Leseprobe Johnson Ridge – Wo mein Herz dich findet | Eine cozy Small Town-Romance

Hailey

»Gleich haben wir es geschafft.« Ich lächle Tinker an und meine weiß-schwarz gefleckte Paint-Horse-Stute schnaubt abfällig. »Okay, ein paar Meilen sind es noch. Aber da vorne ist schon das Ortsschild.«

Wir schreiten vorbei an grasenden Rindern, die frei auf der Wiese stehen und nur durch Brandzeichen den jeweiligen Ranchern zuzuordnen sind. So ist das üblich in Montana. Hier gibt es keine mit Elektrozaun umgrenzten, viel zu kleinen Koppeln. Stattdessen herrscht im Land der Viehzucht ein unbeschwertes Leben für die Rinder. Den Sommer über können sie sich frei bewegen und die Weideflächen abgrasen. Ich atme tief durch, nehme die frische Abendluft in mich auf und lasse den Blick schweifen. Das ist genau das Gefühl von Freiheit, das ich mir so lange erträumt habe. Die weiten offenen Ebenen erstrecken sich bis zum Horizont, goldene Gräser wiegen sich im sanften Abendwind, der nach Sommer riecht. In der Ferne zeichnen sich die schneebedeckten Gipfel der majestätischen Berge ab. Abgeschiedenheit und ein Gefühl von Unabhängigkeit überkommen mich gleichermaßen. Hier bin ich allein auf der Welt, kann zum ersten Mal seit Jahren meine Freiheit in vollen Zügen auskosten. Meine eigene Herrin sein und nicht mehr eingesperrt in den Erwartungen der Gesellschaft. Endlich kann ich ich selbst sein! Bye, bye eingeengtes Leben in Moose Jaw. Hier in Montana, mit meinem Rucksack auf dem Rücken und Tinker an meiner Seite, lerne ich wieder, richtig zu leben. Seit drei Wochen sind wir nun unterwegs. Nur ich und meine Stute, die geduldig neben mir her trabt. Allerdings wird meine Freude durch eine Sorge getrübt, die sich seit ein paar Meilen nicht mehr wegschieben lässt. Beunruhigt betrachte ich Tinkers linken Hinterhuf. Sie lahmt, seit wir heute Morgen losgeritten sind, und mit jedem Schritt wird es schlimmer. Doch hier, mitten im Nirgendwo, kann ich wenig für sie tun.

»Na komm, nur noch ein kleines Stückchen«, ermuntere ich sie deshalb und streiche ihr über die Mähne am Hals. Hoffentlich gibt es in Harlem einen Tierarzt und die Möglichkeit, ein paar Tage zu bleiben. Ich muss ohnehin einen Zwischenstopp einlegen.

Eine Stunde laufen wir bereits. Zuvor hatten wir Glück. Ein Gestütsbesitzer aus Billings hat mich mit meiner lahmenden Stute am Straßenrand gesehen und uns das Stück von Turner Coloney, wo wir die letzte Nacht verbracht haben, bis zu einer Ranch außerhalb von Harlem mitgenommen. Ein echter Glücksfall, dass er seinen Anhänger dabeihatte. Ein netter Kerl. Er hat mir versichert, dass auf der Rich-Mountain-Ranch Stallarbeiter gesucht werden. Dort könnte man sich auch um Tinker kümmern. Leider lag er falsch. Als ich bei dem beeindruckenden Anwesen in der Nähe von Harlem ankam, hat mich der alte Rancher nicht einmal ausreden lassen, sondern uns sofort weitergescheucht. Deshalb müssen Tinker und ich jetzt das Stück bis nach Harlem laufen, was ihrem Bein sicher nicht guttut. Weit ist es nicht mehr, trotzdem ziehen sich die Minuten wie eine Ewigkeit, bis wir endlich das Ortsschild passieren. Harlem – Blaine County, Montana steht darauf und darunter ist eine weiße Tafel angebracht, auf der festgehalten ist, dass diese beschauliche Kleinstadt 769 Einwohner zählt. Ich führe Tinker am Zügel daran vorbei und nach ein paar Meilen auf den Gehsteig der Mainstreet. Langsam schlendern wir die belebte Straße entlang. Die Fassaden der kleinen Geschäfte lassen darauf schließen, dass diese seit den Gründungszeiten existieren. Bunt gefüllte Blumenkästen schmücken die Fenster der Wohngebäude. Harlem versprüht einen typischen Kleinstadt-Flair, mit dem ich mich sofort wohlfühle. Als ich am Stadtzentrum vorbeigehe, erhasche ich einen Blick auf den Park, in dem mit einem Werbebanner für das alljährliche Squaredance Festival geworben wird. An einer Straßenecke mache ich ein Hotel aus, an dessen Eingangstür ein bronzefarbenes Schild prangt, das verkündet, dass Betten frei sind. Ich steuere mit Tinker auf einen Holzzaun in der Nähe zu. Dort binde ich sie fest und ziehe meinen zerschlissenen Ledergeldbeutel aus der Hosentasche. Ich runzle die Stirn, sobald ich mit meinem Finanzcheck fertig bin. Nicht gerade vielversprechend. Wenn ich Futter für Tinker kaufen will, kann ich mir das Hotel nicht leisten. Aber mein Pferd geht vor. Ich lasse den Blick über die Mainstreet schweifen, während Tinker erschöpft schnaubt. Kleine Geschäfte reihen sich hier aneinander. Von einem Supermarkt über eine Bäckerei, bis hin zu einem Handarbeitsladen mit vielseitiger Auslage ist alles dabei.

»Bleib hier, Süße. Ich komme gleich wieder.« Ich steuere auf einen Laden zu, in dessen Schaufenster Pferdezubehör angeboten wird. Sättel, Reitgerten und unterschiedliche Pflegematerialien. Mit knirschenden Zähnen gebe ich meinen letzten Cent für eine Packung Kraftfutter aus, welches die grauhaarige Verkäuferin auf meine Anweisung hin genau nach Tinkers Bedürfnissen zusammenstellt. Nur das Beste für meine Paint-Horse-Stute – obwohl das bedeutet, dass ich heute Nacht wohl auf einer Parkbank schlafen werde, wenn ich keine Alternative finde.

»Entschuldigung«, spreche ich die Verkäuferin an, während sie mit konzentrierter Miene meinen Einkauf in eine Stofftasche verpackt. »Könnten Sie mir einen Tierarzt empfehlen? Meine Stute lahmt seit heute Morgen. Sie ist weite Strecken zwar gewöhnt, aber irgendetwas stimmt nicht.« Ich streiche mir eine widerspenstige Strähne meines hellblonden Haars aus dem Gesicht, die sich aus dem praktischen Fischgrätenzopf gelöst hat.

Die Verkäuferin hinter dem Tresen runzelt die Stirn. »Es gibt nur einen Tierarzt bei uns im Ort. Peter McCartney.« Sie wirft einen kurzen Blick auf ihre goldene Armbanduhr. »Aber ich fürchte, heute ist er nicht mehr erreichbar.«

»Okay.« Ich seufze. »Mein Pferd und ich haben leider keine Unterkunft für die Nacht. Kennen Sie vielleicht eine Ranch in der Nähe, auf der wir unterkommen könnten? Ich habe kaum noch Bargeld, aber ich könnte im Stall aushelfen. Ich habe bereits auf mehreren Höfen gearbeitet und auch eine Zeit lang als Reitlehrerin auf einem Gestüt gejobbt.«

Sogleich vertieft sich die Furche auf der Stirn der Frau. »Wir hier in Harlem sind sehr … wählerisch, wenn es um das Personal geht, das mit unseren Tieren arbeiten darf. Sie scheinen ja nicht besonders gut mit ihrem Pferd umzugehen.«

Meine Fingernägel bohren sich in meine Handflächen und ich unterdrücke die Wut, die in mir aufkeimt. »Tinker ging es heute Morgen noch gut. Wir waren zuvor mitten im Nirgendwo. Um einen Tierarzt kontaktieren zu können, musste ich erst hierherkommen.« Seit wann bin ich einer mürrischen Ladenbesitzerin Rechenschaft schuldig? »Danke für das Futter.«

Ich greife nach der Packung auf dem Tresen und stürme aus dem kleinen Laden. Das lief ja super. Wenigstens bekommt Tinker ihr wohlverdientes Abendessen. Ich hole die Plastikschüssel aus meinem Trekkingrucksack. Neben Kleidung und anderen Alltagsgegenständen befindet sich darin auch eine Flasche frisches Wasser für Tinker. Meine Stute lässt es sich schmecken und ich überlege unterdessen fieberhaft, wie es weitergeht. Ein Plan muss her, denn bald wird es dunkel. Ich streiche Tinker liebevoll über Kopf und Mähne. Dann sehe ich mich auf der Suche nach einer Lösung noch einmal genauer in der Mainstreet um. Mein Blick fällt auf das Stoffbanner eines Pubs, auf dem in verschnörkelten Lettern Second Home in Harlem steht. Vielleicht finde ich ja hier Unterstützung?

Ich überprüfe rasch, ob mit Tinker alles okay ist, dann laufe ich hinüber. Als ich die in die Jahre gekommenen Holzstufen in den Pub hinuntersteige, schallt mir laute Countrymusik entgegen und ein ordentlicher Stimmengeräuschpegel. Ich trete ein und stelle mich auf die Zehenspitzen, um mir einen Überblick zu verschaffen. Menschen sitzen an runden Stehtischen mit Barhockern, stehen mit einer Bierflasche in der Hand herum oder spielen in der Mitte des Raumes Billard. Die Einrichtung des Pubs ist in dunklem Holz gehalten und strahlt eine urige Atmosphäre aus.

»Jaaa!« Die Gäste jubeln und jetzt erkenne ich, dass sie alle auf den großen Bildschirm über der Bar konzentriert sind, auf dem ein Footballspiel live übertragen wird. Ich schlängle mich durch die feiernde Masse, die sich über einen siegreichen Zug ihrer Mannschaft freut. Hinter der Bar steht ein junger Mann mit langen blonden Haaren und einem wilden Bart, der ihm eine etwas ruppige Ausstrahlung verleiht. Ich trete näher an den Tresen und ziehe mich auf einen massiven dunkelbraunen Barhocker hoch.

»Hi, was kann ich dir bringen?«, fragt der Barkeeper mit tiefer Reibeisenstimme und seine kristallklaren grauen Augen mustern mich aufmerksam. »Du bist nicht aus der Gegend, oder?«

Ich schüttle den Kopf. »Nein, ich bin nur auf der Durchreise. Und ich brauche nichts. Danke. Ich …« Ich stocke bei dem Gedanken an die Reaktion der älteren Dame in dem Pferdefutterladen.

»Hmm okay …« Der Barkeeper hebt eine Augenbraue und ich sehe ihm an, dass er sich über mein seltsames Verhalten wundert. Er streicht sich mit der Hand über die Stirn und wischt sich dabei eine dicke Strähne seines langen Haares aus dem Gesicht, ehe er an dem Piercing in seiner rechten Augenbraue spielt. »Kann ich dir sonst irgendwie helfen?«

Ich reiße mich zusammen und konzentriere mich auf den Grund, aus dem ich hier bin. »Ich hoffe es … ehrlich gesagt.« Ich beuge mich auf dem Tresen vor, damit er mich über den Lärm des Public Viewings hinweg besser verstehen kann. Die Menge jubelt wieder, was ich als einen weiteren Siegpunkt für ihre Mannschaft werte. Mit Football habe ich nicht viel am Hut. »Ich bin auf der Suche nach einem Schlafplatz für heute Nacht und nach einer Möglichkeit, mein Pferd für ein paar Tage unterzustellen. Dummerweise habe ich kein Geld mehr. Work and Travel …«

Mein Gegenüber runzelt die Stirn und ich befürchte fast, er speist mich genauso ab wie die Verkäuferin vorhin.

»Ich kann hart arbeiten für meinen Aufenthalt.« Ich straffe die Schultern.

»Hast du es auf den umliegenden Ranchen versucht?« Seine Stirn glättet sich wieder und er greift nach einem Bierglas, das er mit einem Geschirrtuch putzt.

Ich nicke. »Bei der Rich-Mountain-Ranch, aber …« Ich zögere. »Dort scheint kein Bedarf zu bestehen.«

Der Barkeeper mustert mich. »Nimm es nicht persönlich. Die halten sich für was Besseres mit ihrem noblen Gestüt.« Abfällig schnaubt er. »Versuch es doch auf Johnson Ridge. Noah, der Leiter der Ranch, ist ein Freund von mir. Sie sind momentan auf der Suche nach einer helfenden Hand. Sicher haben sie im Gegenzug eine Box für dein Pferd und eine Schlafgelegenheit für dich.«

Ich lächle ihn dankbar an, was dazu führt, dass seine Mundwinkel sich unter seinem Bart ebenfalls ein Stück heben.

»Das wäre spitze. Wo finde ich denn Johnson Ridge? Meine Stute lahmt, ich will nicht, dass sie noch weit läuft.«

Er runzelt die Stirn und dreht nachdenklich an dem Metallring in seiner Augenbraue. »Es ist von hier ungefähr dreißig Minuten mit dem Pferd. Ich würde Noah ja anrufen, damit er dich abholt, aber auf Johnson Ridge wird heute das jährliche Sommer-Barbecue veranstaltet. Da lässt ihn seine Grandma sicher nicht weg.« Er überlegt kurz, dann stellt er das Bierglas ab und gibt mir ein Zeichen, einen Augenblick zu warten. Mit raschen Schritten verschwindet er im Nebenraum. Ein paar Minuten später kommt eine junge Frau hervor und bedient die Gäste neben mir, die sich geschäftig an die Bar drängen. Mein Blick schweift zum Footballspiel. Die Bobcats spielen gegen die Grizzlies. Deswegen wohl der Ansturm. Die beiden Collegefootballmannschaften sind seit Jahrzehnten Rivalen – das weiß sogar ich, obwohl ich kein Footballfan und aus Kanada bin. Ich versuche gerade, herauszufinden, welche Mannschaft in Führung liegt, als mir jemand von hinten auf die Schulter tippt. Ich wirble herum und erblicke den Barkeeper, nun mit Jacke und ohne sein Geschirrtuch.

»Ich fahr dich hin.«

Überrumpelt starre ich ihn an. »Wow, das ist lieb, aber …« Ich stocke. »Hast du hier nicht zu tun?« Ich deute auf die Meute grölender Bobcats-Fans, die sich mit ihren leeren Bierflaschen einen Weg zur Bar schlängeln. »Sieht aus, als würden sie euch heute Abend die Bude einrennen.«

Der Barkeeper zuckt mit den Schultern. »Meine Chefin kann nicht Nein sagen, wenn es um verletzte Tiere geht. Als ich ihr von deiner lahmenden Stute erzählt habe, hat sie mir fast schon befohlen, dir zu helfen. Außerdem ist heute eh mein freier Tag und ich wäre später sowieso nach Johnson Ridge gefahren. Ich bin freiwillig eingesprungen.«

Skeptisch schaue ich zu der jungen Frau, die die Footballfans mit Nachschub versorgt. Sie scheint meinen Blick bemerkt zu haben, denn sie grinst mich an und macht eine Handbewegung, die einem sanften Rauskehren aus dem Pub gleichkommt.

Der Barkeeper lacht. »Ist das Antwort genug? Na komm, ich hoffe, sie haben den Grill schon angeschmissen. Ich bin übrigens Bo.«

Noah

»Noah, kannst du das Grillfleisch aus der Küche holen?« Grandma wedelt energisch mit dem Pfannenwender vor meiner Nase herum und deutet in Richtung Haus. Genervt verdrehe ich die Augen, denn ich habe mich gerade erst hingesetzt. Aber sie kann herrischer als jeder Feldwebel sein. Will, mein jüngerer Bruder, wirft mir einen schadenfrohen Blick zu und ich halte mich zurück, um ihm nicht den Stinkefinger zu zeigen. So war das schon immer zwischen uns.

Ich erhebe mich von der rustikalen Baumstammbank und steuere auf das Haupthaus zu, in dem Grandma und mein jüngster Bruder Charly wohnen. Als ich es betrete, weht mir der vertraute Duft meiner Kindheit entgegen. Ich kenne mein Elternhaus wie meine eigene Westentasche, schließlich habe ich hier die glücklichsten Jahre meines Lebens verbracht. Gemeinsam haben meine drei Brüder und ich unsere Eltern gehörig auf Trab gehalten. Gerade für Mum war es nicht immer leicht mit vier sturen Cowboys. Aber sie hat es mit Bravour gemeistert und uns nie das Gefühl gegeben, eine Belastung für sie zu sein. Mittlerweile wohne ich im ersten Stock des Nebengebäudes, das auf Johnson Ridge als Verwaltung dient und im Erdgeschoss mein Büro beherbergt. Es ist durch eine offene Veranda mit dem Hauptgebäude verbunden und ich habe die Entscheidung nie bereut, nach dem Tod meiner Eltern dort eingezogen zu sein. Jede Faser meines Herzens hat sich damals nach Abstand gesehnt. Und obwohl ich täglich in meinem Elternhaus bin, tut es mir gut, die schmerzlichen Erinnerungen, die seit dem Unfall ständig unerwartet um die Ecke kommen, ein bisschen zu mildern. Früher hatte Dad zwar unten im Verwaltungsgebäude sein Büro, aber die Zimmer in der ersten Etage sind neutraler Boden. Hier hat nur mein ältester Bruder Anthony gelebt und gelegentlich einige Ranch-Arbeiter. Jetzt habe ich das Obergeschoss für mich. Was soll ich sagen: Ich genieße die Privatsphäre. Gerade weil das für Grandma ein Fremdwort ist.

Ich laufe durch den Flur in Richtung Küche und steuere zielstrebig den Kühlschrank an. Ich hole das Grillfleisch hervor und ziehe einen Stapel Teller aus dem Hängeschrank. Vollbepackt begebe ich mich auf den Rückweg. Etwas wackelig das Ganze. Ich habe das Gewicht der Teller unterschätzt, aber aufgeben, kommt nicht infrage. Als ich in die warme Julisonne trete, entdecke ich Charly. Gemeinsam mit seiner besten Freundin Kitty kommt er lachend von den Ställen herübergeschlendert. Ich bleibe stehen und stütze die Teller kurz mit meinem Kinn.

»Oh, warte, ich nehme dir etwas ab!« Kitty beschleunigt ihre Schritte und eilt mir zur Hilfe, bevor der ganze Stapel Teller inklusive Grillfleisch auf den Boden kracht. Ihre hellblonden Haare erstrahlen im Licht der warmen Sonne und ihre Sommersprossen sind um diese Jahreszeit deutlich wie nie zu sehen.

»Na, hast du dich wieder ein bisschen überschätzt?«, neckt mich Charly.

»Hätte ich locker geschafft.«

Er verdreht die Augen. »Ist der Grill schon an?«

»Da musst du Will fragen. Er ist doch der Grillmeister.« Will hatte schon immer ein Faible für Feuer. Bereits als kleiner Junge hat er gemeinsam mit Dad Lagerfeuerabende veranstaltet. Mittlerweile lebt er das anders aus. Der gelernte Hufschmied ist ein begnadeter Hobbygrillmeister und gibt das Zepter – in Form des Pfannenwenders – nur aus der Hand, wenn meine Grandma ihn darum bittet. Sie ist unsere Queen und ihr Wort ist Gesetz.

Charly lacht auf, dunkel und brummig. Ich werde mich nie daran gewöhnen, dass mein kleiner Bruder mittlerweile eine so tiefe Stimme hat. Das passt gar nicht zu seinem weichen Inneren und seiner sanften Art, es steht im seltsamen Gegensatz dazu.

»Lasst uns rübergehen, bevor Grandma einen Suchtrupp ausschickt«, sage ich. In letzter Zeit geht mir ihre bemutternde Art gehörig auf den Keks. Vor allem seit sie es sich in den Kopf gesetzt hat, ihre Enkel unter die Haube zu bringen.

Wir schlendern über den Kiesweg auf die Wiese beim Teich, von der aus man den ganzen Hof überblicken kann. Hier veranstaltet Grandma immer ihre Grillfeste. Das ist Tradition zum Sommeranfang, um die von uns heiß geliebte Barbecue Saison einzuläuten. Alle Pferdebesitzer, die ihre Lieblinge auf Johnson Ridge eingestellt haben, und sogar einige Nachbarn sind eingeladen. Es gibt leckeres Essen, Onkel Jack spielt auf seiner Gitarre und oft wird ausgelassen getanzt. Eigentlich eine schöne Idee, nur beim Gedanken an die Arbeit, die an einem solchen Tag auf der Ranch liegen bleibt, zieht sich mein Magen zusammen. Das muss ich morgen alles aufholen. Und natürlich gibt es Aufgaben, die sich nicht aufschieben lassen, und die ich zusätzlich zu den Partyvorbereitungen erledigen muss. Den Pferden ist es nämlich relativ egal, ob wir eine ausgelassene Grillfeier schmeißen, die verlangen nach ihrem täglichen Futter und einer sauberen Box. Ein bisschen Auslauf fänden sie ebenfalls nicht schlecht. Zum Glück haben Will und Charly mir heute unter die Arme gegriffen.

»Was ziehst du denn wieder so ein ernstes Gesicht, Noah? Die Sonne scheint, die Blumen blühen, das Feuer brennt schon und gleich geht es los. Genieß doch mal den Tag.« Grandma kommt auf mich zu und nimmt mir die Teller ab. Dann legt sie mir ihre weiche, zarte Hand auf die Schulter. Der Lauf der Zeit hat sie gezeichnet und ihre Haut ist leicht runzelig, aber für mich ist es ein so beruhigendes Gefühl, wie nur Grandma es mir vermitteln kann. »Lass doch mal drei gerade sein und uns feiern.« Ihre grauen Augen mustern mich und in ihnen liegt die Weisheit der Jahre, die sie schon erlebt hat. Sie hatte es nicht immer leicht, dennoch strahlt sie so viel Lebensfreude aus, dass ich mir einen Ruck gebe. Zumindest ein paar Stunden kann ich mir für das Barbecue nehmen – Grandma zuliebe. Danach stehle ich mich davon und kümmere mich endlich um die Buchhaltung. Wir haben ein paar Pferde trainiert und verkauft, doch die Abrechnung ist noch nicht bei allen Kunden erfolgt. Wird Zeit, sie zu stellen. Johnson Ridge kann diese Einnahmen gebrauchen, denn unsere finanzielle Lage ist alles andere als rosig.

»Na gut, lass uns grillen und feiern.« Ich streichle Grandmas zarte Hand und sie schenkt mir ein strahlendes Grinsen, ehe sie zu einem der Tische deutet. »Setz dich und gönn dir eine Pause. Du bist doch schon wieder seit fünf auf den Beinen, oder?«

»Ist gut, Grandma.« Ich tue, wie mir geheißen, und steuere auf einen freien Platz an einem der Gartentische zu. Dort lasse ich mich neben Charly und Kitty nieder und ziehe meinen Cowboyhut tiefer ins Gesicht, damit mich die Sonne nicht blendet.

»Es kann losgehen!« Enthusiastisch greift Will nach einer Packung Fleisch und nach einem prüfenden Blick auf die Glut, legt er die ersten Stücke auf. Der Geruch der brennenden Kohlen steigt mir in die Nase und ich lehne mich weiter auf der Bank zurück, die durch die weiß-roten Kissen, die Oma selbst bezogen hat, kuschelig weich ist.

»Na, wie läuft es im Studium?«, frage ich Kitty. Sie ist die beste Freundin meines jüngeren Bruders und verbringt viel Zeit hier auf der Ranch. Trotzdem sind wir nie über die Small-Talk-Ebene hinausgekommen.

»Kann mich nicht beschweren.«

Grandma hält erst ihr, dann Charly Besteck und Teller hin. Ich nehme mein Geschirr ebenfalls entgegen und platziere die übrigen Gedecke, die sie mir für unseren Tisch gibt.

»Kitty hat bald Semesterferien und hilft mir dann bei der Stallarbeit. Das passt doch, oder?«, mischt sich mein Bruder ins Gespräch ein.

»Klar. Ich bin froh über jede Hilfe.« Nachdenklich fahre ich mir über den Bart. Wenn Kitty bald wieder regelmäßig bei uns arbeitet, brauche ich für die nächsten vier Wochen nur einen weiteren Stallhelfer suchen. Das erspart uns Fixkosten – das muss ich nachher gleich durchrechnen. Vielleicht könnten wir uns so doch eine Unterstützung für die Reitschule leisten ­­…

»Noah, kennst du July McCartney? Sie ist die Tochter von Peter – du weißt schon, unserem Tierarzt – und arbeitet bei Harlem Touristics.«

Meine Großmutter unterbricht meine Gedanken abrupt. Ihre Hand liegt auf der Schulter einer attraktiven Frau mit langen weinroten Haaren, die mich aus ozeanblauen Augen anstrahlt.

»Hallo, freut mich, dich kennenzulernen«, sagt sie höflich.

Verdattert greife ich nach ihrer Hand. »Noah Johnson.«

»July ist eine kreative Seele, sie liebt die Natur und kann unglaublich gut zeichnen. Nicht wahr, meine Liebe?«, ereifert sich Grandma.

Charly neben mir prustet los, verkneift sich jedoch sein Lachen, als er von Kitty einen Rempler mit dem Ellenbogen abbekommt.

»Nett dich kennenzulernen«, sage ich höflich. Gedanklich balle ich die Fäuste und atme tief durch. Grandma gibt sich einfach mit keinem »Nein« zufrieden, wenn sie selbst anderer Meinung ist. Ich habe ihr schon tausend Mal gesagt, dass ich kein Interesse an einer festen Beziehung habe, aber sie übergeht meine Einwände gekonnt und stellt mir eine Frau nach der anderen vor. Seit ich vor einem Monat dreißig geworden bin, ist es besonders schlimm.

»July war noch nie auf Johnson Ridge, obwohl sie schon so lange in Harlem lebt. Vielleicht kannst du ihr nach dem Essen die Ranch zeigen, Noah?« Grandma weist der rothaarigen Frau den Platz neben meinem zu und dirigiert sie dorthin, bis sie sitzt und etwas überrumpelt in die Runde schaut. »Du musst wissen, Noah ist der Erbe unserer Familienranch und kennt das Gestüt am besten. Vielleicht hast du ja auch Lust auf einen Ausritt über die Ländereien?«

»Grandma.« Vorwurfsvoll blicke ich sie an, doch in ihren Augen liegt keine Spur von peinlicher Berührung oder Reue.

»Ist schon gut, ich lasse euch junge Leute plaudern.« Sie zwinkert mir zu und gibt mir mit einem Nicken des Kinnes in Julys Richtung – die sich gerade von Charly eine Gabel und ein Messer geben lässt – zu verstehen, dass ich mich um sie kümmern soll. Es ist immer das Gleiche und so langsam hängt meine Geduld am seidenen Faden.

Nachdem Grandma endlich zum Grill abgedampft ist, um Will dort unter die Arme zu greifen, entspannen sich meine Schultern wieder. Ich habe das Gefühl, bei diesen Verkupplungsversuchen keine Luft mehr zu bekommen. Grandmas Bemühungen sind lieb gemeint, aber sie engen mich ein. Es ist meine eigene Entscheidung, Single zu bleiben. Warum will sie nicht einsehen, dass ich meine Gründe dafür habe?

»Nehmen Sie unsere Grandma nicht so ernst. Sie kann manchmal etwas …« Charly stockt und sucht nach dem richtigen Wort.

»Ach, alles in Ordnung. Ich habe mich über die Einladung gefreut. Ich bin einige Zeit weggewesen und kenne daher in Harlem außer alten Freundinnen aus Schulzeiten kaum noch jemanden.« July streicht sich eine Strähne ihres welligen Haares aus dem herzförmigen Gesicht und ich mustere sie von der Seite. Sie ist hübsch, das gebe ich zu. Ihre Haut ist ebenmäßig und ihre zarten Gesichtszüge lassen sie anmutig wirken. Eine wirklich schöne Frau – und doch habe ich kein Interesse.

»Ich bin übrigens Kitty«, stellt Charlys Freundin sich vor.

»Freut mich, dich kennenzulernen.«

»Charles, aber nenn mich ruhig Charly.« Mein Bruder streckt ihr in seiner gewohnt kumpelhaften Art die Hand hin. Ihm fiel es schon immer leicht, Kontakte zu knüpfen, wohingegen ich eher ein Einzelgänger bin. July grinst ihn an und als er ihr anbietet, ihr etwas zu trinken zu holen, nimmt sie dankend an.

Nachdem Charly unseren Tisch verlassen hat, herrscht Schweigen. Julys ozeanblaue Augen finden meinen Blick und ich lächle sie an, obgleich diese Emotion mein Inneres nicht erreicht. Sie kann nichts dafür, dass ich der Frauenwelt abgeschworen habe.

Glücklicherweise greift Kitty den Gesprächsfaden wieder auf. »Und du arbeitest in Harlem in der Veranstaltungsbranche?«

»Ja, bei Harlem Touristics. Ich bin Eventmanagerin und organisiere Veranstaltungen wie Firmenfeiern, Reitturniere und Ähnliches.« July grinst. »Da gibts immer etwas Neues zu entdecken. Kein Auftrag ist gleich.«

»Das stelle ich mir abwechslungsreich vor.«

»Oh ja, das ist es. Aktuell planen wir eine Hochzeitsfeier für eine wohlhabende Familie aus New York, deren Tochter sich unbedingt eine freie Trauung in einem Stall wünscht. Wir haben bei den Hartfields angefragt und dürfen ihre Ranch nutzen. Das wird das Megaevent des Sommers und nachdem es vor ein paar Tagen in der Zeitung stand, ist es in Harlem bereits in aller Munde.«

»Wow, das hört sich nach viel Verantwortung an.« Mit großen Augen lehnt Kitty sich vor. Sie löchert July mit weiteren Fragen, doch mein Blick schweift über die Gäste. Alle haben Spaß. Ich schiele heimlich auf meine Uhr. Halbzeit. Noch einmal dreißig Minuten und ich habe es überstanden. Dann schleiche ich mich ins Büro und setze mich an die Buchhaltung. Das fällt gar nicht auf.

July widmet ihre Aufmerksamkeit wieder mir. »Noah, deine Grandma hat mir erzählt, du führst Johnson Ridge und bist in der Pferdezucht tätig?«

»So ist es.«

»Das ist bestimmt anstrengend, oder?«

»Ja.«

Kitty tritt mir unter dem Tisch auf den Fuß.

»Hey, ich dachte, diese Behandlung ist nur für Charly reserviert«, beschwere ich mich lautstark.

»Das würde er sich wünschen.« Sie kichert und genau in diesem Augenblick kommt Charly mit zwei Cola und zwei Flaschen Budweiser zurück. Eine davon stellt er vor mir ab und rutscht an Kitty vorbei wieder auf die Bank.

»Was würde ich mir wünschen?«

»Eine Sonderbehandlung. Ich habe Noah gerade unter dem Tisch einen Tritt gegeben, weil er so unhöflich zu July ist.« Sie wendet sich an unseren Gast und flüstert ihr gespielt leise zu: »Noah fühlt sich nur in die Enge getrieben, weil seine Grandma ständig versucht, ihn unter die Haube zu bringen. Seit er dreißig geworden ist, lässt sie ihn gar nicht mehr in Ruhe mit diesem Thema.«

»Oh.« July sieht von mir zu Grandma, die am Grill bei Will steht, und ihre Wangen nehmen langsam die Farbe ihrer weinroten Haare an. »Das war nicht meine Absicht. Ich bin nicht hier, um …« Sie stockt und ich wische ihr Gestammel mit einer lockeren Handbewegung weg.

»Manchmal raubt Grandma mir den letzten Nerv.« Ich richte in einer peinlich berührten Geste meinen Cowboyhut, indem ich ihn kurz vom Kopf hebe und wieder aufsetze. »Sie schleppt eine Frau nach der anderen an.«

July zuckt verlegen mit den Schultern. »Da sind doch alle Großeltern gleich. Sie wollen eben das Beste für ihre Enkel.«

»Hoffentlich sucht sie sich bald ein anderes Opfer«, grummle ich und stoße mit Charly an, dessen einziger Kommentar dazu ist: »Solange ich es nicht bin.«

Kurz darauf ist das Fleisch endlich durch. Grandma hat gemeinsam mit Will die Salate auf einem Gartentisch drapiert und eröffnet mit stolzen Worten das Buffet. Sofort tut mir meine Äußerung von eben leid. Sie meint es nur gut und diese Barbecues sind ihr extrem wichtig. Während ich ihren feierlichen Worten lausche, nehme ich mir fest vor, gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Sobald Grandma mit ihrer Ansprache fertig ist, stürmen alle das Buffet und ich setze mich ebenfalls in Bewegung. Je schneller ich gegessen habe, desto besser. Die Schlange ist allerdings lang und als ich endlich wieder sitze, ist die halbe Stunde bereits um. Egal, essen muss ich noch. Das kann ich mir nicht entgehen lassen. Ich nehme einen Schluck von meinem Budweiser und schneide den ersten Bissen des saftigen Fleisches ab, das Grandma nach Familienrezept mariniert hat. Wow, eine wahre Geschmacksexplosion im Mund.

»Na, Mann, schmeckt’s dir?« Will lässt sich neben mir auf die Holzbank plumpsen. July hat sich mittlerweile gemeinsam mit Kitty zu ein paar anderen Frauen gesellt, die am Rand des Rasens stehen und sich angeregt unterhalten. Auch wenn sie echt nett war, bin ich froh, mich nicht weiter mit ihr befassen zu müssen. Alles nur Ablenkung, die ich nicht gebrauchen kann. Ich will ohnehin keine Freundin, warum also Zeit verschwenden? Dieses Thema habe ich abgehakt und bin erleichtert darüber. Beim bloßen Gedanken an meine Ex Joana versteift sich augenblicklich mein Körper. Ich verdränge die Bilder, die sofort vor meinem inneren Auge erscheinen und fokussiere mich auf Will.

»Schmeckt klasse. Kompliment an den Grillmeister.«

Mein Bruder strahlt wie ein Honigkuchenpferd. »Danke, ich werde es ihm ausrichten. Cheers!« Er hält mir und Charly seine Flasche hin und als ich das Etikett entziffere, verdrehe ich die Augen.

»Ernsthaft? Du hast wieder dein eigenes Bier mitgeschleppt?«

Will macht eine wegwerfende Handbewegung. »Diese milde Plörre, die ihr euch da reinzieht, kann man ja nicht saufen. Da muss man sich halt selbst was mitbringen.«

Ich lache rau und ziehe eine Augenbraue hoch. »Und was trinkt unser werter Herr Bruder dann Feines?«

Er hebt seine Flasche, auf der in großen Lettern Cold smoke Scotch Ale steht. »Dunkel, geschmeidig und mit einem Hauch Kaffeegeschmack. Das ist ein richtiges Bier, nicht so ein lasches Gesöff, das nach gar nichts schmeckt.«

Er hält es mir hin und ich nippe daran, verziehe aber sofort das Gesicht. Das ist mir zu herb. Während Will experimentierfreudig ist, stehe ich auf klassisches, amerikanisches Bier. Budweiser ist mein Favorit, das haben wir fast immer da.

»Gib mal her.« Charly streckt seine Hand aus und ich reiche ihm Wills Flasche. Nach einem kurzen Schluck rümpft er angewidert die Nase. »Da gibts aber Besseres.«

»Nur weil ihr nicht wisst, was gut ist.« Fordernd hält Will ihm seine Hand hin, um sein Ale zurückzubekommen. Ich schiebe mir den letzten Bissen Fleisch in den Mund und verdrehe über Wills Worte nur die Augen. Zu mehr komme ich nicht, denn Grandma hat bloß darauf gewartet, dass wir mit dem Essen fertig sind. Mit einem zuckersüßen Lächeln tritt sie zu uns an den Tisch und legt ihre Hand auf meine Schulter.

»Schenkst du mir den ersten Tanz, Noah? Jetzt, wo du endlich aufgegessen hast.« Sie wirft Will einen missbilligenden Blick zu, der sich gerade das letzte Stück von seiner Grillfleischsemmel in den Mund schiebt und sich die Barbecue-Sauce von den Fingern schleckt. Er grinst sie verlegen an und sobald sie in Richtung Tanzfläche sieht, wischt er sich mit dem Handrücken den Mund ab.

»Ich brauch noch eine«, sagt er, marschiert zielstrebig zum Grill und lässt mich und Charly mit unserer tanzwütigen Grandma zurück. Wenn ich diesen Tanz jetzt hinter mich bringe, merkt sie nachher vielleicht nicht, wenn ich mich ins Büro schleiche. Resignierend stehe ich auf und strecke ihr meine Hand hin.

»Na los, ab auf die Tanzfläche.«

***

Das melodische Geräusch des PCs erklingt, als ich ihn herunterfahre, den Drucker ausstecke und meine Unterlagen auf dem Schreibtisch für morgen zurechtlege. Ich habe tatsächlich einiges geschafft, aber meine mentale To-do-Liste ist ellenlang und die Hoffnung, sie jemals vollständig abzuarbeiten, habe ich schon vor Langem aufgegeben. Auf einer Ranch ist eben immer etwas zu erledigen. Kaum sind die Pferde versorgt, muss das Gelände instand gehalten, die Pferdezucht betrieben, die Rinder versorgt sowie Futter und Ähnliches besorgt werden. Der Bürokram lässt sich ebenfalls nicht vermeiden. Ich bin froh, dass Grandma mir dabei unter die Arme greift und Charles gemeinsam mit unseren Ranch-Arbeitern im Stall alles unter Kontrolle hat. Er ist mir wirklich eine große Hilfe, obwohl er die Reitschule quasi allein führt.

»Du haust ja immer noch in die Tasten.«

Erschrocken fahre ich herum. Lässig lehnt Will im Türrahmen.

»Die Rechnungen legen sich nicht von allein ab«, grummle ich.

»Aber das muss doch nicht an einem Samstagabend sein. Du hast Glück, dass Grandma so mit den Gästen beschäftigt war. Sie hätte dir das Fell über die Ohren gezogen, wenn sie wüsste, dass du dich früher weggeschlichen hast, um zu arbeiten.«
Ich zucke mit den Schultern. Was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß.

»Wenigstens heute hättest du die Arbeit doch sein lassen können.« Will löst das Haargummi, mit dem er seine schulterlangen braunen Haare zu einem Man Bun zusammengebunden hat. »Außerdem konntest du July so gar nicht näher kennenlernen. Sie ist echt heiß.« Er zwinkert mir zu, doch mir entfährt nur ein Schnauben.

»Ich brauche keine Freundin.« Wie oft muss ich das eigentlich wiederholen, bis meine Familie das versteht?

»Würde aber nicht schaden. Dann würdest du deinen Hintern an einem Samstagabend bestimmt mal aus deinem Büro schwingen.« Will bindet seine Haare wieder zusammen. Er und seine Mähne sind ein Thema für sich.

Ich brummle erneut vor mich hin und stelle den Ordner mit den abgelegten Rechnungen in das dunkle Holzregal hinter dem Schreibtisch, der meinen Eltern gehört hat. Schon unser Vater hat in diesem Raum die Ranch verwaltet und alle wichtigen Entscheidungen getroffen. Früher war er es, den man gar nicht aus dem Büro bekommen hat. Mum dagegen war aus dem Stall nicht wegzudenken. Die beiden haben sich perfekt ergänzt.

»Grandma meint es nur gut.«

Ich starre auf die dunkle Tischplatte. »Lass du dich doch verkuppeln. Momentan habe ich echt genug um die Ohren, da kann ich mir eine Freundin nicht leisten.«

»Nein, danke. Ich genieße lieber meine Freiheit.« Will grinst, ehe sein Gesichtsausdruck nachdenklich wird und er sich grübelnd mit einer Hand über seinen Bartschatten am Kinn fährt. »Ich würde es verstehen, wenn du dein Singleleben ausnutzen würdest, aber du vergräbst dich in Arbeit und hattest seit Jahren kein Date mehr. Geschweige denn heißen S…«

»Ist ja gut, ich hab’s kapiert.« Ruckartig schiebe ich die Tastatur und die Maus zur Seite. Ich schlucke gegen die aufsteigende Wut an. Warum kümmert er sich nicht um seinen eigenen Dreck? »Ich kann keine Freundin haben, okay?«, fahre ich ihn unwirsch an, sodass er die Augenbrauen hebt. »Dafür fehlt mir die Zeit. Die Ranch ist mein Leben und es liegt an mir, das Erbe unserer Familie fortzuführen.«

Will stöhnt auf. »Nicht die alte Leier wieder. Verdammt, Noah. Du kannst nicht dein Leben hierfür aufgeben, das …«

»Das IST mein Leben. Verstehst du?« Energisch balle ich die Hände zu Fäusten. »Wenn Johnson Ridge nicht mein größter Traum wäre, würde ich nicht so hart dafür ackern.«

Will zuckt mit den Schultern. »Das musst du selbst wissen, aber …« Er zögert. »Das Leben ist kurz. Gönn dir wenigstens ein bisschen Spaß.«

»Ich werd’s mir merken.« Hoffentlich gibt er jetzt endlich Ruhe.

»Ernsthaft, Noah. Ich mein’s nur gut.«