber, der noch immer auf dem Karussell hockte, Finger und Lippen in stummer Wiederholung bewegend.
Es war alles eine Frage des Timings, und darin war sie gut.
Es würde nur problematisch werden, wenn sie Lloyd zu früh von dem Kuchen erzählte. Sollten sie nach Hause kommen und er wäre noch nicht da, würde er einen riesigen Wutausbruch haben. Ihre Mam würde sich überfordert in ihr Bett zurückziehen und sie und ihr Dad würden am Küchentisch zurückbleiben und den Kuchen anstarren, den sie sich zu schuldig fühlen würde, zu essen. Darüber wollte sie sich heute keine Gedanken machen. Dennoch verspürte sie den Wunsch, nach Hause zu gehen, bevor es dunkel werden würde.
Aufgeregt dachte sie an das Geschenk, das sie zum ersten Mal von ihrem eigenen Geld gekauft hatte, und das Gesicht ihrer Mam, wenn sie es öffnen würde. Sie konnte es kaum abwarten.
Auch wenn die wechselnden Launen ihrer Mam ihr manchmal eine Heidenangst einjagten, liebte sie die zerbrechliche Frau über alles. Keine der Mütter ihrer Freunde hatte so viel Schmerzen ertragen müssen. Ihre Mam beschrieb die sie plagenden Migräneattacken als unerträglich. Mit dem nahenden Herbst, der die Tage kürzer und dunkler machte, waren sie noch schlimmer geworden.
Zum wiederholten Mal zog sich Caryn die Kapuze über die mittlerweile feuchten Haare und sah zu Lloyd hinüber, der sich noch immer auf dem Karussell drehte.
„Lloyd.“ Sie zog die Schultern hoch und verspürte erneut den Wunsch, nach Hause zu gehen. Warum sah er sie nicht an? Sie hasste es, wenn er sie ignorierte. Die beginnende Wut kochte in ihrem Magen. Sie grub die Schuhsohlen in den Boden und die Schaukel hielt an.
Warum mussten sie so lange auf dem Spielplatz bleiben, nur um ihn bei Laune zu halten?
Es war so unfair.
Heute sollte es um ihre Mam gehen, nicht um ihn.
Sie hätten längst zu Hause sein können, hätte ihre Mam sie nicht um ein paar Stunden mehr ohne ihren Sohn gebeten.
Caryn presste die Lippen zusammen und starrte aus schmalen Augen zum Karussell hinüber, während es in ihrem Magen brodelte.
Es ging immer nur um ihn, nicht um ihre Mam oder sie, nicht mehr.
Nicht seit Lloyds Diagnose.
„Mit deinem Bruder stimmt was nicht. Er ist nicht ganz richtig im Kopf.“
Eine weiße Rauchwolke entwich Dylans Mund und wehte zu ihr hinüber. Wie lange hatte sie Lloyd angestarrt? Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie ihren Freund komplett vergessen hatte. Erst der Geruch von Zigarettenrauch hatte sie ins Hier und Jetzt zurückgeholt.
Ihre Anspannung löste sich in einem verwirrten Lachen, als sie zu ihrem besten Freund hinübersah. Beeindruckt von seiner Aufsässigkeit beobachtete sie, wie eine weitere Rauchwolke aus seinem Mund strömte und vom Wind davongetragen wurde.
„Woher hast du die?“
„Onkel Rich hat die Packung in den Müll geworfen und eine war noch drin.“
Dylans Gesicht zog sich zusammen, als er ihr die glimmende Zigarette hinhielt. Herausforderung glänzte in seinen Augen. „Willst du mal ziehen?“
Caryn war nicht abgeneigt und ließ einen verstohlenen Blick über den Spielplatz gleiten.
An zwei Seiten grenzte er an braune, frisch gepflügte Felder, die sich am Horizont in dichte Wälder ergossen. An der dritten Seite hinderte ein Zaun die Kinder daran, die schmale Straße in Richtung Wrexham zu betreten, die sich an der Schule vorbei durchs Dorf schlängelte.
Folgte man ihr, säumten grasbewachsene Felder und trockene Steinmauern den Weg in Richtung der Berggipfel von Berwyn, zu deren Füßen sich nördlich Moel yr Henfaes und Moel Fferna erstreckten wie geisterhafte Gestalten in der Oktoberdämmerung.
Die letzte Seite schirmte ein mit Bäumen begrenztes Fußballfeld ab, das sich nahtlos an den Spielplatz der Schule anfügte.
Es gäbe also genug Orte, an denen sich die alte Mrs Turner mit ihrem Jack Russell, der vermutlich ebenso alt war wie sie, verstecken konnte, um die Kinder auf frischer Tat zu ertappen. Würde sie erwischt werden, würde ihre Mam ihr vermutlich Hausarrest geben, bis sie einundzwanzig war.
Caryn schüttelte den Kopf und sah Dylan an. „Nee, danke.“
„Feigling.“
Sie beschloss, ihn zu ignorieren, lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück zu ihrem kleinen Bruder und spürte das vertraute Brodeln in ihrem Magen. „Lloyd!“
„Lloyd“, rief Dylan neben ihr, und sie zuckte ob der plötzlichen Lautstärke zusammen.
Lloyd, noch immer in seiner eigenen Welt versunken, ignorierte sie beide.
Nun war Caryn versucht, doch an Dylans Zigarette zu ziehen. Beeindruckt von seiner Eleganz spähte sie zu ihm hinüber und wünschte sich für einen Moment, ebenso cool zu sein.
Doch sie traute sich nicht und suchte den Spielplatz nach möglichen Verrätern ab. Oder sollte sie es wagen? Die wenigen Bewohner ihrer fünfundvierzig Häuser starken Gemeinde würden sie allesamt verpetzen. Und auch wenn niemand sie sehen würde, würde der Qualm, der sich an ihre Felljacke heftete, sie verraten.
Ihre Mam würde sie ausschimpfen und es vermutlich ihrem Dad erzählen. Seine schmalen Nasenflügel würden sich weiten und ein langer, enttäuschter Blick sie treffen. Das war alles, was er zu solchen Situationen sagte, seit Lloyds Diagnose seine ganze Aufmerksamkeit forderte. Es war, als hätte er vergessen, dass auch seine Tochter existierte.
Sie sehnte sich nach seinem weichen, stolzen Blick zurück, der seitdem immer gequälter geworden war. Immer häufiger zogen sich seine Augenbrauen sorgenvoll zusammen und die vergangenen Jahre hatten seine Falten tiefer und das Haar lichter werden lassen.
Sie liebte ihre Eltern. Aber hatte sie auch Angst vor den Wutausbrüchen ihrer Mam, war es die Enttäuschung ihres Dads, die ihr wirklich zu schaffen machte.
Sollten ihre Eltern sich je scheiden lassen wie die von Sasha Wright, würde sie zu ihrem Dad ziehen und Lloyd bei ihrer Mam lassen. Sie würde sich um ihren Sohn kümmern müssen und hoffentlich aufhören, ihrem Dad und ihr das Leben schwer zu machen, nur weil sie Kopfschmerzen hatte.
Dylan ließ die Zigarette erneut vor ihren Augen baumeln, als könnte er so ihre Meinung ändern. Er verengte die Augen zu Schlitzen, als der Rauch sie erreichte.
Sie schüttelte den Kopf, während ihr die Kapuze zum wiederholten Mal vom Kopf glitt.
Einige dicke Tropfen, die sich durch den feuchten Sprühregen in ihrem Pony gebündelt hatten, glitten kalt über ihre Wange und in ihren Kragen. Ihre Zähne klapperten.
Ihr war kalt und sie war müde. Sie wollte, dass ihr Bruder vom Karussell stieg, damit sie endlich nach Hause gehen, sich vor dem Kamin aufwärmen und den Tee und den Kuchen genießen konnten, der bestimmt schon auf sie warten würde. Sie stellte sich das gerührte Lächeln ihrer Mam vor, wenn sie ihr später das Geschenk überreichen würde. Es war nichts Besonderes, aber alles, was sie sich in der örtlichen Drogerie hatte leisten können: ein kleines Fläschchen Panache-Parfüm.
Sie selbst bevorzugte Charlie, da es jünger und moderner roch, aber ihre Mam würde Panache lieben.
Seufzend zog Dylan erneut an seiner Zigarette, bevor er hustete und mit dem Kinn in Richtung ihres Bruders deutete.
„Was genau ist noch mal nicht richtig mit ihm?“
Sie zog die Nase hoch, um etwas Zeit zu gewinnen, bevor sie das Wort aussprach, das sich noch immer ein wenig falsch auf ihrer Zunge anfühlte: „Asperger.“
Dylan schürzte die Lippen. „Noch nie gehört.“
Auch Caryn war der Begriff unbekannt gewesen, bis sie ihre Eltern über die Diagnose hatte flüstern hören.
Sie hatte immer gewusst, dass Lloyd anders war. Es war ihr egal gewesen, immerhin war er ihr Bruder. Er brachte sie zwar oft zur Weißglut, aber sie liebte ihn.
Es schien, als wäre ihren Eltern erst vor Kurzem aufgefallen, dass er anders war. Oder sie hatten es sich erst dann eingestanden, denn die Angst davor hatte ihre Augen verschlossen, bis sie es einfach nicht mehr ignorieren konnten.
„Asperger hin oder her, die Diagnose macht ihn nicht normal.“
„Sie macht ihn zu einem kleinen Genie.“ Sie konnte die Bitterkeit nicht aus ihrer Stimme fernhalten. Die Diagnose hatte ihrer aller Leben verändert. Nicht, weil Lloyd sich anders verhielt, sondern ihre Eltern: „Mach Lloyd nicht wütend oder traurig. Er muss gute Laune haben. Lass es ihn haben, sehen, machen …“
„Genie am Arsch“, rief Dylan und sprang von der Schaukel, die wie wild hinter ihm schwang. „So, ich muss jetzt nach Hause und Dad mit der Herde helfen.“
Er trat den glimmenden Zigarettenstummel aus und versteckte die Hände in den Taschen. Dann drehte er sich zu ihr um. „Meinst du, du kannst unser kleines Genie jetzt überreden, mit nach Hause zu kommen, oder muss ich euch beide allein hierlassen?“
Caryn erhob sich mit etwas mehr Kontrolle von der Schaukel als ihr schlaksiger Freund, dessen Arme und Beine so aussahen, als wären sie schneller gewachsen als der Rest seines Körpers, und rief mit durchdringender Stimme: „Lloyd!“
Lloyd machte keine Anzeichen, sie gehört zu haben, tauschte lediglich die rechte Hand, die er zum Zählen benutzte, gegen die linke.
Mit dem Handrücken strich sich Caryn einen dicken Wassertropfen von der Nase. Die rostige Kette der Schaukel hatte ihre Finger orange gefärbt und sie sog den Geruch nach Eisen ein.
„Wir sind wahrscheinlich noch ’ne Weile hier. Du gehst jetzt besser.“ Sie schob die Hände in die Taschen. Es würde keinen Sinn ergeben, Lloyd zu zwingen. Er würde lediglich einen Nervenzusammenbruch haben und dann würde es zehnmal so lange dauern, bis sie zu Hause ankamen.
Sie würde ihm stattdessen noch ein paar Minuten geben und ihm dann von dem Kuchen erzählen. Das sollte ihn aus seiner Starre lösen. Er würde nach Hause fliegen wie eine Rakete.
Dylan zögerte und nickte hin- und hergerissen mit dem Kopf. „Ich muss jetzt echt los, Dad bringt mich um, wenn ich nicht pünktlich da bin, um die Kühe zu melken.“
Caryn bezweifelte es. Sein Dad war niemand, der sich schnell im Ton vergriff. Manchmal half sie samstagsmorgens bei den Kühen mit, wenn sie es früh genug aus dem Bett schaffte. Im Sommer, wenn es um halb fünf bereits hell war, fiel es ihr leicht, aber an den dunkleren Tagen war alles, was sie motivierte, ihr Lohn, den Dylans Dad ihr bar in die Hand drückte. Keine Münzen, echte Scheine.
Ihre Mam war nicht glücklich darüber. Die ersten Male, als Caryn voller Stolz mit den Scheinen in der Hand nach Hause gekommen war, hatte sie die Lippen geschürzt und kein Wort über den neuen Nebenjob ihrer Tochter verloren.
Du bist noch zu klein dafür, mein Schatz. Du musst nicht arbeiten gehen. Was werden denn die Leute denken, wenn wir dich in deinem Alter zum Arbeiten schicken?
In Wahrheit störte sie aber, dass Caryn so weniger Zeit hatte, auf ihren Bruder aufzupassen. Als sie begann, Lloyd zur Arbeit mitzunehmen, war der Wochenendjob auf einmal kein Problem mehr gewesen.
Dylans Mam mochte Lloyd. Sie nahm ihn mit in die Küche, um zusammen zu backen, während Dylan und Caryn im Kuhstall beschäftigt waren. Er liebte es, die Zutaten abzuwiegen und sich Zeit zu nehmen, damit alles wirklich exakt war.
Anders als Caryns Mam verlor Dylans nie die Geduld mit ihm. Lloyd hatte allerdings auch nie einen seiner Wutausbrüche in ihrer Gegenwart.
Was vielleicht daran lag, dass sie ihn ernst nahm, ihm zuhörte und nie mit ihm schimpfte, wenn er etwas verschüttete, einen Fehler machte oder Unordnung verursachte.
Dylans Mam war die Beste.
Dylan piekste sie mit dem Ellenbogen in die Seite, um sie aus ihren Tagträumen zu reißen. „Begleite mich noch zum Schultor, Caryn.“
Sie zog die Hand aus der Tasche, kaute auf ihrem Daumennagel herum und verzog das Gesicht, als sie das Eisen auf ihrer Zunge schmeckte. „Ich kann ihn nicht allein lassen.“
„Ach, Quatsch, du bist nur eine Sekunde weg, das bemerkt unser Genie nicht mal, außerdem sehe ich dich die ganze Woche nicht.“
„Wir sind Mitte der Woche zurück.“
„Gut, dann eben bis dahin. Komm schon, Caryn.“
Sie versuchte, ihr Lächeln zu verstecken, während sie nickte.
Es war nur bis zum Tor, das hinaus auf die Straße führte. Sie würde nicht mal aus seinem Sichtfeld verschwinden. Als sie zu ihrem Bruder sah, der noch immer fleißig zählte, sagte sie sich, dass es ihm vermutlich nicht einmal auffallen würde.
„Lloyd, ich bin nicht lang weg“, rief sie und hob den Kopf. „Bleib, wo du bist.“
„Er hört dich nicht, egal, wie laut du schreist.“ Dylan streckte die Hand aus und sie verband ihre kalten Finger mit seiner warmen, großen Hand, die Finger rau von der Arbeit auf der Farm.
Eine Gänsehaut prickelte über ihren Rücken, als sie sich in Bewegung setzten. Hoffentlich sah sie niemand. Sie hielten ständig Händchen, aber irgendwas hatte sich zwischen ihnen verändert, machte sie verlegen und hielt sie jetzt davon ab, ihm zu antworten.
Sie warf ihm einen Blick zu. Vielleicht würde er bald ihr fester Freund sein. Wenn er sie fragen würde, würde sie Ja sagen.
Der leichte Sprühregen wurde immer stärker und die aufziehenden Wolken rollten von den Bergen in Richtung Stadt, bereit, sie komplett zu bedecken.
Caryn wischte sich die Nässe aus dem Gesicht, während der Wind anhob und eine Gänsehaut über ihren Körper sandte.
Die Scheinwerfer eines sich nähernden Autos schnitten durch die beginnende Dunkelheit, als es die regennasse Straße herabrollte.
Vorsorglich löste Caryn ihre Hand aus Dylans, sollte der Fahrer jemand sein, den sie kannten. Sie richtete ihre Kapuze, als sie das Schultor erreichten. Sie blieben stehen und sie schob die Hand zurück in ihre Tasche, während das Scheinwerferlicht sie für einen Moment erfasste.
Dylan drehte sich zu ihr um, als das Auto mit surrenden Scheibenwischern geisterhaft vorbeizog, um kurz darauf von der Dunkelheit verschluckt zu werden. Die Umrisse des Flusses spiegelten sich verschwommen in der Scheibe.
Als es vorbeifuhr, durchnässte das aufspritzende Wasser die schwarze Hose ihrer Schuluniform.
Die Dunkelheit kehrte zurück und warf tiefe Schatten über Dylans Gesicht. „Ich muss jetzt los, wir sehen uns, wenn du zurück bist.“ Er zögerte und ihr Herzschlag beschleunigte sich. „Darf ich dich heute küssen?“ Diese Frage stellte er ihr nun seit einigen Wochen. Ein Witz. Ein Test.
Sie war sich ziemlich sicher, dass sie wusste, wie man küsste. Schließlich hatte sie Buffy – Im Bann der Dämonen gesehen und da sah es nicht sehr kompliziert aus. Wenn sie Ja sagte, würde er sich über sie lustig machen?
Das Risiko wollte sie nicht eingehen und schüttelte den Kopf. „Nicht heute, Dylan.“ Eines Tages würde sie ihre Meinung ändern.
Sein breites Grinsen, das einen Blick auf seine leicht ungleichmäßigen Zähne ermöglichte, sagte ihr, dass er mit der Antwort gerechnet hatte. Vielleicht würde sie ihn nächstes Mal überraschen und Ja sagen. Zu gerne würde sie seinen überraschten Gesichtsausdruck sehen. Die weit aufgerissenen Augen unter den herrlichen dunklen Wimpern, um die ihn jedes Mädchen beneidete. Einschließlich Caryn.
Ihre Mam hielt nicht viel von Make-up, doch liebte sie es, durch die älteren, ein wenig abgenutzten Ausgaben der Cosmopolitan zu blättern, die sie einmal im Monat aus der Bibliothek auslieh. Ihr kleiner Luxus, pflegte sie zu sagen, wenn sie sich aufs Bett schwang und sich in die aufgeschüttelten Kissen sinken ließ.
Laut ihrer Mam war Caryn zu jung, um diese Magazine zu lesen, dennoch schaffte sie es ab und an, einen Blick auf die Fotos der Models zu erhaschen.
Sie träumte von dem Tag, an dem auch sie Mascara auf ihre hellen Wimpern auftragen würde, um sie dunkler, länger und voller zu machen. Genauso wie bei den Frauen auf den Hochglanzseiten. Das Argument, dass Victoria Jones seit der Oberschule ihre Wimpern tuschte, zählte für ihre Mam nicht. Auch nicht, wenn es alle Mädchen machten. In der Früh verließen sie mit dichten schwarzen Wimpern das Haus und kehrten mit verschmierten Panda-Augen zurück. Auch für dieses Problem hatte die Cosmopolitan eine Lösung.
Dylan zog die Schultern hoch, um sich vor dem Regen zu schützen, der ihm die nassen, dunklen Haare an den Kopf klebte. „Bis dann, ich muss jetzt los.“
„Wir sehen uns.“
„Viel Spaß. Sag deiner Mam ‚Happy Birthday‘ von mir.“
Für einige Momente sah sie ihm nach, bis der Regen ihn verschluckte. Dann zog sie die Kapuze fester um ihr Gesicht und konnte ein breites Lächeln nicht unterdrücken. Vorfreude pulsierte durch ihren Körper, als sie mit geducktem Kopf zurück zum Spielplatz rannte. Die Aussicht auf Kuchen würde Lloyd hoffentlich nach Hause bewegen. Sie mussten sich beeilen. Außerdem musste sie dringend auf die Toilette und konnte es kaum erwarten, endlich anzukommen. Ihre Mam würde einen fantastischen Geburtstag haben. Vielleicht würde sie sogar ein wenig mit dem Radio mitsingen, wie sie es nachmittags manchmal tat. Besonders dann, wenn es Lloyd gut ging. Und sie würde ihre Geschenke lieben.
Caryn hob den Kopf und blieb plötzlich stehen.
Eine unheimliche Stille hatte sich über dem Spielplatz ausgebreitet und wischte ihr das Lächeln aus dem Gesicht.
Sie fuhr herum, um nach Dylan zu rufen, doch er war nicht mehr da.
Es war, als würde die Luft aus ihrer Lunge gesogen, als sie sich erneut auf dem Spielplatz umsah. Ihr Gesichtsfeld wurde enger. Irgendwas stimmte nicht. Ihre volle Blase schmerzte.
Die Vorfreude, die sie eben noch gespürt hatte, wich kribbelnder Panik. Caryn sprintete in Richtung des Geländers, während das Gras ihre Schuhe durchnässte.
Sie blieb stehen, ihr Atem rasselte. Das einzige Geräusch neben dem Regen war nun das Quietschen der Schaukel, die sanft hin- und herschwang. Ihre Brust zog sich zusammen.
„Lloyd?“, fragte sie mit schwacher Stimme.
Langsam schritt sie in die Mitte des Spielplatzes.
Das Karussell war leer und stand still.
Ihr Bruder war nicht da.
Panisch blickte sie sich um.
„Lloyd?“
Sie kletterte auf das Karussell und klammerte sich an die bunten Eisenstäbe, als würde ihr Bruder auftauchen, wenn sie sich nur genug konzentrierte. Mit klammen Fingern stieg sie wieder ab.
Er sollte hier sitzen. Genau da, wo sie ihn zurückgelassen hatte.
Wo war er?
Sie war nicht lange weg gewesen, oder? Nicht mal fünf Minuten.
„Lloyd?“, wiederholte sie, und ihre Stimme klang, als gehöre sie ihr gar nicht.
Sie lauschte gegen den Regen in die Stille.
Keine Antwort.
Ein Schluchzen entwich ihr. Lloyd war nicht da.
Sie war allein auf dem Spielplatz.
Taumelnd drehte sie sich um sich selbst, bis ihre Schuhe auf dem Gummiboden klebten. Sie presste die Augen zusammen, als könnte sie durch den Regen blicken und ihren Bruder ausmachen, wenn sie sich genug anstrengte.
„Lloyd, wo bist du?“
Ihre Beine zitterten, als sie sich die Kapuze vom Kopf riss und gepresst ein- und ausatmete.
Verdammt, wo war er?
War er ohne sie nach Hause gegangen? Dann würde es Ärger geben. Ihre Mam würde sie umbringen. War er ohne sie über die Straße gegangen? Hatte ein Auto ihn übersehen?
Sie starrte zu der Stelle, an der sie Dylan verabschiedet hatte.
Das Auto.
Ihr Magen zog sich zusammen, ein heißer Schwall Urin durchtränkte ihre Unterhose und floss an ihren Beinen herunter.
Eiskalter Regen strömte über ihre Wangen und vermischte sich mit ihren Tränen.
Ein verzweifelter Schrei entfuhr ihr, als sie über den Spielplatz jagte und nach Hause rannte.
„LLOYD!“
Kapitel 1
Zwanzig Jahre später
Mit weit aufgerissenen Augen setzte sich Caryn senkrecht im Bett auf und schnappte nach Luft. Ein heiserer Laut entwich ihr, als sie sich an die Brust griff.
Sie war sich sicher, dass sie gerade einen Herzinfarkt hatte. Wenn jemand diese Diagnose stellen konnte, dann sie, immerhin war sie Ärztin. Und sogar diese starben mitunter an Herzinfarkten.
Ihr Nachthemd klebte an ihrem Körper und feiner Schweiß lief ihr in die Stirn.
Sie zog die Knie an, ließ den Kopf zwischen die Hände sinken und wiegte sich langsam vor und zurück.
Ihre Finger fanden ihre Halsschlagader und sie beobachtete, wie sich ihr Atem und Puls langsam beruhigten.
Doch kein Herzinfarkt. Eine Überreaktion. Eine Panikattacke, ausgelöst durch die Angst, die sie nachts immer wieder heimsuchte. Ihre Gedanken rasten, als der Grund dafür vor ihrem inneren Auge erneut lebendig wurde. Ein dumpfes Gefühl drückte auf ihre Brust.
Das letzte Mal hatte sie sich als Jugendliche so gefühlt. Von ihrem Psychologen hatte sie gelernt, die Erinnerungen in einer kleinen schwarzen Schatulle zu platzieren und für immer mit einem goldenen Schlüssel zu verschließen. Doch nun waren sie zurückgekehrt. Bereit, sie wieder gewaltsam zu quälen.
Caryn schlug die Bettdecke zurück und tappte barfuß in das dem Schlafzimmer angeschlossene Badezimmer. Sie schob einige nasse Haarsträhnen aus dem Nacken und erlaubte der kalten Oktoberluft, über ihre Haut zu streichen. Nur der orangefarbene Schein der Straßenlaternen blieb im dunklen Schlafzimmer zurück und warf harte Schatten.
Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und presste die Fingerspitzen in ihre Augenhöhlen, bis sich der rote Rand vor ihrem inneren Auge abzeichnete.
„Oh, verdammt.“
Noch immer bebte der Schrecken der Nacht in ihrem Körper, und sie wusste, dass ihre Finger allein den Schock nicht vertreiben würden.
Sie ließ die Hände sinken und griff nach dem Glas auf dem Rand des Waschbeckens. Während sie mit kleinen, bewussten Schlucken trank, angelte sie mit der anderen Hand Paracetamol aus dem weißen Medizinschränkchen.
Der mittlerweile kalte Schweiß auf ihrer Haut ließ eine Gänsehaut über ihren Körper kriechen, während sie das Glas abstellte und zwei Tabletten aus der Folie drückte.
Es gab eigentlich keinen Grund dafür, Paracetamol zu nehmen, sie hatte weder Fieber noch Schmerzen. Nur das dumpfe Pochen hinter ihren Schläfen, das sich zu einer heftigen Migräne zu entwickeln drohte. Dennoch fühlte es sich so an, als könnte sie der Angst dadurch etwas entgegensetzen. Sich ablenken. Sie schluckte die weißen Tabletten so unregelmäßig, dass sie sie lediglich entspannten und ihr erlaubten, wieder zurück in den Schlaf zu gleiten. Wenn er nur Erholung bringen würde und keine weiteren Dämonen.
Sie starrte ihr verschwommenes Spiegelbild an, während sie die Tabletten mit Wasser herunterspülte.
Fest entschlossen, die Erinnerungen nicht an die Oberfläche dringen zu lassen, schob sie die kleine schwarze Schatulle in die hinterste Ecke ihrer Gedanken, aber der goldene Schlüssel ließ sich nicht mehr umdrehen.
Sie hielt einen Moment inne und lauschte den leisen Geräuschen, die durch das nachtschwere Haus flüsterten: dem Knarzen der Dielen und dem dumpfen Summen der Heizung, die den Tag über gelaufen war.
Die Kälte der Badezimmerfliesen, die in ihre Zehen kroch, zwang sie, sich zu bewegen.
Sie beeilte sich, ins dunkle Schlafzimmer zurückzukehren, wo sie sich das Nachthemd über den Kopf zog. Zögernd ließ sie es über den rosa Lehnstuhl vor ihrem Schminktisch sinken, anstatt es in den Wäschekorb in der Ecke zu werfen. Es war ihr Lieblingsstück, und sie wollte es nicht vergessen, wenn sie das Haus am Morgen verließ.
Sie zog ein frisches Nachthemd aus dem Schrank, streifte es über und kroch mit klappernden Zähnen unter die Bettdecke, bevor sie sich auf die Seite drehte und die Knie anzog.
Sie fand die Fernbedienung und atmete flach ein und aus, während sie darauf wartete, dass die Wärme der elektrischen Heizdecke ihren Körper einhüllen würde.
Der goldene Schlüssel ließ sie im Stich, und ihre Gedanken begannen, sich zu drehen.
Es war diese verdammte Nachricht. Nicht die erste, die ihr lediglich Kopfzerbrechen bereitet hatte, sondern die zweite, die dafür gesorgt hatte, dass sie die kleine schwarze Schatulle, in die sie die Gedanken normalerweise verbannte, nicht mehr ignorieren konnte.
Sie streckte sich nach der Nachttischlampe und strich über das gefaltete Stück Papier auf dem Nachttisch. Mechanisch entfaltete sie das DIN-A4-Papier und glättete einige Eselsohren, wie so oft in den letzten zwei Monaten.
Die gedruckten Lettern nahmen langsam Gestalt an und setzten sich zu maschinell getippten Wörtern in Walisisch zusammen; der Sprache, die sie, seit sie zehn war, nicht mehr gesprochen hatte.
Anfangs verwundert über die kryptische Botschaft, hatte sie überlegt, Google zurate zu ziehen, doch je länger sie die Wörter anstarrte, desto mehr kehrte die Erinnerung an deren Bedeutung zurück.
Schemenhafte Erinnerungen an den einst vertrauten Akzent hallten in ihrem Kopf und wurden klarer und klarer.
Dewch adref. Mae’n amser i chi wybod y gwir.
Komm nach Hause. Es wird Zeit, dass du die Wahrheit erfährst.
Wer hatte ihr diese Nachricht geschickt? Wer wusste, wo sie wohnte? War sie von ihrer Mam?
Mam. Das Wort, das sie in so langer Zeit nicht ausgesprochen hatte, rauschte in ihre Ohren. Es war ihr im Internat ausgetrieben worden.
Mum. Das war die englische Schreibweise. Die richtige.
Sie atmete tief ein, während sie die zweite Nachricht öffnete, die eine Woche später angekommen und dafür verantwortlich war, dass sich die kleine schwarze Schatulle in ihrem Kopf nicht mehr schließen ließ.
Sie hatte nie vorgehabt, diese über ihr Leben bestimmen zu lassen, doch wurde sie sich nun bewusst, dass genau das passiert war.
Rwy’n gwybod ble mae dy frawd.
Ich weiß, wo dein Bruder ist.
Kapitel 2
Ihre Finger zitterten, als sie das Blatt Papier zusammenfaltete und auf die frisch gewaschene Bettdecke legte, die sie über dem Bett ausgebreitet hatte. Sie war bereit.
Einen Monat. So lange hatte es gedauert, ihr Leben komplett umzukrempeln. Sie musste verrückt sein.
Sie fischte nach ihrem Handy, während das leichte Zittern ihrer Hände sich durch ihren Körper zog und ihr den Magen umdrehte.
Sie benahm sich jämmerlich. Es war zwanzig Jahre her, dass sie gegangen war. Nein, nicht gegangen, weggeschickt worden.
Die Erinnerungen daran ließen sie noch immer am ganzen Körper zittern.
Ihre Gedanken reisten zurück. Mit zehn Jahren hatte sie sich die Telefonnummer ihrer Eltern in ihr Gedächtnis eingebrannt, für den Fall, dass sie sie im Notfall würde erreichen müssen.
Mit sechzehn hatte sie die Nummer jeden Abend von ihrem Zimmer im Internat aus gewählt, nachdem ihr erster Freund mit ihr Schluss gemacht hatte. Sie hatte sich selbst dafür gehasst, so schwach und verzweifelt zu sein und ständig anzurufen. Ihre Grandma war krank gewesen. Zu krank dafür, dass Caryn ihr mit so einem trivialen Problem hätte zur Last fallen können. Stattdessen hatte sie ihre Eltern angerufen, weil sie wissen wollte, ob diese ihre Meinung ihrer Tochter gegenüber geändert hatten. Das leise Auflegen am anderen Ende der Leitung war ihr Antwort genug gewesen. Sie hatten sie nie gewollt. Erst recht nicht, seit der entsetzlichen Nacht, in der ihre Mum fünfzig Jahre alt geworden war.
In der Nacht hatte sie die beiden nicht angerufen. Sie war direkt nach Hause gerannt, ohne die Telefonzelle an der Straßenecke eines Blickes zu würdigen. Mit zitternden Knien war sie durch die Haustür gestürmt und hatte panisch gekreischt: „Mam, Mam. Wo ist Lloyd? Ist er hier?“
Caryn stöhnte laut auf und ließ den Kopf in die Hände sinken, als könnte das Geräusch die Erinnerungen vertreiben. Sie dachte, dass sie sie weggeschlossen hatte, würde sie aber vermutlich nie loswerden. Von Zeit zu Zeit entwischten sie aus ihrem Gefängnis und peinigten sie. Es war schlimmer geworden, seit sie die Nachrichten erhalten hatte. Die Zellentür war offen und die Erinnerungen frei, sie ließen sie sich wieder wie die verängstigte und impulsive Zehnjährige verhalten, die der sonst so kontrollierten und vernünftigen erwachsenen Caryn fremd geworden war. Sie erkannte sich selbst nicht mehr.
Sie hob den Kopf und blickte auf ihr Handy, bevor sie es in die Tasche schob.
Zögern würde nun nichts mehr nützen. Es war getan. Wenn sie anrufen würde und ihre Eltern abheben sollten, würden sie ihr schlichtweg verbieten, herzukommen. Oder schlimmer noch, sie würde wieder die vertraute Stille hören und dann das Klicken der sterbenden Leitung. Sie hatte es sowieso zu lange aufgeschoben, um jetzt einen Rückzieher zu machen. Alles war vorbereitet. Wenn, dann hätte sie es direkt tun müssen.
Wäre ihre Grandma noch am Leben, hätten sie bei einer Tasse Tee eine Lösung für das Problem gefunden, mit der stoischen Ruhe und Logik, die sie an der älteren Frau so geliebt hatte.
Sie war eine philosophische, unabhängige Dame gewesen, die immer einen kühlen Kopf bewahrt hatte. Caryns erste Erinnerungen an die Zeit bei ihrer Grandma waren überschattet von Angst und Schuld sowie dem schlechten Gewissen, von einer fremden Person in den Armen gehalten zu werden, die ihr behutsam die Tränen aus dem heißen Gesicht strich. Davor hatte die Mum ihres Dads in ihrem Leben keine Rolle gespielt. Sie war lediglich eine Fremde gewesen, die an Geburtstagen und Weihnachten Schecks schickte, über die sich ihre Mum aufregte, bevor sie sie faltete und hinter die Kaminuhr schob. Sie flüsterte über die andere Frau, erlaubte Caryns Dad aber dennoch, die Schecks mit zur Arbeit zu nehmen und auf die Bankkonten der Kinder zu überweisen.
Erst als es ihrer Grandma in den letzten Jahren immer schlechter gegangen war, war der wahre Zwist zwischen den beiden Frauen deutlich geworden. Caryn erinnerte sich an die geschürzten Lippen ihrer Grandma und ihre Weigerung, über Caryns Mum zu sprechen, die in ihren Augen verantwortlich dafür war, dass Mum und Sohn sich entzweit hatten.
Caryn war stolz auf die Banklaufbahn ihres Dads gewesen, doch wenn es nach seiner Mum gegangen wäre, hätte ihr Sohn so viel mehr aus sich machen können. Hugh stammte immerhin aus gutem Hause; ausgebildet von der London School of Economics, hätte er einen besseren Fang machen können: eine Dame von Welt. Wenn er nur nicht diese … Frau geheiratet hätte. Eine ungebildete Herumtreiberin, die er auf einem Wochenendtrip in London kennengelernt hatte. Caryns Grandma hatte der Herumtreiberin Hausverbot erteilt und sich geweigert, sie auch nur anzusehen, nachdem ihr verliebter Sohn ihr in die Tiefen der walisischen Landschaft gefolgt war und den Sommer mit ihr an den Sandstränden der Küste verbracht hatte, anstatt sich auf sein letztes Jahr an der Universität zu konzentrieren.
Nach einem heftigen Streit hatte sich Caryns Dad endgültig entschieden, das Elternhaus zu verlassen und an die Bangor Universität gewechselt, um der „Herumtreiberin“ noch näher zu sein. Den geplanten Masterabschluss hatte er abgebrochen.
Als wäre das nicht genug gewesen, hatte er den walisischen Vornamen Hywel angenommen, was seine Mum ihm nie verziehen hatte. Er hatte daraufhin auf keinen ihrer Anrufe reagiert, den Kontakt abgebrochen und versucht, sich allein durchzuschlagen. Dass seine Mum ihre Enkelkinder, sollte er welche bekommen, nie zu Gesicht bekommen würde, nahm er in Kauf.
Trotzdem war Caryns Grandma zur Stelle gewesen, als es später darum ging, die einzige Tochter der Familie loszuwerden. Sie hatte die furchtbaren Ereignisse von der ersten Seite der Tageszeitung erfahren, noch bevor sich jemand dazu herabgelassen hätte, sie anzurufen. Das hatte sie ihnen nie verziehen. Stattdessen war sie diejenige gewesen, die den Kontakt zur Familie gesucht und das Angebot gemacht hatte. Es hatte sie erstaunt, wie wenig Protest es gegeben hatte. Sie hatten ihre Tochter genauso schnell aufgegeben wie Caryns Grandma ihren Sohn damals. Die hysterischen Worte ihrer Mum: „Nimm sie. Ich will sie nie wiedersehen.“ Das stoische Schweigen ihres Dads. Caryns Grandma hatte das Haus ihres Sohnes nicht einmal betreten müssen. Sie hatte missbilligend und schweigend auf der Schwelle gewartet, während das kleine Mädchen von Fremden, vermutlich einem Nachbarn oder jemandem von der Polizei, aus dem Haus gescheucht worden war. Caryn konnte sich an nichts erinnern, ihr junger Verstand weigerte sich schlichtweg, um sich vor weiteren Schmerzen zu schützen.
Mit nichts als der Kleidung, die sie am Leib trug, und einigen weiteren Kleidungsstücken, die sie mit in den Urlaub nach Rhyl hatte nehmen wollen und die dann eilig in eine Plastiktragetasche gestopft worden waren, war sie aus dem Haus getrieben und der fremden Frau übergeben worden.
Von da an hatte sich alles geändert. Die Psychologin, die sie – nach dem Verbot, sie „Irrenärztin“ zu nennen – in der Obhut ihrer Grandma zur Seite gestellt bekommen hatte, hatte ihr mit ihren Albträumen geholfen. Ebenso mit den Gefühlen von Schuld und Scham, die sich als fragiles Konstrukt erwiesen, das von einer Sekunde auf die andere einstürzen konnte.
Auch organisierte ihr ihre Grandma Phonetikunterricht, um ihren breiten walisischen Akzent ein wenig der Wycombe Abbey Mädchenschule in High Wycombe anzupassen, auf die sie ihre Enkelin schickte.
Nun war ihre Grandma seit zwei Jahren tot. Caryn hatte gehofft, dass zumindest ihr Dad sich überwinden und zur Beerdigung kommen würde, doch sie wurde bitter enttäuscht.
Dies war auch der Moment gewesen, in dem sie jede Sehnsucht nach einer Versöhnung mit ihren Eltern aufgegeben hatte. Sie war nicht einmal enttäuscht gewesen, es war ihr einfach nur noch egal. Fast zwei Drittel ihres Lebens hatte sie ohne die beiden verbracht, und der Wunsch nach einer Beziehung war mittlerweile nicht mehr relevant.
Die beiden Nachrichten jedoch hatten alles geändert.
Wer konnte sie geschickt haben?
Als die erste angekommen war, hatte sie noch auf ihre Mum getippt. Aber das ergab keinen Sinn, wenn sie die zweite Nachricht betrachtete.
Ein kurzes Überfliegen des Wählerverzeichnisses hatte ergeben, dass ihre Eltern noch lebten. Nachdem die zweite Nachricht angekommen war, hatte sie auch nach Lloyds Namen gesucht. Er war nicht aufgelistet gewesen, wenngleich die Nachricht behauptete, zu wissen, wo er war.
Wo war er? Lebte er? War es das, was die zweite Nachricht bedeutete? Warum sollte jemand so lange damit warten? Wenn er am Leben wäre, wäre er jetzt erwachsen, fast sechsundzwanzig Jahre alt.
Seine Leiche war nie gefunden worden, die Möglichkeit einer Entführung nie ausgeschlossen. Jemand wollte also, dass sie wusste, wo er war. Aber wer?
Mittlerweile war sie davon überzeugt, dass es keiner ihrer Eltern war.
Ohne die beruhigende Nähe ihrer Grandma, die stets einen Rat gewusst hatte, fühlte sich Caryn ihren eigenen irrationalen Reaktionen hilflos ausgeliefert. Sie war vielleicht nicht glücklich darüber, aber was sollte sie tun?
Sie hatte der Londoner Arztpraxis, in der sie gearbeitet hatte, einen Monat vor Ablauf der Frist gekündigt und ein Jahr Auszeit beantragt. Stattdessen hatten sie ihr eine Partnerschaft angeboten.
Dennoch hielt sie an ihrem Plan fest. Die Partnerschaft würde immer noch im Raum stehen, wenn sie zurückkam. Das hier musste sie tun. Innerhalb weniger Momente hatte sich ihr Leben geändert. Ebenso wie vor fast zwanzig Jahren. Die vergangenen Monate hatten sich wie Kaugummi gezogen, doch jetzt war alles glasklar. Sie würde nach Moryd-oer zurückkehren, um Antworten auf die Fragen zu finden, die sie einer Zehnjährigen nicht hatte stellen können.
Kapitel 3
Steve, der in der Tür von einem Bein aufs andere trat und offensichtlich zögerte, das Schlafzimmer zu betreten, schreckte sie auf. Vor einem Monat hatte sie ihre alte Wohnung verlassen. Und ihn.
Irritiert blickte sie auf.
Er verschränkte die Arme vor der schmalen Brust und lehnte sich mit einem Schmollen, das mittlerweile so typisch für ihn war, in den Türrahmen. „Ich schätze, du musst jetzt los?“
Mit einem verkrampften Lächeln nickte sie kurz. Auf keinen Fall brauchte sie einen weiteren schmerzhaften Streit. „Ich bin so gut wie weg.“
„Du weißt, dass du verrückt bist.“
Sie seufzte. Es war ihr das ein oder andere Mal selbst durch den Kopf gegangen, aber sie hatte nie um seine Meinung zu ihrem Vorhaben gebeten.
„Deine Karriere …“
Hätte er doch nur die Größe, sie in Ruhe zu lassen, dachte sie, und ließ ihre Notizen in der Handtasche verschwinden. Stattdessen hatte er sich den Tag freigenommen, um sich von ihr zu verabschieden. Bei dieser Erkenntnis musste sie für einen Moment die Augen schließen. Es wäre ihr lieber, er hätte es nicht getan.
Mit einer gewissen Bitterkeit sah sie ihn an und fragte sich, ob sein Erscheinen auch damit zu tun hatte, dass er sichergehen wollte, dass sie nichts Wertvolles mit aus dem Büro nahm.
Den Zynismus versteckend, spiegelte sich die Erschöpfung in ihrer Stimme. Seine ständigen Sticheleien ob der Zuversicht, die sie anfangs in Bezug auf ihr Vorhaben verspürt hatte, hatten sie zermürbt.
„Ich habe meinen Job nicht aufgegeben. Sie lassen mich in meine Position zurückkehren, wenn ich wieder da bin.“ Das Angebot einer Partnerschaft behielt sie für sich. Es würde alles nur komplizierter machen. Nicht für ihn, nicht für sie, aber für den Beruf, der für ihn an erster Stelle stand.
„Ich verspiele meine Karriere nicht, ich …“
Wie konnte sie ihm begreiflich machen, dass sie einfach zurückkehren musste? Einen Abschluss finden musste für das, was passiert war? Ihre Erinnerungen waren so vage, da ihr Gedächtnis sie verwischte, um sich vor dem Schmerz zu schützen. Als wäre sie versteinert; unfähig, die Fragen zu beantworten, die sie damals hätte beantworten müssen.
Doch seit der goldene Schlüssel durch den Erhalt der Nachrichten im Schloss gedreht worden war, ließ sich der brennende Wunsch, sich ihrer Vergangenheit zu stellen, nicht mehr ignorieren. Damals war sie zu jung gewesen, doch jetzt war sie erwachsen und bereit.
„… nehme mir eine Auszeit und riskiere so meinen Job.“
„Ich würde sagen, eine Pause machen, beschreibt es besser.“
„Also auch eine Pause von unserer Beziehung?“
Ihr Magen zog sich zusammen. Sie würde es nicht noch einmal sagen. Es stresste ihn genug, dass sie diese Pause ohne ihn antrat, sie konnte ihm unmöglich von der angebotenen Partnerschaft erzählen.
Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie ihm vertraut und ihn sogar um Rat gefragt hatte. Doch sie hatte ihm nie alles erzählt. Er wusste von ihrer Vergangenheit, von Lloyds Verschwinden, doch ihre dunkelsten Momente hatte sie stets für sich behalten. Sie hatte gelernt, die Erinnerungen nicht an die Oberfläche dringen zu lassen, und das hatte stets gut funktioniert, bis die Nachrichten aufgetaucht waren.
Überrascht von dieser Einsicht sah sie ihn lange an und spürte, dass sie ihn nie wirklich geliebt hatte.
Er war ein feingliedriger Mann und nur wenig größer als sie. Der sich langsam zurückziehende Haaransatz mit den aschblonden Haaren hatte ihm damals in ihren Augen einen intellektuellen Anstrich verpasst. Jetzt ließ er ihn nur noch alt aussehen.
„Nein, Steve, wir haben das besprochen. Wir machen keine Pause und nein, es ist nichts, was dir vielleicht entgangen ist.“ Sie seufzte und bemühte sich, nicht lauter zu werden. „Wenn ich wieder zur Arbeit komme, sind wir zwei passé.“ Klarer konnte sie es ihm nicht machen. In den letzten Wochen hatte sie es so oft versucht. Gemein sein wollte sie nicht, aber wenn er es nicht verstehen wollte, war es die einzige Möglichkeit.
Mit bemessenen Bewegungen schloss sie den Laptop, schob ihn in die Hülle und betete, dass er nicht betteln würde. Sie hatte es satt. „Ich habe alle Vorbereitungen getroffen, das Haus steht ab Montag zum Verkauf.“
„Du kalte Schlampe.“ Sein Mund war zu einem Schlitz verengt, die Worte hart und leidenschaftslos.
Ein bitteres Lächeln entwich ihr und sie brachte es nicht über sich, Mitleid vorzutäuschen. „Du weißt, dass es so besser ist, Steve.“ Sie stand auf und schob die Henkel der Handtasche über ihre Schulter. „Wir haben das geklärt.“
„Ich habe dem nie zugestimmt. Es war deine Entscheidung, lange bevor du es mir überhaupt gesagt hast.“
Da war er wieder. Sein eingeschnappter, gereizter Ton, der ihr so auf die Nerven ging.
Sie klemmte sich den Laptop unter den Arm und griff nach dem Koffer, um ihn ins Auto zu befördern. „Wir lieben uns nicht. Vermutlich haben wir es nie. Wir sind da einfach reingerutscht.“
„Und jetzt rutschen wir also wieder raus, nach ganzen drei Jahren?“
Sie zuckte die Schultern. Sie hatten sich sowieso auseinandergelebt. Vermutlich die letzten zweieinhalb Jahre. Ihre Beziehung war nie auf Leidenschaft begründet gewesen. „Es ist besser so.“
Unbewegt vom leichten Bruch in seiner Stimme ließ sie ihren Blick an ihm herabgleiten. Was hatte sie je in ihm gesehen?
„Nein, ist es nicht. Nicht für mich.“ Er blockierte den Türrahmen. „Ich tue dir gut. Du weißt es. Ich kann dir helfen. Du musst mich nur endlich an dich heranlassen. Zusammen sind wir stärker.“
Sie machte einige Schritte auf ihn zu und hoffte, dass es nicht zu einer physischen Auseinandersetzung kommen würde. „Nein, Steve, zusammen sind wir nicht stärker. Das waren wir nie.“
Zu Beginn der Beziehung hatte sie gerne die Führung übernommen und Entscheidungen getroffen. Bis sein fehlender Ehrgeiz begonnen hatte, sie zu zermürben. Es schien ihn nicht zu stören, dass sie häufig Überstunden machte; sein Nullachtfünfzehn-Job in der Buchhaltung, der sich seit seinem Berufseinstieg nicht geändert hatte, schien alles zu sein, was er brauchte.
Mit kalten Gesichtszügen trat Steve zurück in den Flur und sie fragte sich, warum sie sich gesorgt hatte. Er war nie der körperliche Typ gewesen, ein weiteres Manko in ihrer Beziehung.
Sie hielt inne. Würde er ihr anbieten, den zweiten Koffer runter ins Auto zu tragen?
Wie in stummer Verneinung verschränkte er die Arme vor der Brust.
Vielleicht war auch genau das das Problem der Beziehung gewesen.
Ihre Unabhängigkeit.
Seine Teilnahmslosigkeit.
Sie klemmte ihre Handtasche fester unter den Arm und schob sich an ihm vorbei.
Jedes Mal, wenn die Räder des Koffers auf der Treppe aufschlugen, vibrierte es durch ihre Hand.
Sie verspürte nichts als Erleichterung, als sie unten angekommen war. Es war so einfach, zu gehen.
Viel einfacher, als abgelehnt zu werden. Verbannt aus dem Leben ihrer Eltern, die ihr nicht eine Träne nachweinten.
Anders als um Lloyd, um den sie getrauert hatten.
Bitterkeit brannte in ihrer Brust.
Nicht, weil sie ihren Bruder verloren hatte – das war eine andere Geschichte –, sondern weil der Verlust der Liebe ihrer Eltern das Schlimmste war, das sie je gespürt hatte. Ohne einen Moment der Reue hatten sie alle Bande zu ihrer Tochter gelöst. Hatten sie wirklich geglaubt, ihr Herz würde keinen Schaden nehmen?
Sie starrte hoch auf den Treppenabsatz, aber Steve war verschwunden. Hatte sie ihn nicht gerade eben auf dieselbe Weise aus ihrem Leben verbannt?
Innerlich völlig leer wartete sie auf den Einschlag einer Empfindung. Sie spürte nichts. Es war nichts mehr über.
Vielleicht war diese Wesenskälte angeboren. Vielleicht auch nur manchmal. Während der ersten Monate hatte sie ihre Eltern furchtbar vermisst.
Während sie durch den Flur lief, klaubte sie abwesend die Autoschlüssel vom filigranen Beistelltisch, den ihr ihre Grandma als Einzugsgeschenk hinterlassen hatte.
Sie fragte sich, ob Steve ihn loswerden würde, wenn er umzog.
Sie hatten den Verkauf des gemeinsamen Hauses besprochen und abgemacht, die Einnahmen gerecht aufzuteilen, aber die Möbel waren eine andere Geschichte. Caryn hatte die meisten Gegenstände gekauft, bevor sie zusammengezogen waren, und war davon ausgegangen, dass sie sie mitnehmen und in einem Lagercontainer unterbringen würde, bis sie eine neue Wohnung hatte. Doch Steve war in den letzten Wochen immer nachtragender und sturer geworden, sodass sie sich nun fragte, ob er ihr auch nur eines der Möbelstücke kampflos überlassen würde.
Allerdings würde das eine gewisse Anstrengung seinerseits bedeuten, die er vermutlich nicht auf sich nehmen würde. Sollte es jedoch ums Finanzielle gehen, was das Einzige zu sein schien, für das er sich je wirklich interessiert hatte, wären Bemühungen seinerseits nicht auszuschließen.
Bemühungen hin oder her, er würde ihr den Beistelltisch aus den kalten, toten Händen reißen müssen. Es war ein Geschenk ihrer Grandma gewesen, offiziell natürlich für sie beide gedacht, aber allen war klar gewesen, dass ihre Enkelin in diesem Fall die wirkliche Nutznießerin war. Geld war hier nicht der springende Punkt gewesen, sondern der ideelle Wert.
Sie schwenkte den angehobenen Fuß unter die Heckklappe ihres Volvo XC40 Mild-Hybrid. Der Sensor öffnete den Kofferraum und sie konnte ihr Gepäck verstauen.
Atemlos legte sie ihren Laptop neben den ersten Koffer und achtete darauf, genug Platz für den zweiten zu lassen. Erneut justierte sie die Handtasche auf ihrer Schulter und fuhr herum.
Ein plötzlicher Anflug von Bewunderung prickelte durch ihren Körper. Diese Geste war wohl das Leidenschaftlichste, das Steve je getan hatte.
Demonstrativ hatte er ihren zweiten Koffer zusammen mit dem Kunstfellmantel vor die Haustür gestellt und die weiße Tür dann endgültig geschlossen.
Sie legte sich den Mantel über den Arm, zog den Koffer zum Auto und hievte ihn in den Kofferraum.
Nach einem knappen, reuelosen Blick auf die Haustür stieg sie ein.
Was hatte sie erwartet? Steve am Fenster stehen zu sehen, wie er ihr Lebewohl winkte?
Sie zog das Handy aus der Handtasche, stellte es in die Halterung und startete den Motor.
Eine Spur Stolz, von dem sie genau wusste, dass er ungesund war, breitete sich in ihrem Magen aus, als sie die Lenkradheizung aktivierte. Sie erfreute sich jedes Mal daran und hatte keine Sekunde gezögert, als es darum gegangen war, ihr altes Auto durch dieses zu ersetzen.
Aufgrund der Sparsamkeit und des Komforts des Neuwagens war ihr die Entscheidung angesichts des nahenden Winters leichtgefallen.
Ihr kleiner Smart war in der Stadt zwar überaus praktisch gewesen, doch für die langen Fahrten über Land einfach nicht geeignet. Anders als der Volvo, dessen großer Kofferraum ein weiteres Zünglein an der Waage gewesen war.
Sie hob das Kinn und überprüfte schnell ihr Make-up im Rückspiegel, bereit aufzubrechen. Kalte blaue Augen unter dunkel gefärbten Brauen starrten sie an, und sie richtete einige Strähnen des frisch gefärbten blonden Haares.
Eine lange Fahrt lag vor ihr und sie hatte keine Ahnung, was sie bei der Ankunft erwarten würde.
Kapitel 4
Suzanne Roberts zog den Reißverschluss des kleinen Einkaufstrolleys zu, den sie in letzter Zeit dazu verwendete, ihre in der Schule korrigierten Arbeitsblätter nach Hause zu transportieren.
Es war vielleicht nicht die stylischste Option, doch das kümmerte sie wenig, war es doch so viel angenehmer, als die schweren Seiten zu tragen. Sie konnte die Stapel einfach hinter sich herziehen oder zum Auto rollen, falls sie gelegentlich fuhr. Sie zog es eigentlich vor, nach Hause zu laufen, aber seit sich ihre Rückenschmerzen verschärft hatten, wollte sie es nicht unnötig verschlimmern.
Es hielt sie zwar fit, aber mit der früher einsetzenden Dämmerung, die der fortschreitende Oktober mit sich brachte, erschien es ihr klüger, das Auto zu nehmen.
Sobald es einmal dunkel war, reichten die wenigen Straßenlaternen nicht aus, um den von tiefen Entwässerungsgräben der umliegenden Felder gesäumten Weg zu finden, und zu Fuß zu gehen wurde zu gefährlich. Hinzu kam, dass die Stadt Moryd-oer sich vergeblich bemüht hatte, die Straße als verkehrsberuhigten Bereich deklarieren zu lassen. Autos schossen weiterhin mit der Richtgeschwindigkeit innerhalb geschlossener Ortschaften vorbei, bis diese am äußeren Rand des Dorfes aufgehoben wurde.
Sie versuchte, das aufgeregte Murmeln der anderen Lehrer und Schulbegleiter zu ignorieren. Allem Anschein nach wurde im Lehrerzimmer gerade eine Party für Freitagabend geplant. Sie hatte nicht vor, ein Teil davon zu sein, und versuchte, Augenkontakt zu vermeiden. Vielleicht würde aus der geplanten Party auch ein spontaner Wochenendausflug werden, jetzt, da die Halbjahresferien anstanden.
Ihre jüngeren Kollegen gingen gerne aus. Viele von ihnen kamen frisch von der Universität und machten sich nach Feierabend noch immer gerne für einen Drink in die Stadt auf. Sie hatte nie das Bedürfnis danach gehabt, es ihnen gleichzutun. Als sie damals ihren Abschluss gemacht hatte, hatte sie sich auf eine Stelle in ihrem Heimatort beworben. Es wäre ihr zudem nie eingefallen, so viel Geld nur für Alkohol auszugeben.
Hin und wieder luden sie ihre Kolleginnen jedoch ein, sie zu begleiten. Natürlich nur aus Höflichkeit, und sie malte sich jedes Mal deren Erleichterung aus, wenn sie ablehnte.
Warum sollten sie auch daran interessiert sein, ihren Feierabend mit einer alternden Jungfer zu verbringen? Die meisten ihrer Kollegen waren schließlich gerade einmal Ende zwanzig. Abgesehen von Rhys Jones, einem glücklich verheirateten Mann, der vor einiger Zeit mit Kind und Kegel in eines der Neubaugebiete des Dorfes gezogen war. Auch er wurde gelegentlich eingeladen, lehnte aber ebenso ab. Vielleicht waren sie beide schon zu alt für solche Unternehmungen.
Gelegentlich steuerte sie eine Flasche mittelpreisigen Alkohols bei und wünschte ihnen viel Spaß, wenn es sich um einen besonderen Anlass handelte, wie einen Geburtstag oder eine Verlobung.
Als die flüsternden Stimmen um sie herum anschwollen, legte sie den Kopf schief, um sie besser zu verstehen. Ihre Gesichtszüge versteinerten sich.
„Dr. Peeke, hat sie sich laut Barbara genannt. Als wäre es etwas Besonderes, Frau Doktor zu sein.“ Alys stieß die Frau neben ihr mit dem Ellenbogen an. „Stimmt, und sie spricht nicht einmal mehr Welsh – ist sich bestimmt zu fein dafür.“
Genervt von den Erinnerungen, die die Erwähnung des Namens in ihr wachrüttelte, klemmte sich Suzanne ihre Handtasche unter den Arm, griff nach ihrem Trolley und schritt auf die Gruppe zu, die sich vor der Tür des Lehrerzimmers eingefunden hatte. Reflexartig drehte sie ihr Hörgerät etwas lauter, um Alys’ verschwörerisch flüsternder Stimme folgen zu können.
„Fast so, als hätte sie gehofft, dass sich niemand an sie erinnern würde, wenn sie sich als Frau Doktor vorstellt.“ Sie zog die Schultern hoch und ließ den Blick schweifen, um sicherzugehen, dass sie die volle Aufmerksamkeit ihrer Zuhörerinnen genoss. „Als würde sie jemals jemand vergessen.“
Suzanne hielt inne. Niemand sprach mehr über das schicksalshafte Ereignis, und wenn, dann nur in vorsichtigen Flüstertönen.
„Du hast recht.“ Ellen verschränkte die Arme vor der Brust und schob abschätzig das Kinn vor. „Nicht nach dem, was sie getan hat.“
Luft staute sich in Suzannes Lunge an, bis sie das Gefühl hatte, zu explodieren. Sie versuchte, sich unbemerkt an der Gruppe vorbeizuschieben. Lloyd Peekes Verschwinden war der einzige tragische Vorfall in der Geschichte des kleinen Dorfes gewesen. Wie hätte ihn auch nur einer der Bewohner vergessen können?
„Wann kommt sie an?“
Suzanne legte den Kopf schief, um die Antwort zu verstehen, während alles Blut aus ihrem Gesicht wich.
„Angeblich heute Abend. Barbara meinte, dass sie schon vor einer Woche reserviert hat, hat aber natürlich bis heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit vergessen, es mir zu sagen.“ Alys war vor Kurzem notgedrungen mit ihrer jüngeren Schwester Barbara zusammengezogen, nachdem ihre langjährige Beziehung in die Brüche gegangen war. Suzanne vermutete, dass sie es genoss, von ihrer großen Schwester bemuttert zu werden, behielt ihre Meinung aber lieber für sich.
Suzannes Blick blieb an Alys hängen, die schon immer ein Faible für Klatsch und Tratsch gehabt hatte. Bemüht, sich für gewöhnlich von ihr fernzuhalten, blieb sie jetzt stehen und lauschte.
„Angeblich hat Dr. Peeke gestern Abend angerufen und die Reservierung bestätigt.“
„Und wie lange bleibt sie?“ Tonya beugte sich vor, ihr sommersprossiges Gesicht rot vor Aufregung.
„Laut Barbara hat sie für eine Woche reserviert, mit Option auf Verlängerung.“ Alys hob eine Augenbraue und presste die Lippen zusammen, als könnte sie die Spannung kaum aushalten.
„Ich frage mich, warum sie nicht bei ihren Eltern unterkommt.“ Hätte Ellen sich mit den Ellenbogen in die Mitte der Gruppe manövrieren können, hätte sie es vermutlich getan.
„Sie wollen sie vermutlich nicht dahaben. Barbara meinte, sie hätten sie damals nicht gewollt – warum sollte es heute anders sein?“
„War sie seitdem jemals wieder hier? Ich habe sie nie wiedergesehen, andererseits hätte ich sie vermutlich eh nicht erkannt. Ich war gerade in der ersten Klasse, als es passiert ist. Ich kann mich an fast nichts mehr erinnern.“
„Es war schrecklich.“ Alys’ Blick glitt zu Suzanne herüber und ein hinterhältiges Lächeln kroch über ihr Gesicht. „Suzanne.“ Die Angesprochene hielt inne, in die Falle gelockt von ihrer eigenen Neugierde. „Du kennst die Peekes, oder?“ Suzanne schüttelte den Kopf, ihr Mund staubtrocken.
„Hast du gewusst, dass die Tochter … keine Ahnung mehr, wie sie mit Vornamen heißt, mittlerweile Ärztin ist? Verdammt noch mal, ich bin mit ihr zur Schule gegangen.“
„Caryn.“ Suzanne hätte sich dafür ohrfeigen können, so schnell geantwortet zu haben. Nun war allen im Raum klar, dass sie gelauscht hatte. Sie hätte verneinen und sich anschließend aus dem Staub machen sollen.
„Genau die.“ Alys’ Augen leuchteten. „Caryn Peeke. Wusstest du, dass sie mittlerweile Ärztin ist?“
Vermutlich zögerte sie zu lange, bevor sie antwortete. „Ich hatte keine Ahnung. Ich habe ewig nichts mehr von den Peekes gehört.“
Alys’ Augen wurden schmal. „Warst du damals ihre Lehrerin?“
Jetzt gab es kein Entkommen. Sie atmete tief ein, während ein Schwarm ängstlicher Fischlein durch ihren Magen flitzte. „Ja.“
„Und Lloyd.“
Ihr Kopf begann, sich zu drehen, als sich die Blicke aller Frauen auf ihr Gesicht hefteten und Alys zum finalen Schlag ausholte.
„Sie hat ihren Bruder umgebracht.“
Suzannes mühsam zusammengehaltener Geduldsfaden riss. „Hat sie nicht!“ Bösartige Gerüchte waren das Letzte, was das arme Mädchen jetzt gebrauchen konnte. Sie würden sie davon abhalten, in ihr Heimatdorf zurückzukehren.
Der Schock über die Heftigkeit ihrer Reaktion stand Alys ins Gesicht geschrieben, was Suzanne mit großer Genugtuung erfüllte.
„Ich … Aber … ich … ich … war mit ihr in einer Klasse. Ich weiß es noch genau.“ Plötzlich nervös griff sich Alys an den Hals. Für jemanden, der sich angeblich nicht an Caryns Namen erinnern konnte, kamen die Ereignisse erstaunlich schnell zurück. „Die Leute sagen, sie hat ihren kleinen Bruder um die Ecke gebracht und dann irgendwo entsorgt. An dem Tag haben sie die Schule zusammen verlassen und nur sie kam zurück.“
„Blödsinn!“ Wut kochte in Suzannes Brust und brach sich in einem dunklen Knurren Bahn, das sie sich sonst für die anstrengendsten Schüler aufhob, wenn niemand sie hören konnte.
Tonya schob sich näher an ihre Kolleginnen heran. „Ich habe gehört, sie war im Jugendgefängnis.“
Suzanne schoss herum. „Das ist nicht wahr. Beachtlich, dass du alles glaubst, was die Leute sagen.“
Sie ließ den Blick nacheinander über das halbe Dutzend Kolleginnen gleiten, auf deren Gesichtern sich verschiedene Arten von Schock abzeichneten. Als älteste Kollegin behielt Suzanne ihre Meinung für gewöhnlich für sich und verlor nie die Geduld. Jedenfalls hatte es nie jemand von ihnen mitbekommen.
Tonyas Gesicht lief so purpurrot an, dass es aussah, als müssten ihre roten Haare jeden Moment in Flammen aufgehen.
Suzanne bemühte sich, die Fassung wiederzugewinnen. Ihre Kolleginnen waren im Grunde wie die Kinder, die sie jeden Tag unterrichtete: dramatisch und hysterisch. Die meisten der Frauen waren ihre Schülerinnen gewesen, als sie jung war: Alys, Becca, Lisa und Ellen.
Als sie ihre Tonlage verändert hatte, hatten sie direkt gespurt.
„Mädels, ich denke, ihr solltet euch beruhigen. Ich bin mir sicher, dass Caryn einen guten Grund hat, zurückzukehren.“ Suzanne hob die Hand, als Ellen den Mund öffnete. „Und was auch immer dieser Grund sein mag, ich bin mir sicher, dass er uns nichts angeht!“
Suzanne strich sich eine stahlgraue Haarsträhne zurück in den festen Dutt, der die Haare im Nacken zusammenhielt, und war überzeugt, dass es sie auf jeden Fall etwas anging. Sie hätte sich von Anfang an nicht einmischen und einfach nach Hause gehen sollen. Nun war sie in das Drama hineingeraten, mit dem sie nichts hatte zu tun haben wollen.
Angetrieben von der Aussicht, die Wogen glätten zu können, fügte sie beschwichtigend hinzu: „Lloyd“ – sie hatte Mühe, den Namen auszusprechen – „Lloyd Peeke hat damals mit Caryn auf dem alten Schulhof gespielt. Sie hat ihn für einige Minuten allein gelassen, und als sie zurückkam, war er verschwunden. Ich bin überzeugt, und das sagt auch die Polizei, dass das arme Mädchen nichts mit seinem Verschwinden zu tun hat …“
„Aber …“
Sie hob ihre Hand und unterbrach Alys’ Einwurf. „Nichts aber, Alys, ich weiß es! Lloyd war damals in meiner Klasse.“ Sie verschwieg, dass sie die Familie nicht nur gekannt hatte, sondern die beste Freundin von Lloyds und Caryns Mam gewesen war. Nicht dass es die anderen etwas angehen würde. Lediglich sie und Caryn.
Aufgewühlt von der Heftigkeit der Erinnerungen, legte sie eine Hand auf ihre Brust.
„Aber wo war sie dann die ganze Zeit?“ Ellen konnte es nicht lassen, sich erneut einzumischen.
„Ich denke nicht, dass das irgendjemanden hier etwas angeht.“ Sie sah die enttäuscht zusammengepressten Lippen der anderen Frauen, die sich mehr Klatsch und Tratsch erhofft hatten. Sie musste dem Einhalt gebieten. Die meisten ihrer Kolleginnen waren ihre Schülerinnen gewesen, und sie wusste, sie zu nehmen. „Alles Weitere wird Dr. Peeke euch bestimmt erzählen, sofern sie es will, wenn sie ankommt. Bis dahin solltet ihr eure wilden Vermutungen lieber für euch behalten, bevor ihr noch mehr Schaden anrichtet.“
Als sie den Schock sah, der sich durch die Gruppe zog, wünschte sie sich, sie hätte den Mund gehalten. Jetzt glaubten alle, dass sie viel mehr wusste, als sie preisgab. Was der Wahrheit entsprach.
Ihr Magen drehte sich um, während sie herumfuhr und die Tür des Lehrerzimmers hinter sich ins Schloss zog.
Kapitel 5
Caryn trommelte genervt mit den Fingern aufs Lenkrad und starrte durch die Frontscheibe in die Schlange der stehenden Autos vor ihr. Sie drehte die Heizung auf, während der Oktober das Thermometer einige Grade nach unten sinken ließ und heftiger Regen an die Scheibe klopfte.
War es in Wales schon immer so viel kälter gewesen?
Auch wenn alles, was sie gespürt hatte, seit sie die Gegend erreicht hatte, Kälte und Feuchtigkeit gewesen waren, wusste sie, dass es da noch etwas geben musste. Sie schob es auf die Erinnerungen ihrer Kindheit, die von Schmerz durchdrungen war.
Die automatischen Scheibenwischer überschlugen sich bei dem Versuch, dem sintflutartigen Schneeregen Herr zu werden.
Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht war das hier schlichtweg das Ende der Welt, das sich verzweifelt an den Abgrund klammerte, um nicht in den dampfenden Teerkessel darunter gezogen zu werden.
Sie schüttelte den verräterischen Gedanken ab und tippte stattdessen mit einem rosa lackierten Fingernagel auf den Bordcomputer, um ihm die zuletzt gewählten Rufnummern zu entlocken.
Ihre Schulfreundin Catherine nahm nach dem dritten Läuten ab. „Hey.“
„Hi.“
„Wie geht’s dir?“, hörte sie die tiefe, heisere Stimme ihrer Freundin. „Hast du es getan?“
Caryn ließ den angehaltenen Atem entweichen. „Ja.“
„Großer Gott, Caryn, ich fass es nicht.“ Bewunderung schwang in ihrer Stimme mit. „Du bist so mutig.“
„Mutig“, wiederholte Caryn prüfend. Sie hatte in ihrer Aktion eher eine pragmatische Notwendigkeit gesehen.
„Ja klar, ihn von heute auf morgen zu verlassen, das braucht Mut.“
„Es war nicht so schwer.“ Sie war keine Heldin, sie hatte lediglich das Leben eines Mannes ruiniert, obwohl ihr der Gedanke in Anbetracht seines Verhaltens in den letzten Wochen ein wenig übertrieben schien.
„Nicht schwer? Ihr wart ewig zusammen, das ist ein großer Schritt für dich gewesen.“
„Nicht ewig, es hat sich nur so angefühlt.“ Für einen Moment lauschte sie den Scheibenwischern, bevor sie zugab: „Es hat sich befreiend angefühlt.“ Im selben Moment fragte sie sich, ob Catherine sie jetzt für ein kaltes Miststück halten würde, wie Steve es tat.
„Befreiend?“ Catherine lachte und verscheuchte damit die Sorge ihrer Freundin. „Na hoffentlich. Er war sterbenslangweilig, Caryn, und er hat dich kleingehalten.“
Während Caryn sich fragte, wovon genau er sie abgehalten hatte, drückte sie aufs Gaspedal und ließ das Auto einige Meter vorrollen, bis sie den grünen Schein der Ampel durch den unablässig trommelnden Regen ausmachen konnte. Catherines nächster Satz ging darin beinahe unter. „Und nun, auf zum nächsten Kapitel deines Lebens.“
„Genau.“ Caryn seufzte, während die Ampel umsprang und lediglich ein Lkw und zwei Autos es schafften, sich in der kurzen Grünphase über die Kreuzung zu schieben.
Sie nahm den Gang raus und den Fuß vom Gas. Das Trommeln des Regens wurde immer lauter.
„Ich werde zu spät sein.“
„Wissen sie, dass du unterwegs bist?“
Caryn presste die Lippen zusammen. Sie hatte es Catherine nicht erzählt. „Ich habe meinen Eltern nicht gesagt, dass ich komme, sondern stattdessen ein Zimmer im örtlichen Pub reserviert. Sie haben ein angeschlossenes B&B.“
„Aber warum?“
„Weil ich feige bin. Hätte ich ihnen gesagt, dass ich komme, hätte ich ihnen gleichzeitig die Möglichkeit gegeben, es mir zu verbieten.“
„Aber die Nachrichten …“
„Ich habe keine Ahnung, wer sie geschickt hat.“
„Bestimmt dein Dad. Es klingt so, als wollte er wieder Kontakt mit dir aufnehmen, ohne sein Gesicht zu verlieren.“
Caryn bezweifelte es. „Ich weiß es nicht, aber das Risiko will ich nicht eingehen.“
„Ach, Caryn, mittlerweile würden sie dich nicht mehr wegschicken. Du bist erwachsen. Die Dinge haben sich verändert.“
„Ich bin mir nicht sicher. Seit meinem sechzehnten Geburtstag habe ich nicht mehr versucht, mit ihnen zu reden.“ Von ihnen verlassen zu werden, hatte zu sehr wehgetan.
„Na ja, sie haben sich auch nie wirklich bemüht. Nicht mal, als deine Grandma gestorben ist.“
„Ich weiß.“ Sie seufzte und strich sich die Haare aus der Stirn. „Und das nach all dem Geld, das sie deinem Dad hinterlassen hat. Sie hätten sich wirklich melden können.“
Caryn wollte darüber nicht nachdenken. Geld war nie das Problem zwischen ihrer Grandma und ihrem Dad gewesen. Seine reiche Herkunft war ihm nicht wichtig gewesen, und er hatte ihr bereitwillig den Rücken gekehrt. „Es war auch sein Geld. Sie hat vermutlich genug für mich ausgegeben, als sie noch am Leben war. Er hätte mehr erben können, hätte Grandma nicht so viel davon für meine Ausbildung ausgegeben.“
„Das ist schon ironisch, aber sie hat bestimmt niemals daran gedacht, ihr Testament zu ändern. Sie hätte gewollt, dass du es bekommst.“
„Das ist jetzt eh nicht mehr wichtig. Und es ist nicht so, als hätte sie mich arm zurückgelassen. Sie hat sich immer gut um mich gekümmert.“ Ein leises Schluchzen entwich ihr.
Die Ampel sprang um und die Front ihres Autos berührte fast das Heck ihres Vordermanns, in ihrem verzweifelten Versuch, es diesmal über die Ampel zu schaffen. Als das grüne Licht an ihr vorbeizog, sah sie das Baustellenschild. Kein Wunder, dass es so lange gedauert hatte. Sie schaltete, als sich die Ampel bereits gelb färbte. Immerhin nicht rot, technisch gesehen war sie also im Recht.
„Also, meine Mum lässt dich grüßen. Sollte sich dein kleiner Trip als Sackgasse herausstellen, kannst du ihr gerne bei ihrer Kur in Indien Gesellschaft leisten. Sie wird noch mindestens vier Monate da sein.“
Es war kein unbekannter Vorschlag. Sie hatte die meisten ihrer Sommer auf Reisen mit Catherines Familie verbracht. Der Schmerz der Ablehnung durch ihre eigene wurde von der Mum ihrer besten Freundin ein wenig gelindert.
„Wirst du sie besuchen?“
„Ja, aber nur für ein paar Wochen. Vermutlich werde ich eine Zeit lang nicht erreichbar sein, bis wir da unten irgendwo WLAN gefunden haben. Du weißt ja, wie das ist.“
Sie wusste es. Catherines Eltern waren keine Luxusurlauber.
Ihre Mum arbeitete für India ActionAid, also war der Aufenthalt kein wirklicher Urlaub, und alle, die sie besuchten, wurden mit eingespannt.
„Ja, kein Problem. Ich habe keine Ahnung, wie sich die Dinge entwickeln werden, aber ich halte dich auf dem Laufenden. Vielleicht habe ich ein paar freie Monate vor mir.“ Sie drückte aufs Gaspedal, um mit dem sich nun beschleunigenden Verkehr mitzuhalten.
„Ich würde so gerne Mäuschen spielen.“
Caryn lächelte. „Und ob.“ Der Scheibenwischer verlangsamte sich, als sich der hämmernde Regen zu einem leichten Tröpfeln entspannte. „Ich leg jetzt mal auf, ich bin angeblich in zwölf Minuten da.“
Catherines Stimme wurde ernst. „Ich hoffe, es wird alles gut, Caryn. Pass gut auf dich auf.“
„Du auch, Süße. Hab dich lieb.“
„Ich dich auch.“
Das leise Surren des Radios umhüllte sie und Caryn schob sich im Sitz zurecht. Die Stimme ihrer Freundin hatte es geschafft, die blinde Panik zu stoppen, doch hatte sie die Sorge nicht vollkommen vertreiben können.
Kapitel 6
Die lange, sich ins Dorf schlängelnde Landstraße kam ihr so bekannt vor, dass es sie erstaunte. Eigentlich waren alle ihre Erinnerungen an diesen Ort wie ausgelöscht. Davon war sie bisher zumindest überzeugt gewesen. Doch sie nahm jede Kurve so souverän, als wäre sie in ihrem Leben nirgendwo anders entlanggefahren.
Was am Ende der Straße lag, entzog sich allerdings jeder Erinnerung, doch sie würde es herausfinden, wenn sie ankam.
Caryn drehte das Radio leiser, nahm langsam den Fuß vom Gas, bis sie gemächlich rollte, und ließ den Blick entlang der von hohen Hecken gesäumten Straße gleiten. Ihre Scheinwerfer durchbrachen das Dunkel, das sich bedrohlich zwischen den Hecken nach ihr auszustrecken schien.
Eine Gänsehaut kroch über ihren Körper und sie drehte die Heizung auf.
„Ihr Ziel befindet sich auf der linken Seite.“
Die knappe, elektronische Stimme ließ sie zusammenzucken.
„Himmelherrgott!“
„Sie haben das Ziel erreicht“, protestierte die Stimme.
„Nein, habe ich nicht.“
„Sie haben das Ziel erreicht.“
Sie hielt den Wagen an, als eine Kreuzung vor ihr auftauchte.
„Halt die Klappe!“
Sie stach mit dem Finger auf das Navi ein, um die Route zu beenden.
„Du weißt doch selbst nicht, wo du hinmusst“, murmelte sie vor sich hin.
Eine Reihe kleiner Reetdachhäuser, die früher wohl einmal weiß gewesen waren, erstrahlte unheilvoll im Kegel ihrer Scheinwerfer. Die leeren Fenster warfen das Licht zurück.
Sie stellte das Fernlicht aus.
„Wo lang?“ Sie klopfte aufs Lenkrad und umschloss es dann fester, entschlossen, links abzubiegen. Das Navi hatte gesagt: „Jetzt links abbiegen.“ Vielleicht war sie mittlerweile am Ziel vorbeigefahren.
Die Scheinwerfer ihres Wagens durchkämmten die umliegenden Gärten und klebten plötzlich an den Schatten zweier Personen, die an der windgeschützten Seite des Hauses standen und sie unbewegt anstarrten.
Ohne langsamer zu werden, schoss Caryn vorbei. „Was zum Teufel?“
Um zu sehen, ob sie noch da waren, starrte sie in den Rückspiegel, aber die nahende Kurve fegte sie aus ihrem Sichtfeld.
Sie zog die Stirn kraus und rieb mit der freien Hand ihren Nacken.
Verdammt seltsam. Sie hatte nur einen kurzen Blick erhaschen können, aber was zum Teufel machten die beiden da draußen im strömenden Regen? Es wäre kein geeigneter Zeitpunkt, den Müll rauszubringen, wirkte eher so, als hätten sie auf sie gewartet.
Sie fröstelte erneut und spähte durch die Frontscheibe, während sich die Gänsehaut nicht vertreiben ließ.
Als sie der Straße entlang weiteren dunklen Cottages folgte, brachen die ersten Strahlen der Außenbeleuchtung in der Ferne durch die Dunkelheit und ein wenig Erleichterung machte sich in ihrem Magen breit. „Gott sei Dank.“
Sie nahm den Fuß vom Gas und starrte dem Pub entgegen, während sich ein Stückchen Erinnerung aus der goldenen Schatulle stahl und ihr fast den Atem nahm.
***
„Lloyd, iss dein Abendessen, mein Junge.“
Ihr Dad hätte neben ihr im Auto sitzen können, so klar erklang seine Stimme in ihrer Erinnerung.
„Lloyd“, flüsterte sie sanft und berührte den Arm ihres Bruders, doch er hielt den Kopf gesenkt und das Gesicht abgewendet. „Die Pommes sind lecker.“ Sie nahm eine von seinem Teller und hielt sie ihm zwischen Daumen und Zeigefinger entgegen. Ohne den Kopf zu heben, nahm er sie und steckte sie in den Mund. Sein Kiefer mahlte, während er kaute.
Er war ein langsamer Esser. Nie schaffte er es, eine komplette Mahlzeit zu beenden, sondern pickte sich nacheinander lediglich die besten Bissen heraus.
So langsam, dass es seine Mam wahnsinnig machte. „Iss einfach deinen verdammten Teller leer, Lloyd.“ Aber sie war nicht da. Seit einer gefühlten Ewigkeit war sie auf der Damentoilette verschwunden.
Caryn hielt gerade eine weitere Pommes hoch, als ihre Mam zum Tisch zurückkehrte. Obwohl er sie ihr brav aus der Hand nahm, steckte er sie erst in den Mund, nachdem er den jetzigen Bissen vollständig zerkaut hatte. Nach genau vierundzwanzig bemessenen Kaubewegungen.
„Ist er immer noch nicht fertig?“ Der stechende Ton ihrer Mam ging Caryn auf die Nerven.
Sie fuhr an der örtlichen Fleischerei vorbei. Es war ein ordentliches Steingebäude, das früher vermutlich eine Garage oder ein Schuppen gewesen war.
Weitere Erinnerungen schwappten auf sie ein.
„Was kann ich dir bringen, Liebes?“
Eine plötzliche Röte überzog die Wangen ihrer Mam, die die Hand hob und sich die Haare aus der Stirn strich. Der Charme des großen, muskulösen Fleischers ließ die wenigsten Mütter kalt. Caryn hatte keine Ahnung, warum. Sie wusste nur, dass seine Würstchen die besten waren, die sie jemals gegessen hatte.
***
„Verdammt!“
Die Erinnerung fiel in sich zusammen, verpuffte vor ihren Augen und gab den Blick auf ein seltsames Szenario frei.
Sie riss den Fuß vom Gas, konnte sich aber davon abhalten, auf die Bremse zu treten.
Auf der Mauer, die die Fleischerei umgab, saß eine dunkel gekleidete Person und starrte sie reglos an, während der Volvo an ihr vorbeiraste.
Ihr Herz klopfte, sie starrte in den Rückspiegel, aber schon war die Erscheinung von der Dunkelheit verschluckt.
Die Lichter des sich nahenden Pubs strahlten durch die Frontscheibe und sie kniff die Augen zusammen.
Warum hatte dieser Ort keine Straßenlaternen? War das eine Sparmaßnahme? Und warum zum Teufel lungerten so viele Menschen draußen im Dunkeln herum?
„Großer Gott, was mache ich hier?“
Kapitel 7
Caryn stellte den Motor ab und ließ sich in den Sitz zurückfallen. Sie bewegte Schultern und Rücken, die durch den Stress und die lange Reise steif geworden waren.
Vielleicht war es nicht die beste Idee gewesen, freitagnachts zu reisen. Zwei Unfälle, eine Panne und zahlreiche Baustellen hatten den Weg beschwert. Es musste rekordverdächtig sein, wie lange sie gebraucht hatte. Nicht dass sie zuvor jemals nach Wales gefahren war. Nur weg davon.
Sie hatte Glück gehabt, anzukommen, bevor der Pub für die Nacht seine Türen schloss.
Sie schaltete die Innenbeleuchtung ein und bog die Sonnenblende herunter, um in den kleinen Spiegel zu schauen. Fahrig fuhr sie über die Fältchen, die mit dem Erreichen ihres dreißigsten Geburtstages erschienen waren und sich nun mit Müdigkeit und Sorge mischten.
Die grelle kleine Lampe, umgeben von der walisischen Dunkelheit, verstärkte sie unbarmherzig.
Einzig mit ihrer neuen, frisch gefärbten Kurzhaarfrisur war sie zufrieden. Sie war ein Teil ihrer Absicht gewesen, professionell und cool zu wirken, und das Ergebnis sprach für sich. Zumindest äußerlich.
Sie wollte ihren Eltern das Gefühl geben, dass sie nicht unbarmherzig gelitten hatte, als sie ihr den Rücken gekehrt hatten.
Was natürlich der Fall gewesen war. Doch die Genugtuung dieses Wissens würde sie ihren Eltern niemals geben. Warum sollte sie auch?
Nicht eine Person aus dem Dorf war für sie eingetreten, als ihre Eltern sie verstoßen hatten. Nicht einmal ihr bester Freund. Seit dem Tag, an dem sie Moryd-oer verlassen hatte, hatte sie nie wieder von Dylan gehört, obwohl sie ihm geschrieben hatte. Anfangs wöchentlich, doch als keine Antwort kam, nur noch gelegentlich, bis sie es nicht mehr aushalten konnte und aufhörte.
Anfangs hatten ihre Freunde, die sie hatte zurücklassen müssen, keinen Raum in ihren Gedanken eingenommen. Sie hatte auch nicht wirklich verstanden, was passiert war. All ihre Sorgen hatten sich um Lloyd gedreht. Ihren kleinen Bruder.
Im Strudel der Vergangenheit konnte sie sich nicht daran erinnern, wann sie auf die neue Schule gewechselt war, wohl aber an den hoffnungslosen Gesichtsausdruck ihrer Großeltern, wenn sie fragte, ob Lloyd gefunden worden war. Hätte sie nicht gefragt, hätte sie es nie erfahren, da niemand erpicht darauf schien, es ihr zu sagen.
Eine weitere Flut alter Bilder drängte sich auf, doch sie hatten in ihrem sowieso schon vollen Kopf einfach keinen Platz mehr.
Sie hob das Kinn, strich mit der Hand über die weiche Haut ihrer Kehle und spürte das unermüdliche Pochen ihrer Halsschlagader. Für die meisten Menschen eine alltägliche Erscheinung, doch sie legte mechanisch Daumen und Zeigefinger an die Stelle und zählte. Ihr Puls ging schnell, doch sie war sich sicher, dass es sich nicht um einen Herzinfarkt handelte.
Dann klappte sie den Spiegel ein, stopfte die Schlüssel in ihre Handtasche und griff entschlossen nach dem Türgriff.
Der Wind riss ihr die Tür beinahe aus der Hand, als sie ausstieg.
Sie zog den Kopf ein, hastete zum Kofferraum und fragte sich, ob sie die Kraft oder die Motivation besaß, die beiden schweren Koffer plus ihren Laptop herauszuhieven. Theoretisch könnte sie einen der beiden bis morgen früh im Auto lassen, in der Hoffnung, dass keiner der Dorfbewohner über Nacht ihr Auto aufbrechen würde.
Durch die Dunkelheit starrte sie zur spärlichen Nachtbeleuchtung des Pubs, die im Nieselregen zu fluoreszieren schien.
Zwei vorsintflutliche Land Rover und ein Quad standen auf dem Parkplatz neben einem riesigen Trecker, ansonsten war es gespenstisch ruhig.
Ein rhythmischer Bass pulsierte durch die Wände des gegen die Nacht hell erleuchteten Prince of Wales.
Caryn öffnete den Kofferraum und bugsierte den ersten Koffer unter großer Anstrengung auf den Schotter. Dann griff sie in ihre Handtasche, betätigte den Mechanismus und lauschte auf das Klicken der Autoverriegelung und das bestätigende Pulsieren der Scheinwerfer.
Erleichtert über die stabilen Reifen ihres Autos, zog sie den Koffer mit einem Stöhnen hinter sich her.
Beißender Wind blähte ihren Mantel auf, blitzartig verwandelte sich das Tröpfeln in Platzregen. Während der Wind an ihren Haaren zerrte und ihre Frisur ruinierte, stolperte sie auf den Pub zu. Sie stellte sich vor, wie Mascara in schwarzen Schlieren über ihr Gesicht fließen musste.
Sie streckte die Hand aus, um die Tür zu öffnen, als eine plötzliche Bewegung in ihrem Augenwinkel sie den Kopf drehen ließ.
Eine kleine Person krümmte sich in der Ecke der Veranda zusammen, ihr Schal flatterte im Wind.
Im Dämmerlicht starrte sie zu der dunklen Gestalt herüber, deren Reglosigkeit ihr ein ungutes Gefühl verursachte. War sie betrunken?
„Hallo? Ist alles in Ordnung bei Ihnen?“ Ihre Stimme wurde vom Wind davongetragen.
Lediglich die Kleidungsstücke wurden vom Wind in Bewegung versetzt, die Person selbst kauerte bewegungslos da.
Mit zitternden Händen stellte Caryn ihren Koffer auf und hockte sich neben sie. Irgendetwas stimmte nicht.
Die Gestalt, gekleidet in einem schwarzen Hoodie samt Schal, Jogginghose und Laufschuhen, hielt den Kopf gesenkt und blieb still. Im Dämmerlicht konnte sie keine wirklichen Züge oder Umrisse ausmachen, außer dass sie die Knie an die Brust zu pressen schien.
Sie streckte die Hand aus und berührte die fremde Schulter.
„Hallo.“
Keine Reaktion. „Geht es Ihnen gut? Brauchen Sie Hilfe?“
Sie drückte die Schulter und rüttelte leicht.
Unter der dunklen Kapuze rollte der Kopf auf die Brust. So verharrte die Gestalt einige Sekunden, bevor sie zur Seite kippte und mit einem schmatzenden Aufprall auf dem Boden aufschlug.
Caryn schrie auf.